Stich ins Herz

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Jeden Morgen und jeden Abend komme ich an einem Bild vorbei, von dem ich glaubte, es nie wieder sehen zu müssen. Mitten in Berlin, in der Fennstraße, keine zwei Kilometer nördlich des Hauptbahnhofs, wird ein großer Wohnblock aus der Gründerzeit abgerissen. Ein stattliches Haus mit der typischen Berliner Mischung aus Wohnungen und Gewerberäumen. Keine Schönheit, aber immerhin solide und großzügig gebaut. Qualitäten, die heutigen Häusern leider völlig fehen. Es hat Revolutionen, Kriege und Bombennächte überstanden. Und jetzt, in Zeiten von Wohnungsknappheit und steigenden Mieten wird es dem Erdboden gleich gemacht. Es tut weh das zu sehen. Wie wenn ein alter Baum gefällt wird. Es drängt mich, dem Haus zur Hilfe zu kommen. Ein alter Reflex aus den 70ern wird wach. Man müsste doch… Ja, es gab im vergangenen Jahr den Versuch das Haus zu besetzen. Doch die Polizei zerrte die Besetzer raus, kaum  dass sie ihre Transparente entrollt hatten. Die Besetzung war wohl auch eher ein Fanal als ein echter Versuch, das Haus zu retten. Wenn wenigstens neue Wohnungen entstünden – hier direkt neben dem kleinen Park, mit Blick auf den Spandauer Schiffahrtskanal. Doch die Bayer AG, der das Haus gehört, plant eine Ausweitung ihres Firmengeländes, und das obwohl sie angekündigt hat, ihren Firmensitz aus dem Wedding ins Zentrum Berlins zu verlegen. Da mag die Frühlingssonne morgens noch so sehr auf dem Wasser des Kanals glitzern: Wenn ich das sterbende Haus sehe, mischt sich für einen Moment Traurigkeit und das Gefühl von Ohnmacht in meinen Tag.

Locke und Glatze

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Der haarige, dunkle Mann wischt sich erst ein mal die Rotze von der Nase, schmiert sie mit der Hand an sein Kaputzenshirt und fragt: „Wie lang?“ Ich sitze in einen Stuhl gepresst, einen Umhang um meine Schultern, und etwas in mir sagt mir, dass ich am besten hier schnell verschwinden sollte. Aber das Gefühl hatte ich schon oft, und doch ist meistens alles gut gegangen – meistens. Die Neugier siegt über den Ekel und ich  antworte mechanisch „Neun Milimeter“. Der Mann grunzt und  legt los.  Mit einem Gerät, das an einen Faustkeil erinnert, fährt er grob über meinen Schädel. Mein Kopf nickt und schwankt willenlos. Ich bin beim Frisör.

Jeden Monat einmal stürze ich mich dieses Abenteuer. Vom abgeschabten „Salon für den Herrn“ mit Wirtschaftswunderinterieur über die ungezählten türkischen oder arabischen Barbiere bis zu hippen Salons, die so kreative Namen wie „Ware Schönheit“  führen: Ich probiere die Haarkünstler in meinem Kietz aus. Friseurläden gibt es im Wedding noch häufiger als Handy-Shops, Spätis oder Dönerbuden – und das will was heißen. Und wenn ich etwas liebe, dann ist es mich in einem überreichen Angebot treiben zu lassen und die Vielfalt zu genießen. Angst verunstaltet zu werden habe ich dabei nicht. Mit dem Alter wächst nicht nur die Freifläche auf meinem Haupt, sondern auch der Wagemut. Und den brauche ich. Denn lange konnte ich keinen Friseurladen betreten, ohne schmerzhaft das kindliche Trauma zu spüren, das der Dorffigaro meiner Jugend in und auf meinem Kopf hinterlassen hat. Es trägt den Namen „Faconschnitt“. Das ist jene one-size-fits-all-Frisur der späten Sechziger, die bei mir immer dazu führte, dass sich meine Haare am Hinterkopf wie elektrisch aufgeladen in die Höhe stellten. „Sträußchen“ nannte das meine Mutter. Meine Schulkameraden hatten weniger schmeichelhafte Worte dafür. Nun sind die Zeiten vorbei, an denen ein Friseur an meinen Haaren etwas ge- oder verunstalten könnte. Vorbei auch die Zeiten, in denen ich mich darauf verlassen konnte, dass die Menschen, die mit Messer und Schere an meinem Kopf hantieren ihr Handwerk auf ordentliche Weise gelernt hatten. Heute darf das jeder. Aber das macht die Sache für mich erst richtig spannend. Schon mit der Art, mit der mir die Kreppapierkrause umgelegt wird, merke ich, ob der Haarkünstler in meinem Nacken in seinem vorherigen Beruf  Schafe geschoren hat oder ob er sein Fach von der Pike auf gelernt hat. Wenig Hoffnung, heil aus der Sache raus zu kommen habe ich mittlerweile bei schlecht blondierten Damen, die ein 400-Euro Job in das Gewerbe gelockt hat. Sie schnippeln und schaben so lange hilflos auf meiner empfindlichen Haut herum, bis sie in meinem Nacken aussieht wie bei einem Ferkel mit Rotlauf. Aber was mich immer wieder für die kleinen Mißgeschicke entschädigt, ist das wohlige Gefühl, wenn ich an einen Meister gerate, der mit Liebe bei der Sache ist und mich für 8 Euro verwöhnt, als säße ich bei Udo Walz persönlich. Der das Rasiermesser (und eine frische Klinge) auspackt und die Übergänge fein säuberlich nacharbeitet, der sich um Ohren und Augenbrauen kümmert und mich vielleicht noch mit kühlendem Rosenwasser erfrischt. Wenn ich dann frisch frisiert auf die Straße trete, fühle ich mich wie ein gepflegter Mann von Welt. Viel zu schick eigentlich für den schäbigen Kietz.

