Schraubenfinder

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Meine schönste Schraube kommt aus der Camargue. Jenem Landstrich im Süden Frankreichs, der von vielen Menschen wegen seiner wilden weißen Pferde, seiner Flamingos oder seiner Sonnenuntergänge wegen geliebt wird. Ich liebe ihn auch. Die zotteligen Schimmel und sumpfigen Wiesen haben mich zwar nicht sonderlich beeindruckt, aber es gab da einen Baumarkt namens „Bricolage“, in dem ich genau die Schraube fand, die unser Motorrad auf den holprigen Straßen eine Stunde vorher verloren hatte. „Je besoin d‘ une vis“, stammelte ich, und schon entführte mich der Verkäufer mit herablassender Lässigkeit in ein Paradies aus schlampig aufgerissenen braunen Pappkartons in dem seine Schätze lagerten. Und weil nicht nur  die Sprache der Liebe, sondern auch die der Schrauben universal ist, fand ich für ein paar Centimes bald was ich suchte.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Das in Frankreich war natürlich Glück, aber es war ein Notfall.

Normalerweise lasse ich mich nicht dazu herab, Schrauben im Geschäft zu kaufen. Das wäre zu banal. Ich warte darauf, dass mich das Schicksal mit mit den Dingen versorgt, die ich zum Leben brauche.  Ich bin ein Sachenfinder, ein Schraubensammler – in dritter Generation. Entweder ich finde etwas Glänzendes am Straßenrand oder es tun sich mir unvermutet Schatzkammern auf, die ich ungehemmt plündern kann. So war es in dem Schrebergarten, den ich nach der Wende mietete, damit meine Tochter ein wenig Auslauf hat und aus dem wir nach wenigen Jahren wieder rausgeekelt wurden. Zum Schrebehäuschen dazu gab es eine kleine Werkstatt, vollgestopft mit Werkzeug und Kleinteilen aus DDR-Zeiten. Davon zehre ich heute, zwei Jahrzehnte und viele Umzüge später noch, auch wenn mein Freund Thomas, der Schreiner ist, mich jedes Mal wieder hasserfüllt anschaut, wenn ich ihm wieder und wieder die weichen VEB-Schlitzschrauben anbiete, wenn er mir mal wieder ein Regal an die Wand dübeln soll.

Tiefenpsychologisch betrachtet tue ich das alles nur, um mich mit meinem Großvater verbunden zu fühlen, der mir als Kind so viel Liebe schenkte. Vielleicht aber auch, um die einzige Familientradition fortzuführen, die der Krieg übrig gelassen hat. Mein Opa war ein kleiner verhutzelter schlesischer Bauer mit Schnurrbart. Er war mit seiner Familie im Rheinland gestrandet und hatte mit meinem Vater ein Haus gebaut, obwohl er bis zu seinem Tod darauf wartete,  seine sieben Hektar Land in der Nähe von Breslau wieder zu bekommen. Mit den Steinen und den Dachziegeln, die vom Hausbau übrig blieben zimmerte er sich im Garten einen schäbigen Schuppen, in dem er alles aus Metall aufbewahrte, was er finden konnte. Sein Jubeltag kam, als die Bahnstrecke vor unserem Haus erneuert wurde. Die Arbeiter schmissen die rostigen Schrauben und Spangen, die sie aus den Holzschwellen zogen einfach in die Böschung. Mein Opa sammelte sie alle ein. „Man kann ja aus allem was machen.“, war seine Devise. Nur hatte er vergessen, dass er nicht mehr in Schlesien war, keine Schmiede mehr hatte und Pferde, die Hufeisen brauchten erst recht nicht. Als er gestorben war, wollte noch nicht mal mehr der Altwarenhändler, der Anfang der 70er  noch mit einem öligen Pritschenwagen zum Gebimmel seiner Messingglocke „Luuumpen! Alteiiisen!“ schreiend alle paar Wochen durch die Straßen tuckerte, den ganzen Schrott haben.

