Du darfst!

Markt

„Deutschland ist ein tolles Land“, ruft der türkische Melonenverkäufer und weist mit ausgebreiteten Armen über sein süßes Reich, „schaut was es hier alles zu essen gibt!“ Er hat seine riesigen Früchte zu einem Berg aufgetürmt, von dem herab er seine frohe Botschaft über den ganzen Marktplatz verkündet. Es ist Marktag auf dem Parkplatz hinter dem Rathaus Wedding. Für ein paar Stunden verwandelt sich die öde Asphaltfläche in einen türkischen Bazar. Hier kann ich eintauchen, den grauen Stadteil vergessen und mich fühlen wie im Urlaub. Sorglos, neugierig und probierfreudig. Umschwirrt von türkischem und arabischem Stimmengewirr gibt es hier von allem alles und vor allem viel! Die Stände brechen fast zusammen vor bunten Früchten aus aller Welt. Manche sorgsam gestapelt, manche hingekippt aber immer mit Verve angepriesen. Was hier landet ist nicht immer erste Klasse. Es ist oft das, was auf dem Großmarkt schnell weg musste, weil es nicht mehr lange hält. Verkauft wird deshalb schnell und in großen Mengen. Unter einem Kilo geht hier nichts, und wenn ich eine halbe Melone haben will, kriege ich eine ganze. Keine Diskussion. Denn was heute nicht verkauft wird, landet endgültig auf dem Müll. Aber das macht für mich gerade den Reiz aus: Aus dem Angegammelten das Gute finden, für einen Spottpreis. Die Tasche voll zu haben, und damit auch noch was Gutes tun. Denn was für eine Verschwendung wäre es, wenn das alles weggeworfen würde?Wie gut, dass ich es vor dem Verderb rette. Und mit dieser edelen Einstellung darf ich endlich ungehemmt schlemmen. Denn während ich im Supermarkt stundenlang darüber meditieren kann, was nun umweltverträglicher ist: Die Bio-Äpfel aus Chile oder die Lagerhausbirnen aus Italien, kann ich hier einfach zuschlagen. Auf dieser Resterampe der Globalisierung ist alles erlaubt: Trauben aus Südafrika? Für nen Euro das Kilo nehm ich die doch mit! Avocados aus Peru? Bevor Sie sie wegwerfen- her damit! Für ein bisschen Kleingeld ist ruck-zuck die Tasche voll und es bleibt noch was übrig für ein Gläschen frisch gepressten türkischen Granatapfelsaft. Soll ja gut sein gegen alles.

Aber wehe, wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe! Auf dem Rückweg muss ich, mit den Früchten meiner Lust vollbepackt, vorbei an meinem Bio-Laden. „Natürlich Bio“ heißt er, ist noch original aus den 80ern, ist natürlich selbstverwaltet und natürlich bin ich Mitglied in der Genossenschaft. Aus seinem dunkelen, nach Räucherkerzen und Ziegenkäse heimelig nostalgisch riechenden Inneren ruft es: Du musst! Also trete ich mit schuldbewusst gebeugtem Haupt ein, kaufe dunkles Brot und deutsche Kartoffeln, bezahle für eine handvoll das Gleiche wie für meine ganze Markttasche – aber wenn ich wieder ins Licht heraustrete, freue mich, dass ich heute nur Gutes getan habe.

 

 

 

Stich ins Herz

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Jeden Morgen und jeden Abend komme ich an einem Bild vorbei, von dem ich glaubte, es nie wieder sehen zu müssen. Mitten in Berlin, in der Fennstraße, keine zwei Kilometer nördlich des Hauptbahnhofs, wird ein großer Wohnblock aus der Gründerzeit abgerissen. Ein stattliches Haus mit der typischen Berliner Mischung aus Wohnungen und Gewerberäumen. Keine Schönheit, aber immerhin solide und großzügig gebaut. Qualitäten, die heutigen Häusern leider völlig fehen. Es hat Revolutionen, Kriege und Bombennächte überstanden. Und jetzt, in Zeiten von Wohnungsknappheit und steigenden Mieten wird es dem Erdboden gleich gemacht. Es tut weh das zu sehen. Wie wenn ein alter Baum gefällt wird. Es drängt mich, dem Haus zur Hilfe zu kommen. Ein alter Reflex aus den 70ern wird wach. Man müsste doch… Ja, es gab im vergangenen Jahr den Versuch das Haus zu besetzen. Doch die Polizei zerrte die Besetzer raus, kaum  dass sie ihre Transparente entrollt hatten. Die Besetzung war wohl auch eher ein Fanal als ein echter Versuch, das Haus zu retten. Wenn wenigstens neue Wohnungen entstünden – hier direkt neben dem kleinen Park, mit Blick auf den Spandauer Schiffahrtskanal. Doch die Bayer AG, der das Haus gehört, plant eine Ausweitung ihres Firmengeländes, und das obwohl sie angekündigt hat, ihren Firmensitz aus dem Wedding ins Zentrum Berlins zu verlegen. Da mag die Frühlingssonne morgens noch so sehr auf dem Wasser des Kanals glitzern: Wenn ich das sterbende Haus sehe, mischt sich für einen Moment Traurigkeit und das Gefühl von Ohnmacht in meinen Tag.

