Müllerstraße, stadtauswärts, hinter dem U-Bahnhof. Seit Jahren gibt es hier einen Laden für Party-Artikel und Kostüme. Aber die Auslage ist verstaubt, die Farben verblasst, die Plakate blaustichig. Ein trauriger Anblick für einen Laden, der Freude verkaufen will. Ist der Laden zu, oder passiert hier noch was? Da geht die Tür auf. Heraus kommt ein Mann mit einer fröhlichen grauen Lockenpracht. „Hallo!“, sag ich, „Ist ihr Geschäft noch offen?“ „Natürlich“, raunzt er zurück, „Wonach sieht’s denn aus?“ „Na ja, die Auslage hat sich seit ein paar Jahren nicht verändert.“ „Und sie fragen sich jetzt, ob dit een Laden is oder n’e Ausstellung?“. „Bald ist Karneval, da könnt man ja mal was Neues ins Schaufenster stellen.“ „Ach was, das läuft doch alles heute über Temu oder Sch…“ Das letzte Wort klingt wie ein Fluch. Neben uns hält ein DHL-Transporter, auf den der Mann wohl gewartet hat.
Der Bote drückt ihm drei Pakete in die Hand. Er nimmt Lieferungen von Online-Shops an, die sein Geschäft ruiniert haben. Damit verdient der Grauhaarige wohl jetzt sein Geld. Die Party ist vorbei. Er muss irgendwie über die Runden kommen.
Die schmale Haustür steht offen und gibt den Blick frei in einen schattigen Hinterhof mit etwas Grün. Grün im grauen Wedding? Neugier zieht mich in den dunklen Flur. Ein altes Schild „Kinderwagen und Fährräder abstellen strengstens untersagt!“ Ein neues Schild einer neuen Hausverwaltung aus Halle, die das füttern von Tieren im Hof verbietet, weil das „Ungeziefer“ anlocke. Der Hof war mal groß, jetzt wird er zum Nachbarhaus durch eine graue Wellblechwand getrennt, an der überfüllte Mülltonnen stehen. Die gefiederten hellgrünen Blätter von zwei wild gewachsenen Ebereschen machen das Grau der grob verputzen Hauswände nur noch dunkler. In den vergitterten Fenstern im Parterre des Vorderhauses sind schmuddelige Kuscheltiere eingeklemmt. Als ich ein Foto davon mache, steht plötzlich ein Mann neben mir. 1,90 groß, breite Schultern, schwarze Basecap, irgendwas in Frakturschrift auf seine schwarze Hose gedruckt. Security? Hausmeister? Nazi? Ich versuch‘s mit Dreistigkeit. „Wissen Sie, wieso die Kuscheltiere dort hängen?“ Die Antwort verstehe ich nicht gleich. Er sucht die richtige Reihenfolge für die deutschen Worte. „Wasserpfeifen“, verstehe ich und „Dampf“ und ich reime mir zusammen, dass er die Shisha-Bar im Vorderhaus meint. „Weil die immer Dampf in den Hof blasen, und das so freundlicher ist, für die Nachbarn“, verstehe ich. Und, er deutet auf die Mülltonnen: „Weil man dann was Schönes sieht und nicht den Dreck.“ „Wenn du Kinder hast: Nimm mit.“, läd er mich ein. „Drei Söhne“, fange ich an zu plaudern. „Aber die sind aus dem Alter raus.“ „Ich hab auch einen Sohn, 25, aber nicht ganz gesund. Lebt nicht bei mir.“ Trauriges Thema. Er kommt von selbst auf was anderes. Erzählt, dass er schon lange hier lebe und, dass die Hausverwaltung gewechselt habe. „Kein Hausmeister. Immer wenn du was willst, musst du ein Formular schreiben.“ Aus dem Treppenhaus des Hinterhauses kommt ein Mann mit einer Werkzeugtasche und läuft geschäftig an uns vorbei. Ein Handwerker, und das an einem Samstagmorgen. „Kein Hausmeister?“, runzle ich die Stirn. „Und was ist das?“ „Das ist für die neuen Häuser.“, sagt er. Ich suche mit den Augen einen Neubau, bis ich verstehe, dass die Handwerker leerstehende Wohnungen im Haus renovieren, die teuer neu vermietet werden. „Beim Nachbarn ist der Boiler kaputt. Seit drei Monaten. Da kommt niemand.“ Wir reden weiter über Politik, über Gaza und die kaputten Schulen und die Jobcenter. Da ist er Kunde. „Wird jetzt schwieriger, wegen der Regierung.“ Zwei Jahre habe er noch. Er sei 65, selber nicht mehr ganz gesund. Gutachten, Ärzte, Formulare. Er hoffe, dass er bald die Rente bekomme. „Ich hab auch noch zwei Jahre“. „Wenn die Regierung uns nicht noch länger warten lässt.“, flachst er ironisch zurück. Wir wünschen uns Glück, Gesundheit und ein gutes Wochenende.
