Ich hätte ja nicht geglaubt, dass ich das noch erleben darf. Vor drei Jahren stand ich mit meinen Jungs auf dem zugefrorenen Plötzensee und dachte: Gut, dass ich ihnen das noch mal zeigen konnte. Das wird es nie wieder geben. Klimawandel und so. Und jetzt? Ein Winterwunder! Der Himmel strahlt und das Eis lockt, Zäune zu übersteigen. Die Natur ist wohl doch noch für ein paar Überraschungen gut.
Die Menschen leider auch. Denn was ich dann sehe, als ich an den See komme, verdirbt mir die Winterlaune. Genau wie im Sommer wird der See zum Partymachen missbraucht. Musik wummert, die geschützen Uferböschungen werden rücksichtslos zertrampelt, das Eis aufgehackt, gerade an den Stellen wo Kinder unterwegs sind. Keine Rücksicht auf Niemand. Es gibt echt zu viele Bekloppte in Berlin.
kleine Fluchten
Darstellende Vergangenheit (Perfekt ridiculus)

Freitagvormittag. Ich sitze vor dem Bio-Laden, meinem Bio-Laden, der noch so aussieht wie der Bio-Laden, bei dem ich in den 90ern selbst Hand angelegt habe. In Holzregalen liegen Räucherstäbchen und selbstgestrickte Mützchen. Körner gibts zum Selbermahlen und ein Schild mahnt: „Bitte denkt an eure Brotbestellungen“. Draußen ist ein Brett schief auf den Sims vor dem Schaufenster geschraubt, auf das sich vorsichtig setzen kann, wer die Sonne genießen will. Da draußen sitze ich und trinke einen Kaffee, richtig fair gehandelten natürlich, aus einer richtigen Tasse. Ist mir doch wurscht, was die Corona-Polizei sagt. „Legal, illegal, scheißegal“ hatte ich damals auf der Jacke stehn. Und natürlich lese ich dabei die taz, die für die Mitglieder des Ladens kostenlos ausliegt. Und als ob ein Filmteam zu meiner perfekten Inszenierung vergangener Zeiten noch ein paar Komparsen angeheuert hätte, kommt die laute Kinderschar aus der selbstverwalteten Eltern-Initiativ-Kita „Tüte Mücken“ auf dem Weg zum Spielplatz vorbei. Eine Erzieherin grinst mich an. Vielleicht gefällt ihr dieses störrischen Festhalten an dem, was einmal Lebensfreude bedeutete. Die Kinder merken das Interesse und fragen sie: „Was macht der Mann da?“ „Der liest eine Zeitung.“ „Was ist eine Zeitung?“ „Das erklär ich dir nachher.“
Samastagnachmittag. Drei laute Kinder toben auf meinem Sofa herum. Es sind meine eigenen. Draußen fällt Schneeregen. Mir muss bald etwas einfallen, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, sonst platzt mir der Kopf. Vor ein paar Tagen hatte ich begonnen, meinen Keller aufzuräumen, um der Trübsal der Telearbeit zu entgehen. Einen Umzugskarton voller Dias samt Projektor habe ich nach oben geschafft. Der Projektor geht noch. Lange Nächte habe ich seitdem im Schein der 150 Watt Halogenlampe verbracht, mit dem Rauschen des lauten Gebläses und dem harten Klacken, das der Greifer macht, wenn er sich ein neues Bild aus dem Magazin zieht. Stundenlange Meditationen über die Vergänglichkeit waren das, mit stockfleckigen Bildern aus einer untergegangenen Epoche voller Aufbruchsgeist, unterbrochen nur von dem bienenschwarmigen, wütenden Gesumm des Ventilators, wenn mal wieder ein Dia hängengeblieben war.
Vor ziemlich genau einem Jahr, als man zu den Winterferien noch mit den Kindern verreisen konnte, habe ich mit einem guten Freund in Bayern zusammen gesessen, während die Kinder draußen im Schnee tobten. Ermattet hatten wir uns über die ständig zunehmende Hektik in unerem Leben beklagt. „Weißt du noch, was vor zehn Jahren war, hatte er gefragt, oder vor dreißig?“. „Nee“, sagte ich, „Total weg. Bin froh, wenn ich weiß, was letzte Woche war.“ Der Freund nickte. Bei ihm sind zwar die Kinder aus dem Haus, aber er ist jetzt Leiter eines Pflegedienstes.
