Freiheit, die ich meine

Nee, so geht das auch nicht. Die Welt ist doch schon kompliziert genug. Und dann macht man aus einer einfachen Seitenstraße ein Labyrinth? Das soll einer verstehen. Ich bin ja Radfahrer mit Leib und Seele. Und dass man auf den Berliner Hauptstraßen den Autos eine ganze Spur weggenommen hat und sie für die Fahrräder mit Pollern abgesperrt hat (zumindest war das so gemeint. In der Wirklichkeit fährt man weiter Slalom zwischen Lieferwagen, Baustellen und Falschparkern), dafür möchte ich unserer ehemaligen grünen Stadträtin jeden Tag eine Kerze in der Kathedrale meines Herzens anzünden. Ehrlich! Danke Frau Dr. Almut Neumann!

Dass man mit Barrieren, Schildern und Grenzpfählen aber nicht überall eine bessere Welt schaffen kann, merke ich, als ich mal nicht mit dem Rad unterwegs bin, sondern mit dem Moped. Und weil ich die Nebenstraße genommen habe, und weil ich es eilig habe und weil dann da ein Polizist steht, der das ganze Durcheinander sortieren soll. „Fahn se ma rechts ran.“ kommandiert er und winkt mich mit der rechten Hand zu sich, während er das Auto kontrolliert, hinter dem ich zum Halten gekommen bin. „Na, was glauben se, warum sie jetzt hier stehen?“, wendet er sich mit einem makellosen Gebiss breit lächelnd an mich. Blödeste Bullentaktik, aber sie verfängt. Ich soll mich selbst beschuldigen? Tue ich dann auch prompt. Denn so läuft das Spiel: Selbsterniedrigung mit Hoffnung auf Absolution. Kenne ich noch von der katholischen Kirche. Das war auch bei der sozialistischen Selbstkritik so und das ist heute in einem verkehrsberuhigten Kiez mit grüner Wählerschaft nicht anders. „Fahrradstraße?“, rate ich mal so ins Blaue hinein. Ganz tief ist die Reue nicht, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich gegen die Gebote der neuen Fahrradstraße verstoße. Im Gegenteil: Jedes Mal nehme ich mit dem Moped trotzig genau diesen Weg, weil es jedes Mal ein kleiner Triumph ist hier gegen alle Verbote durch das Zentrum von Deutsch-Schilda hindurch zu knattern. Mit dem Fahrrad nehme ich die Strecke entlang der Hauptstraße – das geht schneller. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass sich hier zu viele nicht an die Einbahnstraße halten.“, rechtfertigt sich der Wachtmeister, und ich merke, dass es im unangenehm ist. „Und deswegen muss ich jetzt hier rumstehen.“ Da ist ein kleiner Unterton, der mich hoffen lässt. Routiniert kontrolliert er Führerschein und Perso. „Ach sie wohnen ja ganz in der Nähe?“, staunt er. „Versicherung in Ordnung?“ „Ja“, sag ich eifrig, „Neues Kennzeichen gestern drangeschaubt.“ Hoffentlich fragt er mich nicht nach dem Bremslicht, das tut nämlich nicht. Und überhaupt fallen mir alle Sünden wieder ein. So ist das bei mir immer. Aber es gibt einen Trumpf, der bei jedem Berliner Polizisten verfängt: „Also ich finde ja die Fahrradstraße echt eine gute Idee, aber dass das so kompliziert sein muss…“ Kein Berliner Polizist über 50 ist Fahrradfahrer. Und der Schupo mir gegenüber mit seinem stattlichen Bauch unter dem schwarzen Lederwams bestimmt auch nicht. Mein Alter, schätze ich ihn, gemütlich. „Na, dass ich den Quatsch noch vor der Rente machen muss….“ fängt er an. „Also ich hab noch zwei Jahre…“ solidarisiere ich mich sofort. „Nee, ich nur noch 5 Monate – jottseidank!“ Dann versucht er wieder amtlich zu werden. „Also eigentlich sind das 50 Euro…“ Aber ich komme mit einer ernsthaften Verwarnung weg und gelobe Besserung. Fast möchte ich dem freundlichen Mann in Schwarz zum Abschied die Hand schütteln. Aber er ist schon wieder beschäftigt. Das Gegensprechgerät an seiner Brust knarzt. Es ist von Motorola. Die haben mal gute Handys gebaut, vor 20 Jahren. Gibt’s die überhaupt noch? Der Kontaktbereichsbeamte von der Triftstraße wird eine Lücke lassen in der Berliner Polizei, wenn er geht. Gerade seine Gelassenheit brauchen wir hier.