Ich repariere mein Moped auf dem Gehweg vor der Haustüre. Hatte einen blöden Unfall vor ein paar Tagen an der Ecke wo das Spielcasino ist. Der Mann im Kleinwagen vor mir sieht einen Kumpel in der Kneipe auf anderen Straßenseite, haut in die Bremsen und zieht links rüber. Ich knalle hinten drauf. „Ich hab doch geblinkt“, schreit der blasse, dünne Kerl, der aus dem Auto springt. „Du bist rübergezogen ohne zu blicken“, schrei ich zurück. „Hol doch die Polizei, die wird dir sagen, wer hier schuld ist.“ Ich fotografiere sein Nummernschild. Das übliche Gezeter. Plötzlich steht sein Freund aus der Kneipe neben ihm. Breitschultrig, dunkler Bart, hängende Arme. „Kann ich helfen?“, fragt er. Und er will mich wohl wirklich nach Hause fahren. Der Fahrer will dafür, dass ich das Foto lösche. Irgendwas ist hier faul, aber: zwei gegen einen. Ich sehe zu, dass ich das Moped wieder ans Laufen kriege und fahre weiter. Meine Söhne warten, dass ich sie vom Sport abhole. Jetzt sitz ich hier mit dem Schaden. Ich habe den Scheinwerfer ausgebaut, kneife ein Auge zu und halte die Glühbirne prüfend gegen den wolkenlosen Himmel. Die ist hinüber. „Wie ein Diamant“, höre ich jemand hinter mir sagen. Ein junges arabisches Pärchen geht mit seinem Kinderwagen an mir vorbei. „So prüft man einen Diamanten“, ruft der junge Mann über die Schulter zu und lacht aufmunternd. Der Autoteileladen am Ende der Müllerstraße verkauft mit einen neuen Diamanten für 5,90 Euro.
Wenn man sich Zeit lässt, sieht man was. Ungesehenes, Unglaubliches manchmal. Damit meine ich nicht den Staatsbesuch mit Motorradeskorte, in den ich vor dem Brandenburger Tor hineingeraten bin. Das passiert mir oft, weil das Hotel Adlon auf meinem Arbeitsweg liegt. Aber als ich nach Hause komme, so vor mich hin trödelnd, gar nicht von der Straße weg wollend, noch ein Eis essend (Milch und Honig mit Majoran – hmm!) sehe ich an der Straßenecke einen Wagen von der BSR, der Berliner Stadtreinigung, in den zwei orange Männer herumstehende Einkaufswagen einladen. Das hab ich noch nie gesehen! Die Einkaufswagen vermehren sich in unserer Straße wie die Tauben auf dem Dach. Wer sie da hin stellt und warum, ist mir ein Rätsel, Ich hab auch noch nie jemand gesehen, der mit einem Wagen vom Aldi oder Kaufland um die Ecke zu uns gekommen wäre. Vielleicht ist es ein nächtlicher Sport, vielleicht frühmorgendliche Langeweile. Auf jeden Fall habe ich auch noch nie jemand gesehen, der sie wieder abholt – bis heute. Ob ich von dem einmaligen Ereignis ein Foto machen darf, frage ich die beiden Männer, die gerade mit ihrer Hebebühne nach oben fahren.