Stadt der Engel

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Berlin ist die Hauptstadt der Einsamkeit. Wohin ich auch schaue, einsame, traurige Menschen. Nirgends in Deutschland leben mehr Menschen allein, nirgends gibt es so viele Singlepartys, Speeddatings und Kuschelseminare. Der Berliner sehnt sich nach Kontakt. „Jeder hat n Hund, aber keinen zum Reden, “ singt Peter Fox in seiner Hymne auf die Hauptstadt. Da hat er Recht.

Zum Glück bin ich nicht allein in Berlin. Ich habe viele Freunde. Freunde an jeder Ecke, auf allen Wegen und selbst in der Nacht. Sie begleiten mich wohin ich auch gehe, sie kümmern sich darum, dass ich gute Laune habe und es vergeht kein Tag, an dem zwei oder drei von ihnen treffe.

Schon am Morgen, wenn ich mich, noch nicht ganz wach, auf mein Fahrrad schiebe und mürrisch Richtung Arbeit ächze, wenn ich noch nich weiß, woher ich die Kraft nehmen soll, um bis zu meiner ersten Tasse Kaffee zu überleben, ist einer meiner Freunde zur Stelle. Gleich an der ersten Kreuzung, an der ich warten muss, schleicht er sich von hinten an (Sie kommen immer von hinten), sieht, dass ich eine Aufmunterung brauche, neckt mich mit seinem Blaulicht und schaltet dann direkt neben meinem Kopf sein Martinshorn an. Heißa, bin ich dann wach! „Danke, Freund“, denke ich, „das hat mir heute noch gefehlt.“Doch der Freund wartet nicht, bis ich mich bei ihm bedanke, sondern braust blinkernd und zwinkernd um die Ecke zum Virchow-Klinikum. Ich habe dann genug Adrenalin im Blut, um den Weg zum Büro im Fluge zu meistern.

Abends das gleiche Spiel. Nach sinnlosen Sitzungen oder einem Tag vor dem Computer sind meine Akkus leer und meine Nerven dünn wie Porzellan. Meine Freunde machen sich Sorgen und versuchen mich aufzumuntern. Oft fahren sie auf der Straße „Unter den Linden“  eine blaulichtbewehrte Eskorte von Polizeimotorrädern auf, um mich zu erfreuen. Ich liebe Motorräder! Und ich liebe es, eine Viertelstunde zu warten, bis auch die letzte Staatskarosse vom Hotel Adlon losgefahren ist und der letzte Polizist in seinem Lurchianzug die Straße freigegeben hat, bis ich loshetzen kann, um meine Kinder aus der Kita abzuholen. Und sollte das mit dem Staatstheater mal nicht klappen, holen mich meine Freunde spätestens in der nächsten engen und besonders schön hallenden Straßenschlucht ein, um mir auf dem Weg zur Charité einen Gruß zur blauen Stunde  zu schicken. Auch nachts schlafen meine Freunde nicht. Egal ob sie zu einer Messerstecherei in die Shisha-Bar im Vorderhaus gerufen werden, oder ob besorgte Menschen den Entstörungsdienst der Gasag gerufen haben, nie vergessen meine Freunde, mir einen fröhlich tönenden Gruß durch die hoffnungslos überforderten Doppelglasfenster zu schicken. Ich schlafe dann zwar nicht mehr, aber ich verbringe die Nacht in der Gewissheit: Ich bin nicht allein.

