Im Faradayschen Käfig

Die Stimmung war gut. Mein Bruder hatte uns mit seinem alten Mercedes zum Bahnhof gefahren, wir waren damit prima das Ahrtal hinunter gekommen, hatten meinen Jungs die verlassenen Weinberge gezeigt, die wir damals statt einer Rodelbahn hinuntergebrettert waren und hatten noch Zeit für einen Kaffee auf dem Bahnhofsvorplatz. Die Jungs bekamen ein Eis. Wir hatten ein paar Tage in einer Jugendherberge in meiner alten Heimat hinter uns und die Morgensonne schien freundlich und mild. „Ich könnt mir gut vorstellen hier als Rentner jeden Morgen meinen Kaffee zu trinken.“, schwärmte ich in neu erwachter Heimatliebe. „Es gibt schönere Orte auf der Welt.“, grinste mein Bruder, der die Welt gesehen hat und nun als abgemusteter Seebär seit ein paar Jahren versucht, unser kleines Elternhaus zu seiner neuen Heimat zu machen. Und er hatte Recht. Es war nicht nur die Schönheit des Augenblicks, die mich an den alten Ort fesselte, es war auch die Angst vor dem, was noch vor uns lag. Mein Bruder mag alle Stürme der sieben Weltmeere durchpflügt haben, ich dagegen wage immer wieder eine Fahrt von Bonn nach Berlin mit der Deutschen Bahn und zwei Kindern. Was sich harmlos anhört war in den vergangenen Jahren stets zum finalen Abenteuer unseres Urlaubs geworden. Und auch dieses Jahr sollte uns die Bahn nicht enttäuschen, nein sie sollte, das ahnte ich wohl, sich diesmal selbst übertreffen. Und was wir noch nicht wussten: Sie hatte sich dazu neue Verbündete gesucht.

Wie immer wiegte sie uns am Anfang in Sicherheit. Der ICE kam fast pünktlich, die Plätze waren reserviert und es sollte nur viereinhalb Stunden dauern. Wir saßen in einem „Sprinter“, das Flotteste, was die Bahn zu bieten hat. Und wir schafften es auch ohne Probleme bis nach Köln, sogar bis fast bis zum Hauptbahnhof, als es in einer Rechtskurve auf dem Dach schepperte. Wir standen schräg, rechts eine Schallschutzwand, links ein hoher Bahndamm und nichts ging mehr. Der schlaksige Zugführer, der die samtene rote Zugführerbinde lässig am nackten Unterarm trug, als sei sie nicht Zeichen seiner Herrschaft und Sorge über die Reisenden, sondern die Eintrittskarte zu einem Strandclub, lief ein paar mal schweigend an uns vorbei. Auch die Fahrgäste schwiegen und blickten vor allem in ihre Handys. Was muss in Deutschland passieren, damit die Menschen in einem Zug miteinander reden? Nach einer halben Stunde wurde ich aufgenommen in die Schicksalsgemeinschaft, die sich virtuell gebildet hatte. Ob ich den neusten Gossip hören wolle, fragte mich die Hochschwangere neben uns. Die Oberleitung sei gerissen und auf den Zug gefallen. Die ganze Außenhülle des Zuges stehe also unter Strom wie in einem Farradayschen Käfig. Keiner könne raus. Türen und Fenster dürfen nicht geöffnet werden. Gleichzeitig fehlte der Strom für die Klimaanlage. Wir waren gefangen. Durch eine dünne Glasscheibe vom blauen Himmel und der frischen Sommerluft getrennt. Als die Temperaturen stiegen, fragten meine Jungs mich, ob wir jetzt ersticken müssten. In meiner Not deutete ich auf die vielen kleinen Löcher in der Deckenverkleidung. Da käme die Luft raus, fabulierte ich und hoffte inständig, dass die Ingenieure bei Siemens an sowas wie eine Zwangsbelüftung gedacht hatten, die auch ohne Strom funktioniert. Sicher war ich mir nicht. Vielleicht war genau daran gespart worden. Als die Durchsage kam, dass das Bordbistro für umsonst Getränke ausgibt, wusste ich, dass die Lage ernst wurde. Ich schickte die Jungs Cola holen und sie kamen mit reicher Beute zurück. Ab da war ihr Sportsgeist geweckt. Nach zwei Stunden kam der Schaffner ins saunawarme Abteil mit der Nachricht, die Feuerwehr hätte eine Notrampe den steilen Bahndamm hoch gelegt. Aber nur für Leute, die körperlich fit seien, außerdem rutsche die Rampe, sodass nur noch wenige über sie gehen könnten. Titanicfeeling. Das letzte Rettungsboot hing schräg in den Seilen. „Das ist doch nicht steil, das schaffen wir locker.“, entschieden die Zwillinge für mich mit einem Blick aus dem Fenster. Ich ließ mich von ihrem Elan mitreißen. Das Glück ist mit den Tapferen. Alte Männer und Kinder zuerst. Wir verabschiedeten uns von der Schwangeren, der man einen Umstieg in einen anderen Zug versprach und enterten die wacklige Reeling, die von der Kölner Feuerwehr gesichert wurde. Viel Mut brauchte es tatsächlich nicht. Wie schön das Industriegebiet von Köln-Zollstock sein kann. Unter einer rostigen Brücke versammelten sich die Geretteten und sofort fing das Gezänk an. Der versprochene Bus kam nicht, ein paar Taxis waren heiß umkämpft, irgendwelche Zettel mussten ausgefüllt werden. Gezeter, wer zuerst da war und wer es am Nötigsten habe. Eine Feuerwehrfrau gab uns den Tipp, dass ein paar Hundert Meter weiter eine Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof abfährt. Brauchten wir Fahrkarten? Blöde Frage. „Isch fahr schwatz mit der KVB, die Markfuffzich dät denen doch net weh…“ Das war „Zeltinger“, Kölscher Punk aus den Achzigern. Endlich war es soweit. Ein Jugendtraum erfüllt sich. Ein Alptraum auch. Denn die Bahn, die jetzt kommt, ist so alt wie der Song und in Köln fährt die Straßenbahn zum Dom unterirdisch. Kurz vor Neumarkt blieb sie mitten im Tunnel stehen. Mit Kölscher Gemütlichkeit erzählt der Fahrer uns Verlorenen, dass die Elektrik nicht funktioniert. Er werde jetzt mal alles ausschalten und hoffen, dass sie wieder anspringt. Es wurde dunkel und unheimlich still. Wir stehen in der Röhre, schwitzende Leiber aus dem ICE um uns, nur die Displays der Handys leuchten gespenstisch (meine Söhne behaupten später, viele hätten gelacht, als die Durchsage des Fahres kam). Beim nächsten Mal, gelobe ich in meinem Innern, werde ich ganz regulär eine Fahrkarte kaufen und im Dom eine Kerze anzünden für St. Christopherus, den Heiligen, der das Christuskind über einen reißenden Fluss trug…. Das Licht ging wieder an und die Bahn ruckelt weiter. Am nächsten Bahnhof brauchen die ächzenden Falttüren beim Öffnen einen Augenblick zu lange, um mein Vertrauen in die Technik wieder herzustellen. Panisch verlasse ich mit den Kindern den Zug, haste durch das mit stumpf schlurfenden Menschenleibern vollgestopfte Unterweltreich und treibe meine Jungs die nächste Treppe hoch. Endlich Licht! Luft!