Mein Vater war ein Rebell.  Er wollte mit all dem was er als „Alträucherei“ bezeichnete nichts mehr zu tun haben. Er schmiss die Landwirtschaftslehre, die ihm mein Opa als baldigem Hoferben aufgezwungen hatte, heuerte bei einer Spedition an und kaufte sich von den am Munde abgesparten Spesen einen nagelneuen Ford Capri 1500, weiß mit roten Ledersitzen – das Rassigste, was man sich als Arbeiter damals leisten konnte. Was nicht mehr zu gebrauchen war, kam weg. „Kaputt gibt Neu“ war seine Devise. Keine Sentimentalitäten. Aber als er in Rente ging, erwischen ihn die Gene wieder. In der Garage richtete er sich eine kleine Werkstatt ein, in der er altes Zeug wieder aufmöbelte, defekte Geräte zerlegte und fleißig, sauber sortiert in durchsichtigen Plasikschubern, alte Schrauben sammelte.

Wie hätte ich diesem Familiengeist entfliehen können der so wirkmächtig über unserer Sippe hing? Seine schleichende Kraft spürte ich, als ich mit 15  begann, Fahrräder vom Sperrmüll nach Hause zu schleppen, sie zu zerlegen, wieder aufzubauen und die verwertbaren Teile zu sammeln. Damals lief das unter Öko. Aber die Wurzeln lagen tiefer. Mein Vater schenkte mir, als ich von zuhause auszog als Zeichen meiner Mannbarkeit einen Werkzeugkasten, den ich noch heute in Ehren halte. Mittlerweile ist er gefüllt mit allerlei Krimskrams, der sich mit den Jahren dort eingefunden hat. Ein paar Schrauben von meinem ersten Moped sind auch noch dabei. Aber anders als meinem Großvater ist mir das Glück vergönnt, zu erleben, dass manches, was ich aufhebe tatsächlich genau das ist, was ich irgendwann brauche. Heute zum Beispiel, als ich mit zwei winzigen Messingschrauben, die mal eine Dreingabe bei einem Bilderrahmen waren, den abgerissenen Staubsaugerschlauch wieder festmachen konnte. Hätte ich sie nicht gehabt: Die Mutter meiner Kinder wäre ohne ihren Staubsauger wahrscheinlich schneller zugrunde gegangen als wenn man ihr die Luft zum Atmen genommen hätte. Das war Rettung in letzter Sekunde. Das sind die Momente, die das Schrauberherz mit tiefer Genugtuung und Demut erfüllen.
Und was kann schöner sein als zu sehen, dass meine Söhne in meine Fußsstapfen treten? Diese kleinen Kerlchen merken ja genau, was die Großen so umtreibt. Seit sie einmal beobachtet haben, wie strahlend ich eine halbwegs erhaltene Maschinenschraube aus der Gosse aufhob, schenken sie mir alles, was sie an Metallischem auf der Straße finden. Und ich verspreche ihnen hoch und heilig, es in meinen Werkzeugkasten zu legen. Um die nächste Generation von Schraubenfindern muss ich mir keine Sorgen machen.

