Jeht schon

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Der fette Typ sitzt auf meinem Platz. Dreckiges Lachen, dreckige Jogginghose und ein Plautze, die zu den Knien reicht. So ein Typ, denke ich, der den Tag rauchend und feiste Sprüche klopfend verbringt – auf meinem Platz. Mein Platz, draußen vor dem türkischen Back-Shop, meine Rettungsinsel in Tagen der Elternzeit. Seit einem Monat schiebe ich jeden Morgen halb Neun meinen Jüngsten durch den Kietz bis er einschläft. Und kaum hat er die Augen zu, steuert Vattern zum Türken, um sich den ersten Kaffee des Tages zu gönnen, die Augen zu schließen und die viel zu kurze Nacht zu vergessen. Wenn die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht wärmen, kann ich endlich entspannen. Allein! In Ruhe! Und jetzt dieser Typ. Ich setze mich neben ihn, so, dass ich in nicht ansehen muss, tue so, als würde ich den Kinderwagen schaukeln. Aber ich höre ihn. Er atmet schwer, hustet mit seiner Zigarette – widerlich. Die hübsche Backwaenverkäuferin, die mich immer mit einem grimmigen Blick mustert, kommt zu uns heraus. Sie wechselt ein paar Worte mit dem Dickwanst. Die beiden haben ein Geheimnis, das sehe ich aus den Augenwinkeln. Und der Dicke hat neue Informationen für sie. Sie lächelt, verschwindet, kommt noch mal raus, lacht und verschwindet wieder. Neid und Neugier wallen in mir auf. Was hat er, was ich nicht habe? Ich muss es wissen und fange ein Gespräch an. Was er mit „der Kleenen“ hat, verrät er mir nicht, aber dass er sich Kindern auskennt. „Is immer jut, wenn die Jörn schlafen,“ schnauft er mit Blick auf meinen Kinderwagen. Er schweigt wieder. Ist wohl doch keiner von den Schwätzern, die einem in fünf Minuten ihr Leben erzählen und Gott und die Welt für ihr Elend verantwortlich machen. Ich muss bohren. Das kann ich gut. Ja, Frührentner ist er, nach 40 Jahren Arbeit, erst Heizer, dann Eisengießerei. „Hab mer die Knochen kaputt jemacht und die Lunge ooch. 500 Euro krieg ich und muss ooch noch zum Sozialamt loofen. Aba jeht schon.“ Ich bekomme Ehrfurcht vor diesem ehrlichen Arbeiter, diesem alten Weisen. Meine Rente wird deutlich höher sein, obwohl ich keine 40 Jahre gearbeitet habe und meine Knochen heile sind. Trotzdem hab ich Angst, es könnte nicht reichen. Warum eigentlich? Ich muss los. Der Alte sitzt in der Sonne, ich gönne ihm die einfache Freude. Ich hab noch ein paar Stunden vor mir mit meiner süßen Last. Auch nicht immer einfach. Aba jeht schon…

Der Himmel kann warten

Guzzi

Wenn ich jetzt stürbe, es wär der rechte Augenblick. Zwischen blühenden Apfelbäumen und strahlenden Rapsfeldern würd ich auf dem Rücken meiner schönen Italienerin mit 80 Sachen und die Hand am Gasgriff hinübergleiten von einem Himmelreich ins andere. Lieber sterben, als dieses Glück zu Ende gehen zu lassen. Lieber sterben als heute noch nach Berlin zurückkehren zu müssen.

Mit 80 Sachen und der richtigen Drehzahl über eine sich leicht windende Landstraße zu tuckern. Eine leere Landstraße, die ich gefunden habe, weil ich auf gut Glück mal von der hundertmal abgenudelten Hauptstraße abgebogen bin, weil mich gerade eine Entdeckerlust gepackt hat, die ich noch nicht kannte als ich losgefahren bin. Die dröhnenden Horden der Wochenend-Höllenengel auf ihren schwarzen Harleys, die mir seit Berlin in den Ohren lagen, hab ich abgehängt. Und weils mir gerade danach ist, biege ich aufs Geratewohl in eine noch kleinere Straße ein, die meine Karte gar nicht mehr kennt. Eine Sorglosigkeit erfüllt mich, die aus dem blauen Himmel gefallen sein muss. Die Straße wird einspurig und endet an einem Gutshaus, das an einem Kanal liegt. No paseran?- Nicht für mich. Ich fahr rauf auf den Treidelpfad. Niemand außer mir und den Bäumen zur Linken, dem stillen Wasser zur Rechten und dem weiten Himmel über mir. Ich hab mehr als genug PS unter mir, aber in diesem Moment reicht es, in aller Ruhe von einem Dorf zum andern zu knattern, wie einst Don Camillo mit Pepone.  Ich finde eine Brücke, rumple über die Holzbohlen und komme – auf eine Allee. Natürlich eine Allee, ich bin in Brandenburg. Aber diese Allee habe ich für mich alleine. Für Kilometer denke ich gar nichts mehr, überlasse mich dem Blütenmeer der Bäume, dem Motor, der ruhig wie ein Schiffsdiesel vorwärts stampft und dem Geflacker von Licht und Schatten. „Riding a motorcyle, my friend Keith says, is good Zen practice. Motorcycling teaches mindfulness—the focusing of attention on immediate experience and awareness of the mental and emotional processes going on inside.“ Das ist von klugen Amerikanern geschreiben, die sich Gedanken über die Gefühle beim Motorradfahren gemacht haben. Und was ist los bei mir- inside? Gar nichts! Keine Gedanken, keine Angst, keine Wut – Nichts! Und das ist das Wunderbare.  Ich habs mit Yoga versucht, mit Karate und Meditation. Nichts macht bei mir den Kopf so frei wie eine Motorradtour auf der ich mich treiben lassen kann. Na ja, vielleicht noch ein 200-Kilometer-Ritt über die Autobahn bei 10 Grad und Nieselregen. Da ist es dann eher die Gefahr, die Konzentration, die ich brauche um nicht von der Bahn abzukommen, die andere Gedanken erst gar nicht aufkommen lässt. Beides zusammen: Das Treibenlassen und die Konzentration – das macht es aus. Denn kann es wahres Glück geben ohne Leid? Kann die Sonne genießen wer nicht vorher kalte Kilometer im Regen ausgehalten hat?
Es ist nicht ganz leicht runter zu kommen von dem Tripp. Aber bisher ist es mir noch immer gelungen, wieder auf die Erde zu kommen.  Wenn am Ende der Straße  mein Eiscafe wartet, wenn meine Jungs sich freuen, dass ich wieder da bin, dann kann mir der andere Himmel noch ein Weilchen gestohlen bleiben.

