Una strada piu bella

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Heute geht es um Italien, um Liebe und Leidenschaft, um Motorräder und geplatzte Träume und es geht los!

Tja und hier hätte jetzt eine Geschichte kommen sollen. Eine Geschichte, die an einer kleinen Tankstelle in Italien beginnt, als wir den Tankwart nach der Fernstraße nach Bologna fragen, und er uns eine „strada piu bella“, eine viel schönere Straße, empfiehlt. Die Straße wird tatsächlich immer schöner, immer enger und am Ende liegt ein Dorf mit einem Motorradfahrer-Cafe. Und in dem Cafe liegt eine Zeitschrift, eine italtienische Motorradfahrer-Zeitschrift, in der es nicht um Technik geht, sondern – um Schönheit. Eh- una bella macchina. Und die Geschichte wäre weiter gegangen mit der Beschreibung, wie mich diese Idee elektrisiert, in ihren Bann zieht, wie sie schlafende kreative Kräfte weckt: In Deutschland ein Motorradmagazin herauszubringen, in dem es nur um die Freude am Fahren geht, um die Leidenschaft um die Gefühle, um Kunst, um Filme und -eh- um die Schönheit. Ich hätte erzählt,wie ich mich mit meinen Freunden aus dem Journalismus treffe, wie ich in einem Schulheft, das ich immer bei mir trage, meine Ideen kritzele, wie ich überall Anregungen für neue Beiträge sehe, wie ich einen Namen für mein Magazin finde -„Sprit“ sollte es heißen, so wie der Kraftstoff -, wie ich mich wegträume von meinem öden Job… Bis ich mich mit mit meinem alten Chefredakteur treffe.

Die Geschichte hätte traurig geendet, weil mein alter Chef, ein erfahrener „Blattmacher“, mir klar macht, dass ich für meine Idee meinen sicheren Job aufgeben müsste, dass ich durch die Verlage tingeln müsste, dass meine Idee nur darauf geprüft würde, ob man durch eine solche Zeitung Werbekunden aquirieren könnte und dass ich damit rechnen müsse, dass irgend ein Verlag mir die Idee einfach klaut, sie ohne mich verwirklicht. Und dann hätte ich geschrieben, wie ich den dicken Aktenordner mit meinen Ideen ganz unten in den Schrank stelle, wie ich meine Leidenschaft begabe, dass ich kurze Zeit danach Vater von Zwillingen wurde und dass ich vor ein paar Wochen  eine Zeitschrift entdeckte, die „Craftrad-Magazin für Motorradkultur“ heißt. Ein Hippster-Magazin-edel aufgemacht, teuer und von BMW gesponsert. Und wie ich fast umgefallen bin, als ich das Editorial lese. „Es ist nicht wichtig, was du fährst, sondern dass du fährst.“, steht da. Das war genau mein Satz.

Tja, das wäre eine traurige Geschichte geworden, wenn, ja wenn nicht der gute Rat meines alten Chefredakteurs gewesen wäre: Probieren Sie Ihre Idee doch erst mal in einem Blog aus, dann wissen Sie, ob es dafür ein Publikum gibt.

Ja, und das habe ich dann gemacht. Vor ziemlich genau zwei Jahren. Kafka on the road solle ein Motorrad-Blog werden. Eine der ersten Geschichten ging um die Trauer, die mich beim Verkauf meines geliebten Ural-Gespanns überkam. Und dann merkte ich, dass ich  noch viele andere Geschichten im Kopf habe, die nichts mit Motorrädern zu tun haben und dass diese Geschichten gerne gelesen werden. Und dass es da draußen noch viele andere gab, die auch Geschichten zu erzählen haben; Geschichten, Bilder, Gedichte, die mich berühren, die mich weiterbringen…

Dafür sage ich jetzt allen, die meinen Blog lesen und die ich durch meinen Blog gefunden habe einmal recht herzlich: Danke! Wir sind gemeinsam ein Stück Weg geganen. Es ist ein schöner Weg. Es ist schön mit euch.

Und damit ist die Geschichte einer schönen Idee zu Ende. Der Blog geht weiter.

