Hitze

Samstagnachmittag in der Müllerstraße. Nur wenige Menschen sind auf der Sonnenseite unterwegs. Das Weltmeisterschaftsfahnenmeer vor dem Müller-Shop weht matt in einem heißen Wind, der keine Abkühlung bringt. Jeder BVG-Bus, der vorbeikommt, wirft einen neuen Schwall von Dieselabgasen und heißer Abwärme auf die Passanten.

Die Bauarbeiter an der Dauerbaustelle neben der Schiller-Bibliothek haben sich auf dem seit Jahren abgesperrten Trottoir eine private Plansche gebaut, in der kalkiges Wasser dümpelt.

Die richtige Plansche für die Kinder im Schillerpark ist kaputt. Reparatur kann dauern, sagt das Bezirksamt. Aber die Kinder wissen sich zu helfen. Vor dem Bolu-Supermarkt sprüht der alte, wettergegerbte Verkäufer mit einem Gartenschlauch den Gehweg ein, um sein Gemüse abzukühlen. Unentschlossen stehen ein Junge und ein Mädchen vor dem schnurrbärtigen Mann. Dann trauen sie sich, in den gesprühten Nebel hinein zu springen. Sie lachen, hüpfen hin und her, aus dem Wasser raus und wieder rein. Der Verkäufer macht das Spiel mit, bis die Kinder von ihren Eltern weiter gezogen werden.

Als Nächster kommt schon der Verkäufer-Kollege in der blauen Schürze und hält dem Alten das Gesicht hin. Vorsichtig streicht er von Weitem mit seinem Wasserstrahl über Gesicht und Arme des Mannes. Ein kleines Mädchen mit Sommerkleid und hellem Strohhut steht mit seiner Mutter schüchtern daneben. „Willst du auch mal?“ fragt der Verkäufer. Das Kind nickt. Aber da kommen nur noch ein paar Tropfen aus dem Schlauch und laufen über seine blassen Beine. Enttäuschte Kinderaugen sehen den Verkäufer stumm an. Der lacht und drückt auf den Vernebler und das Kind steht in einem kühlen Tropfenvorhang und dreht sich.

Habemus cinemam


Wir haben ein neues Kino in unserem Kiez. Es ist gleich bei mir um die Ecke, in der Plantagenstraße. Wenn sie nach Berlin kommen, schauen sie mal vorbei. Denn es ist schön geworden, das neue Kino Arsenal in der renovierten Westhalle des ehemaligen Krematoriums (das jetzt zum „Silent Green“-Kulturquartier geworden ist). Geradezu umwerfend schön. Ein echtes Juwel in Berlin. Da will ich mal nicht meckern. Noch vor einem Jahr war die Halle eine Baustelle, der man die ursprüngliche Nutzung als Aufbahrungshalle für Verstorbene noch anmerkte. Jetzt ist hier ein Kinosaal entstanden, der in Berlin seinesgleichen sucht.

Foto: Vali Djordjević

Spektakulär ist auf den ersten Blick die Akustikverkleidung unter der spitz zulaufenden Decke. Es ist als hätte man eine Kulisse aus einem expressionistischen Stummfilm mit einem  Raumschiff gekreuzt. Dr. Caligari meets Raumpatroullie, um es mal für Filmfreunde zu beschreiben.

Die stramm gepolsterten Sitzreihen mit viel Beinfreiheit sollen „Zurücklehnen und aktive Teilnahme ermöglichen“, wie die künstlerische Leiterin des Arsenal Filminstituts, Stefanie Schulte Strathaus es bei der Test-Vorstellung verkündete. Also kritische Filmkunst – kein Popcorn-Kino. Deshalb ist viel schwarz-weiß auf der Leinwand zu sehen. Den Anfang machte ein iranischer Film über einen Postboten aus den 50ern. Eine Woyzeck- Adaption in der der traurige Held ständig Hanfsamen essen muss. Ich mag solche Filme. Und mit mir vielleicht hundert andere Leute, die dafür aus ganz Berlin gekommen sind. Bevor das Arsenal-Kino aufmachte war ich im Centre Français (auch bei mir um die Ecke, mit einem Kinosaal aus den 1960ern) zwei Mal in der schwarz-weißen Neuverfilmung von „Der Fremde“ und natürlich auch in „Nouvelle Vague“. Auch in schwarz-weiß. Und inzwischen auch schon wieder in „Das Mädchen mit dem Koffer“, mit Claudia Cardinale, aus den 1960ern im Arsenal. Und das geht jetzt immer so weiter. Ich hätte ständig einen Grund, mir einen schönen Abend zu machen.
Auch vor dem Kino gibt es genug Raum für schöne Abende. Durch eine Tür im Foyer kann man auf das Gelände des Silent Green und des Restaurants MARS gelangen. Eine milde Frühsommernacht empfängt mich. Und wenn man vergisst, dass man zwischen einem Krematorium und einem verlassenen Urnenfriedhof sitzt, kann man hier wunderbar unter Lampions mit Freunden den letzten Film durchquatschen.

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Ermöglicht wurde das Bauvorhaben durch die großzügige Unterstützung des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM), Wolfgang Weimer. Der BKM hat sich in Berlin unbeliebt gemacht, denn er hat etwas gegen Buchläden, die er politisch für zu links hält. Aber er (oder vielleicht eher seine Vorgängerin Claudia Roth) scheint ein großes Herz für den Wedding zu haben. Unterstützung gibt es nicht nur für das neue Arsenal-Kino. Nachrichten melden auch eine Beteiligung des BKM bei dem geplanten Umbau des ehemaligen französischen Soldatenkinos L’Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm in ein Berliner „House of Jazz“. Mir soll’s recht sein. Dann muss ich auch meinem Kiez gar nicht mehr raus. Berlin kann so schön sein. Kommse doch mal rüber, kiecken.