Mein kleiner grüner Kaktus

War ein wildes Wochenende. Fing damit an, dass mein Sohn, jetzt 13, zum ersten Mal allein mit der S-Bahn zu mir gekommen ist. Na ja, fast. Eigentlich muss man drei Mal umsteigen, und bevor er mir dabei verloren geht, hab ich ihn beim ersten Umsteigebahnhof abgeholt. Aber immerhin. Ein erster Schritt. Für ihn und für mich. Und als wir am nächsten Tag von der Bibliothek kommen ist auf dem Sportplatz in unserem Viertel ein Fußballfest. Der 3. Africacup Berlin. Stand nirgendwo – außer bei Instagram, aber da bin ich nicht. Aber eine Menge los. Alles junge Leute mit afrikanischen Wurzeln. Und obwohl das Viertel in dem ich wohne das Afrikanische Viertel ist und an der Afrikanischen Straße liegt, habe ich noch nie so viele schwarze Menschen meinem Viertel gesehen. Und so gut gelaunt. Fußball war Nebensache (ist es sowieso), es war mehr Party und ein stolzes Zusammenkommen der Community. Damit das alle in meinem Viertel erfahren bin ich schnell nach Hause und hab meinen Fotoapparat geholt. Dann habe ich den Jungs am Eingang gesagt, dass ich von der Presse bin und wir haben VIP-Bändchen bekommen, in Gold, mit dem Buchstaben VIP drauf. Das hat meinem Sohn natürlich gefallen. Ich hab wild geknipst aber das Eigentliche hab ich mich nicht getraut: Die vielen unterschiedlichen Gesichter. Ich hätte fragen müssen, die Spieler und die Spielerfrauen, die Köche an Ständen mit den frittierten Kochbananen und den Fischen. Hab ich aber nicht. Aber ein bisschen Atmo kommt hoffentlich doch rüber.

Dann hat es angefangen zu regnen und wir sind nach Hause gegangen. Ich hab den Artikel für unseren Kietz-Blog getippt und mein Sohn hat die Comics gelesen, die er aus der Bibliothek mitgebracht hat. Dann haben wir die Kochbanane gebraten, die wir uns mitgenommen hatten. Mein Sohn hat sie tapfer probiert und ich hab den Rest gegessen – mit Pflaumenmus, passt ganz gut mit den ganzen Nelken und dem Zimt dadrin. Nächsten Tag sind wir ins Kino gegangen in einen Zeichentrick über Außerirdische, die dicke Panzer anhaben aber darunter kleine Würmer sind. Im Kino lernt man was fürs Leben. Mein Sohn hat gelernt, dass er beim nächsten Mal nicht wieder einen ganzen Eimer salziges Popcorn bestellt, den hat er nämlich doch nicht geschafft. Ich hab ihn dann wieder in die S-Bahn gesetzt und bin zu meiner großen Tochter gefahren. Die wohnt in Neukölln, das ist am anderen Ende der Stadt, aber was macht man nicht alles. Sie hat gesagt, ihr Fahrrad sei kaputt. Also hab ich Werkzeug eingepackt. Aber als ich angekommen bin, ging es gar nicht um das Rad, sondern um die IKEA-Küche, die sich über eBay gebraucht gekauft hatte. Aber das war keine Küche sondern eine Ansammlung von weißen Würfeln aus Presspappe und Blech. Aber sie hat gewußt, wie das zusammengehört. Und obwohl ich noch nie eine Küche zusammengebaut habe, und obwohl wir uns erst mal bei der Nachbarin mit den zottligen rotgefärbten Haaren eine Wasserwaage leihen mussten (meine Tochter dachte, das geht auch mit dem iPhone, ging aber nicht) haben wir das in zwei Stunden so einigermaßen hingestellt. Wir waren richtig stolz auf uns. Das Fahrrad haben wir auch noch repariert und ich hab meiner Tochter die Luftpumpe dagelassen, denn Luft war das Einzige was fehlte. Dann bin ich noch zu meiner ehemaligen Kollegin nach Kreuzberg gefahren, das ist um die Ecke, die in der SPD ist. Wir haben eine Flasche Sekt geleert und uns überlegt, wie das weitergehen kann mit der SPD. Ich bin nicht in der SPD, aber wir haben viele Jahre zusammen politisch gearbeitet, und wenn man helfen kann… Wir sind aber auf keine Idee gekommen auf die nicht Frau Reichinek oder Frau Wagenknecht auch schon gekommen sind. Trotzdem bin ich nach Mitternacht ziemlich fröhlich zurückgeradelt. Auf der Friedrichstraße war die Polizei noch dabei, die letzten Herumtreiber von „Rave the Planet“ zusammen zu sammeln, die auf einem Baugerüst des ehemaligen Kaufhauses Lafayette turnten. Ich glaube, ich habe da nix verpasst.