„Ui jui jui!“ , scherzt der Schaffner, der im nächsten ICE eine Erklärung verlangt, warum wir seinen Zug benutzen, wie eine schlechte Horst Evers-Parodie, „Da haben sie ja ein kleines Abenteuer erlebt. Da können sie zu Hause ja was erzählen.“ Im Bordbistro gibt es für die Jungs ein Eis kostenlos. Das nächste Mal fahre ich mit dem Schiff.

Die Verdammten dieser Erde

Am meisten Spaß hatten mal wieder die Alkis. Zu viert standen sie feixend an ihrem Stammplatz hinter dem Kiosk im U-Bahnhof Wedding herum, standesgemäß mit speckigen schwarzen Klamotten, von Wind und Wetter ausgeblichener Kappe und einem Sternburger Pils in der Hand. „Vielleicht solltet ihr ein bisschen Öl nehmen.“, krähte mit seiner brüchigen Stimme der ausgemergelte Wortführer der Gruppe den gehetzten Pendlern zu, die vergeblich versuchten sich noch in die proppevolle U-Bahn zu quetschen. „Dann flutschst besser.“ Einer seiner apathischen Kumpels grunzte lakonisch von seiner Wartebank: „Nur keine Aufregung. In drei Stationen steigt ihr sowieso wieder aus.“ Womit er nicht ganz falsch lag, denn die U 6 ist nicht nur völlig überfüllt, sondern fährt nach der Haltestelle Wedding nur noch fünf Stationen, bevor sie ihre Gäste am Kutschi (U-Bahn Kurt Schumacher Platz) wieder in den kalten Schneeregen ausspuckt und in die schaukelnden Busse des Schienenersatzverkehrs mit ihren dreckblinden Fenstern zwingt, wenn sie weiter nach Norden wollen.
Warum bringen mich diese Elendsgestalten mit ihren blöden Sprüchen gerade auf die Palme? Warum warum würde ich ihnen am liebsten ihr Sterni gerne quer in den Hals schieben? Weil sie unverschämt gelassen sind und weil sie Recht haben mit Ihrer Schadenfreude. Denn bin ich nicht in der großen Herde der abhängigen Beschäftigten wie ein gehetztes Kaninchen von der S-Bahn in den U-Bahnschacht gerast? Und ist mir nicht trotzdem jetzt schon die dritte Bahn vor der Nase weggefahren, weil ich nicht mehr rein komme? Ich bin einfach zu höflich. Wie eine Wand stehen die zusammengepressten schwarzen Daunenjacken vor mir in der Eingangstür wenn das Signal und das barsche „Zurückbleiben bitte“ des Zugführers ertönt. Vielleicht sollte ich genau so frech werden wie die Zottels auf der Bank. Schon seit zwei Wochen redet sich die BVG darauf heraus, dass irgendwelche Idioten auf der Linie die Kupferkabel der Bahn geklaut haben und dass deswegen weniger Züge fahren. Eigentlich sollte das schon im November wieder vorbei sein. Es kann doch nicht so lange dauern, ein neues Kabel einzubauen? Mein Handy zeigt mir auch noch eine andere Ausrede an „Personalmangel wegen plötzlicher Erkrankung“. Bei der BVG ist man bei den Ausreden für`s Zuspätkommen kreativer als jeder freche Sechstklässler.
Aber warum juckt mich das überhaupt? Warum gehöre ich überhaupt zum Heer derer, die man unter die Erde zwingt? Normalerweise würde ich mich niemals zu so etwas herablassen. Als freier Radfahrer stehe über so was. Normalerweise fürchte ich nicht Schnee noch Regen und lache über die Kolleginnen, die über ihre Qualen in den Öffentlichen berichten. Ich fahre wann und wo ich will. Ich mag einen langweiligen nine to five-Job haben, aber ich kann wenigstens frei entscheiden, wie ich zu meinem Schreibtisch und zurück komme, wo ich eine Pause mache und wo ich mich zum Bummeln und Stöbern in einem der vielen Läden an der Straße verführen lasse.

