Also heute Nachmittag in dem kleinen Eiscafe neben der Charité. Ich will mein Wochenende einläuten und den blauen Himmel mit einem Eis feiern. Da steht vor mir in der Schlange diese Berliner Musterfamilie. Er, Anfang 30, bisschen aufgedunsen, mit rasiertem Schädel unter so einem albernen Roger Cicero-Hut, Hosen hängen in den Kniekehlen, Kopfhörer um den Nacken… Typischer Hipster aus Mitte halt. Und natürlich ist das Töchterlein auf seinem Arm blond, hat Zöpfe und ein süßes rotes Mäntelchen an. Und die Mama dazu, so unglaublich geschmackvoll nachlässig gekleidet, dass es weh tut, tanzt lächelnd um ihren Goldengel herum. Und was bestellen sie? Natürlich Frozen Joghurt – das Trend-Eis von vor drei Jahren. Ich hab’s eilig – und die? Können sich nicht auf das Topping einigen, albern affektiert herum. Können sich die Affen nicht ne Bühne kaufen und sich draufstellen? Mann, gehen die mir auf die Nerven. Endlich bezahlt der Vater-Darsteller. Fingert ein bisschen ungeschickt mit dem Portmonee, weil seine Hand mit weißer Schlauchgaze verbunden ist. Ich schau noch mal hin und entdecke eine Kanüle unter dem Verband. Au weia! Stopp! Zurück! Halt! Ganz anderer Film! Das ist kein Affentheater, das ist ein Drama, das sich hier abspielt. Der Typ kommt natürlich aus der Charité, wahrscheinlich frisch von der Chemotherapie. Deswegen hat er auch keine Haare. Die sind nicht rasiert-die sind ausgefallen. Jetzt seh ich’s ganz deutlich. Oh Gott, deswegen die lauen Scherze mit seiner Frau. Er versucht seine verzweifelte Familie aufzuheitern, in einer kurzen Pause zwischen zwei sicher mörderischen Therapiesitzungen den beiden ein wenig die Beklommenheit zu nehmen. Und das Töchterchen? Weiß es schon, dass es vielleicht die letzten fröhlichen Stunden mit ihrem geliebten Papa sein können, bevor sie ihr Leben als Halbwaise verbringen muss, bei einer alleinerziehenden Mutter, die es kaum schafft, über den Verlust hinweg zu kommen und….? Und diese armen Menschen habe ich hochmütig gemustert, still verflucht und sie der Eitelkeit geziehen? Oh Mann, fühle ich mich schlecht. Als sie endlich aus meinem Blickfeld sind bestelle ich mir als Buße auch einen Frozen Joghurt mit einem extra sauren Topping.
Locke und Glatze

Der haarige, dunkle Mann wischt sich erst ein mal die Rotze von der Nase, schmiert sie mit der Hand an sein Kaputzenshirt und fragt: „Wie lang?“ Ich sitze in einen Stuhl gepresst, einen Umhang um meine Schultern, und etwas in mir sagt mir, dass ich am besten hier schnell verschwinden sollte. Aber das Gefühl hatte ich schon oft, und doch ist meistens alles gut gegangen – meistens. Die Neugier siegt über den Ekel und ich antworte mechanisch „Neun Milimeter“. Der Mann grunzt und legt los. Mit einem Gerät, das an einen Faustkeil erinnert, fährt er grob über meinen Schädel. Mein Kopf nickt und schwankt willenlos. Ich bin beim Frisör.
Jeden Monat einmal stürze ich mich dieses Abenteuer. Vom abgeschabten „Salon für den Herrn“ mit Wirtschaftswunderinterieur über die ungezählten türkischen oder arabischen Barbiere bis zu hippen Salons, die so kreative Namen wie „Ware Schönheit“ führen: Ich probiere die Haarkünstler in meinem Kietz aus. Friseurläden gibt es im Wedding noch häufiger als Handy-Shops, Spätis oder Dönerbuden – und das will was heißen. Und wenn ich etwas liebe, dann ist es mich in einem überreichen Angebot treiben zu lassen und die Vielfalt zu genießen. Angst verunstaltet zu werden habe ich dabei nicht. Mit dem Alter wächst nicht nur die Freifläche auf meinem Haupt, sondern auch der Wagemut. Und den brauche ich. Denn lange konnte ich keinen Friseurladen betreten, ohne schmerzhaft das kindliche Trauma zu spüren, das der Dorffigaro meiner Jugend in und auf meinem Kopf hinterlassen hat. Es trägt den Namen „Faconschnitt“. Das ist jene one-size-fits-all-Frisur der späten Sechziger, die bei mir immer dazu führte, dass sich meine Haare am Hinterkopf wie elektrisch aufgeladen in die Höhe stellten. „Sträußchen“ nannte das meine Mutter. Meine Schulkameraden hatten weniger schmeichelhafte Worte dafür. Nun sind die Zeiten vorbei, an denen ein Friseur an meinen Haaren etwas ge- oder verunstalten könnte. Vorbei auch die Zeiten, in denen ich mich darauf verlassen konnte, dass die Menschen, die mit Messer und Schere an meinem Kopf hantieren ihr Handwerk auf ordentliche Weise gelernt hatten. Heute darf das jeder. Aber das macht die Sache für mich erst richtig spannend. Schon mit der Art, mit der mir die Kreppapierkrause umgelegt wird, merke ich, ob der Haarkünstler in meinem Nacken in seinem vorherigen Beruf Schafe geschoren hat oder ob er sein Fach von der Pike auf gelernt hat. Wenig Hoffnung, heil aus der Sache raus zu kommen habe ich mittlerweile bei schlecht blondierten Damen, die ein 400-Euro Job in das Gewerbe gelockt hat. Sie schnippeln und schaben so lange hilflos auf meiner empfindlichen Haut herum, bis sie in meinem Nacken aussieht wie bei einem Ferkel mit Rotlauf. Aber was mich immer wieder für die kleinen Mißgeschicke entschädigt, ist das wohlige Gefühl, wenn ich an einen Meister gerate, der mit Liebe bei der Sache ist und mich für 8 Euro verwöhnt, als säße ich bei Udo Walz persönlich. Der das Rasiermesser (und eine frische Klinge) auspackt und die Übergänge fein säuberlich nacharbeitet, der sich um Ohren und Augenbrauen kümmert und mich vielleicht noch mit kühlendem Rosenwasser erfrischt. Wenn ich dann frisch frisiert auf die Straße trete, fühle ich mich wie ein gepflegter Mann von Welt. Viel zu schick eigentlich für den schäbigen Kietz.
