Hypermobilität

Die Straße vor meiner Haustür ist seltsam leer. Als ich mir nach langen Stunden der Arbeit einen Kaffee im Sonnenschein gegönnt hatte und nach Hause zurückkomme, fehlt mir was. Rechts, da wo das Regenrohr im kleinteiligen Berliner Gehwegpflaster verschwindet. Da steht normalerweise mein klappriges Einkaufsfahrrad. Ich habe es seit Jahren. Damals habe ich es gerettet. Nach langen einsamen Jahren am Fahrradständer vor meinem Büro wäre es sonst irgendwann von unserem Hausmeister auf den Schrott geworfen worden. Eine kleine Eisensäge, fünf Minuten in der Dunkelheit, und schon war es meins. Der Pförtner hat weggeschaut.
Einen ganzen Tag im Sommer habe ich ihm gewidmet, den Chrom poliert, das Licht repariert und eine neue Kette montiert. Es war wunderschön. Meine Tochter schaute verwundert zu, wie viel Liebe ich in das hässliche Entlein steckte. “Schau die Rückleuchte“, schwärmte ich, “nur geometrische Formen; Rechteck, Kreisbogen, Kreis. Das ist reines Bauhaus!“ „Ok“, winkte sie ab, weil sie wusste, dass keinen Sinn hatte, mit ihrem Vater über solch ein vergilbtes Stück Plaste aus der DDR zu diskutieren. Sie lächelte mich milde an und zog mit dem modernen Diamant-Fahrrad, das ich ihr zurechtgemacht hatte, ihrer Wege. Wahrscheinlich überlegte sie kurz, in welcher Form des betreuten Wohnens sie mich bald würde unterbringen müssen.
Mit jedem Detail, das ich entdeckte, liebte ich mein blaues Wunder aus dem IFA-Kombinat mehr. Mit seiner billigen Seilzugstempelbremse, dem gemufften Stahlrahmen und seinem filigranen Gepäckträger. Technik aus den 50er-Jahren. Damit kenne ich mich aus, seit ich mir als Oberschüler Fahrräder aus dem Sperrmüll geholt und wieder flott gemacht habe. „Funktioniert doch, reicht doch.“ Das waren die Worte meines Vaters, der mich in unserer Garage werkeln sah. Und je älter ich werde, desto mehr gebe ich im Recht. Na ja, fast. Oben, in meinem Wohnzimmer steht wohlbehütet ein maßgefertigtes Rad aus einer Berliner Manufaktur, aufgepeppt mit den schicksten japanischen Komponenten. Ein Rad für besondere Stunden. Man gönnt sich ja sonst nichts. Der Drahtesel aus der Zone muss dagegen für den Alltag herhalten. Für die Einkaufsfahrt zum Bio-Laden oder den Ausflug mit meinen Jungs.