Was übrig bleibt

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„Soll das jetzt in den Schredder, oder nicht?“, fragt der Hausmeister. „Nein,“ sage ich, “ das können Sie so ins Altpapier werfen.“ „Aber da sind handschriftliche Notizen drauf, dann muss das in den Schredder“, beharrt er. „Glauben Sie mir“, entgegne ich kraftlos, „das Zeug interessiert keinen Menschen mehr. Das können sie bei der Bild-Zeitung in die Hauspost legen, das will keiner mehr wissen.“ Das Zeug, über das wir reden füllt einen grauen Plastiktrog von der Größe einer Badewanne. Mein Büro ist jetzt leer bis auf fünf Umzugskartons mit leeren Aktenordnern. An der Wand hängt noch das Plakat von Nani Morettis Film „Caro Diario“. Ich habe den italienischen Text nie richtig übersetzen können. „Ich glaube, dass ich auch in der besten aller Gesellschaften zu einer Minderheit gehören werde.“ steht da, glaube ich.

Zumindest gehöre ich heute nicht zu den Gewinnern. Oder doch?  Das Zeug im Trog ist das, was von sechs Jahren Arbeit übrig geblieben ist. Früher waren die lieblos aus den Aktenordner gerissenen Blätter Gutachen, Vermerke, Machbarkeitsstudien, Aufträge, Gegengutachten, wissenschaftliche Berichte, Fachartikel, Vorstudien zu Evaluationen, Stellungnahmen, Protokolle, Präsentationen, Reden, Broschüren, Tabellen, Zeitschienen, Projektanträge, Finanzierungskonzepte….  Jetzt ist alles nichts.  Acht Stunden und 12 Minuten am Tag, fünf Tage die Woche habe ich Papier voll geschrieben, Mails verschickt und in Meetings mit den Kollegen gestritten. Die Vorgesetzten haben sich gegen uns entschieden. Das Projekt haben am Schluss andere gemacht. Heute hat es die letzte Hürde genommen. Die Kollegen genießen ihren Erfolg. Sie kommen entspannt den Gang entlang geschlendert, sehen mich mit meinen Kartons und fragen freundlich, wo es hin geht. „Ach, wieder was mit Schreiben? Das können Sie doch gut. Da müssen Sie sich nicht so mit den Details befassen.“ Die Hand zum Abschied geben Sie mir nicht.

Wäre ich in den schechs Jahren nicht drei Mal Vater geworden, ich glaube, ich wäre heute wirklich traurig.

Letzte Reise

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Alle waren gegangen: Der Pfarrer zuerst, dann die Nachbarn, die Schulfreundinnen, die Geschwister, die Enkel und zuletzt die Kinder. Nur er stand da noch auf dem abgetretenen Rasenstück. Stand ganz allein da, am offenen Grab meiner Mutter und fragte schüchtern: „Kennst du mich noch?“ Ein schmaler Mann mit grauem Lodenmantel, grünem Kragen, grüner Krawatte. Die blassen Backen waren von feinen roten Adern  durchzogen.

