Zeitenwende, zynisch

Diese Plakate hängen seit Anfang März in ganz Berlin herum. Und wenn das Motiv auch aussieht wie der ungelenke Versuch eines Hobby-Malers, der den Frühjarsstart seines Modellflugvereins über der Lüneburger Heide einfangen wollte, es geht hier um zwei Sachen: Krieg und Geld.

Es gibt gerade eine Menge Sachen, von denen ich nie geglaubt hätte, dass sie einmal Wirklichkeit würden. Und unverhohlene Werbung der Rüstungsindustrie auf Plakatwänden neben dem Regierungsviertel gehört dazu. Hier geht es um Aufklärungsdrohnen, Stückpreis 150 000 Euro. Sie werden derzeit an die Ukraine verkauft, dort auch produziert und eingesetzt. Jetzt soll die Bundeswehr Kunde werden. Man will sich seine Scheibe abschneiden von dem Kuchen, der wahrscheinlich morgen mit dem Beschluss des Bundestages zum Sondervermögen und zur Schuldenbremse gebacken wird. Und auch wenn die Kampagne das Zeitalter der Aufklärung, das ja mal bedeutete, dass man sich wagt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, zynisch umdreht und auf die militärische Informationsgewinnung verkürzt; Aufklärung heißt ja auch: Untersuchen was hinter einer Sache steckt. Und da werde ich gleich bei Wikipedia fündig: Peter Thiel, US-Amerikanischer Milliardär, Mitgründer von Pay Pal und Pal von Elon Musk ist mit ein paar Millionen (17,5 Mio, um genau zu sein) an dem Unternehmen beteiligt. Ein John Heartfield hätte die Verbindung von Krieg, Großkapital und Profit nicht besser zusammenkleben können.

Und wo wir gerade bei der Kunst sind: Dreist ist auch der direkte Rückgriff auf die Bomberflotten-Ästhetik aus der Kriegspropaganda des zweiten Weltkriegs, die die Berliner Werbeagentur ZANATTA zu verantworten hat. Viele Flieger von unten gesehen fliegen von rechts unten nach oben links. Das lässt den Angriff siegreich aussehen. Ungefähr so:

Quelle: Imperial War Museum

Oder man nimmt gleich die Überwältigungsästhetik mit Frontalangriff und Deutschlandfahne. Da hilft nicht mal mehr wegducken.

Bild: Quantum Sytems

The Good, the Mad and the Ugly

Es ist mitten in der Fastenzeit, aber das türkische Café ist rappelvoll. Die Sonne hat die deutschen Nachbarn ans Licht geholt, schließlich ist Sonntagnachmittag, da geht man Kaffee trinken. Man sieht ihnen an, dass sie den Winter in ihrer Wohnung verbracht haben. Die Sonne scheint auf bleiche schlaffe Haut, zigarettengelbe Hände, ausgewachsene Dauerwellen und ausgewaschene T-Shirts mit Totenkopf. Manche kommen im E-Rollstuhl, manche mit kurzen Turnhosen, manche mit verschossenen altrosa Leggings. Es wird Frühling in Berlin.