Wenigstens mir lässt Corona jetzt Zeit zur Besinnung. Magazine mit vergilbten Notizzetteln aus Umweltschutzpapier „Heidelberg 93“, Polen/Litauen 94, „Berlin am Anfang“, „Reichstag 95“ ziehe ich eins nach dem anderen aus dem Karton. Menschen mit weichen, rotwangigen, Gesichtern lachen mich an, als ich die Bilder durchklicke. Mein Freund bei seiner Hochzeit, bei der ich Trauzeuge war. Gemeinsam mit meiner Freundin spannen wir mit unseren Armen eine große, schimmernde Plastikfolie über dem Hochzeitspaar aus, weil es beim Fest im Garten ihrer alten Villa plötzlich angefangen hatte zu regnen. Bei der Reichstagsverhüllung ein Jahr später waren wir gerade nach Berlin gezogen. Cristo und Jean Claude waren mir ein ganzes Magazin wert. Dazwischen Bilder von schmalen, baumbestandenen Straßen in Osteuropa und Selfies aus dem Rechtsanwaltsbüro in England. Und dann ein kleines Mädchen, das vor unserem Schrebergarten an der S-Bahn erste Fahrübungen mit dem Rad macht. Alles einmal durch, alles mitgenommen. Ein Jahrzehnt Achterbahn, aber wenigstens bin ich dabei nicht aus der Kurve geflogen. Das kam später. Ein Drittel der Bilder habe ich weggeworfen, weil ich wirklich nicht mehr wusste, warum ich zehn Mal den Müll in den Straßen von Manchester fotografiert hatte. Oder gerade weil ich mich wieder erinnerte, warum ich es getan hatte. Weil ich das wild und urban fand, als ich noch im sauber geleckten Heidelberg lebte. Jetzt kann ich Müll auf der Straße jeden Tag haben und ich finde das nicht mehr aufregend.
Der Schneeregen hat aufgehört, das Rumgehopse auf dem Sofa nicht. „Kommt“, sage ich zu meinen Jungs, „ich zeige euch mal was.“ Ich werfe den Projektor an und ein leuchtendes Quadrat erscheint an der Wand. „Ach“, sagen sie, „wie in der Schule, wenn wir Videos gucken.“ „Nein, sage ich, „das ist ein Apparat, der kleine Bilder groß macht.“ Ich zeige ihnen ein kleines Dia, lege es in den ausklappbaren Schlitz und warte, bis der Autofokus! (war mal ein teures Gerät) mit viel Hin- und Hergesumm das Bild scharf gestellt hat. „Was ist das?“, fragen sie. „Das ist das Schild vor einer Stadt. Ihr könnt doch schon lesen. Lest mal.“ „ALITUS“ buchstabieren sie vom Sockel eines realsozialistischen Betonmonuments herunter. „So heißt eine Stadt, in der du gewesen bist?“ „Ja, und was seht ihr noch?“ Die Jungs springen in den Lichtkegel – und sehen gar nichts mehr. Erste Lektion gelernt. Im zweiten Anlauf klappt es. „Eine Kuh!“ „Genau“, sage ich, „und was hat die Kuh da im Maul? “ „Das ist so was wie bei den Pferden, wo die Zügel drankommen.“ „Richtig“, sage ich, das war eine freilaufende Kuh. Die hat der Bauer am Abend am Zaumzeug wieder nach Hause geholt.“ „Ein wilde Kuh?“ „Nein, eine freilaufende Kuh. Und Wiesen ohne Zäune.“ Das gab es damals in Litauen noch.