Ich erkannte ihn an seinem feinen, unsicheren Lächeln, bei dem die Oberlippe stets die Zähne bedeckt. Er hat sich immer seiner Zähne geschämt.“Joachim!“ Wir fielen uns in die Arme. Ich war wirklich froh, ihn zu sehen, froh, dass er den ersten Schritt gemacht hatte, froh, mich nicht mehr fragen zu müssen, warum ich am Grab meiner Mutter nichts fühlte.  Dreißig Jahre lang hatte ich immer den Gedanken: „Du müsstest doch mal bei Joachim vorbei gehen,“ wenn ich meine Eltern besuchte. Aber so recht wollte ich nicht. Denn ich hatte das Gefühl, dass ich damals unsere Freundschaft verraten hatte. Aber was heißt schon Freundschaft, wenn man 15 ist? Wir kamen aus dem gleichen Ort, gingen woanders in die Realschule und die 10 Kilometer da hin fuhren wir mit unseren Mopeds. Das reichte. Nachmittags gab es wenig, was mich nach Hause zog, und so hingen wir bei Joachim ab. Er war Einzelkind, lebte in einer etwas heruntergekommen Villa mit Rheinblick aus den 50er Jahren bei seinem Großvater. Eltern hatte er auch, aber die waren getrennt. Ich kannte nur seinen Vater, der mit einem goldenen Mercedes-Cabrio unterwegs war und sich sonst um wenig kümmerte. So bleib er bei dem bäurisch-groben Alten, der stets Jägertracht trug und sein Fuhrunternehmen wie auch seine Familie nach Gutsherrenart führte. Joachims Reich war im Dachgeschoss und das Tollste für mich war, dass er einen Plattenspieler hatte, wir Beach Boys hören konnten und dabei  von der Haushälterin Schnittchen mit Schinken und Majonäse nach oben gebracht kriegten. Das ist für mich auch heute noch der Inbegriff von Luxus. Was ich damals nicht richtig verstand war, dass Joachim trotzdem lieber mit zu mir nach Hause kam. Ich war mir sicher, das er was von meiner quirligen Schwester wollte, die er auf seine altmodische, wohlerzogene Art ansprach. Aber meine Schwester vertraute mir an, dass er vor allem froh war, in einem Haus zu sein, in dem eine Familie lebte, sich alles um den Küchentisch drängte und wo es auch mal laut wurde. Als wir die Mittlere Reife hatten, wurde er Industriekaufmann, ich ging aufs Gymnasium. Ich hatte neue, aufregende Freunde,  Joachim ging auf die Jagd. Er rief immer mal wieder an, aber ich hatte Wichtigeres zu tun, musste Flugblätter schreiben und vor dem Atomkraftwerk demonstrieren. Joachim war mir ein wenig langweilig geworden. Aber als wir 18 waren und den Führerschein hatten, tauchte er plötzlich mit einer nagelneuen 250er Yamaha bei mir auf. Er nahm mich mit ins Allgäu, wo sein Großvater eine Jagdhütte hatte. Das Einzige, woran ich mich erinnere ist, dass ich dann bei den Wanderungen in seinen heiligen Bergen Freiheitslieder von Bob Marley gröhlte, um nur ja nicht in den Verdacht zu kommen, ein normaler Wanderer zu sein. Danach ging er zum Bund und ich wurde Zivi und wir haben uns nicht mehr gesehen. Beim Beerdigungskaffee sagt er mir: „Ich erinnnere mich noch an jede Station unser Reise“.

Nach Hause fahren

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Es war immer Wagen 32, es war immer Bahnsteig 13, wenn ich nach Hause fuhr. Ich wusste schon, wo ich mich hinstellen musste, wo ich mir vor der Abfahrt noch schnell was Süßes für die Reise holen konnte und was zu Lesen. Immer die Kopfhörer dabei, meines Vaters alte Stullenbüchse und die Freude auf fünf Stunden im ICE jenseits von Zeit und Raum. Wach bleiben bis Spandau, dann brav dem Schaffner Bahncard und Ticket vorzeigen und dann bei 200 Km/h schlafen bis kurz vor Wolfsburg. Schlafen und weggetragen werden von allem was ich mir in Berlin aufgebaut und wieder verloren habe. Hin zu dem, was es schon immer für mich gab. Meine Eltern, ihr Haus, meine Schwester, den Rhein. Einen Kaffee holen und lesen bis ich in Köln umsteigen musste. Das war mein  Ritual.

Diesmal ist es Wagen 31 und der Zug fährt im Tiefbahnhof ab. Und überhaupt ist diesmal alles anders. Im Haus meiner Eltern wartet keiner mehr auf mich. Kein Vater mit seiner spöttischen Frage „Na, was habt ihr euch wieder ausgedacht in Berlin?“ Keine Mutter, die fette Rinderbrühe, Kartoffelsalat und Würstchen vorbereitet hat, und die erst gar nicht fragt, ob ich Hunger habe. Statt dessen holt mich meine Schwester vom Bahnhof ab. Wir fahren schweigend zum Haus. Es ist dunkel,  als sie die Tür aufschließt. Statt nach Essen und überheiztem Rentner-Wohnzimmer riecht es muffig und klamm. Seltsam, diese Stille. Wir packen ein paar Sachen für meine Mutter ein, und machen uns auf in die Reha-Klinik. Vor zwei Wochen war sie in ihrer Küche gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen. Mit einem Besen hatte sie gegen die Heizung geschlagen, bis die Nachbarn sie hörten. Seitdem hat sie ein neues Hüftgelenk. Das Krankenhaus hat sie nicht mehr nach Hause gelassen und gleich in die Reha geschickt. Die Klinik präsentiert sich als prächtiger Gründerzeitbau. Doch das ist Fassade. Über verwinktelte Treppenhäuser kommen wir in einen heruntergekommenen funktionellen Block aus den 70er Jahren. Lange, einsame Flure mit gelben Rauhfasertapeten und dunkelbraunen Türen. Das Zimmer meiner Mutter ist das letzte auf dem Gang.

