Mein schönstes Urlaubsfoto

Ich hab mich sehr darüber gefreut, dass mich einige Leser meines Blogs dazu ermuntert haben, doch ein paar Bilder meiner Reise zu zeigen. Wär ich selber nicht drauf gekommen. Will ja keinem auf die Nerven fallen mit meiner Urlaubsknipserei. Und weil ich ja eigentlich lieber schreibe, hatte ich mir für jedes Bild schon eine sehr kluge Unterschrift ausgedacht. Und da macht WordPress aus den Bildern, die ich hochgeladen habe einfach diese Zufallskollage. Und ich muss sagen: Das trifft es sehr gut. Ich bin richtig baff- und lass das jetzt einfach mal so stehen (was mir nicht leicht fällt).

 

Hummer im Kopf

Die erste Woche in Berlin war ich wie in Watte. Meine Kinder waren da, die Stadt war da, aber das ging mich alles gar nichts an. Berlin war einfach eine weitere Stadt, nach Hong Kong, nach Battambang, Phnom Penh. Gut, dass ich hier die Schilder lesen konnte und dass es ein Tropenmedizinisches Institut gibt. Vielleicht war es ja auch nur der Reisedurchfall, der mich so durcheinander gebracht hat. Vielleicht war es aber auch schwer, wieder aus der anderen Welt zurück zu kommen, in der ich zwei Wochen gelebt habe – aus der Welt in meinem Kopf.

Nein, es war keine Erholungsreise. Zwei Wochen mit mir und meinem Kopf allein in einer Welt voller Rätsel – vom Flughafen Terminal bis zur U-Bahn Station mit 15 Ausgängen. Und keinen mit dem ich darüber sprechen kann. Ok, die ersten Tage war meine Tochter da, oder ich bei ihr in Hong-Kong. Das war ja der Anlass der Reise. Sie hat mich von Flughafen abgeholt (gottseidank!) und hat mir ihre Stadt gezeigt, ihre Uni, ihre Plätze. Sie hat mir über die erste Panik hinweg geholfen, als die Kreditkarte nicht funktioniert hat und hat mich mitgenommen über die Dächer der Stadt. Aber dann hat sie mich überredet weiter zu fliegen, hat mir ein Hotel gebucht. „Papa, du musst das machen, du ärgerst dich sonst, dass du dich nicht getraut hast.“ Gute Tochter. Ich hab die Nacht vorher nicht geschlafen und fand mich morgens um vier in einem schäbigen Toyota-Taxi mit Lenkradschaltung und durchgesessen Kunstledersitzen auf dem Weg zum Flughafen. Aufgewacht bin ich in der kambodschanischen Variante des DDR-Tränenpalasts in Siem Reap. 10 grimmig dreinschauende Polizisten, die meine Devisen wollen und von denen einer nach dem anderen einen Stempel in meinen Pass drückt.

Und dann begann das Schweigen und das Staunen.

Geblieben ist ein Bild von Hummern, schimmernd blauen Hummern mit leuchtend orangen Streifen. Sie schwammen mit verbundenen Scheren in bunten Plasitikschüsseln vor dem großen Markt von Phnom Penh, dieser gigantischen, grellgelben Art-Deco-Krake mitten in der Altstadt, die mich direkt an ein Überbleibsel aus dem Film  „Metropolis“ erinnerte und ein bisschen an Istanbul. Normalerweise faszinieren mich ja Vögel und Krustentiere finde ich abstoßend. Aber die hier waren frisch und schillernd und vereinten in sich die ganze Farbe und die Vielfalt des Landes. Und Vögel gab’s nicht. Ich habe versucht ein Foto von den Tieren zu machen, hab die teilnahmslose Verkäuferin brav gefragt, ist aber nichts geworden, wegen der Blasen, die der Belüftungsschlauch in der Schüssel aufgewirbelt hat. Sie gehen hier gut um mit ihrer Ware, bis sie, ja was? Gegrillt wird, gekocht, getrocknet? Die Kambodschaner machen wunderbare Sachen aus allem. Aber ich kann sie ja nicht fragen. Ich hätte den Hummer in die Hand nehmen müssen. Hätte mich wirklich einlassen müssen auf’s Bildermachen- oder aufs Essen. Aber ich hab nur geknipst. Später las ich im Reiseführer, dass der Fischmarkt ein beliebtes Ziel für Fotografen ist. 24000 Kilometer geflogen, allem Mut zusammen genommen für ein misslungenes Foto von einem Krebs, das schon 1000 andere gemacht haben?