Und warum kleiner grüner Kaktus? Weil ich, als mein Sohn auf dem Sofa seine „Brainrot“-Filmchen geguckt hat, einfach auf mein Balkon gegangen bin. Da steht ein Blumentopf in den ich ein Tütchen Wiesenblumen gesäht habe, die ich mal als Werbegeschenk vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung geschenkt bekommen habe – nicht persönlich natürlich, aber sein Logo und der Bundesadler waren auf der Verpackung. Nicht alles was die Regierung säht, gedeiht, aber die Blumen stehen mittlerweile in voller Blüte – immer eine Sorte nach der anderen. Und weil die Schönheit so vergänglich ist, habe ich meine Kamera genommen, das Objektiv verkehrt herum draufgeschraubt (so kriegt man ein improvisiertes Makro-Objektiv- hab ich bei You Tube gelernt) und bin ganz nah dran gegangen. Man muss sich ein bisschen konzentrieren und etwas Geduld haben, aber das ist ja das Entspannende. Ich mag es, wenn die Bilder etwas enthüllen, was mit bloßem Auge nicht zu sehen ist, eine eigene Welt und es gefällt mir auch, dass die Blüten, anders als die Smartphone-Fotos, ein bisschen unscharf werden, und wirken wie eigene Wesen. Na ja, schaut selbst.

Im Dornröschenschlaf

Wenn die größte Immobilienfirma Deutschlands eine Pressemitteilung heraus gibt, in der von „Gleichheit und Gerechtigkeit“ die Rede ist, dann muss da was faul sein. Dann kann man das auch als Feierabendjournalist nicht so stehen lassen. Und da ich ja gerade genug Tagesfreizeit habe, wurde ich von der Redaktion unseres Kiezmagazins „Weddingweiser.de“ losgeschickt in die Nachbarschaft, wo die denkmalgeschützte Friedrich-Ebert-Siedlung zwischen Müllerstraße, rotem Efeu und Rehbergepark langsam verfällt. Meinen Jüngsten habe ich dabei im Schlepptau: Ich habe ihm eine Fotosafari versprochen.

Die stille Usambarastraße träumt an diesem strahlenden Spätherbsttag von besseren Tagen. Wer die schmale Straße durch den großen Toreingang von der Petersallee betritt, merkt, dass hier die Zeit langsamer vergeht als auf der Müllerstraße oder der Afrikanischen Straße, die den östlichen Teil der Friedrich-Ebert-Siedlung umschließen. Kaum Verkehr, kein Lärm von den tosenden Magistralen des Wedding, viele alte Bäume und ein leerer Kinderspielplatz. Alle Häuser sehen hier gleich aus: Grau, vier- oder fünfgeschossig und sehr in die Jahre gekommen. Manche schon von Efeu überwuchert, mehr geflickt als renoviert.

Dabei war die Siedlung einmal der Stolz sozialer Wohnungspolitik in der Weimarer Republik. Das rund 100.000 Quadratmeter große Gelände wurde im Jahr 1928 von dem Bau- und Sparverein „Eintracht“ erworben. Vorher standen hier Hüttensiedlungen, die wegen der großen Wohnungsnot von den Bewohnern illegal errichtet wurden. Gustav Bauer, der ehemalige sozialdemokratische Reichskanzler, war einer der beiden Vorsitzenden der Eintracht und legte mit Louise Ebert, der Witwe von Friedrich Ebert, 1929 den Grundstein.

Mit dem architektonischen und städtebaulichen Konzept für die 1.400 Wohnungen wurden die beiden Architekten Paul Mebes und Paul Emmerich sowie der Stadtplaner Bruno Taut beauftragt. Taut hatte vorher unter anderem die Schillerparksiedlung im Wedding entworfen, die heute UNESCO-Weltkulturerbe ist. Auf diese Liste der fünf Berliner Weltkulturerbe-Siedlungen hat es die Friedrich-Ebert-Siedlung nicht geschafft, was vielleicht an ihrem bedauernswerten Zustand liegt. Dabei hat sie Einmaliges zu bieten. Die Wohnhäuser wurden erstmals in der Zeilenbauweise errichtet, das heißt, dass die kurzen und fensterlosen Seiten der langgestreckten Gebäude zur Straße gerichtet und die Hauseingänge durch kleine Fußwege zu erreichen sind. 
„Gleichheit und Gerechtigkeit“ sollte durch diese Bauweise symbolisiert werden, schreibt die Wohnungsgesellschaft Vonovia, der 365 Wohnungen im Viertel gehören, in einem Pressetext. Sie schreibt auch etwas von „fast bürgerlich vorstädtischem Flair“. Meint sie das ernst?