Zum Schluss noch der schönste Film, der seit Easy Rider über das Motorradfahren gedreht wurde. Es war ursprünglich eine Jeans-Werbung, aber seis drum.

 

 

Stadt der Engel

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Berlin ist die Hauptstadt der Einsamkeit. Wohin ich auch schaue, einsame, traurige Menschen. Nirgends in Deutschland leben mehr Menschen allein, nirgends gibt es so viele Singlepartys, Speeddatings und Kuschelseminare. Der Berliner sehnt sich nach Kontakt. „Jeder hat n Hund, aber keinen zum Reden, “ singt Peter Fox in seiner Hymne auf die Hauptstadt. Da hat er Recht.

Zum Glück bin ich nicht allein in Berlin. Ich habe viele Freunde. Freunde an jeder Ecke, auf allen Wegen und selbst in der Nacht. Sie begleiten mich wohin ich auch gehe, sie kümmern sich darum, dass ich gute Laune habe und es vergeht kein Tag, an dem zwei oder drei von ihnen treffe.

Schon am Morgen, wenn ich mich, noch nicht ganz wach, auf mein Fahrrad schiebe und mürrisch Richtung Arbeit ächze, wenn ich noch nich weiß, woher ich die Kraft nehmen soll, um bis zu meiner ersten Tasse Kaffee zu überleben, ist einer meiner Freunde zur Stelle. Gleich an der ersten Kreuzung, an der ich warten muss, schleicht er sich von hinten an (Sie kommen immer von hinten), sieht, dass ich eine Aufmunterung brauche, neckt mich mit seinem Blaulicht und schaltet dann direkt neben meinem Kopf sein Martinshorn an. Heißa, bin ich dann wach! „Danke, Freund“, denke ich, „das hat mir heute noch gefehlt.“Doch der Freund wartet nicht, bis ich mich bei ihm bedanke, sondern braust blinkernd und zwinkernd um die Ecke zum Virchow-Klinikum. Ich habe dann genug Adrenalin im Blut, um den Weg zum Büro im Fluge zu meistern.

Abends das gleiche Spiel. Nach sinnlosen Sitzungen oder einem Tag vor dem Computer sind meine Akkus leer und meine Nerven dünn wie Porzellan. Meine Freunde machen sich Sorgen und versuchen mich aufzumuntern. Oft fahren sie auf der Straße „Unter den Linden“  eine blaulichtbewehrte Eskorte von Polizeimotorrädern auf, um mich zu erfreuen. Ich liebe Motorräder! Und ich liebe es, eine Viertelstunde zu warten, bis auch die letzte Staatskarosse vom Hotel Adlon losgefahren ist und der letzte Polizist in seinem Lurchianzug die Straße freigegeben hat, bis ich loshetzen kann, um meine Kinder aus der Kita abzuholen. Und sollte das mit dem Staatstheater mal nicht klappen, holen mich meine Freunde spätestens in der nächsten engen und besonders schön hallenden Straßenschlucht ein, um mir auf dem Weg zur Charité einen Gruß zur blauen Stunde  zu schicken. Auch nachts schlafen meine Freunde nicht. Egal ob sie zu einer Messerstecherei in die Shisha-Bar im Vorderhaus gerufen werden, oder ob besorgte Menschen den Entstörungsdienst der Gasag gerufen haben, nie vergessen meine Freunde, mir einen fröhlich tönenden Gruß durch die hoffnungslos überforderten Doppelglasfenster zu schicken. Ich schlafe dann zwar nicht mehr, aber ich verbringe die Nacht in der Gewissheit: Ich bin nicht allein.

In solchen Nächten mache ich mir manchmal tiefe Gedanken. Ist es wirklich wahre Freundschaft, die mich mit den Menschen verbindet? Kann die Freundschaft zwischen Menschen wirklich von Dauer sein, oder ist es nur Jesus, der mich wirklich immer liebt? Schwer drücken mich solche Fragen am nächsten Tag, wenn ich nach dem  morgendlichen Kleinkrieg um ungeputze Zähne und zu warme Jacken meine Jungs in die evangelische Kita bugsiert habe. Kaum stehe ich nach vollbrachter Tat vor der Tür des Horts der schreienden Kinder, kaum hätte ich eine Minute, um das Klingeln in meinen Ohren wieder abklingen zu lassen, gibt mir das dröhnende Geläut der drei Bronzeglocken in der nahen Kirchenburg ein eindeuiges Zeichen. Schönen Dank auch, Jesus. Ja, ja, ich lieb dich auch.

