A deux c‘est mieux

Es waren mal zwei. Zwei schwarze Frauenfiguren aus Frankreich, die sich miteinander unterhielten. Der Verkäufer pries sie uns mit geschickten Worten an: Ein afrikanisches Motiv, aber gefertigt in einer japanischen Keramik. Auch die Farben seien eine Reminiszenz an die japanische Fahne. Die Künstlerin, sie Fränzösin, sie wohne gleich nebenan, wenn wir wollten… Wir wollten nicht. Ich wollte nicht. Meine Beifahrerin hatte schon ein Auge auf die größeren Figuren geworfen. Der Laden war voll davon. Aber, sagte ich, die kriegen wir mit dem Motorrad nicht nach Hause. Das war natürlich ein kleinmütiger Gedanke. Der Laden verschickte für Touristen seine Waren in alle Welt. Die Welt, in der meine Begleiterin zu Hause war, was ich ja so faszinerend an ihr fand. Bei unserem ersten Treffen kam sie gerade aus Australien, von einer Segeltour, was sie beiläufig erwähnte. Als hätte sie einen Ausflug an die Ostsee gemacht. Ob ich auch Lufthansa-Meilen sammeln würde, fragte sie mich. Ob eine BahnCard auch zählen würde fragte bissig ich zurück. Vielflieger finde ich gewissenlos. Aber die Leichtigkeit, die sie verströmen, diese Gewissheit, dass es für sie überall auf der Welt jemanden gibt, der ihnen ihre Wünsche erfüllt, solange sie die richtige Kreditkarte haben, lässt mich das enge Weindorf vergessen, aus dem ich stamme. Als ich vom Restauranttisch aufstand, warf ich das Wasserglas um.
Jetzt waren wir in Grasse, der Stadt der Düfte. Den Vorschlag, das Motorrad auf den Autoreisezug nach Avignon zu packen, hatte ihr gefallen. Eine weitere Flugreise wäre ja nur more of the same gewesen. Mit dem Zug über Nacht nach Südfrankreich zu fahren, war für sie dagegen so exotisch wie für mich eine Safari in der Savanne. Wir waren erst spätnachts in Grasse angekomen. Das Motorrad hatte gestreikt, irgendwo in einem kleinen Dorf im Massiv Central. Ich hatte an das Ersatzteil und das Werkzeug gedacht, aber mir flatterten die Nerven. Es dämerte schon, es war die blaue Stunde, in der ich mich immer am verlorensten fühle. Schaun wir mal, sagte sie, wie das passen könnte. Eine Stunde später fuhren wir weiter. Wir kriegten noch ein Zimmer in einem Hotel, dass den verranzten Charme der 70er Jahre verströmte. Wir schoben die Betten zusammen und lachten wie die Irren, als sich die Betten nachts unter uns wieder teilten und wir nackt und verschwitzt auf dem kalten, braunen Kachelboden landeten.
Ich brachte die drei Frauen heil bis nach Hildesheim. Das war der Bahnhof, an dem der Autozug uns wieder ablud. Nach den Serpentinen Südfrankreichs warteten nun öde Kilometer durch die Magdeburger Börde bis Berlin auf uns. Und in Berlin unsere gemeinsame Wohnung im Wedding, zu der ich sie ein halbes Jahr vorher genötigt hatte. Die schwarzen Französinnen bekamen einen festen Platz auf dem Fenstersims des Wohnzimmers. Zwei Jahre später zog sich einer unserer Zwillinge bei seinen ersten Gehversuchen an der Fensterbank hoch und fegte die rechte Figur des Duos von ihrem Stammplatz. Ich setzte mich spät in der Nacht hin, schlafen konnte ich sowieso nicht, und schaffte es, die Teile noch mal zusammen zu leimen. Ich hab das in den Fingern. Ich merke, wie die Fragmente zuammen gehören, wenn die Teile sich wieder entlang der Bruchlinie einfügen. Mit dem richtigen Gespür, mit etwas Sekundenkleber und ein paar Minuten kräftigem Druck hält das dann wieder zusammen. Dachte ich. Den zweiten Sturz, ein paar Monate später, überlebte die Figur nicht mehr. Es waren zu viele Scherben, um sie noch einmal zu kitten. Das passt ja, sagte meine Frankreichfreundin, ich bin ja jetzt auch alleine.

