Herr, schmeiß Geist vom Himmel !

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Ich werde Pfingsten ja nie verstehen. Ausschüttung des Heiligen Geistes, flammende Zungen, Reden in fremden Sprachen. Es bleibt mir ein Rätsel, was da eigentlich gefeiert wird. Und das Schlimmste ist: ich bin an meiner Dummheit selber schuld.

Sich schuldig zu fühlen ist ja für einen Katholiken eigentlich ein guter Anfang. In meiner schwer religiösen Phase, so von 10 bis 12, lief ich jede Woche zur Beichte, um dem Pfarrer im dunkel gebeizten Beichtstuhl meine Vergehen zu gestehen, aber es gab keine. Die Zehn Gebote hatte ich treu eingehalten, Vater und Mutter geehrt und auch sonst konnte ich nirgends in meinem blauen Beichtheftchen ein Kreuz machen. Ich war ein braver Junge. Aber um den Herrn Pfarrer nicht zu enttäuschen, oder noch schlimmer, misstrauisch zu machen, erfand ich jede Woche neue, bußwürdige Taten, die der arme Mann mit der müden Stimme mir dann, in Gottes Namen, gegen zehn Vaterunser oder fünf „Gegrüßet seist du Maria“ wieder abnahm. Wenn ich durchgehalten hätte,  hätte ich mit 13 oder 14 beim Firmunterricht einen Einblick in die Bibel, die Mysterien des Glaubens, die Sakramente und eben den hl. Geist bekommen. Doch damals wurden mir andere Sachen wichtiger und ich hatte wirklich keine Lust, Nachmittage  bei einem missmutigen, pensionierten Bundeswehroffizier zu verbringen, der uns den Kathechismus einpauken sollte, währen draußen meine Freunde mit ihren Mopeds die Welt erkundeten. Meine Mutter, die bei meiner Taufe immerhin gelobt hatte, mich im Glauben zu erziehen, nahm meine pubertäre Verweigerungshaltung ohne großen Widerstand zur Kenntnis. Ihr Vertrauen in  die hl. Mutter Kirche war stark erschüttert, seit sie, nach der Geburt ihres dritten Kindes, versucht hatte, mit dem Pfarrer ein direktes Gespräch über erlaubte Verhütungsmethoden zu führen. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich den Verlauf des Gespräches und die hochrroten Ohren des zölibatären Gottesmannes vorzustellen. Verbürgt ist der  zornesrote Kopf meiner Mutter, nachdem er ihr geraten hatte, diese Frage doch in Gottes Hand zu legen. Eine Kirche hat sie seither nur noch zu Beerdigungen betreten.Wo waren wir? Ach ja, bei Pfingsten.

Ich komme nun in das Alter, in dem ich meine Jugendsünden bereue. Wegen des versäumen Unterrichts muss ich versuchen mir selber aus der Bibel einen Reim darauf zu machen, ob es Gott gibt, und ob er mich in all meiner Schwäche  annimmt, ohne dabei auf das Jahrtausende alte Wissen der katholischen Kirche zurück greifen zu können. Um es vorweg zu sagen: Es klappt nicht. Das neue Testament ist eine eher amüsante Lektüre für jeden, der sich schon mal kritisch mit Texten auseinander gesetzt hat. Ich bekam den Eindruck, dass der arme Jesus hauptsächlich damit beschäftigt war, die Mängel des israelitischen Gesundheitssystems auszumerzen. Blutfluss, Fallsucht, Besessenheit heilt er am laufenden Band. Hätte er nicht höheres im Sinn gehabt, er hätte eine gut gehende Praxis in Jerusalem eröffnen können. Diese Fähigkeiten hat er, und nun komme ich langsam zum Punkt, auch auf seine zwölf Gefolgsleute übertragen. Im  Markusevangelium heißt es ganz am Ende: „Diese Zeichen aber werden denen folgen, die an mich glauben: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben …und wenn sie Tödliches trinken wird es ihnen nicht schaden.“ Das scheinen die Jünger nach dem Tod Jesu an Pfingsten gleich mal ausprobiert zu haben – mit hochprozentigem Heiligen Geist. In der Apostelgeschichte heißt es zu Pfingsten: „Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ Einige der Umstehenden scheinen das, da ist die Bibel ehrlich, gut eingeschätzt  zu haben. „Andere aber sagten spottend: Sie sind voll süßen Weines.“ Das einzige, was Paulus als Ausrede dazu einfällt ist: „Diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, denn es ist die dritte Stunde des Tages.“ Als wäre es etwas Besonderes, nach einer Party noch drei Stunden nach Sonnenaufgang gut drauf zu sein. War also Pfingsten nichts anderes als eine überzogene Party der zwölf Freunde Jesu,  und der heilige Geist einer, der aus der Flasche kam? Wenn dem so wäre, hätte ich diese Frage doch zu gerne dem Bischof gestellt, bevor er mir als eifrigem Firmling sanft die Wange getätschelt hätte. Wahrscheinlich hätte er mir eine runtergehauen.

