Ein Fest für’s Leben

Wir sind eingeladen. Einzugsparty von Gaby und Pierre, die wir aus dem Kindergarten kennen. Und weil ich beim Umzug mitgeholfen hatte und das wirklich eine lustige Angelegenheit war, freue ich mich, die Männer wieder zu sehen, mit denen ich treppauf, treppab die Kisten gewuchtet habe und bin gespannt, wie es jetzt bei Gaby aussieht.

Die neue Wohnung ist wirklich sehr schön geworden. Viel besser als ihre alte abgewohnte Zwei-Zimmer-Altbaubutze im Wedding. Ein großes Wohnzimmer, eine offene Küche, zwei Bäder und genug Zimmer für die Kinder. Hell ist sie und wenn man durch die großen Fenster schaut, sieht man – noch mehr Wohnungen! Egal aus welchem Fenster ich schaue, der Blick geht nur bis zum nächsten Häuserblock. Hochhäuser, mindestens zehn Stockwerke. Neu und hell gestrichen, aber trotzdem wuchtig und erdrückend.  Gaby ist ins „Märkische“ gezogen, die berüchtigte 60er-Jahre Bausünde am nördlichen Stadtrand von Berlin. Achselzuckend, weil bei ihrem Einkommen im Wedding keine größeren Wohnungen mehr zu finden waren. Und auf Dauer mit Mann und zwei Kindern in zwei Zimmern, das ging halt nicht. Na ja, denke ich, kommt ja immer drauf an, was man draus macht. Und Gabi mit ihrer Fröhlichkeit, ihren vielen Freunden und ihrer direkten Art wird hier schon wieder Kontakt finden. Aber dann ist da der riesige Flachbildschirm. In der alten Wohnung war er mir gar nicht aufgefallen, weil er nie an war. Aber jetzt dominierte er den ganzen Raum. Und davor sitzen die Männer aus Westafrika, der Heimat Pierres, und schauen dumpf ein Bundesligaspiel nach dem anderen. Beim Umzug hatten wir noch gelacht miteinander, französisch geradebrecht und ich staunte, wie gut sie organisieren konnten. Jetzt ist das Lachen weg und sie sitzen da in ihren Sportklamotten und sprechen kein Wort. Wahrscheinlich würden wir uns auch nicht verstehen, wenn wir sprechen wollten, denn gutes Dutzend Kinder aller Hautschattierungen rast überdreht durch die Wohnung, bis endlich jemand auf die Idee kommt, wenigstens die Größeren nach draußen zu jagen, auf den Hof mit dem Spielplatz. Soweit ich es überblicke ist es der einzige Hof, auf dem keine überfüllten Müllcontainer oder Autos herumstehen. Gabi versucht mit Torten und Kaffee etwas Gemütlichkeit in den Nachmittag zu bringen, aber es bleibt dabei: Die Kinder hampeln herum, die Männer schweigen. Nur Pierre behält sein unerschütterliches, schüchternes Jungenlächeln und bietet mir nach dem Kuchen stolz eine afrikanische Spezialität an: Maisbrei, ganze Fische und Spinat. Danach bin ich sehr froh, dass meine Familie auf Abmarsch drängt. Auf dem Weg zum Auto sehen wir uns stumm an. Auch wir werden bald eine neue Wohnung brauchen und wir hatten uns nach Gabis Beschreibungen und der Aussicht auf eine französischsprachige Grundschule ernstlich überlegt, ob wir ihr nicht folgen sollten. Jetzt wissen wir: Wir müssen Gabi oft besuchen, damit sie im Märkischen nicht untergeht. Und wir wissen, was wir am Wedding haben.