Eine niedrige dunkelbraune Tür mit abgenutztem Lack steht offen. Durch sie betrete ich ein Treppenhaus, das im Parterre mit edlen Solnhofener Muschelkalkplatten ausgelegt ist, dem Goldstandard der Vorkriegszeit. An der Kellertür wird das „Betreten mit offenem Licht“ verboten, in einem Alukasten hängt schief eine Mitteilung der Deutsche Wohnen AG. Ein Stockwerk höher liegt auf der Treppe ausgetrocknetes, schartiges Linoleum. Die Decke zum Speicher hat einen Wasserschaden, der auch auf den türkisen Wänden des Treppenhauses goldbraune Schlieren hinterlassen hat. An einer reparierten Wohnungstür hängt ein Strohkranz mit den Worten „Home“. Keine Frage: Der westliche Teil der Friedrich-Ebert-Siedlung zwischen Afrikanischer- und Müllerstraße ist auf den ersten Blick mehr ein „Lost Place“ als ein Bürgertraum, ein von seinen Eigentümern vergessener Ort. Aber wer ist eigentlich der Eigentümer?

„Wir wissen schon gar nicht mehr, wer hier alles Eigentümer war: Gagfah, Fortress, ZVBB, GSW. Und jetzt Deutsche Wohnen”, klagte ein Mitglied einer Mietergruppe, die sich vor Jahren gegen den Verfall engagiert hatte. Den Eigentümern gemeinsam sei, dass kaum einer von ihnen etwas zur Instandhaltung beigetragen habe. In vielen Hauseingängen hängt die Hausordnung der Deutschen Wohnen AG (deren Aktien zu mehr als 86 Prozent der Vonovia gehören). Die Warnschilder auf dem wieder eröffneten Kinderspielplatz tragen das Logo der Vonovia. Es ist etwas verwirrend. Am Zustand der Häuser östlich der Afrikanischen Straße lässt sich der Eigentümer auf jeden Fall nicht ablesen. „Da laufen keine größeren Arbeiten“, bestätigt ein Sprecher der Vonovia. „Und es sind weder von der Deutschen Wohnen noch von der Vonovia größere Sanierungsarbeiten geplant.“ 

Westlich der Afrikanischen Straße kommt ein weiterer Eigentümer ins Spiel: Die ambelin GmbH aus Berlin wird mir von einem Anwohner genannt. Ob sie es war, die die wenigen Häuserzeilen um das Friedrich-Ebert-Denkmal vor Jahren wieder in ihren strahlend weißen Originalzustand versetzt hat, hätte ich gerne gewusst, aber die Firma antwortet nicht auf meine Anfrage.

Am besten, man blendet das ganze Hin- und Her einfach aus, so wie Herr S., ein älterer Herr, den ich an einem der wenigen Autos treffe, die hier stehen. Seit 1940 lebt er „bei der Eintracht“, obwohl sich der Verein schon Ende der 1990er Jahre auflösen musste. Im Alter von zwei Jahren ist der heute 85-Jährige mit seinen Eltern in die Siedlung gezogen und hier geblieben. 620 Euro warm zahlt er für 70 Quadratmeter und ist zufrieden. Er gehört zu der schnell wachsenden Gruppe der über 80-Jährigen, die im Afrikanischen Viertel und rund um die Rehberge nach Zählung des Bezirkes wohnen. „Voll in Ordnung“, sei es hier, bestätigt auch Herr T, ein quirliger Endzwanziger mit Nickelbrille und dezenten Tatoos am Hals. Sein zierlicher Hund zieht an seiner Leine, während er mir erzählt, dass er vor einem Jahr hier eingezogen ist und 635 Euro warm für eine renovierte Wohnung mit 58 Quadratmetern zahlt. Er ist gekommen, um zu bleiben – wie viele hier. Die Fluktuation liege bei etwa drei Prozent im Jahr, gibt die Vonovia an. 
Eine große Treue zum Quartier rund um die Rehberge bestätigen auch die Zahlen des Bezirks aus dem Jahr 2021. Aber so langsam verändert sich die Bewohnerschaft auch hier. „Ich merke das an der Zahl der Zeitungen, die wir verkaufen und an den Lottoscheinen“, erzählt mir Chan, der seit etwa zehn Jahren den markanten halbrunden Rozi-Kiosk neben dem Ebert-Denkmal betreibt. „Das werden immer weniger. Durch Corona sind viele liebe Kunden gestorben. Es kommen mehr junge, Studenten und so.“

