Ui ju jui!

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Die wundervolle Tikerscherk hat ganz viele Leute für einen Liebsten-Award nominiert. Mich auch.  Tickerscherk – mich, für einen Liebsten Award. Ui ju jui, ich kanns gar nicht glauben. Das duldet keinen Aufschub. Da leg ich doch gleich mal los. Tschuldigung, wenn es etwas einsilbig werden sollte. Mir fallen gleich die Augen zu.

 

  1. Ihr wichtigster Lehrmeister?

Der versoffene ehemalige Amerika-Korrespondent der Quick. Er hat mir den Journalismus beigebracht.

 

2. Ihr Lieblingskomponist?

Peter Fox

 

  1. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Gelassenheit

 

  1. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Großherzigkeit

 

  1. Ihre Lieblingstugend?

Von allen meinen Tugenden eine Ausnahme zu machen

 

  1. Wer oder was hätten Sie sein mögen?

Der Held in allen Filmen, die ich gesehen habe

7. Was verabscheuen Sie am meisten?

Enge, geistig und räumlich

 

  1. Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

Dass sie mich so nehmen wie ich bin

 

  1. Ihre größte Schwäche?

Schöne Frauen.

 

  1. Ihr Lieblingstier?

Das Eichhörnchen

So, jetzt muss ich noch einen  Blogger finden, an den ich den Award weitergeben kann. Das mache ich morgen. Ihr dürft gespannt sein. 😉 Gute Nacht.

 

Was übrig bleibt

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„Soll das jetzt in den Schredder, oder nicht?“, fragt der Hausmeister. „Nein,“ sage ich, “ das können Sie so ins Altpapier werfen.“ „Aber da sind handschriftliche Notizen drauf, dann muss das in den Schredder“, beharrt er. „Glauben Sie mir“, entgegne ich kraftlos, „das Zeug interessiert keinen Menschen mehr. Das können sie bei der Bild-Zeitung in die Hauspost legen, das will keiner mehr wissen.“ Das Zeug, über das wir reden füllt einen grauen Plastiktrog von der Größe einer Badewanne. Mein Büro ist jetzt leer bis auf fünf Umzugskartons mit leeren Aktenordnern. An der Wand hängt noch das Plakat von Nani Morettis Film „Caro Diario“. Ich habe den italienischen Text nie richtig übersetzen können. „Ich glaube, dass ich auch in der besten aller Gesellschaften zu einer Minderheit gehören werde.“ steht da, glaube ich.

Zumindest gehöre ich heute nicht zu den Gewinnern. Oder doch?  Das Zeug im Trog ist das, was von sechs Jahren Arbeit übrig geblieben ist. Früher waren die lieblos aus den Aktenordner gerissenen Blätter Gutachen, Vermerke, Machbarkeitsstudien, Aufträge, Gegengutachten, wissenschaftliche Berichte, Fachartikel, Vorstudien zu Evaluationen, Stellungnahmen, Protokolle, Präsentationen, Reden, Broschüren, Tabellen, Zeitschienen, Projektanträge, Finanzierungskonzepte….  Jetzt ist alles nichts.  Acht Stunden und 12 Minuten am Tag, fünf Tage die Woche habe ich Papier voll geschrieben, Mails verschickt und in Meetings mit den Kollegen gestritten. Die Vorgesetzten haben sich gegen uns entschieden. Das Projekt haben am Schluss andere gemacht. Heute hat es die letzte Hürde genommen. Die Kollegen genießen ihren Erfolg. Sie kommen entspannt den Gang entlang geschlendert, sehen mich mit meinen Kartons und fragen freundlich, wo es hin geht. „Ach, wieder was mit Schreiben? Das können Sie doch gut. Da müssen Sie sich nicht so mit den Details befassen.“ Die Hand zum Abschied geben Sie mir nicht.

Wäre ich in den schechs Jahren nicht drei Mal Vater geworden, ich glaube, ich wäre heute wirklich traurig.

