

Elon Musk chattet mit Alice Weidel über Star Link. (gesehen in der Jugendherberge Füssen)

Nein, Alkohol ist auch keine Lösung, obwohl das viele hier versuchen. Und nach der Sylvesternacht nüchtern durch mein Viertel zu gehen, ist an diesen unwirklichen Tagen zwischen den Jahren wirklich nicht einfach. Geflüchtet unter ein Brandenburger Flachdach komme ich am Neujahrstag zurück und mache meine jährliche Runde um den Block. Aber ich weiß immer noch nicht, ob das hier noch lebt, oder ob ich in einer untoten Stadt gelandet bin. Freunde waren im vergangenen Jahr in den USA und erzählten von Stadtzentren, in denen alle Läden geschlossen waren und sich auf den Straßen nur noch Menschen bewegten, die wie Zombies aussahen. Ich sach mal: Den Flug hätten sie sich sparen können. Hätten sie sich mal in die BVG gesetzt und wären mich besuchen gekommen. Allerdings: Weit wären sie damit nicht gekommen. Denn seit Sylvester fährt die Straßenbahn hier nicht mehr. Ausgestorben und leer sind die Haltestellen, verstummt die ratternden Schienen, ein großer Krater mitten auf der Strecke. Keine Kugelbombe wars, sondern ein 100 Jahre altes gusseisernes Wasserrohr ist gleich nach dem Feuerwerk geplatzt. Zu viel Vibration. Hätte längst ausgetauscht werden sollen, aber das hätte ja bedeutet, dass man die Straßenbahn hätte stilllegen müssen. Jetzt kann man hier Geisterbahn fahren, oder schnallt sich besser gleich die Rollschuhe unter.

Menschen, die unter einem Haufen Decken schlafen, und bei denen man nicht weiß, ob darunter noch ein lebender Körper liegt, gibt es hier auch in vielen Hauseingängen. So viele, dass ich sie schon nicht mehr wahrnehme. Einem, der immer würdevoll aufrecht vor einem neu renovierten leeren Ladengeschäft sitzt und aussieht wie eine Mischung zwischen Weihnachtsmann und indischem Guru hab ich gestern ein paar Münzen in die Filzpantoffel gesteckt, die er vor seinem Lager aufgestellt hat.
Bleiben die Zombie-Läden. Es werden immer mehr Läden in den Haupt- und Nebenstraßen, bei denen ich mich frage: Lebt da noch was? Machen die noch mal auf? Wird das noch was oder kommt da noch was Neues? Laden zu, Auslage leer und nicht immer ein Schild, das einem sagt was hier mal war, ob hier was kommt, oder ob einfach nur bis zum Ende der Weihnachtsferien zu ist. Der Uhrmacher, der Optiker und der Musikalienladen sind schon lange weg. Hier sind jetzt ein Shisha-Shop, eine Obdachlosenberatung oder auch einfach das Nichts eingezogen.







Und dann gibt es noch die Geschäfte, von denen man denkt, die sind doch bestimmt tot, da ist doch alles vorbei. Und dann brennt da doch noch ein kleines Licht, dann geht es doch irgendwie weiter. Die Fischerpinte am Plötzensee, die noch so lange leben darf, bis der Besitzer stirbt, der Angelladen, der gleich neben den leeren Schaufenstern seines alten Geschäfts ein neues Geschäft aufgemacht hat, der Buchladen, den die beiden Besitzer schon mehr als 40 Jahre führen und so lange offen halten wollen, bis sie umfallen. Und der windschiefe Kiosk von Herrn Nguyen, der die Nachbarschaft mit Schnaps und guten Worten versorgt. Und natürlich der Karstadt. Dieser riesige leere Betonklotz, der mit seinen zerrissenen und im Wind wehenden grauen Sicherungsnetzen an der Fassade schon von alleine aussieht wie eine Kulisse aus einem Endzeitfilm. Am Anfang des Jahres soll hier ein LIDL einziehen. Wenigstens ins Erdgeschoss. Na, ist doch was.







Ja und noch schöner ist es im neuen Jahr was wirklich Neues zu entdecken. Gleich neben dem nassen Loch in der Straßenbahntrasse sehe ich in der Nebenstraße diesen strahlenden Engel. Ein Geschäft mit Glamour und Schönheit in dieser grauen Ecke. Ja, ja: Es geht immer weiter. Und die Überraschungen hören nicht auf. Auch auf diesem Blog. Ein schönes neues Jahr wünsche ich euch.