In solchen Nächten mache ich mir manchmal tiefe Gedanken. Ist es wirklich wahre Freundschaft, die mich mit den Menschen verbindet? Kann die Freundschaft zwischen Menschen wirklich von Dauer sein, oder ist es nur Jesus, der mich wirklich immer liebt? Schwer drücken mich solche Fragen am nächsten Tag, wenn ich nach dem  morgendlichen Kleinkrieg um ungeputze Zähne und zu warme Jacken meine Jungs in die evangelische Kita bugsiert habe. Kaum stehe ich nach vollbrachter Tat vor der Tür des Horts der schreienden Kinder, kaum hätte ich eine Minute, um das Klingeln in meinen Ohren wieder abklingen zu lassen, gibt mir das dröhnende Geläut der drei Bronzeglocken in der nahen Kirchenburg ein eindeuiges Zeichen. Schönen Dank auch, Jesus. Ja, ja, ich lieb dich auch.

Locke und Glatze

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Der haarige, dunkle Mann wischt sich erst ein mal die Rotze von der Nase, schmiert sie mit der Hand an sein Kaputzenshirt und fragt: „Wie lang?“ Ich sitze in einen Stuhl gepresst, einen Umhang um meine Schultern, und etwas in mir sagt mir, dass ich am besten hier schnell verschwinden sollte. Aber das Gefühl hatte ich schon oft, und doch ist meistens alles gut gegangen – meistens. Die Neugier siegt über den Ekel und ich  antworte mechanisch „Neun Milimeter“. Der Mann grunzt und  legt los.  Mit einem Gerät, das an einen Faustkeil erinnert, fährt er grob über meinen Schädel. Mein Kopf nickt und schwankt willenlos. Ich bin beim Frisör.

Jeden Monat einmal stürze ich mich dieses Abenteuer. Vom abgeschabten „Salon für den Herrn“ mit Wirtschaftswunderinterieur über die ungezählten türkischen oder arabischen Barbiere bis zu hippen Salons, die so kreative Namen wie „Ware Schönheit“  führen: Ich probiere die Haarkünstler in meinem Kietz aus. Friseurläden gibt es im Wedding noch häufiger als Handy-Shops, Spätis oder Dönerbuden – und das will was heißen. Und wenn ich etwas liebe, dann ist es mich in einem überreichen Angebot treiben zu lassen und die Vielfalt zu genießen. Angst verunstaltet zu werden habe ich dabei nicht. Mit dem Alter wächst nicht nur die Freifläche auf meinem Haupt, sondern auch der Wagemut. Und den brauche ich. Denn lange konnte ich keinen Friseurladen betreten, ohne schmerzhaft das kindliche Trauma zu spüren, das der Dorffigaro meiner Jugend in und auf meinem Kopf hinterlassen hat. Es trägt den Namen „Faconschnitt“. Das ist jene one-size-fits-all-Frisur der späten Sechziger, die bei mir immer dazu führte, dass sich meine Haare am Hinterkopf wie elektrisch aufgeladen in die Höhe stellten. „Sträußchen“ nannte das meine Mutter. Meine Schulkameraden hatten weniger schmeichelhafte Worte dafür. Nun sind die Zeiten vorbei, an denen ein Friseur an meinen Haaren etwas ge- oder verunstalten könnte. Vorbei auch die Zeiten, in denen ich mich darauf verlassen konnte, dass die Menschen, die mit Messer und Schere an meinem Kopf hantieren ihr Handwerk auf ordentliche Weise gelernt hatten. Heute darf das jeder. Aber das macht die Sache für mich erst richtig spannend. Schon mit der Art, mit der mir die Kreppapierkrause umgelegt wird, merke ich, ob der Haarkünstler in meinem Nacken in seinem vorherigen Beruf  Schafe geschoren hat oder ob er sein Fach von der Pike auf gelernt hat. Wenig Hoffnung, heil aus der Sache raus zu kommen habe ich mittlerweile bei schlecht blondierten Damen, die ein 400-Euro Job in das Gewerbe gelockt hat. Sie schnippeln und schaben so lange hilflos auf meiner empfindlichen Haut herum, bis sie in meinem Nacken aussieht wie bei einem Ferkel mit Rotlauf. Aber was mich immer wieder für die kleinen Mißgeschicke entschädigt, ist das wohlige Gefühl, wenn ich an einen Meister gerate, der mit Liebe bei der Sache ist und mich für 8 Euro verwöhnt, als säße ich bei Udo Walz persönlich. Der das Rasiermesser (und eine frische Klinge) auspackt und die Übergänge fein säuberlich nacharbeitet, der sich um Ohren und Augenbrauen kümmert und mich vielleicht noch mit kühlendem Rosenwasser erfrischt. Wenn ich dann frisch frisiert auf die Straße trete, fühle ich mich wie ein gepflegter Mann von Welt. Viel zu schick eigentlich für den schäbigen Kietz.