Mittlerweile hat mein haariger Meister im Salon „Haarbibi“seine Arbeit wortlos beendet. So wie er meinen Kopf hin und hergeworfen hat, gehört er ganz eindeutig zu der Sorte „Schafscherer“ und ich ahne nichts Gutes. Ich bedeute ihm, den Spiegel von der Wand zu holen, damit ich sein Werk betrachen kann. Sieht gut aus, erstaunlich gut. Er merkt meine Zufriedenheit und sagt: „An der Seite habe ich 6 Milimeter gemacht, da sind die Haare dicker.“ Es gibt viele unentdeckte Künstler im Wedding.
Letzte Reise

Alle waren gegangen: Der Pfarrer zuerst, dann die Nachbarn, die Schulfreundinnen, die Geschwister, die Enkel und zuletzt die Kinder. Nur er stand da noch auf dem abgetretenen Rasenstück. Stand ganz allein da, am offenen Grab meiner Mutter und fragte schüchtern: „Kennst du mich noch?“ Ein schmaler Mann mit grauem Lodenmantel, grünem Kragen, grüner Krawatte. Die blassen Backen waren von feinen roten Adern durchzogen.
Ich erkannte ihn an seinem feinen, unsicheren Lächeln, bei dem die Oberlippe stets die Zähne bedeckt. Er hat sich immer seiner Zähne geschämt.“Joachim!“ Wir fielen uns in die Arme. Ich war wirklich froh, ihn zu sehen, froh, dass er den ersten Schritt gemacht hatte, froh, mich nicht mehr fragen zu müssen, warum ich am Grab meiner Mutter nichts fühlte. Dreißig Jahre lang hatte ich immer den Gedanken: „Du müsstest doch mal bei Joachim vorbei gehen,“ wenn ich meine Eltern besuchte. Aber so recht wollte ich nicht. Denn ich hatte das Gefühl, dass ich damals unsere Freundschaft verraten hatte. Aber was heißt schon Freundschaft, wenn man 15 ist? Wir kamen aus dem gleichen Ort, gingen woanders in die Realschule und die 10 Kilometer da hin fuhren wir mit unseren Mopeds. Das reichte. Nachmittags gab es wenig, was mich nach Hause zog, und so hingen wir bei Joachim ab. Er war Einzelkind, lebte in einer etwas heruntergekommen Villa mit Rheinblick aus den 50er Jahren bei seinem Großvater. Eltern hatte er auch, aber die waren getrennt. Ich kannte nur seinen Vater, der mit einem goldenen Mercedes-Cabrio unterwegs war und sich sonst um wenig kümmerte. So bleib er bei dem bäurisch-groben Alten, der stets Jägertracht trug und sein Fuhrunternehmen wie auch seine Familie nach Gutsherrenart führte. Joachims Reich war im Dachgeschoss und das Tollste für mich war, dass er einen Plattenspieler hatte, wir Beach Boys hören konnten und dabei von der Haushälterin Schnittchen mit Schinken und Majonäse nach oben gebracht kriegten. Das ist für mich auch heute noch der Inbegriff von Luxus. Was ich damals nicht richtig verstand war, dass Joachim trotzdem lieber mit zu mir nach Hause kam. Ich war mir sicher, das er was von meiner quirligen Schwester wollte, die er auf seine altmodische, wohlerzogene Art ansprach. Aber meine Schwester vertraute mir an, dass er vor allem froh war, in einem Haus zu sein, in dem eine Familie lebte, sich alles um den Küchentisch drängte und wo es auch mal laut wurde. Als wir die Mittlere Reife hatten, wurde er Industriekaufmann, ich ging aufs Gymnasium. Ich hatte neue, aufregende Freunde, Joachim ging auf die Jagd. Er rief immer mal wieder an, aber ich hatte Wichtigeres zu tun, musste Flugblätter schreiben und vor dem Atomkraftwerk demonstrieren. Joachim war mir ein wenig langweilig geworden. Aber als wir 18 waren und den Führerschein hatten, tauchte er plötzlich mit einer nagelneuen 250er Yamaha bei mir auf. Er nahm mich mit ins Allgäu, wo sein Großvater eine Jagdhütte hatte. Das Einzige, woran ich mich erinnere ist, dass ich dann bei den Wanderungen in seinen heiligen Bergen Freiheitslieder von Bob Marley gröhlte, um nur ja nicht in den Verdacht zu kommen, ein normaler Wanderer zu sein. Danach ging er zum Bund und ich wurde Zivi und wir haben uns nicht mehr gesehen. Beim Beerdigungskaffee sagt er mir: „Ich erinnnere mich noch an jede Station unser Reise“.