Das Wunder vom Sparrplatz

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Es wird langsam kalt. Die Dämmerung bricht herein und ich stapfe missmutig durch den frisch gefallenen Schnee. Mein Sohn hat sich auch müde gelaufen und sich in den Kinderwagen geflüchtet. Warm und weich hat er es da in seinem Daunensack, aber auch er weiß nicht so recht was er hier draußen soll. Ich brauche ein Ziel, einen Kaffee, einen guten. Das ist mein einziger Orientierungspunkt. Aber wir finden keinen Platz in der Herberge. Ich habe schon meine gewohnte Strecke durch den gentrifizieren Teil des Wedding abgelaufen, in den ich mich manchmal flüchte. Aber alle Cafes sind zu.  Es ist der Tag nach den Heiligen drei Königen. Anscheinend sind all die schicken jungen Leute, die sonst hier ihren Latte schlürfen noch bei ihren Eltern in Westdeutschland. Oder zum Skifahren oder sonstwas Wunderbarem.  Nur ich laufe hier rum, allein mit Kind und Wagen und es wird immer dunkler. Ein wild gestikulierender Mann kommt uns entgegen. “ Ist doch alles total Scheiße hier.“ schreit er um sich, wissend, dass niemand seine Wut hört. „Alles total runtergekommen, hier. Du auch, du Arschloch“. Er schaut mich dabei nicht an, trampelt weiter, flucht irgend etwas anderes. Aber zum Beleidigen findet er keinen mehr. Die Straßen bleiben leer. Und mir reichts jetzt. Ich will jetzt was Warmes, Licht, ein freundliches Gesicht. Aber selbst das türkische Cafe „Schneeglöckchen“ an der Ecke holt gerade den Mülleimer rein. Bleibt nur der  neonkalte Späti, in dem sich zwei traurige Gestalten an einem Stehtisch festhalten. Nein, da will ich nicht rein. Da gehöre ich noch nicht dazu. Es muss etwas Anderes geben. In mir keimt eine winzige Hoffnung. In Gefahr und großer Not muss man gewohnte Wege verlassen und sein Glück wagen. Also drehe ich den Wagen um die Ecke in eine dunkle, noch nie gegangene Straße. Irgendwo da hinten, hinter dem leeren Platz ist ein Studentenwohnheim. Das muss es doch… Mein Sohn wirft gelangweilt seinen Handschuh in den Schnee. Und als ich mich bücke sehe ich im Augenwinkel große, warm leuchtende Schaufenster, Tische davor. Etwas in mir will an das Glück glauben. Mit dem letzten Fünkchen Hoffnung drehe ich auf die ferne Lichtinsel ein. Zweifel machen sich breit: Vielleicht  ist es doch bloß ein blöder Designshop, oder wenn es ein Cafe ist, ist wahrscheinlich ist die Tür schon zu – zu für dich! höhnt der Kafka in meinem Kopf. Zum Glück habe ich noch meinen Bauch. Und der macht die Tür auf und weiß, dass er zu Hause ist: Hohe Räume, eine festlich geschmückte Vitrine, kleine Tische, Pärchen beim gepflegten Schweigen. Ich pflücke meinen Sohn aus seinem Wagen und freue mich daruf, langsam aufzutauen, den Schnee auf dem Mantel schmelzen und abperlen zu lassen. Die Bedienung ist freundlich und adrett. Es gibt östereichischen Strudel, liebevoll mit Zucker überpudert und einen Milchkaffee ohne Schaum. Mein Sohn sitzt still auf meinem Knie, kriegt leuchtende Augen und wir teilen den Kuchen – eins für ihn, eins für mich. Und plötzlich laufen mir die Tränen. Ich schau das blonde Knäblein an und kanns gar nicht glauben, dass der strahlende Kleine mit den roten Winterbacken meiner ist. Dass ich hier mit ihm sitzen darf, und diese Stunde mit ihm verbringen kann. Dass ich so viel Glück habe. Wir bestellen noch einen Kuchen und ich könnte ewig hier sitzen bleiben.

Als wir raus kommen, hat es weiter geschneit. Der Kinderwagen ist eingepudert wie der Strudel. Mein Kleiner läuft ein Stück an meiner Hand. Stapft ungläubig im Schnee – heute ist der erste Tag in seinem Leben, an dem er im Schnee laufen kann. Die Straße ist immer noch leer und still aber das Licht der Gaslaternen leuchtet warm auf uns. Es würde mich nicht wundern, wenn auf einmal der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten angeschwebt käme und und neben uns landete, die Leute freundlich lachend aus den Häusern kämen und sich umarmten. Weil heute so ein wunderbarer Tag ist – mitten in Berlin.

 

 

Reich beschenkt

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Ich hab heute so viel bekommen und weiß gar nicht, womit ich das verdient hab. Ist ja noch gar nicht Weihnachten. Und brav war ich auch nicht.