Mittlerweile hat mein haariger Meister im Salon „Haarbibi“seine Arbeit wortlos beendet. So wie er meinen Kopf hin und hergeworfen hat,  gehört er ganz eindeutig zu der Sorte „Schafscherer“ und ich ahne nichts Gutes. Ich bedeute ihm, den Spiegel von der Wand zu holen, damit ich sein Werk betrachen kann. Sieht gut aus, erstaunlich gut. Er merkt meine Zufriedenheit und sagt: „An der Seite habe ich 6 Milimeter gemacht, da sind die Haare dicker.“ Es gibt viele unentdeckte Künstler im Wedding.

Der Auftrag

Frauenfußball-historisch

c blog.ffc-fortuna.de

Es ist Sonntagmorgen kurz vor Neun, draußen ist es kalt und es gießt es in Strömen. Eigentlich das richtige Wetter und die richtige Zeit, um sich im Bett noch einmal umzudrehen. Aber unser Jüngster muss raus, im Kinderwagen, damit er endlich schläft, mindestens eine Stunde. In der Woche ist das der Job seiner Mutter, am Wochenende ist der Vater dran. Ehrensache. Sorgfältig bereite ich die Expedition vor. Wichtig bei allen Fahrten ins Ungewisse ist die richtige Kleidung. Schweigend ziehe ich die klobigen Doc-Martens-Stiefel an, rüste mich mit der amerikanischen Arbeiterjacke und ziehe zum Schluss die wollene englische Schirmmütze auf den Kopf. Jetzt weiß ich, dass mir Wind und Wetter nichts anhaben können, egal was mich draußen erwischt. „Willst du dir nicht eine richtige Jacke anziehen, mit Kapuze, bei dem Regen?“, werde ich von unberufener Seite gefragt. Woher will  das Weib wissen, was man in der Wildnis braucht? Wie man in Würde der Witterung widersteht? In wenigen Minuten werden mein Sohn und ich auf dem Weg in den Rehberge-Park sein! Allein, auf uns gestellt. Ich werfe ihr einen stummen Blick grimmiger Entschlossenheit zu, schnappe meinen Sohn und gehe. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

Draußen toben die Elemente. Der Wind peitscht mir den Regen ins Gesicht und schüttelt die letzten Blätter von den Ästen. Der Junge liegt wohl behütet unter seiner Plastikplane im Wagen und schläft sofort ein. Erster Teil des Auftrags erfüllt. Noch eine Stunde. Ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch, stecke mir ein Fishermans zwischen die Zähne und schiebe westwärts, wo die Bäume warten. Durch einsame Straßen stemmen wir uns dem Sturm entgegen, bis wir endlich die große Ebene des Parks erreichen. Die Wege haben sich in Schlamm und Wasser aufgelöst, der Wind peitscht die kahlen Bäume und ich halte Ausschau. Ein Jogger kommt uns mit athletisch keuchendem Atem entgegen, der Körper ist von der Anstrengung erhitzt,  die Regentropfen auf der gespannten Neopren-Haut scheinen zu verdampfen.  Ein Bild von Anmut und Stärke. Dann wieder Stille. Ich wate weiter durch die Wasserlöcher, kein Umweg, immer geradeaus. Meine Stiefel halten dicht. Alles läuft nach Plan. Aus der Ferne höre ich Kampfgeschrei. Gebrüllte Befehle, Ächzen, Jubel einer Menschenmenge und Seufzer der Enttäuschung. Ein Fußballspiel, bei diesem Wetter? Ungläubig schaue ich durch die Regentropfen auf meiner Brille Tatsächlich! Wackre Männer! Kraft der Jugend. Begeistert trete ich näher. Ja, wir Männer. Nur wir können uns so im Zweikampf vergessen, so die Witterung ignorieren, uns so unbesiegbar fühlen. Während das Weib am warmen Herde wirkt, wagt der Mann den Wettkampf mit dem Wetter. Ich hier mit meinem Sohn und drüben die Jungs auf dem Platz. Wir lassen uns nicht unterkriegen von so ein bisschen Regen und Wind. Begeistert nehme ich die Brille ab, um genauer schauen zu können. Ich blinzele, schaue nochmal und erkenne mehrere Spieler mit wippenden Pferdeschwänzen. Nochmal geschaut, und ich weiß, dass es zwei  Frauenfußballmannschaften sind, die dort ein Match austragen.

