Herr Merz hat es im ersten Durchgang heute Morgen nicht geschafft. Eine Katastrophe? Bei meinen Kolleginnen und Kollegen zwischen Wilhelm- und Friedrichstraße in Berlin merkte man davon nichts. Die Kantine ist voll und laut wie immer. Das erinnert mich an eine meiner Lieblingsszenen über Deutsche in US-amerikanischen Filmen. Tom Cruise hat seinen Film „Valkyrie“ über das missglückte Attentat auf Hitler gleich hier um die Ecke, im heutigen Finanzministerium in der Wilhelmstraße (aka Reichsluftfahrministerium, aka Haus der Ministerien der DDR, aka Treuhandanstalt) gedreht. Dort überlegen zwei an dem Attentat beteilige Offiziere, was sie machen sollen: Noch ist nicht klar, ob die Bombe in der Wolfsschanze Hitler wirklich getötet hat. Es ist kruz vor 12 Uhr. Der eine Offizier drängt zum Lossschlagen. Aber es ist die Stunde der „Mahlzeit“ in deutschen Behörden. Deshalb antwortet der andere: „Let’s have lunch first.“ Der US-amerikanische Essenslieferant Uber hat diese sympahtische Lebenseinstellung versucht für seine Zwecke zu nutzen und sie für eine Werbekampagne mit „erstmal essen“ ins Deutsche übersetzt.
In diesem Sinne verabschiede ich mich aus unserer Kantine. Der Rest wird schon werden. Nur keine Aufregung.
Manchmal mag ich es, wenn zwischen mir und der Welt etwas ist, was uns voneinander fern hält. Heute ist es die große, dicke Glasscheibe in denn‘s Biosupermarkt. Wunderbar teilnahmslos schaue ich durch die Scheibe auf das tägliche Defillee der Versehrten und Verhärmten, der Humpelnden und Tanzenden, der Bunten und der Grauen. Es muss mich nichts angehen. Ich darf meinen Kaffee trinken und mich über meine Rechnung ärgern und mich wunderbar geborgen fühlen, in der klimatisierten sterilen Umgebung des wohltemperierten Überflusses. Schön ruhig ist es hier auch. Vom Verkehr auf der vierspurigen Müllerstraße kriegt man nichts mit. Denkt man, aber ich merke es doch, als es draußen keine Autos mehr gibt. Ein Polizeiwagen hat sich quer gestellt. Ein dicker Beamter und seine dicke Kollegin unterhalten sich gemütlich vor dem Wagen, auf dessen Dach eine grüne Fahne weht. Grüne Fahne heißt: Was Offizielles. Poliziekolonne, Staatsbesuch oder ne Demo. Da fällt mir ein, dass es heute ja der Tag ist, an dem traditionell Beamte aus dem ganze Bundesgebiet in Hunderterschaftsstärke ihre Kolleginnen und Kollegen in Berlin besuchen kommen. Jeder Beruf hat so seine Folklore. Und da kommen auch schon die blau-weißen Mercedes-Busse mit den schwarz getönten Scheiben. Zuerst kommen etwa zehn mit NRW-Kennzeichen und drehen artig eine Wende vor meiner Nase. Dann kommt Fußvolk mal mit martialischem Barret, mal mit freundlichem Basecap, aber immer zu dick angezogen für den freundlichen Frühlingstag und immer in schwarz mit Nummer auf dem Rücken. Früher gabs mehr Grün und mehr Helme. Interessiert mustere ich die bunten Landeswappen auf den Oberarmen. Langsam wäre es Zeit für einen Spielmannszug oder ein wenig Tanz. Und weil das Wünschen wieder geholfen hat, kommt ein Lautsprecherwagen von einer Leihfirma mit Boxen drauf. Schrammelige Antifamucke wird gedröhnt. Es könnte interessant werden. Ich verlagere meinen Platz nach draußen. Neben mir am Tisch nimmt eine Frau mit einer Schale Bulgur vom türkischen Laden nebenan Platz. Wir grinsen uns an: „Beste Plätze“ sagt sie. Auch bei der Tanzgruppe, die dem Wagen folgt, ist schwarz die vorgegebene Kleiderfarbe. Ein wenig verschlissener, nicht ganz so dick aber ebenso unpassend für die Witterung. Palästinensische Fahnen werden getragen. Aber ein freundlicher Vierfarb-Flyer-Verteiler klärt uns auf, dass es um Frieden geht. Frieden den Parkbänken, Kampf den Luxuswohnungen. Mir fällt auf, dass ich vor einem Neubau sitze, der außer einem überteuerten Bio-Laden weitere überteuerte Mikro-Appartments behaust. Nach hergebrachtem Brauch müssten jetzt Farbbeutel auf die Glasscheiben des Gentrifizierungssymbols fliegen, doch diese liebe Tradition hat die junge Generation zu üben vernachlässigt. Dafür werden über Generationen überlieferte Sprechgesänge skandiert. Geläufig ist mir der mit der internationalen Solidarität, die hoch ist oder hoch gehalten werden soll, der poetische Text ist da grammatisch nicht eindeutig. Auch wird nicht gesagt, von wem. So ist das mit der Volkskunst. Und dann ist es auch schon wieder vorbei. Ein wenig enttäusch schaue ich meine Nachbarin an. Die hat aufgegessen und verabschiedet sich gut gelaunt. Ich bleibe, bis sich die Nachhut der Gäste mit brandenburgischem Landeswappen und die Motorradstaffel verzogen haben. Eine Leere macht sich in mir breit, als ich zu meinem Moped stapfe und innerlich hoffe, dass keiner der gelangweilten Polizisten auf den Gedanken kommt, daran eine Verkehrssicherheitskontrolle vorzunehmen. Aber selbst das würde ich in Kauf nehmen, denn es würde mir das Gefühl geben, dass alte Bräuche, die ich noch aus meiner Jugend kenne, weiter gepflegt werden. Und das gibt einem Sicherheit in Zeiten wie diesen.