Mittlerweile hat mein haariger Meister im Salon „Haarbibi“seine Arbeit wortlos beendet. So wie er meinen Kopf hin und hergeworfen hat,  gehört er ganz eindeutig zu der Sorte „Schafscherer“ und ich ahne nichts Gutes. Ich bedeute ihm, den Spiegel von der Wand zu holen, damit ich sein Werk betrachen kann. Sieht gut aus, erstaunlich gut. Er merkt meine Zufriedenheit und sagt: „An der Seite habe ich 6 Milimeter gemacht, da sind die Haare dicker.“ Es gibt viele unentdeckte Künstler im Wedding.

Bahn frei!

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„Die Jungs müssen noch mal raus.“, meint ihre Mutter sonntagnachmittags um drei. Und sie meint das ernst. Ich liege auf dem Bett, halb zugedeckt mit einem Kinderschlafsack, und blinzle aus dem Fenster in den langsam zu Ende gehenden Wintertag. In der Generation meines Vaters hätte man das, was ich mir gerade gegönnt habe,  ein Nickerchen genannt. Ich schaue träge nach meinen Kindern, die zum hundersten Mal ihr Dino-Puzzle legen. „Lass sie doch“, versuche ich meine Hoffnung auf einen ruhigen Nachmittag zu verteidigen, „sie spielen gerade so schön.“ Aber ich weiß natürlich, dass die Mutter Recht hat. Wenn wir jetzt nicht vor die Tür kommen, haben wir in einer Stunde hier eine nölende Bande, die aufgedreht rumkrakelt und vom Sofa springt, bis der Hausmeister anruft. Aber wie kriege ich die Jungs dazu, sich in ihre Winterjacken zu zwängen, wenn das Draußen nichts anderes zu bieten hat als fahles Abendlicht und tauenden Großstadtschneematsch? „Wir könnten endlich mal den Schlitten rausholen.“, höre ich mich sagen und glaube es selber nicht. Der schöne Holzschlitten von den Großeltern steht seit drei Jahren im Keller und wird langsam morsch. Am Anfang waren die Jungs zu klein und dann war einfach kein Winter, oder der Winter war so klirrend, dass die empfindlichen Kindernasen hätten Schaden nehmen können, der dann durch wochenlanges Inhalieren wieder hätte abgebüßt werden müssen. Großstadtkinder halt. Aber heute ist es warm, lächerlich warm für einen Januar. Und der Schlitten ist nur ein Lockmittel um die träge Bande vor die Tür zu tricksen. Aber es klappt. Ehrfürchtig folgen sie mir in den Keller, wo wir den Schlitten zugebaut im hintersten Eck des Bretterverschlages finden. Wie ein unverhoffter Schatz wird er von den Jungs gemeinsam aus seinem Gefängnis befreit und nach oben gebracht. Und obwohl wir draußen auf den ersten Blick nur geräumte Straßen und schlammigen Streusand sehen, sind meine Jungs der festen Überzeugung, dass es jetzt mit dem Schlittenfahren los geht. Und tatsächlich finden wir bald einen Pfad, auf dem es noch genug festgetretenen Schnee gibt um den Schlitten in Schwung zu bringen. Die jungen Herren  nehmen Platz, der Vater darf ziehen. Immer wieder unterbrochen vom metallischem Kreischen des Rollsplitts, das das Nahen einer geräumten Wegstrecke ankündigt, nähern wir uns dem Rehberge-Park. Kluge Landschaftsgestalter haben hier schon vor 90 Jahren ein paar Hügel angelegt, die zu nichts anderem gedacht gewesen sein könnnen, als winters der rachitischen Stadtjugend beim Rodeln ein paar frohe Stunden an der frischen Luft zu bescheren. Ich erwarte eine von tausenden hoffnungsfrohen Kindern schlammig getretene Wiese, auf denen die Kufen tiefe schwarze Scharten hinterlassen haben. Doch als wir in den Park einbiegen ist es still, kaum Mensch unterwegs. Vor uns breitet sich eine fast geschlossene, fast unberührte Schneedecke aus, die so hell ist, dass sie gegen den abendlich trüben Himmel wie künstlich beleuchtet wirkt.  Wir erklimmen den ersten kleinen Hügel und ich lasse die Buben zum ersten Mal ein winziges Stück den Hang allein herunterrutschen. Meine sonst so ängstlichen Zwillinge quieken vor Vergnügen. Sie fallen um -und lachen, sie rollen sich den Hang hinunter- und lachen. Auf einmal wird mir bewusst: Ich bin gerade dabei, meinen Jungs das Schlittenfahren beizubringen… Etwas, was mein Vater nie hingekriegt hat, weil er immer weg war, etwas worüber ich mir viel Gedanken gemacht habe: Wann ist das Fahrradfahren dran, wann das Schuhebinden? Gebe ich meinen Jungs genug, bin ich ein richiger Vater? Jetzt bin ich mittendrin. Wir suchen uns einen steileren Hügel. Ich gebe kurze Anweisungen, wohin mit den Füßen, wohin mit der Schnur: und los!. Schlittefahren kann ich. Im Rheinland sind wir richtige Berge runtergerodelt. Die Kür waren alte Weinberge, weil man da über die Weinbergsmauern wie über eine Sprungschanze fliegen konnte: drei, vier, fünfmal hintereinander. Und wenn der Schlitten das überlebt hatte waren wir gleich wieder oben und riefen: Bahn frei!