So wie ich?

Da lauf ich doch neulich am Gorki-Theater vorbei, und wen sehe ich? Mich! Wirklich? Na ja, nicht ganz. Was ich sehe ist ein Buchstabe aus dem kyrillischen Alpahbet. Den haben die von mir sehr geschätzten Theaterleute (wann war ich eigentlich das letzte Mal drin?) in das Logo ihres Hauses aufgenommen. GOЯKI schreibt sich der Musentempel. Erinnert ein bisschen an die Mode, die mit der westlichen Gorbatschow-Begeisterung Mitte der Achziger aufkam. In Überschiften, die mit der Sowjetunion zu tun hatten wurde gerne ein kyrillischer Buchstabe eingeflickt, der dem lateinischen ähnlich sieht, nur eben umgedreht. Gab meistens keinen Sinn, sah aber interessant aus. So auch hier. Ein bisschen keck wirkt das. Wir haben die großen Russen und das Licht, das aus dem Osten kommt nicht vergessen, sagt das. Und es kommt nicht so trotzig daher wie das „Ost“ auf der Volksbühne. Und um die gute Marke gleich für das Tochterunternehmen zu nutzen hat die Studiobühne des GOЯKI nicht den Namen „Maxim“ sondern den Namen „Studio Я“, also „Studio Ich“ oder „Studio Ja“, je nachdem wie man es lesen will. Dieses umgedrehte R bedeutet im Russischen nämlich „Ich“ und es spricht sich „Ja“.
Und nun komm ich wieder ins Spiel. Ist die wundervolle Vieldeutigkeit dieses Buchstabens nicht Ausdruck meines eigenen Seins? Beginnt nicht mein Vorname mit einem „R“ und bin ich nicht in den Augen anderer selbst völlig verdreht (mein Vater nannte mich immer Rechtsverdreher)? Und wurde mir nicht erst aus dieser Verdrehung ein lautes, lebensbejahendes „Я“ möglich? Möchte ich nicht auch das Land der Russen mit der Seele suchen? Und möchte ich mir nicht diesen wundervollen Buchstaben auf die Brust malen, ihn herzeigen und allen sagen: Seht her, das bin ich?
Oh Gott! Das ist doch unglaublich pubertär. Erinnert mich an die Zeit, in der alles Doppeldeutige eine tief verborgene, mystische Bedeutung hatte. In der ich mit der Erkenntnis Eindruck zu schinden versuchte, dass mein Vorname mit dem gleichen Buchstaben beginnt, mit dem mein Nachname aufhört und umgekehrt. Bin ich nie weiter gekommen, oder enwickle ich mich wieder dahin zurück?
Wenn ich mir das Я so anschaue, hängt es ziemlich alleine da, sozusagen zwischen allen Fenstern. Aber es gefällt mir so. Я, Я,das ist es wohl, was sich bei mir verändert hat.
Bahn frei!