Tage drei bis fünf: Ruhig, nicht gut, nicht schlecht. Wenig Yoga und ein gutes Buch (Michael Degen: Es waren nicht alle Mörder, hab ich im Bücherregal hier gefunden). Spazieren gehen und über Vergänglichkeit nachdenken. Schön ist dieser Ort, in seiner bunt zusammengeflickten Einfachheit. Die Barracken aus DDR- Zeiten, die großen alten Bäume, das verfallende Bootshaus am See. Lange geht das hier nicht mehr. Die Betreiber haben es 30 Jahre lang geschafft, Aussteiger, Berliner Yogis, Jugendgruppen und Urlauber mit Wurst auf dem Grill nebeneinander leben zu lassen. Jetzt sind sie alt. Die großen Bäume vor dem Haus, in denen ich bei meinem letzten Fasten im Frühling noch die Hummeln brummen hörte, mussten schon gefällt werden. Es regnete schon immer wenig in den Klapperbergen, jetzt fast gar nicht mehr. Die Hütten sind morsch und im Dorf nebenan hat sich der „König von Deutschland“ versucht breit zu machen (Aber das Volk wehrt sich). Ein Trost ist die Gruppe. Einige kenne ich schon lange, denn ich mache das schon seit 10 Jahren, andere sind neu. Mit einigen kommt man ins Gespräch, andere wollen ihre Ruhe, aber alle sind freundlich und respektvoll zueinander. Alle helfen in der Küche (für Tee, Saft und Fastensuppe). Keiner spricht über seine Arbeit. Alle sprechen übers Essen. 🙂
Sechster Tag: Ich fang jetzt nicht an mit: „Überirdisch schöner Tag!“, oder so. Aber es war schon besonders. Bei vielen in der Gruppe merkte man heute entspannte Gesichter und Theo, mit dem ich gestern auf der Terrasse saß und der mir sein Leben erzählt hatte, meinte, der Tag sei zu schön, um heute mit dem Auto in die Sauna zu fahren. Tatsächlich war alles ganz strahlend hell und der Himmel blitzeblau und die Luft mild. Wir waren beide mit dem Rad angereist. 10 km waren es bis zur Sauna in der alten Mühle, flache Strecke, das konnte ja nicht die Welt sein. Aber unsere Muskeln kriegten keinen Schwung, keine Kraft mehr und der Mund war trocken. Es war eine Quälerei. Und blöderweise kamen mir bei der Schinderei die KZ-Häftlinge in Ravensbrück in den Kopf, die auch ohne was im Bauch Schwerstarbeit leisten mussten. Dieses Gefühl der Schwäche allein ist schon entwürdigend, das kann ich jetzt nachvollziehen. Da braucht es keine Schikane durch die Aufseher mehr. Eine Stunde haben wir über Holperpflaster und Sandpisten, vorbei am leeren Dorf-Konsum, durch die weiß blühenden Strauchalleen bis zur Mühle gebraucht. Aber wir haben es geschafft, ohne stehenzubleiben. Beim Zähne zusammenbeißen bin ich gut, übe ich jede Nacht. An der Sauna waren schon die Andern, die mit dem Auto gefahren waren, und lobten unseren Heldenmut. Ich war erst einmal so erledigt, dass ich mich draußen auf eine Bank in die Sonne legte, bis das Leben in meinen ausgepumpten Körper zurückkam und sah dann zu, wie einer nach dem anderen aus der Sauna in den eiskalten See sprang. Nachdem ich mir einen kleinen Spaziergang gegönnt und mir Galloway-Kälbchen auf