Ist eine Ärztin in meiner Leserschaft, oder wenigstens ein Botaniker? Bitte melden sie sich schnell. Es geht um Leben und Tod. Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn und im Bauch ist mir blümerant.
Frau Doktor, nach einer harten Arbeitswoche ging ich Waldbaden. Soll man jetzt ja so machen. Ich ging also nur im Park so für mich hin, nach schmackhaften Früchten stand mir der Sinn. Ich kam an einem Baum, nein eher einem Strauch vorbei, der mich mit roten Beeren lockte. Sie müssen wissen, dass ich bei den Pfadfindern war und gelernt habe, im Wald Essbares zu finden. Bucheckern, Brombeeren, Blaubeeren, kaum gesehen wandert es in meinen Mund. Sogar Sauerampfer weiß ich im Sommer zu genießen. Meine Kinder denken, ich bin ein Pferd. Aber als Pfadfinder hab ich natürlich gelernt: Iss nie etwas, was du nicht kennst. Von Pilzen lasse ich die Finger. Von Vogelbeeren auch. Aber diese roten Dinger, sehen die nicht aus wie Kirschen? Oder sehen Kirschen nicht irgendwie anders aus? So mit Zacken an den Blättern?
Und ich weiß nicht wie’s passiert ist, schon hab ich so ein Ding im Mund. Nicht schlecht, ein bisschen sauer, Kern in der Mitte. Doch eine Kirsche? Aber ist die Kirschenzeit nicht schon vorbei? Wer weiß das heutzutage noch , wo es alles zu jeder Zeit im Supermarkt gibt? Das war doch jetzt nicht schlimm, oder? Ich meine, das ist doch ein öffentlicher Park, da darf doch gar nichts Giftiges wachsen. Da passt doch einer drauf auf, schon wegen der Kinder, so von Amts wegen? So richtig glaube ich das aber nicht mehr. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass sich die Berliner Grünflächenämter in die ewigen Ferien verabschiedet haben, wenn ich so in die Botanik schaue und sehe wie alles zuwächst.
Jetzt weiß ich nicht was ich tun soll. Klatschnass bin ich, was nicht daran liegen kann dass es nach dem letzten Schauer im heißen Park dampft wie im Urwald und dass ich eine Jacke anhabe, weils ja eben noch geregnet hat. Um es kann auch nicht am Schwedenbecher liegen, den ich im Eiscafe mit extra Eierlikör bestellt habe. Ach sie wissen nicht was ein Schwedenbecher ist? Ist auch egal. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Bitte melden Sie sich schnell….
Es dauert immer ein bisschen zu lange als dass es noch schön wäre. Es ist immer ein bisschen zu heftig als dass ich mich noch sicher fühlte. Der Wolkenbruch, der dritte heute, wann hört er auf? Wann ist es soweit, dass es in deinen Keller läuft? Der Sturm neulich, der an deinem Fenster gerüttelt hat wie du es noch nie erlebt hast. Wann ist er so stark, dass er die Scheiben eindrückt? An der Straße übervolle Obstläden. Die ganze Pracht des Sommers aus der Türkei und aus Spanien. Wie lange noch? Wann sind dort die Böden ausgelaugt, das Grundwasser über die durstigen Früchte ausgegossen? Wann werden die Karawanen der Lastwagen, die uns Tag und Nacht die Schätze des Südens bringen verdursten und mit leeren Tanks auf den Rastplätzen verschmoren? „Wasser gibt es in Spanien genug.“, lacht die stämmige blonde Frau neben mir am Cafétisch höhnisch. „Lassen sie sich nichts erzählen.“ Ihr Wohnmobil steht um die Ecke, ihr Hund leckt mir die Hand. „Spanischer Wasserhund, hab ich da von der Straße gerettet.“, sagt sie stolz. Sie ist zu Besuch bei ihrer Tochter, aber sonst ist sie auch ein Straßenhund. Pendelt hin und her. „Ich schmeiß mein Geld doch nicht mehr für eine Wohnung hier raus.“ Sie will, dass es frei und selbstbestimmt klingt. Ich glaube ihr nicht. „Freiheit, Freiheit, so nennens die andern…“ Ich bin froh, dass es etwas gibt, was ich mich hier hält. Aber auch das kann morgen weg sein. In sechs Jahren wollen wir kriegsfähig sein, sagt der Verteidigungsminister (Streichholz und Benzinkanister…), der gerade Kanonenboote nach den Philippinen schickt. Dann werden meine Jungs 18 sein. Wir werden wieder eine Wehrpflicht haben. Nein, meine Söhne geb ich nicht. „Dann sollen sie bei der Bundeswehr studieren, dann kommen sie nicht an die gefährlichen Stellen.“, meint die Mutter meiner Söhne. Ich kann nicht glauben, dass sie das so abgebrüht sieht. Sterben für unseren Lebensstil? Für täglich frische Melonen aus der Türkei? An der Ecke hat ein neuer Döner aufgemacht. „Einsfuffsich!“ nuschelt der hübsche Junge mit dem hellblauen Pullover, den leuchtenden Augen und der dicken schwarzen Tolle, als ich meinen Ayran auf die Theke stelle. Er ist 13 oder 14 und ich hoffe, dass er hier nur zu Besuch ist und sein schlechtes Deutsch nicht auf einer Berliner Schule gelernt hat. Er ist ganz Freude, ganz Zukunft und stolz auf seine neue Aufgabe. Vielleicht liegt er in fünf Jahren mit meinen Söhnen im Schützengraben. Vielleicht auch auf der anderen Seite.