Und schon haben die Jungs Lust, ein bisschen zu quatschen. Sonnengebräunt und kahlköpfig und mit schicker Brille der eine, rundlicher und schwarzhaarig der andere. Zeit für eine Zigarette. Ob die Supermärkte die Wagen denn wieder zurück haben wollen?, fange ich das Gespräch an. „Lidl schon, Kaufland auch, aber auch erst seit ein paar Jahren.“ „Die anderen kümmern sich nicht drum, da gehen die Wagen bei uns gleich in die Presse.“, ergänzt sein Kollege. Müll ist ein ergiebiges Thema: Ich höre von einem Haufen aus 250 Autorreifen in der dunklen Straße hinter dem Goethepark, die ein Händler dort abgekippt hat. Es geht weiter zu Asbestplatten am Großmarkt und Kühlschränken, die schneller auf die Straße gestellt werden, als die fleißigen Müllwerker sie abholen können. Manchmal sei der Wagen schon voll, bevor sie an ihren Einsatzort kämen. Ein mal die Woche kämen sie hier im Viertel durch und ich weiß, dass wir nun im Bereich der Sagen und Märchen angelangt sind. „Drei Monate hat es gedauert, bis der Kühlschrank vor unserem Haus abgeholt wurde, den ich dem Ordnungsamt gemeldet habe.“, versuche ich den Realitätscheck. Aber die Männer in Orange kann so schnell nichts aus ihrer „Kurz vor Feierabend-Gute-Laune“ bringen. „Ja im Winter, da müssen wir ja auch noch die Streufahrzeuge fahren.“, kommt es mit einem letzen Zug aus der Zigarette. Erst jetzt fällt mir auf, dass keiner der beiden berlinert hat. Die Kippe wirft der Kahlköpfige auch nicht auf den Boden. Er gibt sie seinem Kollegen, der sie in den Mülleimer auf der anderen Seite bringt. Ich mag Männer mit Manieren und Männer, die ihren Beruf ernst nehmen. Und bevor er sich zum Gehen umdreht, höre ich mich sagen: „Einen schönen Abend noch. Und ich möchte Ihnen einfach mal Danke sagen, für ihre Arbeit.“ Das Lob gefällt ihm. Er nickt und ist schon wieder halb in seinem Wagen verschwunden. Er muss weiter, ich auch. Vor dem Eingang des Nachbarhauses haben zwei Polizeiwagen mit Blaulicht gehalten. Zwei Frauen unterhalten sich mit den Männern in Schwarz. Noch eine Geschichte heute Abend?
Nein, Alkohol ist auch keine Lösung, obwohl das viele hier versuchen. Und nach der Sylvesternacht nüchtern durch mein Viertel zu gehen, ist an diesen unwirklichen Tagen zwischen den Jahren wirklich nicht einfach. Geflüchtet unter ein Brandenburger Flachdach komme ich am Neujahrstag zurück und mache meine jährliche Runde um den Block. Aber ich weiß immer noch nicht, ob das hier noch lebt, oder ob ich in einer untoten Stadt gelandet bin. Freunde waren im vergangenen Jahr in den USA und erzählten von Stadtzentren, in denen alle Läden geschlossen waren und sich auf den Straßen nur noch Menschen bewegten, die wie Zombies aussahen. Ich sach mal: Den Flug hätten sie sich sparen können. Hätten sie sich mal in die BVG gesetzt und wären mich besuchen gekommen. Allerdings: Weit wären sie damit nicht gekommen. Denn seit Sylvester fährt die Straßenbahn hier nicht mehr. Ausgestorben und leer sind die Haltestellen, verstummt die ratternden Schienen, ein großer Krater mitten auf der Strecke. Keine Kugelbombe wars, sondern ein 100 Jahre altes gusseisernes Wasserrohr ist gleich nach dem Feuerwerk geplatzt. Zu viel Vibration. Hätte längst ausgetauscht werden sollen, aber das hätte ja bedeutet, dass man die Straßenbahn hätte stilllegen müssen. Jetzt kann man hier Geisterbahn fahren, oder schnallt sich besser gleich die Rollschuhe unter.