der Wiese angeschaut hatte, war ich wieder soweit, dass ich mich eine Runde in die Sauna trauen konnte. Ich wollte Teil der Vertrautheit sein, die durch den gemeinsamen Saunagang entsteht. Es war gut und die Haut prickelte danach im kalten See. Mutig entschieden wir uns, auch für die Rückreise die Fahrräder zu nehmen, obwohl wir sie hätten ins Auto stellen können. Es lief wunderbar! Neue Kraft, als hätten wir durch die Quälerei eine Barriere durchbrochen. Abends zurück setzte unser Yogalehrer sich zu mir auf der Treppe vor dem Gutshaus. Wir sprachen über Astralkörper. Und ich war sein geduldiger Schüler im goldenen Schein der untergehenden Sonne, die auf seine goldorange Jacke und unsere geröteten Gesichter fiel. Aber ich glaubte ihm kein Wort. Ich habe wirklich versucht ihm zu folgen in die Sphären der Phänomene, die sich nur in Sanskrit ausdrücken lassen, in seinen Glauben, dass Kali-Yuga, die Zeit der Verblendung, schon seit 300 Jahren seinen schlimmsten Punkt überschritten hat…. Aber ich merke, dass ihm dieser Glaube Energie gibt, die Energie, hier 20 Leute ohne etwas zu Essen, nur mit Lächeln, Rumpfbeugen und Mantrasingen eine Woche glücklich zu machen. Und das ist ja nicht Nichts.
Letzter Tag: Oh Gott! Bin ich energiegeladen! Bin seit heute Morgen um sechs Uhr unterwegs. Habe heute früh sogar die „Aufladeübung“ mit dem Lehrer im Freien und bei kaltem Wind hinter mich gebracht. Nach dem Abschied von der Gruppe und der Idylle in der Uckermark heute früh bin ich noch 20 km mit Gegenwind und Gepäck nach Fürstenberg geradelt. Hab wieder meinen Kräutertee im Bahnhofscafe getrunken (und die Frau hinter der Theke hat sich gemerkt, dass ich Honig in den Tee haben will!), habe zu Hause alle meine Sachen gewaschen (beim Fasten riecht man nicht gut), habe ein langes Bad genommen, habe und danach auch noch die Fotos, die großartigen, die ich von jedem und jeder in der Gruppe gemacht habe, sozusagen als Hoffotograf unseres Lehrers, bearbeitet und an die Anderen verschickt. Jetzt ist es 11 Uhr abends und ich komme nicht zur Ruhe. Ich bin biegsam wie ein junger Löwe und habe gerade auch mal keine Schmerzen nirgends. Schön! Ich hab keinen Hunger aber ich will essen. Beim Anblick von Knäckebrot werde ich sehnsüchtig. Aber sind erst die „Aufbautage“. Noch zwei Tage mit Süppchen Salat und Buttermilch, dann darf ich wieder richtig essen. Schlafen kann ich nicht, nicht daran zu denken! Ich mache das Handy an. Wikipedia, Suchbegriff: Yoga. Und da steht alles, alles, was ich bisher nicht verstanden habe. Ganz einfach erklärt. Wenigstens für eine Nacht bin ich erleuchtet – zumindest vom Display meines Smartphones. Ein Farewell to Yoga, war diese Woche, zumindest von den sportlichen Übungen des Hatha-Yoga. Aber ein Hallo zu Fasten, zu dieser Gruppe, die ein bisschen meine Familie geworden ist. Alles freiwillig, einmal im Jahr, immer ein paar Neue und immer ein paar Erfahrene. Und ich bin ein Teil davon.