Einen Tag später komme ich an die Stelle zurück. Mit Fahrrad und Fotoapparat. Wir wissen aus den guten Krimis: Der Täter kehrt immer an den Ort der Tat zurück. Waren hier wirklich Einbahnstraßenschilder? Hatte ich gar nicht gesehen? Oh ja! Mehr als genug. Während ich versuche, sie alle auf ein Bild zu bekommen, muss ich immer wieder zur Seite springen, wegen der Autos, die in alle Richtungen durch die Einbahn-Fahrradstraße brettern. Auf dem Rückweg mach ich dann noch ein paar Bilder vom Leben und Überleben auf der Hauptstraße.

Seltene Erden

Das Glück erwischt einen ja an den Orten, an dem man es am wenigsten erwartet. Es braucht nur ein bisschen Sonnenschein, eine Nacht, in der das Thermometer um 10 Grad gestiegen ist und die erste Tour mit dem Moped, dann wird sogar ein Café in einem Berliner Waschbetonviertel aus den 1970er-Jahren zu einer Insel der Glückseligkeit. 2000 Kilometer weiter östlich tobt seit vier Jahren ein Krieg, über unsere Straßen rollen Autos, die Panzern gleichen und an der Ecke verwandeln sich hinter den Baugerüsten Sozialbauten in Investmentobjekte. Wie immer. Aber doch nicht gerade jetzt, doch nicht in diesem Moment. Grade ist doch alles friedlich. Sogar das rasende Bollern der SUV-Reifen über das Kopfsteinpflaster, das durch die offene Tür herein kommt, hört sich für mich an wie ein willkommenes Zeichen des wiedererwachten Lebens. Mir geht‘s gut.
Die selbstbewussten Frauen, die das Café Freysinn hier seit Jahren schmeißen haben mir die Wahl zwischen fünf vegetarischen Gerichten gelassen und als ich danach noch sehnsüchtig auf den Mohnkuchen in der Vitrine schmulte (das ist mein Lieblings-Alt-Berliner Wort und bedeutet „verstohlen neugierig schauen“), kriegte ich das Reststück für n‘ nen Euro. So schön kann Berlin sein. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.
Natürlich nicht. „Jedes echte Glücksgefühl ist künstlich.“, heißt der alte Säuferspruch. Aber bei mir ist es kein Schnaps, der mich froh macht in einer Welt, die zum Heulen ist, sondern Vitamin B 12. Das fehlte mir nämlich bis vor einer halben Stunde. „Die Spritze wird von manchen Menschen als euphorisiernd empfunden.“, hatte mich die Ärztin gewarnt. So ist das mit der Körperchemie. Man denkt es ist der holde Lenz, der die zartesten Gefühle in einem weckt und dabei kommt das Glück aus den Retorten der Bayer AG, hier um die Ecke in der Seestraße. Aber wie alles Glück ist auch das aus der Spritze nicht vollkommen. „Ihnen fehlt auch noch Selen“, hatte die Ärztin sorgenvoll mit Blick auf die Laborwerte festgestellt. „Das ist ein Element, das steckt in Brot und Getreide.“ Seltsam, davon esse ich doch mehr als genug, staunte ich. Aus heimischem Anbau und in bio. „Ja, aber Deutschland ist ein Selen-Mangelgebiet. Das kommt hier im Boden nicht ausreichend vor.“, wurde ich aufgeklärt. Da hatte mich die Weltpolitik wieder. Die Deutschen können sich mit seltenen Erden nicht selber versorgen. Wer hat das Monopol auf Selen-Tabletten? Hängt mein Glück und meine Gesundheit am Ende vom Erfolg der China-Reise des Bundeskanzlers ab?