Der alte Mann in der roten Daunenjacke hält sich an einem Glas Kräuterschnaps fest. Er ist der einzige Gast in dem riesigen Döner-Restaurant, dem einzigen Lichtblick in der verwaisten Fußgängerzone einer sterbenden Stahlstadt im Norden von Berlin. Was macht er hier am Heiligabend um halb Vier? Wo andere sich mit ihrer Familie um den Weihnachtsbaum scharen und Geschenkpapier zerfetzen? Ist es einer der verwahrlosten Stadtstreicher, die ihr erbetteltes Geld in Alkohol umsetzen, oder ist es einer dieser trostlosen Weihnachtsmanndarsteller, der sich für seinen schlechten Auftritt bei ungläubigen Kindern in warmen Eigenheimen in den Vorortsiedlungen vorbereitet, um seine mickrige Rente aufzubessern? Vielleicht ist es auch nur ein einsamer alter Mann, der nirgendwo hin gehört an einem Abend, an dem niemand einsam sein sollte. „Have you seen the old man outside the seaman’s mission…? Selbst die tuschelnden Männer hinter dem Tresen, die in einer Sprache sprechen, die er nicht versteht, und denen Weihnachten nichts bedeutet, sind heute zu zweit.
Wie lange darf man mit einem Schnaps in der warmen Gaststube bleiben? Reicht das Geld für einen zweiten oder muss er bald los in die Kälte, dorthin wo die blinkende Weihnachtsbeleuchtung höhnisch strahlt. Diese Lichter wärmen ihn nicht. Es ist kurz vor Vier als er sich müde und seufzend erhebt um nach dem Preis für den kurzen Augenblick der Wärme zu fragen. Wortlos schiebt er drei Euro in die Hand des Wirts. Kein Gruß, kein „Frohe Weihnachten“. Wieso auch?
Auf seinem Weg zurück sieht er andere Verlorene. Eingehakte Paare, denen es zu Hause zu eng wurde. Einen Vater mit einem Lastenrad, der mit seinen drei Kinder das Weihnachtsessen bei „Call a Pizza“ abholt; und das erinnert ihn, dass er ja auch drei Söhne hat, denen er versprochen hat, am nächsten Tag zu Mc Donalds zu gehen. Der einzige Weg sie dazu zu bringen, heute ihre heilige Christenpflicht zu erfüllen und am Heiligabend anderen Menschen eine Freude zu machen. Müde von dem langen Kampf, der schon seit Wochen währt wankt er die Stufen zur Kirche hoch, über deren Eingang ein einsamer roter Herrenhuther Stern leuchtet. Ist das sein Nachtasyl? Hofft er auf etwas Barmherzigkeit oder eine Pause von seinem harten Leben? Der Kirchendiener drückt ihm ein Heft mit Weihnachtsliedern in die Hand und wünscht freundlich ihm eine „Frohe Weihnacht“, was den Alten in seinem Grimm erschreckt. Was hat das hier mit Weihnachten zu tun? Er quetscht sich in eine der vollbesetzten Holzbänke. Der Pfarrer schnoddert in bestem Berlinerisch die Lithurgie herunter. Der Organist eiert die bekannten Melodien. Es klingt wie Karussellmusik auf dem Jahrmarkt. Die Gemeinde hält nach Kräften mit. Doch da erklingt wie aus anderen Sphären von der Empore der Kinderchor. Auch schief, weil zu wenig geübt und zu viel mit den Handys gespielt, aber dabei, glockenklar, die Stimmen seiner Jungs. Auf die letzte Minute hatte er sie zur Generalprobe hier abgeliefert, nur unter Protest hatten sie die weißen Hemden angezogen, aber immerhin waren sie mitgekommen. Und jetzt singen sie „ und soll es werden Frieden auf Erden; den Menschen allen ein Wohlgefallen…“ Na, das kann ja eine schöne Weihnacht werden.

Die Briefmarken gibt es hier in der Apotheke. Ich hatte gefragt, ob man in dieser Einkaufswagenburg aus Aldi, Rewe und dm, die um einen quadratischen Parkplatz gebaut wurde, irgendwo Briefmarken für die Weihnachtspostkarten kaufen kann. „Ne, weiß ich nicht. Weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal eine Postkarte geschrieben hab.“, sinniert die Apothekerin jovial. Dann greift sie unter den Ladentisch und holt eine Rolle Marken hervor. „Aber ich kann ihnen ein paar von unseren geben. Aus der Portokasse, sozusagen. Wieviel brauchen sie denn?“. So ist das hier. Die Bedürfnisse werden von Aldi, Rewe und dm und der Tankstelle völlig befriedigt. Was es hier nicht gibt, braucht hier keiner. Etwas anderes gibt es sowieso nicht. Oder doch? Es gibt noch einen Rewe auf der andern Seite der Bahn, und einen Norma, und vorne an der Kreuzung, neben dem Rathaus und der Schule und der Mehrzweckhalle gibt es Kaufland (und einen Post-Shop, das weiß ich inzwischen) und Rossmann und ein paar Dekoläden. Ich bin im Speckgürtel von Berlin.
Seit zwei Wochen wecke ich die Kinder um halb sieben, scheuche sie die Treppe runter. Zwei fahren Rad, einer mit dem Bus. Wenns gut geht. Danach an den Laptop, mit dem ich hier ein provisorisches Homeoffice aufgebaut habe. Die versehrte Mutter hat sich noch mal hingelegt um das geschiente Bein zu schonen. Wenn ich zumeiner Zahnärztin nach Kreuzberg will, bin ich eine Stunde unterwegs, zur Arbeit auch. Reine Fahrzeit, wenn die S-Bahn mal kommt. Ich lerne wieder Auto fahren. Um die Kinder zu kutschieren. Zum Sport, und wenn einer partout nicht radeln will im Dunkeln. So ein Leben wollte ich nie. Jetzt muss es sein. Hatte ich je ein anderes? Vermisse ich den täglichen Rausch auf den überfüllten Straßen des Wedding? Die Dönerbuden, Asialäden, den Park, die vielen kaputten, die verrückten und die vielen anderen Leute? Den täglichen Kick auf den Fahrradstreifen beim Überlebenstrrainig auf dem Weg zur Arbeit? Das Yoga in Mitte?
In rosa Gartenschuhen bringe ich die Restmülltonne an den Straßenrand. Der erste meiner Jungs kommt mit dem Rad angeflogen, zurück von der Schule. Er ist freundlich, obwohl es heute Morgen großes Gezeter gab. Drei Speichen sind gebrochen. Ich baue das Rad aus und fahre zum Radladen, der neben dem anderern REWE liegt. Ist morgen fertig. Auf dem Rückweg kaufe ich ein Kilo Brot bei Steinecke. 6, 50 Euro für ein Kilo, geschnitten. Inzwischen kenne ich die Preise und es schmeckt halt wie es schmeckt und morgen brauchen wir schon wieder eins. Bei mir hielt das Bio Brot von der hippen Hansi Bäckerei eine Woche. Irgendwie liebe ich es zu funktionieren und bei allem Geschrei und Gezeter gebraucht zu werden.