Edelfedern überm Wedding

Da sitze ich gestern Abend in der Invalidenstraße, Ecke Ackerstraße vor einer Bäckerei und genieße den Trubel von Mitte. Englisch sprechende Eltern schieben ihre mit lässiger Eleganz gekleideten Kinder in Richtung Prenzlauer Berg, Genießer holen sich kleine Köstlichkeiten aus den Delikatessenläden nebenan und Liebhaber französischer Automobile parken ihre gepflegten Preziosen gekonnt genau vor meiner Nase. Ich genieße den ersten warmen Abend, den Überfluss an Schönheit, Geschmack und allem was mir im Wedding fehlt. Was ich nicht weiß: Ich sitze am falschen Ende der Straße. Denn längst richtet sich die Aufmerksamkeit der Leitmedien auf das andere Ende der Ackerstraße – in die öde Gegend hinter der Mauer – dorthin wo der Wedding beginnt. Die „Zeit“ schickte einen ihrer begabtesten Schreiber in die heruntergekommene Neubausiedlung an der Ackerstraße. Und er erschuf über diesen vergessenen Teil des Weddings einen Bericht von epischer Größe. Ein Meilenstein der Architektur- und Sozialreportage, der mir Schauer der Ehrfurcht über den Rücken jagt. Wie kann es ich danach überhaupt noch wagen, meine Hände auf die Tastatur zu legen, um über das gleiche Sujet meine kleinen Geschichten zu schreiben? Zumal das andere Blogger – in Antwort auf den Zeit-Titanen – in kongenialer Größe und mit hervorragenden Bildern bereits getan haben? Was bleibt mir also zu tun? Staunen vielleicht, lernen und einfach mal schauen, was sich morgen wieder vor meiner Haustür abspielt.

Erklär mir mal einer die Welt

Denn ich versteh sie nicht mehr. Ich meine die türkischen Händler bei uns im Wedding. Sie verschönern die Straßen bis tief in die Nacht mit ihren leuchtend bunten Obstständen. Riesige Auslagen mit Früchten aus aller Welt, prall, bunt, üppig und verlockend. Helal e Pazari. Und billig! Billig, billig, billig. Die Verkäufer vor den Läden kennen nur dieses eine Wort, ihr Glaubensbekenntnis, das sie wie Muezzine in einem an- und abschwellenden Singsang ihren Kunden vorbeten. Doch im Gegensatz zu ihren Kollegen auf den Minaretten, kann man den Wahrheitsgehalt ihrer Prophezeiungen sofort überprüfen: Sie stimmt! Sommers wie winters. Na gut, ab März sollte man bei den Äpfeln vorsichtig sein aber ansonsten: Frische Ware für wenig Geld. Der Wedding, ein Ort, an dem sich jeder eine gesunde Ernährung leisten kann. Ein Paradies der Vitamine. Und das macht mich natürlich misstrauisch. So glücklich ich über eine Annanas für 99 Cent bin, in mir bohrt die Frage: Wie kann das möglich sein? Was können die, was Edeka nicht kann? Was ist ihr Geheimnis? Bei den Granatäpfeln und den Melonen bin ich ihnen dahinter gekommen. Die kommen mit großen Lastwagen direkt aus der Türkei, werden gleich vom Laster in Bretterkisten auf den Bürgersteig gestellt. Meist sehen sie den Abend nicht mehr, weil wankende kleine Frauen sie in dünnen Plastikbeuteln zu ihren Familien getragen haben. Aber die Apfelsinen? Wie geht das mit den Apfelsinen? Seit Wochen gibt es allerbeste saftige spanische Navelinas für 89 Cent das Kilo. Gute Orangen im Februar, mein Glück kennt kein Ende. Besonders weil der erfahrene Käufer in mir zu wissen glaubte, dass spätestens im Januar die Südfrüchte nichts mehr taugen, strohig und fade schmecken und zu meiden sind. Was ist da passiert in Spanien? Ist das der Klimawandel ? Ist das eine neue, genveränderte Sorte? Und wer pflückt die Früchte für die paar Cent und wer fährt sie für das Geld hierher? Der türkische Verkäufer sagte mir nur „billig im Großmarkt“. Na ja, und der Strom kommt aus der Steckdose. Ich weiß nur, dass es Massen an Apfelsinen geben muss – denn vor meinem Edeka steht jetzt auch eine große Kiste aus Spanien. 89 Cent das Kilo.

Do sin mer dabei

Foto jeck

Ich bin undercover unterwegs. Meine Perücke liegt sicher versteckt auf dem Boden meiner unauffälligen Aktentasche. Mein Gesicht zeigt die gleichen missmutigen Züge wie die meiner Mitreisenden in der U-Bahn und mein brauner Mantel verbirgt vollständig das rot-weiß gestreifte Hemd, das die Eintrittskarte ist für das geheimen Treffen, das heute im Botschaftsviertel stattfindet. Ich muss sorgsam darauf achten, dass ich mich auf meinem Weg durch das dunkle und freudlose Berlin mit keiner Äußerlichkeit verrate. Denn nichts ist in dieser angelblich so feierfreudigen Stadt so verpönt wie Anzeichen spontanen Frohsinns. Erst im Bus zur Hiroshimastraße, als ich mich von Gleichgesinnten umgeben weiß, wage ich es, die Tarnung aufzugeben. Ich ziehe mir die rote Pappnase und die Perücke auf und trete mit vielen anderen Versprengten ein in das Reich, in dem das Wort „Jeck“ (Spinner, Verrückter)  für einen Abend lang ein Kompliment ist.