Bleibt zu hoffen, dass der Dornröschenschlaf, in dem große Teile der Siedlung liegen, nicht zum schleichenden Verfall wird. „An den Häusern selber ist lange nichts gemacht worden“, klagt Herr J. Der 50-Jährige stammt aus Slowenien und ich treffe ihn, als er auf einer der halbrunden Metallflächen sitzt, die hier jeden Eingang zieren. Sieben Jahre wohnte er hier. „Schauen sie sich die Metallfenster an! Das sind immer noch die alten.“ Und der Garten sei verwahrlost, beschwert er sich. „Aber wenn was kaputt ist, braucht man nur anzurufen, dann kommen sie schnell“, räumt er ein, ohne sich zu erinnern, wer eigentlich sein Vermieter war. Weggezogen – ins Märkische – ist er dann auch nicht wegen der Baumängel, sondern weil es mit der Liebe aus war. Heute ist er wieder da, um seine Ex-Freundin zu besuchen, die in der alten Wohnung geblieben ist. Liebe vergeht, Miete besteht.

Ein König im Wedding

Ein Mann mit Stuhl wartet auf den König

Es war ein besonderer Tag in diesem eher biederen Teil des Wedding, der seit über 100 Jahren „Afrikanisches Viertel“ heißt. Es ist geprägt von Kleingartenanlagen,von Kneipen, die „Zur gemütlichen Ecke“ oder „KIKI-die Partykneipe“ heißen und von Leuten, die sich im türkischen Aufbackshop Jumbo-Schrippen für 35 Cent kaufen. Wann schaut hier schon mal jemand vorbei?

Doch letzten Freitag war alles anders. Da war mein Viertel mal so bunt und vielfältig, wie es sein Name verspricht. Und an so einem besonderen Tag kam auch ein richtiger König zu Besuch. Etwa hundert Menschen aller Hautfarben und Nationen versammelten sich, um zwei neue Straßenschilder zu feiern. Auf dem einen stand „Manga-Bell-Platz“ auf dem anderen „Cornelius- Fredericks-Straße“. Beides Widerstandskämpfer gegen die Kolonialherrschaft, die von den deutschen Truppen ermordet wurden. Vorher stand da „Lüderitzstraße“ und „Nachtigalplatz“. Beides Namen von Männern, die für die grausame koloniale Vergangenheit Deutschlands standen. Es gab Life-Musik und die Stimmung war fröhlich und hoffnungsvoll. Alle hatten sich fein gemacht, um das Besondere des Tages zu unterstreichen: Nicht nur die Botschafter von Kamerun und Namibia. Auch Jean-Yves Eboumbou Douala Bell, König der Douala in Kamerun hatte sich trotz des nebelkalten Tages ein farbenfrohes Gewand angezogen und harrte darin tapfer die ganze, mehr als zwei Stunden dauernde Zeremonie aus. Zum Glück hatte einer seiner Untertanen daran gedacht, ihm zwar keinen Thron, aber immerhin einen soliden Stuhl mitzubringen, damit der greise Herrscher sich ab und zu mal setzen konnte. Die einheimischen Unterstützenden von „Berlin Postkolonial“ trugen zur Feier der Tages ihre beste Streetwear und Strickmützen in grellen Farben, oft von ausgesuchten Labels. Die neuen Straßenschilder waren mit einer handgewebten Ashanti-Hülle aus Ghana verdeckt, wie mir Viktor, der Inhaber der afrikanischen Modeschneiderei in meiner Straße kundig verriet. Er freute sich, dass sein Geschäft jetzt in der Cornelius- Fredericks-Straße liegt. „Schau mal. Der Vogel auf dem Stoff dreht seinen Kopf nach hinten. Das ist das Sankofa, ein Symbol für etwas, was man verloren hatte und wieder findet, oder sich wieder holt.“ Die vielen Redner bei der feierlichen Enthüllung ließen keinen Zweifel daran, was sie verloren und wiedergefunden hatten. Es sei die Würde der afrikanischen Menschen, die nach den Verbrechen der deutschen Kolonialmacht durch die Benennung zweier Straßen in der deutschen Hauptstadt mit den Namen afrikanischer Widerstandskämpfer wieder hergestellt werde.