Ja, das ist es jetzt erst einmal. Ich bin wieder da und ich habs geschafft. Alles andere liegt woanders. Ich kanns jetzt nicht beschreiben, aber ich bin sicher, dass die Bilder davon da sein werden, wenn es um mich herum mal wieder dunkel wird.

 

 

Sprung in die Vergangenheit

fotoIch koennt jetzt anfangen mit dem Lustigen, mit dem was wirklich jeder von Asien kennt. Mit dem ueberladenen Moped, das an uns vorbeifaehrt. Silber glaenzen die Aluminiumtoepfe und Schuesseln, die kunstvoll um einen Kaefig herum gebunden sind. Wir sitzen im Schatten eines kambodschanischen Stelzenhauses, und Vannareth, mein Guide, zeigt auf den Haendler: He sells pots to the people. And when they have no money, they give him a dog. For eating. Do you wanna try dog?

Nein, ich hab kein Hundefleisch probiert, obwohl er mir genuesslich den Geschmack angepriesen hat: Something between beef and chicken, very soft. Ich erklaerte ihm, dass in Europa die Hunde so etwas wie Freunde und Gefaehrten sind und dass wir Freunde nicht essen. Ist natuerlich etwas vereinfacht, nicht das mit dem Esssen, aber das mit den Freunden, vor allem wenn ich zurueck an Berlin denke.  Aber sonst bin ich ihm gefolgt auf seiner Reise ueber das Land seiner Kindheit nahe von Angkor Wat. Er hat mich einfach mitgenommen.  Es war eine Freude dabei zu sein, wie er ueberall da stoppte, wo er etwas  von den Geschmaeckern und den Abenteuern seiner Jugend wiederfand. Bei einer Familie, die Palmsirup kochte schleckte er mit einem Bambusstaebchen im leeren Siedetopf herum, so wie ich das frueher in der Teigschuessel meiner Mutter gemacht habe.  Vom frisch destillierten Reiswein probierten wir auch und vom frischen Palmsaft, den die Bauern in aufgeschlitzten Plasikflaschen vom Gipfel der Baeume holten trank er gleich einen halben Liter. Als er auf einem Hof ein Wurfnetz fand, zeigte er mir, wie man damit Fische im Reisfeld faengt. Und wie ein kleiner Junge, der nicht erwischt werden will, haengte er es ohne etwas zu sagen an die Rueckseite eines Pfeilers, obwohl es bei seien Wuerfen einen Riss bekommen hatte.  Und weil es die Welt seiner Kindheit war, war es eine heile Welt, die er mir zeigt. Wo die Kinder mit grossen Stecken auf den trockenen Reisfeldern nach Krabben graben und wo ein kleiner Junge mit seinem Vater im Schlamm des Entwaesserungsgrabens nach Fischen buddelt. Kinder lernen von ihren Eltern und mit ihren Eltern, was sie zum Leben brauchen. Eine Illusion, aber eine schoene. Und ich merkte, wie ich am anderen Ende der Welt eintauchte in meine Kindheit. Wo wir gemeinsam mit meiner Mutter im Herbst mit den Bauern auf den Acker gingen, um  Kartoffeln zu sammeln, Karoffelfeuer anzuendeten und  zum Ruebenstechen gingen. Das war kein Bullerbue, sondern richtige Arbeit. Aber als Belohnung durften wir dann mit dem Schlepper mitfahren. Das war so ein komisches Ding, ein Motor auf zwei Raedern, der vor den Anhaenger gespannt wurde. Agria war die Marke. Und mit den gleichen Dingern, die grobe Variante Made in China mit gefaehrlich offen laufenden Keilriemen, jagen die Bauern hier ueber die holprigen, tennisplatzroten Schotterpisten. They are faster then a chart pulled by waterbuffalos and they can power a generator, sagt Vannerth lakonisch, als wir mit unseren Mopeds am Abend staubbedeckt zurueck in die schaebige, laute Stadt Siem Reap knattern. Er ist mitte Dreissig, geschieden und raucht zu viel. Sein Sohn lebt bei der Mutter. Seine Kindheit ist auch lange vorbei.