Jedes Jahr zu Weiberfastnacht wagt die Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen in Berlin ein spannendes Experiment: Haben sich die in die preußische Diaspora verbannten Rheinländer ihre natürliche Fröhlichkeit erhalten, oder hat die hauptstädtische Blasiertheit schon über die Lebensfreude gesiegt? Auch für mich ist es ein Wagnis. Ich bin am Rhein geboren, in einem katholischen Krankenhaus, nahe der Landesnervenklinik. Eigentlich gute Voraussetzungen um ein richtiger Jeck zu werden. Aber die Liebe zum Karneval habe ich erst entdeckt, als ich in Berlin war. Als ich merkte, was mir fehlt. Jedes Jahr bin ich mit meiner Tochter in die Heimat gepilgert, zum Umzug und zum Manöverball in meinem Heimatstädtchen. Und dem lärmenden Pandämonium von roten und blauen Funken, strahlenden Gesichtern und schrägen Blechbläsern in der rappelvollen alten Turnhalle ist es bisher noch jedes Mal gelungen, mich zu verwandeln, mir ein lautes „Ja“ zum Leben und zur besinnungslosen, Grenzen überwindenden Fröhlichkeit abzuringen. Aber in Berlin? Reichen ein paar für einen Abend versammelte Rheinländer, um den Funken überspringen zu lassen?

Als ich ankomme, ist die bunte Gemeinschaft noch unentschlossen. Eine drittklassige Karnevalsband aus Köln müht sich, heimatliche Gefühle zu wecken. Aber noch stehen die Kostümierten etwas steif mit dem Kölschglas in der Hand herum. Auch ich brauche erst ein paar von den schlanken Gläschen, um mich aus mir raus zu trauen. Langsam fangen die ersten Grüppchen an zu schunkeln, noch eng beieinander und mein erster Versuch, mich bei einer Gruppe junger Frauen einzuhängen wird brüsk abgewiesen. Beim zweiten Versuch kriege ich einen blöden Spruch über mein Kostüm, rotzig berlinerisch: „Bist n Streichholz, wa? Rote Perücke und nix drunter.“ Ich suche Trost bei einer Gruppe rundlicher Frauen, die schunkeln und mich dankbar in ihre Reihen aufnehmen. Gemeinsam schwingen wir hin und her, lachen uns an und singen auf Kölsch die Lieder der Band mit – und da bricht das Eis. Ja, es ist diese Gemeinsamkeit, es sind wirklich diese Lieder, die hier jeder kennt und mitsingt. Seit 20 Jahren das gleiche Medley von Gruppen, die sich „Bläck Föös“, „Brings“ oder „Höhner“ nennen. Ein bisschen Irish Folk, ein bisschen Samba und ein paar besinnliche Balladen. Die Texte handeln von den Kleinen Leuten und ihren Freuden, von Köln und der Lust am Feiern. Ich liebe sie! Mein Kreis löst sich auf, als sich die erste Schlange zur Polonaise bildet, ich schließe mich an, bin mir für nichts mehr zu blöd und einfach nur noch dabei. Der Spaß geht so lange, bis mir jemand ein Glas Kölsch in den Nacken kippt, aber da ist auch schon Zeit zu gehen.

Im Rausgehen höre ich noch mal, wie die Band mit dem ganzen Saal singt „Mir sin wie mer sin, mir Jecke vom Rhing. Dat is jet wo mir stolz drof sin.“ Ja, so isses, und meine rote Perücke lass ich auf dem Weg nach Hause auf dem Kopf. Ein bisschen gute Laune tut auch den Berlinern in der U-Bahn gut.

P.S. Auf dem von mir geschätzten Sätze und Schätze Blog ist ein Karnevalsgedicht von Ringelnatz eingestellt, das sehr schön all die widerstreitenden Gefühle beschreibt, die einen sonst noch nach einer solchen Karnevalsnacht beschleichen.