Erster Tag: Mal wieder Fasten und Yoga im Gutshaus. Es ging leicht, diesmal, der Einstieg ins Fasten zu Hause, neben den zwei letzten Arbeitstagen im Homeoffice. Mein Körper wusste schon, was ich von ihm wollte, aber zwischen Computerbildschirm und Sofa hing ich etwas matt in der Gegend herum (bis ich einen Flash bekam und innerhalb von zwei Stunden in meiner Ablage Frühjahrsputz machte). Die Sachen packte ich in der letzten Minute aber immerhin: kein Hunger, keine Sehnsucht nach Essen. Mit der Bahn und vollgepacktem Rad nach Fürstenberg. Von da sind es noch 20 Kilometer bis zum Gutshaus. Gleich in Fürstenberg nahm ich Platz auf eine Tasse Kräutertee im fröhlichen Bahnhofscafé, für das ich immer dankbar bin, dankbar für das kleine Stück Berlin in Brandenburg. Auf dem Weg vorbei am KZ Ravensbrück wurde mir klar: Heute fährst du den geraden Weg, nicht den Auf-und-Ab-Weg durch den Wald, durch Himmelpfort an der Draisinenstrecke entlang, sondern die Autostraße, die beständig leicht ansteigt. Langsam mit wenig Kraft, aber kontinuierlich kam ich voran. Genau danach war mir, auch weil das Rad unter den Paktaschen verdächtig schwankte. Ich schaffte es tatsächlich, ohne zu schieben, bis auf den Hügel des alten Gutshofs, der zu DDR-Zeiten als Ferienanlage für ein Berliner Elektrowerk ausgebaut worden war. Japsend, aber stolz. Und wurde empfangen von Christa, der großen, rothaarigen Hippiefrau, die ich schon von einigen Seminaren kenne. Ach je, was ich schon alles probiert habe…
Zweiter Tag: heute Morgen war ich spät dran. Um so gegen Neun stand ich auf den Stufen des Yogaraums und drehte wieder ab. Lieber ein Gang durch die Wiese und den Wald zum See. Auf dem Bootssteg brach der Himmel auf, und das Wasser wurde vom Wind unter mir her getrieben. Mit meinen zwei Jacken übereinander saß ich geschützt und der Wind konnte mir nichts anhaben. Ich sah alles wie zum ersten Mal, dabei war ich mindestens schon zehn Mal hier. Allein, oder mit den Jungs im Sommer.
Morgen werde ich früh aufstehen! Ich will bei den Aufladeübungen um halb sieben dabei sein. Denn das ist es, was allen den Jahren vom Yoga in meinem täglichen Leben übrig geblieben ist: In einer abgespeckten Version praktiziere ich sie jeden Morgen fünf Minuten. In Meditation werde ich nie reinkommen und bei den Asanas (Körperübungen) kann ich mit meinen zerfressenen Gelenken und zusammengeflickten Knochen nicht mehr mithalten. Denn fast alle um mich herum sind von unserem über siebzig Jahre alten Lehrer selber ausgebildete Yogalehrerinnen und einige Lehrer….(Wird fortgesetzt)
PS: Der Text ist ein kleines Experiment. Ich wollte über meine ereignisreiche Woche berichten, fand aber keinen Ansatz, der mich zum Schreiben gebracht hätte. Da habe einfach meine mit der Hand geschriebenen Tagebuchnotizen genommen, und sie in mein IPhone diktiert. Das ging erstaunlich gut und flott. Aber der Stil ist ein ganz anderer, als der, den ich sonst schreibe. Die Idee kam mir, als ich sah, wie meine Jungs mit ihrem Telefon umgehen, wenn sie eine Nachricht schicken wollen: Sie tippen nicht mehr, sie quatschen mit dem Gerät. Beschränkt wird der Beitrag erst Mal durch die Technik, denn Apple lässt wohl nur 500 Wörter zu. Sagt mal, ob´s gefällt, dann werd´ ich morgen weiterdiktieren (hab ich schließlich noch gelernt (Punkt und Schluss).
Ich sah ihn im EDEKA, in der kleinen Nische, in der man Kaffee und Kuchen bekommt. Ein älterer Herr, schmal, groß und aufrecht kam er mit seiner Tasse von der Theke und setzte sich zu seinem Begleiter. Er trug eine solide dunkelblaue Baumwolljacke die ihm gut stand. „Schick!“, dachte ich. „So will ich auch aussehen.“ Die beiden Deutschlandfahnen auf den Ärmeln störten mich nicht, im Gegenteil, sie hoben die Jacke aus dem alltäglichen „Canadian Goose“ oder sonstigen dunklen Daunenjackeneinerlei des Winters angenehm heraus. So was hatte ich lange nicht gesehen: Ein Parka! So was trugen Jungs in meiner Jugend; möglichst ausgeblichen und oliv. Besonders die, die nicht beim Bund waren oder nicht da hin wollten. Parkas waren immer gebraucht, billig und man musste nicht drauf aufpassen, denn irgendeinen Flecken oder Riss hatten sie sowieso schon. Träger mit langen Haaren und Bart verliehen ihnen eine lässig antimilitaristische Note und sie konnten mit ihnen dank der Kapuze unbeschadet auch im Regen auf dem Univorplatz