 

Kafka in the air

Ach, was für ein herrlicher Tag! Ein Sammstagmorgen im 2.Stock 2.Hinterhof (neben mir wohnt ein Philosoph, würde Inga Humpe jetzt ergänzen). Ich hab so viel vor heute, will den Tag nutzen. Die To-Do-Liste ist geschrieben. Fenster auf, frische Luft rein! Blauer Himmel -wunderbar! Ran an den Sonnengruß (drei Runden Sonnengruß am Tag werden den Leben verändern, verspricht mein Yoga-Guru). Als ich bäuchlings auf meiner Matte liege und mich in die Cobra stemme, sehe ich die Staubflusen. Ach ja: Putzen steht noch nicht auf der Liste. Ist schon spät, so um 10, als ich in die Küche komme. Heute brunche ich mit mir. Zwei Spiegeleier, brauche ja Kraft für den Tag. Ich schaffe es, bis zum letzten Bissen mein Telefon zu ignorieren, schaue dann aber doch rein und die Mails mit den Wohnungsangeboten klingeln. Alles zu weit, zu teuer -ach überhaupt. Lasst mich in Ruhe! Ich lebe doch ganz gut hier. Wenn da nicht die kleinen Jungs wären, die ab und zu mal bei mir übernachten. Die kein eigenes Bett haben und deren Eisenbahn ich jedes Mal wieder abbauen muss. Ah!, da gibt es etwas Schönes, frisch saniert, groß hell, nur 10 Minuten entfernt, teuer, natürlich. Und natürlich kommt wieder das Gefühl, es unbedingt noch mal zu versuchen. Also Rechner an, auf die Anzeige geantwortet. Wird doch wieder nix.

Raus jetzt, auf die Straße. Der leere Bierkasten kommt mit und eine ungefähre Idee, von dem was ich mit dem Tag anfangen werde. Im Bio-Laden ein kleiner Schwatz mit der Besitzerin. Ach, umgezogen? Ja, 1200 Euro warm, ja, ja, nicht leicht heute, aber ich gönn mir das, strahlt sie. Vielleicht sollte ich mir das auch mal sagen. Weiter zum Türken-Markt, die große Tasche dabei. Hier stimmt die Welt wieder für mich. Für ein bisschenn Kleines kriege ich mehr als ich tragen kann und was nettes Süßes noch dazu. Es sind nicht alle Menschen schlecht zu mir.

Auf dem Leopoldplatz ist Flohmarkt. Steht nicht auf meinem Zettel. Geh nicht hin, sag ich mir. Du hast genug eigenes Gerümpel und keinen Platz sowieso. Und schon stehe ich mitten drin. Zwischen den Resten verganger Existenzen. Früher wollte ich davon immer etwas retten, etwas bei mir weiter leben lassen. Jetzt schaue ich nur interessiert. Bilderrahmen mit einem fröhlichen Mädchen in verschieden Altersstufen. Ein FDJ-Ausweis dazu, ausgestellt 1976, letzte 30 Pfennig-Marke eingeklebt Dezember 1989. Erinnerungen einer toten Mutter, deren Tochter jetzt Mitte 40 ist und sich nicht mehr für ihre Vergangenheit interessiert. Schnell weg hier, sonst denke ich noch daran, was meine Tochter mit dem Bild von ihr machen wird, das bei mir an der Kühlschranktür klebt und sie stolz beim Abitur zeigt….