…oder kann das weg?

Ist das Kunst

„Jeder Mensch ist ein Künstler“, behauptete Joseph Beuys, der meines Wissens nie im Wedding war. Es würde ihn freuen zu sehen, wie hier seine emanzipatorische These jeden Tag aufs Neue belegt wird. Nicht in den Galerien, die sich langsam auch hier breit machen und die die ewig gleichen Acrylbilder und Schwarz-Weiß-Fotos zeigen. Echte Kunst kommt, wie alles im Wedding, von der Straße und lebt auch dort. Und wie sie lebt! Jeden Morgen kann ich auf dem Gehweg genießen, was anonyme Kreative über Nacht geschaffen haben. Zur Zeit sind medienkritische Werke en vouge. Grundbestandteil ist meist ein Röhrenfernseher, immer mit dem Bildschirm nach unten, und immer ist die Röhre zerbrochen und die einst wertvolle Elektronik im Umkreis zerstreut. Land Art? Dekonstruktion? Aktionskunst? Schwer einzuordnen, aber radikaler kann die Abkehr von der Verdummung durch die Konsum- und Mediengesellschaft kaum gezeigt werden. Oft wird diesem Grundwerk ein weiterer Aspekt in Form eines ausgedienten Polstermöbels oder einer zusammengefallenen Schrankwand hinzugefügt. „Schluss mit der bürgerlichen Gemütlichkeit!“,  schreit diese Skulptur einen an. Richtig so! Die Grenze der unerträglichen Provokation ist damit aber noch lange nicht erreicht. Radikale garnieren die Installationen mit Hundekot und Essensresten. Meist handelt es sich hier um Künstlerkollektive, die intiutiv zusammen arbeiten. Einer fängt mit dem allfälligen Fernseher an, die anderen folgen spontan. Ebenso spontan werden die Themen gewechselt. Nach jedem Einsatz der Berliner Stadtreinigung blühen neue Ideen. Die Fernseher werden ersetzt durch Teile von Waschmaschinen, Kühlschränken oder Teppichböden. Versöhnlichere Töne werden nur zu Jahresbeginn angeschlagen, wenn über Wochen abgelegtes Tannengrün sanft die schrillen Ensembles abdeckt. Diese gefühlvolle, menschliche Komponente berührt mich immer am meisten.

Thomas Morus hat in seiner Vision „Utopia“ vorhergesagt, dass die Menschen in der idealen Gesellschaft nur vier Stunden am Tag arbeiten müssten und sich den Rest des Tages mit Kunst und Philosophie beschäftigten würden. Er hat Recht behalten. Im Wedding arbeiten viele weniger als vier Stunden, Philosophen findet man an jedem Stehimbiss und die Kunst blüht!

PS: Mathias Eberling hat  auf Kreuzberg Südost einen Text von Philip K. Dick eingestellt, der die Schönheit der Straßenkunst sehr poetisch beschreibt und den Wind als Schöpfer mit ins Spiel bringt. Gefällt mir sehr.

Ist denn hier ein Schloss?

Fünfhundert Seiten Kafka im Februar. Da sollte ich mir gut überlegen, ob ich das nervlich aushalten kann. Aber reizen tät michs schon…

Avatar von Fabian ThomasThe Daily Frown

RIMG1708

Im Stroemfeld Verlag entsteht in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Institut für Textkritik seit 1995 die historisch-kritische Franz Kafka Ausgabe. Als neuester Supplement-Band ist nun Das Schloss in einer hochwertigen Faksimile-Ausgabe erschienen. So soll ein unverstellter Blick auf die frühe Editionsgeschichte von Kafkas Werk ermöglicht werden.

