Wer sagt denn, dass die Berliner ruppig sind, und dass hier Nix klappt?
Kaum ist das Schlachtfeld in meiner Wohnung nach dem Heizungstausch beseitigt, schon gibt’s Schokolade von der Hausverwaltung und eine Mieterhöhung ab Mai. Sogar den tropfenden Wasserhahn wollen sie auswechseln lassen – irgendwann.
Auch sonst lässt‘s sich hier leben. Jeder Tag ein Abenteuer.
Blaulichteinsatz gibt`s hier Tag und Nacht. Gut, dass wenigstens der Laden mal dicht gemacht hat.Karneval in Berlin kann nicht funktionieren-War aber trotzdem ganz nettManchmal ist das wilde Berlin ganz schön piefig. Alle haben sich an das Verbot gehalten. Im Rheinland undenkbar.Kunst gibt es hier an jeder Ecke…….Schnaps auch.Blaulicht mal in schön. Das Planetarium sieht aus wie gerade gelandet, ist auch ein Kino.Radwege sind breit und nicht geräumt. So wird die Fahrt zur Sauna zum Off-road-Erlebnis..Wenn alles getan ist….treffe ich hier die letzten Postboten bei der Mittagspause.Es gibt hier nichts, was es nicht gibt – außer eine WohnungBerlin konnte mal elegant. Das hier ist ein Bus-Betriebshof.Und selbst am hässlichsten Ort Berlins- dem wiederaufgebauten Preussen-Schloss- gibt es einen Ort der Wärme.Und überhaupt ist hier alles anders.
Es war Anfang letzter Woche. Berlin versank im Schnee, ich hatte mich unter ein verschneites Brandenburger Dach geflüchtet. In meiner Wohnung wurde die Gastherme rausgerissen und Brandenburg hatte die Anwesenheitspflicht in den Schulen aufgehoben. Da saßen wir nun. Die Eltern im Homeoffice, die Jungs beim Homeschooling, alle über ihre Laptops gebeugt. Nur der Jüngste musste durch den Schnee stapfen, denn die Grundschule macht kein Homeschooling. Als es Mittag wurde, kam die Mutter auf die verrückte Idee, das Schulessen in der Schule abzuholen. „Das haben wir ja schließlich bezahlt.“ Sie hätte auch sagen können „Ich habe keine Lust, zu kochen.“ Dann hätte ich wie jedes Mal Kartoffeln aus dem Keller geholt und irgendwas dazu gemacht. Aber so wurde der Caterer angerufen, der versicherte, dass das Essen an die Schule geliefert worden sei und man es sich abholen könne. Jetzt war ja eigentlich der Grund für das Zuhausebleiben der Kinder, dass sie sich nicht bei Blitzeis auf den Schulweg machen müssen. Aber für Eltern gilt das nicht, vor allem wenn es gilt, Essen vor dem Verderb zu retten. Also fahren wir, natürlich mit dem Auto, drei Kilometer um zwei Portionen Schulessen abzuholen. Es ist halb eins. Vor der Schule schippt der Hausmeister Schnee. Die Mensa ist geschlossen. „Ja“, sagt der Hausmeister, „Das Essen ist geliefert worden. Aber es sind ja keine Schüler da. Da haben wir das Essen in die Tonne geworfen.“ In die Schule gehen 900 Kinder. Auf dem Rückweg springe ich schnell in den großen Rewe-Markt, kaufe Bratwürste Orangen und Erbsen. Die Großen sagen, sie haben keinen Hunger. Nur als ich den Kleinen abhole, hat er Appetit. „Mama hat vergessen, für heute Essen zu bestellen.“
Zwei Tage später zurück in Berlin. Meine Wohnung ist eine Baustelle, aber so warm wie noch nie. Die neue Wärmepumpe funktioniert. Aber was nicht funktioniert ist die Verteilung von Lebensmitteln. Zumindest, soweit es der Markt regeln soll. Nicht nur das Essen für eine ganze Schule, sondern gleich 4000 Tonnen Kartoffeln sollen in Sachsen weggeworfen werden – weil es zu viele davon gibt und weil es billiger ist die Kartoffeln in die Biogas-Anlage zu werfen, als den Transport zu den Händlern zu zahlen. Und das zu Beginn der „Grünen Woche“, der jährlichen Marketing-Show für die Landwirtschaft in Berlin. Flugs passiert das, was in Berlin