Aufgegeben?

Es schneit seit zwei Tagen, dünn, flockig, nass. Ich streife unter dem grauen Winterhimmel ziellos durch die Straßen. Seit fünf Tagen habe ich nichts gegessen. Ein, zwei Tage halte ich das noch durch. Ich beklage mich nicht. Ich muss unnützen Ballast abwerfen. Eben habe ich meine alte Motorradjacke an einen Haken an der Mauer des Eckhauses gehängt, dort wo früher eine kroatische Familie ein Restaurant hatte. Der Laden steht schon lange leer, so wie alle Läden in dieser Straße. Die Jacke war nicht mehr dicht und sie wurde mir langsam zu schwer. Den Aufnäher „Elefantentreffen Nürburgring 2009, den mir noch meine Mutter aufgenäht hatte, habe ich abgerissen. So sentimental bin ich denn doch. Damals habe ich auch gefroren, als ich von Berlin im Februar in die Eifel gefahren bin. Ich muss jetzt ohne sie weiter, Richtung Norden, immer geradeaus. Wenn ich zurück komme, wird die Jacke einen neuen Besitzer gefunden haben. Hier frieren viele.

Seit Tagen treibe ich mich in diesem Viertel herum, aber diese Richtung ist mir erst jetzt in den Sinn gekommen. Durch verlassene, winterfest gemachte Kleingärten, graue Nachkriegsreihenhäuser komme ich in die weiße Siedlung. Bruno Taut, Bauhaus. Unnützes Wissen. Was ich brauche, ist was Warmes. Auf dem Mittelstreifen taucht ein Kiosk auf. Genau so alt und verrottet, wie der andere, an dem ich vor zehn Minuten vorbeigekommen bin. Auf die alten Neonreklamen für Zeitungen, die es schon lange nicht mehr gibt, haben sich schmutziggrüne Flechten heimisch gemacht. „Bin um 15 Uhr zurück“, steht auf dem Zettel, der am heruntergelassenen Rollo hängt. Wie lange wohl schon? Leere Bierflaschen gammeln vor dem Tresen vor sich hin und ein Napf aus Blech für die Hunde, in dem noch eine Pfütze Wasser steht. Wieder nichts. Ich will schon weiter gehen, da hupt ein schwarzer Mercedes. Vielleicht will er nicht auf das Bild, das ich von dem letzten leeren Proviantlager auf meinem Weg in Richtung Norden machen will? Da steht Herr Nyugen vor mir. Ein hageres Gesicht voller Falten, mehr Lücken als Zähne im Mund schaut mich freundlich an. „Einen Moment noch“, sagt er, als er die Tür zum Kiosk aufschließt. Bald rattert das Rollo nach oben und Herr Nyugen schaut frohgemut aus der Luke. „Ich musste noch einen Freund ins Krankenhaus fahren.“, sagt er in verständlichem Deutsch. Ich schaue auf die Uhr: Es ist 15:01 Uhr. Der Zettel war von heute. Manchmal sind die Dinge nicht so hoffnungslos wie sie aussehen. Von dem Bier, der Cola oder der Capri Sonne, die mir der Budenbesitzer anbietet, darf ich nichts nehmen. Das habe ich geschworen, als ich mich vor einer Woche auf den Weg gemacht habe. Ich muss weiter, am Möwensee vorbei zurück, zu dem Ort wo ich hingehöre, wo mein Fastentee auf mich wartet. Am Montag ist Fastenbrechen. Dann gehe ich Herrn Nyugen besuchen. Ich bin sicher, er wird auf mich warten. Einer wartet immer.

Born to ride

Die vollen Haare noch nackenlang, die Sonnenbrille cool nach oben geschoben und die dicke Lederjacke halb offen – so sitzt er vor dem Frühstückscafé und blickt in die Ferne. Vor sich einen Pott Kaffee, schwarz wie die Seele, wie sich das gehört und neben sich sein schwarzes Bike. Ich frage ihn, ob ich mich mit meinem Kaffee zu ihm setzen darf und er nickt schweigend. “Kalt“, sage ich fröstelnd. “Is ja keen Sommer.“, sagt er und schweigt weiter. Das kenne ich von vielen Motorradtreffen. Mann lebt, um zu fahren, nicht um zu reden. Nach ein paar Minuten drückt er sich ächzend hoch. Er ist ein großer, stattlicher Kerl. Dann nimmt er seinen Stock und trippelt zu seinem Cruiser Marke “Rollelektro“. Von hinten sehe ich den stolzen Harley-Davidson-Adler auf seiner gepflegten Jacke. “Hast du ne Harley?“, frage ich ihn. „Ja, ne richtige.“, kommt es kräftig zurück. „Aber seit dem Schlaganfall trau ick ma nich mehr. Einmal bin ick umjefallen, dit reicht ma.“ Er schaut mich nicht an. Er ist zu beschäftigt seinen Stock an seinem neuen Gefährt zu verstauen und den Sitzring an seine Position zu legen. Steif wuchtet er sich auf den Sattel und schnauft noch mal durch, bevor er kernig am Gasgriff dreht. Die Leute auf dem Gehweg machen einen Schritt zur Seite als er angerollt kommt und ich sehe noch, wie er sich an der nächsten Kreuzung mit einer lässigen Geste die Sonnenbrille ins Gesicht schiebt.