Letzte Reise

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Alle waren gegangen: Der Pfarrer zuerst, dann die Nachbarn, die Schulfreundinnen, die Geschwister, die Enkel und zuletzt die Kinder. Nur er stand da noch auf dem abgetretenen Rasenstück. Stand ganz allein da, am offenen Grab meiner Mutter und fragte schüchtern: „Kennst du mich noch?“ Ein schmaler Mann mit grauem Lodenmantel, grünem Kragen, grüner Krawatte. Die blassen Backen waren von feinen roten Adern  durchzogen.

Ich erkannte ihn an seinem feinen, unsicheren Lächeln, bei dem die Oberlippe stets die Zähne bedeckt. Er hat sich immer seiner Zähne geschämt.“Joachim!“ Wir fielen uns in die Arme. Ich war wirklich froh, ihn zu sehen, froh, dass er den ersten Schritt gemacht hatte, froh, mich nicht mehr fragen zu müssen, warum ich am Grab meiner Mutter nichts fühlte.  Dreißig Jahre lang hatte ich immer den Gedanken: „Du müsstest doch mal bei Joachim vorbei gehen,“ wenn ich meine Eltern besuchte. Aber so recht wollte ich nicht. Denn ich hatte das Gefühl, dass ich damals unsere Freundschaft verraten hatte. Aber was heißt schon Freundschaft, wenn man 15 ist? Wir kamen aus dem gleichen Ort, gingen woanders in die Realschule und die 10 Kilometer da hin fuhren wir mit unseren Mopeds. Das reichte. Nachmittags gab es wenig, was mich nach Hause zog, und so hingen wir bei Joachim ab. Er war Einzelkind, lebte in einer etwas heruntergekommen Villa mit Rheinblick aus den 50er Jahren bei seinem Großvater. Eltern hatte er auch, aber die waren getrennt. Ich kannte nur seinen Vater, der mit einem goldenen Mercedes-Cabrio unterwegs war und sich sonst um wenig kümmerte. So bleib er bei dem bäurisch-groben Alten, der stets Jägertracht trug und sein Fuhrunternehmen wie auch seine Familie nach Gutsherrenart führte. Joachims Reich war im Dachgeschoss und das Tollste für mich war, dass er einen Plattenspieler hatte, wir Beach Boys hören konnten und dabei  von der Haushälterin Schnittchen mit Schinken und Majonäse nach oben gebracht kriegten. Das ist für mich auch heute noch der Inbegriff von Luxus. Was ich damals nicht richtig verstand war, dass Joachim trotzdem lieber mit zu mir nach Hause kam. Ich war mir sicher, das er was von meiner quirligen Schwester wollte, die er auf seine altmodische, wohlerzogene Art ansprach. Aber meine Schwester vertraute mir an, dass er vor allem froh war, in einem Haus zu sein, in dem eine Familie lebte, sich alles um den Küchentisch drängte und wo es auch mal laut wurde. Als wir die Mittlere Reife hatten, wurde er Industriekaufmann, ich ging aufs Gymnasium. Ich hatte neue, aufregende Freunde,  Joachim ging auf die Jagd. Er rief immer mal wieder an, aber ich hatte Wichtigeres zu tun, musste Flugblätter schreiben und vor dem Atomkraftwerk demonstrieren. Joachim war mir ein wenig langweilig geworden. Aber als wir 18 waren und den Führerschein hatten, tauchte er plötzlich mit einer nagelneuen 250er Yamaha bei mir auf. Er nahm mich mit ins Allgäu, wo sein Großvater eine Jagdhütte hatte. Das Einzige, woran ich mich erinnere ist, dass ich dann bei den Wanderungen in seinen heiligen Bergen Freiheitslieder von Bob Marley gröhlte, um nur ja nicht in den Verdacht zu kommen, ein normaler Wanderer zu sein. Danach ging er zum Bund und ich wurde Zivi und wir haben uns nicht mehr gesehen. Beim Beerdigungskaffee sagt er mir: „Ich erinnnere mich noch an jede Station unser Reise“.

Nach Hause fahren

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Es war immer Wagen 32, es war immer Bahnsteig 13, wenn ich nach Hause fuhr. Ich wusste schon, wo ich mich hinstellen musste, wo ich mir vor der Abfahrt noch schnell was Süßes für die Reise holen konnte und was zu Lesen. Immer die Kopfhörer dabei, meines Vaters alte Stullenbüchse und die Freude auf fünf Stunden im ICE jenseits von Zeit und Raum. Wach bleiben bis Spandau, dann brav dem Schaffner Bahncard und Ticket vorzeigen und dann bei 200 Km/h schlafen bis kurz vor Wolfsburg. Schlafen und weggetragen werden von allem was ich mir in Berlin aufgebaut und wieder verloren habe. Hin zu dem, was es schon immer für mich gab. Meine Eltern, ihr Haus, meine Schwester, den Rhein. Einen Kaffee holen und lesen bis ich in Köln umsteigen musste. Das war mein  Ritual.