Fing damit an, dass mir heute morgen zwei Stunden im Bett geschenkt wurden, weil mein Telefon mir sagte, dass der Flug, der meine Tochter aus Peking zurück bringen sollte, eine dicke Verspätung hatte. Und als ich dann am Flughafen war und als die Aeroflot-Maschine weitere zwei Stunden ihre Runden über Berlin drehte, und als ihre Mutter und ich langsam Sorgen kriegten, weil ja gestern alle verrückt geworden sind und ein Türke den russischen Botschafter erschossen hatte, da war es das größte Geschenk, mein strahlendes Töchterchen doch noch in die Arme schließen zu können. Und fast noch schöner war, dass sie jedem  ein Geschenk aus Peking  mitgebracht. Ein Geschenk, ein ganz chinesisches, mit rotem Seidenpapier und Schriftzeichen drauf. Meine Tochter, von ihrem Geld – für uns! Bisher gabs immer nur große Augen und die aufgehaltene Hand. Heute einen handfesten Beweis, dass sie einen kleinen Moment, vielleicht im letzten Moment vor dem Abflug im Flughafen-Duty-Free, daran gedacht hat, wie sie uns eine Freude machen könnte. Ach, haben wir doch nicht alles falsch gemacht. Und der Geist der Weihnacht wehte uns an. Und als wollte die Stadt Berlin das Familienglück perfekt machen, lag heute auch mein neuer Reisepass auf dem Bürgeramt, als ich auf dem Weg nach Hause auf gut Glück dort vorbei schaute. Auf dass ich auch bald nach China fliegen darf, das Töchterchen zu besuchen. Hat nur zwei Monate gedauert. Da kann man nicht meckern.

Aber das mit dem Glück ist ja eine seltsame Sache. Hat man viel davon, will man noch mehr, will ausprobieren, wie weit die Glückssträhne reicht. Und leicht gerät man dabei in Gefahr, die Gunst der Götter zu verspielen, zu viel zu wagen und sich in die tiefste Verzweiflung zu stürzen. Das hätte ich wissen müssen, als ich das Geschäft für Anglerbedarf betrat, das plötzlich ganz unvermutet an meinem Weg zur U-Bahn lag. „Fishermans Friend“ stand über der Tür und schon dieser anbiederende, vertrauensheischende Name hätte mich mißtrauisch machen müssen. Doch ich war beschwingt vom fröhlichen Tag, sorglos und genau in der richtigen Stimmung, das größte Problem meines bisherigen Lebens zu lösen: Eine Jacke zu finden, in der ich mich wohlfühle. Nun, um zu erklären, warum ich mich damit so schwer tue und warum ich dieses Kleidungsstück ausgerechnet in einem Fischerladen suchte, müsste ich weit ausholen, müsste Bilder heraufbeschwören von fröstelnden Kindern im Regen in einer Neubausiedlung der 60er Jahre, von Kindern die trugen, was alle Kinder damals trugen: Annoraks. Und diese Kinder froren, wenn sie den ganzen tag draußen spielten, denn diese dämlichen Nylonjacken waren alles, nur nicht warm und wasserdicht. Deshalb war es, seit ich meine Kleidung selbst kaufen durfte, immer mein Ziel, eine in allen Jaheszeiten tragbare, wasserdichte Jacke zu besitzen. Kindertraumata sitzen tief. Ich hab alles ausprobiert: Ostfriesennerze (gehen nur bei Anti-Atomkraft-Demos) Seemannsjacken aus dicker Wolle (saugen sich voll und werden bleischwer), englische Lederjacken (total cool, aber halten nur englischen Regen aus), Bundeswehrparkas (grün und blau trägt jede Sau), Lodenjanker (politisch nicht korrekt) Wachstuchjacken (siehe Lederjacken, englische; reichten für eine schöne Lungenentzündung) und amerikanische Arbeiterjacken (man wird nass von innen und außen). Am liebsten hatte ich eine graue tibetische Filzjacke, die mir ein Freund aus Indien mitbrachte. Aber da war meine Müsli-Zeit schon vorbei und ich wollte mich nicht zum Gespött der Leute machen.  Neidisch schaute ich auf meine Freunde, die die Jackenfrage völlig undogmatisch angingen, sich im Sommer eine leichte Baumwolljacke anzogen und sich einen Teufel darum scherten, ob sie vielleicht mal von einem Schauer überrascht würden. Da würde ich nie hinkommen. Ich brauchte eine andere Lösung. Mein Schwager war es, der mich auf einen schwedischen Wunderstoff aufmerksam machte, teils Baumwolle, teils Polyester, der leicht und wasserabweisend sein sollte. Manchmal würde man Army-Shops Jacken der schwedischen Armee finden, die aus diesem Material wären.