Ich finde einen Platz an einem Tisch in der Sonne, neben einem drahtigen schwarzen Mann und seiner etwas helleren Tochter, die an einer Limonade im Tetrapack nuckelt. In einfachem Deutsch erklärt er ihr, warum es wichtig ist, aufs richtige Gymnasium zu gehen. „Da sind gute Menschen“. Dann fängt er an ihr die Immobilienpreise zu erklären. Er ist ein Checker. Das Mädchen holt sein Handy raus, er rechnet weiter: „Für das was du für ein Haus in Brandenburg bekommst, bekommst du in Berlin eine Eigentumswohnung, und die wird immer mehr wert…“ Sie schaut auf sein altes Handy auf deren Rückseite zwei Bilder lockenköpfiger Kinder kleben. „Wann kriegst du endlich ein neues Handy?“, fragt die Kleine. Eine Nachbarin kommt vorbei, lacht und knuddelt das Mädchen. „Was macht Jonas jetzt?, fragt sie. „Ach der geht jetzt zur Bundeswehr.“ „Ja die Bundeswehr gibt ihm einen Halt.“, doziert der Vater. „Besser ist es, eine Ausbildung zu machen. Aber wenn man keine Ausbildung macht, ist die Bundeswehr gut für Männer.“ Aus einem Rohr an der Wand pladdert Wasser auf den Gehweg und das Mädchen verzieht angeekelt sein Gesicht. „Das ist nicht aus der Toilette.“, beruhigt der Vater sie, das schüttet man in Europa nicht auf die Straße, das kommt vom Dach.“, sagte er und schaut mich Bestätigung wünschend an. Ich verfolge das Rohr bis zum ersten Balkon. „Das ist Blumenwasser.“, sage ich beschwichtigend. „Da gießt jemand seine Blumen auf dem Balkon. Es ist Frühling.“ „Ja, Blumenwasser!, lacht mein Tischnachbar befreit und das Gesicht des Mädchens entspannt sich. Ich muss weiter: Milch kaufen bei Jashims Tante Emma Laden. Gestern war Frauentag in Berlin, da waren die Geschäfte zu. Aber das habe ich zu spät gemerkt. Jashim ist immer da. Mit seinem roten, hennagefärbtem Bart und und seien immer etwas müde blickenden Augen, seiner Frau und den drei Kindern, die im Laden rumhängen. Aber heute ist Jashim weg. Stattdessen ist ein junger Mann hinter der Theke. „Jashim hat Urlaub.“, sagt er mir auf meine Frage. „Und wo ist er hin? „Nach Mekka!“ „Auf die Hadsch?“ Der Verkäufer nickt anerkennend. „Darf man das denn im Ramadan?“ „Das wird sogar doppelt belohnt.“, belehrt er mich eifrig. Ich frag nicht nach, worin die Belohnung bestehen soll. Aber das Jashim zum Glauben gefunden hat, merkte ich schon, als er vor zwei Jahren aufhörte, Bier zu verkaufen. Seitdem ist sein Laden ziemlich oft leer. Der Fußballverein, dessen Bilder und Pokale die Wände zierten, hat sich wohl ein neues Vereinslokal gesucht und die Alkis, die immer auf der Zeitungskiste vor dem Laden ihr Bier tranken, sind in die „Gemütliche Ecke“ gegenüber gewechselt. Dafür gibt es jetzt Bio-Milch für 2,40 Euro und natürlich Hafermilch. Da wo die Bierkästen standen, steht jetzt eine Kühltruhe mit Eis am Stiel. Der Sommer kann kommen.

Comfortly numb

Wenigstens Aldi bleibt zuversichtlich. Wenn sogar Aldi Nord und Aldi Süd zusammen arbeiten können, dann sollte es doch auch woanders klappen. Das Schild sehe ich auf dem Parkplatz, der der Treffpunkt der Autofahrer in der Vorstadtsiedlung ist. Mehr kriege ich von der Weltpolitik gerade auch nicht mit. Nach 14 Tagen Kinderkram und Teenagergeheule im Eigenheim kam gestern meine Ablösung im silbernen Audi hereingeschwebt: Die Schwiegermutter übernimmt meinen Part als „bad guy“ im Haus der Mutter meiner Kinder.
14 Tage im Morgengrauen drei Jungs aus den Betten werfen, die natürlich bis in die Nacht Bücher gelesen/Radio gehört/Handy gespielt haben, die ich nicht rechtzeitig unter ihren Kopfkissen/Matratzen/Schlafanzughosen gefunden habe, dazwischen ein bisschen Homeoffice und die kranke Mutter zum Arzt fahren, ein bisschen über Pädagogik streiten und über die Frage, ob das jetzt Pubertät oder seelische Erkrankung ist. Ein bisschen Einkaufen und der Versuch eines gemeinsamen Abendessens, der meist scheitert. Danach dann Posten beziehen vor den Kinderzimmer, dass nicht wieder einer ins Bad abhaut, und auf dem Klo sein Handy rausholt, oder bei der Mutter unten Drama macht (um das weggenommene Handy wieder zu kriegen). Dazwischen Einlagen in Freistil-Ringen zwischen mir und zwei 13-Jährigen. Zwei Mal 13 gegen ein Mal 63, das geht nicht gut, das wird laut, abends um 10 oder 11. Und danach noch ein müdes Gespräch zwischen den Eltern. Und dann lange kein Schlaf. Zum Glück hat mir der Arzt „Fathers Little Helpers“ verschrieben, damit ich wenigstens ein paar Stunden die Augen zu machen kann.