wirklich gut funktioniert: Leute für eine spontane Aktion für eine gute Sache mobilisieren. Die Aktion heißt 4000 Tonnen wird von der Berliner Morgenpost und einer Internet-Suchmaschine aus dem Wedding organisiert, die die Transportkosten übernimmt. Die Kartoffeln werden an Kitas, Tafeln, Obdachlosenheime und Nachbarschaftsläden geliefert. Jeder kriegt einen Sack. Da sind eine Tonne Kartoffeln drin. Alle können kommen und sich so viel holen, wie sie wollen. Berlin ist im Kartoffel-Fieber. Die Ankunft der Lastwagen aus Sachsen wird herbeigesehnt wie einst die Landung der Rosinen-Bomber bei der Luftbrücke nach dem Krieg. In zwei Stunden ist die erste Lieferung vergriffen. Die andern meckern, weil sie erst am Montag beliefert werden. Man könnte meinen, die Stadt hungert. Dabei gibt es überall Kartoffeln im Sonderangebot. Bei Penny werden sie für 46 Cent das Kilo verscherbelt. Und die türkischen Gemüsehändler bleiben auf ihrer Ware sitzen. Ganz zu schweigen von den Bio-Bauern in Brandenburg. 4000 Tonnen Kartoffeln ist ihre Jahresproduktion, die sie bisher zu einigermaßen vernünftigen Preisen nach Berlin verkaufen konnten, klagen sie auf der Demo „Wir haben es satt“, die sich immer parallel zur Fressorgie der „Grünen Woche“ für vernünftige, nachhaltige Landwirtschaft einsetzt. Gibt kein richtiges Leben im falschen? Eine Bloggerin in unserem Lokal-Blog schlägt eine Lösung vor, die alle glücklich machen könnte: „Wollen wir nicht einfach Wedding-Wodka aus den Kartoffeln brennen?
Eigentlich sollte es heute losgehen. Nach einem langen Hin- und Her mit dem Vermieter, sollte heute die Wärmepumpe kommen. Die Leitungen waren schon im Herbst im Hinterhof vergraben worden. Aber obwohl es in unserem Haus nur acht Mietparteien gibt, hatte jeder im Laufe der Jahre seinen Kohleofen rausgeschmissen und seine eigene Heizung eingebaut und deshalb hatte jeder mehr oder weniger Interesse an einer neuen Energieversorgung – Klimawandel hin oder her. Deswegen hat es sich gezogen und deswegen wird bei uns jetzt mitten im Winter die Heizung ausgetauscht. Eigentlich.
Als ich heute Morgen aus dem Fenster in den verschneiten Hof schaue, liegen da immer noch die offenen Rohre. Und als ich um halb elf mir eine Kaffee in der Bäckerei um die Ecke hole, sitzen da acht Klempner in Blaumännern. Ich spreche sie an, wann es denn losginge. „Wenn die Pumpe endlich geliefert wird.“ kommt es gut gelaunt zurück. Eine Stunde später stehen zwei von ihnen im Garten, ein Älterer und ein Jüngerer und bauen aus Langeweile einen Schneemann. Dann klingelt es und ein Elektriker mit Bommelmütze und einem lustigen Akzent teilt mir mit, das morgen den ganzen Tag der Strom abgeklemmt wird. Wollte uns der Vermieter nicht einen detaillierten Ablaufplan schicken? Und als ich abends in den Hof gehe, steht da ein grauer Klotz, so groß wie ein Kleiderschrank. Hab gar nicht gehört, wie sie den über die Kellertreppe gewuchtet haben. Ich kriege da nur mit Mühe mein Fahrrad hoch. Aber acht starke Männer….
So sieht also unsere Zukunft aus. Immerhin – sie haben es hingekriegt. Das macht mir Hoffnung. Denn nächste Woche ist meine Wohnung dran. Dann fliegt die alte Gasheizung raus. Dann muss ich raus aus meiner Höhle, mitten im Winter. Davor graut es mir, auch wenn ich Unterschlupf bei der Mutter meiner Söhne bekomme. Die freuen sich schon, dass der Vater mal wieder da ist. Haben sie auf jeden Fall gesagt. Und wer weiß, vielleicht werden die Klempner ja sogar nach Plan fertig, vielleicht kommen sogar die Bauteile rechtzeitig und vielleicht funktioniert das Ding am Ende sogar.