Aber jetzt ich bin geerdet worden. Von meiner Ärztin – wegen des geflickten Schlüsselbeins. Bis Ende des Jahres habe ich Fahrradverbot und das Moped musste in die Garage. Jetzt ist nicht nur die Arbeit sondern auch der Weg dahin eine Plage. Nach einem Monat habe ich schon ein paar Überlebenstechniken für das Leben Untergrund entwickelt. Immer weg von der Tür und am besten mit dem Rücken zur Wand. Keinen Blickkontakt. Dabei hilft es, sich irgendwas interessantes aufs Handy zu laden. Gerade lese ich Graham Greene „Der stille Amerikaner“, wegen der britischen Gelassenheit, die da rüber kommt – wenn dafür Platz ist und mir niemand seinen Rucksack ins Gesicht drückt. Das alles wäre unerträglich, gäbe es nicht immer eine Möglichkeit, sich ein bisschen Freiheit zu bewahren. Wer sagt denn, dass ich den ganzen Weg mit der Bahn fahren muss? Gestern bin ich einfach drei Stationen vorher ausgestiegen. Ich bin zwar nicht mehr gut zu Fuß, aber für eine halbe Stunde durch die Nebenstraßen des Wedding, unter Gaslaternen über Kopfsteinpflaster, dafür reichts immer. Natürlich vorsichtig, damit ich mir bei Eis uns Schnee nicht die Knochen breche. Vielleicht stelle ich mich beim nächsten Mal eine halbe Stunde auf ein Bier zu den Alkis und reiße ein paar blöde Sprüche: „ Immer schön die Türen freimachen! Da drin im Mittelgang ist noch ganz viel Platz, das sehe ich von hier…“

Drüber stehen

“Schönen guten Donnerstagabend. Ich weiß, es ist eng heute, aber ich muss hier ein bisschen arbeiten.“ So begrüßen einen in der Berliner U-Bahn nicht die Kontrolleure, sondern die Bettler. Und dann kommt der immer gleiche Abspann: „Ich lebe auf der Straße (bin obdachlos) und würde mich deshalb freuen, wenn der ein oder andere etwas zu essen oder eine kleine Spende für mich übrig hätte.“ Mein heutiger Mitfahrer performed den gut eingeübten Satz mit der richtigen Mischung aus klagendem Leiern und rotziger Berliner Schnoddrigkeit, die mich nach meiner Börse greifen lässt: Ich liebe es, mit Profis zusammen zu arbeiten. Doch meine Hand kommt nicht bis zu meinem Geldbeutel, denn ich sitze – ja ich sitze, mit einem Arm in der Schlinge bekommt man auch in Berlin und auch in einer durch den Lokomotivführerstreik überfüllten U-Bahn einen Platz angeboten- neben einem schweigend schnaufenden Mann, einem regungslosen Berg aus Fleisch, der rittlings auf der für ihn viel zu kleinen Sitzschale aus Hartplastik hockt und mir seinen prall gefüllten Rucksack gegen meinen vor vier Wochen zusammengeschraubten Arm drückt. Und nicht nur die Enge und der Schmerz sind erdrückend, auch sein Geruch. Es ist zum Glück nicht der abgestandene „ich bin ein Alleinstehender, schwitzender Mann, der bisher von seiner Mutter gewaschen wurde, die aber jetzt im Pflegeheim ist-Mief, und auch nicht der beißende, „ich bin hart arbeitender Handwerker, der seit drei Tagen im gleichen Polyester-Arbeitsschutzanzug von Baustelle zu Baustelle zieht-Gestank. Nein, während ich versuche meine Nase zu schließen und nur noch durch den Mund atme, arbeitet mein Unterbewusstsein ungewollt daran, mich zu erinnern, wo ich die herüber schwappende säuerliche Duftwolke schon einmal in der Nase hatte. Nach ungezählten gemeinsamen Stationen, in denen mein Nachbar sich keinen Milimeter bewegt weiß ich: Es ist etwas Organisches, aber etwas, das schon abgestorben ist. Etwas, was ich gut kenne. Weit wandern meine Gedanken zurück auf die herbstliche Wiesen meiner Jugend und unter die Planen der Fahrsillos, in denen die Bauern den Grasschnitt des Sommers verdichtet und luftdicht abgeschlossen hatten vergären lassen. Silage nannte man diese milchsauer fermentierte Pampe, deren sauerkrautartiger Duft im Winter die Kuhställe durchzog. Und während meine Erinnerung zurück kehrt zu blökendem Vieh, das von kühlen abendlichen Herbstwiesen in den Stall getrieben wird, zu Futterrüben, die in Strohmieten am Wegesrand gelagert wurden und die wir am Tag vor St. Martin ausgruben, um Laternen mit schrecklichen Fratzen daraus zu schnitzen, zu Weckmännern und Martinsfeuer, vergesse ich den eisernen Schwitzkasten, in den mein grober Nachbar mich immer noch gezwängt hat. Denn was vermag schon ein bedrückendes Äußeres gegen die Macht der Phantasie? Ein kerniger Bauernbursch ist er, da bin ich mir jetzt sicher, der auf dem Weg ist in den Stall, wo das Vieh nach ihm schreit, wenn sich mein Verstand sich auch nicht so recht zusammenreimen will, was ein Stallknecht abends um halb sechs in der U-Bahn unterm Wedding zu suchen hat? Egal, mit der nostalgischen Idee stehe ich bis zu meiner Haltestelle über den Dingen und merke auch erst beim Aufstehen, dass mir einer während meiner Traumreise eine Büchse Red Bull über die Schuhe gekippt hat. Während meine klebrigen Sohlen auf den Fliesen des U-Bahnhofs schmatzen, versuche ich mir vorzustellen, dass ich in einen Kuhfladen getreten bin, aber das hilft jetzt auch nicht mehr.