Diesmal ist es Wagen 31 und der Zug fährt im Tiefbahnhof ab. Und überhaupt ist diesmal alles anders. Im Haus meiner Eltern wartet keiner mehr auf mich. Kein Vater mit seiner spöttischen Frage „Na, was habt ihr euch wieder ausgedacht in Berlin?“ Keine Mutter, die fette Rinderbrühe, Kartoffelsalat und Würstchen vorbereitet hat, und die erst gar nicht fragt, ob ich Hunger habe. Statt dessen holt mich meine Schwester vom Bahnhof ab. Wir fahren schweigend zum Haus. Es ist dunkel,  als sie die Tür aufschließt. Statt nach Essen und überheiztem Rentner-Wohnzimmer riecht es muffig und klamm. Seltsam, diese Stille. Wir packen ein paar Sachen für meine Mutter ein, und machen uns auf in die Reha-Klinik. Vor zwei Wochen war sie in ihrer Küche gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen. Mit einem Besen hatte sie gegen die Heizung geschlagen, bis die Nachbarn sie hörten. Seitdem hat sie ein neues Hüftgelenk. Das Krankenhaus hat sie nicht mehr nach Hause gelassen und gleich in die Reha geschickt. Die Klinik präsentiert sich als prächtiger Gründerzeitbau. Doch das ist Fassade. Über verwinktelte Treppenhäuser kommen wir in einen heruntergekommenen funktionellen Block aus den 70er Jahren. Lange, einsame Flure mit gelben Rauhfasertapeten und dunkelbraunen Türen. Das Zimmer meiner Mutter ist das letzte auf dem Gang.

„Holt mich hier raus. Ich fühle mich so schwach, es wird jeden Tag schlimmer“, ist das erste, was ich von ihr höre, als ich mich zu ihr ans Bett setze. Sie sieht grau aus, abgemagert und wirklich verzweifelt. Meine Schwester dreht die Augen nach oben. Sie kümmert sich seit Jahren um meine Mutter und kennt ihre Launen und ihre Klagen. „Lass uns doch erst mal hören, was der Arzt heute sagt.“, versuche ich meine Mutter zu beruhigen. Doch meine Schwester kennt sie besser. Sie fängt an über ihren Garten zu reden, über die Nachbarn und über den Friseur, zu dem sie sie schicken will, wenn das alles hier vorüber ist. Nach einer halben Stunde hat sie es geschafft. Unsere Mutter lacht mit uns und isst auch wieder etwas. Ein gutes Zeichen.

Der Arzt kommt sehr leise in das Zimmer. Er ist jung, ein bisschen schäbig gekleidet und spricht gedämpft mit polnischem Akzent, so dass ich ihn kaum verstehe. Nein, sagt er, er werde meine Mutter nicht in ein anderes Krankenhaus verlegen, nein, er werde auch keine Ausnahmen machen und wenn sie nicht an den Therapien teilnehmen könne, weil sie sich zu schwach fühle, dann müsse er sie eben entlassen. Ich fange an mich für meine Mutter in die Bresche zu werfen. Von den Aufgaben der Rehabilitation spreche ich und von den Aufgaben des Arztes, die Ursachen der Schwäche zu finden..- ich habe beruflich mit dem Thema zu tun, und das merkt der stille Arzt. Er winkt mich zu sich und deutet mit einem Finger auf den Röntgenbefund aus dem Krankenhaus. Von einer verdichteten Stelle in der Lunge steht da etwas und dann steht da noch“stark Metastasenverdächtig“. „Ich glaube, dass das eine Ursache für die Schwäche ihrer Mutter sein kann“, sagt er. Und diesmal verstehe ich jedes Wort. Vor einem Jahr ist mein Vater an Krebs gestorben, jetzt geht es also wieder los. Ich schaue meine Schwester an, und sie nickt. Deswegen hat sie also mit meiner Mutter über einen Platz im Pflegeheim gesprochen. Ihr Haus, in dem sie geboren ist, wird meine Mutter also nicht mehr wiedersehen.  Als der Arzt gegangen ist, muss ich zum Zug. Wir wünschen uns eine frohe Weihnacht.

 

 

Der Auftrag

Frauenfußball-historisch

c blog.ffc-fortuna.de

Es ist Sonntagmorgen kurz vor Neun, draußen ist es kalt und es gießt es in Strömen. Eigentlich das richtige Wetter und die richtige Zeit, um sich im Bett noch einmal umzudrehen. Aber unser Jüngster muss raus, im Kinderwagen, damit er endlich schläft, mindestens eine Stunde. In der Woche ist das der Job seiner Mutter, am Wochenende ist der Vater dran. Ehrensache. Sorgfältig bereite ich die Expedition vor. Wichtig bei allen Fahrten ins Ungewisse ist die richtige Kleidung. Schweigend ziehe ich die klobigen Doc-Martens-Stiefel an, rüste mich mit der amerikanischen Arbeiterjacke und ziehe zum Schluss die wollene englische Schirmmütze auf den Kopf. Jetzt weiß ich, dass mir Wind und Wetter nichts anhaben können, egal was mich draußen erwischt. „Willst du dir nicht eine richtige Jacke anziehen, mit Kapuze, bei dem Regen?“, werde ich von unberufener Seite gefragt. Woher will  das Weib wissen, was man in der Wildnis braucht? Wie man in Würde der Witterung widersteht? In wenigen Minuten werden mein Sohn und ich auf dem Weg in den Rehberge-Park sein! Allein, auf uns gestellt. Ich werfe ihr einen stummen Blick grimmiger Entschlossenheit zu, schnappe meinen Sohn und gehe. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