Warum habe ich nicht gefragt? Es hätte sich sicher jemand gefunden, der mich mitgenommen hätte. Aber ich bin es nicht mehr gewohnt, um Hilfe zu bitten. In Berlin schon gar nicht. Da ist sich jeder selbst der nächste. Dabei war ich wirklich in Eile. Die S-Bahn hatte uns mal wieder in der Dunkelheit am abgelegensten Bahnhof ausgespuckt. „Weichenstörung“, war diesmal die wenig originelle Ausrede. War die Strecke nicht schon Monate zuvor gesperrt gewesen, weil angeblich neue Weichen eingebaut wurden? Egal. Stumm und ergeben trabten wir vom hell erleuchteten Bahnsteig ins dunkel dräuende Nichts Brandenburgs. Glück hatten die, die sich von einem Auto abholen lassen konnten. Partner erschienen mit geübter Routine am Ende der Treppe. Trostlose Innenbeleuchtungen funzelten auf und zeigten müde Gesichter, die sich nichts mehr sagen brauchten. Und doch waren es Lichter der Hoffnung. Wer hier einstieg, würde bald zu Hause sein. Warum habe ich nicht gefragt? Eine kleine Gefälligkeit? Ich hätte sagen können „Ich muss schnell nach B. Die Mutter meiner Kinder hat sich den Fuß gebrochen und sitzt jetzt im Rollstuhl. Drei Kinder springen herum und warten darauf, von ihrem Vater ins Bett gebracht zu werden.“ Das hätte den skeptischsten Speckgürtelbewohner weich werden lassen – und es wäre noch nicht mal gelogen gewesen. Als Beweis hätte ich meine zwei schweren Taschen zeigen können, in denen ich das Nötigste für die kommende Woche und mein komplettes Homeoffice verstaut hatte. „Grab your things. I gonna take you home, back home.“ Die Zeile von Peter Gabriels „Solsbury Hill“ ging mir schon seit Tagen durch den Kopf. Jetzt wusste ich, warum. Pop-Orakel nenne ich das. Ein Lied taucht auf, geht mir nicht mehr aus dem Kopf – und irgendwann wird klar, was das Lied mir sagen will. Manchmal ist es dann zu spät.
Also auf nach Hause. Mein neues zu Hause? Sechs Wochen mindestens, hatte der Arzt gesagt, wahrscheinlich länger dauert es, bis der Fuß wieder belastbar ist. Und danach? Wer weiß, ob wieder alles beim alten ist. Drei Kilometer Luftline sind es zu meinem neuen Heim und meinem neuen Job als Krankenpfleger, Haushaltshilfe und Gouvernante. Aber es gibt keinen Ersatzbus und bis zum Linienbus ins nächste Dorf sind es zwei Kilometer. Und wer weiß, wann der fährt und ob? Also gleich weiter. Zu Fuß mit schwerem Gepäck.
Was mich so klaglos laufen lässt, ist die Erinnerung an den Sommer, als ich vor lauter Übermut mit dem Rad hier durch die Wiesen streifte und eine Abkürzung über die Weiden fand. Überlegenes Wissen, Aussicht auf ein kleines Abenteuer und die Überraschung, es trotz aller Widerstände doch noch rechtzeitig zu schaffen, um die Medikamente aus der Apotheke zu holen, ließen mich von der Allee in den sumpfigen Seitenweg einbiegen. Allerdings war da jetzt ein weißes Band, wie von einem Elektrozaun vor den Weg gespannt. Das war im Sommer nicht da. Auch scheint mir der Weg enger als ich ihn in Erinnerung hatte. Aber er führt genau auf das kleine Wäldchen zu, an dem ich damals von der Straße abgebogen war. Im Halbdunkel schnaubt ein Pferd und kommt erwartungsvoll auf mich zugetrabt. Ich habe keine Angst vor Pferden, vor allem nicht, wenn sie hinter einem Zaun stehen. Aber Pferde gab es im Sommer hier auch nicht. Und dann stehe ich vor dem Fließ. So nennt man die sumpfigen Wasserläufe, die hier den Boden entwässern. Ein paar hundert Meter weiter ist die Straße, auf die ich wollte, aber es ist kein Durchkommen. Der Weg läuft weiter am Wasser nach Norden, zurück zur Bahn. Meine Arme werden langsam lahm von den Taschen. Pferdemist klebt an meinen Schuhen. Da kommt ein Licht auf mich zu. Gleißend und blendend. Automatisch sage ich „Guten Abend“ zu dem Licht und der Gruß kommt als Echo zurück. Dann ist es wieder dunkel und ich sehe vor einem eisernen Gatter. Ich will noch nicht aufgeben und mache mich an dem Bolzen zu schaffen, der als Verschluss dient. Schließlich komme ich vom Land und kenne die Dinger. Da wird es hell. „Was machen sie da?“ fragt mich das Licht. „Ich muss nach B.“, sage ich. Die S-Bahn hat mich hier rausgeworfen.“ Als sei das eine Erklärung dafür, dass ein Mensch mit Büroschuhen, langem Wollmantel und zwei Taschen nachts vor einem Pferdegatter steht. „Da war eine Absperrung vor dem Weg“, murrt das Licht hinter dem ich, nachdem meine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt haben, eine blonde Pferdefrau entdecke. Reiterhosen, Stiefel, Daunenjacke. Ich schweige wieder. Und wieder könnte ich die Geschichte mit dem Rollstuhl und den Kindern erzählen. Aber da hat die Pferdefrau schon das Gatter geöffnet. Das sei ein Pferdezuchtbetrieb erklärt sie streng, da dürfe nicht jeder herumlaufen. Doch es scheint ihr lieber zu sein mich über das riesige Betriebsgelände zur Straße zu lotsen, als mich über die Pferdekoppeln zurück zu schicken. Als ich in B ankomme steht schon ein Nachbar vor der Tür. Er hat die Medikamente geholt, bevor die Apotheke zugemacht hat. „So ist das hier auf dem Dorf.“, doziert er stolz. „Man hilft sich ohne zu fragen.“