Als ich zu meinem Fahrrad zurück komme, hat jemand die Spitze des türkischen Baguettes abgebissen, das ich auf dem Gepäckträger gelassen hatte. Es Zeit für den ersten Kaffee. Das Café Leo ist ein gefördertes Multi-Kulti-Anti-Drogen-Projekt. Ich muss mir das in Erinnerung rufen, sonst würde ich sagen, es ist eine enge Döner-Bude mit einem großen Zelt hinten dran, damit die Alkis auf dem großen Platz ein Plätzchen im Trockenen haben. Draußen kreischt eine Frau in orthopädischen Schuhen, weil der nicht ganz so helle Café-Gehilfe ihren halb abgebissenen Burger abgeräumt hat, während sie sich von einem abgerissenen Typen die Funktion eines Haschisch-Inhalators hat erklären lassen.

Mein Kaffee wirkt, die Sonne wärmt mir die Stirn. Es wird Zeit sich zu konzentrieren. Bücher, denke ich, du wolltest dir noch Bücher empfehlen lassen für den langen Flug nach China, der mir bevorsteht. Es gibt tatsächlich eine Buchhandlung bei uns, versteckt in einer Seitenstraße zwischen Rossmann und Asia-Imbiss. „Belle et Triste“ heißt sie, aber hat nix Schönes – außer den Büchern und der gold lächelnden Händlerin, die irgendwo aus Dahlem eingeflogen sein muss. Sie empfiehlt mir die „Schopenhauer-Kur“ und „Der Distelfink“ von Donna Tartt. Ein Buch übers Älter werden – ein Buch über einen Jungen, der ins Leben startet. Genau dazwischen hänge ich ja, als alter Vater mit drei kleinen Jungs. Ich nehme sie beide. „Eins für den Hinflug und eins für den Rückflug“, sagt sie unerwartet kess. Ich fühle mich gut beraten.

Im Treppenhaus treffe ich die Nachbarin, die schon 20 Jahre hier wohnt. Sie macht irgendwas mit Kunst. Sie ist die einzige im Haus, mit der ich Kontakt habe. Sonst alles junges Volk und Menschen, die fremde Sprachen sprechen. Sie singt im Chor und das will ich auch mal wieder. Ein kleiner Schwatz, eine Adresse, bei der ich mal vorsprechen kann – wunderbar!

Zu Hause packe ich meine Schätze aus. Aus den frischen Sachen vom Markt wird ein schnelles Steh-Buffet und mir fällt ein, das ich nicht mehr auf meinen Zettel geguckt hab. Egal, ich leg mich erst mal hin. Als ich aufwache, denke ich an den Fotoapparat, den ich mir noch für den Urlaub leisten wollte. Ja, jetzt, gegen alle Vernunft. Aber vorher will ich noch mal auf mein Konto schauen.  Und schon sitze ich wieder vor dem Rechner. Draußen wirds dämmrig. Es gibt noch so viel zu tun. Da lande ich auf der Seite der Wolkenbeobacherin und muss laut lachen über das Video, das sie eingestellt hat. Der Abend ist gerettet.

Mogen gehe ich ein Doppelstockbett für meine Jungs abholen. Ein Freund hilft mir beim Aufbauen.