„Holt mich hier raus. Ich fühle mich so schwach, es wird jeden Tag schlimmer“, ist das erste, was ich von ihr höre, als ich mich zu ihr ans Bett setze. Sie sieht grau aus, abgemagert und wirklich verzweifelt. Meine Schwester dreht die Augen nach oben. Sie kümmert sich seit Jahren um meine Mutter und kennt ihre Launen und ihre Klagen. „Lass uns doch erst mal hören, was der Arzt heute sagt.“, versuche ich meine Mutter zu beruhigen. Doch meine Schwester kennt sie besser. Sie fängt an über ihren Garten zu reden, über die Nachbarn und über den Friseur, zu dem sie sie schicken will, wenn das alles hier vorüber ist. Nach einer halben Stunde hat sie es geschafft. Unsere Mutter lacht mit uns und isst auch wieder etwas. Ein gutes Zeichen.

Der Arzt kommt sehr leise in das Zimmer. Er ist jung, ein bisschen schäbig gekleidet und spricht gedämpft mit polnischem Akzent, so dass ich ihn kaum verstehe. Nein, sagt er, er werde meine Mutter nicht in ein anderes Krankenhaus verlegen, nein, er werde auch keine Ausnahmen machen und wenn sie nicht an den Therapien teilnehmen könne, weil sie sich zu schwach fühle, dann müsse er sie eben entlassen. Ich fange an mich für meine Mutter in die Bresche zu werfen. Von den Aufgaben der Rehabilitation spreche ich und von den Aufgaben des Arztes, die Ursachen der Schwäche zu finden..- ich habe beruflich mit dem Thema zu tun, und das merkt der stille Arzt. Er winkt mich zu sich und deutet mit einem Finger auf den Röntgenbefund aus dem Krankenhaus. Von einer verdichteten Stelle in der Lunge steht da etwas und dann steht da noch“stark Metastasenverdächtig“. „Ich glaube, dass das eine Ursache für die Schwäche ihrer Mutter sein kann“, sagt er. Und diesmal verstehe ich jedes Wort. Vor einem Jahr ist mein Vater an Krebs gestorben, jetzt geht es also wieder los. Ich schaue meine Schwester an, und sie nickt. Deswegen hat sie also mit meiner Mutter über einen Platz im Pflegeheim gesprochen. Ihr Haus, in dem sie geboren ist, wird meine Mutter also nicht mehr wiedersehen.  Als der Arzt gegangen ist, muss ich zum Zug. Wir wünschen uns eine frohe Weihnacht.

 

 