Nein. Mein Glück hängt vom Glück meiner Mitmenschen ab. Heute Abend klingelte es an der Haustüre. Eine verwaschene Männerstimme meinte durch die Sprechanlage, ich solle „mal aufmachen“. Irgend ein geknechteter Mensch wahrscheinlich, der die Briefkästen mit Prospekten vollstopfen will. Da bin ich natürlich solidarisch und skeptisch zugleich. Ist ja schon einiges vorgekommen. Also drücke ich auf den Öffner und gehe gleich nach unten, um zu schauen. In der offenen Tür lehnt ein Typ meines Alters, spindeldünn, schwarze Klamotten, Bikerbart und eine Bierflasche in der Hand. Nicht die erste für heute, denn gerade stehen kann er nicht mehr. Vitamin B 12 hätte ihn auch nicht glücklicher machen können. In der anderen Hand hat er den Schlüssel meines Mopeds. „Den haste in deiner Simson stecken lassen.“, sagt er und deutet auf mein Moped, das vor der Tür auf dem Gehsteig parkt. „Darfste nich machen, die Dinger sind schwer begehrt. Ich weiß, wovon ich rede.“ Drückt mir den Schlüssel in die Hand, wuchtet sich vom Türrahmen weg und schlurft glücklich weiter.

Die Tränen der Inder

„Wer will schon im Winter sein Fahrrad reparieren lassen?“, dache ich und dünkte mich schlau. Denn alles Volk hatte sich vor der Kälte unter die Erde verkrochen und fuhr in den dunklen Röhren seinem Ziel entgegen oder es spaltete den grauen Schneematsch auf den Straßen mit wuchtigem Gefährt. Leer wähnte ich die Werkstatt und schnell würden die flinken Hände des kundigen Meisters die müde Kette meines Rades von den Zahnrädern befreien, in die sie sich mit den Jahren eingefressen hatte. Bei fröhlichem Gespräch wäre das Werk schnell getan und frei und sanft würde mein Rad mit mir Richtung Frühling rollen. „Der Winter muss weichen, weil er weichen muss…“, sang ich mit Hannes Wader.

Vergessen hatte ich aber die dunklen Knechte, die mit klobigen Kapuzen auf dicken Rädern auf das Geheiß fremder Stimmen an den Rändern der breiten Avenuen ihr Tag- und vor allem ihr Nachtwerk verrichteten. Jene, die in täglicher Fron warmes Essen zu den Reichen unter den Hungrigen dieser Stadt bringen. Nicht mehr als Schatten waren sie bislang, die meine täglichen Wege lautlos begleiteten; unfassbar, unnahbar, unverständlich. Auch wenn das Schicksal uns zuweilen an einer roten Ampel zusammenführte, gab es keinen Blick, kein Lächeln, kein Zeichen gemeinsam erlittener Unbill in Wetter und Wind. Immer waren sie in einer anderen Sprache in einer andern Welt – verbunden über eine leuchtende Kiste mit einem Signal zu den Sternen.

Jetzt aber waren sie hier in der Werkstatt. „I will call you, not: You call me! Understand?“ brüllte der Fahrradmechaniker einen Mann mit rundem dunklen Gesicht an. Der hatte weiße iPods in den Ohren, eine graue Kapuze über dem Kopf und ein stoisches Buddha-Lächeln im Gesicht. Und er ging nicht weg. „Also gut, lenkte der Schrauber ein: „Wo steht es denn?“ Später sehe ich sie beide auf dem Gehweg, das schwere Lieferfahrrad im Schnee auf den Kopf gestellt. Sie diskutierten halb Deutsch, halb Englisch die Ursache für das Lahmen des Stahlrosses. Da hatte mir der Praktikant, in einer Hand einen Döner mampfend, schon den Reparaturzettel ausgestellt. „Montag, vielleicht schon Samstag. Wir rufen Sie an.“