Menschen, die unter einem Haufen Decken schlafen, und bei denen man nicht weiß, ob darunter noch ein lebender Körper liegt, gibt es hier auch in vielen Hauseingängen. So viele, dass ich sie schon nicht mehr wahrnehme. Einem, der immer würdevoll aufrecht vor einem neu renovierten leeren Ladengeschäft sitzt und aussieht wie eine Mischung zwischen Weihnachtsmann und indischem Guru hab ich gestern ein paar Münzen in die Filzpantoffel gesteckt, die er vor seinem Lager aufgestellt hat.
Bleiben die Zombie-Läden. Es werden immer mehr Läden in den Haupt- und Nebenstraßen, bei denen ich mich frage: Lebt da noch was? Machen die noch mal auf? Wird das noch was oder kommt da noch was Neues? Laden zu, Auslage leer und nicht immer ein Schild, das einem sagt was hier mal war, ob hier was kommt, oder ob einfach nur bis zum Ende der Weihnachtsferien zu ist. Der Uhrmacher, der Optiker und der Musikalienladen sind schon lange weg. Hier sind jetzt ein Shisha-Shop, eine Obdachlosenberatung oder auch einfach das Nichts eingezogen.
Und dann gibt es noch die Geschäfte, von denen man denkt, die sind doch bestimmt tot, da ist doch alles vorbei. Und dann brennt da doch noch ein kleines Licht, dann geht es doch irgendwie weiter. Die Fischerpinte am Plötzensee, die noch so lange leben darf, bis der Besitzer stirbt, der Angelladen, der gleich neben den leeren Schaufenstern seines alten Geschäfts ein neues Geschäft aufgemacht hat, der Buchladen, den die beiden Besitzer schon mehr als 40 Jahre führen und so lange offen halten wollen, bis sie umfallen. Und der windschiefe Kiosk von Herrn Nguyen, der die Nachbarschaft mit Schnaps und guten Worten versorgt. Und natürlich der Karstadt. Dieser riesige leere Betonklotz, der mit seinen zerrissenen und im Wind wehenden grauen Sicherungsnetzen an der Fassade schon von alleine aussieht wie eine Kulisse aus einem Endzeitfilm. Am Anfang des Jahres soll hier ein LIDL einziehen. Wenigstens ins Erdgeschoss. Na, ist doch was.
Ja und noch schöner ist es im neuen Jahr was wirklich Neues zu entdecken. Gleich neben dem nassen Loch in der Straßenbahntrasse sehe ich in der Nebenstraße diesen strahlenden Engel. Ein Geschäft mit Glamour und Schönheit in dieser grauen Ecke. Ja, ja: Es geht immer weiter. Und die Überraschungen hören nicht auf. Auch auf diesem Blog. Ein schönes neues Jahr wünsche ich euch.
Manchmal verzweifle ich ja an der heutigen Jugend. Nachdem mein Sohn mich gestern mit einem herzlichen „Hau ab!“ aus seinem Zimmer geschmissen hat, war mir klar, dass mein eigentlicher Plan, ihn an dem Tag mit mir in mein Büro zu nehmen und ihm zu zeigen, womit sein Vater Geld und Anerkennung verdient, erst einmal gescheitert war. Es war ihm auch nicht klar zu machen, dass man nicht gleichzeitig arbeiten und ins Kino gehen kann, was ich als Belohnung für den Ausflug in die Arbeitswelt versprochen hatte. Tagesstrukturierung ist noch nicht ganz seine Stärke. Meine auch nicht. Denn was fange ich an mit dem plötzlich freien Wochenende? Herrlicher Sonnenschein und warme Temperaturen. Goldener Oktober. Ich sollte raus gehen, den Sonnenschein zu fangen, das Licht in leuchtenden Herbstblättern zu fotografieren. Statt dessen liege ich auf dem Sofa und lese in der Zeitung über die Schlechtigkeit der Welt. Das macht Kopfschmerzen. Mit einem Versprechen auf einen Kaffee am Kanalufer locke ich mich selbst vor die Tür und auf mein Moped. Vorsichtshalber stecke ich mir meine Ohrstöpsel unter den Helm, damit mir von dem Geknatter nicht der Kopf wegfliegt.