„Die Jungs müssen noch mal raus.“, meint ihre Mutter sonntagnachmittags um drei. Und sie meint das ernst. Ich liege auf dem Bett, halb zugedeckt mit einem Kinderschlafsack, und blinzle aus dem Fenster in den langsam zu Ende gehenden Wintertag. In der Generation meines Vaters hätte man das, was ich mir gerade gegönnt habe, ein Nickerchen genannt. Ich schaue träge nach meinen Kindern, die zum hundersten Mal ihr Dino-Puzzle legen. „Lass sie doch“, versuche ich meine Hoffnung auf einen ruhigen Nachmittag zu verteidigen, „sie spielen gerade so schön.“ Aber ich weiß natürlich, dass die Mutter Recht hat. Wenn wir jetzt nicht vor die Tür kommen, haben wir in einer Stunde hier eine nölende Bande, die aufgedreht rumkrakelt und vom Sofa springt, bis der Hausmeister anruft. Aber wie kriege ich die Jungs dazu, sich in ihre Winterjacken zu zwängen, wenn das Draußen nichts anderes zu bieten hat als fahles Abendlicht und tauenden Großstadtschneematsch? „Wir könnten endlich mal den Schlitten rausholen.“, höre ich mich sagen und glaube es selber nicht. Der schöne Holzschlitten von den Großeltern steht seit drei Jahren im Keller und wird langsam morsch. Am Anfang waren die Jungs zu klein und dann war einfach kein Winter, oder der Winter war so klirrend, dass die empfindlichen Kindernasen hätten Schaden nehmen können, der dann durch wochenlanges Inhalieren wieder hätte abgebüßt werden müssen. Großstadtkinder halt. Aber heute ist es warm, lächerlich warm für einen Januar. Und der Schlitten ist nur ein Lockmittel um die träge Bande vor die Tür zu tricksen. Aber es klappt. Ehrfürchtig folgen sie mir in den Keller, wo wir den Schlitten zugebaut im hintersten Eck des Bretterverschlages finden. Wie ein unverhoffter Schatz wird er von den Jungs gemeinsam aus seinem Gefängnis befreit und nach oben gebracht. Und obwohl wir draußen auf den ersten Blick nur geräumte Straßen und schlammigen Streusand sehen, sind meine Jungs der festen Überzeugung, dass es jetzt mit dem Schlittenfahren los geht. Und tatsächlich finden wir bald einen Pfad, auf dem es noch genug festgetretenen Schnee gibt um den Schlitten in Schwung zu bringen. Die jungen Herren nehmen Platz, der Vater darf ziehen. Immer wieder unterbrochen vom metallischem Kreischen des Rollsplitts, das das Nahen einer geräumten Wegstrecke ankündigt, nähern wir uns dem Rehberge-Park. Kluge Landschaftsgestalter haben hier schon vor 90 Jahren ein paar Hügel angelegt, die zu nichts anderem gedacht gewesen sein könnnen, als winters der rachitischen Stadtjugend beim Rodeln ein paar frohe Stunden an der frischen Luft zu bescheren. Ich erwarte eine von tausenden hoffnungsfrohen Kindern schlammig getretene Wiese, auf denen die Kufen tiefe schwarze Scharten hinterlassen haben. Doch als wir in den Park einbiegen ist es still, kaum Mensch unterwegs. Vor uns breitet sich eine fast geschlossene, fast unberührte Schneedecke aus, die so hell ist, dass sie gegen den abendlich trüben Himmel wie künstlich beleuchtet wirkt. Wir erklimmen den ersten kleinen Hügel und ich lasse die Buben zum ersten Mal ein winziges Stück den Hang allein herunterrutschen. Meine sonst so ängstlichen Zwillinge quieken vor Vergnügen. Sie fallen um -und lachen, sie rollen sich den Hang hinunter- und lachen. Auf einmal wird mir bewusst: Ich bin gerade dabei, meinen Jungs das Schlittenfahren beizubringen… Etwas, was mein Vater nie hingekriegt hat, weil er immer weg war, etwas worüber ich mir viel Gedanken gemacht habe: Wann ist das Fahrradfahren dran, wann das Schuhebinden? Gebe ich meinen Jungs genug, bin ich ein richiger Vater? Jetzt bin ich mittendrin. Wir suchen uns einen steileren Hügel. Ich gebe kurze Anweisungen, wohin mit den Füßen, wohin mit der Schnur: und los!. Schlittefahren kann ich. Im Rheinland sind wir richtige Berge runtergerodelt. Die Kür waren alte Weinberge, weil man da über die Weinbergsmauern wie über eine Sprungschanze fliegen konnte: drei, vier, fünfmal hintereinander. Und wenn der Schlitten das überlebt hatte waren wir gleich wieder oben und riefen: Bahn frei!
Mittlerweile ist es richtig dunkel geworden. „Letzte Runde“, sage ich an, „traut ihr euch auch alleine?“ Beide nicken und verhandeln, wie üblich, wer zuerst darf. Und dann sausen sie beide akkurat den Hügel runter, ohne Juchzen dieses Mal, dafür sehr konzentriert. Ich packe sie auf den Schlitten und ziehe sie hinter mir her. Ich höre sie plappern und glucksen. Mein Herz wird weit.
Nach Hause fahren

Es war immer Wagen 32, es war immer Bahnsteig 13, wenn ich nach Hause fuhr. Ich wusste schon, wo ich mich hinstellen musste, wo ich mir vor der Abfahrt noch schnell was Süßes für die Reise holen konnte und was zu Lesen. Immer die Kopfhörer dabei, meines Vaters alte Stullenbüchse und die Freude auf fünf Stunden im ICE jenseits von Zeit und Raum. Wach bleiben bis Spandau, dann brav dem Schaffner Bahncard und Ticket vorzeigen und dann bei 200 Km/h schlafen bis kurz vor Wolfsburg. Schlafen und weggetragen werden von allem was ich mir in Berlin aufgebaut und wieder verloren habe. Hin zu dem, was es schon immer für mich gab. Meine Eltern, ihr Haus, meine Schwester, den Rhein. Einen Kaffee holen und lesen bis ich in Köln umsteigen musste. Das war mein Ritual.