Jetzt wieder in Berlin. Bis in die Puppen geschlafen. Der Kopf ist leer. So leer, dass ich mir nicht vorstellen kann, noch mal einen klaren Gedanken zu fassen. Kein unangenehmes Gefühl, wenn man nichts vorhat. Um drei Uhr wenigstens einmal raus auf die Straße. Und an dem, was ich mache, merke ich, was mir gefehlt hat. Einmal zu Tobis Backwaren, einer Bäckerei mit 60er Jahre Einrichtung, die jetzt von einem munteren türkischen Paar geführt wird. Der junge Chef ist ein lustiger Alleinunterhalter, der einfache, laute Sätze macht und spielend von Deutsch ins Türkische wechselt, mit einer Kundin flirtet, seine Frau, deren grünes Kopftuch alles andere als züchtig um den Kopf drapiert ist, in den Arm dabei nimmt und als ein stark schwäbelnder Gast meckert: „Noch einen Cappucino bitte. Der erste war ein bisschen klein!“ kontert er lachend: „Der war zu gut! Den haben sie zu schnell getrunken.“ Dann dackele ich weiter zum City Kino. Die letzten Monate habe ich „Mufasa – König der Löwen“ und „Sonic, the Hedgehog 3“ und viele YouTube-Clips mit Fußballsongs sehen müssen. Deshalb wäre Art House Kino jetzt mal wieder schön, aber jenseits meiner Auffassungsfähigkeit. Die Einladung zur Berlinale hab ich ungenutzt zurückgegeben. Neben dem Kino ist eine Telefonzelle, die zur Bücherbox umgebaut wurde. Dort setze ich mit einem alten dtv-Bändchen: Der Jesus -Prozess. Ein bisschen Verschwörungstheorie geht immer. Sonst lese ich nur noch Krimis. Die Bücherbox ist rege besucht am Sonntagnachmittag. Menschen meines Alters grüßen mich freundlich, geben sich höflich die Klapptüre in die Hand und ich frage mich, was sie gerade von dem müden Mann auf der Bank denken, in seinem blauen Marine-Parka und der ollen Jeans mit dem vergilbten Bändchen in der Hand. Aber auch der Gedanke bleibt nur kurz im leeren Hirn hängen. Als ich nach Hause komme, stellt meine Nachbarin zwei Flachbildschirme in den Flur. Die Großmutter, von der sie den alten Mietvertrag von 1956 übernommen hat (640 Euro brutto kalt), ist im Altersheim gestorben. Jetzt habe ich nach 10 Jahren wieder einen Fernseher, geschenkt! Vielleicht kommen meine Jungs dann wieder mal zu mir, um Sportschau zu gucken.

Stranger in Paradise

Laternen leuchten, Autos fahren, die Straße ist gut geteert. Und doch ist hier die Welt zuende. Es ist so dunkel, wie es nur an einem Januarnachmittag sein kann. Dunkler als im Dezember, obwohl die Tage schon wieder länger werden. Wenn es wenigstens nach Briketts riechen würde, nach Feuer und menschlicher Mühsal. Nach Asche und kostbarer, überbordender Wärme. Statt dessen blütenweiße Elektroautos mit feuerroten Lichtern, die lautlos rückkwärts aus dunklen, überbreiten Garagenschlünden auf den leeren Gehweg stoßen. Kein Mensch da, den sie überfahren könnten. Die Straße geht schnurgerade ins Endlose. Ich habe Angst, weiter zu gehen, mich auf ihr zu verlieren. „Hello darkness, my old friend…“ das ist vorbei. Das einzige warme Licht kommt aus der Bäckerei. Doch die Regale sind leer, die stumme Verkäuferin überhört mein Klopfen. Il est cinqe heures… Die Stadt geht schlafen.

Où sont les neiges d‘antan…?