Der Kaffee hilft, aber wie weiter? Ich fahre bei einem Freund vorbei, der natürlich nicht da ist, oder das Klingeln nicht hört. Also zurück über die rappelige Kopfsteinpflasterstraße. Verrammelte Läden und das vor mir her schleichende Mini-Auto eines türkischen Pflegedienstes verderben mir die Laune. Beim Abbiegen sehe ich aus den Augenwinkeln eine Gruppe junger Leute mit Bierflaschen auf dem Gehweg neben dem mit Graffiti besprühten Eckladen, in dem noch bis vor einem Jahr solide Trödelsachen verkauft wurden. „Ach, mal wieder ne Vernissage.“, denke ich. Wo viele Läden leerstehen kommt in Berlin auf kurz oder lang die Kunst vorbei. Irgendwas mit Farbe, irgendwas, das aus altem Zeug zusammengebaut wurde, irgendwas geht immer. Nicht wirklich interessiert biege ich auf eine Parkbucht neben einem abgemeldeten, vermoosten Wrack eines alten Opels. Vielleicht wird’s ja ein Bericht für unser Lokalblog. Schon lange nichts mehr geschrieben.
Es riecht nach Sprühdosenlack und Hasch. Ein Einkaufswagen ist randvoll mit Bierflaschen. Na wenigstens kein Sekt und Häppchen. Das Grüppchen sitzt gut gelaunt in der Herbstsonne. Einige sprühen die abgeklebte Wand an, einer fotografiert das und drinnen steht noch mehr Artefaktisches. Der Deckel eines Kaugummiautomaten hängt an der Wand. Hatte ich nicht neulich einen Unternehmer befragt, der die Dinger neu installiert? Der lamentierte, dass ihm die Kästen im Wedding immer von der Wand geklaut werden. Diebe? Nein, war alles für die Kunst.
Aber sonst ist es ein biederes Happening. Andere waschen am Samstagnachmittag ihre Autos oder gehen zum Fußball. Ein Mann mit Bart, Dutt und schon leicht lallender Sprache erklärt mir die Vorsicht. Man sei erst seit kurzem Pächter, man wisse noch nicht genau, was das hier werde. Der Laden gehöre zur Morena Bar nebenan, einem Kiez-Juwel, das der heutige Besitzer vor 40 Jahren angeblich beim Pokern gewonnen und seitdem nicht mehr verlassen hat, und die Bar hat Krach mit den Anwohnern. Früher sei der jetzige Kunstort mal ein Puff gewesen, dann eine Party-Location. Ich werde weitergereicht an jemand, der wie der Manager auftritt. Erstmal hätten sie nur einen Raum gesucht, um ihre Werke zu lagern, ist seine Version der Geschichte. Denn wenn die Bilder in der Wohnung trocknen, stinke alles nach Farbe. Jetzt schaue man mal, vielleicht werde ja mehr draus, vielleicht sogar ein Verein. Aber berichten solle ich erstmal nicht. „Wegen dem Ordnungsamt.“, sagt er kumpelhaft und streckt mir die Faust entgegen, damit ich meine Faust dagegen schlage. Wir sind jetzt Bros. Ich frag mich kurz, was ich davon halten würde, wenn meine Söhne in 10 Jahren mit einer solchen Gang abhängen würden. Ich glaub, ich fänds ok. Wenigstens dürfte ich dann wieder in ihr Zimmer.