Brexit – inoffizielle Hymne

Das wird spannend heute Abend. Ich bleibe wach, bis ich weiß, ob ich weiter zu meinen Freunden ohne Visum reisen kann. Ich liebe die Insel, ich liebe die Menschen – trotz Regen, trotz tausender Missverständnisse (how embarassing), trotz dem Denkmal für Bomber Harris und gerade wegen der dauernden Verweise auf den zweiten Weltkrieg bei Fußball-Länderspielen.

Gottseidank fiel mir erst heute ein, dass die EU-Gegener eine wunderbare Hymne hätten haben können. Schon seit über 30 Jahren. Das hat britische Härte und auch ein bisschen Zerrissenheit. Aber versprochen: Ich werde Boris Johnson keinen Tipp geben. 🙂

 

PS: The Clash ist der Soundtrack des Brexit: Das Handelsblatt überschreibt seine Berichterstattung mit „London Calling“.

http://www.handelsblatt.com/politik/international/brexit-referendum/brexit-liveblog/liveblog-aus-london-umfrage-deutet-auf-sieg-der-eu-befuerworter/13781226.html

Jeht schon

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Der fette Typ sitzt auf meinem Platz. Dreckiges Lachen, dreckige Jogginghose und ein Plautze, die zu den Knien reicht. So ein Typ, denke ich, der den Tag rauchend und feiste Sprüche klopfend verbringt – auf meinem Platz. Mein Platz, draußen vor dem türkischen Back-Shop, meine Rettungsinsel in Tagen der Elternzeit. Seit einem Monat schiebe ich jeden Morgen halb Neun meinen Jüngsten durch den Kietz bis er einschläft. Und kaum hat er die Augen zu, steuert Vattern zum Türken, um sich den ersten Kaffee des Tages zu gönnen, die Augen zu schließen und die viel zu kurze Nacht zu vergessen. Wenn die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht wärmen, kann ich endlich entspannen. Allein! In Ruhe! Und jetzt dieser Typ. Ich setze mich neben ihn, so, dass ich in nicht ansehen muss, tue so, als würde ich den Kinderwagen schaukeln. Aber ich höre ihn. Er atmet schwer, hustet mit seiner Zigarette – widerlich. Die hübsche Backwaenverkäuferin, die mich immer mit einem grimmigen Blick mustert, kommt zu uns heraus. Sie wechselt ein paar Worte mit dem Dickwanst. Die beiden haben ein Geheimnis, das sehe ich aus den Augenwinkeln. Und der Dicke hat neue Informationen für sie. Sie lächelt, verschwindet, kommt noch mal raus, lacht und verschwindet wieder. Neid und Neugier wallen in mir auf. Was hat er, was ich nicht habe? Ich muss es wissen und fange ein Gespräch an. Was er mit „der Kleenen“ hat, verrät er mir nicht, aber dass er sich Kindern auskennt. „Is immer jut, wenn die Jörn schlafen,“ schnauft er mit Blick auf meinen Kinderwagen. Er schweigt wieder. Ist wohl doch keiner von den Schwätzern, die einem in fünf Minuten ihr Leben erzählen und Gott und die Welt für ihr Elend verantwortlich machen. Ich muss bohren. Das kann ich gut. Ja, Frührentner ist er, nach 40 Jahren Arbeit, erst Heizer, dann Eisengießerei. „Hab mer die Knochen kaputt jemacht und die Lunge ooch. 500 Euro krieg ich und muss ooch noch zum Sozialamt loofen. Aba jeht schon.“ Ich bekomme Ehrfurcht vor diesem ehrlichen Arbeiter, diesem alten Weisen. Meine Rente wird deutlich höher sein, obwohl ich keine 40 Jahre gearbeitet habe und meine Knochen heile sind. Trotzdem hab ich Angst, es könnte nicht reichen. Warum eigentlich? Ich muss los. Der Alte sitzt in der Sonne, ich gönne ihm die einfache Freude. Ich hab noch ein paar Stunden vor mir mit meiner süßen Last. Auch nicht immer einfach. Aba jeht schon…

Du darfst!