Wie ein Pinselstrich im Gemälde der nächtlichen Stadt.
Vertuscht verschwommen.
Nur einen Augenblick sichtbar
Und doch Teil des Bildes.
Wie ein blitzender Faden auf dem Lichtteppich der Straßen
Unbemerkt und doch da.
Auf einer geraden Bahn auf den nassglänzenden Straßen
die dafür gemacht sind ihn zu tragen
Und doch verloren im Gewirr
Zielstrebig, aber doch an jeder Ecke neu entscheidend.
Zwangsläufig aber doch frei
Not to touch the sky, not to touch the sun. Nothing left to do but run run run…
In der riesigen Kulisse spielt er keine Rolle, aber ohne ihn wäre es ein anderes Stück. Das Theater ist da für ihn und alle andern. Es gibt keinen Dirigenten, aber jeder ist ein Ton in der Großstadtsymphonie. Jede Sekunde eine Uraufführung.
Jeder ist ein Solist und der Star des Abends, solange er dabei ist.
Ich komme von der Arbeit und habe Glück: Vor dem angesagten „Mr. Noodle Chen“-Restaurant steht ausnahmsweise mal keine Schlange. Schon ein Mal hatte ich mit meiner Tochter versucht, hier rein zu kommen, denn der Laden erinnert sie an die Nudel-Bars in Hongkong, wo sie zum Studium war. Aber wir haben nach einer Viertelstunde in der Schlange enttäuscht aufgegeben. Es ging einfach nicht vorwärts und wir gingen ins DUKKI um die Ecke. Koreanisch und auch sehr lecker. Heute steht nur ein junger Mann vor der Tür und ich frage ihn, ob er die Schlange ist. Er findet das nicht witzig, denn anscheinend wartetet schon eine Weile darauf, hinein gelassen zu werden, während an uns vorbei Essenslieferanten mit ihren riesigen Thermo-Taschen ein und aus gehen. Durch die Glastür sehen wir wie der Mann an der Kasse, der hier alles kontrolliert dann endlich auch dem arabische Grüppchen vor uns seine riesige Take-Away-Bestellung in die Hand gedrückt hat – dann dürfen wir beide rein. Alles ist hell und übersichtlich. Keine goldenen Drachen oder anderer China-Kitsch. Auch die Speisekarte ist sehr klar: Nudelsuppe mit oder ohne Fleisch. Nur bei den vielen Nudelsorten brauche ich Entscheidungshilfe. Der Mann an der Kasse ist auch dafür da. Ich entscheide mich für die dreieckigen Nudeln, die vor meinen Augen frisch gemacht werden. Hab ich noch nie gegessen. Als ich mich setze, sehe ich um mich rum fast nur junge Chinesen. Das Studentenwohnheim ist um die Ecke und das Restaurant ist wohl der Platz, an dem man sich abends trifft. Zu mir setzen sich, ohne groß zu fragen drei junge Kerle, die sich fröhlich auf Chinesisch Zoten erzählen und ständig lachen. Sie stellen ihre riesigen Trinkflaschen auf den Tisch. Sein Getränk darf man hier wohl mitbringen. Durch sie lerne ich auch, wo man das Besteck findet: In einer Schublade unter dem Tisch. Wie früher bei uns zu Hause. Der größte und munterste von ihnen hat das kleinste und billigste Gericht bestellt. Aber ständig ruft er die Bedienung und sie bringt ihm mit ausdruckslosem Gesicht immer neue Schalen mit frisch gemachten Bandnudeln. „Are they for free?“, frage ich. „Yes, for free. Order some.“, läd er mich auf beiden Backen kauend ein. Ich lehne dankend ab. Meine Schale mit der dicken Brühe war mehr als genug. Und ich habe aufgetankt zwischen all den jungen Kerlen (sind nur wenige Frauen da, die heimlich angeschmachtet werden.) Die gute Laune der Burschen, die sich hier für kleines Geld satt essen können, war ansteckend.