Mittlerweile ist es richtig dunkel geworden. „Letzte Runde“, sage ich an, „traut ihr euch auch alleine?“ Beide nicken und verhandeln, wie üblich, wer zuerst darf. Und dann sausen sie beide akkurat den Hügel runter, ohne Juchzen dieses Mal, dafür sehr konzentriert. Ich packe sie auf den Schlitten und ziehe sie hinter mir her. Ich höre sie plappern und glucksen. Mein Herz wird weit.

Der Auftrag

Frauenfußball-historisch

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Es ist Sonntagmorgen kurz vor Neun, draußen ist es kalt und es gießt es in Strömen. Eigentlich das richtige Wetter und die richtige Zeit, um sich im Bett noch einmal umzudrehen. Aber unser Jüngster muss raus, im Kinderwagen, damit er endlich schläft, mindestens eine Stunde. In der Woche ist das der Job seiner Mutter, am Wochenende ist der Vater dran. Ehrensache. Sorgfältig bereite ich die Expedition vor. Wichtig bei allen Fahrten ins Ungewisse ist die richtige Kleidung. Schweigend ziehe ich die klobigen Doc-Martens-Stiefel an, rüste mich mit der amerikanischen Arbeiterjacke und ziehe zum Schluss die wollene englische Schirmmütze auf den Kopf. Jetzt weiß ich, dass mir Wind und Wetter nichts anhaben können, egal was mich draußen erwischt. „Willst du dir nicht eine richtige Jacke anziehen, mit Kapuze, bei dem Regen?“, werde ich von unberufener Seite gefragt. Woher will  das Weib wissen, was man in der Wildnis braucht? Wie man in Würde der Witterung widersteht? In wenigen Minuten werden mein Sohn und ich auf dem Weg in den Rehberge-Park sein! Allein, auf uns gestellt. Ich werfe ihr einen stummen Blick grimmiger Entschlossenheit zu, schnappe meinen Sohn und gehe. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