Das Tier in mir

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Mein Freund Jan entblößt seinen muskulösen Oberarm. Vergangenes Wochenende war er bei einem Medizinmann und hat mit ihm eine schamanische Krafttierreise gemacht. In einer Art Trance haben sie das Tier gesucht, das ihn auf seinem Lebensweg begleitet und stärkt. Die Indianer haben da einiges im Angebot: Wölfe, Bären, Adler, Schlangen und einiges, was überrascht, so wie Jans Totemtier (Zuerst verstehe ich Totestier, aber es heißt Totemtier, wie der Totempfahl bei Winnetou). Glatt und elegant schlängelt sich das Tatoo eines Feuersalamanders auf seinem Bizeps in Richtung Schulter. „Er steht für Veränderung, für die Verbindung zwischen Feuer und Erde“, klärt mich Jan auf. „Aha“, sage ich verständnisvoll und denke neidisch: Will ich auch haben! Das muss doch bei mir auch funktionieren (und so gut aussehen). Doch so einfach ist das nicht, erfahre ich. Jeder hat ein eigenes Tier, das zur Lebenssituation passen muss. Ich muss also erst meine Situation erkennen und dann das richtige Tier für mich finden. Denn Jan ist Jan und ich bin – ja was denn?

Ich gehe in meinen Kraftraum, also zu meinem Bücherregal, und setze mich hin. Wer, wenn nicht meine Bücher, die mich über mein Leben begleitet haben, können mir sagen wer ich bin und was mir Stärke gibt? Das passende Tier dazu wird sich schon finden.

Ich fange oben an mit den Russen (der Bär!). Eigentlich sind es ja die Sowjets, denn die Begeisterung fing Mitte der Achziger an, als ich das erste Mal Gorbatschow sprechen hörte. Dieser weiche, tiefe Klang des Russischen, diese abgeschottete Welt, dem wollte ich näher kommen. Also las ich alles von den Klassikern über sozialistischen Realismus bis zu Bulgakow und zu den Samsidat-Autoren. Zettel von Lesungen, Filmen und Zeitungsausschnitte stecken in den verstaubten Büchern. Dann die Sprachreise 1993 nach St. Petersburg. Die harte Seite Russlands. Blanke Not und Gewalt und das Leiden der stolzen, liebenswerten Menschen. Ich versuchte es danach noch mal mit Humor und Alkohol, las die „Reise nach Petuschki“, aber dann kam Putin und dann war Schluss mit Lustig.

Ein Regalbrett tiefer wartet die nächste Leidenschaft: Die Briten (die Bulldogge!), Praktikum in Manchester, Mitte der Neunziger. Ich liebte alles, die zerfallenden Backsteinbauten, die schrulligen Damen in den Teestuben und den knallharten Kapitalismus in der Law Firm. Danach war ich so fit, dass ich einiges im Original lesen konnte: Orwell, Nick Hornby, Joyce und auch für ein paar Klassiker wie Dracula und Frankenstein in herrlich umständlichem viktorianischen Britisch hat es gereicht. Doch nach und nach vergaß ich den Witz in der Sprache, meine Briefe an meinen englischen Freund wurden kürzer und holpriger. Das Schlusslicht bildeten drei Bände Harry Potter und er Besuch des Freundes, der, ganz unenglisch, direkt zur Sache kam: Er wolle sein Geld in Wohnungen in Berlin anlegen, ob ich gute Plätze wüsste..? Nicht mit mir, mein Freund.