Samstagmittag. Wir sitzen beim Döner. Meine zwei Jungs, ihr Freund und ich. Sie haben sich in der Bibliothek einen Harry-Potter Film und zwei Kilo Donald Duck-Hefte ausgeliehen und sie haben sich bei mir einen Filmnachmittag herausverhandelt. Die Stimmung ist aufgekratzt. Aber erstmal gibt es was Ordentliches zu essen und zu lesen. „Papa, du hast doch die Geschichte mit dem ICE geschrieben. Kannst du die mal vorlesen?“, heißt es, kaum dass wir am Tisch sitzen. Die Jungs sind der festen Überzeugung, dass ich meinen Blog nur schreibe, um meine Erlebnisse mit ihnen und ihrem Bruder für die Nachwelt zu erhalten, was nicht ganz falsch ist. Manchmal lese ich ihnen nach einem gemeinsamen Abenteuer vor, was ich getippt habe. „Ich würd dich instant liken“, sagte der eine mal abends, als ich wieder eines unserer alltäglichen Dramen in Worte gegossen hatte. Und ich denke, das ist ein Lob. Aber das hier ist ist jetzt was anderes. Das ist in der Öffentlichkeit. Der Freund ist dabei, die zwei Döner-Männer hinter der Theke und ein Pärchen in unserem Rücken, das sich nebenan einen Lamachun geholt hat, weil das billiger ist als ein Döner. Wenn ich jetzt die Geschiche vorlese ist das eine öffentliche Lesung! Vor Publikum! Natürlich drängt es jeden Autor dazu, seine Werke der Welt anzuvertrauen, und bisher habe ich erst einmal die Gelegenheit dazu gehabt, bei einem mäßig besuchten Leseabend an meiner Arbeitsstelle. Es war schnell vorbei, gab eine Flasche Sekt zur Belohnung und zwei Monate später die Überraschung bei einer Arbeitssitzung mit einer anderen Abteilung, als eine Kollegin sagte: „Sie sind doch der, der vorgelesen hat. Ich hab sie an ihrer Stimme erkannt.“ Da schmiedet man stundenlang ein Schmuckstück aus Worten, und sowas bleibt also in in Erinnerung. Mein heutiges Publikum kennt meine Stimme zur genüge in allen Lagen und Lautstärken. Aber sie wollen mit meiner Hilfe ihren Freund beeindrucken. „Fang doch jetzt endlich an mit der Geschichte.“, drängt mich mein Sohn, während ich noch an meinem Adana Dürum kaue – und sie ihren Döner in Lichtgeschwindigkeit abgenagt haben. Auf dem Tisch und darunter sieht es aus wie nach einem Wirbelsturm. Aber ein wahrer Künstler muss der richtigen Stimmung sein, um sein bestes zu geben. Also bestelle ich mir noch einen Tee und ziehe langsam das Handy aus der Tasche. „Die Stimmung war gut…“ beginne ich mit der epischen Einleitung. Der Freund kommt neugierig auf meine Seite, aber die Jungs drängeln: „Muss das sein? Lass das doch weg. Kommt das auch mit der U-Bahn?“. Kunstbanausen. Hatten sie sich nicht neulich beschwert, dass ich sie in ihrer Jugend betrogen hätte, weil ich bei den ewigen Wickie der Wikinger-Geschichten beim Vorlesen ganze Absätze unterschlagen hätte? Also müssen sie sich jetzt gedulden. Genüsslich komme ich zum ersten Cliffhanger: „Was ich nicht wusste: Sie hatte sich neue Verbündete gesucht…“ Der Döner-Wirt kommt mit mürrischem Gesicht und versucht die Ordnung auf unserem Tisch wieder herzustellen. Das Pärchen hinter uns kaut unbeeindruckt an seinen Teigrollen. Am Glückspielautomaten im Hinterzimmer ist jetzt ein Biertrinker zu Gange. Der Laden füllt sich. Wahre Kunst findet immer ihr Publikum. Aber nicht immer ein dankbares. Ständig spoilern meine Jungs vor lauter Aufregung kichernd die Pointen. „Das stimmt doch gar nicht.“ Wir hätten noch mehr Cola aus dem Bisto holen können“. „Sind wir wirklich schwarz gefahren in der U-Bahn?“ Dem Freund wird langweilig und mein Schlussatz geht unter, weil die drei schon wieder bei einem anderen Thema sind. Wahrscheinlich ob sie zum Film lieber Popcorn oder Chips bei Edeka kaufen sollen. Ich drücke ihnen einen Zehner in die Hand und scheuche sie zum Supermarkt. Der Künstler bleibt sitzen und genießt den kurzen Ruhm. Nach zehn Jahren Bloggerei endlich der ersehnte Erfolg. Eine treue, wenn auch bestechliche Anhängerschaft und einen Platz in der Ewigkeit. Hatte mein Älterer nicht eben an der Ampel gesagt: „Irgendwann schreib ich ein Buch über dich“?

