Es könnte ein schöner Gemüseeintopf werden. Auf dem Herd köcheln Kartoffeln, Möhren, Sellerie und Lauch vor sich hin. Ich streue ein bisschen Petersilie und Musktat dazu. Der kräftige Duft steigt mir in die Nase, aber ich bleibe standhaft, nehme die Suppe, gieße sie über ein Sieb und werfe alles was im Sieb bleibt in den Mülleimer. Nur die dünne Brühe behalte ich. Sie ist das Einzige, was ich in der nächsten Woche „essen“ will. Dieses seltsame Ritual vollziehe ich jedes Jahr einmal: Ich bereite mich auf meine Fastenwoche vor. Nicht um mir Pfunde wegzuquälen faste ich, nicht um mich mit meinem Gott zu versöhnen, sondern um es mir gut gehen zu lassen. Ehrlich! Ich mache das schon seit zehn Jahren, und es hat fast immer geklappt. Fasten ist wie eine Woche Urlaub mit mir selbst, ohne dafür wegfahren zu müssen. Ich komme runter, werde gelassen, gehe früh ins Bett und tauche ein in eine andere Welt. Die Stadt und ihre damfpfenden Garküchen verschwinden aus meinem Bewusstsein. Ich, der ich sonst von jedem Dönerstand und jeder Pommebude angelockt werde, gehe unbeirrt meiner Wege. Mit etwas überheblichem Erstaunen schaue ich auf die Menschen, die sich gierig irgendetwas in den Mund stopfen und es scheint mir absurd, dass ich das auch mal gemacht habe. Nach einer Woche komme ich meist an den Punkt, an dem ich das Gefühl habe, dass ich ewig so weiter machen könnte. Dann kann ich sogar mit den Kollegen in die Kantine gehen, meinen verdünnten Gemüsesaft schlürfen und zu staunen, wie sie das hinkriegen: Ein Stück Fleisch zu zerteilen, es zu essen und gleichzeitig zu reden – und wie unappetitlich das aussieht. Irgendwann ist dann aber Schluss mit dem Ego-Trip. Nicht, weil ich Hunger spüre, sondern weil mein Gesicht im Spiegel aussieht, als hätte ich gerade einen harten Drogenentzug hinter mir und weil die Sinne rebellieren. Meine Zunge will endlich wieder was anderes schmecken als fade Fastensuppe und Kräutertee. Ich stelle mir dann vor, was ich jetzt alles essen kann – fette Torten, Erdnussriegel und eine großen Falaffel vom Libanesen, am besten alles auf einmal. Doch zum Anfang des Fastenbrechens gibts nur ein Äpfelchen, gedünstet mit ein paar Rosinen. Eine Köstlichkeit!
Das Paradies, ein Garten
Als sie den Motor ausgeschaltet hatte, bleiben wir schweigend sitzen. Die Sonne wärmt unsere Gesichter und spiegelt sich draußen im Fluß. Die Augen schließen und geschehen lassen, ein paar Minuten nur. Das Kind schläft in seiner Schale, schon die ganze Fahrt. Als es aufwacht, finden unsere sonnenblinden Augen nur langsam in die Wirklichkeit zurück. Es kommt uns wie Stunden vor. Der Hunger treibt uns ins erstbeste Café. Auf der Terasse kehren wir noch einmal in die gleißend weiße Welt hinter den geschlossenen Lidern zurück. Dann machen wir uns auf, den Domberg zu besteigen. Ein paar Beete am Weg, gelbe Bauernblumen und verblühende Rosen, erinnern uns daran, dass wir zwei Stunden gefahren sind, um eine Gartenschau zu sehen. Doch die Blumen drängen sich nicht auf, denn alles ist Sonnenlicht. Herbstlicht, das durch die grünen Blätter alter Bäume fällt und rote Backsteinmauern glühen läßt. In einem Obstgarten finden wir Gruppen alter Menschen in festlicher Stimmung. Eine Rede, gedämpfter Applaus und zustimmendes Lachen, als sie sich freundlich von ihrer Reiseleiterin verabschieden. Fast wie eine Familienfeier. Für einen Moment ist alles in Ordnung. Wir setzen uns auf eine Bank mit Blick auf die Altstadt. „Heidelberg, denke ich, „Philosophenpfad“. Wie oft bin ich als Student dorthin gepilgert, hab auf die Altstadt geblickt, auf die feuerroten Weinblätter an blassrosa Sandsteinen und hab gehofft, dass mein Leben endlich anfängt. Dass es endlich so wird, wie das der anderen.