Diesmal ist es Wagen 31 und der Zug fährt im Tiefbahnhof ab. Und überhaupt ist diesmal alles anders. Im Haus meiner Eltern wartet keiner mehr auf mich. Kein Vater mit seiner spöttischen Frage „Na, was habt ihr euch wieder ausgedacht in Berlin?“ Keine Mutter, die fette Rinderbrühe, Kartoffelsalat und Würstchen vorbereitet hat, und die erst gar nicht fragt, ob ich Hunger habe. Statt dessen holt mich meine Schwester vom Bahnhof ab. Wir fahren schweigend zum Haus. Es ist dunkel, als sie die Tür aufschließt. Statt nach Essen und überheiztem Rentner-Wohnzimmer riecht es muffig und klamm. Seltsam, diese Stille. Wir packen ein paar Sachen für meine Mutter ein, und machen uns auf in die Reha-Klinik. Vor zwei Wochen war sie in ihrer Küche gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen. Mit einem Besen hatte sie gegen die Heizung geschlagen, bis die Nachbarn sie hörten. Seitdem hat sie ein neues Hüftgelenk. Das Krankenhaus hat sie nicht mehr nach Hause gelassen und gleich in die Reha geschickt. Die Klinik präsentiert sich als prächtiger Gründerzeitbau. Doch das ist Fassade. Über verwinktelte Treppenhäuser kommen wir in einen heruntergekommenen funktionellen Block aus den 70er Jahren. Lange, einsame Flure mit gelben Rauhfasertapeten und dunkelbraunen Türen. Das Zimmer meiner Mutter ist das letzte auf dem Gang.
„Holt mich hier raus. Ich fühle mich so schwach, es wird jeden Tag schlimmer“, ist das erste, was ich von ihr höre, als ich mich zu ihr ans Bett setze. Sie sieht grau aus, abgemagert und wirklich verzweifelt. Meine Schwester dreht die Augen nach oben. Sie kümmert sich seit Jahren um meine Mutter und kennt ihre Launen und ihre Klagen. „Lass uns doch erst mal hören, was der Arzt heute sagt.“, versuche ich meine Mutter zu beruhigen. Doch meine Schwester kennt sie besser. Sie fängt an über ihren Garten zu reden, über die Nachbarn und über den Friseur, zu dem sie sie schicken will, wenn das alles hier vorüber ist. Nach einer halben Stunde hat sie es geschafft. Unsere Mutter lacht mit uns und isst auch wieder etwas. Ein gutes Zeichen.
Der Arzt kommt sehr leise in das Zimmer. Er ist jung, ein bisschen schäbig gekleidet und spricht gedämpft mit polnischem Akzent, so dass ich ihn kaum verstehe. Nein, sagt er, er werde meine Mutter nicht in ein anderes Krankenhaus verlegen, nein, er werde auch keine Ausnahmen machen und wenn sie nicht an den Therapien teilnehmen könne, weil sie sich zu schwach fühle, dann müsse er sie eben entlassen. Ich fange an mich für meine Mutter in die Bresche zu werfen. Von den Aufgaben der Rehabilitation spreche ich und von den Aufgaben des Arztes, die Ursachen der Schwäche zu finden..- ich habe beruflich mit dem Thema zu tun, und das merkt der stille Arzt. Er winkt mich zu sich und deutet mit einem Finger auf den Röntgenbefund aus dem Krankenhaus. Von einer verdichteten Stelle in der Lunge steht da etwas und dann steht da noch“stark Metastasenverdächtig“. „Ich glaube, dass das eine Ursache für die Schwäche ihrer Mutter sein kann“, sagt er. Und diesmal verstehe ich jedes Wort. Vor einem Jahr ist mein Vater an Krebs gestorben, jetzt geht es also wieder los. Ich schaue meine Schwester an, und sie nickt. Deswegen hat sie also mit meiner Mutter über einen Platz im Pflegeheim gesprochen. Ihr Haus, in dem sie geboren ist, wird meine Mutter also nicht mehr wiedersehen. Als der Arzt gegangen ist, muss ich zum Zug. Wir wünschen uns eine frohe Weihnacht.