Nachdenklich  gehe ich weiter. Meine Jacke  ist nun endgültig durchweicht und ich sollte bald  zu Hause sein, sonst hole ich mir wieder eine Erkältung.

 

 

Edelfedern überm Wedding

Da sitze ich gestern Abend in der Invalidenstraße, Ecke Ackerstraße vor einer Bäckerei und genieße den Trubel von Mitte. Englisch sprechende Eltern schieben ihre mit lässiger Eleganz gekleideten Kinder in Richtung Prenzlauer Berg, Genießer holen sich kleine Köstlichkeiten aus den Delikatessenläden nebenan und Liebhaber französischer Automobile parken ihre gepflegten Preziosen gekonnt genau vor meiner Nase. Ich genieße den ersten warmen Abend, den Überfluss an Schönheit, Geschmack und allem was mir im Wedding fehlt. Was ich nicht weiß: Ich sitze am falschen Ende der Straße. Denn längst richtet sich die Aufmerksamkeit der Leitmedien auf das andere Ende der Ackerstraße – in die öde Gegend hinter der Mauer – dorthin wo der Wedding beginnt. Die „Zeit“ schickte einen ihrer begabtesten Schreiber in die heruntergekommene Neubausiedlung an der Ackerstraße. Und er erschuf über diesen vergessenen Teil des Weddings einen Bericht von epischer Größe. Ein Meilenstein der Architektur- und Sozialreportage, der mir Schauer der Ehrfurcht über den Rücken jagt. Wie kann es ich danach überhaupt noch wagen, meine Hände auf die Tastatur zu legen, um über das gleiche Sujet meine kleinen Geschichten zu schreiben? Zumal das andere Blogger – in Antwort auf den Zeit-Titanen – in kongenialer Größe und mit hervorragenden Bildern bereits getan haben? Was bleibt mir also zu tun? Staunen vielleicht, lernen und einfach mal schauen, was sich morgen wieder vor meiner Haustür abspielt.

Erklär mir mal einer die Welt

Denn ich versteh sie nicht mehr. Ich meine die türkischen Händler bei uns im Wedding. Sie verschönern die Straßen bis tief in die Nacht mit ihren leuchtend bunten Obstständen. Riesige Auslagen mit Früchten aus aller Welt, prall, bunt, üppig und verlockend. Helal e Pazari. Und billig! Billig, billig, billig. Die Verkäufer vor den Läden kennen nur dieses eine Wort, ihr Glaubensbekenntnis, das sie wie Muezzine in einem an- und abschwellenden Singsang ihren Kunden vorbeten. Doch im Gegensatz zu ihren Kollegen auf den Minaretten, kann man den Wahrheitsgehalt ihrer Prophezeiungen sofort überprüfen: Sie stimmt! Sommers wie winters. Na gut, ab März sollte man bei den Äpfeln vorsichtig sein aber ansonsten: Frische Ware für wenig Geld. Der Wedding, ein Ort, an dem sich jeder eine gesunde Ernährung leisten kann. Ein Paradies der Vitamine. Und das macht mich natürlich misstrauisch. So glücklich ich über eine Annanas für 99 Cent bin, in mir bohrt die Frage: Wie kann das möglich sein? Was können die, was Edeka nicht kann? Was ist ihr Geheimnis? Bei den Granatäpfeln und den Melonen bin ich ihnen dahinter gekommen. Die kommen mit großen Lastwagen direkt aus der Türkei, werden gleich vom Laster in Bretterkisten auf den Bürgersteig gestellt. Meist sehen sie den Abend nicht mehr, weil wankende kleine Frauen sie in dünnen Plastikbeuteln zu ihren Familien getragen haben. Aber die Apfelsinen? Wie geht das mit den Apfelsinen? Seit Wochen gibt es allerbeste saftige spanische Navelinas für 89 Cent das Kilo. Gute Orangen im Februar, mein Glück kennt kein Ende. Besonders weil der erfahrene Käufer in mir zu wissen glaubte, dass spätestens im Januar die Südfrüchte nichts mehr taugen, strohig und fade schmecken und zu meiden sind. Was ist da passiert in Spanien? Ist das der Klimawandel ? Ist das eine neue, genveränderte Sorte? Und wer pflückt die Früchte für die paar Cent und wer fährt sie für das Geld hierher? Der türkische Verkäufer sagte mir nur „billig im Großmarkt“. Na ja, und der Strom kommt aus der Steckdose. Ich weiß nur, dass es Massen an Apfelsinen geben muss – denn vor meinem Edeka steht jetzt auch eine große Kiste aus Spanien. 89 Cent das Kilo.