Ausflug mit meinen Jungs…. Langsam dämmert es mir. Das Fahrrad ist weg. Dafür steht mein Motorrad auf der anderen Seite des breiten Bürgersteigs. Bin ich also mit dem Rad irgendwohin gefahren und mit dem Motorrad zurück gekommen? Bruchstückhaft bringe ich das vergangene Wochenende in meinem Kopf zusammen. In meinem Telefon finde ich eine Nachricht an einen Freund “Nach unserer Tour war ich genau so platt wie dein Reifen“. Wir waren also weg – mit den Rädern. Ich sehe ein Bild vor mir: Die Räder der Kinder vor meiner Tür, festgeschlossen an meinem. Das muss Samstag gewesen sein, denn Sonntag sind wir zur Mutter zurück gefahren. Samstag war das Rad also noch da. Danach muss etwas passiert sein, an das ich mich nicht mehr erinnere, oder erinnern will. Als nächstes kommt mir ein Bild eines verwaisten S-Bahnhof zurück, Bornholmer Straße. Der Umsteigebahnhof, wenn ich die Kinder zu ihrer Mutter bringe. Sonnenbeschienen, aber leer wie einer der vergessenen Geisterbahnhöfe im geteilten Berlin. Oder wie nach einem Atomschlag. In meinem Bild laufe ich mit meinen Kindern den leeren Bahnsteig entlang. Die Rolltreppe funktioniert noch und die Jungs laufen gegen die Fahrtrichtung auf den klappernden Stufen…..Wir verlassen den Bahnhof, aber kehren wie von einem Zwang geleitet wieder zurück – um Fahrkarten zu kaufen. Der Automat spuckt die Karten in die Stille, die nichts Bedrohliches hat. Die Sonne scheint golden. Es gibt keine Zeit. Dann ist Nacht. Ich steige aus dem Auto, greife meinen Rucksack, greife mir meine Zwillinge, und gehe in meine Wohnung. Doch in der Wohnung hat sich der Rucksack verwandelt. Es ist jetzt der Rucksack der Mutter der Jungs. Ich telefoniere, will sie zurückholen. Aber ihr Handy klingelt in meinem Flur. Dann wieder Sonne, eine vierspurige Ausfallstraße im Osten Berlins. Ich bin glücklich. Mit meinen Jungs und ihrem Freund fahren wir Rennen auf dem breiten Fahrradweg, gegen die Fahrtrichtung. Die ersten Hochhäuser in fröhlichen Farben leuchten gegen den strahlend blauen Himmel. Wir zählen mit den Fingern die Stockwerke, 9, 12, 20. Es ist kalt, aber wir sind guter Laune. Hinter uns liegt etwas Bedrohliches, wir haben es überwunden. Das letzte Bild: Ich bin in einem Aufzug, mitten in einer riesigen Halle. Neben mir meine Jungs. Wir sehen auf der anderen Seite der Halle gesperrte Rolltreppen. An deren Ende ein Zwischengeschoss, in dem einige gebeugte Gestalten stumm in Kisten kramen. “Das sind die Flüchtlinge aus dem Krieg,“ raune ich meinen Jungs zu. “Das sehe ich.“, sagt mein belesener Sohn. Dann sind wir oben in der Dunkelheit. Wir trennen uns von unseren Freunden. Mit meinen Jungs überquere ich die leere Straße. Da tauchen Scheinwerfer auf, die ich übersehen hatte. Ich schreie “Halt!“ und meine Jungs halten mitten auf der Straße. Es ist nichts passiert.

Jetzt weiß ich, wo ich das Fahrrad finde. Es steht an der Straßenbahnhaltestelle, 10 Minuten von hier. Auf dem Rückweg setzte ich mich ins Café „Wachmacher“ und merke wie müde ich bin.

Es geht wieder los

Es ist Mittagszeit in Berlin-Mitte. Aus den vielen schicken Büros rund um die Friedrichstraße strömen die Menschen in die schicken asiatischen Restaurants zum Mittagstisch. Ich sitze in dem gediegenen Sushi-Laden, in dem nie viel los ist und in dem ich meine Ruhe habe. Die wenigen Gäste unterhalten sich meist gesittet und in Zimmerlautstärke. Aber heute ist es anders. Heute ist es draußen warm und der Himmel wolkenlos. Es ist Frühling und das merkt man. Zwei Tische vor mir sitzen eine Frau und ein Mann Anfang Dreißig. Ich sehe den Rücken des Mannes und das Gesicht der Frau. Es glüht. Es ist blass, aber die Wangen sind so rot wie es kein Rouge schaffen kann und die Stirn auch. „Krank?“, denke ich. Dann sollte sie hier nicht sitzen. Aber dann sehe ich, dass sie lacht. „Sekt, um die Uhrzeit?“, ist mein zweiter Gedanke. Sie lacht nicht nur, sondern sie strahlt. Sie strahlt bei jedem Satz, den ihr Gegenüber fallen lässt. Er ist locker. Fläzt sich auf dem Stuhl, die Beine ausgestreckt. Die kurzen Haare mit erstem grauem Schimmer, das Gesicht kantig. Weicher, goldbrauner Kaschmir-Rollkragen. Ein Bild von einem Intellektuellen. Sie knabbert an ihrem kleinen Finger, wenn er spricht, die Hand elegant am Kinn. Die Beine unter dem dunklen Rock überschlagen kommt ihr Gesicht ihm näher – und weicht wieder zurück. Sie weiß sich zu benehmen, aber am liebsten hätte sie ihn zum Nachtisch. Langsam merkt er es auch. Gottseidank. Setzt sich auf, kratzt sich am Nacken, fährt sich durch die Haare. Ach ist das schön: Frühlingsgefühle. Draußen geht die Welt unter und hier fängt was Neues an.