handgetippte Flugblätter verteilen. Ich weiß nicht, wo die Bundeswehr die Dinger damals verramscht hat, denn ich war Lederjackenträger, die andere modische Alternative, die in der Szene zulässig war. Aber wer heute so was will, muss natürlich online gehen. Es dauerte eine Weile, bis ich das Richtige bekam. Ich hatte vergessen, dass man einen Parka immer eine Nummer größer kaufen muss, damit er so richtig schlabbert und knautscht. Außerdem ist meine Heldenbrust anscheinend breiter als die eines normalen Soldaten, so dass ich das Ding zwei Mal zurückschicken musste. Da merkt man, dass ich nicht gedient habe. Die Reaktionen auf mein modisches Wagnis waren sehr unterschiedlich. Ich mochte die Jacke sofort. Mit ihrem herausknöpfbaren Teddy-Futter war sie wunderbar kuschelig und die Taschen, in denen ich meine Hände vergraben kann, sitzen sehr weit unten (weil zwei Nummern zu groß), so dass man automatisch den leicht nach vorne gebeugten , schlurfigen Gang von damals bekommt, wenn man sie da reinsteckt. „Mit dem Ding gehe ich mit dir nicht auf die Straße.“, sagte mir die Mutter meiner Söhne barsch, als ich das Paket ausgepackt hatte, und sie um einen Gesamteindruck bat. Ihr kamen die Deutschlandfahnen seltsam vor. Es gibt ja jetzt Politiker, die tragen sie am Revers. Menschen meines Alters schauten freundlich und überrascht. „Ach, ein Parka!“, und mein Kollege, der Zeitsoldat war grüßt mich nur noch mit „Herr Kaleun“, was Kapitänleutnant heißt und uns zu einem sehr schönen Gespräch über den Film „Das Boot“ brachte, den wir beide sehr mögen. Aber eigentlich ist die Anrede natürlich defätistisch, denn nach meiner Besoldungsstufe wäre ich Fregattenkapitän. Das klingt nach „Master und Commander“ und ich sehe mich jetzt als Westentaschenausgabe von Russel Crowe. Aber in Wirklichkeit habe ich niemanden zu kommandieren und das ist auch gut so. Und kriegstauglich bin ich mit diesem Uniformstück auch nicht: Die Bundeswehr verwendet inzwischen moderne Jacken aus Kunstfaser mit Regenmembran.
Ein seltsames Gefühl bereiten mir nur die Werbemails, die ich jetzt von bw-online bekomme. Nicht nur, weil das so aussieht, als bekäme ich Post von der Bundeswehr, was in diesen Tagen ja nichts Gutes heißen kann, sondern weil ich jetzt Teil einer ganz seltsamen Kundschaft bin. Da werden mir mit dem Spruch „Stark durch den Frühling“ Marschrucksäcke und Kampfstiefel angeboten. Und zur „Ostereiersuche 2025“ sind Eiserne Rationen, Thermohosen und Handschellen zu finden. Was ich im Angebot vermisse sind Aufklärungsdrohnen. Denn was Kleines zum Fliegen wollte ich meinen Söhnen in der nächsten Zeit sowieso schenken. Und sie würden die Ostereiersuche deutlich vereinfachen.
Was ist denn das?, frage ich mich, als die Baugerüste gefallen sind und ich das neue Gebäude der Berliner Hochschule für Technik, an dem ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit vorbeikomme, zum ersten Mal sehe. „Wedding Advanced Laboratories“, Fortgeschrittene Hochzeitslabore? Das kann doch nicht wahr sein. Nach den Gender Studies jetzt ein Studiengang für die Tradwifes? Ist es jetzt auch bei uns schon so weit gekommen? Die CDU-Familiensenatorin in Berlin ist doch erst seit zwei Jahren im Amt. Und warum ist das neue fünfstöckige Labor genau gegenüber dem Institut für Bauwesen? Und welche Technik soll da entwickelt werden? „Studiengänge für Biotechnologie, Lebensmitteltechnologie, Pharma- und Chemietechnik sowie Verfahrenstechnik“ sollen hier ihr Zuhause finden, säuselt die Website der Hochschule, die mal aus dem Zusammenschluss mehrerer Ingenieurakademien entstanden ist. 1200 Studierende sollen hier ab dem Wintersemester arbeiten. 1200 Studierende, die sich mit der Herstellung von Hochzeitstorten beschäftigen? Ist das unsere Zukunftsoffensive? Und braucht man hier tatsächlich eine Professur für Verpackungstechnik, um die Hochzeitsgeschenke professionell aufzuhübschen? Ich beschließe der Sache auf den Grund zu gehen und lasse mich nicht ablenken von den Plakaten, die auf den Resten des Bauzauns drapiert sind und die mit offenen Fragen eine zärtliche und gefühlvolle Herangehensweise an das Forschungsthema Paarbeziehungen vorgaukeln:
Ich spüre, dass das nicht alles sein kann, dass ich tiefer graben muss. Ganz tief. Ich muss rein in das Labor. Da ich ab und zu in der gegenüberliegenden Mensa zu Gast bin, und eine „Mensa Card“ vorweisen kann, schöpft keiner der Wachleute Verdacht. Kein Wunder: mit meiner abgetragenen englischen Barbour-Jacke und dem grauen Bartstoppeln sehe ich aus wie ein typischer deutscher Gelehrter. Der Weg ist frei! In den oberen Etagen schaue ich nur kurz vorbei: Helle Räume, noch halbe Rohbauten. Hier ist nichts zu holen, also runter in den Keller. Ja, ich habe schon Hochzeiten erlebt, die im Keller gefeiert wurden. Haben nicht lange gehalten, die Ehen, die da geschlossen wurden – wenn man schon so tief anfängt. Überhaupt haben die Ehen meist nicht das gehalten, was Hochzeiten versprachen. Ob sie nun im Heidelberger Schloss gefeiert wurden in einem Brandenburger Gutshaus oder im Stadtteiltreff in Berlin-Wedding. Gut, dass ich immer nur zu Gast war. Aber ist es nicht das, was Wissenschaft den Menschen verspricht? Dass sie in der Lage ist, die Unzulänglichkeiten des Menschen zu überwinden und die Menschheit zu einem besseren Morgen zu befähigen? Wie beschränkt war unser Wissen vor Erfindung des Internets, wie orientierungslos waren wir vor der Einführung der Mobiltelefone und Navis? Und wenn jetzt noch die Roboter und die Künstliche Intelligenz…? Ein Schauder überfällt mich. Noch bevor ich die Tür mit der Aufschrift: „Weddingstyle“ öffne, weiß ich, woran sie in dieser geheimen Kammer arbeiten:
Hochzeits-Avatare! Das erste Grausen, das mich nach dem schauerlichen und trostlosen Anblick der leblosen Maschinenmenschen überfällt, legt sich rasch. Ja, wäre es nicht sogar besser, schießt es durch mein aufgewühltes Hirn, wenn man/frau die Hochzeit von intelligenten Kopien erledigen lassen würde? Nie wieder stressige Jungesellenabschiede, kein Auffegen von zerschlagenem Porzellan am Polterabend vor der Trauung, keine Nervenzusammenbrüche überforderter Mütter, keine Ausfälligkeiten betrunkener Väter, keine nöligen Kinder in zu engen und zu feinen Kleidchen, keine unzufrieden meckernden Tanten und Onkels und keine peinlichen Power-Point-Shows überengagierter Freunde. Und die Hochzeitsfotos ohne verlaufenes Make Up und rote, alkoholgedunsene Köpfe wären auch perfekt. Heinrich Böll hat das automatisierte Feiern durch Stellvertreter für das Weihnachtsfest schon in den 1950er Jahren in seiner Geschichte „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ literarisch vorweggenommen. Jetzt sind wir also nach der Mondlandung in den 1970ern endlich in der Lage, auch diesen Menschheitstraum technisch umzusetzen. Leise, ehrfürchtig und beglückt schließe ich die Tür hinter mir. Meine Tochter wird bald 30, ein gefährliches Alter. Bald könnte ich eine Einladungskarte erhalten. Ich hoffe, dass diese Forschung schnell Serienreife erlangt.
Ich schalte das Radio aus, das mir erzählt, dass es heute wieder Demos gegen Rechts in der Stadt gibt. Es ist 12 Uhr. Die ersten Demos haben eh schon begonnen und das Programm meiner Waschmaschine scheint mir heute besser für meine Nerven. Müde beobachte ich wie sich eine kleine rote Kinderunterhose keck gegen die Übermacht des Dunkelblau und Oliv behauptet. Ich war mit meinen Jungs in Bayern – auf der Suche nach Schnee. Gab keinen Schnee mehr. Vor sechs Jahren sind wir in Füssen im Allgäu direkt vor der Jugendherberge im Schnee ertrunken. Jetzt mussten wir mit der Seilbahn 500 Meter höher fahren, um noch ein paar weiße Flecken zu finden. Mit dem Bus sind wir dann nach Österreich, nach Reutte. Wir waren die einzigen Fahrgäste. Am Bahnhof schaufelten sie mit Frontladern den übriggebliebenen Schnee auf Lastwagen, um damit die Skipisten weiß zu halten, wie uns der einsame Busfahrer erzählte. Auch am übernächsten Tag sind wir wieder seine einzigen Gäste auf dem Weg zur „Alpentherme“. Irgendwas muss ich den Kindern ja bieten, wenn sie schon nicht rodeln können. Der Busfahrer, der mich entfernt an den alternden Elvis erinnert, scheint sich für seinen für seinen Job zu schämen. „Wenn schlechtes Wetter ist, ist der Parkplatz hier voll. Dann stehen die Autos bis runter in die Stadt.“, berichtet er stolz, als er uns vor der Therme abliefert. Ich frage ihn nicht, ob sein Bus dann auch voller ist. Der Himmel war strahlend blau und wolkenleer. Ich bahne für meine Jungs einen halbwegs sicheren Weg über den halbvollen Parkplatz durch die Autos zum Schwimmbad. An einen Zugang für die Fußgänger von der Bushaltestelle hat hier keiner gedacht.