Ich suche nach etwas, was mich fröhlicher macht und finde einen Kaugummiautomaten, der noch funktioniert. Ein kleines Glück für nen Zehner. Das gibts auch noch.
Die Stimmung war gut. Mein Bruder hatte uns mit seinem alten Mercedes zum Bahnhof gefahren, wir waren damit prima das Ahrtal hinunter gekommen, hatten meinen Jungs die verlassenen Weinberge gezeigt, die wir damals statt einer Rodelbahn hinuntergebrettert waren und hatten noch Zeit für einen Kaffee auf dem Bahnhofsvorplatz. Die Jungs bekamen ein Eis. Wir hatten ein paar Tage in einer Jugendherberge in meiner alten Heimat hinter uns und die Morgensonne schien freundlich und mild. „Ich könnt mir gut vorstellen hier als Rentner jeden Morgen meinen Kaffee zu trinken.“, schwärmte ich in neu erwachter Heimatliebe. „Es gibt schönere Orte auf der Welt.“, grinste mein Bruder, der die Welt gesehen hat und nun als abgemusteter Seebär seit ein paar Jahren versucht, unser kleines Elternhaus zu seiner neuen Heimat zu machen. Und er hatte Recht. Es war nicht nur die Schönheit des Augenblicks, die mich an den alten Ort fesselte, es war auch die Angst vor dem, was noch vor uns lag. Mein Bruder mag alle Stürme der sieben Weltmeere durchpflügt haben, ich dagegen wage immer wieder eine Fahrt von Bonn nach Berlin mit der Deutschen Bahn und zwei Kindern. Was sich harmlos anhört war in den vergangenen Jahren stets zum finalen Abenteuer unseres Urlaubs geworden. Und auch dieses Jahr sollte uns die Bahn nicht enttäuschen, nein sie sollte, das ahnte ich wohl, sich diesmal selbst übertreffen. Und was wir noch nicht wussten: Sie hatte sich dazu neue Verbündete gesucht.
Wie immer wiegte sie uns am Anfang in Sicherheit. Der ICE kam fast pünktlich, die Plätze waren reserviert und es sollte nur viereinhalb Stunden dauern. Wir saßen in einem „Sprinter“, das Flotteste, was die Bahn zu bieten hat. Und wir schafften es auch ohne Probleme bis nach Köln, sogar bis fast bis zum Hauptbahnhof, als es in einer Rechtskurve auf dem Dach schepperte. Wir standen schräg, rechts eine Schallschutzwand, links ein hoher Bahndamm und nichts ging mehr. Der schlaksige Zugführer, der die samtene rote Zugführerbinde lässig am nackten Unterarm trug, als sei sie nicht Zeichen seiner Herrschaft und Sorge über die Reisenden, sondern die Eintrittskarte zu einem Strandclub, lief ein paar mal schweigend an uns vorbei. Auch die Fahrgäste schwiegen und blickten vor allem in ihre Handys. Was muss in Deutschland passieren, damit die Menschen in einem Zug miteinander reden? Nach einer halben Stunde wurde ich aufgenommen in die Schicksalsgemeinschaft, die sich virtuell gebildet hatte. Ob ich den neusten Gossip hören wolle, fragte mich die Hochschwangere neben uns. Die Oberleitung sei gerissen und auf den Zug gefallen. Die ganze Außenhülle des Zuges stehe also unter Strom wie in einem Farradayschen Käfig. Keiner könne raus. Türen und Fenster dürfen nicht geöffnet werden. Gleichzeitig fehlte der Strom für die Klimaanlage. Wir waren gefangen. Durch eine dünne Glasscheibe vom blauen Himmel und der frischen Sommerluft getrennt. Als die Temperaturen stiegen, fragten meine Jungs mich, ob wir jetzt ersticken müssten. In meiner Not deutete ich auf die vielen kleinen Löcher in der Deckenverkleidung. Da käme die Luft raus, fabulierte ich und hoffte inständig, dass die Ingenieure bei Siemens an sowas wie eine Zwangsbelüftung gedacht hatten, die auch ohne Strom funktioniert. Sicher war ich mir nicht. Vielleicht