Draußen toben die Elemente. Der Wind peitscht mir den Regen ins Gesicht und schüttelt die letzten Blätter von den Ästen. Der Junge liegt wohl behütet unter seiner Plastikplane im Wagen und schläft sofort ein. Erster Teil des Auftrags erfüllt. Noch eine Stunde. Ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch, stecke mir ein Fishermans zwischen die Zähne und schiebe westwärts, wo die Bäume warten. Durch einsame Straßen stemmen wir uns dem Sturm entgegen, bis wir endlich die große Ebene des Parks erreichen. Die Wege haben sich in Schlamm und Wasser aufgelöst, der Wind peitscht die kahlen Bäume und ich halte Ausschau. Ein Jogger kommt uns mit athletisch keuchendem Atem entgegen, der Körper ist von der Anstrengung erhitzt,  die Regentropfen auf der gespannten Neopren-Haut scheinen zu verdampfen.  Ein Bild von Anmut und Stärke. Dann wieder Stille. Ich wate weiter durch die Wasserlöcher, kein Umweg, immer geradeaus. Meine Stiefel halten dicht. Alles läuft nach Plan. Aus der Ferne höre ich Kampfgeschrei. Gebrüllte Befehle, Ächzen, Jubel einer Menschenmenge und Seufzer der Enttäuschung. Ein Fußballspiel, bei diesem Wetter? Ungläubig schaue ich durch die Regentropfen auf meiner Brille Tatsächlich! Wackre Männer! Kraft der Jugend. Begeistert trete ich näher. Ja, wir Männer. Nur wir können uns so im Zweikampf vergessen, so die Witterung ignorieren, uns so unbesiegbar fühlen. Während das Weib am warmen Herde wirkt, wagt der Mann den Wettkampf mit dem Wetter. Ich hier mit meinem Sohn und drüben die Jungs auf dem Platz. Wir lassen uns nicht unterkriegen von so ein bisschen Regen und Wind. Begeistert nehme ich die Brille ab, um genauer schauen zu können. Ich blinzele, schaue nochmal und erkenne mehrere Spieler mit wippenden Pferdeschwänzen. Nochmal geschaut, und ich weiß, dass es zwei  Frauenfußballmannschaften sind, die dort ein Match austragen.

Nachdenklich  gehe ich weiter. Meine Jacke  ist nun endgültig durchweicht und ich sollte bald  zu Hause sein, sonst hole ich mir wieder eine Erkältung.

 

 

Rabimmel Rabammel

Die Fahrstuhltür geht auf und plötzlich ist da dieser Duft. Ich weiß nicht wie er zustande gekommen ist und wann ich ihn das letzte Mal gerochen habe, aber mit einem Mal bin ich wieder in der Grundschule und stehe in der Schlange für die Milchspeisung. Für ein wöchentliches Milchgeld bekamen wir täglich ein kleines Päckchen Milch mit Strohhalm und diese Milch war warm, aufgewärmt mitsamt dem Tetra-Pack, der aussah wie ein kleines Häuschen. Würde heute ja keiner mehr machen, wegen der Weichmacher, den Stabilisatoren oder sonstwelchem chemischen Bedrohungen für kleine Kinder, die sich beim Wärmen lösen, aber Mikrowelle gabs halt noch nicht. Und deswegen roch es in der ganzen Schule so, wie heute Morgen im Aufzug: Ein bischen chemisch, ein bisschen nach warmem Wachs und ein bisschen nach „au weia, ich hab das Milchgeld vergessen“. Ich war dankbar für die Blitzreise in meine Kurze-Hosen-Zeit. Warum? Weil gestern Martins-Tag war und ich gehofft hatte, rührseelige Jugenderinnerungen beim Laternenumzug mit meinen Jungs wachrufen zu können. Aber wie das so ist, wenn man das Glück erzwingen will: Es klappt nicht. Ich war extra früher von Arbeit weggegangen, um das, was mir aus meiner  Kindheit auf dem Dorf als heimeliges, ehrfurchtgebietendes Gemeinschaftserlebnis in Erinnerung war, gemeinsam mit meinen Jungs erleben zu können. Laut singend waren wir damals am Martinstag mit unserem Lehrer aus dem Dorf bergan gezogen, hinter einer Blaskapelle und dem respekabelen Gaul eines ganz echt aussehenden Sankt Martin. Die Lieder hatten wir natürlich geübt in der Schule. Und sie stimmten: „Dort oben funkeln die Sterne und unten funkeln wir.“ Es war wirklich dunkel, wir sahen die Sterne, keine Autos, keine Straßenbeleuchtung, nur vereinzelte Grablichter in den Fenstern, die vom Totensonntag übrig geblieben waren, für die Vermissten des Krieges, der damals erst 20 Jahre zu Ende war und für die Brüder und Schwerstern von drüben. Die Straße gehörte uns und den Laternen, von denen nicht alle oben ankamen, weil die Kerzen umkippten und die selbstgebastelten Kunstwerke aus Transparentpapier in Flammen aufgingen. Es wurde viel geheult. Besser dran waren da die großen Kinder, die sich gruslige Fackeln aus Futterüben geschnitzt und auf einen Besenstil aufgepflanzt hatten, damit konnten sie prima herumspringen und die Kleinen erschrecken. Auf dem Berg angekommen machte die freiwillige Feuerwehr das, was sie, neben Durst löschen, am liebsten machte: Feuer! Ein filigraner Turm aus Baumstangen, Sperrmüll und Autoreifen war da aufgetürmt und a ls wir ankamen,brannte er schon  licht zum Himmel empor. Sehr beeindruckt standen wir und warteten, bis alles knackend und funkensprühend in sich zusammenfiel.  Manchmal zogen einige besonders aufgekratzte Jungs einen brennenden Autoreifen aus der Glut und ließen ihn zu Tal rollen. Dann war alles vorbei, die Feuerwehr hielt Bandwache und wir gingen zurück zur Schule, wo es warmen Kakao und einen „Hirzemann“ mit Tonpfeife für jeden gab.