Das Blau und das Oliv werden immer dunkler. Die Trommel dreht sich mit beruhigendem Brummen. Aber nur durch den kleinen roten Fleck merke ich zu ersten Mal, dass die Trommel bei jeder zweiten Umdrehung die Richtung wechselt. Ist mir noch nie aufgefallen. Dachte immer, das geht nur in eine Richtung. Plötzlich fängt die ganze Maschine an zu rumpeln. Das schmutzige Geschirr, das ich auf die Maschine gestellt habe, beginnt hell zu klirren, während unten die Trommel immer mehr Unwucht bekommt und den ganzen Apparat in ein bedrohliches Stampfen bringt. Dabei habe ich die Drehzahl schon auf 800 runtergedreht. Die Maschine fängt sich wieder und das Schleudern hört auf. Sanft surrt der Motor von links nach rechts. Auf der Website der Berliner Polizei sehe ich, dass es heute eine Menge Demos gegen Rechts gibt. Vielleicht schaffe ich es heute Abend ja noch zu einer Lichterkette.
Das ist die erste Version des Liedes Où sont les neiges d‘antan von Ulrich Roski. In eine spätere Version hat er als Schlussstrophe „Und käme der Vorjahresschnee wieder her, so wär er so weiß wie früher nicht mehr.“ verwendet, die mir die Idee für den heutigen Blogbeitrag gab.
Der alte Mann in der roten Daunenjacke hält sich an einem Glas Kräuterschnaps fest. Er ist der einzige Gast in dem riesigen Döner-Restaurant, dem einzigen Lichtblick in der verwaisten Fußgängerzone einer sterbenden Stahlstadt im Norden von Berlin. Was macht er hier am Heiligabend um halb Vier? Wo andere sich mit ihrer Familie um den Weihnachtsbaum scharen und Geschenkpapier zerfetzen? Ist es einer der verwahrlosten Stadtstreicher, die ihr erbetteltes Geld in Alkohol umsetzen, oder ist es einer dieser trostlosen Weihnachtsmanndarsteller, der sich für seinen schlechten Auftritt bei ungläubigen Kindern in warmen Eigenheimen in den Vorortsiedlungen vorbereitet, um seine mickrige Rente aufzubessern? Vielleicht ist es auch nur ein einsamer alter Mann, der nirgendwo hin gehört an einem Abend, an dem niemand einsam sein sollte. „Have you seen the old man outside the seaman’s mission…? Selbst die tuschelnden Männer hinter dem Tresen, die in einer Sprache sprechen, die er nicht versteht, und denen Weihnachten nichts bedeutet, sind heute zu zweit.
Wie lange darf man mit einem Schnaps in der warmen Gaststube bleiben? Reicht das Geld für einen zweiten oder muss er bald los in die Kälte, dorthin wo die blinkende Weihnachtsbeleuchtung höhnisch strahlt. Diese Lichter wärmen ihn nicht. Es ist kurz vor Vier als er sich müde und seufzend erhebt um nach dem Preis für den kurzen Augenblick der Wärme zu fragen. Wortlos schiebt er drei Euro in die Hand des Wirts. Kein Gruß, kein „Frohe Weihnachten“. Wieso auch?