Markt

„Deutschland ist ein tolles Land“, ruft der türkische Melonenverkäufer und weist mit ausgebreiteten Armen über sein süßes Reich, „schaut was es hier alles zu essen gibt!“ Er hat seine riesigen Früchte zu einem Berg aufgetürmt, von dem herab er seine frohe Botschaft über den ganzen Marktplatz verkündet. Es ist Marktag auf dem Parkplatz hinter dem Rathaus Wedding. Für ein paar Stunden verwandelt sich die öde Asphaltfläche in einen türkischen Bazar. Hier kann ich eintauchen, den grauen Stadteil vergessen und mich fühlen wie im Urlaub. Sorglos, neugierig und probierfreudig. Umschwirrt von türkischem und arabischem Stimmengewirr gibt es hier von allem alles und vor allem viel! Die Stände brechen fast zusammen vor bunten Früchten aus aller Welt. Manche sorgsam gestapelt, manche hingekippt aber immer mit Verve angepriesen. Was hier landet ist nicht immer erste Klasse. Es ist oft das, was auf dem Großmarkt schnell weg musste, weil es nicht mehr lange hält. Verkauft wird deshalb schnell und in großen Mengen. Unter einem Kilo geht hier nichts, und wenn ich eine halbe Melone haben will, kriege ich eine ganze. Keine Diskussion. Denn was heute nicht verkauft wird, landet endgültig auf dem Müll. Aber das macht für mich gerade den Reiz aus: Aus dem Angegammelten das Gute finden, für einen Spottpreis. Die Tasche voll zu haben, und damit auch noch was Gutes tun. Denn was für eine Verschwendung wäre es, wenn das alles weggeworfen würde?Wie gut, dass ich es vor dem Verderb rette. Und mit dieser edelen Einstellung darf ich endlich ungehemmt schlemmen. Denn während ich im Supermarkt stundenlang darüber meditieren kann, was nun umweltverträglicher ist: Die Bio-Äpfel aus Chile oder die Lagerhausbirnen aus Italien, kann ich hier einfach zuschlagen. Auf dieser Resterampe der Globalisierung ist alles erlaubt: Trauben aus Südafrika? Für nen Euro das Kilo nehm ich die doch mit! Avocados aus Peru? Bevor Sie sie wegwerfen- her damit! Für ein bisschen Kleingeld ist ruck-zuck die Tasche voll und es bleibt noch was übrig für ein Gläschen frisch gepressten türkischen Granatapfelsaft. Soll ja gut sein gegen alles.

Aber wehe, wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe! Auf dem Rückweg muss ich, mit den Früchten meiner Lust vollbepackt, vorbei an meinem Bio-Laden. „Natürlich Bio“ heißt er, ist noch original aus den 80ern, ist natürlich selbstverwaltet und natürlich bin ich Mitglied in der Genossenschaft. Aus seinem dunkelen, nach Räucherkerzen und Ziegenkäse heimelig nostalgisch riechenden Inneren ruft es: Du musst! Also trete ich mit schuldbewusst gebeugtem Haupt ein, kaufe dunkles Brot und deutsche Kartoffeln, bezahle für eine handvoll das Gleiche wie für meine ganze Markttasche – aber wenn ich wieder ins Licht heraustrete, freue mich, dass ich heute nur Gutes getan habe.

 

 

 

Der Himmel kann warten

Guzzi

Wenn ich jetzt stürbe, es wär der rechte Augenblick. Zwischen blühenden Apfelbäumen und strahlenden Rapsfeldern würd ich auf dem Rücken meiner schönen Italienerin mit 80 Sachen und die Hand am Gasgriff hinübergleiten von einem Himmelreich ins andere. Lieber sterben, als dieses Glück zu Ende gehen zu lassen. Lieber sterben als heute noch nach Berlin zurückkehren zu müssen.