In der Backstube

Die kleine „Backstube“ in der Transvaalstraße ist ein trauriger Ort. Blasse Gestalten stehen da zwischen Aufbackbrötchen, Berliner Kurier und Bier. Ein Regal mit Süßigkeiten verspricht ein kurzes Glück für die Kinder, die morgens in die Anna Lindh-Grundschule hasten.

Herein kommt ein Mädchen mit Kopftuch, etwa vierte Klasse. „Ich will von den Schlümpfen da,“ sagt sie direkt und deutet aufgeregt auf die durchsichtigen Plastikkästen in denen es Gummibärchen und anderes buntes Getier gibt. „Ich möchte“, antwortet die Verkäuferin mit deutlich osteuropäischem Akzent. „Ich möchte“, wiederholt das Kind automatisch, „und dann will ich noch fünf saure Schlangen“. „Ich möchte“, wiederholt die Verkäuferin im stoischen Tonfall einer erfahrenen Pädagogin und erntet dafür einen anerkennenden Blick von mir. „In der Schule lernen sie das ja nicht“, erzählt sie mir später. „Hier können sie in der vierten Klasse noch nicht mal zusammenrechnen was vier Schlangen für fünf Cent zusammen kosten.“ Dann zeigt sie stolz auf die Uhr, die neben der schäbigen Deutschlandfahne hängt. „Die habe ich acht Minuten vorgestellt, damit die Kleinen denken, dass sie zu spät dran sind und sich beeilen. Dann schaffen sie es noch bis um acht in die Schule.“

Max Goldt schrieb vor langer Zeit: „Was Berliner Bäcker backen, backen andere Bäcker besser“, und er hat noch immer Recht. Aber was Berliner Bäckereiverkäuferinnen jeden Tag vollbringen, das soll ihnen erst einmal einer nachmachen. Weiterlesen

Morgens, halb 10 in Deutschland

Ich spiele mit meinen zwei Jungs vor dem Haus. Sie sind bald drei Jahre alt und wollen wissen was es alles in der Welt gibt und wie es heißt. Der Postbote kommt auf seinem gelben Fahrrad. „Das ist der Postbote“, sage ich, “ der bringt die Briefe.“ Der Mann von der Post hat gute Laune und spielt mit: „Sagt mal: Guten Tag Herr Postbote, hast du einen Brief für mich?“ Ganz beeindruckt von der Respektsperson in gelb und schwarz echot es brav unter mir: „Hast du einen Brief für mich?“  Wir bekommen unsere Briefe, und das Vaterherz füllt sich mit Rührung. So soll es sein: Freundliche Briefträger mit viel Zeit  scherzen mit fröhlichen Kindern, verabschieden sich mit einem Lächeln und radeln davon. So war es immer, so wird es immer sein. Ich bin sicher, der Briefträger rangiert im Weltbild der Kinder jetzt gleich hinter dem Weihnachtsmann. Da rumpelt ein klappriger Lieferwagen vor uns auf den Bürgersteig, bremst hektisch und stellt sich quer. Der gelbe Lack ist verblichen und glänzt nur da, wo früher das DHL-Logo klebte. „Das Paketauto“ rufen meine Jungs kundig. Die Tür fliegt auf, und mit zwei Paketen unter dem Arm hetzt ein bärtiger Mann aus dem Laderaum.  Es ist der arme, selbstständige Vetter des Postboten, einer, der „Service im Auftrag von DHL“ leistet, wie es das Schild in der Beifahrertür wissen lässt. Er sieht uns und die großen, erwartungsvollen Augen der Kinder. „Ich hab nichts für euch“, schreit er uns auf zwanzig Meter Entfernung an und verschwindet im nächsten Hauseingang.

Morgens, halb 10 in Deutschland.