Draußen toben die Elemente. Der Wind peitscht mir den Regen ins Gesicht und schüttelt die letzten Blätter von den Ästen. Der Junge liegt wohl behütet unter seiner Plastikplane im Wagen und schläft sofort ein. Erster Teil des Auftrags erfüllt. Noch eine Stunde. Ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch, stecke mir ein Fishermans zwischen die Zähne und schiebe westwärts, wo die Bäume warten. Durch einsame Straßen stemmen wir uns dem Sturm entgegen, bis wir endlich die große Ebene des Parks erreichen. Die Wege haben sich in Schlamm und Wasser aufgelöst, der Wind peitscht die kahlen Bäume und ich halte Ausschau. Ein Jogger kommt uns mit athletisch keuchendem Atem entgegen, der Körper ist von der Anstrengung erhitzt,  die Regentropfen auf der gespannten Neopren-Haut scheinen zu verdampfen.  Ein Bild von Anmut und Stärke. Dann wieder Stille. Ich wate weiter durch die Wasserlöcher, kein Umweg, immer geradeaus. Meine Stiefel halten dicht. Alles läuft nach Plan. Aus der Ferne höre ich Kampfgeschrei. Gebrüllte Befehle, Ächzen, Jubel einer Menschenmenge und Seufzer der Enttäuschung. Ein Fußballspiel, bei diesem Wetter? Ungläubig schaue ich durch die Regentropfen auf meiner Brille Tatsächlich! Wackre Männer! Kraft der Jugend. Begeistert trete ich näher. Ja, wir Männer. Nur wir können uns so im Zweikampf vergessen, so die Witterung ignorieren, uns so unbesiegbar fühlen. Während das Weib am warmen Herde wirkt, wagt der Mann den Wettkampf mit dem Wetter. Ich hier mit meinem Sohn und drüben die Jungs auf dem Platz. Wir lassen uns nicht unterkriegen von so ein bisschen Regen und Wind. Begeistert nehme ich die Brille ab, um genauer schauen zu können. Ich blinzele, schaue nochmal und erkenne mehrere Spieler mit wippenden Pferdeschwänzen. Nochmal geschaut, und ich weiß, dass es zwei  Frauenfußballmannschaften sind, die dort ein Match austragen.

Nachdenklich  gehe ich weiter. Meine Jacke  ist nun endgültig durchweicht und ich sollte bald  zu Hause sein, sonst hole ich mir wieder eine Erkältung.

 

 

Heimat, die ich meine

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Ja, ich schreib jetzt auch mal was über den Herbst. Herbst auf dem Land, mit Kartoffelfeuern, Rübenstechen und Sankt-Martinsfeuer. Das war der Herbst in meiner Jugend. Und natürlich Pflaumenkuchen! Mit dickem Hefeboden, der von unten schon ein bisschen dunkel war. Im Garten meiner Großeltern stand ein Pflaumenbaum. Und das größte Glück meiner Großmutter war der erste Pflaumenkuchen (Quötschekooche, in ihrer Sprache). Und da sie zehn Kinder hatte und unübersehbar viele Enkel, war sie es gewöhnt, riesige Mengen zu backen. Das heißt: Wir konnten uns an Kuchen rund und satt fressen. Und nur so schmeckt mir Pflaumenkuchen. Als meine Eltern das Haus und den Garten übernahmen, war das Erste was mein Vater tat, den Pflaumenbaum zu fällen. Die Birke hinterm Haus auch. Alles was „Dreck macht“ musste weg. Das habe ich ihm immer übel genommen. Aber Pflaumen gab’s weiter. Von Nachbarn oder vom Markt. Und Kuchen auch. Auch wenn es nur noch für fünf reichen musste: meine Mutter ließ es nie bei einem Blech.