Es wird Montag in der Mittagspause. Der Meister ist allein. Hektisch, aber mit genauen Griffen zirkelt er zwischen meinem aufgebockten Rad, einem Pappbecher mit Kaffee und einer Packung Tabak hin und her. Der Zweiradmechanikermeister, bei dem ich die Jahre davor war, hat mit 50 einen Herzinfarkt bekommen und den Laden an seinen Gesellen abgeben müssen. Mein neuer Meister ist Anfang Dreißig und hat das noch vor sich, wenn er so weiter macht. Er ist überall gleichzeitig. Als eine junge Frau mit ihrem Rad in den Laden kommt, weiß er sofort, wo es hakt, drückt mir gleichzeitig mein Rad für die Probefahrt in die Hand und dreht sich eine mit dem Tabak. Als ich zurückkomme sitzt er vor seinem Laden und raucht. Die Schaltung geht nicht ganz geschmeidig. Das lässt ihm keine Ruhe, und schon sind wir wieder in der Werkstatt. „Dauert nur einen Moment.“, sagt er und drückt auf die Kaffeemaschine – für mich. Mit dem Becher in der Hand kommen wir ins Reden. „Du machst viel für Wolt, oder?“ frage ich neugierig. „Nein, ich mach das für die Jungs. Die Fahrräder müssen sie selber leasen. 150 Euro im Monat. Aber die Firma hat in Berlin nur zwei Werkstätten und da müssen sie sich eine Woche vorher anmelden. Deshalb kommen sie zu mir.“ „Und das geht so einfach, bei geleasten Rädern?“ „Die Jungs kommen aus Pakistan oder Indien, die werden bei Wolt pro Lieferung bezahlt. Die haben Druck und nehmen keine Rücksicht auf das Material. Das sind gute Räder, aber auch die halten das nicht lange aus. Wenn ihr Rad kaputt ist, können sie nicht eine Woche warten. Sie kommen zu mir und weinen. Was soll ich machen?“ Ein stolzes Grinsen fährt über sein Gesicht: „Erst wollte der Hersteller mir verbieten, ihnen zu helfen. Aber ich habe mir dann die Teile besorgt, aus China. Inzwischen kann ich alles außer dem Steuergerät selber machen.“ Einen größeren Laden bräuchte er. Den hier teile er sich mit dem türkischen Schlüsseldienst. Und er sei sehr froh, dass sie ihn reingelassen haben. Alleine könne er die Miete für den Laden nicht stemmen. „Da müsste ich 150 Euro am Tag nur für die Miete verdienen.“ Dabei stehen im Wedding dutzende Läden in allen Größen leer. Von mir will er 20 Euro weniger als ich für die Reparatur im anderen Laden vor drei Jahren bezahlt habe. Dabei hat er zusätzlich noch alle Seilzüge ausgetauscht. „Hat ja keiner Geld heute“, murmelt er. Am Wochenende sei er übrigens selber auf Tour, erzählt er, noch in der Tür stehend, als ich mein Rad nach draußen schiebe: Für Lieferando. Es sei schwer, nach einer Woche in der Werkstatt Sonntags früh aus den Federn zu kommen. Aber da werde er nach Stunden bezahlt. 13 Euro irgendwas. Und er fahre die Touren mit dem Auto. Mit dem Fahrrad sei es zu anstrengend.

Wer diese Lieferung am Ende wohl bezahlt hat?

Appetithäppchen

Abends um elf, im Dönerladen „Rehberge Bistro“. Ich komme aus dem Kino. Habe mir „Silent Friend“ angeschaut. Im Herzen ist mir warm, aber für den Bauch brauche ich noch was Warmes. Das Bistro ist direkt neben dem U-Bahnausgang. Die Hühnersuppe ist hier besonders gut und wird mit einer reichen Beilage aus frischem Gemüse und Pepperonis von der Dame des Hauses selbst an den Tisch gebracht. Neben mir sitzt ein drahtiger, nicht mehr ganz junger Mann mit etwas wie einer weißen Taucherbrille im Gesicht. Ganz verschwommen sieht man durch das Glas seine Augen. Er blickt auf die leere Wand neben mir, nuckelt an einer Cola und spielt auf seinem Handy. Neben so einem Alien schmeckt mir mein Essen nicht. „Was sehen sie denn da?“, frage ich, um in Kontakt zu kommen. „Die Bilanzzahlen von Apple. 40 Milliarden Dollar Gewinn“, haucht er ins Nirgendwo. Anscheinend ist er auch an einem Gespräch interessiert, denn nach zwei drei weiteren Fragen zieht er die Brille aus. 