war genau daran gespart worden. Als die Durchsage kam, dass das Bordbistro für umsonst Getränke ausgibt, wusste ich, dass die Lage ernst wurde. Ich schickte die Jungs Cola holen und sie kamen mit reicher Beute zurück. Ab da war ihr Sportsgeist geweckt. Nach zwei Stunden kam der Schaffner ins saunawarme Abteil mit der Nachricht, die Feuerwehr hätte eine Notrampe den steilen Bahndamm hoch gelegt. Aber nur für Leute, die körperlich fit seien, außerdem rutsche die Rampe, sodass nur noch wenige über sie gehen könnten. Titanicfeeling. Das letzte Rettungsboot hing schräg in den Seilen. „Das ist doch nicht steil, das schaffen wir locker.“, entschieden die Zwillinge für mich mit einem Blick aus dem Fenster. Ich ließ mich von ihrem Elan mitreißen. Das Glück ist mit den Tapferen. Alte Männer und Kinder zuerst. Wir verabschiedeten uns von der Schwangeren, der man einen Umstieg in einen anderen Zug versprach und enterten die wacklige Reeling, die von der Kölner Feuerwehr gesichert wurde. Viel Mut brauchte es tatsächlich nicht. Wie schön das Industriegebiet von Köln-Zollstock sein kann. Unter einer rostigen Brücke versammelten sich die Geretteten und sofort fing das Gezänk an. Der versprochene Bus kam nicht, ein paar Taxis waren heiß umkämpft, irgendwelche Zettel mussten ausgefüllt werden. Gezeter, wer zuerst da war und wer es am Nötigsten habe. Eine Feuerwehrfrau gab uns den Tipp, dass ein paar Hundert Meter weiter eine Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof abfährt. Brauchten wir Fahrkarten? Blöde Frage. „Isch fahr schwatz mit der KVB, die Markfuffzich dät denen doch net weh…“ Das war „Zeltinger“, Kölscher Punk aus den Achzigern. Endlich war es soweit. Ein Jugendtraum erfüllt sich. Ein Alptraum auch. Denn die Bahn, die jetzt kommt, ist so alt wie der Song und in Köln fährt die Straßenbahn zum Dom unterirdisch. Kurz vor Neumarkt blieb sie mitten im Tunnel stehen. Mit Kölscher Gemütlichkeit erzählt der Fahrer uns Verlorenen, dass die Elektrik nicht funktioniert. Er werde jetzt mal alles ausschalten und hoffen, dass sie wieder anspringt. Es wurde dunkel und unheimlich still. Wir stehen in der Röhre, schwitzende Leiber aus dem ICE um uns, nur die Displays der Handys leuchten gespenstisch (meine Söhne behaupten später, viele hätten gelacht, als die Durchsage des Fahres kam). Beim nächsten Mal, gelobe ich in meinem Innern, werde ich ganz regulär eine Fahrkarte kaufen und im Dom eine Kerze anzünden für St. Christopherus, den Heiligen, der das Christuskind über einen reißenden Fluss trug…. Das Licht ging wieder an und die Bahn ruckelt weiter. Am nächsten Bahnhof brauchen die ächzenden Falttüren beim Öffnen einen Augenblick zu lange, um mein Vertrauen in die Technik wieder herzustellen. Panisch verlasse ich mit den Kindern den Zug, haste durch das mit stumpf schlurfenden Menschenleibern vollgestopfte Unterweltreich und treibe meine Jungs die nächste Treppe hoch. Endlich Licht! Luft!
„Ui jui jui!“ , scherzt der Schaffner, der im nächsten ICE eine Erklärung verlangt, warum wir seinen Zug benutzen, wie eine schlechte Horst Evers-Parodie, „Da haben sie ja ein kleines Abenteuer erlebt. Da können sie zu Hause ja was erzählen.“ Im Bordbistro gibt es für die Jungs ein Eis kostenlos. Das nächste Mal fahre ich mit dem Schiff.
Wir fahren tapfer mit dem Rad von Leipzig nach Berlin. Durch Sachsen und Brandenburg. Es gibt viel Schönes zu sehen und viel Trauriges.
Und natürlich blühende Landschaften!