Grün ist die Hoffnung

Das Jahr 2022 hat für mich an der Ostsee begonnen. Auf dem “Pfad der Besinnung“ in Puttbus. War gut, mal für ein paar Tage weg zu sein. Wieder zurück begrüßt mich ein trüber, regnerischer Sonntagmorgen. Frau Coroco hat mich vor Weihnachten auf einen Kris Kristofferson-Trip geschickt. Jetzt bin ich wieder auf den “Sunday Morning Sidewalks“ gelandet. Aber mit etwas Abstand finde ich ein paar grüne Flecken auf den grauen Gehwegen. Ich wünsche euch, dass auch ihr im neuen Jahr ein paar grüne Flecken der Hoffnung findet.

Blue Hour

Ich muss raus, muss ne Runde drehen. Es ist sieben Uhr am Abend und die letzte Videokonferenz ist vorbei. Ich will noch was vom Leben sehn. Draußen sind schon die Lampen an, aber der Himmel ist noch nicht schwarz. Blaue Stunde. Aber kein Grund traurig zu sein. Im Wedding ist immer was los. Im Wedding ist alles möglich. Beim Frisör brennt noch Licht. Warum nicht, denke ich? Mein alter Laden, aber wieder ein neuer Scherenkünstler. Zehn Minuten beschäftigt er sich allein mit meinem Nacken. Was soll das? Interessiert doch niemand. Ich sag ihm, er soll einfach die Maschine nehmen und einmal drüber gehen. Er ist enttäuscht, ich geb ihm ein gutes Trinkgeld und bin wieder auf der Straße. Das ist kein Abend, den man drinnen verbringt. Der Sommer ist spät dran, aber es ist warm, überall Lichter und Leute. Zum Döner? Dafür muss ich am Café Lale vorbei, vor dem sie vor ein paar Wochen drei Leute umgeschossen haben. Die weißen Kreidekreise, mit denen die Patronenhülsen von der Polizei angezeichnet wurden, waren noch lange auf dem Pflaster zu sehen. Komisch, heute sitzen hier nur Deutsche hinter den Shisha-Pfeifen und den Bildschirmen mit türkischen Popsongs. Irgendwas ist anders. Auch beim Döner. Ein alter Mann bedient mich, den ich noch nicht gesehen habe. Er kann noch nicht lange hier sein, denn er kennt noch die gute Sitte, dass man zu einer Linsensuppe nicht nur Brot, sondern auch eine kleine Schale mit Gemüse reicht. Paprika, ein paar Zwiebelringe, scharfe Peperoni. Es gibt einen Platz für mich in diesem Döner-Laden, der ist drinnen, aber man sitzt trotzdem draußen. Im Sommer geht das, wenn sie die Fenster ganz zur Seite schieben. Unter der Markise leuchten ein paar Glühbirnen. Nebenan ein Eisladen. Südfrankreich, denk ich. Das hätte van Gogh malen können. Die Lichter, der tintenblaue Himmel. Ein junger Kerl kommt vorbei. Rote Locken, kurze Hose, er schlenkert eine Bierflasche. Die Ohren sind noch dran. Ein Typ, den man überall treffen könnte. An jedem Ort, der einen Flughafen hat. Ich versuche mich in eine einsame Melancholie fallen zu lassen. Aber es geht nicht mehr. Vor ein paar Stunden habe ich mit einer jungen Frau telefoniert, die mir die Krankenkasse verordnet hat. „Sie sollten auf ihre Schlafhygiene achten. Immer zur gleichen Zeit ins Bett, immer zur gleichen Zeit aufstehen.“ Ach Mädchen, hast du nichts anderes? Ich bin doch noch nicht in Rente. Ich hab doch noch ein Leben. Das hier zum Beispiel. Ich zieh weiter, vorbei an einer kauernden Frau mit stumpfen Haaren, die ein Eis isst, vorbei an jungen Chinesen, die wahrscheinlich ihren ersten Döner essen und großen Spaß dabei haben. Biege links ein. Die Eckkneipe ist leer und die Barfrau fegt mit Mundschutz den Dreck raus. Die Pizzeria Sole Mio brummt. Der mürrische Wirt hat seine Plastiktische den ganzen Gehsteig bis zum Künstleratelier aufgestellt. Stiernackige Biertrinker sitzen unsicher im Halbdunkel. Wahrscheinlich sind’s die Kerle, die sonst in der Kneipe hocken. Auch sie vom Sommerabend verzaubert? Kaum zu glauben. Auch im Atelier was Neues. Statt des alten, langhaarigen Zottels, der sich in seinen rostigen Müll-Installationen vergraben hatte, sitzt ein junger Mann im aufgeräumten, strahlend erleuchteten Atelier. Bunte Bilder an den Wänden und eine junge Frau mit blauen Haaren neben ihm. Ihr schwarzes Oberteil hat Träger mit Nieten und Ösen. Ihr Punk passt nicht zu den mystischen Motiven. Aber vielleicht bringt sie ihn auf neue Ideen. Als ich in die Straße zu meiner Wohnung einbiege, läuft ein Mädchen vor mir her. Ihr rot weiß gestreifter Faltenrock hängt schlaff, die dünnen Beine enden in Chucks, diesen halbhohen Turnschuhen, und schlurfen kraftlos übers Pflaster. Einen Moment denke ich, eine ältere Kollegin vor mir zu haben, die sich oft zu jung anzieht. So schwer ist ihr Gang. Aber dann seh ich , dass die Kleine heult, herzzerreißend, wie nur Kinder heulen können. Sie drückt etwas an sich. Eine Tasche oder ein Kuscheltier? Und sie läuft nirgendwo hin, sondern vor etwas weg. Rein ins Dunkle. Liebeskummer, totes Meerschweinchen oder Schläge? Im Wedding ist alles möglich.