Eigentlich haben wir es schön. Wer hat schon in Berlin einen so großen Garten, wie ihn unser Häuserblock umschließt? Nicht so einen dämmerigen Lichtschacht wo sich Mülltonnen und Fahrräder den Platz streitig machen und ein paar mickrige Kletterpflanzen auf der Suche nach Licht nicht über den ersten Stock hochkommen. Nein, ein halbes Fußballfeld, Wiese, riesige alte Bäume, sogar einen Sandkasten für die Kinder. Doch dann wurde der halbe Block verkauft, an eine Immobiliengesellschaft, die das Brandenburger Tor im Briefkopf trägt und auf ihre hundertjährige Tradition verweist. Und dann kam der Zaun. Grün, stabil und mannshoch teilte er den Garten in der Mitte. Aber immerhin gab es noch eine Tür. Als ich einzog, war die Tür noch auf. Aber die Welten hatten sich schon getrennt. Bei uns nur deutsche Nachnamen auf dem Klingelschild auf der anderen Seite, Namen aus Tausend und einer Nacht. Auf der einen Seite sah man Frauen mit Kopftuch Wäsche aufhängen und halbwüchsige Jungs wild Fußball spielen oder apathisch abhängen. Auf unserer Seite: Leere. Ab und zu mal ein paar Nachbarn, die ihren Hund ausführten und die Gärtnerin aus dem Erdgeschoss, die sich in dem Erdstreifen unter ihrem Balkon ein üppiges Blumenparadies geschaffen hatte. Eimal flog ein Fußball über den Zaun. Dann waren sie da. Drei freche Dreikäsehoch mit lockigen schwarzen Haaren, vielleicht zehn Jahre alt, die von mir und meinen Jungs den Ball wieder haben wollten. Vielleicht, dachte ich, wären es gute Spielkameraden für meine Jungs, die damals nur halb so alt waren. Deswegen fragte ich sie nach ihrem Namen. Ich verstand sie nicht, deswegen ließ ich sie ihre Namen auf einen Zettel schreiben. Krakelige, ungelenke Buchstaben. Ein Name fing mit einem X an. Schöner Name, sagte ich. Sie prahlen mit ihren Fußballtricks. Ich ließ es auf ein Spiel ankommen. Nach fünf Minuten waren meine Jungs überrannt, nölten und wollten nicht mehr mitspielen. Als sich die drei wieder hinter ihren Zaun trollten, sagte einer: „Ich würd mir wünschen, dass mein Vater auch mal mit mit Fussball spielt.“
Ein paar Monate später war die Tür zugeschweißt. Es sei wegen dem Müll, erzählte mir die Nachbarin, die alles weiß. Die Hausverwaltungen hätten sich in die Haare gekriegt. Angeblich würde unsere Seite ihren Sperrmüll heimlich auf die andere Seite bringen, dort wo sich immer wieder ganze Zimmergarnituren neben den Mülleimern ablagerten. Blöd für uns. Denn auf der anderen Seite ist das Tor, durch das man von außen in den Garten kommt. Jetzt können die Gärtner nicht mehr mit dem Rasentraktor rein, sondern müssen einen kleinen Handrasemäher durchs Treppenhaus tragen, und statt großen Containern stehen seither kleine Mülleimer bei uns, die mehr kosten. Am Sperrmüll auf der anderen Seite hat sich nichts geändert. Vielleicht werfen ihn die unseren jetzt nachts einfach über den Zaun.
X habe ich noch ein paar mal wieder gesehen. Jedesmal leuchteten seine Augen. Stolz präsentierte er mir sein neues Fahrrad, so ein Angeberding, mit viel Chrom und vielen Speichen. Schön, sagte ich. Beim letzten Mal hat er mich nicht mehr angeschaut. Er war mit ein paar Kumpels auf der Straße. Er ist jetzt 14 oder 15. Vielleicht war es ihm peinlich, einen so alten Mann zu kennen.
Ist eine Ärztin in meiner Leserschaft, oder wenigstens ein Botaniker? Bitte melden sie sich schnell. Es geht um Leben und Tod. Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn und im Bauch ist mir blümerant.
Frau Doktor, nach einer harten Arbeitswoche ging ich Waldbaden. Soll man jetzt ja so machen. Ich ging also nur im Park so für mich hin, nach schmackhaften Früchten stand mir der Sinn. Ich kam an einem Baum, nein eher einem Strauch vorbei, der mich mit roten Beeren lockte. Sie müssen wissen, dass ich bei den Pfadfindern war und gelernt habe, im Wald Essbares zu finden. Bucheckern, Brombeeren, Blaubeeren, kaum gesehen wandert es in meinen Mund. Sogar Sauerampfer weiß ich im Sommer zu genießen. Meine Kinder denken, ich bin ein Pferd. Aber als Pfadfinder hab ich natürlich gelernt: Iss nie etwas, was du nicht kennst. Von Pilzen lasse ich die Finger. Von Vogelbeeren auch. Aber diese roten Dinger, sehen die nicht aus wie Kirschen? Oder sehen Kirschen nicht irgendwie anders aus? So mit Zacken an den Blättern?