Aussichten

Blick vom “Futurium“ auf die neue Europa City Berlin

Die Zukunft ist ein Kinderspiel. Aber sie funktioniert nur im Halbdunkel. Mit offenem Mund stehen meine Jungs vor den weißen Ausstellungswänden, an denen vieles blinkt, schnarrt und zum Mitspielen einläd. Wissenschaftlerinnen erklären das Genom, Roboter erzählen hier von ihren Fähigkeiten, seltene Krankheiten werden per Genanalyse schon früh erkannt und geheilt und der Verkehr läuft per Rohrpost oder Lufttaxi. Ja, so sieht die Zukunft aus, wenn man an die Technik glaubt. Und das tut man als Junge gerne. Als ich zehn war las ich Bücher von Walt Disney, in denen riesige Maschinen mit Laserstrahlen die Urwälder rodeten, die wir heute gerne wieder hätten. Aber wozu brauchte man noch Bäume, die das Klima erhalten? Weiße Männer mit Seitenscheitel und wohlerzogenen Kindern machten es sich in großen Glaskugeln mit künstlicher Atmosphäre unter dem Meer oder auf dem Mars gemütlich, während die weiße Frau im Etuikleid ihnen Getränke servierte. Das mit dem Mars glauben meine Jungs immer noch. Aber vorher müsse man die Sonne reparieren, weil sie ja in mehreren Millionen Jahren aufhört zu strahlen. Die Jugend denkt in großen Zeiträumen. Für mich ist die Zukunft heute ist nicht mehr so übersichtlich. Wie ein Labyrinth fächern sich die Visionen in dem abgedunkelten Teil des “Futuriums“ in Berlin auf, das gleich neben dem Bundesministerium für Bildung und Forschung an der Spree steht. Nicht weit weg ist das “Museum der Gegenwart“ im alten Hamburger Bahnhof. Aber wir sind heute im Museum der Zukunft.

Und die Zukunft nervt. Überall muss man sich entscheiden. Permanent werde ich von Computern geduzt: Willst du, dass der Doktor deine Gendaten in eine Gendatenbank hochläd, um dir zu helfen? Willst du, dass …? Die Zukunft ist ein Wunschkonzert und überfordert mich, weil ich schon von der Gegenwart genug gefordert bin. In dieser blauäugigen Version der Zukunft, die von ein paar Pharmakonzernen gesponsert ist, gibt es keine Grenzen, keine Gesellschaft und keine Traditionen. Alles steht immer zur Verfügung und jeder ist für sich selbst verantwortlich. Ich verliere schnell den Überblick und den Kontakt zu meinen Kindern, die wie hypnotisiert vor den Wänden stehen. Die Idee, gemeinsam mit ihnen Station für Station abzulaufen und ihre Fragen zu beantworten, gebe ich schnell auf. Meine Gedanken springen, während sie die gleiche Station drei oder vier Mal ausprobieren wollen. Das Geblinke und das Gewirr der mechanischen Stimmen verwirrt mich. Immerhin ist es der erste Museumsbesuch seit einem Jahr. Und Antworten auf ihre Fragen habe ich eh nicht. Erschöpft setze ich mich auf eine der Bänke, von denen ich alles zu überblicken glaube und muss keine zehn Minuten später suchend durch das ganze Haus irren, weil meine Jungs durch irgendwelche Quergänge meinem Blick entwischt sind. Ich finde sie auf der helleren Seite der Zukunft bei einer riesigen Kugelbahn, neben einer riesigen, raumfüllenden Holzskuptur, deren Sinn sich mir nicht erschließt. Image