Rabimmel Rabammel

Die Fahrstuhltür geht auf und plötzlich ist da dieser Duft. Ich weiß nicht wie er zustande gekommen ist und wann ich ihn das letzte Mal gerochen habe, aber mit einem Mal bin ich wieder in der Grundschule und stehe in der Schlange für die Milchspeisung. Für ein wöchentliches Milchgeld bekamen wir täglich ein kleines Päckchen Milch mit Strohhalm und diese Milch war warm, aufgewärmt mitsamt dem Tetra-Pack, der aussah wie ein kleines Häuschen. Würde heute ja keiner mehr machen, wegen der Weichmacher, den Stabilisatoren oder sonstwelchem chemischen Bedrohungen für kleine Kinder, die sich beim Wärmen lösen, aber Mikrowelle gabs halt noch nicht. Und deswegen roch es in der ganzen Schule so, wie heute Morgen im Aufzug: Ein bischen chemisch, ein bisschen nach warmem Wachs und ein bisschen nach „au weia, ich hab das Milchgeld vergessen“. Ich war dankbar für die Blitzreise in meine Kurze-Hosen-Zeit. Warum? Weil gestern Martins-Tag war und ich gehofft hatte, rührseelige Jugenderinnerungen beim Laternenumzug mit meinen Jungs wachrufen zu können. Aber wie das so ist, wenn man das Glück erzwingen will: Es klappt nicht. Ich war extra früher von Arbeit weggegangen, um das, was mir aus meiner  Kindheit auf dem Dorf als heimeliges, ehrfurchtgebietendes Gemeinschaftserlebnis in Erinnerung war, gemeinsam mit meinen Jungs erleben zu können. Laut singend waren wir damals am Martinstag mit unserem Lehrer aus dem Dorf bergan gezogen, hinter einer Blaskapelle und dem respekabelen Gaul eines ganz echt aussehenden Sankt Martin. Die Lieder hatten wir natürlich geübt in der Schule. Und sie stimmten: „Dort oben funkeln die Sterne und unten funkeln wir.“ Es war wirklich dunkel, wir sahen die Sterne, keine Autos, keine Straßenbeleuchtung, nur vereinzelte Grablichter in den Fenstern, die vom Totensonntag übrig geblieben waren, für die Vermissten des Krieges, der damals erst 20 Jahre zu Ende war und für die Brüder und Schwerstern von drüben. Die Straße gehörte uns und den Laternen, von denen nicht alle oben ankamen, weil die Kerzen umkippten und die selbstgebastelten Kunstwerke aus Transparentpapier in Flammen aufgingen. Es wurde viel geheult. Besser dran waren da die großen Kinder, die sich gruslige Fackeln aus Futterüben geschnitzt und auf einen Besenstil aufgepflanzt hatten, damit konnten sie prima herumspringen und die Kleinen erschrecken. Auf dem Berg angekommen machte die freiwillige Feuerwehr das, was sie, neben Durst löschen, am liebsten machte: Feuer! Ein filigraner Turm aus Baumstangen, Sperrmüll und Autoreifen war da aufgetürmt und a ls wir ankamen,brannte er schon  licht zum Himmel empor. Sehr beeindruckt standen wir und warteten, bis alles knackend und funkensprühend in sich zusammenfiel.  Manchmal zogen einige besonders aufgekratzte Jungs einen brennenden Autoreifen aus der Glut und ließen ihn zu Tal rollen. Dann war alles vorbei, die Feuerwehr hielt Bandwache und wir gingen zurück zur Schule, wo es warmen Kakao und einen „Hirzemann“ mit Tonpfeife für jeden gab.

Und heute, oder beser: gestern? Gestern drückte ich meinen müden Jungs um fünf Uhr Nachmittags vor der Kita zwei Plastikstäbe in die Hand, an derern Ende eine Leuchtdiode funzelte. Daran hängten wir die selbsgebastelte Laterne (immerhin noch aus Transparentpapier) und machten uns auf dem hell erleuchteten Bürgersteig schweigend mit den anderen Kita-Kindern auf den Weg. Statt Blaskapelle gab’s eine einsame Posaune und statt Sankt Martin gabs ein Pony aus dem Kinderzoo. Vermengt mit Kinderwagen, Fahrradanhängern und verständnislosen Passanten zuckelte der Zug zum nächsten Stadtplatz. Dort gab es eine kleine Pause und der Posaunist gab sein Bestes. Aber keiner sang. Statt die Lieder mit den Kindern zu üben, hatten die Erzieherinnnen den Eltern einen Zettel mit den Texten in die Hand gedrückt, den natürlich im Halbdunkel keiner entziffern konnte. Ich schmetterte mit dem Posaunisten tapfer mein tief sitzendes „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“, textsicher bis zur letzten Strophe. Keiner sang mit. Statt dessen fragten mich einige Mütter, ob ich eine christliche Erziehung genossen hätte? (sie meinten wohl: in welchem Jahrhundert ich die Lieder gelernt hätte).  Zurück an der Kita drängte sich alles auf dem schmalen Hinterhof zwischen Kita und Kirche. Aus Lautsprechern schepperten Kinderchöre ein „Laterne, Laterne“ und dann hieß es noch eine halbe Stunde anstehen, bis die Kinder auch ihre Martins-Gans aus Zuckerkuchen bekommen hatten. Etwas abseits brannten in einer Eisenschale fünf Holzscheite, um die sich fünfzig Leute scharten. Auf dem Weg nach Hause fragte ich meine Jungs , was ihnen denn gefallen hatte beim Laternenumzug. „Das Pferd hat Kacka gemacht auf den Weg und Lasse ist reingetreten“, kam es promt zurück. Ich bin ja mal gespannt, woran sich meine Jungs erinnern, wenn sie in fünfzig Jahren einen Aufzug betreten, der nach frischen Pferdemist riecht.