Natürlich wäre es heute naheliegend, den Untergang unseres Landes wie wir es kennen zu beklagen, die Zustände im allgemeinen und dass in meinem Viertel immer mehr Geschäfte schließen. Außerdem haben wir dieses Jahr die 1,5 Grad-Celsius-Marke (was ist das eigentlich in Fahrenheit?) erreicht und wenn wir das noch ein paar Jahre hintereinander machen, dann können wir uns den Rest sparen und den ganzen Laden dicht machen. Ja, ja.
Aber ich schreibe lieber über was anderes. Etwas, was mir Freude und mich nicht dümmer macht: Ich mag es, wenn sich in meinem Kopf Begriffe verknüpfen. Wenn sich zwischen dem einen enormen Halbwissen, das ich in mehr als 60 Jahren angesammelt habe (nennen wir es mal Erfahrung) und dem anderen enormen Halbwissen aus Büchern, völlig nutzlose Verbindungen ergeben. Als ich vor vielen Jahren eine Freundin in London besuchte, die an einer halbkreisförmigen Straße wohnte, die „Crescent“ hieß ging mir auf einmal wie der Halbmond auf, dass das „Croissant“ deshalb so heißt, weil die französischen Hörnchen einen Halbkreis bilden. Oder wenn ich in Berlin eine Boulette esse und denke: Das waren die Hugenotten in Berlin, die das so genannt haben, wahrscheinlich, während sie Boule spielten. In einigen europäischen Sprachen habe ich ein paar Grundkurse belegt und es freut mich immer, wenn es mir mit ein bisschen Italienisch, Französisch und Spanisch gelingt, eine lateinische Inschrift auf einem Grabstein in irgendeiner Kirche zu enträtseln. Oder mit dem Wissen über die kyrillischen Buchstaben im Russischen in einem griechischen Llidl auf Kreta eine Büchse in die Hand zu nehmen und zu entziffern, dass das, was da in griechischen Buchstaben steht „Crema Galaktika“ heißt und dann mit dem 10% Zeichen und anderen Hinweisen zu verstehen, dass das „Kondensmilch“ ist und dann einen Geistesflash zu kriegen und meinen Freund, der stoisch die H-Milch-Packungen für sein Hippie-Camp in den Wagen läd, mit der Stimme des Erleuchteten anzuhauchen: „Jetzt weiß ich warum Galaxie Galaxie heißt.“ Worauf der schwäbisch trocken und völlig unbeindruckt antwortet: „Wegen der Milchstraße natürlich.“
Wie gesagt: Dieses Wissen ist völlig nutzlos. Weder spreche ich eine der Sprachen einigermaßen ordentlich, noch arbeite ich in einem Bereich, in dem mich das weiter bringt. Es gibt bei Umberto Eco in „Der Name der Rose“ einen Mönch namens Salvatore, der alle Sprachen des damaligen Abendlandes spricht, nur leider alle durcheinander, so dass ihn keiner mehr versteht.
Aber ich brauche keine fremden Sprachen, um in meinem Hirn Verwirrung zu stiften. Mein neuster Spleen ist Sütterlin (reimt sich). In Jüterbog fiel mir im Heimatmuseum eine Anleitung für die alte Schreibschrift in die Hände, die ich noch in der Schule gelernt, aber wieder vergessen hatte. Jetzt schreibe ich mit kratziger Feder die Buchstaben auf, die heute keiner mehr braucht und kann Stunden damit verbringen, die krakeligen Briefe von Schiller zu entziffern, die ich im Netz finde (aber nur, wenn ich eine Übersetzung dabei habe). Natürlich träume ich davon, dass irgendwann der Moment kommt, an dem ich, wie der Gelehrte bei Indiana Jones, plötzlich in einem alten Tempel stehe und der einzige bin, der die alten Schriftzeichen entzifferen kann und die vergessenen Formeln kenne, um die Tore zur Schatzkammer zu öffnen, oder die Welt vor dem Untergang zu retten. Aber meistens bin ich in solchen Situationen viel zu aufgeregt, um eine Entscheidung zu treffen. Als wir in Kapadokien waren und auf dem Rückweg mit unserem Leihwagen hektisch zum Flughafen in Ankara jagten, hatte ich mir genug Türkisch beigebracht um zu wissen, dass „Yol“ der Weg heißt (gibt auch einen Film, der so heißt. Und „Bal“ heißt Honig, auch ein toller Film. Leider gibt es keinen türkischen Film der „Nein“ heißt. Das vergesse ich nämlich immer). Und die türkische Luftfahrtgesellschaft heißt „Türk Hava Yollari“, also müsste Flughafen etwas mit „Hava“ sein, sagte ich meiner Freundin, die am Steuer war. Das blöde war, dass es in Ankara zwei Flughäfen gibt. Und der große heißt natürlich „Atatürk“, (was ich nicht wusste, aber mir hätte denken können. Aber solche Erkenntnisse kommen mir nur dann, wenn ich sie nicht brauche.). Und nur der kleine wird mit Havalimanı, also Flughafen, auf den Autobahnschildern angegeben. Im letzten Moment riss die Frau am Steuer, der meine Rabulistik auf die Nerven ging und die sich lieber an der Größe der Schilder orientierte, das Steuer in Richtung Esimboga um, wo der Atatürk-Flughafen liegt und wir kriegten unseren Flieger in der letzen Minute.
Aber Kreuzworträtsel kann ich mit meinen Fähigkeiten prima ausfüllen.