Nach Hause telefonieren

Manchmal bin ich nett. Mindestens einmal im Jahr. Da denk ich an den Geburtstag meiner Schwester und schick ihr einen Strauß Blumen. Ich mach das nicht über’s Internet, nicht über Fleurop. Bisher ging das so: Ich nehme das Telefon und rufe ein paar Tage vorher bei der Gärtnerei in unserem Heimatstädtchen an. Ich nenne meinen Namen und den meiner Schwester und prompt kommt von der Gärtnerin die Frage: „Bess dau dem Jakobs Marie Seiner?“ Das Städtchen ist nicht groß, meine Mutter dort geboren und alle die Alten kennen sich untereinander. Dabei ist der Familienname egal. Als Eingeborener legitimiert man sich über die mütterliche Linie. Es herrscht das Matriarchat und der Dativ. Nachdem ich die Fragen nach dem Befinden der Frau Mutter und dem Verbleib sämtlicher Geschwister der Wahrheit gemäß beantwortet habe, ist das Geschäftliche eine reine Freude. Immer stärker ins heimische Platt und die rheinische Fröhlichkeit verfallend, besprechen wir die Details der Blumengabe (schön bunt) und der Lieferung. Der Rest ist Vertrauenssache. Keine Vorauszahlung, kein Pay Pal-Gedöns. „Ich schick Ihnen dann die Rechnung.“ Das ist alles und das rührt mich jedes Mal. Der alte Ernst Moritz weht mich an „… wo Eide schwört der Druck der Hand, wo Treue hell vom Auge blitzt und Liebe warm im Herzen sitzt… Ich weiß, das war schon 1813 Propaganda, aber es ist trotzdem schön, das noch erleben zu dürfen. Zumal es jetzt vorbei ist damit. Dieses Jahr war eine unbekannte Stimme am Telefon. Nachdem ich meinen Namen und meinen Wunsch vorgetragen hatte, kam statt der allfälligen Frage nach der Mutter ein barsches „Haben Sie ein Fax?“ Der Besitzer der Gärtnerei hatte gewechselt. Jetzt hat der kleine Severin wohl den Laden übernommen. „Ich brauche ja irgend etwas, das ich in der Hand habe,“ grummelte es auf der anderen Seite weiter. Ob er auch schon eine E-Mail-Adresse habe, fragte ich keck, ihm sein mangelndes Vertrauen mit einem Hinweis auf seine hinterwäldlerische Technikausstattung vergeltend. „Ja, hab ich“, kam es stolz zurück, „aber warten Sie mal, ich find sie gerade nicht“. Ein Ruf in die Weiten des Gewächshauses war im Telefon zu hören und ein „Nee, weiß ich auch nich,“ echote zurück. Inzwischen hatte ich die Adresse gegoogelt und nannte sie ihm. Er lachte erleichtert und klang gleich weniger geschäftsmäßig. „Man schickt sich ja so selten selber eine Mail.“ Dann konnten wir endlich über die Blumen reden und über meine Schwester, die er noch nicht kannte und es wurde wieder lustig. Zwei Tage später bekam ich eine Mail von Ihm: “ Ihre Schwester hat die bestellten Blumen persönlich hier abgeholt“. Eine Rechnung habe ich bis heute nicht bekommen. Severin hat seinen Laden wohl noch nicht im Griff. Ich werd mal wieder da anrufen, und an die Rechnung erinnern – soll ja sein Geld bekommen. Und vielleicht können wir beim nächsten Mal dann auf so neumodischen Kram verzichten. Wir kommen ja schließlich aus der gleichen Stadt.
Der Auftrag

c blog.ffc-fortuna.de
Es ist Sonntagmorgen kurz vor Neun, draußen ist es kalt und es gießt es in Strömen. Eigentlich das richtige Wetter und die richtige Zeit, um sich im Bett noch einmal umzudrehen. Aber unser Jüngster muss raus, im Kinderwagen, damit er endlich schläft, mindestens eine Stunde. In der Woche ist das der Job seiner Mutter, am Wochenende ist der Vater dran. Ehrensache. Sorgfältig bereite ich die Expedition vor. Wichtig bei allen Fahrten ins Ungewisse ist die richtige Kleidung. Schweigend ziehe ich die klobigen Doc-Martens-Stiefel an, rüste mich mit der amerikanischen Arbeiterjacke und ziehe zum Schluss die wollene englische Schirmmütze auf den Kopf. Jetzt weiß ich, dass mir Wind und Wetter nichts anhaben können, egal was mich draußen erwischt. „Willst du dir nicht eine richtige Jacke anziehen, mit Kapuze, bei dem Regen?“, werde ich von unberufener Seite gefragt. Woher will das Weib wissen, was man in der Wildnis braucht? Wie man in Würde der Witterung widersteht? In wenigen Minuten werden mein Sohn und ich auf dem Weg in den Rehberge-Park sein! Allein, auf uns gestellt. Ich werfe ihr einen stummen Blick grimmiger Entschlossenheit zu, schnappe meinen Sohn und gehe. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.
Draußen toben die Elemente. Der Wind peitscht mir den Regen ins Gesicht und schüttelt die letzten Blätter von den Ästen. Der Junge liegt wohl behütet unter seiner Plastikplane im Wagen und schläft sofort ein. Erster Teil des Auftrags erfüllt. Noch eine Stunde. Ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch, stecke mir ein Fishermans zwischen die Zähne und schiebe westwärts, wo die Bäume warten. Durch einsame Straßen stemmen wir uns dem Sturm entgegen, bis wir endlich die große Ebene des Parks erreichen. Die Wege haben sich in Schlamm und Wasser aufgelöst, der Wind peitscht die kahlen Bäume und ich halte Ausschau. Ein Jogger kommt uns mit athletisch keuchendem Atem entgegen, der Körper ist von der Anstrengung erhitzt, die Regentropfen auf der gespannten Neopren-Haut scheinen zu verdampfen. Ein Bild von Anmut und Stärke. Dann wieder Stille. Ich wate weiter durch die Wasserlöcher, kein Umweg, immer geradeaus. Meine Stiefel halten dicht. Alles läuft nach Plan. Aus der Ferne höre ich Kampfgeschrei. Gebrüllte Befehle, Ächzen, Jubel einer Menschenmenge und Seufzer der Enttäuschung. Ein Fußballspiel, bei diesem Wetter? Ungläubig schaue ich durch die Regentropfen auf meiner Brille Tatsächlich! Wackre Männer! Kraft der Jugend. Begeistert trete ich näher. Ja, wir Männer. Nur wir können uns so im Zweikampf vergessen, so die Witterung ignorieren, uns so unbesiegbar fühlen. Während das Weib am warmen Herde wirkt, wagt der Mann den Wettkampf mit dem Wetter. Ich hier mit meinem Sohn und drüben die Jungs auf dem Platz. Wir lassen uns nicht unterkriegen von so ein bisschen Regen und Wind. Begeistert nehme ich die Brille ab, um genauer schauen zu können. Ich blinzele, schaue nochmal und erkenne mehrere Spieler mit wippenden Pferdeschwänzen. Nochmal geschaut, und ich weiß, dass es zwei Frauenfußballmannschaften sind, die dort ein Match austragen.