Immerhin kam ich durch Orwell zu den Spaniern (der Stier!), oder war es umgekehrt? Genauer hingesehen ging es um den Spanischen Bürgerkrieg. Ein Regalbrett mit Hoffnungen europäischer Schriftsteller, die Revolution zu machen, den Faschismus zu besiegen. Auch wieder eine Sprachreise, wieder Ernüchterung: Die Spanier hatten wirklich anderes zu tun, als an die anarchistischen Aufstände von 1936 anzuknüpfen. Wenigstens war das Meer warm und die Paella gut.

Um mich von meinen revolutionären Schwärmereien endgültig zu befreien, besuchte ich die Überreste des Sozialismus in Osteuropa. Die Broschüre „Reiseland DDR“ prangt mir in den unteren Regalfächern entgegen. Leider hat es ja der Sozialismus nicht zu einem Wappentier gebracht. (Vielleicht hätte es geholfen?) Nur Ochs und Esel sind in Erinnerung geblieben. Wie weiter?

Ratlos stehe ich vor meinem Regal. Fast verlegen blättere ich in Romanen, die mit vielen Ausrufezeichen versehen sind, in Broschüren aus dem Osten, die ich für witzig hielt und merke, dass sich aus dem Ganzen beim besten Willen nichts Stärkendes ableiten lässt. Alles mal angeschaut, nichts festgehalten, eifrig gesammelt und wieder abgebrochen und manchmal mächtig an der Wirklichkeit vorbeigelaufen. Auf meinen Oberarm kann ich mir wohl eine Null tätowieren.

Da raschelt es in meinem Kopf. Ein kleines, emsiges Tierchen macht sich in meinen Gedanken breit. Es sammelt. Es sammelt hier ein paar Nüsse, da ein paar Eicheln und dort ein paar Samen, die es noch nicht kennt. Es trägt sie zusammen, legt kleine Nester an und vergräbt seine Schätze. Einige harte Nüsse nimmt es sich mit in sein kuschliges Nest, um sie genüsslich zu knacken. Es ist ein bisschen vergesslich, das gute Tier. Manchmal macht es sich auf die Suche nach seinen vergrabenen Schätzen und findet sie nicht mehr. Daraus wachsen dann die Bäume, auf das es später klettern kann. Und manchmal findet es ein längst vergessenes Versteck und ist glücklich und erstaunt, wie anders die Nüsse von damals heute schmecken.

Ins Herz geschrieben

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Quelle: WDR

Heike ist wieder da. Sie ist mit Freund und Sohn nach Berlin gekommen und wollte mich unbedingt treffen. Ich habe kurz gezögert, denn Treffen mit Heike können ganz schön anstrengend sein. Aber jetzt sitzen vor einem Restaurant in Mitte, Weinreben ranken sich die graue Fassade hoch und wir rätseln, wie lange wir uns nicht gesehen haben. Sind es vier Jahre oder fünf? Auf jeden Fall war es kurz nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. Völlig aufgelöst war sie in Berlin aufgetaucht, um mit mir zu sprechen, zu wehklagen und mich zu fragen, ob alle Männer so sind. Sie sind so, bestätigte ich ihr, vor allem wenn sie mit Anfang Vierzig alles erreicht haben: Frau, Haus, zwei Kinder. Ich war für sie immer ihr geduldiger Vertrauter.