Es hätte so ein schöner Abend sein können: Die Nachbarschaft war zahlreich gekommen, um einen „bal populaire“ zu feiern. Ein Fest, bei dem sich deutsche und französische Stimmen jeden Alters mischten, und bei dem trotz des kühlen Herbstabends mit feurigen Merguez-Wüsten vom Grill, Live-Musik und zwei Bars eine ausgelassene sommerlich-südliche Stimmung aufkam. Mehr als 450 Spenderinnen und Spender aus der Nachbarschaft und ganz Berlin hatten per Crowdfunding 18.000 Euro zusammengetragen, um den Wiederaufbau des hölzerenen Eiffelturms vor dem Centre Français de Berlin zu ermöglichen. Und als Dank für die Unterstützung durften sich alle Spenderinnen und Spender an Bar und Grill einmal gratis bedienen lassen. Mit Einbruch der Dämmerung wurde das neu errichtete Wahrzeichen des Wedding in den französischen Nationalfarben angestrahlt. Die Glühbirnen, mit denen er bis zum Richtkranz an seiner Spitze dicht besetzt war, gaben dem 13 Meter hohen Holzturm ein festliches Aussehen. Fast hätte man meinen können, einen verfrühten Weihnachtsbaum strahlen zu sehen. Es war ja auch eine frohe Botschaft, die es zu feiern galt. Der alte Eiffelturm war morsch geworden, aber die Anwohner wollten auf den Turm als Wahrzeichen und die Wegmarke nicht verzichten. Was der Eiffelturm als Symbol für den Wedding und die Weddinger bedeutet wurde deutlich, als eine Rednerin mit einer Geschichte stürmischen Applaus erntete: „Wenn ich einem Taxifahrer sage: Bringen sie mich ins Centre Français in der Müllerstraße, dann fragt er mich, wo das sein soll. Wenn ich dann sage: Das ist da, wo der Eiffelturm ist, weiß jeder gleich, wo ich hin will.“
Vier Jahre Arbeit stecken in dem Projekt, das erst richtig ins Rollen kam, als der Geschäftsführer des Centre einen Bildungsverein gefunden hatte, die sich das Projekt zutraute und gleichzeitig in der Lage war, mehr als 75 deutsche und französische Jugendliche an dem Wiederaufbau zu beteiligen. Ein echter Schreinermeister trat auf das Podium, sprach von imprägniertem Eschenholz und davon, wie stolz er sei, und wie stolz die Schülerinnen und Schüler, wenn sie sich nach zwei Wochen in der Werkstatt trauten, selbstständig mit Fräse und Bohrer umzugehen.

Und dann platzte Olaf in die Stimmung. Drei Jahre hatte der Kanzler praktisch nichts gesagt, manchmal von der Zeitenwende geredet, aber sonst den Mund gehalten. Aber jetzt wurde er redselig. Wie ein Vater, der mit seinem ungezogenen Sohn lange Geduld gehabt hat. Meine Stimmung war im Eimer. Zum Glück hatte ich auch für das Projekt gespendet und deshalb einen Gutschein für die Bar, die auf der Empore im Foyer des 60er-Jahre Kinos im Hinterhof des Centre eingerichtet war. Die französischen Barfrauen sahen mein Gesicht und wussten, wie mir war. Denn mit plötzlichen Regierungsumbildungen hat man in Frankreich Erfahrung. Sie empfahlen mir ein Picon-Biere, eine Mischung aus einem bitteren Orangenlikör mit einem kalten Bier. Es half. Zumindest um beschwingt nach Hause zu gehen und einen fröhlichen Beitrag über das Fest für unser Kiezmagazin zu schreiben. Dann schaute ich bis zwei Uhr nachts abwechselnd in die Gesichter von Olaf, Donald, Kamela und Christian. Heute Morgen hatte ich Kopfschmerzen.