Und genau das versprach mir der Angler-Laden heute. Ausgemusterte Armeekleidung. Und weil heute mein Glückstag war, gab es tatsächlich schwedische Jacken dort. Nicht in verwaschenem olivgrün, sondern fabrikneu in einem wunderbaren satten waldwiesengrün. Schlank geschnitten, nicht ganz meine Größe, aber wenn ich die Knöpfe etwas nach innen versetzte und keinen Pullover drunterzog… Meine Sommer-Jacke! Ich war wie berauscht. Die Jacke hatte mich gefunden! Natürlich gab in dem Angler-Laden keinen Spiegel. Und deshalb konnte ich es kaum erwarten, den Treffer zu Hause anzuprobieren. Ich drehte mich vor dem Spiegel und wusste sofort, dass ich mein Glück mich blind gemacht hatte: Ich hatte übersehen, dass die Schweden auf die Rückseite zwei riesige Taschen aufgesetzt hatten. Für Munition, für Proviant, für erlegte Hasen – was weiß ich. Das sah aus wie Schwalbenschwänze – vorbei mit dem Glück, vorbei mit der Freude auf den Sommer.

Ich war traurig, verfluchte meinen unbedachten Kauf – dann machte kurz Klick im Kopf, und die Freude war wieder da: Das ist die ideale Traveller-Jacke! Das wird meine Reise-Jacke für China! Da schert sich keiner um seltsame Europäer. Und meine Tochter ist meine komischen Outfits schon gewohnt. In eine der Taschen tue ich eine DVD von „Toni Erdmann“. Die gucken wir uns dann zusammen an, damit sie weiß, was sie an ihrem skurilen Alten hat.

 

Einmal noch

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Einmal noch ans Wasser, solange noch Sommer ist. Mittelmeer oder Ostsee war dieses Jahr nicht drin. Aber zum Plötzensee will ich es noch einmal schaffen -mit den Jungs. Also früher weg von der Arbeit, die Jungs aus der Kita befreit und quer durch den Park zum Strandbad. Ist eigentlich wirklich nicht weit. Warum haben wir es dieses Jahr nur ein Mal gemacht? Lief nicht gut, der Sommer.

Die Schatten fallen schon lang auf den Sand, als wir ankommen. Sonnenöl können wir uns sparen. Trotzdem rein in die Badehosen. Die Jungs erinnern sich noch an jedes Detail unseres letzten Besuchs vor drei Monaten. An die hohe Rutsche, die sie sich damals nicht trauten. Sie trauen sich auch heute nicht. Aber sie  sind vor mir im Wasser, und nicht mehr raus zu kriegen. Wenigstens das hat sich geändert.

Wind kommt auf, die Kinderlippen werden blau. Schnell raus, sonst haben sie morgen Husten und ich Ärger mit der Mutter. Trockenrubbeln zwischen Frottetüchern, Fangen spielen zum Aufwärmen. Dann ein Eis für jeden. Eis im Schwimmbad: meine Erinnerung an Kinderglück, vielleicht irgendwann auch ihrs. In der verlassenen Strandbar gibts einen Kaffee für mich. Ein stolzer Seeräuber mit gegerbter Haut und wuchtiger weißer Mähne reicht mir die kleine, schwere Tasse. Auf einmal bin ich weit weg. Irgendwo im Süden. Wir lassen uns in Liegestühle fallen. Die Jungs turnen drauf rum und juchzen „Schaukelstuhl, Schaukelstuhl“. Die Haut riecht nach Sonne und Wasser. Südamerikanische Tanzmusik, nicht zu laut, nicht zu leise. „Die Musik will ich immer hören,“ jubelt der Jüngere. Langsam ziehen die startenden Flugzeuge aus Tegel von links unten nach rechts oben durch mein Panorama. Vielleicht wird doch alles gut.

Auf dem Rückweg sammeln wir die ersten Kastanien.

Nur geträumt?