Das Kind wird wach und an die Brust gelegt. Ein Mann läuft vorbei, die Arme in der Luft, Laute ausstoßend. Ein zweiter folgt. Die gleiche Kleidung, die gleiche Halbglatze. „Zwillinge“, sage ich, „taubstumm“. „Ja“, sagt sie, „manchmal danke ich, ich weiß nicht wem da oben, dass unsere zwei nichts haben.“ Wir schweigen wieder. Jetzt merke ich, wie schnell das Licht schwächer wird, wie jeder Sonnenstrahl schon ein Abschied ist. Ich habe Angst vor dem Winter. Wieder ein Winter mit hustenden Kindern, mit Fahrten zur Notaufnahme. Wir werden den Kindern wieder Antibiotika geben und uns gegenseitig die Schuld daran, dass es so weit kommen musste.
Mein Sohn ist mit dem Trinken fertig. Ich nehme ihn hoch. Er spuckt mir einen Schwall Milch übers Hemd. „Du hast ihn zu schnell hochgenommen“, sagt die Mutter. Wir streiten uns und gehen schweigend zurück. Auf der Rückfahrt schreit das Kind lange, bevor es auch in ein vorwurfsvolles Schweigen verfällt. Als wir zu Hause ankommen, ist es schon dunkel.
Heimat, die ich meine
Ja, ich schreib jetzt auch mal was über den Herbst. Herbst auf dem Land, mit Kartoffelfeuern, Rübenstechen und Sankt-Martinsfeuer. Das war der Herbst in meiner Jugend. Und natürlich Pflaumenkuchen! Mit dickem Hefeboden, der von unten schon ein bisschen dunkel war. Im Garten meiner Großeltern stand ein Pflaumenbaum. Und das größte Glück meiner Großmutter war der erste Pflaumenkuchen (Quötschekooche, in ihrer Sprache). Und da sie zehn Kinder hatte und unübersehbar viele Enkel, war sie es gewöhnt, riesige Mengen zu backen. Das heißt: Wir konnten uns an Kuchen rund und satt fressen. Und nur so schmeckt mir Pflaumenkuchen. Als meine Eltern das Haus und den Garten übernahmen, war das Erste was mein Vater tat, den Pflaumenbaum zu fällen. Die Birke hinterm Haus auch. Alles was „Dreck macht“ musste weg. Das habe ich ihm immer übel genommen. Aber Pflaumen gab’s weiter. Von Nachbarn oder vom Markt. Und Kuchen auch. Auch wenn es nur noch für fünf reichen musste: meine Mutter ließ es nie bei einem Blech.
Und heute, Samstagnachmittag, zur besten Kaffetrinkenszeit, fällt mir das alles wieder ein. Ich bekomme ein riesiges Verlangen nach Pflaumenkuchen mit Sahne. Nun ist der Wedding sicherlich ein Ort, an dem man die exotischsten Genüsse gleich um die Ecke bekommen kann. Aber einen richtigen Bäcker, der einen Pflaumenkuchen so backt wie meine Oma? Von Gier getrieben wage ich das Unmögliche. Ich habe dafür nur eine Stunde und auch noch den Jüngsten im Kinderwagen dabei. Aber was soll’s, wenn die Triebe mit einem durchgehen? Erster Versuch: Die „Backstube“ in unserer Straße. Einer von den vielen kleinen Berliner „Back-Shops“. Die kroatische Besitzerin hat sich auf aufgebackene polnische Teiglinge spezialisiert. Blasse Brötchen, labbrige Croissants werden mit viel Liebe verkauft. Frischer Kuchen? Fehlanzeige. Weiter, am „Arabi Back“ mit seinen abgepackten, klebrigen Süßigkeiten vorbei zum Café Kibo, ein paar Häuser weiter. Es wird von fröhlichen Rumänen geführt, die ein wunderbares Eis herstellen. Auch Apfelkuchen. Aber Pflaumen? Wahrscheinlich werden sie in Rumänien alle gleich zu