Er sieht auf meine Hühnersuppe. „Also das würd‘ ich nicht essen. Wissen Sie, was da drin ist? Das ist doch alles voller künstlicher Hormone.“ „Ja“, sage ich, „aber es macht warm und es gibt frisches Gemüse dazu.“ Es stellt sich heraus, dass er bis vor Kurzem im Nachbarladen gearbeitet hat, der Vegane Bowls verkauft. Jetzt ist er auf Bürgergeld, aber der missionarische Eifer bleibt. „Ich ess ja auch mal einen Döner, aber bei so einer Bowl, da weißt du, was drin ist. Und alles regional.“ Er redet weiter, über Aktienkurse (er hat keine Apple-Aktien), wann man sich was anschaffen kann (wenn man das Geld hat), und wie lange er auf die VR-Brille gespart hat. Als meine Suppe alle wird, sind wir schon bei seiner On-Off-Beziehung. Ich zahle und schaue noch mal zurück: Er hat die Brille noch nicht wieder aufgesetzt.

Tags drauf,  bei Kaufland an der Kasse. Ich lege vier große Tafeln Schokolade auf das Fließband. Die Kassiererin ist eine kleine Frau, nicht mehr jung und vom Leben hart gezeichnet. Mit Leib und Seele ist sie bei ihrem Job. Eben noch hat sie ich vor mir länger kichernd mit einem bärtigen Mann unterhalten, den sie wohl kannte und hat ihm gute Tipps zu den fünf kleinen Kartons mit Damenbinden gegeben, die er aufs Band gelegt hatte. Jetzt bin ich an der Reihe. „Dit sind aber nicht die aus dem Sonderangebot.“, warnt sie mich, als sie die Schokolade in die Hand nimmt . „Nur die Kleenen gibts für 1 Euro, die hier kosten 4,99.“ „Ich weiß“, sag ich, „Aber heute gibt`s Zeugnisse und da kriegt jedes von meinen Kindern eine große Tafel.“ „Also ick würde ja meinen Kindern nich so wat jehm.“, werde ich belehrt. „Wissense wat da drinne ist? Lesense ma Stiftung Warentest. Da wird ihnen übel. Da is Zuckerwatte noch gesund dagegen.“ „Ja“ sag ich, „haben sie Recht, aber heute ist eine Ausnahme.“ „Also ick muss den Mist ja hier vakoofen, aber selber rühr ich den Kram nich an.“ „Und welche Schokolade essen sie?“, frag ich genervt. Sie winkt mich übers Band und ich beuge mich zu ihr runter: „Nehmse einfach Kakao, in den Topf, bisschen Mehl dazu und ein ganz bisschen Zucker, rühren, fertig. Ist lecker, sag ich ihnen.“

Bilder einer Ausstellung

Müllerstraße, stadtauswärts, hinter dem U-Bahnhof. Seit Jahren gibt es hier einen Laden für Party-Artikel und Kostüme. Aber die Auslage ist verstaubt, die Farben verblasst, die Plakate blaustichig. Ein trauriger Anblick für einen Laden, der Freude verkaufen will. Ist der Laden zu, oder passiert hier noch was?  Da geht die Tür auf. Heraus kommt ein Mann mit einer fröhlichen grauen Lockenpracht. „Hallo!“, sag ich, „Ist ihr Geschäft noch offen?“ „Natürlich“, raunzt er zurück, „Wonach sieht’s denn aus?“ „Na ja, die Auslage hat sich seit ein paar Jahren nicht verändert.“ „Und sie fragen sich jetzt, ob dit een Laden is oder n’e Ausstellung?“. „Bald ist Karneval, da könnt man ja mal was Neues ins Schaufenster stellen.“ „Ach was, das läuft doch alles heute über Temu oder Sch…“ Das letzte Wort klingt wie ein Fluch. Neben uns hält ein DHL-Transporter, auf den der Mann wohl gewartet hat.

Der Bote drückt ihm drei Pakete in die Hand. Er nimmt Lieferungen von Online-Shops an, die sein Geschäft ruiniert haben. Damit verdient der Grauhaarige wohl jetzt sein Geld. Die Party ist vorbei. Er muss irgendwie über die Runden kommen.