Heike sieht wie immer „top“ aus. Die grasgrünen, stechenden Augen im kugelrunden, ein wenig asiatisch wirkenden Gesicht, die vollen Lippen stets geschminkt und die gekonnt verstrubbelten kurzen Haare dunkel gefärbt. Schon damals in Heidelberg hat sie immer für Aufsehen gesorgt, wenn ich mit ihr auf einer Studentenfete in meinem schlurfigen Öko-Millieu aufgetaucht bin. Die Frauen taxierten erst sie, dann mich und rechneten sich dann aus, dass sie bei jemanden, der mit einer solchen aufgebrezelten Tussi auftaucht, wohl selber keine Chancen hätten. Pech für mich, denn zwischen mir und Heike war nix, nichts Körperliches jedenfalls. Denn was Männer angeht war sie sehr ängstlich. Da gab es nur „Das ist ein ganz Lieber“ oder „Der ist ekelig“. Dazwischen gab es wenig. Und ich war ein „Lieber“, immerhin. Wir waren zusammen in Italien, schliefen im selben Zelt und tranken schlechten Rotwein – aber es war kein Zusammenkommen. Heike ist eine sehr willensstarke Frau. Nur einmal durfte ich ihren Busen sehen. Das war, als sie beschlossen hatte, nicht länger ein Mauerblümchen aus der Provinz zu sein, und einen Arzt gefunden hatte, der ihren überbordenden Melonenbusen auf ein ansehnliches Maß verkleinerte. ‚“Willste mal sehen?“ fragte sie schüchtern, als ich sie nach der Operation besuchte. Sie hob ihr Krankenhemdchen gerade so viel, dass ich das Kunstwerk bewundern konnte, das unter Pflastern und Verbänden sichtbar wurde. Es war perfekt und es war unser intimster Moment, dachte ich.

Jetzt zeigt sie mir einen Schnappschuss eines jungen Mädchens. Es ist ihre Tochter, die bei ihrem Ex wohnt, und sie seit Jahren nur noch sieht, wenn sie vor Gericht um Unterhalt streitet. „Ich habs mir bei Facebook runtergeladen,“ sagt sie gefasst. Heike war schon immer eine Kämpferin, jetzt kämpft sie gegen den, der vom „ganz Lieben“ zum „Idioten“ wurde, hetzt ihm die Behörden auf den Hals und sieht zu, dass die Kinder wenigstens die Schule schaffen. Zum Abschied drücken wir uns, versprechen uns, dass wir uns besuchen und unvermittelt sagt sie: „Du hast immer so schöne Briefe geschrieben, und Postkarten. So schön und so witzig. Ich hab sie alle aufgehoben.“

Schlüsselerlebnis

Gestern bin ich über mich selbst hinausgewachsen. In meiner Montagnachmittags-Lieblingsbäckerei. Hab ein bisschen die Welt gerettet und  freu mich heute noch drüber!

Bevor ich hereinkam sah ich auf einem der Tische vor der Bäckerei einen Schlüsselbund liegen. Brav nahm ich ihn mit in den Laden, um ihn der Verkäuferin zu übergeben, damit sie ihn für den unglücklichen Besitzer aufbewahrt, bis dieser, kurz vor Ladenschluss in die Bäckerei hastet und die atemlose Frage nach dem Schlüssel stellt. Kurz stellte ich mir sein glückliches Gesicht vor, wenn er seinen ersehnten Bund dann, mit einem milden Lächeln des Verständnisses von der wohlmeinenden Verkäuferin, überreicht bekommen würde.

Solch beglückende Szene stellte ich mir also vor, als ich den Schlüssel über den Thresen reichte. Doch satt dessen sagte das dünne Stimmchen hinter den Brötchen und dem Kuchen: „Legen Sie den Schlüssel bitte da hin, wo sie ihn her haben.“ Verdutzt fragte ich nach dem Wieso. „Ich habe meine Anweisungen, der Schlüssel hat draußen liegen zu bleiben,“ antworte das schmächtige Weiblein in bestem Amtsdeutsch. „Oh, sagte der Kafka in mir, „es gibt Anweisung von unbekannter höherer Stelle. Diese sind sofort zu befolgen.“ Sprachs und trollte mich nach draußen, um den Schlüssel wieder seinem Schicksal zu überlassen. Was folgte war ein absurdes Theater in fünf Akten. Während ich bei Kaffee und Puddingstreusel die Schlüssel im Blick behielt, kamen nacheinander zwei Männer, ein Kind und zwei Frauen rein und versuchten den Schlüssel zu übergeben. Alle erhielten den gleichen absurden Befehl- und all die guten Menschen legten den Schlüssel brav wieder zurück! Wir brauchen in Berlin keinen Hauptmann von Köpenick mehr, keine Offiziersuniform. Befehle werden immer noch befolgt. Um hier eine Autorität zu sein, reicht eine Bäckerschürze.