Im Vergleich zum Prozess, der im edlen Leinen, mit gelbem Oberschnitt und Schutzumschlag einer Luxus-Variante des Romans am nächsten kommt (zumal wenn das Kleingeld für eine Erstausgabe fehlen sollte), erweckt das unscheinbare, graue Softcover der Schloss-Aufmachung auf den ersten Blick den Eindruck einer Studienausgabe. Tatsächlich handelt es sich aber um die genaue Reproduktion zwar nicht der ersten gebundenen, so doch der dritten, auch damals als einfache Broschur erschienenen Ausgabe noch aus dem Jahr nach der Ersterscheinung, also 1927. Ein Grund für die Entscheidung des Verlags für diesen Weg mag die besonder Bewandtnis sein, die es mit der Vorlage für die Herstellung des…

Ursprünglichen Post anzeigen 181 weitere Wörter

National befreite Zone

Foto

Unser Hausmeister hat national geflaggt. Seit der Weltmeisterschaft im Sommer hängt in unserem schattigen Hinterhof neben Sandkasten und Teppichklopfstange die Deutschlandfahne. Sie macht keinen erhebenden Eindruck, wie sie  da an einer viel zu dünnen Stange mit Kabelbindern festgezurrt ist. Nix deutsche Wertarbeit – handwerklicher Murks, wie alles was unser Hausmeister macht. Dafür kann er gut Verbotsschilder basteln. Mit dem Lötkolben hat er ein Holzbrettchen bearbeitet, das jeden Winter die Benutzung des Hofes bei Glätte verbietet. Die Zeit hätte er mal besser zum Streuen bei Glatteis verwendet, der faule Sack. Er hängt auch gern Verbotsschilder im Treppenhaus auf: Dass das Radfahren verboten ist und dass die Kinder leise zu sein haben. Neulich hat er es aber übertrieben. Nachdem der Aufzug mit dem robusten Gefängnisschließer aus dem vierten Stock stecken geblieben ist, hat der Hausmeister ein Schild aufgehängt, als Hinweis, dass der Lift maximal 300 Kilo trägt. Das hat der Schließer persönlich genommen, so als Hinweis auf seine Körperfülle und die seiner Frau. Hei, war das ein Geschrei vor der Hausmeistertür. Jetzt haben sich beide gegenseitig wegen Beleidigung verklagt und reden nicht mehr miteinander. Ja, ja es wird viel geschrien in unserem Treppenhaus. Als die Frau des Hausmeisters mal wieder vor unserer Wohnungstür stand, um sich über den Krach unserer Jungs zu beschweren, kam unsere Nachbarin zur Hilfe. Wie eine Furie stürzte sie sich auf die nölende, schlecht blondierte Hausmeistersgattin und fuhr sie an, dass die Kinder das Recht hätten zu schreien, und dass sie, als Hausmeistersfrau, doch erst mal lernen sollte, jeden im Haus ordentlich zu grüßen und so weiter. . Der Nachbarin haben wir eine Flasche Wein geschenkt. Die Hausmeisterin ist nie wieder aufgetaucht. Dafür hat sie uns ganz heimlich die Polizei auf den Hals gehetzt – Verdacht auf Kindesmisshandlung. Das saß!

Als wir uns vor einigen Jahren die Wohnung in diesem Haus angeschaut haben, betonte  der Hausmeister, dass er und die Hausverwaltung darauf achten, dass in dieses Haus nur  deutsche Mieter einziehen. Damals hat uns das beruhigt, heute wissen wir, was das bedeuten kann.

Omar und die wunderbaren Yum Yums

Yum Yum

Die verkehrsberuhigte Straße, in der ich wohne könnte ein Paradies für Kinder sein. Zwischen den gemütlichen, stuckverzierten Gründerzeithäusern, zwischen Gaslaternen und hohen Lindenbäumen zieht sich ein breiter Grünstreifen auf dem es gleich zwei Spielplätze gibt. Auf dem vorderen, der zu Stadtmitte hin liegt, dort wo der Bio-Laden und die Galerie ihre Kundschaft finden, treiben sich die Kids vom Kinderladen „Tüte Mücken“ herum. Der weiter hinten, dort wo früher die Kohlehändler ihre Schuppen hatten und wo man in den 1960er Jahren Wohnblocks hochgezogen hat, ist fest in der Hand von Kindern, deren Mütter bodenlange Mäntel und Kopftücher tragen und die jeden anderen ängstlich und abweisend betrachten. Auf diesem Spielplatz traf ich Omar. Omar geht in die dritte Klasse, und wenn man nach seinen Namen fragt, belehrt er einen gleich, dass man das R am Ende rollen muss: Omarrr – darauf ist er stolz. Er ist Teil einer Gruppe von Jungs, die sich nachmittags die Zeit auf dem Spielplatz vertreiben, obwohl sie da nicht mehr hin gehören.