Mit 80 Sachen und der richtigen Drehzahl über eine sich leicht windende Landstraße zu tuckern. Eine leere Landstraße, die ich gefunden habe, weil ich auf gut Glück mal von der hundertmal abgenudelten Hauptstraße abgebogen bin, weil mich gerade eine Entdeckerlust gepackt hat, die ich noch nicht kannte als ich losgefahren bin. Die dröhnenden Horden der Wochenend-Höllenengel auf ihren schwarzen Harleys, die mir seit Berlin in den Ohren lagen, hab ich abgehängt. Und weils mir gerade danach ist, biege ich aufs Geratewohl in eine noch kleinere Straße ein, die meine Karte gar nicht mehr kennt. Eine Sorglosigkeit erfüllt mich, die aus dem blauen Himmel gefallen sein muss. Die Straße wird einspurig und endet an einem Gutshaus, das an einem Kanal liegt. No paseran?- Nicht für mich. Ich fahr rauf auf den Treidelpfad. Niemand außer mir und den Bäumen zur Linken, dem stillen Wasser zur Rechten und dem weiten Himmel über mir. Ich hab mehr als genug PS unter mir, aber in diesem Moment reicht es, in aller Ruhe von einem Dorf zum andern zu knattern, wie einst Don Camillo mit Pepone.  Ich finde eine Brücke, rumple über die Holzbohlen und komme – auf eine Allee. Natürlich eine Allee, ich bin in Brandenburg. Aber diese Allee habe ich für mich alleine. Für Kilometer denke ich gar nichts mehr, überlasse mich dem Blütenmeer der Bäume, dem Motor, der ruhig wie ein Schiffsdiesel vorwärts stampft und dem Geflacker von Licht und Schatten. „Riding a motorcyle, my friend Keith says, is good Zen practice. Motorcycling teaches mindfulness—the focusing of attention on immediate experience and awareness of the mental and emotional processes going on inside.“ Das ist von klugen Amerikanern geschreiben, die sich Gedanken über die Gefühle beim Motorradfahren gemacht haben. Und was ist los bei mir- inside? Gar nichts! Keine Gedanken, keine Angst, keine Wut – Nichts! Und das ist das Wunderbare.  Ich habs mit Yoga versucht, mit Karate und Meditation. Nichts macht bei mir den Kopf so frei wie eine Motorradtour auf der ich mich treiben lassen kann. Na ja, vielleicht noch ein 200-Kilometer-Ritt über die Autobahn bei 10 Grad und Nieselregen. Da ist es dann eher die Gefahr, die Konzentration, die ich brauche um nicht von der Bahn abzukommen, die andere Gedanken erst gar nicht aufkommen lässt. Beides zusammen: Das Treibenlassen und die Konzentration – das macht es aus. Denn kann es wahres Glück geben ohne Leid? Kann die Sonne genießen wer nicht vorher kalte Kilometer im Regen ausgehalten hat?
Es ist nicht ganz leicht runter zu kommen von dem Tripp. Aber bisher ist es mir noch immer gelungen, wieder auf die Erde zu kommen.  Wenn am Ende der Straße  mein Eiscafe wartet, wenn meine Jungs sich freuen, dass ich wieder da bin, dann kann mir der andere Himmel noch ein Weilchen gestohlen bleiben.

Zum Schluss noch der schönste Film, der seit Easy Rider über das Motorradfahren gedreht wurde. Es war ursprünglich eine Jeans-Werbung, aber seis drum.

 

 

Stich ins Herz

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Jeden Morgen und jeden Abend komme ich an einem Bild vorbei, von dem ich glaubte, es nie wieder sehen zu müssen. Mitten in Berlin, in der Fennstraße, keine zwei Kilometer nördlich des Hauptbahnhofs, wird ein großer Wohnblock aus der Gründerzeit abgerissen. Ein stattliches Haus mit der typischen Berliner Mischung aus Wohnungen und Gewerberäumen. Keine Schönheit, aber immerhin solide und großzügig gebaut. Qualitäten, die heutigen Häusern leider völlig fehen. Es hat Revolutionen, Kriege und Bombennächte überstanden. Und jetzt, in Zeiten von Wohnungsknappheit und steigenden Mieten wird es dem Erdboden gleich gemacht. Es tut weh das zu sehen. Wie wenn ein alter Baum gefällt wird. Es drängt mich, dem Haus zur Hilfe zu kommen. Ein alter Reflex aus den 70ern wird wach. Man müsste doch… Ja, es gab im vergangenen Jahr den Versuch das Haus zu besetzen. Doch die Polizei zerrte die Besetzer raus, kaum  dass sie ihre Transparente entrollt hatten. Die Besetzung war wohl auch eher ein Fanal als ein echter Versuch, das Haus zu retten. Wenn wenigstens neue Wohnungen entstünden – hier direkt neben dem kleinen Park, mit Blick auf den Spandauer Schiffahrtskanal. Doch die Bayer AG, der das Haus gehört, plant eine Ausweitung ihres Firmengeländes, und das obwohl sie angekündigt hat, ihren Firmensitz aus dem Wedding ins Zentrum Berlins zu verlegen. Da mag die Frühlingssonne morgens noch so sehr auf dem Wasser des Kanals glitzern: Wenn ich das sterbende Haus sehe, mischt sich für einen Moment Traurigkeit und das Gefühl von Ohnmacht in meinen Tag.