Beim ersten Mal tut es noch weh

Also die 850 Euro, die sind dann warm?, frage ich. Ach, ja ja, das haben wir geschrieben, sagt der Wohnungsfuzzi, aber da kommen dann noch mal 70 Euro Nebenkosten dazu. Also 920?, frage ich ungläubig. Ja, ja genau: 920.  Da bin raus, sage ich matt, wie ein Skatspieler, der weiß, dass er nicht genug Trümpfe auf der Hand hat, um zu gewinnen. Ich bin wütend, rase das dunkle Treppenhaus runter, raus auf die ruhige Straße, atme die kalte Januarluft ein, schnappe mir mein Fahrrad und bin weg. Ich kann nichts machen, ich bin in meinem Stolz gekränkt, fühle mich verrarscht. 10 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter für eine lieblos sanierte 2-Zimmer-Wohnung in einem 30er-Jahre Bau in der Einflugschneise des Tegler Flughafens – die spinnen doch! Ein paar Querstraßen weiter komme ich zur Ruhe, halte an, wäge ab. Natürlich will ich die Wohnung. Sie liegt nur ein paar Straßen von dem Haus, in der meine Jungs wohnen. Sie ist groß genug, dass sie auch mal ein paar Tage bei mir sein können. Sie ist gut geschnitten und hat einen großen Hof mit Sandkasten – und ich habe das Geld. Ich will es nur nicht diesen Idioten in den Rachen schmeißen, jeden Monat. Langsam wird mir klar: Ich habe mich verzockt. Ich habe einfach darauf vertraut, dass es für mich in Berlin immer eine billige, große Wohnung geben wird.  Eigentlich war das der Grund hier her zu kommen. Hat die letzten 20 Jahre auch geklappt. Aber jetzt ist Schluss. Jetzt können die ruhig schlafen, die sich ein Häuschen hingestellt oder eine Wohnung gekauft haben. Und ich bin wieder da, wo ich nie wieder hin wollte: Auf dem Mieterstrich. Es war meine erste Wohnungsbesichtigung. Ich mus mich an die Preise gewöhnen, muss mich anbiedern, freundlich sein, mich von der Sympathie anderer abhängig machen… Ich hasse es, schlucke meinen Stolz runter, fahre zurück, warte bis einer der gegelten Hippster, der mit mir auf Besichtigung war, aus der Tür kommt und gehe wieder rein. Ich will die Wohnung, sage ich dem dicken Verkäufer. Er grinst, ermutigt mich und wartet geduldig, bis ich den Bewerberbogen ausgefüllt habe. Ich hoffe inbrünstig, dass es bei diesem Preis nicht viele geben wird, die bei der Stange bleiben. Das nennt man wohl Dialektik. Zur Sicherheit habe ich auch die geforderten Unterlagen dabei: blütenreine Schufa-Auskunft, Mietschuldenfreiheitsbescheinigung, Gehaltszettel- der ganze finanzielle Striptease. Was machen eingentlich die, die mal daneben getreten haben, die sich was getraut haben, und jetzt eben kein regelmäßiges Gehalt haben? Wie kriegen die eine Wohnung?, frage ich mich kurz. Doch der Gedanke ist sofort wieder weggewischt, denn dort wo ich die Mappe mit den Referenzen einer soliden bürgerlichen Existenz rausholen will, greife ich nur einen Aktendeckel mit Unterlagen, mit denen ich mich am Abend noch hinsetzen wollte. Bewerbungsunterlagen? Weg, nischt, nada! Und ich merke, wie sich in mir Leere ausbreitet. Nicht nur , weil ich die Wohnung jetzt vergessen kann, sondern weil es einen blinden Fleck in meinem Leben gibt, den ich mir nicht erklären kann. Weil ich die Kontrolle verliere. Ich bin kein besonders ordentlicher Mensch, aber bei wichtigen Sachen weiß ich immer die ein, zwei Orte, wo sie sein könnten. Wenn sie da nicht sind, habe ich das Gefühl wie bei einem Flimriss, das Gefühl, dass es einen Zeitraum in meinem Leben gegeben hat, an den ich mich nicht mehr erinnere. Und das nimmt mir das Gefühl, dass ich mein Leben im Griff habe. Das ist das Schlimmste.

Macht nix, kumpelt mich der Wohnungsmakler an,  dann schicken sie mir die Sachen morgen per Mail. Ich torkle aus dem Haus und rette mich in mein Stammcafe. Und als die Chefin mich auffordert Platz zu nehmen, sage ich, dass ich erst mal stehen bleiben will. Sie ist freundlich, versucht mich aufzuheitern, schenkt mir ein Stück belgische Schokolade, aber ich bin woanders, versuche mich zu erinnern, wo ich diese Mappe zuletzt in den Händen hatte. Auf dem Kopierer, auf dem Schreibtisch?  Ich rufe im Büro an, meine Kollegin sucht, aber findet nichts. Ich entschuldige mich für die Mühe, und überlege, woher ich jetzt noch eine Schufa-Auskunft bekomme, woher noch eine Gehaltsbescheinigung? Es hilft alles nichts. Ich muss los, zum Kindergarten, meinen Kleinsten abholen. Der lacht. Im Umkleideraum tauschen wir die Mützen und lachen noch mehr. Zu Hause warten wir auf die anderen. Machen Abendbot. Wurst mit Pistazien. Pistazienwurst. Pi, Pi, Pi, Pistazien machen wir. Und dann sag ich P-Ordner. PPP-Ordner. Natürlich P-Ordner! Das ganze Bewerbungszeug ist im Büro in meinem Persönlichen Ordner abgespeichert. Das kann ich morgen als Mail rausschicken. Vielleicht hilfts noch. Ich lache und pruste: Papa hat einen P-Ordner. Und der Kleine sagt: Nochmal! Und ich sage Papa hat einen P-Ordner. Und er lacht und sagt: Nochmal!  Und ich sage Papa hat…….