Slivowitz. Die Not treibt mich in den Nachbarkiez. Hier soll doch angeblich alles gentrifiziert werden. Vielleicht haben sie sich hier schon auf das neue Publikum eingestellt? Haben sie tatsächlich. Im türkischen Eckcafé, in dem ich mit meinen Jungs nach der Kita ab und zu mal ein paar trockene Kekse kaufe, hat man auch an die deutsche Kundschaft gedacht und bietet deutschen Kuchen an, Pflaumenkuchen sogar. Oder zumindest das, was man in Berlin dafür hält. Denn die Rache des Berliner Bäckerhandwerks an den zugezogenen Westdeutschen ist das was man hier „Blechkuchen“ nennt. Das ist etwas wofür man in Heidelberg oder Rosenheim einen Bäckermeister geteert und gefedert vor die Stadttore werfen würde. Blechkuchen geht so: In einem Aluminiumkasten, von etwa einem Meter Länge und zehn Zentimetern Höhe wird der immer gleiche, pappige Hefeteig gelegt. Das Ganze wird durch weitere Blechstreifen unterteilt. Dann werden in diese Abschnitte entweder Streusel oder klebrige Zuckerglasur aufgetragen. Wenn Obst ins Spiel kommt, wird es mit süßer Gelatine übergossen, die bis zum Rand des Kastens aufgefüllt wird… Da stehe ich nun, fast vor der Erfüllung meines Traumes, doch ich bringe es nicht über mich, mich mit in Tortenguss ertränkten Pflaumen zufrieden zu geben. Ich muss weiter, immer weiter, meinem Glück hinterher (das ist von Hans Albers. Goodbye Johnny). Cafés gibt es in diesem Kiez ja zur genüge. Aber die meisten haben verdunkelte Fenster und laden grimmig schauende junge Männer zum Glücksspiel ein. Dann gibt es noch die anderen, die außer ein paar Stühlen und einer Neonleuchte keine Einrichtung haben. Hier treffen sich alte Griechen, Türken oder Portugiesen. Einen Raki oder einem Aguadiente könnte ich hier bekommen, wenn man mich hineinließe. Aber das wäre ein schlechter Trost. Meine letzte Hoffnung ist das Bollwerk der Gentrifizierung: Die Bio-Company, die ich sonst meide wie die Pest. Aber wollten die Bios nicht immer das Obst und Gemüse der Saison anbieten? Dann haben sie im Herbst doch bestimmt auch den passenden Kuchen dazu. In der Kuchentheke so groß wie ein Flughafenterminal finde ich kleine Törtchen mit Himbeeren und Mango, die wahrscheinlich gerade in Costa Rica Saison haben. Aber Pflaumen aus Brandenburg? Ich weiß, warum ich hier nie hin wollte.
Geschlagen schlurfe ich die laute Müllerstraße zurück. Noch ein verzagter Blick an den Ort, wo bis vor kurzem eine Ableger einer Steglitzer Konditorei Erlesenes anbot. Ist jetzt türkisch und stellt feiste Sahnetorten aus, von allem ein bisschen zu viel. Doch bevor ich mich schwermütig in den nächsten U-Bahn-Schacht stürze, erscheint mir „Thobens Backwaren“. Ein billiger Berliner Kettenbäcker. Seine Filiale habe ich bisher immer hochmütig übersehen. Wer Schrippen für 9 Cent anbietet, kann doch nichts Ordentliches haben. Nichts Ordentliches? Ein Blech voll frischem Pflaumenkuchen, der in seiner Größe meiner Oma selig zur Ehre gereicht hätte. Na gut, er ist nicht ganz so saftig, aber er kostet ja auch nur 89 Cent das Stück. Ich nehm gleich zwei, und dick süße Sahne dazu. Und bevor der Sohn im Wagen aufwacht, bestell ich noch ein drittes.