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Is nicht wahr, denke ich als in den Schrebergarten komme. Alles ist voll: Die Apfelbäume biegen sich, der Pflaumenbaum wirft mir seine Früchte auf den Weg und Mirabellen gibts in Hülle und Fülle. Weiter hinten reifen Brombeeren, ein paar letzte Erdbeeren und Trauben. Die Tomaten tragen so schwer, dass die Stöcke gebrochen sind. Keiner will sie. Die Besitzer haben den Garten nur zum Chillen. Die Obstbäume haben sie vom Vorpächter übernommen. Jetzt, mitten in der Erntezeit, sind sie für ein paar Wochen in Südfrankreich. Wir sollen aufpassen. Der Anfang von Frau Holle kommt mir in Erinnerung. Ich würd am liebsten die Ärmel aufkrempeln, die Bäume schütteln und loslegen. So wie bei meinem schlesischen Großvater damals. Jeder Apfel wurde angefasst und war für etwas gut. Zum Lagern im Keller, für Kompott oder für die Saftpresse, die er selber gebaut hatte. Das ganze Haus roch ab September süßlich nach Eimachgläsern voller Kompott und herbstlich-modrig nach den Jute-Säcken in denen die schlechtesten Äpfel auf die Mosterei warteten. War die Arbeit vorbei gab es „Riemchenkuchen“: Hefekuchen mit Apfelmus und dünnen Streifen  Teig darüber gelegt.

Brombeeren waren die Leidenschaft meines Vaters. Er kannte die besten Stellen, direkt neben dem Bahndamm oder in den Kiesgruben. Beerensammeln war Wochenendverpflichtung. Der Vater zog eine alte Jacke an, packte sich Frau und  Kinder ins Auto  und warf sich in die Dornenhecken. Durch die Schneisen, die er schlug, folgte seine Familie und hatte bald die Eimer voll. Brombeersaft in Mineralwasserflaschen (herrlich zu Vanillepudding), Brombeergelee, Bromberschnaps und Rumtopf füllten die Regale im Keller. Sie gesellten sich zu einelegen Kürbissen süß-sauer, Schnippelbohnen und Steinguttöpfen mit Sauerkraut. Mein Vater und Großvater waren Bauern gewesen. Da war Vorräte einkellern selbstverständlich. Und sie waren Heimatvertriebene, die Angst hatten, dass „der Russe“ wieder kommt. Das Bevorraten  wurde zur staatlich geförderten Angsbewältigung im kalten Krieg. Als meine Großeltern starben, hinterließen sie einen gut bestellten, großen Garten und Regalbretter mit Eingemachtem, von dem keiner mehr wusste, wie lange es da schon stand.

Wir verlassen den Schrebergarten mit einer Tüte Äpfel,  ein paar Tomaten und drei Kindern die ganz erstaunt sind, dass man auch Obst vom Baum essen kann. Ein Sack voll Fallobst kommt in den Fahrradanhänger. Zu Hause schmeissen wir es in die Bio-Tonne. Wann sollen wir denn damit was anfangen? Wir haben doch eh so wenig Zeit. Sollen wir uns etwa für ein Glas Apfelmus die Abende um die Ohren schlagen?

Im Radio läuft am Abend die Nachricht, dass der Innenminister -zum ersten Mal seit 30 Jahren-  den Bürgern empfiehlt wieder Vorräte für fünf Tage anzulegen. Zuerst kann ich es gar nicht glauben, dass es diese Nachricht wirklich gegeben hat. Als mich Google überzeugt hat, dass er diese Empfehlung wirklich am Mittwoch ausgeben wird, ist mir klar: Damit sind  die dreißig Jahre Sorglosigkeit seit dem Mauerfall vorbei.

Vielleicht sollten wir uns einen Schrebergarten zulegen.

 

 

Bahn frei!