Rolf ist wieder da!

War er schon da, als ich kam? Oder kam er, als ich schon da war? Wann ist er gegangen? Warum bin ich geblieben? Seine Wege waren die gleichen, die ich ging, sein Viertel war mein Viertel. Er kannte jede Ecke und ich folgte seinen Spuren. Immer wieder konnte ich etwas Neues von ihm entdecken: In der U-Bahn, an einem Verkehrsschild, auf einem Ampelmast. Rolf war da und doch weg, nah aber doch unfassbar. Spielte er ein Spiel mit mir, oder wollte er mich zum Wahnsinn treiben? Es war wie Hase und Igel. Kaum lief ich nachts durch die Straßen des Wedding, schon konnte ich am nächsten Tag dort frische Tags finden. Verfolgte er mich heimlich, oder war er mir immer einen Schritt voraus? Warum verwendete er meinen Namen? War es auch seiner, oder hatte er sich die vier Buchstaben als „Tag“ zugelegt,um mich zu verhöhnen? Ich dachte, ich würde es nie erfahren, denn irgendwann war Rolf weg. Es muss vor fünf Jahren gewesen sein, als ich seinen letzten Tag fand. Um die gleiche Zeit, als meine Kinder mit ihrer Mutter in den Berliner Speckgürtel zogen und ich mir eine neue Wohnung suchen musste. Keine Tags mehr, keine Überraschungen. Vielleicht hatte Rolf auch einfach das Spiel satt.

Es war ja von Anfang an eine blöde Idee. Wer heißt denn heute noch Rolf? Emil, Emma und Paul sind wieder en vouge. Aber Rolf? Schon der Pfarrer, der mich taufte, weigerte sich, diese Zumutung von einem Namen in das Kirchenbuch einzutragen. Dort steht „Rudolf“, die ursprüngliche Version, weil es bei den Katholiken keinen heiligen Rolf gibt. Eher im Gegenteil. Rolf Hochhuth zum Beispiel, der seinen „Stellvertreter“, das Drama in dem er die Nazi-Kollaboration des Papstes anprangert, im Jahr meiner Geburt als Manuskript vorlegte. Vielleicht durfte der Name deshalb nicht in ein katholisches Kirchenbuch. Hatte der heilige Stuhl Wind davon bekommen? Oder Rolf Mützenich, der streitbare SPD-Fraktionsvorsitzende, der weiter wacker Deeskalation zwischen Russland und der Ukraine fordert. Ja, ja, das sind ehrenhafte Männer, aber sonst findet man den Namen vor allem in den Todesanzeigen der Zeitungen. Rolf war immer zu einsilbig und immer zu kurz, um verstanden zu werden („War das jetzt Wolf oder Ralf?“) Und immer öfter ist Rolf auch tot.

Aber keine Bange. Wer so einen blöden Namen hat, der lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Der hat gelernt, Tiefschläge einzustecken und sich zu wehren. Es gibt von Johnny Cash das wunderbare Lied „A Boy Named Sue“ Die Geschichte von einem Vater, der seinem Sohn einen Mädchennamen gibt und sich dann aus dem Staub macht. Irgendwann findet ihn der Sohn, verdrischt seinen Vater und der antwortet. „I gave you that name and I said goodbye. And I knew you‘d get tough or die.“ Und deshalb war es weniger eine Überraschung als eine Gewissheit, die Wirklichkeit wurde, als ich gestern am U-Bahnhof Seestraße aus dem Fenster schaue. Rolf ist wieder da!