Ich schalte das Radio aus, das mir erzählt, dass es heute wieder Demos gegen Rechts in der Stadt gibt. Es ist 12 Uhr. Die ersten Demos haben eh schon begonnen und das Programm meiner Waschmaschine scheint mir heute besser für meine Nerven. Müde beobachte ich wie sich eine kleine rote Kinderunterhose keck gegen die Übermacht des Dunkelblau und Oliv behauptet. Ich war mit meinen Jungs in Bayern – auf der Suche nach Schnee. Gab keinen Schnee mehr. Vor sechs Jahren sind wir in Füssen im Allgäu direkt vor der Jugendherberge im Schnee ertrunken. Jetzt mussten wir mit der Seilbahn 500 Meter höher fahren, um noch ein paar weiße Flecken zu finden. Mit dem Bus sind wir dann nach Österreich, nach Reutte. Wir waren die einzigen Fahrgäste. Am Bahnhof schaufelten sie mit Frontladern den übriggebliebenen Schnee auf Lastwagen, um damit die Skipisten weiß zu halten, wie uns der einsame Busfahrer erzählte. Auch am übernächsten Tag sind wir wieder seine einzigen Gäste auf dem Weg zur „Alpentherme“. Irgendwas muss ich den Kindern ja bieten, wenn sie schon nicht rodeln können. Der Busfahrer, der mich entfernt an den alternden Elvis erinnert, scheint sich für seinen für seinen Job zu schämen. „Wenn schlechtes Wetter ist, ist der Parkplatz hier voll. Dann stehen die Autos bis runter in die Stadt.“, berichtet er stolz, als er uns vor der Therme abliefert. Ich frage ihn nicht, ob sein Bus dann auch voller ist. Der Himmel war strahlend blau und wolkenleer. Ich bahne für meine Jungs einen halbwegs sicheren Weg über den halbvollen Parkplatz durch die Autos zum Schwimmbad. An einen Zugang für die Fußgänger von der Bushaltestelle hat hier keiner gedacht.

Das Blau und das Oliv werden immer dunkler. Die Trommel dreht sich mit beruhigendem Brummen. Aber nur durch den kleinen roten Fleck merke ich zu ersten Mal, dass die Trommel bei jeder zweiten Umdrehung die Richtung wechselt. Ist mir noch nie aufgefallen. Dachte immer, das geht nur in eine Richtung. Plötzlich fängt die ganze Maschine an zu rumpeln. Das schmutzige Geschirr, das ich auf die Maschine gestellt habe, beginnt hell zu klirren, während unten die Trommel immer mehr Unwucht bekommt und den ganzen Apparat in ein bedrohliches Stampfen bringt. Dabei habe ich die Drehzahl schon auf 800 runtergedreht. Die Maschine fängt sich wieder und das Schleudern hört auf. Sanft surrt der Motor von links nach rechts. Auf der Website der Berliner Polizei sehe ich, dass es heute eine Menge Demos gegen Rechts gibt. Vielleicht schaffe ich es heute Abend ja noch zu einer Lichterkette.

https://youtu.be/VR5dRbx18fM?feature=shared

Das ist die erste Version des Liedes Où sont les neiges d‘antan von Ulrich Roski. In eine spätere Version hat er als Schlussstrophe „Und käme der Vorjahresschnee wieder her, so wär er so weiß wie früher nicht mehr.“ verwendet, die mir die Idee für den heutigen Blogbeitrag gab.

Stayn alive

Nein, Alkohol ist auch keine Lösung, obwohl das viele hier versuchen. Und nach der Sylvesternacht nüchtern durch mein Viertel zu gehen, ist an diesen unwirklichen Tagen zwischen den Jahren wirklich nicht einfach. Geflüchtet unter ein Brandenburger Flachdach komme ich am Neujahrstag zurück und mache meine jährliche Runde um den Block. Aber ich weiß immer noch nicht, ob das hier noch lebt, oder ob ich in einer untoten Stadt gelandet bin. Freunde waren im vergangenen Jahr in den USA und erzählten von Stadtzentren, in denen alle Läden geschlossen waren und sich auf den Straßen nur noch Menschen bewegten, die wie Zombies aussahen. Ich sach mal: Den Flug hätten sie sich sparen können. Hätten sie sich mal in die BVG gesetzt und wären mich besuchen gekommen. Allerdings: Weit wären sie damit nicht gekommen. Denn seit Sylvester fährt die Straßenbahn hier nicht mehr. Ausgestorben und leer sind die Haltestellen, verstummt die ratternden Schienen, ein großer Krater mitten auf der Strecke. Keine Kugelbombe wars, sondern ein 100 Jahre altes gusseisernes Wasserrohr ist gleich nach dem Feuerwerk geplatzt. Zu viel Vibration. Hätte längst ausgetauscht werden sollen, aber das hätte ja bedeutet, dass man die Straßenbahn hätte stilllegen müssen. Jetzt kann man hier Geisterbahn fahren, oder schnallt sich besser gleich die Rollschuhe unter.