Stadt der Engel

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Berlin ist die Hauptstadt der Einsamkeit. Wohin ich auch schaue, einsame, traurige Menschen. Nirgends in Deutschland leben mehr Menschen allein, nirgends gibt es so viele Singlepartys, Speeddatings und Kuschelseminare. Der Berliner sehnt sich nach Kontakt. „Jeder hat n Hund, aber keinen zum Reden, “ singt Peter Fox in seiner Hymne auf die Hauptstadt. Da hat er Recht.

Zum Glück bin ich nicht allein in Berlin. Ich habe viele Freunde. Freunde an jeder Ecke, auf allen Wegen und selbst in der Nacht. Sie begleiten mich wohin ich auch gehe, sie kümmern sich darum, dass ich gute Laune habe und es vergeht kein Tag, an dem zwei oder drei von ihnen treffe.

Schon am Morgen, wenn ich mich, noch nicht ganz wach, auf mein Fahrrad schiebe und mürrisch Richtung Arbeit ächze, wenn ich noch nich weiß, woher ich die Kraft nehmen soll, um bis zu meiner ersten Tasse Kaffee zu überleben, ist einer meiner Freunde zur Stelle. Gleich an der ersten Kreuzung, an der ich warten muss, schleicht er sich von hinten an (Sie kommen immer von hinten), sieht, dass ich eine Aufmunterung brauche, neckt mich mit seinem Blaulicht und schaltet dann direkt neben meinem Kopf sein Martinshorn an. Heißa, bin ich dann wach! „Danke, Freund“, denke ich, „das hat mir heute noch gefehlt.“Doch der Freund wartet nicht, bis ich mich bei ihm bedanke, sondern braust blinkernd und zwinkernd um die Ecke zum Virchow-Klinikum. Ich habe dann genug Adrenalin im Blut, um den Weg zum Büro im Fluge zu meistern.

Abends das gleiche Spiel. Nach sinnlosen Sitzungen oder einem Tag vor dem Computer sind meine Akkus leer und meine Nerven dünn wie Porzellan. Meine Freunde machen sich Sorgen und versuchen mich aufzumuntern. Oft fahren sie auf der Straße „Unter den Linden“  eine blaulichtbewehrte Eskorte von Polizeimotorrädern auf, um mich zu erfreuen. Ich liebe Motorräder! Und ich liebe es, eine Viertelstunde zu warten, bis auch die letzte Staatskarosse vom Hotel Adlon losgefahren ist und der letzte Polizist in seinem Lurchianzug die Straße freigegeben hat, bis ich loshetzen kann, um meine Kinder aus der Kita abzuholen. Und sollte das mit dem Staatstheater mal nicht klappen, holen mich meine Freunde spätestens in der nächsten engen und besonders schön hallenden Straßenschlucht ein, um mir auf dem Weg zur Charité einen Gruß zur blauen Stunde  zu schicken. Auch nachts schlafen meine Freunde nicht. Egal ob sie zu einer Messerstecherei in die Shisha-Bar im Vorderhaus gerufen werden, oder ob besorgte Menschen den Entstörungsdienst der Gasag gerufen haben, nie vergessen meine Freunde, mir einen fröhlich tönenden Gruß durch die hoffnungslos überforderten Doppelglasfenster zu schicken. Ich schlafe dann zwar nicht mehr, aber ich verbringe die Nacht in der Gewissheit: Ich bin nicht allein.