Als wir Wandervögel die blaue Blume gefunden haben, finden wir auch das Ende des Regenbogens.
Das Trostlose dieser Welt verschwindet. Und am Ende des Regenbogens steht das Haus am See.
Wir lassen uns hineinziehen in den zugewucherten Park und stehen bald vor einem echten Traumschloss.
Da kommt schon der Wächter des Schlosses (mit Ölkanne und Akkuschrauber). Er hat seinen Kafka nicht gelesen und weiß nicht, dass er uns abweisen muss. Er öffnet uns die Tür…
Das Schloss schläft seit dreißig Jahren.
Viele Stunden sind wir im Banne des Kastellans. Unglaubliches erzählt er in seiner unglaublichen Sprache. Über viele hundert Jahre spannt er den Bogen. Vom starken August bis zum magischen Investor, der hier alles bestimmt. Bis er uns endlich von dem Geist erzählt, der in diesen Mauern haust. Es ist ein Geist aus der Zeit des gottlosen Sozialismus. Es ist der Geist von Werner Lindemann, der vor sechzig Jahren, als sich das Haus „Kulturhaus“ nannte, der Herr des Schlosses war.
Und nur sein böser Sohn Till, ein berühmter Geisterbeschwörer, kann das Schloss von seinem Fluch befreien und es zu neuem Leben erwecken. Aber wo ist das Dornröschen, das er wach küssen könnte?
Dornröschen ist abgehauen. Wir sehen sie an der nächsten Bahnstation. Sie hat den bösen Till schon getroffen. Geküsst hat sie ihn dabei hoffentlich nicht…
Wieder so eine Geschichte, die aufgeschrieben werden muss, die zu schade wäre, um vergessen zu werden. Gehe ich also gestern endlich mal vor die Tür, nicht so einfach um die Ecke, sondern nach Berlin-Neukölln. Das ist sozusagen das Paralleluniversum zum Wedding: Das Gleiche noch mal auf der anderen Seite der Stadt, aber mit noch mehr Dönerbuden, Handyshops und Hippster-Bars. Und es gibt den Heimathafen – eine Hinterhof-Bühne in einem prächtigen Gründerzeit-Saal, die etwas im Programm hat, was ich bei mir im Kiez vermisse: Türkischen Pop. Ernsthaft.
Als ich vor fast dreißig Jahren in Berlin ankam kriegte ich eine Kassette mit türkischen Popsongs in die Hand. Leierte ich dann von hinten nach vorn. Treibender Rhythmus, traurige Stimmen, passte zur Stadt. Tarkans „Kiss Kiss“ wurde dann später zum Hit, zumindest im „Radio Multkiulti“ vom rbb, das inzwischen eingestellt wurde, wie auch das politische Projekt gleichen Namens. De Film „Crossing the Bridge“ von Fathi Akim über die aktuelle türkische Musikszene hat mich dann nach Istanbul gebracht. Viel später kamen dann „Songs of Gastarbeiter“ und der Film „Liebe, D-Mark und Tod“, über die Musik der Gastarbeitergeneration. So, das muss man also wissen, um zu verstehen, warum ich einmal durch die Stadt gereist bin, um bei „Gasino Nights“ dabei zu sein, die mir eine Show mit deutschen und türkischen Schlagern der 90er versprachen. Vielleicht hab ich auch das, was meine Tochter FOMO nennen würde (Fear of missing out), Angst was zu verpassen, vielleicht wollte ich auch einfach mal raus und was anderes sehen. Immerhin ist es Sommer, auch wenn´s sich nicht so anfühlt.