In zwei Wochen fahr ich nach Hause. Meine Mutter wird 80. Ich werde ihr keinen Geburtstagskuchen mitbringen, ich werde mir einen wünschen…
Lies doch mal ein schlechtes Buch
Eine Tüte englischer Chips, eine Flasche Bier, (alkoholfrei) und eine halbe Tafel Pfefferminzschokolade: Jetzt ist mir schlecht, und ich weiß immer noch nicht, worüber ich schreiben soll. Ist ja nicht so, dass mir nichts mehr auffallen oder einfallen würde. Ich kriegs nur nicht mehr auf den Punkt. Ich könnte ja erzählen, dass ich neulich mit einem Mitarbeiter des Grünflächenamtes gesprochen habe. War so ein Typ der mehr Bauch als Mann ist. Ich hab im gesagt, dass die Jungs, die immer in dem Gitterkäfig neben der Schule Basketball spielen und nachts auf den Spielplätzen abhängen, dass diese Jungs die Parkbank vom Spielplatz geklaut und in ihren Gitterkäfig gezerrt haben. Und dass der Bauch mit dem Mann geantwortet hat: „Dit is mir noch jar nicht ufjefalln.“ Und ich dachte: Den kannste vergessen. Der wird sich nie drum kümmern. Aber am nächsten Tag stand die Bank akkurat wieder auf dem Spielplatz. Mit einer Kette festgeschlossen, damit die Kiffer-Jungs nicht wieder auf dumme Gedanken kommen. Und plötzlich fühlte ich mich stolz und wohl in der großen Stadt, die ich ein bisschen zum Guten verändert hatte. Ich wollte auch immer mal schreiben, dass es an der Seestraße einen Laden gibt, der sich Amaras Shop nennt und der seinen immer gleichen Schaufensterpuppen die immer
gleichen, billigen Elasthan-Kleider überzieht. Allerdings wechselt er in einem strengen Rhytmus die Farben. Gerade ist die blaue Phase dran, davor war die schwarze und davor die rote. Ich bin mal reingegangen und wollte fragen, wer denn die Kleider kauft und die Schuhe mit Plateausohlen bis Größe 45. Aber dann kam ich mir blöd vor, weil ich natürlich wusste, dass das Männer sind. Nächsten Tag war der Laden dann zu. Im Schaufenster hing ein Schild: „Wir sind in Paris und wählen neue Modelle für Sie aus.“
Ich könnte auch erzählen, dass ich etwas getan habe, was man nie tun sollte: Ich hab ein Buch von der Spiegel-Bestsellerliste gekauft. So’n dickes Ding, das die Leute in der U-Bahn lesen. „Spiel der Zeit“ heißt es. Ich bin jetzt halb durch und bin noch nicht einmal überrascht worden. Alle Personen sind edel, aufrecht und gut. Nur einer ist böse, reich und hinterhältig. Ich dachte ja, für 9 Euro 90 darf sich mein Kopf beim Lesen mal ausruhen und in Klischees versinken. Aber es macht keinen Spaß, die immer gleichen Phrasen zu entdecken. So, jetzt ist spät. Morgen fahr ich nach Leipzig, um eine Freundin zu treffen, die mich vor 25 Jahren dabei erwischt hat, wie ich die DDR retten wollte. Vielleicht wird das ja mal wieder eine ordentliche Geschichte. Ich wollte noch sagen, dass mich eure Kommentare immer sehr freuen und mich ein bisschen durch meinen Alltag schweben lassen. Danke für die Geduld, oder um es mit Murph von „Murph and the Magic Tones“ zu sagen: “ Sie sind ein wunderbares Publikum. Bleiben sie da, gehen sie nicht weg. Wir sind bald wieder für sie da!“
Blüten der Jugend
Ist das nicht erschreckend? Von der Jugend holdem Traum bleibt einem nach fast 40 Jahren nur noch ein rotstichiges Photo-Porst-Bildchen mit runden Ecken. Kaum noch zu erkennen, der Junge mit der lockigen Mähne und den Cord-Schlaghosen. Der auf dem Nachttisch ein altes Röhren-Radio stehen hatte und auf der rauschenden Mittelwelle Nachrichten aus dem Reich des Bösen hörte: „Hier ist die Stimme Moskaus“, tönte es dunkel und verboten aus den Lautsprechern, während der Junge wie Wanja auf der Ofenbank schlafend seine Kräfte sammelte, für das Leben, das immer lauter an die Tür klopfte. Der sich vorbereitete auf den nächsten Streit mit den Eltern. Der bald danach auszog.
Was ist daraus geworden? Die Lockenpracht? Verweht. Das dunkle Reich Moskaus? Zerfallen. Der Jugend Blütenträume? Verblüht… Doch halt! Was red ich? Die blühend rosa Bettwäsche mit den Flower-Power-Blumenmuster, die mich schon mit 16 wärmte, ist es nicht die selbe unter der ich heute Morgen aufgewacht bin? Die selbe, die mir die Mutter gab, als ich auszog in die Welt? Die mich begleitet hat all die Jahre? Unter der so manche Liebschaft ihre Erfüllung fand- oder auch nicht? Möblierte Zimmer, Wohnheimwaben, WG’s, Altbaupaläste und Einliegerwohnungen – überall hin hab ich sie mitgenommen. Alle Frauen fanden sie scheußlich – ich hielt ihr die Treue. Vorsichtig rieche ich am dünn gewordenen Gewebe, ob sich nicht der Duft einer Liebesnacht darin gefangen hat. Nein, ich rieche nur mich, aber ich sehe strahlende Blumen.