Menschen, die unter einem Haufen Decken schlafen, und bei denen man nicht weiß, ob darunter noch ein lebender Körper liegt, gibt es hier auch in vielen Hauseingängen. So viele, dass ich sie schon nicht mehr wahrnehme. Einem, der immer würdevoll aufrecht vor einem neu renovierten leeren Ladengeschäft sitzt und aussieht wie eine Mischung zwischen Weihnachtsmann und indischem Guru hab ich gestern ein paar Münzen in die Filzpantoffel gesteckt, die er vor seinem Lager aufgestellt hat.

Bleiben die Zombie-Läden. Es werden immer mehr Läden in den Haupt- und Nebenstraßen, bei denen ich mich frage: Lebt da noch was? Machen die noch mal auf? Wird das noch was oder kommt da noch was Neues? Laden zu, Auslage leer und nicht immer ein Schild, das einem sagt was hier mal war, ob hier was kommt, oder ob einfach nur bis zum Ende der Weihnachtsferien zu ist. Der Uhrmacher, der Optiker und der Musikalienladen sind schon lange weg. Hier sind jetzt ein Shisha-Shop, eine Obdachlosenberatung oder auch einfach das Nichts eingezogen.

Und dann gibt es noch die Geschäfte, von denen man denkt, die sind doch bestimmt tot, da ist doch alles vorbei. Und dann brennt da doch noch ein kleines Licht, dann geht es doch irgendwie weiter. Die Fischerpinte am Plötzensee, die noch so lange leben darf, bis der Besitzer stirbt, der Angelladen, der gleich neben den leeren Schaufenstern seines alten Geschäfts ein neues Geschäft aufgemacht hat, der Buchladen, den die beiden Besitzer schon mehr als 40 Jahre führen und so lange offen halten wollen, bis sie umfallen. Und der windschiefe Kiosk von Herrn Nguyen, der die Nachbarschaft mit Schnaps und guten Worten versorgt. Und natürlich der Karstadt. Dieser riesige leere Betonklotz, der mit seinen zerrissenen und im Wind wehenden grauen Sicherungsnetzen an der Fassade schon von alleine aussieht wie eine Kulisse aus einem Endzeitfilm. Am Anfang des Jahres soll hier ein LIDL einziehen. Wenigstens ins Erdgeschoss. Na, ist doch was.

Ja und noch schöner ist es im neuen Jahr was wirklich Neues zu entdecken. Gleich neben dem nassen Loch in der Straßenbahntrasse sehe ich in der Nebenstraße diesen strahlenden Engel. Ein Geschäft mit Glamour und Schönheit in dieser grauen Ecke. Ja, ja: Es geht immer weiter. Und die Überraschungen hören nicht auf. Auch auf diesem Blog. Ein schönes neues Jahr wünsche ich euch.

Letzte Weihnachtsgeschichte

Der alte Mann in der roten Daunenjacke hält sich an einem Glas Kräuterschnaps fest. Er ist der einzige Gast in dem riesigen Döner-Restaurant, dem einzigen Lichtblick in der verwaisten Fußgängerzone einer sterbenden Stahlstadt im Norden von Berlin. Was macht er hier am Heiligabend um halb Vier? Wo andere sich mit ihrer Familie um den Weihnachtsbaum scharen und Geschenkpapier zerfetzen? Ist es einer der verwahrlosten Stadtstreicher, die ihr erbetteltes Geld in Alkohol umsetzen, oder ist es einer dieser trostlosen Weihnachtsmanndarsteller, der sich für seinen schlechten Auftritt bei ungläubigen Kindern in warmen Eigenheimen in den Vorortsiedlungen vorbereitet, um seine mickrige Rente aufzubessern? Vielleicht ist es auch nur ein einsamer alter Mann, der nirgendwo hin gehört an einem Abend, an dem niemand einsam sein sollte. „Have you seen the old man outside the seaman’s mission…? Selbst die tuschelnden Männer hinter dem Tresen, die in einer Sprache sprechen, die er nicht versteht, und denen Weihnachten nichts bedeutet, sind heute zu zweit.