Nachdenklich gehe ich weiter. Meine Jacke ist nun endgültig durchweicht und ich sollte bald zu Hause sein, sonst hole ich mir wieder eine Erkältung.
Rabimmel Rabammel
Die Fahrstuhltür geht auf und plötzlich ist da dieser Duft. Ich weiß nicht wie er zustande gekommen ist und wann ich ihn das letzte Mal gerochen habe, aber mit einem Mal bin ich wieder in der Grundschule und stehe in der Schlange für die Milchspeisung. Für ein wöchentliches Milchgeld bekamen wir täglich ein kleines Päckchen Milch mit Strohhalm und diese Milch war warm, aufgewärmt mitsamt dem Tetra-Pack, der aussah wie ein kleines Häuschen. Würde heute ja keiner mehr machen, wegen der Weichmacher, den Stabilisatoren oder sonstwelchem chemischen Bedrohungen für kleine Kinder, die sich beim Wärmen lösen, aber Mikrowelle gabs halt noch nicht. Und deswegen roch es in der ganzen Schule so, wie heute Morgen im Aufzug: Ein bischen chemisch, ein bisschen nach warmem Wachs und ein bisschen nach „au weia, ich hab das Milchgeld vergessen“. Ich war dankbar für die Blitzreise in meine Kurze-Hosen-Zeit. Warum? Weil gestern Martins-Tag war und ich gehofft hatte, rührseelige Jugenderinnerungen beim Laternenumzug mit meinen Jungs wachrufen zu können. Aber wie das so ist, wenn man das Glück erzwingen will: Es klappt nicht. Ich war extra früher von Arbeit weggegangen, um das, was mir aus meiner Kindheit auf dem Dorf als heimeliges, ehrfurchtgebietendes Gemeinschaftserlebnis in Erinnerung war, gemeinsam mit meinen Jungs erleben zu können. Laut singend waren wir damals am Martinstag mit unserem Lehrer aus dem Dorf bergan gezogen, hinter einer Blaskapelle und dem respekabelen Gaul eines ganz echt aussehenden Sankt Martin. Die Lieder hatten wir natürlich geübt in der Schule. Und sie stimmten: „Dort oben funkeln die Sterne und unten funkeln wir.“ Es war wirklich dunkel, wir sahen die Sterne, keine Autos, keine Straßenbeleuchtung, nur vereinzelte Grablichter in den Fenstern, die vom Totensonntag übrig geblieben waren, für die Vermissten des Krieges, der damals erst 20 Jahre zu Ende war und für die Brüder und Schwerstern von drüben. Die Straße gehörte uns und den Laternen, von denen nicht alle oben ankamen, weil die Kerzen umkippten und die selbstgebastelten Kunstwerke aus Transparentpapier in Flammen aufgingen. Es wurde viel geheult. Besser dran waren da die großen Kinder, die sich gruslige Fackeln aus Futterüben geschnitzt und auf einen Besenstil aufgepflanzt hatten, damit konnten sie prima herumspringen und die Kleinen erschrecken. Auf dem Berg angekommen machte die freiwillige Feuerwehr das, was sie, neben Durst löschen, am liebsten machte: Feuer! Ein filigraner Turm aus Baumstangen, Sperrmüll und Autoreifen war da aufgetürmt und a ls wir ankamen,brannte er schon licht zum Himmel empor. Sehr beeindruckt standen wir und warteten, bis alles knackend und funkensprühend in sich zusammenfiel. Manchmal zogen einige besonders aufgekratzte Jungs einen brennenden Autoreifen aus der Glut und ließen ihn zu Tal rollen. Dann war alles vorbei, die Feuerwehr hielt Bandwache und wir gingen zurück zur Schule, wo es warmen Kakao und einen „Hirzemann“ mit Tonpfeife für jeden gab.