Foto: Futurium; David von Becker

Die Zukunft, ein Klettergerüst auf einem Kinderspielplatz mit Blick auf das Bundeskanzleramt? Ich lotse die Jungs zur riesigen Fensterfront auf der Gegenseite. Sie bietet uns Ausblick auf die gerade fertig gewordene “Europa City“, ein Neubaugebiet neben dem Hauptbahnhof, das auf dem ehemaligen Gebiet der Berliner Mauer von Investoren hochgezogen wurde. So sah die Zukunft nach dem Mauerfall aus: Gesichtslose Wohnblocks für die Bessergestellten, nur unterbrochen von Hotels für die “Anywheres“ und Bürohochäusern mit Schießschartenfenstern, in denen sich Ölkonzerne und Unternehmensberatungen gleich neben dem Regierungsviertel in Position gebracht haben. Und das alles wurde dann noch als Beitrag zur europäischen Einigung verkauft. Was man in dem Panorama nicht sieht ist der Berliner Hauptbahnhof, an dem seit Tagen tausende Flüchtlinge aus der Ukraine ankommen. Unsere schöne neue Welt hat einen Knacks bekommen. Unser selbstverliebtes Spiel mit Daten, Geld und Waren. Aber vielleicht ist die Freundlichkeit mit der die Menschen empfangen werden, die hier heute ankommen ja unsere wirkliche Zukunft?

Auf dem Rückweg jammert einer meiner Söhne, tritt lustlos in die Pedale und bleibt hinter uns zurück. Den nächsten Tag bleibt er im Bett. Heute weiß ich, dass er Corona hat. Das gibt es ja auch noch. Die Zukunft ist immer für eine Überraschung gut.

Blau Gelb

Gesehen in der Puderstraße, Berlin

Jetzt unterstützt also auch Kafka die Menschen in der Ukraine. Kafka on the road auch. Die taz-Panther-Stiftung fördert ukrainische Journalistinnen und Journalisten. Das finde ich gut. Ich will wissen, was da wirklich los ist.

Die Hexe von Garmisch

Manchmal braucht ein Mann Mut. Zum Beispiel, wenn er im Hallenbad von Garmisch ein Fünf-Meter-Sprungturm sieht. Er ist mit seinem Sohn da, weil der Schnee weggetaut ist in Oberbayern. Und wenn der Sohn sagt, dass er sich nie trauen würde, da runter zu springen, dann muss es eben sein. Dann muss der Vater eben sagen: „Als ich so alt war wie du, bin ich im Freibad da runter gesprungen.“ Und dann muss er da hoch, um seinem Sohn zu zeigen, dass er einen tollen Vater hat. Insgeheim hofft der natürlich, dass der Fünfer gesperrt ist. Aber dann kommt die bayerische Jugend und überredet den Bademeister, den Turm aufzumachen. Und dann stehen sie da oben, kreischen und drängeln. Manche lassen sich plumpsen, manche stehen noch oben und schauen ängstlich nach unten, als die andern schon längst wieder nach oben kommen. So wie ich vor 50 Jahren im Freibad. Und es fühlt sich genau so schwindelerregend an, als ich jetzt wieder über den Rand der 5-Meter-Plattform schaue. Viel höher, als es von unten aussah. Ich weiß nicht, wie ich es damals geschafft habe, wie oft ich wieder schmachvoll nach unten gegangen bin. Aber es hat sich gelohnt, dass ich mich damals getraut habe. Denn jetzt weiß ich: Ich werde es überleben, auch wenn ich es immer noch nicht glaube. Damals konnte ich noch nicht mal schwimmen. Alles was ich konnte, war tauchen. Im Wegducken und Untertauchen war ich ein Naturtalent. Aber dann gab es die zweite gefährliche Phase: Wenn man unterwasser an den Beckenrand schwamm, konnte es sein, dass man die ausgeleierte Badehose verlor. Und ich konnte sicher sein, dass meine schlimmsten Feinde bei meinen Sprüngen an den Guckfenstern im Springerbecken standen. Oder noch schlimmer: Die Mädchen, die ich Mit meinem Sprung beeindrucken wollte. Heute kann das nicht passieren. Denn meine Badehose ist nagelneu. Ich hab sie auf dem Weg zum Schwimmbad kaufen müssen, weil ich meine natürlich zu Hause vergessen hatte. Badehosenvergesser ist schlimmer als Turnbeutelvergesser.
Ich lass mich fallen und tauche in einem Meer von Luftblasen wieder auf. Das ist das Schöne am Turmspringen. Dieses ozeanische Gefühl, wenn einen die Blasen nach oben tragen. Aber was ist das? Der Schlüssel für unseren Umkleideschrank mit diesem aus Plastikfaser geflochtenen Armband und dem fummligen Verschluss ist von meinem Armgelenk verschwunden. Als sich das Wasser beruhigt hat, sehe ich ihn am tiefsten Punkt des Beckens. 4,80 Meter Beckentiefe steht am Turm. Aber es hilft jetzt nichts. Ich muss da noch mal rein. “Pass auf, sag ich zu meinem Sohn, „Ich hol jetzt den Schlüssel von da unten.“ “Schaffst du das?“ fragt er mich ungläubig. “Natürlich schaff ich das.“, antworte ich seelenruhig. Vor dem Tauchen habe ich wirklich keine Angst. Aber je tiefer es geht, desto seltsamer wird mir. Es fühlt sich anders an als früher. Der Druck ist im Kopf schwerer auszuhalten als früher. Wird der Schädel morsch mit der Zeit, ab wieviel Metern reißen die ersten Nähte? Ich denke kurz an den Film „Das Boot“ als das U-Boot tiefer taucht als es soll und alle Spanten knarzen und Martin Semmelrogge Herbert Gröhnemeyer diabolisch grinsend erzählt, dass irgendwann der Wasserdruck das Boot zerquetschen wird.
Ich hab den Schlüssel und komme nach oben. Mein Sohn hat alles beobachtet und hält mich jetzt für den mutigsten Taucher. Es ist gut, wenn die Jugend Vorbilder hat.