Sitze ich also da, möglichst weit weg von der Bühne und der Band und alleine am Tisch, denn wenn ich etwas nicht mag, dann ist es von Entertainern zum Mitmachen animiert zu werden. Hat aber nix genützt. Nach ein paar netten Stücken von türkischen Interpreten wurde ein Saal-Quiz ausgerufen. Gehört anscheinend zu einem Gazino dazu. Filmmusik aus den 90ern erraten, die von der Band gespielt wird. Beim ersten kam ich noch mit (Pretty Woman) bei den weiteren verlor ich das Interesse und beim dritten merke ich plötzlich den grellen Saalscheinwerfer auf mich gedreht. Die Musik ist aus, der Saal verstummt und gefühlt alle Augen sind auf mich gerichtet. Hab ich die Hand gehoben? Ich hab doch gar nicht zugehört. Geblendet schmerzt mich das erwartungsvolle Schweigen aus ungezählten Mündern. Ich bin schuld dass der Abend versaut wird und ich bin verloren, ganz klar. Aber wir sind nicht im engen Prag Franz Kafkas, wir sind im quirligsten Teil von Berlin – der Stadt in der alles möglich ist. Und so wundert es mich gar nicht, dass so plötzlich, wie das Licht erschien, jetzt dieses Wesen neben mir auftaucht und „Palp Fickschn…“ flüstert. „Pulp Fiction!“, rufe ich in den Saal und ein Jubel erhebt sich. Eine bezaubernde Assistentin in glitzerndem Frack schwebt auf mich zu und überreicht mir, mit natürlich bezauberndem Lächeln eine Flasche Sekt. Ich bin der Gewinner des Abends! Das Licht geht aus und die Show geht weiter. We can be Heroes just for a day. Aber wir sind hier immer noch in Berlin-Neukölln. Hier gibt es nichts geschenkt. Das hätte ich wissen müssen. Hier gilt das Gesetz der Straße. Geben und Nehmen. Und besser Nehmen als Geben „Also ehrlich jesacht“, kommt es jetzt von rechts, „ist dit ja mein Schampus“. Das Wesen, das mir der Himmel geschickt hatte, war nicht in der Dunkelheit verschwunden, die mich jetzt wieder schützend umgibt. Und ich bin mir jetzt auch nicht mehr sicher, ob es wirklich vom Himmel kam. Ich hab im Dunkeln noch nie gut sehen können, aber ich vermute, dass es eine Frau ist, nicht besonders groß, Pferdeschwanz, die mich jetzt von der Seite anmacht. „Ick meine, ick hab mich neben sie jesetzt, weil wa heute Ahmd keen Jeld hatten, um uns was zu trinken ze koofen.“, kommt es mit Reibeisenstimme aus dem Off. „Und da dachten wir, ich jeh ihn ma een bisschen unta die Arme.“ „Und so ne Flasche Sekt wäre schon nett. Meine Freundin und ich sitzn da drübn am Tisch, wenn´s ihnen nix ausmacht.“ Einen Augenblick stutze ich: Geht das nicht eigentlich umgekehrt? Zuerst setzt sich die Animierdame an den Tisch und dann bestellt der Gast den Sekt? Aber da hat mein resoluter guter Geist schon drei Gläser besorgt, mich an den Tisch gelotst und ihre Freundin vorgestellt. Höchste Zeit die Bremse zu ziehen. „Ich trinke gar keinen Sekt.“, sag ich sauertöpfisch. “ Echt nich? Was trinken se denn? „Bier ist mir lieber“. Na wissene se wat, dann koof ick ihnen een Bier. Zu dritt is so ne Flasche eh n bisschen klein.“ Sagt’s und kommt mit einem Glas Frischgezapftem wieder. Doch ein guter Geist. Und was soll ich sagen? Es wurde noch ein richtig netter Abend. Natürlich kriege ich von den beiden beschwippsten Freundinnen mal im Duett, mal im Wechselgesang wie es nur beste Freundinnen hinbekommen, bald das ganze Leben meiner Wohltäterin erzählt, die, wie alle in Berlin, irgendwas mit Kunst, Selbsterfahrung und langen Reisen gemacht hatte. Ich weiß zwar nicht mehr genau, warum wir dann später am Tisch der Frauengruppe aus Marzahn landeten, aber ich weiß noch ganz genau, dass die türkische Trans-Frau, die als Höhepunkt der Show auftrat, das schönste Lächeln hatte und den besten Bauchtanz hinlegte, den ich je gesehen habe.