Das Paradies, ein Garten

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Als sie den Motor ausgeschaltet hatte, bleiben wir schweigend sitzen. Die Sonne wärmt unsere Gesichter und spiegelt sich draußen im Fluß. Die Augen schließen und geschehen lassen, ein paar Minuten nur. Das Kind schläft in seiner Schale, schon die ganze Fahrt. Als es aufwacht, finden unsere sonnenblinden Augen nur langsam in die Wirklichkeit zurück. Es kommt uns wie Stunden vor. Der Hunger treibt uns ins erstbeste Café. Auf der Terasse kehren wir noch einmal in die gleißend weiße Welt hinter den geschlossenen Lidern zurück. Dann machen wir uns auf, den Domberg zu besteigen. Ein paar Beete am Weg, gelbe Bauernblumen und verblühende Rosen, erinnern uns daran, dass wir zwei Stunden gefahren sind, um eine Gartenschau zu sehen. Doch die Blumen drängen sich nicht auf, denn alles ist Sonnenlicht. Herbstlicht, das durch die grünen Blätter alter Bäume fällt und rote Backsteinmauern glühen läßt. In einem Obstgarten finden wir Gruppen alter Menschen in festlicher Stimmung. Eine Rede, gedämpfter Applaus und zustimmendes Lachen, als sie sich freundlich von ihrer Reiseleiterin verabschieden. Fast wie eine Familienfeier. Für einen Moment ist alles in Ordnung. Wir setzen uns auf eine Bank mit Blick auf die Altstadt. „Heidelberg, denke ich, „Philosophenpfad“. Wie oft bin ich als Student dorthin gepilgert, hab auf die Altstadt geblickt, auf die feuerroten Weinblätter an blassrosa Sandsteinen und hab gehofft, dass mein Leben endlich anfängt. Dass es endlich so wird, wie das der anderen.

Das Kind wird wach und an die Brust gelegt. Ein Mann läuft vorbei, die Arme in der Luft, Laute ausstoßend. Ein zweiter folgt. Die gleiche Kleidung, die gleiche Halbglatze. „Zwillinge“, sage ich, „taubstumm“. „Ja“, sagt sie, „manchmal danke ich, ich weiß nicht wem da oben, dass unsere zwei nichts haben.“ Wir schweigen wieder. Jetzt merke ich, wie schnell das Licht schwächer wird, wie jeder Sonnenstrahl schon ein Abschied ist. Ich habe Angst vor dem Winter. Wieder ein Winter mit hustenden Kindern, mit Fahrten zur Notaufnahme. Wir werden den Kindern wieder Antibiotika geben und uns gegenseitig die Schuld daran, dass es so weit kommen musste.

Mein Sohn ist mit dem Trinken fertig. Ich nehme ihn hoch. Er spuckt mir einen Schwall Milch übers Hemd. „Du hast ihn zu schnell hochgenommen“, sagt die Mutter. Wir streiten uns und gehen schweigend zurück. Auf der Rückfahrt schreit das Kind lange, bevor es auch in ein vorwurfsvolles Schweigen verfällt. Als wir zu Hause ankommen, ist es schon dunkel.

Blüten der Jugend

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Ist das nicht erschreckend? Von der Jugend holdem Traum bleibt einem nach fast 40 Jahren nur noch ein rotstichiges Photo-Porst-Bildchen mit runden Ecken. Kaum noch zu erkennen, der Junge mit der lockigen Mähne und den Cord-Schlaghosen. Der auf dem Nachttisch ein altes Röhren-Radio stehen hatte und auf der rauschenden Mittelwelle Nachrichten aus dem Reich des Bösen hörte: „Hier ist die Stimme Moskaus“, tönte es dunkel und verboten aus den Lautsprechern, während der Junge wie Wanja auf der Ofenbank schlafend seine Kräfte sammelte, für das Leben, das immer lauter an die Tür klopfte. Der sich vorbereitete auf den nächsten Streit mit den Eltern. Der bald danach auszog.