Aber was mein Sohn noch nicht weiß: Es gibt im Schwimmbad Wesen und Orte, an denen mehr Gefahren lauern als am Boden des Springerbeckens. Zum Glück weiss ich die Zeichen richtig zu deuten:

Zuerst bin ich enttäuscht, denn das Schild lässt ahnen, dass hier, wie in Berlin, die Sauna von bärtigen Hippstern bevölkert wird. Doch dann sehe ich den betonharten Busen der rothaarigen Frau, der sogar das dicke Fichtenbrett der Sauna durchschlagen kann. Da geht es nicht nicht mit rechten Dingen zu, denk ich mir. Bleib besser draußen. Die raucht dich in der Pfeife!

Dann sehe ich ihre Zähne und ihren irren Blick, und mache mich so schnell wie möglich aus dem Staub…

Für den freundlichen Herrn, der nicht so vorsichtig war, kommt leider jede Hilfe zu spät.

Die Rote

Nein, heute gibt es nichts Neues im Blog. Ist zu spät und ich habe zu viele böse Briefe geschrieben. An Leute, die noch weniger vom Fach verstehen als ich. Und das will was heißen. Außerdem war es ein grauer Tag. Ein grauer Wintertag mit Nieselregen und eiskalten Windböen wie es sie nur in Berlin gibt: Aus allen Richtungen. Das wär ja nicht so schlimm gewesen, wenn es nicht schon seit einer Woche so grau wäre, und wenn ich nicht zum Zahnarzt gemusst hätte. Und das wär nicht so schlimm gewesen, wenn wenigsten die U-Bahn gefahren wäre. Ist sie aber nicht. Die Strecke sollte schon vor einer Woche wieder klappen, aber heute seh ich wieder die gleichen müden Massen an der Ersatzbushaltestelle. (Frust kommt auf, denn der Bus kommt nicht..) Also wieder kehrt gemacht, das Fahrrad rausgeholt. Wenn man erst mal drauf sitzt, ist es ja nicht mehr so schlimm mit dem Wind und dem Regen und der Kälte. Sind ja nur 10 Kilometer quer durch die Stadt. Was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn wenigstens alle wirklich wegen Corona zu Hause geblieben wären. Sind sie aber nicht. Alle sitzen im Auto, weil ja die U-Bahn nicht fährt und man sich im Ersatzbus den Tod holt. Inzidenz 3000 in Berlin-Mitte. Was auch nicht so schlimm gewesen wäre, wenn nicht noch die wummernden LKWs und die Martinshörner von hinten gekommen wären, was mich auch nicht gejuckt hätte, wenn es an der Müllerstraße wenigstens einen Radweg gäbe und nicht die vielen Ersatzbusse einen eingedieselt hätten. Doch auch da wäre ich schnell durch gekommen, wenn der Hinterreifen nicht die Luft verloren hätte. Also mit voller Kraft treten um mit halber Geschwindigkeit zu fahren. Aber pünktlich angekommen. Und natürlich war die Zahnärztin krank und an ihrer Stelle ein weißhaariger Vertreter im Dienst. Ich weiß nicht, aus welchem Ruhestand die Ärztekammer ihn geholt hat, aber als er mich, als ich mit Helm, nasser Jacke und beschlagener Brille