Manchmal verzweifle ich ja an der heutigen Jugend. Nachdem mein Sohn mich gestern mit einem herzlichen „Hau ab!“ aus seinem Zimmer geschmissen hat, war mir klar, dass mein eigentlicher Plan, ihn an dem Tag mit mir in mein Büro zu nehmen und ihm zu zeigen, womit sein Vater Geld und Anerkennung verdient, erst einmal gescheitert war. Es war ihm auch nicht klar zu machen, dass man nicht gleichzeitig arbeiten und ins Kino gehen kann, was ich als Belohnung für den Ausflug in die Arbeitswelt versprochen hatte. Tagesstrukturierung ist noch nicht ganz seine Stärke. Meine auch nicht. Denn was fange ich an mit dem plötzlich freien Wochenende? Herrlicher Sonnenschein und warme Temperaturen. Goldener Oktober. Ich sollte raus gehen, den Sonnenschein zu fangen, das Licht in leuchtenden Herbstblättern zu fotografieren. Statt dessen liege ich auf dem Sofa und lese in der Zeitung über die Schlechtigkeit der Welt. Das macht Kopfschmerzen. Mit einem Versprechen auf einen Kaffee am Kanalufer locke ich mich selbst vor die Tür und auf mein Moped. Vorsichtshalber stecke ich mir meine Ohrstöpsel unter den Helm, damit mir von dem Geknatter nicht der Kopf wegfliegt.
Der Kaffee hilft, aber wie weiter? Ich fahre bei einem Freund vorbei, der natürlich nicht da ist, oder das Klingeln nicht hört. Also zurück über die rappelige Kopfsteinpflasterstraße. Verrammelte Läden und das vor mir her schleichende Mini-Auto eines türkischen Pflegedienstes verderben mir die Laune. Beim Abbiegen sehe ich aus den Augenwinkeln eine Gruppe junger Leute mit Bierflaschen auf dem Gehweg neben dem mit Graffiti besprühten Eckladen, in dem noch bis vor einem Jahr solide Trödelsachen verkauft wurden. „Ach, mal wieder ne Vernissage.“, denke ich. Wo viele Läden leerstehen kommt in Berlin auf kurz oder lang die Kunst vorbei. Irgendwas mit Farbe, irgendwas, das aus altem Zeug zusammengebaut wurde, irgendwas geht immer. Nicht wirklich interessiert biege ich auf eine Parkbucht neben einem abgemeldeten, vermoosten Wrack eines alten Opels. Vielleicht wird’s ja ein Bericht für unser Lokalblog. Schon lange nichts mehr geschrieben.






Es riecht nach Sprühdosenlack und Hasch. Ein Einkaufswagen ist randvoll mit Bierflaschen. Na wenigstens kein Sekt und Häppchen. Das Grüppchen sitzt gut gelaunt in der Herbstsonne. Einige sprühen die abgeklebte Wand an, einer fotografiert das und drinnen steht noch mehr Artefaktisches. Der Deckel eines Kaugummiautomaten hängt an der Wand. Hatte ich nicht neulich einen Unternehmer befragt, der die Dinger neu installiert? Der lamentierte, dass ihm die Kästen im Wedding immer von der Wand geklaut werden. Diebe? Nein, war alles für die Kunst.
Aber sonst ist es ein biederes Happening. Andere waschen am Samstagnachmittag ihre Autos oder gehen zum Fußball. Ein Mann mit Bart, Dutt und schon leicht lallender Sprache erklärt mir die Vorsicht. Man sei erst seit kurzem Pächter, man wisse noch nicht genau, was das hier werde. Der Laden gehöre zur Morena Bar nebenan, einem Kiez-Juwel, das der heutige Besitzer vor 40 Jahren angeblich beim Pokern gewonnen und seitdem nicht mehr verlassen hat, und die Bar hat Krach mit den Anwohnern. Früher sei der jetzige Kunstort mal ein Puff gewesen, dann eine Party-Location. Ich werde weitergereicht an jemand, der wie der Manager auftritt. Erstmal hätten sie nur einen Raum gesucht, um ihre Werke zu lagern, ist seine Version der Geschichte. Denn wenn die Bilder in der Wohnung trocknen, stinke alles nach Farbe. Jetzt schaue man mal, vielleicht werde ja mehr draus, vielleicht sogar ein Verein. Aber berichten solle ich erstmal nicht. „Wegen dem Ordnungsamt.“, sagt er kumpelhaft und streckt mir die Faust entgegen, damit ich meine Faust dagegen schlage. Wir sind jetzt Bros. Ich frag mich kurz, was ich davon halten würde, wenn meine Söhne in 10 Jahren mit einer solchen Gang abhängen würden. Ich glaub, ich fänds ok. Wenigstens dürfte ich dann wieder in ihr Zimmer.