Mir wurde klar, ich muss etwas unternehmen, damit dieser Wahnsinn aufhört. Sanft fragte ich die Verkäuferin, seit wann den der Schlüssel da liege, und welche Stelle denn die strikte Anweisung gegeben habe? „Meine Kollegin hat mir das heute morgen gesagt, antwortete sie verdruckst. „Und seitdem habe ich bestimmt schon zwanzig Leute wieder rausgeschickt. Ich glaube ich träum heute Nacht von dem Schlüssel.“ Das ganze Elend der geschundenen Kreatur lag in diesen wenigen Sätzen. Tapfer hatte sie den Befehl ausgeführt, die Stellung gehalten, doch jetzt war sie am Ende ihrer Kräfte. Ich wusste, dass ich jetzt zur Autorität werden und sie an die Hand nehmen musste. Wortlos ging ich nach draußen, nahm den Schlüssel und reichte ihn ihr über den Thresen. „Jetzt nehmen sie den mal an sich, sagte ich bestimmt, „sie dürfen das!“ Ihr Gesicht hellte sich auf. „Ich kann ihn ja hier neben die Kasse legen, damit ich ihn zur Hand habe, wenn jemand fragt.“ „Genau, sagte ich.“Und wenn ihn bis Ladenschluss keiner geholt hat, gehen sie vorne zur Polizei und geben ihn dort ab. Davon merkt Ihre Kollegin gar nichts.“ „Oder ich frage meinen Mann, der ist ja Polizist und kann mir sagen, was ich tun soll“, ergänzte sie eifrig. „Genau so machen sie das“, sagte ich erleichtert, verabschiedete mich und ging meiner Wege. Es ist gut, wenn es in diesem Land noch Menschen gibt, die Verantwortung übernehmen.

Die Frau im Karton

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Ich kann mir ja  nie vorstellen, dass etwas endgültig vorbei ist. Dass eine Liebe zugrunde gehen kann, dass Freunde sich trennen, oder dass Dinge einfach zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Ich bin ein Altkrämer, der versucht alte Gefühle zu erhalten, und sich immer wieder freut, Gegenstände zu finden, die mich für einen Moment wieder zurück bringen in Zeiten, in denen die Gefühle groß und die Möglichkeiten unendlich waren. Ich kann mich von nichts trennen, an dem eine Erinnerung hängt: Kästen mit Postkarten, seltsame Fundstücke aus den Ramschläden Europas und dann dieser seltsame Apparat aus der Tschechoslowakei, der mal ein Geschenk für eine Frau werden sollte. Ernsthaft! Petra hieß sie. Sie war schön, groß, hatte lange Beine und einen Freund. Aber sie hatte auch was für mich übrig. Das merkte ich, wenn ich sie in dem Alte-Tanten-Café besuchte, in dem sie bediente. Ich wollte nichts von ihr, anfangs, ich wollte sie nur mal anschauen, wie sie aussieht in dem schwarzen Kellnerinnenkostüm, von dem sie mir erzählt hatte.  Das machte sie verlegen, besonders, als ich immer wieder kam. Aber ich wusste nicht so recht, was ich mit ihrer Schwäche für mich anfangen sollte. Ich war Ende 20, aber ich hatte wirklich keine Ahnung, wie ich einer Frau näher kommen konnte. Da ging zum Glück der Eiserne Vorhang auf, und ich musste weg. Die Grenze war offen, das Reich des Bösen lockte mich mit ungeahnten Abenteuern. Der Wagemut, der mir bei Petra fehlte – hier konnte ich ihn ausleben: Mit dem Rad auf  holprigen Pisten, in ranzigen Hotels und im Gestank riesiger Industrieanlagen. Aber Petra fuhr mit, wenn auch nur als Gedanke an ein tolles Geschenk, das ich ihr von meiner Reise mitbringen wollte. Nicht einfach in Ländern, in denen die Planwirtschaft Konsumgüter hervorgebracht hatte, die nur noch entfernt an ihre westlichen Gegenstücke erinnerten. Aber ich liebte es, in den kargen Kaufhallen Dinge zu finden, deren Funktion sich mir nicht auf den ersten Blick erschoss und bei denen ich lange rätseln musste, bis ich eine Ahnung bekam, wofür sie gut sein könnten. Das wars: Ein Rätsel würde ich ihr mitbringen, ein Rätsel, das ich ihr Stück für Stück erklären würde, bis klar würde, dass der unscheinbare Gegenstand tausend Gedanken an sie enthält.