Wie lange darf man mit einem Schnaps in der warmen Gaststube bleiben? Reicht das Geld für einen zweiten oder muss er bald los in die Kälte, dorthin wo die blinkende Weihnachtsbeleuchtung höhnisch strahlt. Diese Lichter wärmen ihn nicht. Es ist kurz vor Vier als er sich müde und seufzend erhebt um nach dem Preis für den kurzen Augenblick der Wärme zu fragen. Wortlos schiebt er drei Euro in die Hand des Wirts. Kein Gruß, kein „Frohe Weihnachten“. Wieso auch?

Auf seinem Weg zurück sieht er andere Verlorene. Eingehakte Paare, denen es zu Hause zu eng wurde. Einen Vater mit einem Lastenrad, der mit seinen drei Kinder das Weihnachtsessen bei „Call a Pizza“ abholt; und das erinnert ihn, dass er ja auch drei Söhne hat, denen er versprochen hat, am nächsten Tag zu Mc Donalds zu gehen. Der einzige Weg sie dazu zu bringen, heute ihre heilige Christenpflicht zu erfüllen und am Heiligabend anderen Menschen eine Freude zu machen. Müde von dem langen Kampf, der schon seit Wochen währt wankt er die Stufen zur Kirche hoch, über deren Eingang ein einsamer roter Herrenhuther Stern leuchtet. Ist das sein Nachtasyl? Hofft er auf etwas Barmherzigkeit oder eine Pause von seinem harten Leben? Der Kirchendiener drückt ihm ein Heft mit Weihnachtsliedern in die Hand und wünscht freundlich ihm eine „Frohe Weihnacht“, was den Alten in seinem Grimm erschreckt. Was hat das hier mit Weihnachten zu tun? Er quetscht sich in eine der vollbesetzten Holzbänke. Der Pfarrer schnoddert in bestem Berlinerisch die Lithurgie herunter. Der Organist eiert die bekannten Melodien. Es klingt wie Karussellmusik auf dem Jahrmarkt. Die Gemeinde hält nach Kräften mit. Doch da erklingt wie aus anderen Sphären von der Empore der Kinderchor. Auch schief, weil zu wenig geübt und zu viel mit den Handys gespielt, aber dabei, glockenklar, die Stimmen seiner Jungs. Auf die letzte Minute hatte er sie zur Generalprobe hier abgeliefert, nur unter Protest hatten sie die weißen Hemden angezogen, aber immerhin waren sie mitgekommen. Und jetzt singen sie „ und soll es werden Frieden auf Erden; den Menschen allen ein Wohlgefallen…“ Na, das kann ja eine schöne Weihnacht werden.

Das andere Leben

Die Briefmarken gibt es hier in der Apotheke. Ich hatte gefragt, ob man in dieser Einkaufswagenburg aus Aldi, Rewe und dm, die um einen quadratischen Parkplatz gebaut wurde, irgendwo Briefmarken für die Weihnachtspostkarten kaufen kann. „Ne, weiß ich nicht. Weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal eine Postkarte geschrieben hab.“, sinniert die Apothekerin jovial. Dann greift sie unter den Ladentisch und holt eine Rolle Marken hervor. „Aber ich kann ihnen ein paar von unseren geben. Aus der Portokasse, sozusagen. Wieviel brauchen sie denn?“. So ist das hier. Die Bedürfnisse werden von Aldi, Rewe und dm und der Tankstelle völlig befriedigt. Was es hier nicht gibt, braucht hier keiner. Etwas anderes gibt es sowieso nicht. Oder doch? Es gibt noch einen Rewe auf der andern Seite der Bahn, und einen Norma, und vorne an der Kreuzung, neben dem Rathaus und der Schule und der Mehrzweckhalle gibt es Kaufland (und einen Post-Shop, das weiß ich inzwischen) und Rossmann und ein paar Dekoläden. Ich bin im Speckgürtel von Berlin.