Am nächsten Tag finde ich meine Unterlagen in der Tasche, die ich bei der Wohnungsbesichtigung dabei hatte. Sie hatten sich in den Aktendeckel geschoben.

Schraubenfinder

vogel-verrostete-schraube-des-traegers

Meine schönste Schraube kommt aus der Camargue. Jenem Landstrich im Süden Frankreichs, der von vielen Menschen wegen seiner wilden weißen Pferde, seiner Flamingos oder seiner Sonnenuntergänge wegen geliebt wird. Ich liebe ihn auch. Die zotteligen Schimmel und sumpfigen Wiesen haben mich zwar nicht sonderlich beeindruckt, aber es gab da einen Baumarkt namens „Bricolage“, in dem ich genau die Schraube fand, die unser Motorrad auf den holprigen Straßen eine Stunde vorher verloren hatte. „Je besoin d‘ une vis“, stammelte ich, und schon entführte mich der Verkäufer mit herablassender Lässigkeit in ein Paradies aus schlampig aufgerissenen braunen Pappkartons in dem seine Schätze lagerten. Und weil nicht nur  die Sprache der Liebe, sondern auch die der Schrauben universal ist, fand ich für ein paar Centimes bald was ich suchte.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Das in Frankreich war natürlich Glück, aber es war ein Notfall.

Normalerweise lasse ich mich nicht dazu herab, Schrauben im Geschäft zu kaufen. Das wäre zu banal. Ich warte darauf, dass mich das Schicksal mit mit den Dingen versorgt, die ich zum Leben brauche.  Ich bin ein Sachenfinder, ein Schraubensammler – in dritter Generation. Entweder ich finde etwas Glänzendes am Straßenrand oder es tun sich mir unvermutet Schatzkammern auf, die ich ungehemmt plündern kann. So war es in dem Schrebergarten, den ich nach der Wende mietete, damit meine Tochter ein wenig Auslauf hat und aus dem wir nach wenigen Jahren wieder rausgeekelt wurden. Zum Schrebehäuschen dazu gab es eine kleine Werkstatt, vollgestopft mit Werkzeug und Kleinteilen aus DDR-Zeiten. Davon zehre ich heute, zwei Jahrzehnte und viele Umzüge später noch, auch wenn mein Freund Thomas, der Schreiner ist, mich jedes Mal wieder hasserfüllt anschaut, wenn ich ihm wieder und wieder die weichen VEB-Schlitzschrauben anbiete, wenn er mir mal wieder ein Regal an die Wand dübeln soll.

Tiefenpsychologisch betrachtet tue ich das alles nur, um mich mit meinem Großvater verbunden zu fühlen, der mir als Kind so viel Liebe schenkte. Vielleicht aber auch, um die einzige Familientradition fortzuführen, die der Krieg übrig gelassen hat. Mein Opa war ein kleiner verhutzelter schlesischer Bauer mit Schnurrbart. Er war mit seiner Familie im Rheinland gestrandet und hatte mit meinem Vater ein Haus gebaut, obwohl er bis zu seinem Tod darauf wartete,  seine sieben Hektar Land in der Nähe von Breslau wieder zu bekommen. Mit den Steinen und den Dachziegeln, die vom Hausbau übrig blieben zimmerte er sich im Garten einen schäbigen Schuppen, in dem er alles aus Metall aufbewahrte, was er finden konnte. Sein Jubeltag kam, als die Bahnstrecke vor unserem Haus erneuert wurde. Die Arbeiter schmissen die rostigen Schrauben und Spangen, die sie aus den Holzschwellen zogen einfach in die Böschung. Mein Opa sammelte sie alle ein. „Man kann ja aus allem was machen.“, war seine Devise. Nur hatte er vergessen, dass er nicht mehr in Schlesien war, keine Schmiede mehr hatte und Pferde, die Hufeisen brauchten erst recht nicht. Als er gestorben war, wollte noch nicht mal mehr der Altwarenhändler, der Anfang der 70er  noch mit einem öligen Pritschenwagen zum Gebimmel seiner Messingglocke „Luuumpen! Alteiiisen!“ schreiend alle paar Wochen durch die Straßen tuckerte, den ganzen Schrott haben.