Oh wie schön ist Ravensburg!
Es ist eine dieser tropischen Nächte. Eine Nacht, in denen das Leben sich selber feiert. Eine Nacht, wie es sie nur in Berlin geben kann. Alle Fenster stehen offen. Es ist heiß, bis weit nach Mitternacht und jede Lebensregung ist öffentlich. Bis in den zweiten Hinterhof klingen die ungehemmten Stimmen der Feiernden im Vorderhaus, im Nachbarhaus und wahrscheinlich sogar aus dem Altersheim am Ende der Straße. Es ist ein An- und Abschwellen in allen Sprachen dieser Welt, ein Klingen von Gläsern und Gelächter, natürlich: Gelächter. Ausgelassenes, lebensfrohes, extatisches Gelächter. Dann plötzlich eine Pause, und in die Stille hinein brüllt der nächste Düsenjet im Anflug auf den nahen Flughafen. Ja, das ist Großstadt, das ist Leben, das ist der Wedding! Deshalb bin ich hierher gezogen! Gegen alle Vorbehalte, gegen alle Warnungen. Allerdings hatte ich damals noch gute Nerven, keine kleinen Kinder, und das unerschütterliche Vertrauen, dass der Hauptstadtflughafen am anderen Ende der Stadt termingerecht fertig würde. Darauf warte ich seit Jahren. Jetzt wäre ich froh, wenn ich noch Träume hätte. Aber für Träume brauche ich Schlaf und für Schlaf brauche ich Ruhe. Ruhe! Meine übernächtigten Augen irren in der Wohnung umher, finden das Puzzle, das meine Söhne heute stolz gebastelt haben und mein schlaftrunkenes Hirn macht daraus ein Paradies: Ravensburg! Du Stadt der Stille, du Hort der ordentlichen und friedliebenden Menschen! Alles ist sauber und ordentlich. Frohe, unaufgeregte Menschen finden ihr ihre Seeligkeit darin, den Müll zu trennen und ein Schwätzchen mit dem Müllwerker zu halten. Hier braucht man keine Rauschdrogen um glücklich zu sein. Nur ganz hinten und ganz versteckt gibt es eine Trinkhalle. Aber in Ravensburg werden die Trinker wahrscheinlich abends mit dem Müllauto vor die Stadttore gefahren, oder mit der Kehrmaschine ausgefegt. Damit Ruhe herrscht, wundervolle, himmlische Ruhe…
Nach einem viel zu kurzen, unruhigen Schlaf gehe ich am nächsten Morgen an überfüllten Müllcontainern vorbei zum Backshop in meiner Straße. Ich ordere ein Schokobrötchen. Die Besitzerin taxiert mich kurz und mitfühlend: „Da braucht wohl einer Nervennahrung.“ Sie kennt ihre Nachbarn.
Still leben
„Was machst du denn heute Abend noch?“, fragt meine Schwiegermutter. „Och, ich werd noch eine Runde joggen.“ Das kling gut, das klingt nach „ich nutze den Tag, den du für mich frei geschaufelt hast.“ Für einen Moment glaube ich sogar selber daran. Aber ich weiß schon, dass ich den Abend in meiner Wohnung versacken werde. Ich habe ein freies Wochendende. Die Frauen kümmern sich um die Kinder. Ich könnte tun und lassen was ich will. „Hey“, sagt was in mir; „du bist in Berlin, es ist Sommer und überall ist was los. Komm! Geh wenigstens in den Park ins Freiluftkino. Das wolltest du doch schon immer.“ Ich schließe die Wohnungstür hinter mir zu, stelle die Einkäufe von heute Morgen in den Flur. Hier bin ich, my home is my castle. Kaum habe ich die Schuhe aus, will ich was essen. Immer wenn ich in meine Wohnung komme will ich was essen. Ankommen. Der Kühlschrank gibt eine Dose Heringe her. Noch einen Moment denke ich „Jetzt könntest du noch raus gehen“. Doch schon ist die Dose offen und eine Bier neben mir auf dem Tisch, das Multi-Kulti Radio spielt dazu serbische Weisen. Eigentlich wollte ich heute auch noch was schreiben, in meinen Blog. Doch zu etwas Kreativem bin ich heute nicht mehr fähig. Mein Blick fällt auf meine Fensterbank. Von wegen zu nichts mehr fähig: Dort liegt ein perfektes Stilleben mit dem frisch gewaschenen Obst vom Türken. „Stilleben mit Radiator“- Cezanne wäre stolz auf mich. Ich hab doch noch etwas geschaffen heute. Jetzt kann ich beruhigt schlafen gehen. Nur meiner Schwiegermutter werde ich das zufriedene Gefühl nicht erklären können.