Groß, selbstbewusst und unübersehbar. Sein Stil ist gereift. Auf das Wesentliche reduziert. Keine Farbspielereien, keine überheblichen Sprüche. Nur der pure Rolf. Rolf 65. Und wer im Wedding wohnt weiß, dass das kryptische Zahlenspiel kein Geburtsdatum oder eine Altersangabe ist, sondern ein klares Bekenntnis zur alten Heimat. 1 Berlin 65 ist die alte Postleitzahl des Wedding.

Rolf, wo immer du dich rumgetrieben hast. Ick freue mir, dass de wieder da bis. Willkommen zu Hause!

Eine Geschichte nach Hause tragen

Es hat sich in meinem Kopf so viel angesammelt, das geschrieben werden müsste, dass ich es am besten gleich vergesse und einfach eine kleine Geschichte aufschreibe, die ich vor ein paar Tagen erlebt habe. Eine U-Bahn Geschichte. Damit habe ich vor 8 Jahren diesen Blog angefangen.

Es war in der U8 Richtung Alexanderplatz. Ich komme in diese schöne, neue, neongrell beleuchtete Bahn und sehe dort gleich neben der Tür zwei riesige, in sich zusammengefallene Turnschuhe stehen. Direkt unter den hochgeklappten Sitzen, daneben ein paar Socken. Erstaunlich flott erfasse ich die Situation und schreie dem großen Mann mit den dunklen, langen Haaren, der sich beim Einsteigen an mir vorbei auf den Bahnsteig gedrückt hat hinterher: „Hey, hast deine Schuhe vergessen!“ Der läuft barfüßig noch ein Stück weg, dreht sich dann um, kommt wieder durch die noch offen stehende Tür und brummelt fast schon charmant: „Hach ja, meine Schuhe. Sollte ich wohl mitnehmen.“ Packt seine Latschen und die Socken, vergisst seine Dose mit dem Energy-Drink, die noch oben auf der Sitzreihe steht und verschwindet in Selbstgespräche vertieft. Das alles hat zusammen keine 10 Sekunden gedauert. Die Tür schließt sich mit lautem Gequäke und ich stehe orientierungslos im Gang. An der Wand gegenüber sitzt ein junger Kerl, der meine Unschlüssigkeit , trotz der Maske in meinem Gesicht, genau als das deutet, was sie ist: Nämlich die Abneigung, sich auf den Platz zu setzen, auf dem der Verwirrte saß. Wer weiß, was er sonst noch da vergessen hat. Er klappt den Sitz neben sich herunter und lacht mich mit einer freundlichen Zuversicht an, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Bübisch wäre ein altmodischer Begriff dafür. Ein offenes, waches Gesicht, weder blasiert noch doof. Er scheint das Absurde an der Situation zu genießen, als sei es ein Theaterstück, dass er sich gerne anschaut, ohne mitspielen zu müssen. Schon wird der zweite Akt gegeben. Ein stämmiger Mann steht zum Aussteigen vor der nächsten Station an der Tür, sieht die Limonadendose, nimmt sie prüfend in die Hand, dreht sie um, schüttet den Rest Zuckerwasser über den Sitz, steckt die Dose stumpf in seine ranzige Einkaufstasche und geht durch die sich öffnende Tür ab. Auftritt eine Mutter mit Tochter und blütenweißer Hose. Sie wählt den besudelten Sitz für sich und ihr Kind und ist gerade dabei, ihn herunterzuklappen, als ich durch die Maske rufe: „Nicht hinsetzen, der Sitz ist nass.“ Die Frau versteht mich nicht, schaut mich unwillig an, spricht etwas zu ihrer Tochter, wahrscheinlich auf Ukrainisch und trollt sich in eine andere Wagenecke. An der nächsten Station übernimmt mein Nachbar die Rolle des Warners. Er ruft und fuchtelt mit den Händen und es gelingt auch ihm, die neuen Fahrgäste davor zu bewahren, mit dunklen Flecken auf der Hose die Bahn zu verlassen. Wir schauen uns fröhlich an und sind einverstanden mit unserer neuen Aufgabe. Doch schon an der nächsten Station entgleitet uns die Regie. Lärm von draußen übertönt unsere Warnrufe und ein großer, schwerer schwarzer Mann lässt sich wuchtig auf den Sitz fallen. Der Sitz wäre nun trocken. Und das ist auch gut so, denn wir hilflosen Helfer brauchen jetzt alle Aufmerksamkeit, um uns selbst zu retten.

Von rechts betritt die Polizei die schwankende Bühne, einen Büttel der Berliner Verkehrsbetriebe im Schlepptau und stürzt sich auf meinen Nachbarn. Weil ich die U-Bahn nur noch mit Ohrstöpseln betrete, seit wegen der Hitze oder wegen Corona in den Wagen Sommer wie Winter die Klappfenster geöffnet sind, durch die das infernalische Gekreische der Wagenräder ins Innere der Bahn übertragen wird, verstehe ich nicht gleich worum es geht. Aber es kann nur eins bedeuten: „Die Fahrscheine bitte.“ Und mein immer noch lächelnder Nachbar zuckt mit den Achseln. Wieder bin ich gleich bei der Sache, ziehe mein 29 Euro-Ticket aus der Hosentasche, schiebe es ihm rüber und raune ihm zu: „Sag ihnen, du fährst mit mir auf meiner Karte.“, und fühle mich an meine anarchischen Anfänge in Berlin erinnert. Mann, hab ich’s noch drauf. Aber der Junge grinst fast mitleidig: „Ist wegen der Maske.“ Sagt’s und ich merke erst jetzt, warum ich die ganze Zeit in sein fröhliches Gesicht schauen konnte. Als er abgeführt wird, ist es als würde mir ein guter Freund entrissen. Einer, mit dem dieses Irrenhaus besser zu ertragen wäre, obwohl ich Maskengegner eigentlich nicht toleriere. „Viel Spaß!“, rufe ich ihm hinterher und er grinst zurück.