Eines Tages brauchte ich seine Hilfe. Ich musste ein Bettgestell zum Schreiner auf der anderen Seite der Straße tragen. Es war nicht schwer, aber zu sperrig als dass ich es alleine hinbekommen hätte. Ich brauchte einen, der mit anpackt. Ich ging auf die Gruppe zu, die mal wieder lustlos auf den Spielgeräten herumhing und fragte: Wer will sich zwei Euro verdienen und hilft mir, mein Bett zu tragen?“  Die Jungs drucksten, sahen mich unsicher an und schwiegen. Aber Omar war flink dabei und meldete sich, ohne lang nachzudenken. Und kaum hatte er zugepackt, lief er mit mir voller Begeisterung über die Straßen und redete dabei ohne Pause. Als wir vom Schreiner wiederkamen kannte ich alles über seine Familie, seine wichtigsten Geheimnisse und die Besonderheit seines Namens. Sein 2-Euro-Stück präsentierte er seinen Freunden mit großem Stolz: „Davon werde ich mir ganz viele Yum Yums kaufen, krakelte er so laut, dass es jeder hören sollte. Yum Yums sind diese billigen asiatischen Tütensuppen, die man eigentlich mit heißem Wasser übergießt. Aber die Kinder hier knabbern sie trocken, und einige bekommen sie auch als Pausenbrot mit in die Schule. Doch bevor Omar seinen ersten Arbeitslohn in etwas Essbares umsetzen konnte, kam ein strenger Ruf aus den oberen Etagen des Wohnblocks gegenüber. Der Junge zuckte, wurde still und trollte sich nach Hause.

Eine Woche später wolltel ich das Bett abholen. Und wie bestellt fand ich Omar und die Jungs. Sie standen auf einem Bauschutt-Container observierten die Gegend und planten neue Abenteuer. Wieder lobte ich meinen Auftrag und den Lohn an die Gruppe aus und sprach auch Omar direkt an. Doch diesmal druckste er, schaute sich bei seinen Freunden um, als ob sie ihm eine Erlaubnis geben könnten. Schließlich sagte er leise und verlegen, dass er lieber bei seinen Freunden bleiben will. Ich werde wohl nie herausbekommen, ob er das Spiel mit seinen Freunden an diesem Tag einfach zu spannend fand, oder ob ihm von seinen Eltern der Umgang mit Fremden verboten wurde. Aber ich merkte, dass ich einen Freund verloren hatte. Ich habe ihn noch ein paar mal gesehen seitdem, ohne ein Anzeichen des Wiedererkennens bei ihm zu bemerken. Und heute würde ich ihn nicht mehr unterscheiden können von der Gruppe der großmäuligen arabischen Jungs, die ihre Bälle in unseren Hof kicken und von unserem Hausmeister vertrieben werden.

Bereicherung

Irgendwas war anders in Berlin. Aus dem winterlichen Alltagsgrau, aus Strickmützen und Allwetterjacken schienen auf den Straßen plötzlich ein paar Lichtpunkte auf. An der Ecke Wilhelmsstraße/Unter den Linden, wo sonst frierende Touristengruppen  in dicken Daunenjacken zum Brandenburger Tor strömen, schwebte gestern eine Frau in einem weiten, luftigen, schreiend rotkarierten Poncho auf hohen Plateeausohlen auf mich zu. In der S-Bahn entdecke ich eine besondere Sorte dünner Mädchen in viel zu dünnen Jacken. Und selbst im Nefis, meinem Döner-Laden am Kottbusser Damm war ich abends um halb zehn nicht mehr alleine mit jungen Türken in Lederjacken, die dort mit ihren Kumpels groß auftrumpfen, kleine Geschäfte machen und mit ihren Handys wichtig tun. Gestern saßen dort junge Männer beiderlei Geschlechts, die sich zu kleiden wussten. Jedes Detail stimmte und die Frisuren saßen (ansonsten trumpften sie groß auf, machten kleine Geschäfte und taten mit ihren Handys wichtig). Nach einer Weile verschwanden sie alle über die Straße, um sich vor dem  hell erleuchteten Künstlerhaus Bethanien in die Schlange für die nächste Show zu stellen.

Es war Fashion Week in Berlin und ich bin froh über die Schönheitsjünger, die dem Wetter trotzten und dem Ernst des Lebens. Und für ein paar Tage machten sie die graue Masse, die sich über die Berliner Straßen schiebt, für mich etwas leichter und erträglicher.