In solchen Nächten mache ich mir manchmal tiefe Gedanken. Ist es wirklich wahre Freundschaft, die mich mit den Menschen verbindet? Kann die Freundschaft zwischen Menschen wirklich von Dauer sein, oder ist es nur Jesus, der mich wirklich immer liebt? Schwer drücken mich solche Fragen am nächsten Tag, wenn ich nach dem  morgendlichen Kleinkrieg um ungeputze Zähne und zu warme Jacken meine Jungs in die evangelische Kita bugsiert habe. Kaum stehe ich nach vollbrachter Tat vor der Tür des Horts der schreienden Kinder, kaum hätte ich eine Minute, um das Klingeln in meinen Ohren wieder abklingen zu lassen, gibt mir das dröhnende Geläut der drei Bronzeglocken in der nahen Kirchenburg ein eindeuiges Zeichen. Schönen Dank auch, Jesus. Ja, ja, ich lieb dich auch.

Vanitas vanitatum

Also heute Nachmittag in dem kleinen Eiscafe neben der Charité. Ich will mein Wochenende einläuten und den blauen Himmel mit einem Eis feiern. Da steht vor mir in der Schlange diese Berliner Musterfamilie. Er, Anfang 30, bisschen aufgedunsen, mit rasiertem Schädel unter so einem albernen Roger Cicero-Hut, Hosen hängen in den Kniekehlen, Kopfhörer um den Nacken… Typischer Hipster aus Mitte halt. Und natürlich ist das Töchterlein auf seinem Arm blond, hat Zöpfe und ein süßes rotes Mäntelchen an. Und die Mama dazu, so unglaublich geschmackvoll nachlässig gekleidet, dass es weh tut, tanzt lächelnd um ihren Goldengel herum. Und was bestellen sie? Natürlich Frozen Joghurt – das Trend-Eis von vor drei Jahren. Ich hab’s eilig – und die? Können sich nicht auf das Topping einigen, albern affektiert herum. Können sich die Affen nicht ne Bühne kaufen und sich draufstellen? Mann, gehen die mir auf die Nerven. Endlich bezahlt der Vater-Darsteller. Fingert ein bisschen ungeschickt mit dem Portmonee, weil seine Hand mit weißer Schlauchgaze verbunden ist. Ich schau noch mal hin und entdecke eine Kanüle unter dem Verband. Au weia! Stopp! Zurück! Halt! Ganz anderer Film!  Das ist kein Affentheater, das ist ein Drama, das sich hier abspielt. Der Typ kommt natürlich aus der Charité, wahrscheinlich frisch von der Chemotherapie. Deswegen hat er auch keine Haare. Die sind nicht rasiert-die sind ausgefallen. Jetzt seh ich’s ganz deutlich. Oh Gott, deswegen die lauen Scherze mit seiner Frau. Er versucht seine verzweifelte Familie aufzuheitern, in einer kurzen Pause zwischen zwei sicher mörderischen Therapiesitzungen den beiden ein wenig die Beklommenheit zu nehmen. Und das Töchterchen? Weiß es schon, dass es vielleicht die letzten fröhlichen Stunden mit ihrem geliebten Papa sein können, bevor sie ihr Leben als Halbwaise verbringen muss, bei einer alleinerziehenden Mutter, die es kaum schafft, über den Verlust hinweg zu kommen und….? Und diese armen Menschen habe ich hochmütig gemustert, still verflucht und sie der Eitelkeit geziehen? Oh Mann, fühle ich mich schlecht. Als sie endlich aus meinem Blickfeld sind  bestelle ich mir als Buße  auch einen Frozen Joghurt mit einem extra sauren Topping.

Locke und Glatze

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Der haarige, dunkle Mann wischt sich erst ein mal die Rotze von der Nase, schmiert sie mit der Hand an sein Kaputzenshirt und fragt: „Wie lang?“ Ich sitze in einen Stuhl gepresst, einen Umhang um meine Schultern, und etwas in mir sagt mir, dass ich am besten hier schnell verschwinden sollte. Aber das Gefühl hatte ich schon oft, und doch ist meistens alles gut gegangen – meistens. Die Neugier siegt über den Ekel und ich  antworte mechanisch „Neun Milimeter“. Der Mann grunzt und  legt los.  Mit einem Gerät, das an einen Faustkeil erinnert, fährt er grob über meinen Schädel. Mein Kopf nickt und schwankt willenlos. Ich bin beim Frisör.