Auf seinem Weg zurück sieht er andere Verlorene. Eingehakte Paare, denen es zu Hause zu eng wurde. Einen Vater mit einem Lastenrad, der mit seinen drei Kinder das Weihnachtsessen bei „Call a Pizza“ abholt; und das erinnert ihn, dass er ja auch drei Söhne hat, denen er versprochen hat, am nächsten Tag zu Mc Donalds zu gehen. Der einzige Weg sie dazu zu bringen, heute ihre heilige Christenpflicht zu erfüllen und am Heiligabend anderen Menschen eine Freude zu machen. Müde von dem langen Kampf, der schon seit Wochen währt wankt er die Stufen zur Kirche hoch, über deren Eingang ein einsamer roter Herrenhuther Stern leuchtet. Ist das sein Nachtasyl? Hofft er auf etwas Barmherzigkeit oder eine Pause von seinem harten Leben? Der Kirchendiener drückt ihm ein Heft mit Weihnachtsliedern in die Hand und wünscht freundlich ihm eine „Frohe Weihnacht“, was den Alten in seinem Grimm erschreckt. Was hat das hier mit Weihnachten zu tun? Er quetscht sich in eine der vollbesetzten Holzbänke. Der Pfarrer schnoddert in bestem Berlinerisch die Lithurgie herunter. Der Organist eiert die bekannten Melodien. Es klingt wie Karussellmusik auf dem Jahrmarkt. Die Gemeinde hält nach Kräften mit. Doch da erklingt wie aus anderen Sphären von der Empore der Kinderchor. Auch schief, weil zu wenig geübt und zu viel mit den Handys gespielt, aber dabei, glockenklar, die Stimmen seiner Jungs. Auf die letzte Minute hatte er sie zur Generalprobe hier abgeliefert, nur unter Protest hatten sie die weißen Hemden angezogen, aber immerhin waren sie mitgekommen. Und jetzt singen sie „ und soll es werden Frieden auf Erden; den Menschen allen ein Wohlgefallen…“ Na, das kann ja eine schöne Weihnacht werden.
Die Briefmarken gibt es hier in der Apotheke. Ich hatte gefragt, ob man in dieser Einkaufswagenburg aus Aldi, Rewe und dm, die um einen quadratischen Parkplatz gebaut wurde, irgendwo Briefmarken für die Weihnachtspostkarten kaufen kann. „Ne, weiß ich nicht. Weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal eine Postkarte geschrieben hab.“, sinniert die Apothekerin jovial. Dann greift sie unter den Ladentisch und holt eine Rolle Marken hervor. „Aber ich kann ihnen ein paar von unseren geben. Aus der Portokasse, sozusagen. Wieviel brauchen sie denn?“. So ist das hier. Die Bedürfnisse werden von Aldi, Rewe und dm und der Tankstelle völlig befriedigt. Was es hier nicht gibt, braucht hier keiner. Etwas anderes gibt es sowieso nicht. Oder doch? Es gibt noch einen Rewe auf der andern Seite der Bahn, und einen Norma, und vorne an der Kreuzung, neben dem Rathaus und der Schule und der Mehrzweckhalle gibt es Kaufland (und einen Post-Shop, das weiß ich inzwischen) und Rossmann und ein paar Dekoläden. Ich bin im Speckgürtel von Berlin.
Seit zwei Wochen wecke ich die Kinder um halb sieben, scheuche sie die Treppe runter. Zwei fahren Rad, einer mit dem Bus. Wenns gut geht. Danach an den Laptop, mit dem ich hier ein provisorisches Homeoffice aufgebaut habe. Die versehrte Mutter hat sich noch mal hingelegt um das geschiente Bein zu schonen. Wenn ich zumeiner Zahnärztin nach Kreuzberg will, bin ich eine Stunde unterwegs, zur Arbeit auch. Reine Fahrzeit, wenn die S-Bahn mal kommt. Ich lerne wieder Auto fahren. Um die Kinder zu kutschieren. Zum Sport, und wenn einer partout nicht radeln will im Dunkeln. So ein Leben wollte ich nie. Jetzt muss es sein. Hatte ich je ein anderes? Vermisse ich den täglichen Rausch auf den überfüllten Straßen des Wedding? Die Dönerbuden, Asialäden, den Park, die vielen kaputten, die verrückten und die vielen anderen Leute? Den täglichen Kick auf den Fahrradstreifen beim Überlebenstrrainig auf dem Weg zur Arbeit? Das Yoga in Mitte?
In rosa Gartenschuhen bringe ich die Restmülltonne an den Straßenrand. Der erste meiner Jungs kommt mit dem Rad angeflogen, zurück von der Schule. Er ist freundlich, obwohl es heute Morgen großes Gezeter gab. Drei Speichen sind gebrochen. Ich baue das Rad aus und fahre zum Radladen, der neben dem anderern REWE liegt. Ist morgen fertig. Auf dem Rückweg kaufe ich ein Kilo Brot bei Steinecke. 6, 50 Euro für ein Kilo, geschnitten. Inzwischen kenne ich die Preise und es schmeckt halt wie es schmeckt und morgen brauchen wir schon wieder eins. Bei mir hielt das Bio Brot von der hippen Hansi Bäckerei eine Woche. Irgendwie liebe ich es zu funktionieren und bei allem Geschrei und Gezeter gebraucht zu werden.