ins Behandlungszimmer komme, fragt, ob ich mit dem Fahrrad da wäre, wusste ich: Das wird nix mit uns. Wir haben es tapfer hinter uns gebracht, und ich glaube, er war darüber mehr erfreut als ich. Eine Stunde später kam der Anruf, dass der Abguss nichts geworden ist, und ich morgen noch mal kommen muss. Aber das wusste ich ja noch nicht, als ich vor der Praxis stand und sah, dass das Rad natürlich endgültig platt war. Was mir aber egal war, weil vor mir jetzt der schönere Teil des Tages lag: Bergab zur Markthalle, wo ich mir immer nach dem Zahnarzt einen guten Kaffee und was Süßes gönne. („I gonna have a candy bar!“ Kennt das noch jemand aus “Little Shop of Horrors“?)
So, ich hoffe, dass ich das was jetzt kam noch einigermaßen zusammenbekomme, denn ist ja wirklich schon spät, und es war ein anstrengender Tag. Ich hoffe, das ist bis jetzt so rübergekommen. Ja, um es kurz zu machen: Dann war da diese Frau, diese Italienerin, diese Naturgewalt, diese Mama Roma. In der Marheinekehalle gibt es einen neuen Stand, irgendwas mit cuccina italiana. Da gibt es eben nicht nur allerfeinsten Cappucino, sondern auch sie! (Ich habe mich noch nicht mal getraut nach ihrem Namen zu fragen) Wie aus dem Film entsprungen, den ich gestern Abend gesehen habe. „Verliebt in scharfe Kurven“ aus dem Italien der frühen 60er mit dem jungen Jean Louis Tirtingnang (oder so, ich hab jetzt wirklich keine Zeit mehr zum Googeln), der einen schüchternen Jurastudenten spielt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig. Aber der Film war schwarz-weiß. Und diese Frau war Farbe. Rot vor allem. Rotes, eng anliegendes Kleid, rot gefärbte Haare und rote Fingernägel. „Hier kommst du nur rein, wenn du grün bist.“ war der einzige deutsche Satz, den ich von ihr hörte. Und sie meinte damit meinen Corona-Test. Den Rest der Zeit verhandelte sie mit zwei Landsleuten, die ihr Ware geliefert hatten und scheuchte ihren Gehilfen durch die Gegend. Laut, wie es nur Italienerinnen sein können. Ich war ihr so dankbar. Denn durch sie war ich augenblicklich auf einer italienischen Piazza. Der Lärm, der gute Kaffee, die vielen Hände und Arme, die sie brauchte, um klar zu machen, was sie von den Männern wollte. Ich war im Urlaub, für die Länge eines Kaffees und eines panni caldo (von dem ich mich wunderte, dass sie es in den Ofen schob. Ich war zu lange nicht mehr in Italien, um zu wissen, das caldo nicht kalt sondern heiß heißt.)

Abends rief die Mutter meiner Söhne an und fragte, ob wir Ostern nicht einfach eine Woche verschwinden könnten. Egal wohin. Die Kinder würde sie an ihre Mutter verschicken. Ja, sagte ich, gern. Mailand oder Madrid: Hauptsache Italien. Sie kannte den Witz nicht.