Die zweite Figur hat ihren Platz vor ein paar Jahren auf einem neuen Fenstersims in einem Eigenheim am Stadtrand gefunden. Und wie durch ein Wunder blieb sie bisher unversehrt, obwohl es jetzt drei Jungs sind, die ihr gefährlich werden könnten. Aber letzte Woche ist es dann doch passiert. Der Kopf war ab. Am Hals war immer schon die fragilste Stelle. Ob ich es noch mal probieren solle, mit dem Reparieren, fragte ich die Mutter. Wenn du willst, sagte sie erschöpft. Ich hab keine Zeit dafür.

Wedding Wonderländ

Ich hätte ja nicht geglaubt, dass ich das noch erleben darf. Vor drei Jahren stand ich mit meinen Jungs auf dem zugefrorenen Plötzensee und dachte: Gut, dass ich ihnen das noch mal zeigen konnte. Das wird es nie wieder geben. Klimawandel und so. Und jetzt? Ein Winterwunder! Der Himmel strahlt und das Eis lockt, Zäune zu übersteigen. Die Natur ist wohl doch noch für ein paar Überraschungen gut.
Die Menschen leider auch. Denn was ich dann sehe, als ich an den See komme, verdirbt mir die Winterlaune. Genau wie im Sommer wird der See zum Partymachen missbraucht. Musik wummert, die geschützen Uferböschungen werden rücksichtslos zertrampelt, das Eis aufgehackt, gerade an den Stellen wo Kinder unterwegs sind. Keine Rücksicht auf Niemand. Es gibt echt zu viele Bekloppte in Berlin.

White Wedding

Es ist kalt in Berlin-Wedding. Neun Grad Minus, aber wunderschön weiß. Es hat so viel geschneit, dass wir am Wochenende zwei Mal Schlitten fahren gehen konnten. Und heute nochmal! Die Schönheit des winterlichen Wedding ist schon an anderen Orten sehr poetisch beschrieben worden. Das muss ich nicht noch mal versuchen. Aber ich hoffe, es weiß von meiner werten LeserInnenschaft jemand zu würdigen, dass ich mir fast die Finger abgefroren habe, um diese Fotos mit euch zu teilen. (jammer).