Ich weiß, es klingt albern, aber ich habe das Licht gesehen. Ein Licht in der Dunkelheit. Es kam, als ich es am wenigsten erwartet habe. So wie das immer versprochen wird. Das klingt nach Christen-Kitsch, nach baptistischen Erweckungserlebnis, nach der Szene in „Blues Brothers“, als das Licht in Strömen durch das Kirchendach auf den Erleuchteten fällt. So war es natürlich nicht, es war anders. Aber es ist wahr. Ich habe ja schon einiges ausprobiert in den letzten Jahrzehnten um die Grenzen meines Bewusstseins etwas zu erweitern, oder zumindest etwas Seelenfrieden zu finden. Ich habe mit Qui Gong angefangen. Aber das Licht war nicht beim Qui Gong. Ich habe viele Jahre Yoga gemacht, aber das Licht war nicht beim Yoga. Ich habe gefastet, aber das Licht kam nicht durch das Fasten. Ich habe gefastet und Yoga gemacht. Das hat mir einen unglaublichen Kick gegeben, aber erleuchtet hat es mich auch nicht und die Ankunft in der Wirklichkeit war hart. Ich habe auch Bücher gelesen wie man Motorradfahren und Zen-Praxis verbindet. Und tatsächlich denkt man an nichts, wenn man einen Alpenpass hinauf fährt, außer an die nächste Serpentine. Aber irgendwann ist auch der höchste Pass erreicht, und dann geht’s wieder runter. Mantrasingen ist auch nicht schlecht. In einem Kreis stehen, in einem nur von Kerzen erleuchteten Raum und gemeinsam „Im Dunkel der Nacht“ singen, da passiert was, da hebt es die Decke, da fühlt es sich an, als würde ein Energiestrahl bis ins All fliegen. Seitdem mag ich gregorianische Choräle und romanische Kirchen. Aber es ward kein Licht. Es gab noch ein paar Versuche mit Karate, Tantra, schamanischen Trommmelritualen, Gospelsingen und irgendwelche Übungen zu Sonnenaufgang auf einem taunassen Hügel über dem Oderbruch. Alles nicht schlecht. Irgendwann habe ich es aufgegeben. Das Spirituelle und ich sind keine Freunde geworden. Mir fehlt wohl die Disziplin, oder die Verzweiflung an der Welt hat sich etwas gelegt. Ich finde in der begrenzten menschlichen Realität inzwischen auch einiges, was mich freut und mich am Leben hält. Geblieben sind ein paar Atemübungen, die ich praktiziere, wenn ich nachts um zwei immer noch nicht schlafen kann. Also ziemlich oft. Aber dazu habe ich auch nicht immer Lust. Und deshalb nehme ich oft die bequemere Methode und schleiche zur Speisekammer. Dort liegt mein Vorrat an „Nussknacker Vollmilch“ von Lidl. Ich habe viele Sorten ausprobiert, aber nur die hilft. Zwei Riegel davon in meditativer Sille gekaut sind besser als eine Schlaftablette. Und dabei ist es passiert. Neulich in einer dunklen Neumondnacht. Die Schokolade ist in Folie verpackt und diese Folie ist an einer Naht zusammengeklebt. Und als ich in meiner Gier die Folie aufriss, war da ein kleines, phosphorisierndes Leuchten. Vielleicht ist es der Klebstoff, der dieses Licht abgibt, wenn man ihn auseinander zieht. Ich gebe zu, ich hatte gedacht, dass das Licht, das mir zugeteilt ist, etwas heller leuchtet, nicht gleich wie der Stern von Betlehem, aber so ähnlich. Aber immerhin, es ist ein Licht und es ist mein Licht. „This Little light of mine. I gonna let it shine!“
Jetzt trifft man sie wieder: Die alten Freunde auf den alten Festen. Es ist noch nicht Sommer, es ist kalt, aber man wärmt sich aneinander. Jedes Jahr, genau Mitte Juni feiert ein Freund Geburtstag. Früher in abgeranzten Kneipen neben den besetzten Häusern in der Rigaer Straße, jetzt zwei Kilometer östlich, im handtuchgroßen Gartenstück hinter dem Reihenhaus. Die Leute sind die gleichen geblieben und die Sprüche die alten. Die Gesichter verschrumpelt, die Bäuche dicker, die Haare dünner. Aber es tut so gut, sie wieder zu sehen. Oder soll ich sagen: wieder gesehen zu werden? Die meisten hier treffe ich nur einmal im Jahr und trotzdem grüßen sie mich mit Namen. Und über die Jahre habe ich mir auch ihre gemerkt. Es sind seine Freunde, nicht meine, und trotzdem teilt man ein Stück Leben. Früher waren die Kinder dabei, jetzt steht ein stämmiger Mann am Grill, dem man nicht nur an der sonnenverbrannten Haut den Handwerker ansieht. „Conny?“, frage ich ungläubig, denn der Conny, den ich in Erinnerung habe ist ein feingliedriges, blondes Kerlchen, der mit meiner Tochter im Sandkasten saß. Artig und respektvoll tasten wir die gemeinsamen Lebensstationen ab. Ich merke, dass er stolz ist, von seinem jetzigen Leben berichten zu können und er erwähnt mit keinem Wort die Zeit in den Clubs, die Drogen und die Therapie. Davon höre ich später von seinem glücklichen Vater. Ich höre auch von Kindern, die wieder bei ihren Eltern eingezogen sind, weil sie keine Wohnung finden und von Enkeln, die in Singapur geboren wurden. Auch eine Ex des Gastgebers ist eingeladen. Was war das damals für ein Drama. On, off, on…monatelang. Nächte beim Bier als Lebensberater. Jetzt steht sie mit ihrem neuen Partner hier, der Comics zeichnet und ein guter Zuhörer ist. „Na, bist du wieder mit deinem Motorrad gekommen?“, schlägt mir einer von hinten auf die Schulter. Und ich darf Jürgen, der seit drei Jahren in Rente ist die ganze Geschichte von meinem Sturz, dem Krankenhaus und dem Verkauf meiner Maschine erzählen. Was für eine Wohltat. Was für ein Unterschied zu den gehetzten Lageberichten mit den Freunden, die noch in Arbeit sind oder den müden Telefonaten mit der Mutter meiner Kinder. „Meinen 60ten werde ich nicht feiern, da werde ich abhauen, irgendwohin.“, verrät mir der Gastgeber, während wir mein Moped aus dem Fahrradschuppen ziehen. Und dann bleibt er stehen. „Ich bleib noch, bis du den Motor angeworfen hast. Ich will wissen, wie deine neue Höllenmaschine klingt.“
Übrigens: Das ist nicht der berühmte Euro-Rettungsschirm, sondern ein Überbleibsel von meinem Einsatz während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2007. Eine Zeit vor Währungskrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise und Corona. War eine tolle Stimmung damals unter den europäischen Besuchern. Mein privates Sommermärchen.
