Also die 850 Euro, die sind dann warm?, frage ich. Ach, ja ja, das haben wir geschrieben, sagt der Wohnungsfuzzi, aber da kommen dann noch mal 70 Euro Nebenkosten dazu. Also 920?, frage ich ungläubig. Ja, ja genau: 920. Da bin raus, sage ich matt, wie ein Skatspieler, der weiß, dass er nicht genug Trümpfe auf der Hand hat, um zu gewinnen. Ich bin wütend, rase das dunkle Treppenhaus runter, raus auf die ruhige Straße, atme die kalte Januarluft ein, schnappe mir mein Fahrrad und bin weg. Ich kann nichts machen, ich bin in meinem Stolz gekränkt, fühle mich verrarscht. 10 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter für eine lieblos sanierte 2-Zimmer-Wohnung in einem 30er-Jahre Bau in der Einflugschneise des Tegler Flughafens – die spinnen doch! Ein paar Querstraßen weiter komme ich zur Ruhe, halte an, wäge ab. Natürlich will ich die Wohnung. Sie liegt nur ein paar Straßen von dem Haus, in der meine Jungs wohnen. Sie ist groß genug, dass sie auch mal ein paar Tage bei mir sein können. Sie ist gut geschnitten und hat einen großen Hof mit Sandkasten – und ich habe das Geld. Ich will es nur nicht diesen Idioten in den Rachen schmeißen, jeden Monat. Langsam wird mir klar: Ich habe mich verzockt. Ich habe einfach darauf vertraut, dass es für mich in Berlin immer eine billige, große Wohnung geben wird. Eigentlich war das der Grund hier her zu kommen. Hat die letzten 20 Jahre auch geklappt. Aber jetzt ist Schluss. Jetzt können die ruhig schlafen, die sich ein Häuschen hingestellt oder eine Wohnung gekauft haben. Und ich bin wieder da, wo ich nie wieder hin wollte: Auf dem Mieterstrich. Es war meine erste Wohnungsbesichtigung. Ich mus mich an die Preise gewöhnen, muss mich anbiedern, freundlich sein, mich von der Sympathie anderer abhängig machen… Ich hasse es, schlucke meinen Stolz runter, fahre zurück, warte bis einer der gegelten Hippster, der mit mir auf Besichtigung war, aus der Tür kommt und gehe wieder rein. Ich will die Wohnung, sage ich dem dicken Verkäufer. Er grinst, ermutigt mich und wartet geduldig, bis ich den Bewerberbogen ausgefüllt habe. Ich hoffe inbrünstig, dass es bei diesem Preis nicht viele geben wird, die bei der Stange bleiben. Das nennt man wohl Dialektik. Zur Sicherheit habe ich auch die geforderten Unterlagen dabei: blütenreine Schufa-Auskunft, Mietschuldenfreiheitsbescheinigung, Gehaltszettel- der ganze finanzielle Striptease. Was machen eingentlich die, die mal daneben getreten haben, die sich was getraut haben, und jetzt eben kein regelmäßiges Gehalt haben? Wie kriegen die eine Wohnung?, frage ich mich kurz. Doch der Gedanke ist sofort wieder weggewischt, denn dort wo ich die Mappe mit den Referenzen einer soliden bürgerlichen Existenz rausholen will, greife ich nur einen Aktendeckel mit Unterlagen, mit denen ich mich am Abend noch hinsetzen wollte. Bewerbungsunterlagen? Weg, nischt, nada! Und ich merke, wie sich in mir Leere ausbreitet. Nicht nur , weil ich die Wohnung jetzt vergessen kann, sondern weil es einen blinden Fleck in meinem Leben gibt, den ich mir nicht erklären kann. Weil ich die Kontrolle verliere. Ich bin kein besonders ordentlicher Mensch, aber bei wichtigen Sachen weiß ich immer die ein, zwei Orte, wo sie sein könnten. Wenn sie da nicht sind, habe ich das Gefühl wie bei einem Flimriss, das Gefühl, dass es einen Zeitraum in meinem Leben gegeben hat, an den ich mich nicht mehr erinnere. Und das nimmt mir das Gefühl, dass ich mein Leben im Griff habe. Das ist das Schlimmste.
Macht nix, kumpelt mich der Wohnungsmakler an, dann schicken sie mir die Sachen morgen per Mail. Ich torkle aus dem Haus und rette mich in mein Stammcafe. Und als die Chefin mich auffordert Platz zu nehmen, sage ich, dass ich erst mal stehen bleiben will. Sie ist freundlich, versucht mich aufzuheitern, schenkt mir ein Stück belgische Schokolade, aber ich bin woanders, versuche mich zu erinnern, wo ich diese Mappe zuletzt in den Händen hatte. Auf dem Kopierer, auf dem Schreibtisch? Ich rufe im Büro an, meine Kollegin sucht, aber findet nichts. Ich entschuldige mich für die Mühe, und überlege, woher ich jetzt noch eine Schufa-Auskunft bekomme, woher noch eine Gehaltsbescheinigung? Es hilft alles nichts. Ich muss los, zum Kindergarten, meinen Kleinsten abholen. Der lacht. Im Umkleideraum tauschen wir die Mützen und lachen noch mehr. Zu Hause warten wir auf die anderen. Machen Abendbot. Wurst mit Pistazien. Pistazienwurst. Pi, Pi, Pi, Pistazien machen wir. Und dann sag ich P-Ordner. PPP-Ordner. Natürlich P-Ordner! Das ganze Bewerbungszeug ist im Büro in meinem Persönlichen Ordner abgespeichert. Das kann ich morgen als Mail rausschicken. Vielleicht hilfts noch. Ich lache und pruste: Papa hat einen P-Ordner. Und der Kleine sagt: Nochmal! Und ich sage Papa hat einen P-Ordner. Und er lacht und sagt: Nochmal! Und ich sage Papa hat…….
Am nächsten Tag finde ich meine Unterlagen in der Tasche, die ich bei der Wohnungsbesichtigung dabei hatte. Sie hatten sich in den Aktendeckel geschoben.