Um den Block 2026

Der Sturm ist vorbei. Oder besser: Er ist an Berlin vorbei gegangen. Zumindest der Schneesturm. Das Leben geht hier unbeeindruckt weiter und endlich scheint die Sonne über den vereisten Straßen. Zeit mal das neue Teleobjektiv auszuprobieren, das ich mir zu Weihnachten geschenkt habe. Gebraucht natürlich. Mal schauen, ob ich einem Wintertag im Wedding ein bisschen Farbe entlocken kann.

Ach ja, die schönste Farbe heute war Himmelblau.

I’ m still standing!

Es ist der 9. November. Gestern war ich auf einer „Mauerfallparty“ in einer Kleingartenanlage nahe der Bornholmer Brücke, da wo vor 36 Jahren die Mauer aufgegangen ist. Gemeinsam mit Ossis und Wessis habe ich zu alten Schlagern getanzt und noch mal „Zeit, die nie vergeht“ mitgejohlt. Ja, Bier gabs auch. Deswegen reibe mir die Augen, als ich heute morgen nicht weit weg davon, am Humboldhain plötzlich vor einem riesigen, goldglänzenden Gebäude stehe. „Das kann doch nicht wahr sein. Ist das Wirklichkeit, was ich hier sehe, oder bin ich in ein Zeitloch gefallen?“ Vor mir steht ein Wiedergänger: Der Palast der Republik, Erichs Lampenladen! In dunklen Kupfertönen glänzt die gerasterte Thermoverglasung, die sich wie ein Band um das ganze Gebäude zieht, hell leuchten die senkrechten Treppenhäuser aus Naturstein, die der Fassade etwas Aufstrebendes geben. Kein Zweifel: Er ist wieder da! Deutlich kleiner als früher (Liebling, ich habe den Palast geschrumpft), aber wie herübergebeamt vom Marx-Engels-Forum (heute Schlossplatz). Dieses Gebäude, dessen Ende 1990 beschlossen wurde, ist seit 2010 vom Erdboden verschwunden. Von Politikern zerredet, von Asbest verseucht wurde es von Baggern und Presslufthämmern endgültig aus der Geschichte entfernt. Kein Krümel Beton sollte mehr an ihn erinnern. Und doch ist er es, der hier vor mir steht, unverkennbar! Ein leichter Grusel überfällt mich. Totgesagte leben länger. Oder ist er gar nicht tot? Hat er heimlich „rübergemacht“ und Asyl im Westen bekommen? Vielleicht hat er sich auch der flehentlichen Klagen seiner Jünger, die sich derzeit unter dem fast schon religiösen Credo „Der Palast ist Gegenwart“ hinter der Stadtschlossfassade versammeln, erbarmt und ist aus dem Architekturhimmel wieder herabgestiegen. Aber warum ist er gerade im Wedding gelandet, in der Gustav-Meyer-Allee, gleich gegenüber dem Volkspark Humboldthain? Der Wedding war, nur die Älteren erinnern sich, schließlich ein Teil der „Frontstadt“ West-Berlin, lag direkt an der Berliner Mauer. Und West-Berliner waren, um es mal milde zu sagen, nicht gut zu sprechen auf Sachen, die aus dem Osten kamen. Jahrelang boykottierten sie zum Beispiel die S‑Bahn, nur weil sie von der DDR-Reichsbahn betrieben wurde. 

Das Rätsel lüftet sich ein wenig, als ich beim Berliner Zentrum für Industriekultur nachschaue. Der Bauherr dieses Palastes hieß nicht Erich, sondern Heinz, Heinz Nixdorf. Ein sehr erfolgreicher Computer-Pionier aus Paderborn. Und als solcher war er frei von West-Berliner Dünkeln. Nixdorf war ein begeisterter Anhänger der modernen Architektur, der Mies van der Rohe verehrte und persönlich traf. Und sein Paderborner Hausarchitekt Hans Mohr entwarf alle Nixdorf-Gebäude im transparenten „Internationalen Stil“. So auch die letzte Nixdorf-Produktionsstätte, gleich gegenüber den ehemaligen AEG-Werken von Peter Behrens, ebenfalls eine Architekturikone im Wedding. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen legte 1984, acht Jahre nach Eröffnung des Palastes der Republik, den Grundstein und redete etwas von Beginn des „Silikon Wedding“, woraus leider nichts wurde. Zur gleichen Zeit, als die DDR verschwand, verschwand auch die Nixdorf AG. Anfang der 1990er-Jahre ging Nixdorf mit Siemens zusammen. Und hinter den braunen „Schwedenglas“-Fenstern arbeitete die Verwaltung der Berliner Sparkasse. Jetzt steht er leer.