Draußen ist es dunkel. Dicke Gewitterwolken hängen über den schmucklosen, heruntergekommenen Betonbauten. Gleich nebenan ist ein Stück vom Todesstreifen der Berliner Mauer erhalten geblieben. Niemandsland, mitten in der Stadt. Was habe ich hier zu suchen? In einem leeren, weiß gekachelten Raum sollen sich hier um halb sieben abends ein paar Menschen gereiften Alters treffen, sagte die Redakteurin unseres Kiezmagazins – um zu lachen. Stumm verfluche ich meine Neugier, die mich den Auftrag annehmen ließ und trete ein. Wenn man als Lokalreporter in einem Stadtteil wie Berlin Wedding unterwegs ist, kriegt man einiges zu sehen. Obdachlosenküchen, dubiose Asia-Restaurants und lesbische Lettinen, die in leeren Hinterhöfen Wolle spinnen. Alles da. Aber gelacht, gelacht hat hier noch nie jemand. Und ich, wann hab ich zum letzten Mal gelacht? Hab ich deshalb den Job übernommen?
Sie fängt mit Händeklatschen an. Klatschen, in die Hände klatschen. Das kann doch jeder. Da können alle mitmachen. Auch ich. Ja, aber auch das kann man lustvoller gestalten, meint die blonde Frau mit dem Flip-Chart. Nicht klatschen wie am Konzertabend, sondern so, wie es die Kinder tun – mit der ganzen Handfläche. So kommt Freude auf. Macht wirklich einen Unterschied. Und lachen, lachen kann doch auch jede und jeder. Wenn man es sich traut, vor anderen Menschen, die man nicht kennt laut los zu lachen. Wir fangen deshalb mit einem einfachen „Ha“ an und steigern uns dann schnell über „Ha Ha“ zu einem hölzernen „Ha Ha Ha!“ Na also, geht doch! Aber zu früh gefreut. Lachen lernen ist eine ernste Angelegenheit. Auf dem Flip-Chart steht jetzt die Deklination des Gelernten in die fünf Lachvokale auf dem Programm: Ha Ha, He He, Hi Hi und so weiter. Und alle noch ein Mal: Ha Ha, He He….Ich fühle mich ein wenig wie in dem Loriot-Sketch „Das Jodeldiplom“. Gleich werden wir wohl das zweite Lach-Futur bei Sonnenaufgang beigebracht bekommen. Aber so schlimm kommts nicht. Jetzt laufen wir im Raum umher, schauen uns an und natürlich – lachen uns an. Und weiter mit Berührung: Finger ausstrecken, Finger berühren, sich anschauen und: lachen! Langsam klingt es nicht mehr so blechern, manchmal kommt auch mal ein Jauchzen dazwischen oder ein albernes Kichern. Und immer wichtig: Blickkontakt! Wie soll man sonst wissen, ob jemand mit einem lacht oder über einen? Ich begegne dankbaren Blicken, fröhlichen aber auch immer noch skeptischen und zögerlichen. Liegt das an mir? Wie hört sich denn mein Lachen an? Wie schaue ich denn? Bin ich hier der einzige Mann? Nee, da hinten ist noch einer. Doch bevor mich allzu viele Selbstzweifel plagen werden wir schon wieder durcheinander gewirbelt und mit neuen Gründen für`s Lachen versorgt. So geht das fast eine Stunde und am Ende haben alle mal mit allen gelacht und alle Körperteile sind einmal durchbewegt worden. Lachyoga nennt sich das alles, hat aber eher was von Ringelpiez mit Anfassen in der Seniorentagesstätte. In dem weiß gekachelten Raum, der früher mal die Waschküche des Häuserblocks war, hält sich die Fröhlichkeit nicht lange. Kaum hat die Lachlehrerin die letzte Übung von ihrem Flip-Chart abgelesen, werden alle wieder ruhig und reserviert. Wir helfen uns gegenseitig in unsere Jacken und einige rauchen draußen noch eine Zigarette zusammen. Die Gesichter sind entspannt, doch schnell landen wir wieder bei schweren Themen von Politik und Alltag. Unter einer verrosteten Eisenbahnbrücke, an einem Friedhof entlang, in dem das goldene Turmkreuz einer gesprengten Kirche liegt mache ich auf den Heimweg. War das wirklich ich, der da gelacht hat, und was soll ich jetzt schreiben?