25 Jahre später ziehe ich eine schäbige Pappschachtel aus einem Karton im Keller. Die Verpackung zeigt eine elegante Dame im Stil der 50er Jahre und ein seltsames Gerät. Es hat einen klobigen Gummiballon und darauf einen filigranen Glasaufsatz- beste böhmische Glasbläserkunst. Ich weiß bis heute nicht, wofür es gut ist. Petra auch nicht. Als ich aus dem Osten wieder kam, war sie gerade dabei ihre Sachen zu  packen, um zu ihrem Freund zu ziehen. Sie hatte einen lindgrünen Minirock an und sah umwerfend aus. Ich hatte eine Pappschachtel in meiner Tasche und fühlte mich genau so schäbig und wertlos. Jetzt ist die Geschichte erzählt, und ich kann  das Ding endlich wegwerfen.

Here comes the rain again

Draußen vor der Tür macht sich der Frühling bemerkbar. Der Himmel ist himmelblau, die ersten Krokusse schießen aus der Erde und die Vögel kriegen sich gar nicht mehr ein vor Lebensfreude. Und ich sitze zu Hause – und träume vom Regen.

Heute Nacht bin ich aufgewacht , weil ich glaubte das sanfte Rauschen zu hören, mit dem sich ein satter Regenguss ankündigt. Ich ging erwartungsfroh zum Fenster und öffnete es. Doch draußen war es trocken und das Rauschen kam von den landenden Riesenvögeln am nahen Flughafen. Woher die Sehnsucht?

Vielleicht, weil in diesem Winter so wenig vom Himmel kam, kaum Schnee und auch kein richtiger Regen. Ein richtiger Regen ist laut, trommelt auf die Fensterbank und rauscht wie ein Wasserfall. Wenn ich einen solchen Guss zu Hause erleben darf, öffne ich die Fenster und genieße das an- und abschwellende Brausen. Ich kann mich dabei herrlich entspannen. Denn nichts kann ich tun, außer abzuwarten und mich dabei sicher und geborgen zu fühlen.

Wenn mich ein Wolkenbruch draußen erwischt, auf dem Fahrrad oder dem Motorrad, ist er für mich eine Herausforderung. Trotzig stemme ich mich gegen die Naturgewalt , genieße den Kampf und lasse mich nicht unterkriegen. Verächtlich schaue ich auf die Gore-Tex-Jünger am Straßenrand, die noch nicht mal ihrer Regenjacke vertrauen und sich ängstlich unter viel zu kurzen Vordächern verkriechen. Ich trage meine nassen Kleider wie eine Auszeichnung und lasse sie nach dem Gewitter vom Wind trocknen.

Jetzt kommt von irgendwo her ein Gruß aus dem Mutterland des Regens in meinen Kopf: „Here comes the rain again, falling on my head like a memory, falling on my head like a new emotion…“

A new emotion. Vielleicht ist es das, wonach ich mich sehne.