So weit, so schön. Aber wie kriege ich die Geschichte aus der U-Bahn unversehrt nach Hause? Wie schütze ich sie gegen all die neuen Eindrücke die folgen? Und wann komme ich dazu, sie im Blog zu teilen? Die Bahn fährt mich an dem Nachmittag zur Sauna mit einem Freund. Der Laden ist rappelvoll. Nackte, Nackte, Nackte und immer an die Leser denken, schwirrt mir Helmut Markworts Werbung für den „Focus“ aus den 90ern durch den Kopf. Wie soll ich aber bei 90 Grad Hitze und kalten Güssen einen klaren Kopf für die Fakten behalten, wo es auch noch überall die neuesten Tatoos zu bewundern gibt? Auch mit dem Freund gibt es viel zu erzählen. Lange haben wir uns nicht mehr zum Männergespräch in der Sauna getroffen. Zu Hause zurück bin ich erschlagen. Am nächsten Tag hole ich die Jungs von ihrer Mutter, es sind ja Herbstferien. Und ein paar Tage mit drei aufgeweckten Grundschülern wirken in meinem Alter wie eine 100-prozentige Gehirnwäsche. Aber noch gehts. Vier Tage lang habe ich die Geschichte jetzt in meinem Herzen mit mir herumgetragen, damit sie nicht verloren geht und um mal wieder ein Lebenszeichen von mir zu geben, nachdem ich den Blog arg habe schleifen lassen. Und ich hoffe, dass es mir auch die nächsten Jahre noch gelingen wird.

Hin und Her

Wieder so ein zerrissenes Wochenende. Die Zwillinge bleiben bei ihrer Mutter, weil sie am Samstag am “Havellauf“ ihres Sportvereins teilnehmen. Also hole ich nur den Kleinen ab. Ist auch lange her, dass ich mal mit ihm ein Wochenende alleine war. Corona hat die ganze Familie erwischt. Schön nacheinander, erst die Kinder, dann die Mutter. Das hieß drei Wochen die Kinder nicht sehen, zumindest nicht alle auf einmal. Und was heißt schon Wochenende? Freitag Nachmittag eine Stunde nach Brandenburg, abends eine Stunde zurück. Aber der Kleine ist ein Wunder. Als ob ich gestern aus der Tür gegangen wäre strahlt er mich an und will auf meinen Arm. Auch die beiden anderen geben mit das Gefühl, nichts falsch gemacht zu haben. Am Samstag dann ins Kino, dass hatte ich meinem Jüngsten versprochen. Mit Irgendwas muss ich ihn ja locken, sich mit mir in der Dämmerung eine Stunde in S-Bahn, Straßenbahn und U-Bahn zu setzen. “Gangster Gang“ ist ab 6 Jahren, aber selbst wenn sie auf die Hälfte der Action-Szenen und Schnitte verzichtet hätten, wäre es für mich mit 60 noch zu viel. Meinem Kleinen fällt die Popcorntüte und die Kinnlade runter, aber sonst bleibt er ruhig. Als eine Horde Zombie-Meerschweinchen mit glühenden Augen sich auf die Helden stürzt, will ich ihm die Augen zuhalten, aber er nimmt nur die Hand und hält sie fest. Unter Pixelgewittern halten wir tapfer aus bis zum Abspann. Ich frage ihn draußen, was er gesehen hat. Er zuckt die Achseln. Erinnert sich nicht an Wolf, Füchsin oder Schlange. Alles nur ein Rauschen für ihn? Er reagiert sich auf dem Fahrrad ab. Wettrennen um den Block und dann in den Park, Stöcke sammeln. Von weitem sehen wir ein Wildschwein und drehen eine Runde zu weit. Fußlahm kommen wir beide am Eiscafé an und die Welt ist wieder in Ordnung. Die Stöcke werden sorgsam im Garten versteckt. Abends lässt er seine großen Augen so lange kullern, bis er in meinem Bett schlafen darf. Ich schlafe auf dem Sofa, so tief wie lange nicht.

Sonntag geht vorbei. Ohne dass ich es merke, hat er rausgekriegt, wie man mit dem Handy Fotos macht, ohne den Code zu kennen Ich halte mich an meinem Kaffee fest. Aus Lego baut er etwas, das aussieht wie eine Hochseefähre. Was das sei, frage ich ihn. „Ein Schiff, ein ganz normales.“, antwortet er. „Es kann fliegen“. Ich schaue auf die Uhr, suche Schlaftiere, Unterhosen und Schals zusammen, aber er will nicht los. Das Schiff muss noch umgebaut werden, zwischendurch kracht die ganze Konstruktion zusammen, aber er arbeitet weiter, als ob er einen Plan hätte. Es hat keinen Sinn jetzt zu drängeln. Irgendwann sagt er “Fertig“ und dann ist er es auch.