Wieder so ein Feierabend. Sonne scheint, Luft riecht gut der Himmel hängt hoch. Endlich! Aber keiner da für ein bisschen dummes Gerede in einem Biergarten, oder einem Café. Keine Kraft, jemand anzurufen, warum immer ich? Nach Hause will ich nicht. Nach einem Wochenende mit meinen lauten Jungs ist die Wohnung immer so leer und leise. Schnecken haben sie nochmal gesammelt, nachdem uns der Regen im Park überrascht hat. Sie haben ihnen noch mal Nester aus Blättern und Stöckchen gebaut. Aber dann haben sie sich zerstritten und die Tiere draußen im Hof ihrem Schicksal überlassen.
Also schlinger ich ein bisschen durch die Stadt. Kenn ich. Alles was ich sehe, hab ich schon mal gesehn. Mal was Neues ausprobieren. SuperCoop? Da will ich nicht hin, muss aber. Muss man ja unterstützen, wenn sich 500 Leute zusammentun und einen Bio-Supermarkt gründen. Muss man? Die Idee käme aus New York, schreiben die jungen Rotzlöffel. Was wissen die denn? Hätten nicht nach Amerika fliegen müssen, die Klimaretter, hätten mich mal fragen sollen. „Wurzelwerk“ hieß der selbstverwaltete Bio-Laden im Friedrichshain, in dem ich schon in den 90ern im Vorstand war. Danach LPG und dann „Natürlich Bio“. Bis der letztes Jahr pleite ging. War nicht schade drum. Die überreifen Tomaten und welken Salate hab ich am Ende nur noch gekauft, weil ich die Besitzerin nach 10 Jahren nicht im Stich lassen wollte. Will ich mir jetzt wirklich wieder die Abende um die Ohren hauen wegen der Frage, ob man im Winter Paprika aus Ägypten ins Regal nehmen soll? Und dann sehen, dass deine Leute sie dann doch einfach bei Edeka kaufen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Die Coop-Regale in der alten Fabrikhalle haben den Charme eines Lebensmittellagers vom Roten Kreuz. Nur keine Begierden wecken. Freundlich erklärt mir die junge Frau mit den kunstvoll vernachlässigten Haaren die Konditionen für den Kennenlernabend und den obligatorischen Arbeitseinsatz. Nur nicht sagen, dass sie mir gefällt. Nur keine Begierden wecken. Keine Lust hier zu stöbern, keine Lust, was auszuprobieren. Lieber wieder wie gestern unbekannte Früchte und verlockend glänzende Berge gerösteter Nüsse beim Baharat-Markt kosten als krümmliges Knabbergebäck zum selbst Abfüllen. Raus hier. Gehe heute lieber zu Ramona ins Café Kibo. Ramona war mal blond, heute hat sie eine schwarze, stachlige Punk-Frisur. „Du wirst immer schöner“, fange ich an. „Hab ich gemacht, weil ich Frust hatte.“, winkt sie ab. Ihre Tochter, die mit meinen Jungs in der Kita war, hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Den Vater auch nicht. „Wie willst du deinen Kaffee?“ Ein Satz, und ich fühle mich willkommen. Die Bistro-Tische sind klapprig, die Farbe ist abgeplatzt, nebenan hat einer in der Shisha-Bar das große Wort. „Sagt der: Du hast Bankkaufmann gelernt, für einen Dönerladen bist du total überqualifiziert..“ Dann gehts weiter mit Autos und Tricks bei den Versicherungen. Der Sound des Wedding. Nach einer Ewigkeit kommt der Kaffee. Der schlacksige Kerl, der ihn zu meinem Tisch balanciert ist neu hier und hat einen drolligen französischen Akzent. „Tut mir leid, hab dich total vergessen. Ramona sagt, der Kaffee geht aufs Haus.“