„Wir machen ein Spiel.“, ruft einer von den Zwillingen. Er holt ein Blatt Papier aus dem Müll. „Wer zuerst sieht, was auf dem Bild ist, kriegt einen. Punkt.“ Der Nachmittag ist gerettet. Wir jagen zwei Magazine durch. Der spannendste Moment ist immer der Augenblick, wenn aus dem verschwommenen Bild langsam ein scharfes wird. „Ein Bagger“ (Baustelle für ein Großkraftwerk). „Ein See!“ (Ihr Vater badet in vor der Kurischen Nehrung). „Wilde Wolken!“ (Dramatischer Sonnenuntergang über Masuren). „Und wer ist das?, fragen sie verdattert? „Das bin ich.“ (Bild mit cooler Sonnenbrille am Strand in Portugal). „Nee, echt, du? So hast du mal ausgesehen? Is ja krass.“ „Und wer ist das daneben?“ „Das ist eure große Schwester, als sie so alt war wie ihr jetzt.“ „Echt jetzt? Und wer ist die Frau daneben?“. „Das ist die Mutter eurer Schwester.“ „Echt jetzt, du hast zwei Frauen? Die da und Mama?“ „Ja“, sage ich, „aber nacheinander.“ „Echt jetzt? Machen wir das Spiel noch mal, wenn wir wieder bei dir sind?“
Meine kleinen Freunde

Quelle: Airfix.com
Die tränenüberströmte Frau trägt das Meditationskissen vor sich auf ihren ausgestreckten Armen. Mit langsamen Schritten geht sie auf den Mann zu und hält es ihm hin: „Trage du die Last, Vater. Ich habe sie lange genug getragen.“ Der verdatterte Mann nimmt das Kissen und steht hilflos mitten im Raum. Die Frau lächelt befreit. Ich sitze in einer psychotherapeutischen Familienaufstellung. Aus den tiefsten Gründen der Seele entstehten Erzählungen von hilflosen Vätern, kontrollierenden Müttern, kriegsgeschädigten Großvätern, engen Reihenhaushälften und qualvollen Kindheiten. Es geht mir alles sehr nahe, ich halt es kaum aus. Ich kann nicht weg, also hebe ich ab. Meine Messerschmitt steht schon bereit, der Assistent reicht mir den Fallschirm und schon bin ich in der Luft. Leicht und elegant kurve ich mich in den Himmel. Ein Blick über die Tragflächen: Die Erde ist weit weg. Der Himmel ist offen und leer, ich spüre die Kraft des 1000 PS-Motors. Alles um mich herum ist leicht und ruhig. Hier kann mir keiner was.
Bei den alten Flugzeugen fühle ich mich wohl. Das hat ganz früh angefangen. Sonntags nachmittags vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher in einem engen Eigenheim. Die öffentlich-rechtlichen Sender waren sich damals nicht zu blöd, statt dem treuen Hund Lassie zur besten Familien-Sendezeit eine Dokumentation über das, was man den „Frankreich-Feldzug“ nannte zu bringen. Ausgiebig wurde auf Nazi-Propaganda-Material zurückgegriffen. Stramme Soldaten im Gegenlicht präsentierten die Gewehre und marschierten in die Rümpfe von Flugzeugen aus denen sie mit dem Fallschirm abspringen sollten. Und ich, der ich mich normalerweise unter dem Beistelltisch verkroch und heulte, wenn bei den Wild-West-Filmen ein Pferd erschossen wurde, schaute fasziniert drein. Wohl auch weil mein Vater den Film zynisch, aber mit einem gewissen Stolz kommentierte. Ja, so sei es gewesen, antwortete er mir, der sonst wenig sagte und der den Krieg als 10-Jähriger von seiner dreckigen Seite, als Vertriebener aus Schliesien erlebt hatte, die deutschen Flugzeuge seien die besten gewesen. Die Heinkels und die Messerschmitts hätten den Tommy gelehrt was eine Harke ist. Ich hätte gern noch mehr erfahren, aber da kam nichts mehr. Und abends um 10 packte meine Mutter ihm wieder die Stullen ein und er war wieder weg – für drei Tage- mit einer Fuhre Lebensmittel aus dem Rheinland für die Senatsreserve von West-Berlin. Er war weg mit seinem Laster – und ließ mir seine Last da.