Es ist Herbst, die Zeit, in der das Leben sich verabschiedet und wir uns vorbereiten auf die karge Zeit, die vor uns liegt. Und während der Landmann die Früchte des Jahres in die Scheuer fährt und mit eisernem Pflug den Acker umbricht, schwinge ich mich auf mein Moped und fahre mit den letzten Sonnenstrahlen zum letzen Postamt in unserem Viertel. Auch wenn das Erntedankfest schon lange Vergangenheit ist, hoffe ich eine Ernte einzufahren, die Ernte fast 10 Jahren eifrigen Sparens und auch ich will mich verabschieden: Von meinem Postsparbuch, das mich begleitet, seit ich 16 wurde. Es ist kein leichter Abschied. Und er ist nicht freiwillig. Ein Sparbuch bei der Post, das war in den späten 1970er-Jahren ein Ticket in die Freiheit. Ohne ein Konto zu eröffnen, was die Unterschrift der Eltern verlangt hätte, konnte ich mein Geld einzahlen, das ich in der Fabrik, mit Zeitungsaustragen und Nachhilfestunden verdient hatte und konnte bei jedem Postamt in ganz (West-)Europa Geld abheben. Kostenlos. Keine Eurochecks, keine American Express Travelerschecks, keine Kreditkarte. Und es klappte wirklich überall. Im Dorfpostamt im County Galway und im prächtigen marmornen Postpalast von Bologna (oder war es Perugia?) In Schottland und in Alicante. Später sogar in Hoyerswerda und im Hauptpostamt Leipzig, von wo ich Telegramme in den Westen schickte. Aber da war die Welt schon eine andere.
Ich bin der Post immer treu geblieben, auch als es dann EC-Karten und Geldautomaten gab. Die Post sich selber leider nicht. Es war das erste Mal in Manchester, in den späten 1980ern, als ich einem Brief in einen Schreibwarenladen aufgeben musste, der nachlässig ein Pappschild „Post Office“ ins Schaufenster gelegt hatte. Die Royal Mail hatte den Service „privatized“. Mein Weltbild war endgültig erschüttert, als ich sah, dass man auch Telefone dort einfach so kaufen konnte. Wozu fragte ich mich? Wer einen Telefonanschluss bei der Bundespost beantragte, der bekam das Telefon -grau und stabil – doch gleich mit dazu. Andere Telefone, bunt und mit Tasten und ohne Prüfung und Zulassungssiegel der Deutschen Bundespost: Das konnte doch nichts taugen. Wie für W. I. Lenin war für mich die Deutsche Post das Maß aller Dinge.
Die Frau hinter dem Schalter ist weißhaarig. Ihr müder Kollege am Schalter daneben und die kleine Frau, die im Lagerraum ein Paket wegträgt auch. Es sind wohl die letzten Postbeamten des Wedding. Und auch vor dem Schalter: alte Leute wie ich, wenn man mal von denen absieht, die Pakete nach Vietnam oder in die Türkei abgeben wollen. Gibt es eigentlich den „Postrentendienst“ noch, mit dem früher pünktlich zum Monatsersten alle Rentnerinnen und Rentner ihr Ruhegeld am Schalter bekamen? Was es auf jeden Fall noch gibt, ist der behördliche Tonfall. Wie in den alten Zeiten werde ich erstmal angepflaumt: „Ihr Sparbuch auflösen? Da wären se mal besser vor 14 Uhr jekomm!“ Davon stand nichts in der Nachricht der Postbank, die mir mitgeteilt hatte, dass sie „…den Service Postsparbuch…“ in Kürze einstellen will. Aber weil das Berlin ist kommt nach der Schnauze das Herz, und die Frau hinter dem Schalter macht sich mit einem sarkastischen „Na, dann jeben se mal her.“ trotzdem an ihre traurige Pflicht. Sie tippt, lässt sich meinen Ausweis geben und ein Drucker fiept. Ein kleiner weißer Kasten, der noch so solide aussieht als sei er aus der BTX-Zeit der Bundespost, spuckt viele weiße Zettel aus, die die Postfrau akkurat mit viel Theater auf die grauen Seiten meines Sparbuchs klebt. „Was das alles für ein Abfall macht…“, seufzt sie. Es ist eine lange Prozedur und ich glaube, sie fühlt genau wie ich, dass wir beide hier etwas tun, was uns bald fehlen wird, dass wir ein sinnlos gewordenes Ritual aus längst vergangenen Zeiten ein letztes Mal gemeinsam zelebrieren. 