Es ist Sonntagmorgen um 12 Uhr in der Müllerstraße. Ich knattere mit meinem Moped ziellos durch die Straßen. Die Cafes und Imbissbuden gähnen leer vor sich hin und auch auf der Straße ist nichts los. Kaum Verkehr. Nur vor einem Laden stehen Menschen: An der runden Ecke zur Liverpooler Straße hängen grüne und silberne Luftballons über der Türe des Waschsalons, der lange Zeit geschlossen war. Und es sind jede Menge Kunden da, die drinnen ihre Wäsche in die Maschinen stopfen. Draußen vor dem Laden warten Männer, bis ihre Wäsche trocken ist. Die großen silbernen Trommeln drehen sich wieder.
Ich wollte immer mal in einen Waschsalon. Wer die 1980er Jahre erlebt hat, erinnert sich an die kultige Levi’s‑Jeanswerbung, in der ein gut gebauter junger Mann sich unter den staunenden Augen der weiblichen Kundschaft in einem Waschsalon aus seiner hautengen Hose schält, oder an den Film von Stephen Frears “Mein wunderbarer Waschsalon”, in dem eine Wäscherei für einen Migranten aus Pakistan und seine Freunde im kalten London der Thatcher-Zeit zum Hoffnungsort wird. Besungen wurden die Salons in der Zeit auch gerne. Im experimentellen Industrial-Stück “Berliner Waschsalon” von Frieder Butzmann oder im fröhlichen Rocktitel “Isch jon so unwahrscheinlich jehn mit dir in de Waschsalon” der Kölner Rock-Band BAP. Die Salons galten als cooler Treffpunkt von unangepassten Helden, die garantiert ihre Wäsche nicht mehr bei Mutti waschen ließen. Vor allem nachts glänzte ihr Licht hell und machte sie zu Inseln des großstädtischen Lebens und zum sicheren Ort für ungewöhnliche Begegnungen von schrägen Vögeln, einsamen Herzen und verlorenen Seelen. Mein Waschsalon war im Keller unseres Schwesternwohnheims. Hier traf man vor den robusten Miele-Waschmaschinen nur Leute, die man auch bei der Arbeit traf. Aufregende Begegnungen hatte ich mir anders vorgestellt. Später sollten die Salons gemütliche Kiez-Wohnzimmern sein, wie Freddy Leck in Moabit. Aber da hatte ich schon längst eine eigene Waschmaschine, die wir ununterbrochen mit Baumwollwindeln beschäftigten, bis wir es satt hatten, und auf billige Papierwindeln umstiegen, die uns ein Freund vom Laster auf dem Polenmarkt besorgte. In unserer Straße gab es einen von der EU geförderten Waschsalon, der als sozialer Begegnungsort aufgebaut werden sollte. Aber tagsüber wurde man von Nachbarskindern angebettelt, die von ihren Eltern nichts zu Essen mit in die Schule bekommen hatten (und die man 50 Cent für eine Packung trockener asiatischer Tütennudeln glücklich machen konnte) und nachts wurden die unbeaufsichtigten Maschinen immer wieder durch Vandalismus zerstört. Nach und nach gingen in dem Salon die Lichter aus.

Nun also ein Neustart. Vor dem Salon treffe ich Andy, der eine Dreiviertelstunde warten muss, bis seine Maschine fertig ist. Er ist Ende 20, sportlich, Basecap und Jeans, arbeitet in der Gastronomie. Er ist mit seinem kleinen Sohn da. Seit zwei Jahren wohnt er bei einem guten Freund im Afrikanischen Viertel und sucht eine Wohnung hier, in der für ihn und seinen Sohn Platz ist. Bislang Fehlanzeige. Er ist froh, dass der Waschsalon wieder aufgemacht hat. Und es sei besser als vorher. “Der alte Laden hatte zwar gute Maschinen aus Schweden, aber Probleme mit dem Wasser. Da war manchmal Dreck drin, der dann auch in die Wäsche gekommen ist.” Es sind erstaunlich viele Männer hier. Die einzige Frau im Laden legt die Wäsche für ihren alten Vater zusammen. Der Vater erzählt mir, dass er seit 20 Jahren in einer kleinen 1,5 Zimmerwohnung wohnt, eine Dienstwohnung der Bundeswehr in der Cité Jofre. Da passe keine Waschmaschine rein. Aber er komme gerne hierher, sagt der ehemalige Soldat, auch wegen der Gesellschaft. Aber nicht nur Menschen, die keine eigene oder nur eine kleine Wohnung haben, gehören zur Kundschaft, die für 5 Euro 50 bis zu 6,5 Kilo Wäsche sauber mit nach Haue nimmt. Ein Nachbar, nennen wir ihn Wolfgang, ist heute mit seinem Bettzeug da. “Wenn sie alles auf einmal in eine Waschmaschine stecken wollen, dann kommen sie besser hierher. Und es geht auch schneller, denn zu Hause habe ich keinen Trockner.”
Angefixt von dem zufällig Gefundenen, mache ich noch am Abend eine Tour durch die Handvoll anderen Salons im Wedding. Was ich finde ist ernüchternd: Ein paar verlorene junge Männer und ängstliche ukrainische Frauen in kleinen Ladengeschäften, die vollgestopft sind mit einer notdürftig zusammengewürfelten Ansammlung von grauen Kisten mit verwirrenden Bedienungsvorschriften und vielen Verbotsschildern.
Immerhin hat die Pop-Kultur den Waschsalon wiederentdeckt. Schon von zehn Jahren nutzte Gott persönlich in der belgischen Komödie “Das brandneue Testament” einen Waschsalon als den geheimen Ort, an dem er vom Himmel auf die Erde kommt. Und im letztjährigen Oscar-Preisträger-Film “Everything everywhere at once” ist ein Waschsalon die Einstiegspforte für eine Parallelwelt, in der ein Kampf von Gut gegen Böse ausgefochten wird. Ein neues Abenteuer lockt. Ich geb den Salons also eine letzte Chance. Ich lass Waschmaschine mal eine Pause machen und geht in den Salon um die Ecke. Die Bettwäsche meiner Jungs braucht dringend eine Grundsanierung, auch weil einer gegen Staub allergisch ist. Und ich will wieder mal was erleben.