Doch nicht nur diese Äußerlichkeiten teilt der Weddinger Palast mit seinem verschwundenen großen Vorbild auf dem Schlossplatz. Bald könnte ihm ein ähnliches Schicksal blühen wie dem Volkshaus in Berlin-Mitte. Die  Investorengruppe Coros hat das Gelände gekauft, und will es „entwickeln“. Was für den Palast im Wedding ganz konkret den Abriss bedeuten soll.

Aber der Abrisstermin war 2024 und nichts ist passiert. Und jetzt steht er auf der Roten (!) Liste der bedrohten Gebäude. Vielleicht hilft ihm ja das aktuelle Revival der Post- und Ost-Moderne, dem ich dieses Jahr allerorten auf der Spur war. Dass ich einen so prächtigen und unversehrten Vertreter dieser Architekturgattung ausgerechnet in West-Berlin bei mir um die Ecke finde, freut mich natürlich um so mehr. Aber Coros hat sich noch nicht von seinen Plänen verabschiedet. Stolz präsentieren sie auf ihrer Website den Abschluss des Planungs- und Anhörungsverfahrens.

Also, um es mit einer Parole aus den 1980ern zu sagen: Besuchen Sie den Palast, solange er noch steht! 

Das Gelände in der Gustav-Meyer-Allee ist sehenswert und frei zugänglich.

Der Gurkenkönig

Samstagnachmittag im Eurogida, einem großen türkischen Gemüseladen im Wedding. Ich brauch noch Obst und Gemüse für‘s Wochenende. Und hier ist es um die Zeit noch günstiger als auf dem Markt hinter dem Rathaus. 70 Cent für eine abgepackte Schale Tomaten auf der noch das Etikett „Kaufland“ klebt, 1,50 Euro für eine Schale Nektarinen. Der Verkäufer draußen an der Waage stopft alles in einen Plastikbeutel. Ob er es nicht wiegen wolle, frage ich, denn ich weiß, dass man es später an der Kasse nicht mehr wiegen kann. Er schüttelt den Kopf und winkt mich weiter. Drinnen gibts drei Avocados für 1 Euro. Ich trage sie brav zur Waage im Laden, aber der junge Mann, der genau so schweigsam ist wie sein Kollege, winkt ab und deutet zur Kasse. Nur wegen der Gurke, die ich mir von einem Stapel geholt habe, meckert er mich an, zieht sie mir aus der Tasche, wiegt sie, klebt ein Etikett drauf und steckt sie zurück in den Beutel. Bei Edeka kosten alle Gurken das Gleiche.

Der Kassierer ist ein stämmiger Kerl mit dunklem Bart und Stiernacken, der auch Türsteher in einem Club sein könnte. Er trägt schwarze Handschuhe und liegt lässig auf seinem Drehstuhl als wäre es der Schalensitz seines Maserati. Vor mir ein eleganter Herr mit gebräuntem Gesicht und gestutztem weißen Bart. Als er meine Avocados auf dem Band sieht, fängt er ein Gespräch an. Wo ich die denn her hätte? Auf dem Markt habe er heute keine gefunden und so weiter. Schon hat er seine Finger auf meiner Ware und drückt sie. Ja, die seien genau richtig, lobt er. Ich lege demonstrativ eine Aluminiumstange zwischen sein Obst und meins. Dann fängt der mit dem Kassierer eine Diskussion an, ob er ihm einen Euro mehr zahlen könne, damit er sich hinterher dann noch die Avocados holen könne. Der Kassierer schaut ihn stoisch an. „6 Euro 50“, ist alles, was er sagt. „Er versteht mich nicht.“, sagt der Mann resigniert zu mir und zuckt die Schultern. Da ruft der Kassierer seinem Kollegen drei Regale weiter etwas zu und kommandiert den Avocado-Mann „Du gehst zu Ihm. Und 7 Euro 50.“ Das wäre geklärt. Ich verabschiede mich und wünsche meinem Gemüsefreund viel Glück. Jetzt bin ich dran. Wortlos wird mein Einkauf über die Kasse gezogen. Aber bei der Gurke stutzt er. Das Etikett ist abgefallen. „Die musst du wiegen lassen.“, brummt er und zeigt mit der Gurke nach da wo ich her komme. „Die hat dein Kollege schon gewogen.“, brumme ich schlecht gelaunt zurück. Ein Blick, dann ein schneller Dreh auf dem Stuhl, ein Ruf und meine Gurke fliegt durch den halben Laden, bis sie der Mann an der Waage auffängt. Rückwärts geht es vorsichtiger über eine alte Frau mit Kopftuch, von Hand zu Hand. Jetzt hat meine Gurke ein Etikett, „0,57 Euro“ und wird über den Scanner gezogen. Bei Edeka hätte es länger gedauert.