2016 hatte ich noch einmal persönlich etwas eingezahlt. Seitdem lag das Buch in der Schublade. Von 2009 bis 2015 wurde die Postbank nach und nach von der Deutschen Bank übernommen. Was der Drucker ausspuckt ist ernüchternd: Bis 2017 gab es jedes Jahr noch ein paar Euro Zinsen und einen extra Bonus für treue Sparer. Zwischen 2018 und 2022 waren es noch 7 Cent Zinsen – pro Jahr – und Boni gab nur noch für die Manager der Deutschen Bank. „Das sind mehr als 0,01 %,. Da könn se sich nich beschweren.“, nimmt mir die erfahrene Kundenbetreuerin mir meine Enttäuschung aus dem Mund und haut noch einen drauf: „Is ja besser als nix.“ Langsam ahne ich, wer die Kosten der Bankencrashs von 2008 bezahlt hat. Aber auch die paar Cent müssen natürlich genau verbucht werden. Da ist die Postfrau noch richtig amtlich. Die Seiten in meinem Sparbuch reichen nicht. Aus grauem Papier legt sie Extraseiten an und stempelt sie einzeln ab. Ganz zum Schluss schneidet sie die rechte untere Ecke ab und geht nach hinten. Ich höre den harten Knall eines eisernen Handstempels, wie man ihn nur in der Post hören kann, dann bekomme ich das Buch zurück.“Entwertet“ steht jetzt auf der letzten Seite. „Warten se noch ne Woche, bevor sie das Buch ihren Enkeln zum Spielen jeben.“, verabschiedet sie sich. „Dann sollte das Geld auf ihrem Konto sein.“, gibt sie mir auf den Weg und es klingt so, als würde sie es selbst nicht glauben. Es ist viel schief gelaufen bei der Deutschen Post, seit sie wiedervereinigt und privatisiert wurde und das sitzt der gestandenen Postbeamtin in jeder Falte ihrer dünn gewordenen Dienstbluse.
Auf dem Rückweg durch die lange Halle mit der gar nicht mehr so langen Schlange der Wartenden komme ich an einem Ständer mit Postkarten vorbei. 50 Prozent Nachlass gibt es bis zum Jahresende auf auf kitschige Hochzeits- und schwarz-weiße Trauerkarten. Vielleicht verabschiedet sich die Postbank nur von ihrem Papiergeschäft, das sie nebenbei in der Filiale betreibt. Vielleicht verabschiedet sie aber auch gleich von ihrer Filiale und Ihren letzten Beamten. Meine Pakete gebe ich schon seit Jahren beim Zeitschriftenladen an der Ecke ab. Der wird von einem indischen Pärchen betrieben. Der Laden ist gerade zu. Die beiden sind wohl krank geworden.
Die schmale Haustür steht offen und gibt den Blick frei in einen schattigen Hinterhof mit etwas Grün. Grün im grauen Wedding? Neugier zieht mich in den dunklen Flur. Ein altes Schild „Kinderwagen und Fährräder abstellen strengstens untersagt!“ Ein neues Schild einer neuen Hausverwaltung aus Halle, die das füttern von Tieren im Hof verbietet, weil das „Ungeziefer“ anlocke. Der Hof war mal groß, jetzt wird er zum Nachbarhaus durch eine graue Wellblechwand getrennt, an der überfüllte Mülltonnen stehen. Die gefiederten hellgrünen Blätter von zwei wild gewachsenen Ebereschen machen das Grau der grob verputzen Hauswände nur noch dunkler. In den vergitterten Fenstern im Parterre des Vorderhauses sind schmuddelige Kuscheltiere eingeklemmt. Als ich ein Foto davon mache, steht plötzlich ein Mann neben mir. 1,90 groß, breite Schultern, schwarze Basecap, irgendwas in Frakturschrift auf seine schwarze Hose gedruckt. Security? Hausmeister? Nazi? Ich versuch‘s mit Dreistigkeit. „Wissen Sie, wieso die Kuscheltiere dort hängen?