Und heute, oder beser: gestern? Gestern drückte ich meinen müden Jungs um fünf Uhr Nachmittags vor der Kita zwei Plastikstäbe in die Hand, an derern Ende eine Leuchtdiode funzelte. Daran hängten wir die selbsgebastelte Laterne (immerhin noch aus Transparentpapier) und machten uns auf dem hell erleuchteten Bürgersteig schweigend mit den anderen Kita-Kindern auf den Weg. Statt Blaskapelle gab’s eine einsame Posaune und statt Sankt Martin gabs ein Pony aus dem Kinderzoo. Vermengt mit Kinderwagen, Fahrradanhängern und verständnislosen Passanten zuckelte der Zug zum nächsten Stadtplatz. Dort gab es eine kleine Pause und der Posaunist gab sein Bestes. Aber keiner sang. Statt die Lieder mit den Kindern zu üben, hatten die Erzieherinnnen den Eltern einen Zettel mit den Texten in die Hand gedrückt, den natürlich im Halbdunkel keiner entziffern konnte. Ich schmetterte mit dem Posaunisten tapfer mein tief sitzendes „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“, textsicher bis zur letzten Strophe. Keiner sang mit. Statt dessen fragten mich einige Mütter, ob ich eine christliche Erziehung genossen hätte? (sie meinten wohl: in welchem Jahrhundert ich die Lieder gelernt hätte).  Zurück an der Kita drängte sich alles auf dem schmalen Hinterhof zwischen Kita und Kirche. Aus Lautsprechern schepperten Kinderchöre ein „Laterne, Laterne“ und dann hieß es noch eine halbe Stunde anstehen, bis die Kinder auch ihre Martins-Gans aus Zuckerkuchen bekommen hatten. Etwas abseits brannten in einer Eisenschale fünf Holzscheite, um die sich fünfzig Leute scharten. Auf dem Weg nach Hause fragte ich meine Jungs , was ihnen denn gefallen hatte beim Laternenumzug. „Das Pferd hat Kacka gemacht auf den Weg und Lasse ist reingetreten“, kam es promt zurück. Ich bin ja mal gespannt, woran sich meine Jungs erinnern, wenn sie in fünfzig Jahren einen Aufzug betreten, der nach frischen Pferdemist riecht.

Die Ruinen von oben ansehen

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Baum und Zeit ist eigentlich ein sehr poetischer Name dafür, dass ich mit hunderten Berlinern in einer Schlange mitten im Wald stehe, fast zehn Euro zahle, und mir dafür zerbröselnde Backsteinhäuser ansehen darf, die vom Wald überwuchert werden. Ich  frage mich: Was treibt mich, was die Leute aus der Stadt hier her? Es hat sich ja einiges getan in der Hauptstadt in den letzten 25 Jahren und aus manchem zerfallenen Ziegelhaufen ist wieder ein respektables Haus geworden. Aber es sind im zernarbten Gesicht dieser Stadt immer noch genügend Ruinen aus allen Epochen der Geschichte übrig geblieben, um sich daran satt zu sehen, wenn man das denn mag.
Und ich mag das. Oder besser: Ich war besessen davon. Als die Mauer aufging, lebte ich in Heidelberg, wo ich mir eine Schlossruine mit tausenden japanischen Touristen teilen musste. Jeder historische Stein war hier angefasst, poliert und wieder so hingesetzt worden, dass er in das romantische Bild des Städtchens passte. Das ließ ein großes Verlangen in mir wachsen. Die Sehnsucht nach dem Unverfälschten, dem Liegengelassenen, den echten Zeugen vergangener Zeiten. Und wo war das einfacher zu finden als im Osten? Leere Fabriken in der DDR, alte Gutshäuser in Polen, Wehrmachtskasernen in Tschechien: Alles leer, verlassen und nur da für mich und die Freunde, die mit mir auf Spurensuche waren. Herrlich die Stille, wenn ich in ein solches Gebäude kam. Nur das Knirschen von zerbrochenem Glas und abgefallenem Putz war unter den Schritten zu hören, während sich die Räume zur Kulisse für mein Kopfkino verwandelten. Was war hier früher los? Rauschende Feste oder ödes Landleben? Despotische Hausherren oder Familienglück? Irgendwann kam dann immer das Gebrüll von Soldaten, das Rasseln von Panzern und das Geschrei von Kindern. Die Geschichten meines Vaters von Flucht und Vertreibung.  Und dann wieder Stille. Ich hörte Vogelgezwitscher, das Rauschen von Bäumen durch die zerschlagenen Fenster und spürte die Großzügigkeit der leeren Räume. Es war auch immer eine Einladung dabei, da zu bleiben, das zufällig Gefundene zu ergreifen, das Dornröschenschloss seinem Schlaf zu entreißen und mein Leben darin neu zu beginnen. Und jedes Mal wusste ich, dass ich das nicht schaffen würde. So blieb es bei kleinen Fundstücken aus meinen Entdeckungsreisen: Ein Aluminiumlöffel aus einem Gefängnis, eine schwere Gummijacke, die nach Fahrradreifen roch aus einer Glasfabrik, ein paar bunte Plastebecher aus einem Gutshaus, das zu einem Kinderferienheim geworden war.