Mein Vater war ein Rebell.  Er wollte mit all dem was er als „Alträucherei“ bezeichnete nichts mehr zu tun haben. Er schmiss die Landwirtschaftslehre, die ihm mein Opa als baldigem Hoferben aufgezwungen hatte, heuerte bei einer Spedition an und kaufte sich von den am Munde abgesparten Spesen einen nagelneuen Ford Capri 1500, weiß mit roten Ledersitzen – das Rassigste, was man sich als Arbeiter damals leisten konnte. Was nicht mehr zu gebrauchen war, kam weg. „Kaputt gibt Neu“ war seine Devise. Keine Sentimentalitäten. Aber als er in Rente ging, erwischen ihn die Gene wieder. In der Garage richtete er sich eine kleine Werkstatt ein, in der er altes Zeug wieder aufmöbelte, defekte Geräte zerlegte und fleißig, sauber sortiert in durchsichtigen Plasikschubern, alte Schrauben sammelte.

Wie hätte ich diesem Familiengeist entfliehen können der so wirkmächtig über unserer Sippe hing? Seine schleichende Kraft spürte ich, als ich mit 15  begann, Fahrräder vom Sperrmüll nach Hause zu schleppen, sie zu zerlegen, wieder aufzubauen und die verwertbaren Teile zu sammeln. Damals lief das unter Öko. Aber die Wurzeln lagen tiefer. Mein Vater schenkte mir, als ich von zuhause auszog als Zeichen meiner Mannbarkeit einen Werkzeugkasten, den ich noch heute in Ehren halte. Mittlerweile ist er gefüllt mit allerlei Krimskrams, der sich mit den Jahren dort eingefunden hat. Ein paar Schrauben von meinem ersten Moped sind auch noch dabei. Aber anders als meinem Großvater ist mir das Glück vergönnt, zu erleben, dass manches, was ich aufhebe tatsächlich genau das ist, was ich irgendwann brauche. Heute zum Beispiel, als ich mit zwei winzigen Messingschrauben, die mal eine Dreingabe bei einem Bilderrahmen waren, den abgerissenen Staubsaugerschlauch wieder festmachen konnte. Hätte ich sie nicht gehabt: Die Mutter meiner Kinder wäre ohne ihren Staubsauger wahrscheinlich schneller zugrunde gegangen als wenn man ihr die Luft zum Atmen genommen hätte. Das war Rettung in letzter Sekunde. Das sind die Momente, die das Schrauberherz mit tiefer Genugtuung und Demut erfüllen.
Und was kann schöner sein als zu sehen, dass meine Söhne in meine Fußsstapfen treten? Diese kleinen Kerlchen merken ja genau, was die Großen so umtreibt. Seit sie einmal beobachtet haben, wie strahlend ich eine halbwegs erhaltene Maschinenschraube aus der Gosse aufhob, schenken sie mir alles, was sie an Metallischem auf der Straße finden. Und ich verspreche ihnen hoch und heilig, es in meinen Werkzeugkasten zu legen. Um die nächste Generation von Schraubenfindern muss ich mir keine Sorgen machen.