Was ist daraus geworden? Die Lockenpracht? Verweht. Das dunkle Reich Moskaus? Zerfallen. Der Jugend Blütenträume? Verblüht… Doch halt! Was red ich? Die blühend rosa Bettwäsche mit den Flower-Power-Blumenmuster, die mich schon mit 16 wärmte, ist es nicht die selbe unter der ich heute Morgen aufgewacht bin? Die selbe, die mir die Mutter gab, als ich auszog in die Welt? Die mich begleitet hat all die Jahre? Unter der so manche Liebschaft ihre Erfüllung fand- oder auch nicht? Möblierte Zimmer, Wohnheimwaben, WG’s, Altbaupaläste und Einliegerwohnungen – überall hin hab ich sie mitgenommen. Alle Frauen fanden sie scheußlich – ich hielt ihr die Treue. Vorsichtig rieche ich am dünn gewordenen Gewebe, ob sich nicht der Duft einer Liebesnacht darin gefangen hat. Nein, ich rieche nur mich, aber ich sehe strahlende Blumen.

Oh wie schön ist Ravensburg!

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Es ist eine dieser tropischen Nächte. Eine Nacht, in denen das Leben sich selber feiert. Eine Nacht, wie es sie nur in Berlin geben kann. Alle Fenster stehen offen. Es ist heiß, bis weit nach Mitternacht und jede Lebensregung ist öffentlich. Bis in den zweiten Hinterhof klingen die ungehemmten Stimmen der Feiernden im Vorderhaus, im Nachbarhaus und wahrscheinlich sogar aus dem Altersheim am Ende der Straße. Es ist ein An- und Abschwellen in allen Sprachen dieser Welt, ein Klingen von Gläsern und Gelächter, natürlich: Gelächter. Ausgelassenes, lebensfrohes, extatisches Gelächter. Dann plötzlich eine Pause, und in die Stille hinein brüllt der nächste Düsenjet im Anflug auf den nahen Flughafen. Ja, das ist Großstadt, das ist Leben, das ist der Wedding! Deshalb bin ich hierher gezogen! Gegen alle Vorbehalte, gegen alle Warnungen. Allerdings hatte ich damals noch gute Nerven, keine kleinen Kinder, und das unerschütterliche Vertrauen, dass der Hauptstadtflughafen am anderen Ende der Stadt termingerecht fertig würde. Darauf warte ich seit Jahren. Jetzt wäre ich froh, wenn ich noch Träume hätte. Aber für Träume brauche ich Schlaf und für Schlaf brauche ich Ruhe. Ruhe! Meine übernächtigten Augen irren in der Wohnung umher, finden das Puzzle, das meine Söhne heute stolz gebastelt haben und mein schlaftrunkenes Hirn macht daraus ein Paradies: Ravensburg! Du Stadt der Stille, du Hort der ordentlichen und friedliebenden Menschen! Alles ist sauber und ordentlich. Frohe, unaufgeregte Menschen finden ihr ihre Seeligkeit darin, den Müll zu trennen und ein Schwätzchen mit dem Müllwerker zu halten. Hier braucht man keine Rauschdrogen um glücklich zu sein. Nur ganz hinten und ganz versteckt gibt es eine Trinkhalle. Aber in Ravensburg werden die Trinker wahrscheinlich abends mit dem Müllauto vor die Stadttore gefahren, oder mit der Kehrmaschine ausgefegt. Damit Ruhe herrscht, wundervolle, himmlische Ruhe…

Nach einem viel zu kurzen, unruhigen Schlaf gehe ich am nächsten Morgen an überfüllten Müllcontainern vorbei zum Backshop in meiner Straße. Ich ordere ein Schokobrötchen. Die Besitzerin taxiert mich  kurz und mitfühlend: „Da braucht wohl einer Nervennahrung.“  Sie kennt ihre Nachbarn.

Halt durch

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Halt durch, tapferer alter Wetterladen!

Schon bald werden Sonnenschein und Hitze nur noch eine Erinnerung sein.

Dann werden feine Niesel fallen und schwer die Morgennebel aus den Flüssen steigen.

Verschwunden sind dann die leicht Bekleideten von den Ufern der Seen.

Eingehüllt in deine Öljacken werden wir schweigend am Wasser stehen:

Missmutig wie immer, aber endlich wieder in unserem Element.