Jetzt ist es amtlich

Ein grauer Umschlag liegt in meinem Briefkasten. Sieht amtlich aus und ist es auch: „Wahlbenachrichtigung“ steht drauf und der Stempel ist vom Bezirksamt. Jetzt ist‘s soweit, denke ich, jetzt wird die Wahl in Berlin wiederholt. Was für eine Katastrophe. Wie vielleicht einige informierte Leserinnen und Leser wissen, ist bei der Bundestagswahl im September in Berlin nicht alles ganz glatt gelaufen. Falsche Wahlzettel, Schlangen vor den Wahlbüros…. Die Wahlleiterin musste zurücktreten. Und jetzt das. Die Wahl eine Farce, die jetzt auch noch einmal wiederholt wird. Der Schaden für die Demokratie: Nicht wieder gut zu machen…. Das einzige, was ich sicher sagen kann: Ich war es diesmal nicht schuld!

Ich liebte Wahlen. Wenn ordentliche Bürger sich am Sonntagmorgen fein machen und mit einem wohlmeinenden Lächeln im Gesicht zur örtlichen Grundschule gehen, wo ebenso feine Bügerinnen und Bürger ihren Sonntag opfern, auf dass alles geregelt ablaufe in diesem Land. Das ist schön, wenn es klappt. Aber es klappt nicht immer. Zum Beispiel, wenn ich Wahlvorstand bin. Beim ersten Mal ist es noch gut gegangen. Das war zu der Zeit, als Gregor Gysi in meinem Wahlkreis gegen einen stumpfen SPD-Apparatschik antrat. Das war die Zeit als wir im Wahlbüro Besuch von der belarussischen Botschaft bekamen, die gleich um die Ecke lag. Weißrussische Wahlbeobachter bei der Wahl von Gregor Gysi in einer Plattenbauschule. Das hätte ihm gefallen, wenn ich es ihm denn gesagt hätte. “Wir sind noch eine junge Demokratie“ säuselte der junge Attaché. „Wir müssen unser Wahlsysem noch entwickeln.“ Ich rief den Wahlleiter an. Der sagte, da könne man nix machen. Wahlen seien halt öffentlich. Aber sonst lief alles gut. Zwei versierte Sachbearbeiterinnen vom Bezirksamt waren meine Beisitzer. Sie hatten mir gleich zu Anfang signaliert, dass sie das Verfahren aus dem FF kennen würden. Und so war es dann auch. Emsig wurden Wahlbögen hin und hersortiert und als es am Ende ein paar Zettel zuviel waren, wurde so lange hin und her gezählt, bis es stimmte und Gregor gewonnen hatte. Schön war´s.

Deshalb versuchte ich es Jahre später im Wedding noch einmal. Anna Lindh Grundschule. Ein heller, leicht in die Jahre gekommener Pavillionbau aus den 50ern. Auch hier gab es wieder zwei Frauen, die mir, diesmal mit großer Klappe verkündeten, dass sie das schon seit Jahren machen würden und ihre Tricks hätten. Ich sollte mir keine Sorgen machen. Doch als es dann ans Zählen ging und wir mit den Erst- und Zweitstimmen nicht überein kamen, da fingen sie an zu schimpfen „Wees ick doch ooch nich, was wa jetz machn solln. Sie sind der Wahvorstand.“ Wedding halt. Wieder rief ich den Wahlleiter an, abends um Neun, als wir alle glasige Augen hatten und fragte was ich denn jetzt machen solle. „Packen se den janzen Kram zusamm und komm ins Rathaus mit den Zetteln. Sie sind nicht der Einzige.“ Da saß ich dann mit der Mappe voller Wahlscheinen und musste das ungeordnete Bündel an genervte Beamte übergeben, die das ganze Chaos am nächsten Tag nachzählen durften. Seitdem halte ich mich aus Scham von Wahlbüros fern und mache Briefwahl.
Jetzt also nochmal? Weil das Durcheinander diesmal so groß war, dass es selbst rechtschaffene Berliner Beamte nicht mehr sortieren konnten? Ich schaue mir die Wahlbenachrichtiung noch mal genau an. Da steht nichts von Bundestagswahl. Da steht “Sie sind berechtigt, an der Wahl zum Senionrenbeirat im Bezirk Mitte teilzunehmen. Die Wahl findet im der Seniorentreffpunkt Otavistraße statt…“ Da hat die Berliner Verwaltung es doch tatsächlich mitgekriegt, dass ich älter geworden bin. Dass ich jetzt nicht mehr zu den Erstwählern gehöre. Wahrscheinlich kann ich mit dem Schein nach der Wahl in jedem Berliner Wirtschaft nachweisen, dass ich berechtigt bin, einen Seniorenteller zu bestellten. Jetzt ist es amtich.