Und schon sitzen wir wieder in der Straßenbahn, Maske im Gesicht. Wir sind eine Stunde zu spät und werden die S-Bahn auch noch verpassen. Ich lasse ihn mit dem Handy Fotos machen und überlege mir schon ein paar Argumente für den Schlagabtausch mit der Mutter. Es wird aber nur ein Geplänkel und als die Sonne schon weg ist, führen meine drei Jungs mir noch eine Hüpf-Show auf dem Trampolin vor. Sie sind beweglich wie Klappmesser und ihr Gehüpfe hat was von Hip-Hop. Bald sind es keine Kinder mehr.

Zu Hause steht noch die halbvolle Tüte Popcorn auf dem Tisch. Ich stopfe sie in mich rein, während ich alte Comedy-Sendungen auf YouTube schaue, und spüre wieder Leben in mir.

Die Macht der Liebe

Foto: Berlin Trains
BerlinWriters #wholecar #graffiti #berlin #hauptstadt #weilwirdichlieben

Es war in diesen dunklen Tagen, als die Winterstürme durch die Straßen jagten und die Sonne nicht mehr war als eine trübe Illusion hinter den bleigrauen Wolken. Es war die Zeit, als die Menschen ihre Gesichter hinter Masken verbargen und jeden Morgen angstvoll die mit Grabesstimme vorgetragene, steigende Zahl derer erwarteten, die am Tag zuvor von der Seuche dahingerafft worden waren. Es war die Zeit, in der jeder, der noch bei Sinnen war, zu Hause blieb und seinen Nächsten mied wie den Leibhaftigen selbst. Aber es war auch die Zeit, in der Wunder geschehen konnten, wo sich die Herzen öffneten und der Mensch des Menschen Freund wurde. Wo sich in den düsteren Schächten unter den Straßen die Elenden versammelten, die von der schieren Not, der Pflicht oder dem Kampf um das tägliche Brot in die mit krank machendem Brodem verseuchten Wagen der Untergrundbahn gezwungen wurden. Und es war hier, wo die Liebe alle Schranken überwand.

Sie waren zu dritt, so wie immer. Kurz bevor sich die Türen schlossen, sprangen sie noch in den abfahrenden Wagen. Es waren vierschrötige Kerle und jeder der Reisenden duckte sich noch tiefer in seinen Sitz, versuchte sich hinter seinem Handy unsichtbar zu machen, oder schaute vergeblich ins Nichts, um die Aufmerksamkeit der schwarz gekleideten Schlägertypen von sich abzulenken. In höchster Not hat der Mensch drei Möglichkeiten zu überleben: kämpfen, flüchten oder sich tot stellen. In einer fahrenden U-Bahn ist Flucht keine Option und Kampf gegen einen breitschultrigen, vollbärtigen Kerl mit tätowierten Händen aussichtslos. Also wählte ich meine letzte Möglichkeit. Fest zog ich meinen Jüngsten an mich heran, verkantete sein kleines Fahrrad zwischen meinen Beinen, hielt mich an der Haltestange fest, bis meine Knöchel weiß wurden und hoffte, sie würden uns übersehen. Doch alle Hoffnung schwand wie ein Traum am frühen Morgen, als ihr markerschütterndes „Fahrscheinkontrolle, bitte die Fahrausweise bereit halten!“ erklang. Normalerweise lässt mich diese Ankündigung kalt. Normalerweise bin ich ein gesetzestreuer Bürger, der gewissenhaft darauf achtet, nur mit einer abgestempelten Fahrkarte die Bahn zu betreten. Sogar für meine vielköpfige Kinderschar kaufe ich die vorgeschriebenen ermäßigten Karten, obwohl mir ein junger Kontrolleur einmal zuflüsterte: „Für Kinder brauchen Sie nicht, die kontrollieren wir nicht mehr.“ Dieses erhabene Gefühl der Rechtschaffenheit lässt mich herabblicken auf die Unglückseligen, die mit von Schuldbewusstsein gesenktem Haupt von den Bütteln der Berliner Verkehrsbetriebe auf die Bahnstiege gezerrt werden, weil sie sich auf unser aller Kosten eine Fahrt erschleichen wollten.

Doch wie war es heute? War nicht das ganze Land im Ausnahmezustand? War ich nicht in höchster Eile aufgebrochen, als es galt, meinen Sohn rechtzeitig zu seiner sich sorgenden Mutter zu bringen? Hatte ich nicht alle Hände voll zu tun gehabt, mir selbst und dem Kind die vorgeschriebene Maske überzuziehen? Wie hätte ich da noch, und das mitgeschleifte Kinderfahrrad nicht zu vergessen, eine Fahrkarte abstempeln können, zumal gerade der Zug einfuhr; der Zug, der allein uns zu der S-Bahn hätte bringen können, in die wir, nach nur drei Stationen, sowieso hätten wechseln müssen? Hatte ich nicht den ehrlichen Vorsatz gehabt, spätestens bei diesem Wechsel auf dem Bahnsteig der S-Bahn die Fahrausweise für mich und meinen Jungen, die ich natürlich ordentlich in meiner Brieftasche bereit gelegt hatte, in den Schlitz der altertümlichen Stempelautomaten einzuführen, nicht ohne meinem Sohn die Gelegenheit zu geben, stolz das eigene Ticket mit lautem Klacken und Piepen abzustempeln und es ihm treu in seine kleinen Hände zu legen, in denen er es mit heiligem Ernst bis zum Ende der Fahrt aufbewahrt hätte (wenn er nicht gerade ein Buch lesen, einen Keks essen oder sich in etwas anderes Wichtiges hätte vertiefen wollen, wobei er dann die Karte irgendwo auf dem Sitz hätte liegen lassen, wenn wir bei der nächsten Station umgestiegen wären.)