Vertüddelt

DSCF1821

Er stand abends um neun an der Ampel mit dem Rücken zum leeren Sportplatz. Seine Hände steckten in viel zu großen Arbeitshandschuhen, sein kleiner Kopf in einer albernen Fleece-Mütze mit Ohrenklappen. Um sich herum hatte er zwei halbvolle Alditüten und eine sehr volle, aus der oben Wasserflaschen herausschauten. Er kam nicht weiter. Sein schmales Gesicht hinter der Brille und der schief hängenden OP-Maske färbte sich abwechselnd grün, gelb und rot. Er blieb stehen und sortierte seine Tüten neu, kriegte aber immer nur zwei zu fassen. Wenn er die dritte hob, sanken die anderen zwei wieder zu Boden. Er war fertig. Ob ich ihm mal eine Tüte abnehmen solle, fragte ich ihn. Ich kriegte eine Antwort, die keinen Sinn machte. Irgendwas mit “ … man wird nicht jünger.“ Er roch säuerlich und ich setzte mir sofort meine Maske auf, dann ich packte mir beherzt die schwerste Tasche und wollte ihn nach Hause bugsieren. Ob ich einen Mann sehen würde, fragte er mich. Er warte noch auf Julius. Er habe ihn irgendwo verloren. Ich war nicht ganz sicher, ob es diesen Mann wirklich gab. Wir warteten. Ich lugte in alle vier Straßen der Kreuzung. Im Sommer waren die vertrockneten Bäume längs der Straße abgeholzt worden. Jetzt ist hier alles sehr übersichtlich. „Kommt kein Mann.“, sagte ich . „Oh weh, oh weh“, jammerte der Alte, „ich hab ihn verloren. Ich bin doch nur der Untermieter.“ Ich wurde sauer. Ich hatte eine Runde um den Block drehen wollen, um die Arbeit zu vergessen. Jetzt stand ich hier und wollte weiter. „Wir warten noch zwei Ampeln“, bestimmte ich, „und dann gehen wir rüber.“ Er trotte hinter mir her, sehr langsam, mit vielen Pausen. Er wohne in der 20 hatte er mir gesagt. Ich hatte mal in der 19 gewohnt und wusste: Das wird noch ein Stück. Aber jetzt war ich in der Sache drin und jetzt musste sie auch zu Ende gemacht werden. „Ich bin een Hamburger Jung, ick kann Platt schnacken.“, kam es leutselig aus seinem Mund. „Schön“, sagte ich, „ich mag das.“ Wir hatten den halben Weg zum Trinker- Kiosk geschafft, der auf der Hälfte des Weges lag, da kam ein junges Pärchen, dick in Daunenjacken verpackt, und meldeten, dass am Kiosk ein Mann auf meinen Begleiter warte. Ob er Bernd sei? Ja, sagte Bernd, aber er sei ja nur der Untermieter. Julius war noch ein Stück kleiner als Bernd, krumm gebeugt und schlecht gelaunt. Er schaute mich nicht an, denn so hoch kam er mit seinem buckligen Rücken nicht mehr. Seit Weihnachten habe er das, sage er. „Was?“, fragte ich. „Dass ich nicht mehr aus dem Bett komme.“, brummte Julius. Das sei sein erster Einkauf seither. Den da, er nickte Richtung Bernd, habe er nur zum Tragen mitgenommen. Der sei ja ziemlich dement. Ob er schon mal beim Arzt gewesen sei, fragte ich gottergeben und wusste die Antwort, bevor er mich fragte, ob ich denn einen Arzt kenne? Er solle einfach den Notarzt anrufen, riet ich ihm. Eine Telefonnummer würde er sich eh nicht merken. Ich hatte auch keine. Natürlich wohnten sie 2. Hinterhof die Treppe hoch in den dritten Stock. Allein den Schlüssel in die schwere Eingangstür zu kriegen, die zwei Türen zum Hof aufzuschieben und die zwei Alten durch die Tür zu kriegen, war eine Geduldsprobe. Dann schnaufte Julius vor uns das enge Treppenhaus hoch, so langsam, wie er mit den geschwollenen Beinen eben konnte und wir kamen mit den schweren Tüten nicht an ihm vorbei. Mir ging meine gute Pfadfindertat langsam auf die Nerven. Dritter Stock. Ich hatte inzwischen den Schlüssel in Obhut genommen und schloss die Tür auf, während die anderen noch schnauften. Die Tür ließ sich nur einen spaltbreit öffnen. Ich lugte hinein. Keine Tapete, braune, unverputzte Wände, alter Kram auf dem Boden und ein schwerer Karton, der die Tür blockierte und nur einen engen Spalt im Flur frei ließ. Ich war an Messies geraten! Augenblicklich wollte ich raus hier. Alle meine Samaritergefühle waren weg. Es blieb nur die Hilflosigkeit und der Ekel. Ob ich ein Trinkgeld wolle, fragte Julius noch weltmännisch. Aber da war ich schon am Treppenabsatz. Auf der Straße holte ich das Fläschchen mit Desinfektionsmittel raus und rieb mir die Hände ab. Die zitterten noch, als ich mir am Küchentisch eine Flasche Bier aufmachte. Scheißabend.