Und heute, Samstagnachmittag, zur besten Kaffetrinkenszeit, fällt mir das alles wieder ein. Ich bekomme ein riesiges Verlangen nach Pflaumenkuchen mit Sahne. Nun ist der Wedding sicherlich ein Ort, an dem man die exotischsten Genüsse gleich um die Ecke bekommen kann. Aber einen richtigen Bäcker, der einen Pflaumenkuchen so backt wie meine Oma? Von Gier getrieben wage ich das Unmögliche. Ich habe dafür nur eine Stunde und auch noch den Jüngsten im Kinderwagen dabei. Aber was soll’s, wenn die Triebe mit einem durchgehen? Erster Versuch: Die „Backstube“ in unserer Straße. Einer von den vielen kleinen Berliner „Back-Shops“. Die kroatische Besitzerin hat sich auf aufgebackene polnische Teiglinge spezialisiert. Blasse Brötchen, labbrige Croissants werden mit viel Liebe verkauft. Frischer Kuchen? Fehlanzeige. Weiter, am „Arabi Back“ mit seinen abgepackten, klebrigen Süßigkeiten vorbei zum Café Kibo, ein paar Häuser weiter. Es wird von fröhlichen Rumänen geführt, die ein wunderbares Eis herstellen. Auch Apfelkuchen. Aber Pflaumen? Wahrscheinlich werden sie in Rumänien alle gleich zu Slivowitz. Die Not treibt mich in den Nachbarkiez. Hier soll doch angeblich alles gentrifiziert werden. Vielleicht haben sie sich hier schon auf das neue Publikum eingestellt? Haben sie tatsächlich. Im türkischen Eckcafé, in dem ich mit meinen Jungs nach der Kita ab und zu mal ein paar trockene Kekse kaufe, hat man auch an die deutsche Kundschaft gedacht und bietet deutschen Kuchen an, Pflaumenkuchen sogar. Oder zumindest das, was man in Berlin dafür hält. Denn die Rache des Berliner Bäckerhandwerks an den zugezogenen Westdeutschen ist das was man hier „Blechkuchen“ nennt. Das ist etwas wofür man in Heidelberg oder Rosenheim einen Bäckermeister geteert und gefedert vor die Stadttore werfen würde. Blechkuchen geht so: In einem Aluminiumkasten, von etwa einem Meter Länge und zehn Zentimetern Höhe wird der immer gleiche, pappige Hefeteig gelegt. Das Ganze wird durch weitere Blechstreifen unterteilt. Dann werden in diese Abschnitte entweder Streusel oder klebrige Zuckerglasur aufgetragen. Wenn Obst ins Spiel kommt, wird es mit süßer Gelatine übergossen, die bis zum Rand des Kastens aufgefüllt wird… Da stehe ich nun, fast vor der Erfüllung meines Traumes, doch ich bringe es nicht über mich, mich mit in Tortenguss ertränkten Pflaumen zufrieden zu geben. Ich muss weiter, immer weiter, meinem Glück hinterher (das ist von Hans Albers. Goodbye Johnny). Cafés gibt es in diesem Kiez ja zur genüge. Aber die meisten haben verdunkelte Fenster und laden grimmig schauende junge Männer zum Glücksspiel ein. Dann gibt es noch die anderen, die außer ein paar Stühlen und einer Neonleuchte keine Einrichtung haben. Hier treffen sich alte Griechen, Türken oder Portugiesen. Einen Raki oder einem Aguadiente könnte ich hier bekommen, wenn man mich hineinließe. Aber das wäre ein schlechter Trost. Meine letzte Hoffnung ist das Bollwerk der Gentrifizierung: Die Bio-Company, die ich sonst meide wie die Pest. Aber wollten die Bios nicht immer das Obst und Gemüse der Saison anbieten? Dann haben sie im Herbst doch bestimmt auch den passenden Kuchen dazu. In der Kuchentheke so groß wie ein Flughafenterminal finde ich kleine Törtchen mit Himbeeren und Mango, die wahrscheinlich gerade in Costa Rica Saison haben. Aber Pflaumen aus Brandenburg? Ich weiß, warum ich hier nie hin wollte.

Geschlagen schlurfe ich die laute Müllerstraße zurück. Noch ein verzagter Blick an den Ort, wo bis vor kurzem eine Ableger einer Steglitzer Konditorei Erlesenes anbot. Ist jetzt türkisch und stellt feiste Sahnetorten aus, von allem ein bisschen zu viel. Doch bevor ich mich schwermütig in den nächsten U-Bahn-Schacht stürze, erscheint mir „Thobens Backwaren“. Ein billiger Berliner Kettenbäcker. Seine Filiale habe ich bisher immer hochmütig übersehen. Wer Schrippen für 9 Cent anbietet, kann doch nichts Ordentliches haben. Nichts Ordentliches? Ein Blech voll frischem Pflaumenkuchen, der in seiner Größe meiner Oma selig zur Ehre gereicht hätte. Na gut, er ist nicht ganz so saftig, aber er kostet ja auch nur 89 Cent das Stück. Ich nehm gleich zwei, und dick süße Sahne dazu. Und bevor der Sohn im Wagen aufwacht, bestell ich noch ein drittes.

In zwei Wochen fahr ich nach Hause. Meine Mutter wird 80. Ich werde ihr keinen Geburtstagskuchen mitbringen, ich werde mir einen wünschen…

Halt durch

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Halt durch, tapferer alter Wetterladen!

Schon bald werden Sonnenschein und Hitze nur noch eine Erinnerung sein.

Dann werden feine Niesel fallen und schwer die Morgennebel aus den Flüssen steigen.

Verschwunden sind dann die leicht Bekleideten von den Ufern der Seen.

Eingehüllt in deine Öljacken werden wir schweigend am Wasser stehen:

Missmutig wie immer, aber endlich wieder in unserem Element.