Und ich weiß nicht wie’s passiert ist, schon hab ich so ein Ding im Mund. Nicht schlecht, ein bisschen sauer, Kern in der Mitte. Doch eine Kirsche? Aber ist die Kirschenzeit nicht schon vorbei? Wer weiß das heutzutage noch , wo es alles zu jeder Zeit im Supermarkt gibt? Das war doch jetzt nicht schlimm, oder? Ich meine, das ist doch ein öffentlicher Park, da darf doch gar nichts Giftiges wachsen. Da passt doch einer drauf auf, schon wegen der Kinder, so von Amts wegen? So richtig glaube ich das aber nicht mehr. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass sich die Berliner Grünflächenämter in die ewigen Ferien verabschiedet haben, wenn ich so in die Botanik schaue und sehe wie alles zuwächst.
Jetzt weiß ich nicht was ich tun soll. Klatschnass bin ich, was nicht daran liegen kann dass es nach dem letzten Schauer im heißen Park dampft wie im Urwald und dass ich eine Jacke anhabe, weils ja eben noch geregnet hat. Um es kann auch nicht am Schwedenbecher liegen, den ich im Eiscafe mit extra Eierlikör bestellt habe. Ach sie wissen nicht was ein Schwedenbecher ist? Ist auch egal. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Bitte melden Sie sich schnell….
Wieder so ein Feierabend. Sonne scheint, Luft riecht gut der Himmel hängt hoch. Endlich! Aber keiner da für ein bisschen dummes Gerede in einem Biergarten, oder einem Café. Keine Kraft, jemand anzurufen, warum immer ich? Nach Hause will ich nicht. Nach einem Wochenende mit meinen lauten Jungs ist die Wohnung immer so leer und leise. Schnecken haben sie nochmal gesammelt, nachdem uns der Regen im Park überrascht hat. Sie haben ihnen noch mal Nester aus Blättern und Stöckchen gebaut. Aber dann haben sie sich zerstritten und die Tiere draußen im Hof ihrem Schicksal überlassen.
Also schlinger ich ein bisschen durch die Stadt. Kenn ich. Alles was ich sehe, hab ich schon mal gesehn. Mal was Neues ausprobieren. SuperCoop? Da will ich nicht hin, muss aber. Muss man ja unterstützen, wenn sich 500 Leute zusammentun und einen Bio-Supermarkt gründen. Muss man? Die Idee käme aus New York, schreiben die jungen Rotzlöffel. Was wissen die denn? Hätten nicht nach Amerika fliegen müssen, die Klimaretter, hätten mich mal fragen sollen. „Wurzelwerk“ hieß der selbstverwaltete Bio-Laden im Friedrichshain, in dem ich schon in den 90ern im Vorstand war. Danach LPG und dann „Natürlich Bio“. Bis der letztes Jahr pleite ging. War nicht schade drum. Die überreifen Tomaten und welken Salate hab ich am Ende nur noch gekauft, weil ich die Besitzerin nach 10 Jahren nicht im Stich lassen wollte. Will ich mir jetzt wirklich wieder die Abende um die Ohren hauen wegen der Frage, ob man im Winter Paprika aus Ägypten ins Regal nehmen soll? Und dann sehen, dass deine Leute sie dann doch einfach bei Edeka kaufen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Die Coop-Regale in der alten Fabrikhalle haben den Charme eines Lebensmittellagers vom Roten Kreuz. Nur keine Begierden wecken. Freundlich erklärt mir die junge Frau mit den kunstvoll vernachlässigten Haaren die Konditionen für den Kennenlernabend und den obligatorischen Arbeitseinsatz. Nur nicht sagen, dass sie mir gefällt. Nur keine Begierden wecken. Keine Lust hier zu stöbern, keine Lust, was auszuprobieren. Lieber wieder wie gestern unbekannte Früchte und verlockend glänzende Berge gerösteter Nüsse beim Baharat-Markt kosten als krümmliges Knabbergebäck zum selbst Abfüllen. Raus hier. Gehe heute lieber zu Ramona ins Café Kibo. Ramona war mal blond, heute hat sie eine schwarze, stachlige Punk-Frisur. „Du wirst immer schöner“, fange ich an. „Hab ich gemacht, weil ich Frust hatte.