Es hätte also für alle ein Tag des Feierns, der Freude und der Vergebung werden können. Versöhnung auch mit den Anwohnenden, die sich mit Widersprüchen und eine rechts gerichteten Bürgerinitiative gegen die Umbenennung gewehrt hatten. Dass die alten Gräben noch nicht zugeschüttet sind, merkte man an einigen älteren Frauen, die grimmig schauend an der Feiergemeinde vorbeihuschten und giftige Worte zischten und an den heftigen Reaktionen der Aktivisten darauf. Eine Frau riss sogar vor der Veranstaltung die Verhüllung von dem neuen Straßenschild und rief „Lüderitz ist einfach eine Stadt in Afrika.“, bevor sie abgedrängt wurde. Viele der Hiesigen sind aber auch für die Umbenennung. Auf der Feier ich finde ich genug Mitbewohnende, die, wie ich, froh sind „den Lüderitz los zu sein.“

Wenn da nicht, ja wenn da nicht die Berliner Verwaltung wäre. Bis auf eine Pressemitteilung vor zwei Wochen, in der baldige Information der Bürgerinnen und Bürger versprochen wurde, tat das Bezirksamt nicht viel, um die Anwohner über die Folgen der seit 2016 geplanten Umbenennung zu informieren. „Wir wussten absolut nichts, als wir vor ein paar Wochen unsere Praxis in die Lüderitzstraße verlegt haben.“, schüttelt Podologin Ilona den Kopf, die sich in unserer Straße neue Praxisräume angemietet hat. Sie deutet auf Kartons mit neuen Briefbögen, Rechnungsvordrucken und Notizzetteln, die in dem frisch renovierten Laden stehen. „Das können wir jetzt alles ins Altpapier werfen. Und die Autos müssen wir auch wieder ummelden.“
Dem Bezirksamt ist damit ein weiterer Schild-Bürgerstreich gelungen, der sich in die Reihe von ungeschickten bis arroganten Umgang mit den Anwohnenden bei dieser Umbenennung nahtlos einreiht. Auf die Widersprüche gegen die Umbenennung hatte es vor einigen Jahren Ablehnungen mit happigen Gebührenbescheiden gehagelt. So züchtet man sich Wut-Bürger. Auch jetzt gibt es nur knappe Handzettel, mit denen die Anwohnenden eine Woche vorher informiert wurden. Und das noch nicht mal für alle. Während der Nachtigalplatz vor einer Woche mit den recht allgemein gehaltenen Flyern des Bezirksamtes regelrecht zugepflastert wurde, blieb die Lüderitzsstraße die Straße der Ahnungslosen. Niemand hat hier einen Zettel gesehen. Wahrscheinlich war die Kraft der Bezirksamtsmitarbeitenden durch den Exzess am Nachtigalplatz schon verbraucht. Und vielleicht war das auch besser so. Denn die auf den Zetteln versprochene bevorzugte Terminvergabe im Dezember, zur Ummeldung beim Bürgeramt über die Bürgernummer 115, ist dort leider völlig unbekannt. „Ist ja schön, dass wir das auch mal erfahren.“, versucht es eine freundliche Call-Center-Mitarbeiterin bei der 115 mit Berliner Galgenhumor, als ich nach der Zeremonie am Nachmittag einen Termin beantragen will. Ich kann ihnen einen Termin am 27. Januar 2023 in Lichtenberg anbieten.“ Aber ihr Interesse ist geweckt. Sie stellt mich in die Warteschleife und will sich erkundigen. „Da geht keiner mehr ran.“, entschuldigt sich die Dame nach zwei Minuten am Telefon. „Die sind Freitag nur bis 14:30 Uhr da.“ Der versprochene Rückruf erreicht mich nie. Am Abend will ich auch meiner Bank online meine neue Adresse mitteilen. „Diese Adresse ist uns leider unbekannt.“, lehnt die Eingabemaske die Cornelius-Fredericks-Straße ab. Google bietet mir eine Straße in Namibia an. Meine Schwester, die bei der Post arbeitet, rät mir, mir selbst einen Testbrief an die neue Adresse zu schreiben, bevor ich die Päckchen mit den Weihnachtsgeschenken für meine Kinder ordere. „Wenn die Post das nicht weiß, klappt das bei den Online-Händlern auch nicht.“ Ich hoffe, dass es für meine Nachbarn und mich nach dem frohen Fest am 2. Dezember auch ein Frohes Fest am 24. Dezember geben wird.