Jeden Monat einmal stürze ich mich dieses Abenteuer. Vom abgeschabten „Salon für den Herrn“ mit Wirtschaftswunderinterieur über die ungezählten türkischen oder arabischen Barbiere bis zu hippen Salons, die so kreative Namen wie „Ware Schönheit“  führen: Ich probiere die Haarkünstler in meinem Kietz aus. Friseurläden gibt es im Wedding noch häufiger als Handy-Shops, Spätis oder Dönerbuden – und das will was heißen. Und wenn ich etwas liebe, dann ist es mich in einem überreichen Angebot treiben zu lassen und die Vielfalt zu genießen. Angst verunstaltet zu werden habe ich dabei nicht. Mit dem Alter wächst nicht nur die Freifläche auf meinem Haupt, sondern auch der Wagemut. Und den brauche ich. Denn lange konnte ich keinen Friseurladen betreten, ohne schmerzhaft das kindliche Trauma zu spüren, das der Dorffigaro meiner Jugend in und auf meinem Kopf hinterlassen hat. Es trägt den Namen „Faconschnitt“. Das ist jene one-size-fits-all-Frisur der späten Sechziger, die bei mir immer dazu führte, dass sich meine Haare am Hinterkopf wie elektrisch aufgeladen in die Höhe stellten. „Sträußchen“ nannte das meine Mutter. Meine Schulkameraden hatten weniger schmeichelhafte Worte dafür. Nun sind die Zeiten vorbei, an denen ein Friseur an meinen Haaren etwas ge- oder verunstalten könnte. Vorbei auch die Zeiten, in denen ich mich darauf verlassen konnte, dass die Menschen, die mit Messer und Schere an meinem Kopf hantieren ihr Handwerk auf ordentliche Weise gelernt hatten. Heute darf das jeder. Aber das macht die Sache für mich erst richtig spannend. Schon mit der Art, mit der mir die Kreppapierkrause umgelegt wird, merke ich, ob der Haarkünstler in meinem Nacken in seinem vorherigen Beruf  Schafe geschoren hat oder ob er sein Fach von der Pike auf gelernt hat. Wenig Hoffnung, heil aus der Sache raus zu kommen habe ich mittlerweile bei schlecht blondierten Damen, die ein 400-Euro Job in das Gewerbe gelockt hat. Sie schnippeln und schaben so lange hilflos auf meiner empfindlichen Haut herum, bis sie in meinem Nacken aussieht wie bei einem Ferkel mit Rotlauf. Aber was mich immer wieder für die kleinen Mißgeschicke entschädigt, ist das wohlige Gefühl, wenn ich an einen Meister gerate, der mit Liebe bei der Sache ist und mich für 8 Euro verwöhnt, als säße ich bei Udo Walz persönlich. Der das Rasiermesser (und eine frische Klinge) auspackt und die Übergänge fein säuberlich nacharbeitet, der sich um Ohren und Augenbrauen kümmert und mich vielleicht noch mit kühlendem Rosenwasser erfrischt. Wenn ich dann frisch frisiert auf die Straße trete, fühle ich mich wie ein gepflegter Mann von Welt. Viel zu schick eigentlich für den schäbigen Kietz.

Mittlerweile hat mein haariger Meister im Salon „Haarbibi“seine Arbeit wortlos beendet. So wie er meinen Kopf hin und hergeworfen hat,  gehört er ganz eindeutig zu der Sorte „Schafscherer“ und ich ahne nichts Gutes. Ich bedeute ihm, den Spiegel von der Wand zu holen, damit ich sein Werk betrachen kann. Sieht gut aus, erstaunlich gut. Er merkt meine Zufriedenheit und sagt: „An der Seite habe ich 6 Milimeter gemacht, da sind die Haare dicker.“ Es gibt viele unentdeckte Künstler im Wedding.