“, winkt sie ab. Ihre Tochter, die mit meinen Jungs in der Kita war, hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Den Vater auch nicht. „Wie willst du deinen Kaffee?“ Ein Satz, und ich fühle mich willkommen. Die Bistro-Tische sind klapprig, die Farbe ist abgeplatzt, nebenan hat einer in der Shisha-Bar das große Wort. „Sagt der: Du hast Bankkaufmann gelernt, für einen Dönerladen bist du total überqualifiziert..“ Dann gehts weiter mit Autos und Tricks bei den Versicherungen. Der Sound des Wedding. Nach einer Ewigkeit kommt der Kaffee. Der schlacksige Kerl, der ihn zu meinem Tisch balanciert ist neu hier und hat einen drolligen französischen Akzent. „Tut mir leid, hab dich total vergessen. Ramona sagt, der Kaffee geht aufs Haus.“
Wenn der Himmel grau ist und der Regen beständig nieselt, wenn die Wege, die du gehst die gleichen sind, die du schon seit Jahren läufst, dann ist es Zeit mal genauer hinzuschauen. Ist das, was du jeden Tag mit Füßen trittst nicht ein wahres Wunderwerk? Ist das Grau, das sich auf den Straßen deines Viertels breit macht nicht ein Gemisch aus tausend Farben, ein Mosaik aus eitel Edelstein? Millionen Jahre sind die „Großsteine“, „Katzenköpfe“ oder „Kopfsteine“ vor deiner Haustüre alt. Sie waren das Blut der Erde, ihre brodelnde Glut , sind gestocktes Magma aus dem Erdinneren und jetzt steinhart und unverrückbar: blauschwarzer Basalt, rot gemusterter Prophyr, roter und grauer Granit und die Grauwacke verrät ihre Farbe selber. Ihre wilden Zeiten sind vorbei, und doch sind sie bunt und schön. Das solltest du dir zum Vorbild nehmen. Seit mehr als 100 Jahren sind sie in Berlin, liegen da, ohne sich zu beklagen. „Am Grunde der Moldau wandern die Steine…“ heißt es bei Berthold Brecht. Die Berliner Steine sind nur einmal gewandert: Vom schlesischen Steinbruch bis nach Berlin. Seither trampeln wir über sie hinweg, und sie bleiben liegen. „Das Große bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine…“ geht es bei Brecht weiter. Das stimmt. Auch die großen Steine gehen kaputt, wenn Bomben drauf fallen, oder Panzer darüber rollten, oder wenn sie rausgerissen werden, damit Räder schneller rollen können. Aber dann macht man kleine draus und setzt sie in das Pflaster der Gehwege, das typische Berliner Mosaik und wenn sie auch da auseinnander gehen, werden sie mit Beton vermischt und die gleiche Farbenvielfalt taucht in den Gehwehgplatten wieder auf. Sie sind nicht unter zu kriegen.
Was können wir also von dem Kopfsteinpflaster lernen? Das Liegenbleiben, das geduldig Sein und dass man die schönsten Sachen sehen kann, auch wenn man den Kopf hängen lässt.
Und noch etwas können uns die Steine lehren: Auch wenn nicht mehr das alte Feuer in einem kocht. Für einen Tanz auf dem Vulkan reicht es allemal (Unter Berlin gibt es tatsächlich unter all dem Dreck und Sand und Eiszeitgeröll einen erloschenen Vulkan, wer hät‘s gedacht?). Also bin ich in die U-Bahn gestiegen und tanzen gegangen. Tut auch gut gegen den Winterblues.
Ludmilla Seefried-Matejkowa „Tanz auf dem Vulkan“ Nettelbeckplatz, Berlin-Wedding Material: Grauer und roter Granit; Foto: Wikipedia CC-BY-4.0