Und heute, oder beser: gestern? Gestern drückte ich meinen müden Jungs um fünf Uhr Nachmittags vor der Kita zwei Plastikstäbe in die Hand, an derern Ende eine Leuchtdiode funzelte. Daran hängten wir die selbsgebastelte Laterne (immerhin noch aus Transparentpapier) und machten uns auf dem hell erleuchteten Bürgersteig schweigend mit den anderen Kita-Kindern auf den Weg. Statt Blaskapelle gab’s eine einsame Posaune und statt Sankt Martin gabs ein Pony aus dem Kinderzoo. Vermengt mit Kinderwagen, Fahrradanhängern und verständnislosen Passanten zuckelte der Zug zum nächsten Stadtplatz. Dort gab es eine kleine Pause und der Posaunist gab sein Bestes. Aber keiner sang. Statt die Lieder mit den Kindern zu üben, hatten die Erzieherinnnen den Eltern einen Zettel mit den Texten in die Hand gedrückt, den natürlich im Halbdunkel keiner entziffern konnte. Ich schmetterte mit dem Posaunisten tapfer mein tief sitzendes „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“, textsicher bis zur letzten Strophe. Keiner sang mit. Statt dessen fragten mich einige Mütter, ob ich eine christliche Erziehung genossen hätte? (sie meinten wohl: in welchem Jahrhundert ich die Lieder gelernt hätte). Zurück an der Kita drängte sich alles auf dem schmalen Hinterhof zwischen Kita und Kirche. Aus Lautsprechern schepperten Kinderchöre ein „Laterne, Laterne“ und dann hieß es noch eine halbe Stunde anstehen, bis die Kinder auch ihre Martins-Gans aus Zuckerkuchen bekommen hatten. Etwas abseits brannten in einer Eisenschale fünf Holzscheite, um die sich fünfzig Leute scharten. Auf dem Weg nach Hause fragte ich meine Jungs , was ihnen denn gefallen hatte beim Laternenumzug. „Das Pferd hat Kacka gemacht auf den Weg und Lasse ist reingetreten“, kam es promt zurück. Ich bin ja mal gespannt, woran sich meine Jungs erinnern, wenn sie in fünfzig Jahren einen Aufzug betreten, der nach frischen Pferdemist riecht.
Die Ruinen von oben ansehen
Baum und Zeit ist eigentlich ein sehr poetischer Name dafür, dass ich mit hunderten Berlinern in einer Schlange mitten im Wald stehe, fast zehn Euro zahle, und mir dafür zerbröselnde Backsteinhäuser ansehen darf, die vom Wald überwuchert werden. Ich frage mich: Was treibt mich, was die Leute aus der Stadt hier her? Es hat sich ja einiges getan in der Hauptstadt in den letzten 25 Jahren und aus manchem zerfallenen Ziegelhaufen ist wieder ein respektables Haus geworden. Aber es sind im zernarbten Gesicht dieser Stadt immer noch genügend Ruinen aus allen Epochen der Geschichte übrig geblieben, um sich daran satt zu sehen, wenn man das denn mag.
Und ich mag das. Oder besser: Ich war besessen davon. Als die Mauer aufging, lebte ich in Heidelberg, wo ich mir eine Schlossruine mit tausenden japanischen Touristen teilen musste. Jeder historische Stein war hier angefasst, poliert und wieder so hingesetzt worden, dass er in das romantische Bild des Städtchens passte. Das ließ ein großes Verlangen in mir wachsen. Die Sehnsucht nach dem Unverfälschten, dem Liegengelassenen, den echten Zeugen vergangener Zeiten. Und wo war das einfacher zu finden als im Osten? Leere Fabriken in der DDR, alte Gutshäuser in Polen, Wehrmachtskasernen in Tschechien: Alles leer, verlassen und nur da für mich und die Freunde, die mit mir auf Spurensuche waren. Herrlich die Stille, wenn ich in ein solches Gebäude kam. Nur das Knirschen von zerbrochenem Glas und abgefallenem Putz war unter den Schritten zu hören, während sich die Räume zur Kulisse für mein Kopfkino verwandelten. Was war hier früher los? Rauschende Feste oder ödes Landleben? Despotische Hausherren oder Familienglück? Irgendwann kam dann immer das Gebrüll von Soldaten, das Rasseln von Panzern und das Geschrei von Kindern. Die Geschichten meines Vaters von Flucht und Vertreibung. Und dann wieder Stille. Ich hörte Vogelgezwitscher, das Rauschen von Bäumen durch die zerschlagenen Fenster und spürte die Großzügigkeit der leeren Räume. Es war auch immer eine Einladung dabei, da zu bleiben, das zufällig Gefundene zu ergreifen, das Dornröschenschloss seinem Schlaf zu entreißen und mein Leben darin neu zu beginnen. Und jedes Mal wusste ich, dass ich das nicht schaffen würde. So blieb es bei kleinen Fundstücken aus meinen Entdeckungsreisen: Ein Aluminiumlöffel aus einem Gefängnis, eine schwere Gummijacke, die nach Fahrradreifen roch aus einer Glasfabrik, ein paar bunte Plastebecher aus einem Gutshaus, das zu einem Kinderferienheim geworden war.
Heute stehe ich über alledem- und zwar genau 25 Meter. Auf einem breiten Steg, der sich um ein Krankenhaus schlängelt, aus dessen Dach schon seit 1945 die Bäume wachsen blicke ich in die Vergangenheit. Der Steg schwankt unter den Besuchermengen, die sich in Baumwipfelhöhe in die beste Fotoposition bringen wollen. Weiter unten gibt es Bratwurst und Erbsensuppe und geführte Touren durch die Häuser, die jetzt durch stabile Sicherheitszäune vor ungebetenen Besuchern geschützt werden. Es gibt nichts mehr zu entdecken, ich kann gehen. Auf dem Weg zum Parkplatz schlage ich mich hinter eine Absperrung, weil ich mal pinkeln muss. Ein letztes Abenteuer.