“ Die Antwort verstehe ich nicht gleich. Er sucht die richtige Reihenfolge für die deutschen Worte. „Wasserpfeifen“, verstehe ich und „Dampf“ und ich reime mir zusammen, dass er die Shisha-Bar im Vorderhaus meint. „Weil die immer Dampf in den Hof blasen, und das so freundlicher ist, für die Nachbarn“, verstehe ich. Und, er deutet auf die Mülltonnen: „Weil man dann was Schönes sieht und nicht den Dreck.“ „Wenn du Kinder hast: Nimm mit.“, läd er mich ein. „Drei Söhne“, fange ich an zu plaudern. „Aber die sind aus dem Alter raus.“ „Ich hab auch einen Sohn, 25, aber nicht ganz gesund. Lebt nicht bei mir.“ Trauriges Thema. Er kommt von selbst auf was anderes. Erzählt, dass er schon lange hier lebe und, dass die Hausverwaltung gewechselt habe. „Kein Hausmeister. Immer wenn du was willst, musst du ein Formular schreiben.“ Aus dem Treppenhaus des Hinterhauses kommt ein Mann mit einer Werkzeugtasche und läuft geschäftig an uns vorbei. Ein Handwerker, und das an einem Samstagmorgen. „Kein Hausmeister?“, runzle ich die Stirn. „Und was ist das?“ „Das ist für die neuen Häuser.“, sagt er. Ich suche mit den Augen einen Neubau, bis ich verstehe, dass die Handwerker leerstehende Wohnungen im Haus renovieren, die teuer neu vermietet werden. „Beim Nachbarn ist der Boiler kaputt. Seit drei Monaten. Da kommt niemand.“ Wir reden weiter über Politik, über Gaza und die kaputten Schulen und die Jobcenter. Da ist er Kunde. „Wird jetzt schwieriger, wegen der Regierung.“ Zwei Jahre habe er noch. Er sei 65, selber nicht mehr ganz gesund. Gutachten, Ärzte, Formulare. Er hoffe, dass er bald die Rente bekomme. „Ich hab auch noch zwei Jahre“. „Wenn die Regierung uns nicht noch länger warten lässt.“, flachst er ironisch zurück. Wir wünschen uns Glück, Gesundheit und ein gutes Wochenende.
V: Dann bin ich halb sechs bei dir und passe auf die Jungs auf.
M: Wie kommst du?
V: Mit der S 8.
M: Die S 8 fährt bis Ende September nicht. Komm mit der S 1 direkt zur Schule. Dann kann ich dir die Autoschlüssel geben. Dann kannst du eine halbe Stunde chillen und dann die Jungs direkt vom Sport abholen. Schau aber nach ob die S-Bahn wirklich kommt. Mit der S1 bin ich gestern stecken geblieben. Hat drei Stunden gedauert. Stellwerkprobleme.
V: Die Jungs gehen zum Sport?
M: Ich bin mir nicht sicher, ob sie gehen oder wieder in ihren Zimmern rumgammeln. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mit ihren Fahrrädern fahren.
V: Wenn die Jungs mit den Fahrrädern fahren, dann nehme ich auch das Fahrrad mit und komme zur Sporthalle, dann fahren wir zusammen zurück.
M: Bin mir gerade nicht sicher, ob sie die Räder nehmen. Nimm lieber das Auto.
V: Ich fahr nicht gern mit dem Auto. Und wie kommst du dann zurück?
M: Wird schon gehen, vielleicht mit dem Bus.
V: Fährt dann noch einer? Ich hab keine Lust, erst die Jungs und dann dich abholen zu fahren.
M: Du kannst auch mit der S-Bahn kommen und direkt zum Sport gehen und dann kommt ihr alle mit dem Bus.
V: Vielleicht will ja auch nur einer zum Sport. Dann komme ich mit dem Moped zur Sporthalle. Einen Sturzhelm hab ich für Hintendrauf.
M: Du kannst ja auch mit dem Moped zu mir kommen und ich nehme dich dann mit dem Auto mit zur Schule.
V: Und ich krieg die Schlüssel, hol die Jungs mit dem Auto ab und dann komm ich mit dem Moped zu dir zur Schule.
M: Auf das wacklige Ding steig ich nicht auf.
V: Ach komm! Wir haben doch schon ganz andere Touren miteinander erlebt.
M: Nein! Am besten kommst du mit dem Moped hierher und wir sehen weiter. Dann kommst du auch wieder zurück nach Berlin, wenn die S-Bahn nicht fährt.
V: Und wann? Ich brauche mindestens eine halbe Stunde zu euch.
M: Ich ruf dich noch mal an. Aber vergiss auf keinen Fall, drei Brötchen mitzubringen. Das ist unser Ritual nach dem Sport.