Mein schönstes Ferienerlebnis
Wir schauen beide träge aus dem Zugfenster in die brandenburgische Monotonie. Ich entdecke ein kleines, verfallenes Backsteinhaus. „Ich würde ja gerne in einem alten Bahnwärterhäuschen wohnen“, sage ich so daher. „Dann machs doch einfach“, erwiedert er tonlos, „das sagst du doch schon seit ich dich kenne.“ Da hat er Recht, und ich denke ernsthaft über seinen Vorschlag nach. Immerhin hat er in seinem Leben schon drei Häuser gekauft, und zwei wieder verloren, und ich hänge noch meinem alten Traum nach. Und er hat Recht: Wir kennen uns schon lange. Die 20 Jahre, die wir in Berlin leben. Unglaubliche Jahre. Oft bin ich bei ihm untergekrochen, wenn es mir mal wieder dreckig ging. Manchmal war er der Grund, weshalb es mir dreckig ging. Und neulich stand er bei mir vor der Tür und suchte Unterschlupf.
Unsere Frauen haben uns zusammen gebracht, damals zum Geburtsvorbereitungskurs im Frauenzentrum Frieda. Und später zu den gemeinsamen Urlauben mit den Kindern. Die Frauen sind nicht mehr unsere Frauen und die Kinder werden dieses Jahr ihren 20. Geburtstag feiern – ohne uns. Jetzt sitzen wir im Zug, um zusammen ein wenig durch den Spreewald zu radeln. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich hab wieder kleine Kinder zu Hause, er eine kranke Mutter in Hamburg. Aber die zwei Tage haben wir uns rausgeschnitten. Ich hole meine Stullenbüchse raus und er linst hinein. „Was du wieder für herrliche Sachen dabei hast“, begeistert er sich. Ich weiß, dass ich jetzt wieder meine Stullen los bin, und er wird sich darüber freuen wie ein Kind. Er hat mir schon oft den Kühlschrank leer gefressen und ich hab mich dabei gefreut, ihn so glücklich zu sehen.
Mit ihm kann ich so herrlich ins Blaue fahren, ohne nachzudenken. Er ist wie ein großer Bruder für mich. Mit Einsneunzig und kahlem Schädel ist er eine beeindruckende Erscheinung. Bei ihm fühle ich mich sicher, und er verlässt sich auf mich. Leider auch beim Kartenlesen. Deshalb sitzen wir jetzt bei pladderndem Regen auf der Terrasse eines verlassenen Cafés und wissen nicht, wo wir sind. Na, egal. Er packt seine Zeitung aus und wir machen es uns gemütlich. Wir werden schon irgendwo hin finden. Vor Jahren sind wir mal ohne Zelt zu einer mehrtägigen Tour aufgebrochen. Irgendwann wars dunkel und er fragte: „Was machen wir jetzt?“ Ich antwortete nur: „Wir legen uns ins Gras.“ „Und wenn`s regnet?“ „Dann werden wir naß“, erwiederte ich unbekümmert. Darauf hat er sich eingelassen. Und als uns morgens um fünf tatsächlich der Regen weckte, lud ich ihn zu einem Kaffee in die nächste Tanke ein, und die Reise konnte weiter gehen.
Und so auch jetzt. Die Wolken verziehn sich, wir finden auf den Weg zurück und gönnen uns abends in Cottbus das beste Schnitzel der Stadt, und er sagt, dass es das beste Schnitzel seines Lebens gewesen sei. Und ich freu mich wieder für uns.
Ach ja: Eigentlich wollten wir gar nicht in den Spreewald, sondern nach Istanbul. Aber drei Tage vorher stellten wir fest, dass sich keiner von uns sich um einen Flug gekümmert hatte. Egal, so wars auch schön.
Halt durch
Halt durch, tapferer alter Wetterladen!
Schon bald werden Sonnenschein und Hitze nur noch eine Erinnerung sein.
Dann werden feine Niesel fallen und schwer die Morgennebel aus den Flüssen steigen.
Verschwunden sind dann die leicht Bekleideten von den Ufern der Seen.
Eingehüllt in deine Öljacken werden wir schweigend am Wasser stehen:
Missmutig wie immer, aber endlich wieder in unserem Element.