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„Die Jungs müssen noch mal raus.“, meint ihre Mutter sonntagnachmittags um drei. Und sie meint das ernst. Ich liege auf dem Bett, halb zugedeckt mit einem Kinderschlafsack, und blinzle aus dem Fenster in den langsam zu Ende gehenden Wintertag. In der Generation meines Vaters hätte man das, was ich mir gerade gegönnt habe,  ein Nickerchen genannt. Ich schaue träge nach meinen Kindern, die zum hundersten Mal ihr Dino-Puzzle legen. „Lass sie doch“, versuche ich meine Hoffnung auf einen ruhigen Nachmittag zu verteidigen, „sie spielen gerade so schön.“ Aber ich weiß natürlich, dass die Mutter Recht hat. Wenn wir jetzt nicht vor die Tür kommen, haben wir in einer Stunde hier eine nölende Bande, die aufgedreht rumkrakelt und vom Sofa springt, bis der Hausmeister anruft. Aber wie kriege ich die Jungs dazu, sich in ihre Winterjacken zu zwängen, wenn das Draußen nichts anderes zu bieten hat als fahles Abendlicht und tauenden Großstadtschneematsch? „Wir könnten endlich mal den Schlitten rausholen.“, höre ich mich sagen und glaube es selber nicht. Der schöne Holzschlitten von den Großeltern steht seit drei Jahren im Keller und wird langsam morsch. Am Anfang waren die Jungs zu klein und dann war einfach kein Winter, oder der Winter war so klirrend, dass die empfindlichen Kindernasen hätten Schaden nehmen können, der dann durch wochenlanges Inhalieren wieder hätte abgebüßt werden müssen. Großstadtkinder halt. Aber heute ist es warm, lächerlich warm für einen Januar. Und der Schlitten ist nur ein Lockmittel um die träge Bande vor die Tür zu tricksen. Aber es klappt. Ehrfürchtig folgen sie mir in den Keller, wo wir den Schlitten zugebaut im hintersten Eck des Bretterverschlages finden. Wie ein unverhoffter Schatz wird er von den Jungs gemeinsam aus seinem Gefängnis befreit und nach oben gebracht. Und obwohl wir draußen auf den ersten Blick nur geräumte Straßen und schlammigen Streusand sehen, sind meine Jungs der festen Überzeugung, dass es jetzt mit dem Schlittenfahren los geht. Und tatsächlich finden wir bald einen Pfad, auf dem es noch genug festgetretenen Schnee gibt um den Schlitten in Schwung zu bringen. Die jungen Herren  nehmen Platz, der Vater darf ziehen. Immer wieder unterbrochen vom metallischem Kreischen des Rollsplitts, das das Nahen einer geräumten Wegstrecke ankündigt, nähern wir uns dem Rehberge-Park. Kluge Landschaftsgestalter haben hier schon vor 90 Jahren ein paar Hügel angelegt, die zu nichts anderem gedacht gewesen sein könnnen, als winters der rachitischen Stadtjugend beim Rodeln ein paar frohe Stunden an der frischen Luft zu bescheren. Ich erwarte eine von tausenden hoffnungsfrohen Kindern schlammig getretene Wiese, auf denen die Kufen tiefe schwarze Scharten hinterlassen haben. Doch als wir in den Park einbiegen ist es still, kaum Mensch unterwegs. Vor uns breitet sich eine fast geschlossene, fast unberührte Schneedecke aus, die so hell ist, dass sie gegen den abendlich trüben Himmel wie künstlich beleuchtet wirkt.  Wir erklimmen den ersten kleinen Hügel und ich lasse die Buben zum ersten Mal ein winziges Stück den Hang allein herunterrutschen. Meine sonst so ängstlichen Zwillinge quieken vor Vergnügen. Sie fallen um -und lachen, sie rollen sich den Hang hinunter- und lachen. Auf einmal wird mir bewusst: Ich bin gerade dabei, meinen Jungs das Schlittenfahren beizubringen… Etwas, was mein Vater nie hingekriegt hat, weil er immer weg war, etwas worüber ich mir viel Gedanken gemacht habe: Wann ist das Fahrradfahren dran, wann das Schuhebinden? Gebe ich meinen Jungs genug, bin ich ein richiger Vater? Jetzt bin ich mittendrin. Wir suchen uns einen steileren Hügel. Ich gebe kurze Anweisungen, wohin mit den Füßen, wohin mit der Schnur: und los!. Schlittefahren kann ich. Im Rheinland sind wir richtige Berge runtergerodelt. Die Kür waren alte Weinberge, weil man da über die Weinbergsmauern wie über eine Sprungschanze fliegen konnte: drei, vier, fünfmal hintereinander. Und wenn der Schlitten das überlebt hatte waren wir gleich wieder oben und riefen: Bahn frei!

Mittlerweile ist es richtig dunkel geworden. „Letzte Runde“, sage ich an, „traut ihr euch auch alleine?“ Beide nicken und verhandeln, wie üblich, wer zuerst darf. Und dann sausen sie beide akkurat den Hügel runter, ohne Juchzen dieses Mal, dafür sehr konzentriert. Ich packe sie auf den Schlitten und ziehe sie hinter mir her. Ich höre sie plappern und glucksen. Mein Herz wird weit.