Ich will mal so sagen: Wenn sonst nix klappt, aber unverschämt werden, das können sie

Habbibis

Das Schöne am Wedding ist, dass ich selbst am Heiligabend um 12 Uhr einfach zum Friseur gehen kann, zu meinem arabischen Lieblingsladen, ohne Termin, ohne zu warten. Einfach so.Das wäre in meiner christlichen Heimat undenkbar. Alle Friseure sind vor Weihnachten über Wochen hinaus mit den Dauerwellen ihrer Kundinnen beschäftigt und ausgebucht. Noch schöner ist, dass ich, als ich in den Laden trete, als erstes gefragt werde, ob ich einen Kaffee will und nicht nach meinem Corona-Test. Bleibt die Maskenfrage. Die drei Friseure tragen sie nasenfrei, die Kunden gar nicht und der schwarze Mann, der neben mir wartet brav die ganze Zeit mit einer billigen blauen Maske. Ich beschließe seinem Vorbild zu folgen, sobald ich mit meinem Kaffee fertig bin.
Das schlechte am Wedding ist, dass in den Friseursalons auch an Heiligabend arabischer Gute-Laune-Pop in Clublautstärke gedröhnt wird. Von wegen stille Nacht. Das ist nicht gut für meinen Kopf, der voller Schmerzen ist und voller Gedanken zum bevorstehenden Fest. Wie feiern eigentlich Araber in Berlin Weihnachten? Keine Ahnung. Immerhin sehe ich, dass der AMAYA Schönheits-Salon für Frauen auf der anderen Straßenseite heute geschlossen ist. Was haben die arabischen Frauen heute zu tun, während sich die Männer fröhlich frisieren? Mit den Kindern den Tannenbaum schmücken? Ich verabschiede mich frisch in Form gebracht mit einem neutralen “Frohe Feiertage“ und bekomme ein herzliches “fröhliche Weihnachten“ zurück. Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme. Heute um vier werden drei erwartungsvolle Jungs mit ihrer gottergebenen Mutter durch meine Tür jagen und das Wort “Geschenke“ skandieren. Und bis dahin ist noch die Wohnung zu putzen, das Essen zu kochen und die Nachbarin, die unter mir immer das Gehopse und Getrappel der jungen Wilden mitkriegt wieder für ein Jahr mit einem Geschenk zu besänftigen. Versprochen habe ich auch, dass ich ihnen heute die Geschichte mit der explodierten Ketchupflasche aus meinem Buch vorlese, von dem sie natürlich auch längst alles mitgekriegt haben. Das muss ich noch üben, damit ich nicht über die selbst geschriebenen Worte stolpere. Ein Exemplar geht als Geschenk an die Mutter, und ich hoffe, dass sie meine Berichte von der anderen Seite unserer „Irgendwie doch Familie“ nicht in den falschen Hals kriegt. Es ist übrigens das letzte Exemplar der großen Erstauflage von 30 Exemplaren. Alles verschenkt oder sogar verkauft (wozu hat man Freunde?). Auf diesen Lorbeeren werde ich mich jetzt ausruhen. Ach ja ausruhen. Nach Weihnachen, vielleicht.

Ich wünsche jeder und jedem von euch ein paar ruhige und friedliche Tage.

Bleibt gesund.