Seit zwei Wochen wecke ich die Kinder um halb sieben, scheuche sie die Treppe runter. Zwei fahren Rad, einer mit dem Bus. Wenns gut geht. Danach an den Laptop, mit dem ich hier ein provisorisches Homeoffice aufgebaut habe. Die versehrte Mutter hat sich noch mal hingelegt um das geschiente Bein zu schonen. Wenn ich zumeiner Zahnärztin nach Kreuzberg will, bin ich eine Stunde unterwegs, zur Arbeit auch. Reine Fahrzeit, wenn die S-Bahn mal kommt. Ich lerne wieder Auto fahren. Um die Kinder zu kutschieren. Zum Sport, und wenn einer partout nicht radeln will im Dunkeln. So ein Leben wollte ich nie. Jetzt muss es sein. Hatte ich je ein anderes? Vermisse ich den täglichen Rausch auf den überfüllten Straßen des Wedding? Die Dönerbuden, Asialäden, den Park, die vielen kaputten, die verrückten und die vielen anderen Leute? Den täglichen Kick auf den Fahrradstreifen beim Überlebenstrrainig auf dem Weg zur Arbeit? Das Yoga in Mitte?

In rosa Gartenschuhen bringe ich die Restmülltonne an den Straßenrand. Der erste meiner Jungs kommt mit dem Rad angeflogen, zurück von der Schule. Er ist freundlich, obwohl es heute Morgen großes Gezeter gab. Drei Speichen sind gebrochen. Ich baue das Rad aus und fahre zum Radladen, der neben dem anderern REWE liegt. Ist morgen fertig. Auf dem Rückweg kaufe ich ein Kilo Brot bei Steinecke. 6, 50 Euro für ein Kilo, geschnitten. Inzwischen kenne ich die Preise und es schmeckt halt wie es schmeckt und morgen brauchen wir schon wieder eins. Bei mir hielt das Bio Brot von der hippen Hansi Bäckerei eine Woche. Irgendwie liebe ich es zu funktionieren und bei allem Geschrei und Gezeter gebraucht zu werden.

Nach Hause fahrn

Warum habe ich nicht gefragt? Es hätte sich sicher jemand gefunden, der mich mitgenommen hätte. Aber ich bin es nicht mehr gewohnt, um Hilfe zu bitten. In Berlin schon gar nicht. Da ist sich jeder selbst der nächste. Dabei war ich wirklich in Eile. Die S-Bahn hatte uns mal wieder in der Dunkelheit am abgelegensten Bahnhof ausgespuckt. „Weichenstörung“, war diesmal die wenig originelle Ausrede. War die Strecke nicht schon Monate zuvor gesperrt gewesen, weil angeblich neue Weichen eingebaut wurden? Egal. Stumm und ergeben trabten wir vom hell erleuchteten Bahnsteig ins dunkel dräuende Nichts Brandenburgs. Glück hatten die, die sich von einem Auto abholen lassen konnten. Partner erschienen mit geübter Routine am Ende der Treppe. Trostlose Innenbeleuchtungen funzelten auf und zeigten müde Gesichter, die sich nichts mehr sagen brauchten. Und doch waren es Lichter der Hoffnung. Wer hier einstieg, würde bald zu Hause sein. Warum habe ich nicht gefragt? Eine kleine Gefälligkeit? Ich hätte sagen können „Ich muss schnell nach B. Die Mutter meiner Kinder hat sich den Fuß gebrochen und sitzt jetzt im Rollstuhl. Drei Kinder springen herum und warten darauf, von ihrem Vater ins Bett gebracht zu werden.“ Das hätte den skeptischsten Speckgürtelbewohner weich werden lassen – und es wäre noch nicht mal gelogen gewesen. Als Beweis hätte ich meine zwei schweren Taschen zeigen können, in denen ich das Nötigste für die kommende Woche und mein komplettes Homeoffice verstaut hatte. „Grab your things. I gonna take you home, back home.“ Die Zeile von Peter Gabriels „Solsbury Hill“ ging mir schon seit Tagen durch den Kopf. Jetzt wusste ich, warum. Pop-Orakel nenne ich das. Ein Lied taucht auf, geht mir nicht mehr aus dem Kopf – und irgendwann wird klar, was das Lied mir sagen will. Manchmal ist es dann zu spät.