Andere gehen ins Museum oder in die Kirche, um Bilder zu betrachten, ich fahre ins Parkhaus. Zuerst aufs Dach einer echten Fortschrittskathedrale: Dem ehemaligen Karstadt-Parkhaus (jetzt: Lidl). Dort gibt es Luft, Sonne, schöne Einblicke und Glasfensterkunst wie in einer Kirche für umsonst:
Dann gehts weiter zu Kaufland am Gesundbrunnen. Das Projekt www.liebezurkunst.de hat hier die Wände des Parkhauses zu Leinwänden gemacht. „Urban Canvas Parkhaus Wedding“ nennt sich die Ausstellung, die durch Einkaufswagen, parkende Autos und schöne Ausblicke auf die S-Bahn ergänzt wird.
Und dann gibt es noch das:
Das ist kein Parkhaus, sondern eine Kunstgalerie, gebaut von russischen Architekten. Drinnen kann man noch mehr Beton sehen: Stadtplanungen von Architekten aus der DDR. Pläne und Träume – mein Thema dieses Jahr.
Und was dabei herauskommt, wenn sich ein junger Architekt in ein altes Parkhaus im Wedding verguckt, darüber habe ich hier geschrieben: Beton- Es kommt drauf an, was man draus macht
Und dann wollte ich keinen Beton mehr sehen, und bin ab an die See…
Wandmosaik an der ehemaligen Berufsschule Naumburg/Saale
„I met her in a place down in old Soho where you drink champagne but it just tastes like cherry cola“ (The Kinks, Lola)
Nee, ganz so war es nicht. Es war nicht Soho, es war Wedding, hinterm Bretterzaun von der Baustelle vom U-Bahnhof Seestraße. Da wo es eng wird und wo trotzdem ein paar Stühle und Tische auf dem Gehweg stehen. Und es war auch nicht Champagner und auch nicht Cola sondern Kaffee und Pflaumenkuchen – mit Sahne, bei Thobens Backwaren für 1,95 Euro das Stück. Aber da kam tatsächlich diese Frau..
„She walked up to me and she asked me to dance“. Sie kam direkt auf mich zu, wie ich da so sitze vor dem Bäcker. Sie war ganz in Schwarz von Kopf bis Fuß: Schwarzer Hijab, Schwarzer Umhang, schwarze Turnschuhe und einen schwarzen Hackenporsche hinter sich. Niemand Ungewöhnliches also für die Gegend. Und sie fragte mich, nicht nach einem Tänzchen, natürlich, sondern „Kann ich ihr Geschirr reintragen?“. Das war seltsam. Nicht nur, weil muslimische Frauen in so einem Outfit einen als Mann normalerweise noch nicht mal anschauen und erst recht nicht ansprechen. Nur einmal ist mir das passiert, vor Jahren, als ich den Kinderwagen mit den Zwillingen vor dem Laden des Uhrmachers nicht weit von hier auf der Straße hatte stehen lassen, weil er nicht durch die Tür passte. Da kam eine Frau mit Kopftuch hinter mir her in den Laden und zische mich an: Sie können doch die Kinder nicht alleine draußen stehen lassen, nicht hier in der Gegend.“ Aber das ist eine andere Geschichte. Die Frau hier war anders. Als sie aus dem Backshop wiederkam, stellte sie sich neben mich und fing an zu erzählen. „I asked her her name and in a dark brown voice she said, „Lola“ Nein,, Lola hieß sie natürlich nicht. Aber ihre Stimme war wirklich sehr dunkel. Und als ich mir sie weiter anschaue, sehe ich, dass auch ihre Hände sehr breit und knochig sind und dass ihr ein Zahn fehlt, ziemlich weit vorne. Aber sie erzählt immer noch und nestelt sich nervös an den silbernen Spangen, die ihr Kopftuch festhalten. Wovon sie erzählt hat weiß ich nicht mehr genau, es war irgendwas mit Äpfeln.
Dann ging sie weiter. Als ich meine Tasse in die Bäckerei zurückbringe frage ich die junge Verkäuferin: „Kennen sie die Dame?“ „Nee“, lacht sie verlegen. „Das habe ich noch nie hier erlebt.“
„Girls will be boys and boys will be girls It’s a mixed up, muddled up, shook up world.“