Und so begann ich allein meine Suche nach den Wundermaschinen und den deutschen Helden. Fündig wurde ich ausgerechnet im Kaufhaus eines Herrn Moses in der Nachbarstadt. Dort gab es die deutschen Flieger, als Plastikbausatz, Maßstab 1:72 zum selber bauen und bemalen. Und die Heldengeschichten gab es in jedem Zeitschriftenladen als Groschenheft. „Der Landser“ hießen die. Das waren Erbauungstraktate für die entmannte Kriegergeneration, über all die vergeblichen Heldentaten, die technischen Wunderleistungen, die verteidigten Festungen. Die Geschichten endeten meist mit dem Tod des Ritterkreuzträgers oder spätestens im April 45. Dass die Deutschen, trotz ihrer Helden und ihrer tollen Waffen besiegt worden waren, wurde nirgends erwähnt.
Ich bastelte Flugzeuge. Auf dem Küchentisch, im Zimmer meines Großvaters oder auf dem gestampften Lehmfußboden des Kellers. Ich wünschte, meine Eltern hätten mir damals etwas anderes gezeigt, mich aus der Welt, die ich so langsam um mich aufbaute, heraus geholt. Aber da kam nichts. Statt auf Urlaubsreisen lernte ich so Europa entlang der Schlachtfelder des 2. Weltkriegs kennen, flog über die Fjorde Norwegens auf der Suche nach allierten Geleitzügen, jagte britische Hurricanes über Südengland und bombardierte Rouen. Der Krieg in den Lüften wurde mein zu Hause. Als ich dann mit 14 zum ersten Mal aus Deutschland raus und mit dem Schüleraustausch nach Frankreich kam, nahm ich nicht etwa ein Bild meiner Familie mit, um es mir auf den Nachttisch zu stellen, sondern eine Heinkel He 111, einen Blitzkriegbomber mit Hakenkreuz und Kriegsbemalung. Meine französischen Gasteltern reagierten sehr diplomatisch, sagten nichts und luden mich dann zu einem Wochendendausflug aufs Land ein. Sie zeigten mir die Ruine ihres Elternhauses, mit dem Hinweis, dass es durch deutsche Bomben zerstört worden sei – Volltreffer.
Ich wurde sehr seltsam und sehr einsam. In unserer Straße gab es noch einen traurigen Jungen, der der gleichen Leidenschaft verfallen war. Ein anderer führte Vernichtungskriege gegen die Ameisen auf seinem Gartenweg. Ich wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Einsame Menschen meiden einander. Und überhaupt: So verrückt wie die war ich doch nun wirklich nicht. Ich merkte es daran, dass ich irgendwann, da hatte ich mich mich schon zum Gymnasium in einer anderen Stadt durchgeboxt, am Bahnhofskiosk statt des monatlichen Modellbaumagazins mit hochrotem Kopf den Playboy kaufte, den mir mein Zeitungsverkäufer mit einer Geste väterlichen Wohlwollens überreichte. Und mit den neuen Freunden auf der Oberschule wurde ich Ende der 70er dann in die Friedensbewegung integriert. Eine unserer ersten Aktionen war eine gegen Kriegsspielzeug. Wir sammelten auf dem Marktplatz den Kriegsschrott aus den Kinderzimmern. Ich steuerte meine letzte Messerschmitt Me 262 bei. Ein Düsenjäger, die deutsche Wunderwaffe überhaupt. Ein schweres Opfer.
Wirkliches Fliegen hat mich nie interessiert. In meiner Zivildienstzeit traf ich im Krankenhaus einen alten Mann, der die He 111 geflogen hatte. Ich liebte seine Geschichten. Er war in einem Segelflugverein und lud mich ein. Es war das erste Mal das ich flog und es war eine Enttäuschung. Es war laut, auch ohne Motor rauschte der Wind beängstigend und ich wusste nicht wo Oben und Unten ist. Und überhaupt: Ich bin nicht schwindelfrei.
Manchmal, wenn ich mich ablenken will, streife ich heute noch durch die Spielzeugabteilungen in den Kaufhäusern. Da gibt es die Flugzeug-Bausätze noch, neben den Star-Wars-Raumschiffen und den Figuren, mit denen man sich in die Fantasy-Welt von World of Warcraft hineinbasteln kann. Ich nehme sie dann ein paar Kartons in die Hand, betrachte die Bilder, werde ganz ruhig und lächele wissend in mich hinein. Es ist als wenn ich liebe alte Freunde wiederträfe.