Heute stehe ich über alledem- und zwar genau 25 Meter. Auf einem breiten Steg, der sich um ein Krankenhaus schlängelt, aus dessen Dach schon seit 1945 die Bäume wachsen blicke ich in die Vergangenheit. Der Steg schwankt unter den Besuchermengen, die sich in Baumwipfelhöhe in die beste Fotoposition bringen wollen. Weiter unten gibt es Bratwurst und Erbsensuppe und geführte Touren durch die Häuser, die jetzt durch stabile Sicherheitszäune vor ungebetenen Besuchern geschützt werden. Es gibt nichts mehr zu entdecken, ich kann gehen. Auf dem Weg zum Parkplatz schlage ich mich hinter eine Absperrung, weil ich mal pinkeln muss. Ein letztes Abenteuer.

Das Paradies, ein Garten

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Als sie den Motor ausgeschaltet hatte, bleiben wir schweigend sitzen. Die Sonne wärmt unsere Gesichter und spiegelt sich draußen im Fluß. Die Augen schließen und geschehen lassen, ein paar Minuten nur. Das Kind schläft in seiner Schale, schon die ganze Fahrt. Als es aufwacht, finden unsere sonnenblinden Augen nur langsam in die Wirklichkeit zurück. Es kommt uns wie Stunden vor. Der Hunger treibt uns ins erstbeste Café. Auf der Terasse kehren wir noch einmal in die gleißend weiße Welt hinter den geschlossenen Lidern zurück. Dann machen wir uns auf, den Domberg zu besteigen. Ein paar Beete am Weg, gelbe Bauernblumen und verblühende Rosen, erinnern uns daran, dass wir zwei Stunden gefahren sind, um eine Gartenschau zu sehen. Doch die Blumen drängen sich nicht auf, denn alles ist Sonnenlicht. Herbstlicht, das durch die grünen Blätter alter Bäume fällt und rote Backsteinmauern glühen läßt. In einem Obstgarten finden wir Gruppen alter Menschen in festlicher Stimmung. Eine Rede, gedämpfter Applaus und zustimmendes Lachen, als sie sich freundlich von ihrer Reiseleiterin verabschieden. Fast wie eine Familienfeier. Für einen Moment ist alles in Ordnung. Wir setzen uns auf eine Bank mit Blick auf die Altstadt. „Heidelberg, denke ich, „Philosophenpfad“. Wie oft bin ich als Student dorthin gepilgert, hab auf die Altstadt geblickt, auf die feuerroten Weinblätter an blassrosa Sandsteinen und hab gehofft, dass mein Leben endlich anfängt. Dass es endlich so wird, wie das der anderen.

Das Kind wird wach und an die Brust gelegt. Ein Mann läuft vorbei, die Arme in der Luft, Laute ausstoßend. Ein zweiter folgt. Die gleiche Kleidung, die gleiche Halbglatze. „Zwillinge“, sage ich, „taubstumm“. „Ja“, sagt sie, „manchmal danke ich, ich weiß nicht wem da oben, dass unsere zwei nichts haben.“ Wir schweigen wieder. Jetzt merke ich, wie schnell das Licht schwächer wird, wie jeder Sonnenstrahl schon ein Abschied ist. Ich habe Angst vor dem Winter. Wieder ein Winter mit hustenden Kindern, mit Fahrten zur Notaufnahme. Wir werden den Kindern wieder Antibiotika geben und uns gegenseitig die Schuld daran, dass es so weit kommen musste.

Mein Sohn ist mit dem Trinken fertig. Ich nehme ihn hoch. Er spuckt mir einen Schwall Milch übers Hemd. „Du hast ihn zu schnell hochgenommen“, sagt die Mutter. Wir streiten uns und gehen schweigend zurück. Auf der Rückfahrt schreit das Kind lange, bevor es auch in ein vorwurfsvolles Schweigen verfällt. Als wir zu Hause ankommen, ist es schon dunkel.

Heimat, die ich meine

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Ja, ich schreib jetzt auch mal was über den Herbst. Herbst auf dem Land, mit Kartoffelfeuern, Rübenstechen und Sankt-Martinsfeuer. Das war der Herbst in meiner Jugend. Und natürlich Pflaumenkuchen! Mit dickem Hefeboden, der von unten schon ein bisschen dunkel war. Im Garten meiner Großeltern stand ein Pflaumenbaum. Und das größte Glück meiner Großmutter war der erste Pflaumenkuchen (Quötschekooche, in ihrer Sprache). Und da sie zehn Kinder hatte und unübersehbar viele Enkel, war sie es gewöhnt, riesige Mengen zu backen. Das heißt: Wir konnten uns an Kuchen rund und satt fressen. Und nur so schmeckt mir Pflaumenkuchen. Als meine Eltern das Haus und den Garten übernahmen, war das Erste was mein Vater tat, den Pflaumenbaum zu fällen. Die Birke hinterm Haus auch. Alles was „Dreck macht“ musste weg. Das habe ich ihm immer übel genommen. Aber Pflaumen gab’s weiter. Von Nachbarn oder vom Markt. Und Kuchen auch. Auch wenn es nur noch für fünf reichen musste: meine Mutter ließ es nie bei einem Blech.