Feierabend

Berlin, S-Bahnhof Bornholmer Straße. Es ist Freitagnachmittag, ich bin müde und warte auf die S-Bahn, um meine Jungs zum Wochenende abzuholen. Zum Glück hat der kleine Kiosk auf dem Bahnsteig noch auf. Die Regale sind schon fast leergekauft und die Verkäuferin putzt schon die Auslage. „Crema?“, fragt sie mich, als ich meinen Kaffeebecher über den Glastresen reiche. Mit eigenem Becher ist der Kaffee hier 20 Cent billiger, also muss ich nicht den abgestandenen „Hauskaffee“ trinken und kann mir was Ordentliches leisten. „Crema!“ nicke ich. Da lacht mich eins der letzten Schokobrötchen an. „Was kosten die?“, frage ich. „2 Euro 20“. „Gibt’s keinen Feierabendrabatt?“, versuche ich zu handeln. Es ist viertel vor fünf. Das Wort ist neu für sie und sie stutzt. Dann kommt es prompt zurück „Feierabendrabatt ist erst ab 17 Uhr!“, Das soll preußisch knapp klingen. Tut’s aber nicht. Ist ein weicher Ton drin, Polnisch vielleicht. „Also gut“, seufze ich und krame in meinem Portmonee, „geben sie mir eins.“ Sie streckt mir die weiße Tüte mit einem Lächeln rüber. „Ist Feierabendrabatt, 1 Euro 10.“ Ich wünsche ihr ein schönes Wochenende.

Micky Maus im Wedding

Abends um sieben an einem warmen Sommertag an den klapprigen Tischen vor dem Eiscafé Kibo in der Transvaalstraße. Neben mir sitzen drei junge Pärchen an einem Tisch, die laut arabisch sprechen. Nebenan vor der Shisha-Bar kichern breitschultrige, kahlköpfige Männer bei einer Wasserpfeife über ihre eigenen Witze. An uns vorbei Richtung Müllerstraße ziehen Gruppen von gut gelaunten Leuten, die vom Rehberge-Park oder vom Baden im Plötzensee zurück kommen. Zwei junge Frauen haben ihre schwarzen Haare zu einem riesigen Afro-Look auftoupiert. Eine trägt ein eidottergelbes Sommerkleid, die andere hat oben auf der Frisur noch mal zwei schwarze Kugeln. Sieht aus wie eine Micky-Maus.

Ich schaue ihnen hinterher und lache. „Warum lachst du?“ kommt es halb neugierig, halb anklagend von der Frau neben mir, die ihr buntes Kopftuch mehr wie eine Wahrsagerin trägt, nicht wie eine strenge Muslimin. „Hast du gesehen?“, antworte ich und deute auf die Gruppe mit den zwei Frauen, die inzwischen schon hinter dem orangen Kiosk an der Togostraße verschwinden. „Sieht aus wie eine Micky-Maus.“

Meine Nachbarin schaut angestrengt in die Richtung und sagt fröhlich: „Stimmt. Warum hast du mir nicht früher Bescheid gesagt, dann hätte ich mehr sehen können.“