Das Wunder vom Sparrplatz

strudelka

Es wird langsam kalt. Die Dämmerung bricht herein und ich stapfe missmutig durch den frisch gefallenen Schnee. Mein Sohn hat sich auch müde gelaufen und sich in den Kinderwagen geflüchtet. Warm und weich hat er es da in seinem Daunensack, aber auch er weiß nicht so recht was er hier draußen soll. Ich brauche ein Ziel, einen Kaffee, einen guten. Das ist mein einziger Orientierungspunkt. Aber wir finden keinen Platz in der Herberge. Ich habe schon meine gewohnte Strecke durch den gentrifizieren Teil des Wedding abgelaufen, in den ich mich manchmal flüchte. Aber alle Cafes sind zu.  Es ist der Tag nach den Heiligen drei Königen. Anscheinend sind all die schicken jungen Leute, die sonst hier ihren Latte schlürfen noch bei ihren Eltern in Westdeutschland. Oder zum Skifahren oder sonstwas Wunderbarem.  Nur ich laufe hier rum, allein mit Kind und Wagen und es wird immer dunkler. Ein wild gestikulierender Mann kommt uns entgegen. “ Ist doch alles total Scheiße hier.“ schreit er um sich, wissend, dass niemand seine Wut hört. „Alles total runtergekommen, hier. Du auch, du Arschloch“. Er schaut mich dabei nicht an, trampelt weiter, flucht irgend etwas anderes. Aber zum Beleidigen findet er keinen mehr. Die Straßen bleiben leer. Und mir reichts jetzt. Ich will jetzt was Warmes, Licht, ein freundliches Gesicht. Aber selbst das türkische Cafe „Schneeglöckchen“ an der Ecke holt gerade den Mülleimer rein. Bleibt nur der  neonkalte Späti, in dem sich zwei traurige Gestalten an einem Stehtisch festhalten. Nein, da will ich nicht rein. Da gehöre ich noch nicht dazu. Es muss etwas Anderes geben. In mir keimt eine winzige Hoffnung. In Gefahr und großer Not muss man gewohnte Wege verlassen und sein Glück wagen. Also drehe ich den Wagen um die Ecke in eine dunkle, noch nie gegangene Straße. Irgendwo da hinten, hinter dem leeren Platz ist ein Studentenwohnheim. Das muss es doch… Mein Sohn wirft gelangweilt seinen Handschuh in den Schnee. Und als ich mich bücke sehe ich im Augenwinkel große, warm leuchtende Schaufenster, Tische davor. Etwas in mir will an das Glück glauben. Mit dem letzten Fünkchen Hoffnung drehe ich auf die ferne Lichtinsel ein. Zweifel machen sich breit: Vielleicht  ist es doch bloß ein blöder Designshop, oder wenn es ein Cafe ist, ist wahrscheinlich ist die Tür schon zu – zu für dich! höhnt der Kafka in meinem Kopf. Zum Glück habe ich noch meinen Bauch. Und der macht die Tür auf und weiß, dass er zu Hause ist: Hohe Räume, eine festlich geschmückte Vitrine, kleine Tische, Pärchen beim gepflegten Schweigen. Ich pflücke meinen Sohn aus seinem Wagen und freue mich daruf, langsam aufzutauen, den Schnee auf dem Mantel schmelzen und abperlen zu lassen. Die Bedienung ist freundlich und adrett. Es gibt östereichischen Strudel, liebevoll mit Zucker überpudert und einen Milchkaffee ohne Schaum. Mein Sohn sitzt still auf meinem Knie, kriegt leuchtende Augen und wir teilen den Kuchen – eins für ihn, eins für mich. Und plötzlich laufen mir die Tränen. Ich schau das blonde Knäblein an und kanns gar nicht glauben, dass der strahlende Kleine mit den roten Winterbacken meiner ist. Dass ich hier mit ihm sitzen darf, und diese Stunde mit ihm verbringen kann. Dass ich so viel Glück habe. Wir bestellen noch einen Kuchen und ich könnte ewig hier sitzen bleiben.

Als wir raus kommen, hat es weiter geschneit. Der Kinderwagen ist eingepudert wie der Strudel. Mein Kleiner läuft ein Stück an meiner Hand. Stapft ungläubig im Schnee – heute ist der erste Tag in seinem Leben, an dem er im Schnee laufen kann. Die Straße ist immer noch leer und still aber das Licht der Gaslaternen leuchtet warm auf uns. Es würde mich nicht wundern, wenn auf einmal der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten angeschwebt käme und und neben uns landete, die Leute freundlich lachend aus den Häusern kämen und sich umarmten. Weil heute so ein wunderbarer Tag ist – mitten in Berlin.