Und heute, Samstagnachmittag, zur besten Kaffetrinkenszeit, fällt mir das alles wieder ein. Ich bekomme ein riesiges Verlangen nach Pflaumenkuchen mit Sahne. Nun ist der Wedding sicherlich ein Ort, an dem man die exotischsten Genüsse gleich um die Ecke bekommen kann. Aber einen richtigen Bäcker, der einen Pflaumenkuchen so backt wie meine Oma? Von Gier getrieben wage ich das Unmögliche. Ich habe dafür nur eine Stunde und auch noch den Jüngsten im Kinderwagen dabei. Aber was soll’s, wenn die Triebe mit einem durchgehen? Erster Versuch: Die „Backstube“ in unserer Straße. Einer von den vielen kleinen Berliner „Back-Shops“. Die kroatische Besitzerin hat sich auf aufgebackene polnische Teiglinge spezialisiert. Blasse Brötchen, labbrige Croissants werden mit viel Liebe verkauft. Frischer Kuchen? Fehlanzeige. Weiter, am „Arabi Back“ mit seinen abgepackten, klebrigen Süßigkeiten vorbei zum Café Kibo, ein paar Häuser weiter. Es wird von fröhlichen Rumänen geführt, die ein wunderbares Eis herstellen. Auch Apfelkuchen. Aber Pflaumen? Wahrscheinlich werden sie in Rumänien alle gleich zu Slivowitz. Die Not treibt mich in den Nachbarkiez. Hier soll doch angeblich alles gentrifiziert werden. Vielleicht haben sie sich hier schon auf das neue Publikum eingestellt? Haben sie tatsächlich. Im türkischen Eckcafé, in dem ich mit meinen Jungs nach der Kita ab und zu mal ein paar trockene Kekse kaufe, hat man auch an die deutsche Kundschaft gedacht und bietet deutschen Kuchen an, Pflaumenkuchen sogar. Oder zumindest das, was man in Berlin dafür hält. Denn die Rache des Berliner Bäckerhandwerks an den zugezogenen Westdeutschen ist das was man hier „Blechkuchen“ nennt. Das ist etwas wofür man in Heidelberg oder Rosenheim einen Bäckermeister geteert und gefedert vor die Stadttore werfen würde. Blechkuchen geht so: In einem Aluminiumkasten, von etwa einem Meter Länge und zehn Zentimetern Höhe wird der immer gleiche, pappige Hefeteig gelegt. Das Ganze wird durch weitere Blechstreifen unterteilt. Dann werden in diese Abschnitte entweder Streusel oder klebrige Zuckerglasur aufgetragen. Wenn Obst ins Spiel kommt, wird es mit süßer Gelatine übergossen, die bis zum Rand des Kastens aufgefüllt wird… Da stehe ich nun, fast vor der Erfüllung meines Traumes, doch ich bringe es nicht über mich, mich mit in Tortenguss ertränkten Pflaumen zufrieden zu geben. Ich muss weiter, immer weiter, meinem Glück hinterher (das ist von Hans Albers. Goodbye Johnny). Cafés gibt es in diesem Kiez ja zur genüge. Aber die meisten haben verdunkelte Fenster und laden grimmig schauende junge Männer zum Glücksspiel ein. Dann gibt es noch die anderen, die außer ein paar Stühlen und einer Neonleuchte keine Einrichtung haben. Hier treffen sich alte Griechen, Türken oder Portugiesen. Einen Raki oder einem Aguadiente könnte ich hier bekommen, wenn man mich hineinließe. Aber das wäre ein schlechter Trost. Meine letzte Hoffnung ist das Bollwerk der Gentrifizierung: Die Bio-Company, die ich sonst meide wie die Pest. Aber wollten die Bios nicht immer das Obst und Gemüse der Saison anbieten? Dann haben sie im Herbst doch bestimmt auch den passenden Kuchen dazu. In der Kuchentheke so groß wie ein Flughafenterminal finde ich kleine Törtchen mit Himbeeren und Mango, die wahrscheinlich gerade in Costa Rica Saison haben. Aber Pflaumen aus Brandenburg? Ich weiß, warum ich hier nie hin wollte.

Geschlagen schlurfe ich die laute Müllerstraße zurück. Noch ein verzagter Blick an den Ort, wo bis vor kurzem eine Ableger einer Steglitzer Konditorei Erlesenes anbot. Ist jetzt türkisch und stellt feiste Sahnetorten aus, von allem ein bisschen zu viel. Doch bevor ich mich schwermütig in den nächsten U-Bahn-Schacht stürze, erscheint mir „Thobens Backwaren“. Ein billiger Berliner Kettenbäcker. Seine Filiale habe ich bisher immer hochmütig übersehen. Wer Schrippen für 9 Cent anbietet, kann doch nichts Ordentliches haben. Nichts Ordentliches? Ein Blech voll frischem Pflaumenkuchen, der in seiner Größe meiner Oma selig zur Ehre gereicht hätte. Na gut, er ist nicht ganz so saftig, aber er kostet ja auch nur 89 Cent das Stück. Ich nehm gleich zwei, und dick süße Sahne dazu. Und bevor der Sohn im Wagen aufwacht, bestell ich noch ein drittes.

In zwei Wochen fahr ich nach Hause. Meine Mutter wird 80. Ich werde ihr keinen Geburtstagskuchen mitbringen, ich werde mir einen wünschen…