Also auf nach Hause. Mein neues zu Hause? Sechs Wochen mindestens, hatte der Arzt gesagt, wahrscheinlich länger dauert es, bis der Fuß wieder belastbar ist. Und danach? Wer weiß, ob wieder alles beim alten ist. Drei Kilometer Luftline sind es zu meinem neuen Heim und meinem neuen Job als Krankenpfleger, Haushaltshilfe und Gouvernante. Aber es gibt keinen Ersatzbus und bis zum Linienbus ins nächste Dorf sind es zwei Kilometer. Und wer weiß, wann der fährt und ob? Also gleich weiter. Zu Fuß mit schwerem Gepäck.

Was mich so klaglos laufen lässt, ist die Erinnerung an den Sommer, als ich vor lauter Übermut mit dem Rad hier durch die Wiesen streifte und eine Abkürzung über die Weiden fand. Überlegenes Wissen, Aussicht auf ein kleines Abenteuer und die Überraschung, es trotz aller Widerstände doch noch rechtzeitig zu schaffen, um die Medikamente aus der Apotheke zu holen, ließen mich von der Allee in den sumpfigen Seitenweg einbiegen. Allerdings war da jetzt ein weißes Band, wie von einem Elektrozaun vor den Weg gespannt. Das war im Sommer nicht da. Auch scheint mir der Weg enger als ich ihn in Erinnerung hatte. Aber er führt genau auf das kleine Wäldchen zu, an dem ich damals von der Straße abgebogen war. Im Halbdunkel schnaubt ein Pferd und kommt erwartungsvoll auf mich zugetrabt. Ich habe keine Angst vor Pferden, vor allem nicht, wenn sie hinter einem Zaun stehen. Aber Pferde gab es im Sommer hier auch nicht. Und dann stehe ich vor dem Fließ. So nennt man die sumpfigen Wasserläufe, die hier den Boden entwässern. Ein paar hundert Meter weiter ist die Straße, auf die ich wollte, aber es ist kein Durchkommen. Der Weg läuft weiter am Wasser nach Norden, zurück zur Bahn. Meine Arme werden langsam lahm von den Taschen. Pferdemist klebt an meinen Schuhen. Da kommt ein Licht auf mich zu. Gleißend und blendend. Automatisch sage ich „Guten Abend“ zu dem Licht und der Gruß kommt als Echo zurück. Dann ist es wieder dunkel und ich sehe vor einem eisernen Gatter. Ich will noch nicht aufgeben und mache mich an dem Bolzen zu schaffen, der als Verschluss dient. Schließlich komme ich vom Land und kenne die Dinger. Da wird es hell. „Was machen sie da?“ fragt mich das Licht. „Ich muss nach B.“, sage ich. Die S-Bahn hat mich hier rausgeworfen.“ Als sei das eine Erklärung dafür, dass ein Mensch mit Büroschuhen, langem Wollmantel und zwei Taschen nachts vor einem Pferdegatter steht. „Da war eine Absperrung vor dem Weg“, murrt das Licht hinter dem ich, nachdem meine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt haben, eine blonde Pferdefrau entdecke. Reiterhosen, Stiefel, Daunenjacke. Ich schweige wieder. Und wieder könnte ich die Geschichte mit dem Rollstuhl und den Kindern erzählen. Aber da hat die Pferdefrau schon das Gatter geöffnet. Das sei ein Pferdezuchtbetrieb erklärt sie streng, da dürfe nicht jeder herumlaufen. Doch es scheint ihr lieber zu sein mich über das riesige Betriebsgelände zur Straße zu lotsen, als mich über die Pferdekoppeln zurück zu schicken. Als ich in B ankomme steht schon ein Nachbar vor der Tür. Er hat die Medikamente geholt, bevor die Apotheke zugemacht hat. „So ist das hier auf dem Dorf.“, doziert er stolz. „Man hilft sich ohne zu fragen.“