All das hätte ich dem mürrischen Höllenengel sagen wollen, als er mit grimmigen Blick vor uns stand. Aber ich schwieg. Noch war ich zu sehr im „das Reh duckt sich im Kornfeld, damit es der herandröhnende Mähdrescher es nicht sieht“-Modus, als dass ich hätte reden können. Und außerdem: Was sollte das Kind von mir denken? Also fand ich mich an der nächsten Station auf dem Bahnsteig wieder und ließ die unbeholfene Suada des erfolgreichen Jägers über mich ergehen, die sich „Aufklärung über die Fahrgastrechte“ nennt. Ich war reuig und sofort bereit ihm die 60 Euro in seine groben Pranken zu blättern, an denen er, ich hätte wetten können, sicher mehr als einen silbernen Totenkopfring tragen würde.
Aber was war das? Er blickte mich und meinen Sohnemann an, drehte seinen Handcomputer in unsere Richtung und murmelte verschwörerisch: „Kieken se hier: Ich trage hier als Grund für das fehlende Ticket „Eile“ ein. Dann könnse die BVG schreiben, dass se mit dem Klenen aufm Weg zum Arzt waren oder sowat. Dann könnse Glück ham, und die lassen se in Ruhe.“ Ecce homo!- was für ein Mensch! Welche Größe. Welch mitfühlendes Herz! Vielleicht hatte er auch einfach Angst, dass ich ihm auf dem Bahnsteig Scherereien mache. Vielleicht war er das von Eltern, die mit ihren Kindern unterwegs erwischt wurden gewöhnt. Vielleicht dachte er auch, dass ich ihm komisch kommen könnte. Die paar Sätze, die wir miteinander gewechselt hatten, hatten wahrscheinlich gereicht, um zu merken, dass ich in rechtlichen Dingen bewandert bin. Vielleicht war er auch selbst nicht so ganz überzeugt von dem Scheiß-Job, den er da machen muss. Egal. Er hat uns ein Fensterchen der Hoffnung aufgemacht und mich vor meinem Jungen nicht blamiert, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Und wie ging’s weiter? Es gibt ja nicht nicht nur gute Menschen bei der BVG. Es gibt ja noch den unerbittlichen Apparat, in dessen Fänge ich jetzt geraten war. Wer mehr darüber wissen will, lese das Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ von Susanne Schmidt. Bisher war mein Kontakt mit dieser Berliner Institution eher unerfreulich. Wer einmal das „Kundenzentrum“ besuchen durfte (weil man doch ein gültiges Ticket hatte, es aber bei der Kontrolle in der Aufregung nicht gefunden hatte) sieht dort die Elenden und Geschlagenen der Stadt und wird mit einer ruppigen Förmlichkeit abgefertigt, die an den „Tränenpalast“ erinnert, den ehemaligen Grenzübergang nach Ost-Berlin an der Friedrichsstraße.
Aber die BVG hat seit ein paar Jahren eine Charmeoffensive gestartet, in der sie allen Ernstes behauptet „BVG – Weil wir dich lieben“. Der schlechten Ironie bewusst, bewirbt sie diesen Slogan mit Bildern junger Menschen, die das Angebot der Verkehrsbetriebe nach durchgemachten Nächten im Zustand der drogeninduzierten Bewusstlosigkeit benutzen. Eine der Wirkungen von Partydrogen soll es ja sein, eine Zuneigung und ein Verbundenheitsgefühl zu Personen und Dingen zu erzeugen, über die man sich im nüchternen Zustand dann wundert. Aber sei‘s drum. Als ich dann von der BVG aufgefordert werde, Stellung zu meinem Fehltritt zu nehmen, packe ich in das Schreiben mein ganzes Herzblut, schildere die ausweglose Situation, gleichzeitig meinem Kind, der Pandemie und der veralteten Stempeltechnik der BVG gerecht zu werden und ende das Schreiben mit dem Satz „Geben Sie mir einen Grund, Sie zu lieben.“

Danach war erstmal Ruhe in der Amtsstube.

Gestern kam ein Schreiben. Betr: Fahrausweisprüfung (es folgt eine fünfzehnstellige Vorgangsnummer): „…unter Berücksichtigung der von Ihnen geschilderten Umstände sind wir bereit, einmalig…. auf die Forderung zu verzichten.“ …im Wiederholungsfall werden wir auf unserer Forderung bestehen bleiben.“
Worte haben also doch Wirkung und die BVG vielleicht doch ein Herz. Ich bin raus: Auf Bewährung. Ich bete an die Macht der Liebe.