Friedenspflicht

“Morgen ist Feiertag.“, sagt mein Friseur. „Deutsche Einheit“. „Deswegen bin ich hier.“ , sag ich, erstaunt über so viel staatsbürgerliche Bildung in einem arabischen Laden. „ Morgen muss ich schick sein, ich geh auf die Demo.“ „Ah, Demo, prima. Was für eine?“ „ Gegen Raketen in Deutschland und gegen mehr Waffen für die Ukraine“ „Alles klar!“, grinst mein Figaro und geht mit seinem freien Arm einmal über die Köpfe seiner vier Kollegen, der Männer auf den Frisierstühlen und des Lehrjungen. „Wir kommen alle mit.“ Er hat gute Laune und spinnt die Sache weiter: „Ist das mit Auto?“ „Nee“, sag ich. „Zu Fuß“. „Ah, das ist mir zu anstrengend, da bleib ich lieber im Bett.“ „Kannst auch mit dem Fahrrad kommen.“ „Da muss ich mir erst mal ein Fahrrad kaufen. Ich komm mit E-Roller. Ist das ok?“ Er ist jetzt fertig mit meinem Haaren. Jetzt sind die Ohren dran. „Soll ich die versengen?“ Ich zucke kurz, wegen der Wortwahl, weiß dann aber was er meint und nicke. „Feuer!“, ruft er durch den Laden und der schüchterne Lehrjunge bringt ihm ein Einmalfeurzeug. Es klickt ein paar mal. Viele kurze Flammen lecken in meine Ohrmuschel. Dann kommt er mit einem Gerät, das aussieht wie eine gläserne Laserpistole. Vorne leuchtet sie blau. Der Friseur drückt ab. Doch statt eines tödlichen Laserstrahls trifft mich eine Wolke von Aftershave und nebelt mich ein. „Ist auch ne Waffe.“, lacht er. Für die Demo bin ich jetzt gut gerüstet.

Stadtrallye

Ist eigentlich nicht so schwer, dachte ich. Immer geradeaus, über die Ampel und dann weiter geradeaus bis zur Bibliothek. Den Weg waren wir schon ein paar Mal gegangen, auch getrennt. Und jetzt wollte ich meinen Kaffee in Ruhe austrinken und die hibbeligen Jungs wollten ihre Comics ausleihen. „Also geht schon mal vor“, sagte ich. „Ich komm mit dem Fahrrad nach.“ Ein komisches Gefühl hatte ich trotzdem, vor allem, als sie sich schon mit den ersten Schritten nach links statt nach rechts aufmachten. Egal, dachte ich, einmal auf die richtige Spur gesetzt werden sie schon weiter laufen. Es ist eine ruhige Nebenstraße und ich hätte für einen Moment meine Ruhe. Dachte ich. Aber der Kaffee schmeckte nicht mehr und so machte ich mich ein paar Minuten später hinter den jungen Wilden her. Mit dem Rad. Eigentlich hätte ich sie schon an der nächsten Kreuzung einholen müssen. Spätestens an der Ampel. Aber da waren sie nicht. Verdammt flott, die beiden, dachte ich. Dann kam ich an dem großen Wochenmarkt vorbei. Ob sie sich dort in das Getümmel gestürzt hätten, fragte ich mich. Aber eigentlich waren sie dazu zu wenig neugierig und zu ängstlich. Aber in der Bibliothek waren sie auch nicht. Auch nicht davor. Nicht in der Comics-Abteilung und nicht bei den Zeitschriften im ersten Stock, nicht bei den Romanen und nicht bei den Mangas eine Treppe höher. Auch nicht im Maker-Space, wo man sich T-Shirts bedrucken lassen kann und auch nicht auf dem Klo. Hm!

Warten im Sonnenschein vor dem schicken Neubau der Schillerbibliothek. Überall Kinder, Halbwüchsige, Trinker, bewusstlose Leute, die von Männern in gelben Westen genötigt werden, von den Bänken aufzustehen, weil das kein Schlafplatz ist. Aber meine Jungs sind nicht da. Die Bibliothekarin verleiht einem umständlichen Fusselbärtigen in Sandalen ein Lastenrad vom „Flotte Lotte e.V.“ und nein, meine Jungs habe sie nicht gesehen. Ob ich schon mal oben nachgeschaut… ? Ja, hätte ich schon. Ich lasse meine Telefonnummer da. Warum habe ich dem Großen das Handy abgenommen, bevor sie losgelaufen sind? Weil er es immer wieder schafft, die Sperre zu knacken und sein Brawl-Stars-Spiel zu zocken, oder seine Mutter damit nervt, um mehr Bildschirmzeit zu bekommen. Das wär mir jetzt egal, wenn ich dafür wüsste, wo er ist. Also die ganze Strecke noch mal zurück. Vielleicht sitzen sie ja wieder vor der Haustür. Nein, sitzen sie nicht. Auch nicht im Hof in der Hängematte und auch nicht auf dem Trepppenabsatz vor der Wohnungstür. Wo weiter suchen? Im Café, wo sie aufgebrochen sind, und wo die Rentner mich fragten, ob ich heute „Enkeltag“ hätte? Da sind sie nicht, das seh ich durch das Ladenfenster. Und fragen mag ich nicht, denn wie sieht das denn aus? Dass ich meine Jungs nicht im Griff habe? Ich frage auch nicht im Eiscafé zwei Querstraßen weiter, wo wir jedes Wochenende einkehren. Was sollen sie auch da? Sie haben ja kein Geld dabei. Oh Gott: Kein Geld, kein Handy! Hoffentlich haben sie sich wenigstens meine Adresse gemerkt. Vielleicht sind sie die Parallelstraße runter gelaufen. Da haben wir früher ja mal gewohnt, da sind sie zur Kita gegangen und da ist der Spielplatz. Aber da sind sie auch nicht. Hab ich auch nicht wirklich geglaubt. Wieder in der Bibliothek. Nein, da seien keine neuen Kinder gekommen. Wieder durch alle Stockwerke. Langsam panisch frage ich die Bibliothekarin noch mal. Was sie den angehabt hätten, fragt sie. Wie soll ich das wissen? Blaues T-Shirt, oder graues. So was in der Art. Und eine schwarze Brille bei dem Großen. Wenn ich jetzt zur Polizei ginge, würden sie direkt die Mutter anrufen, wenn ich so rumstammle. Kenn ich schon. Also noch mal die Hauptstraße zurück, bunter Flitter, heller Schein, Menschenmassen und Döner-Läden, die mich nicht mehr locken. Wo sind die Jungs? Immerhhin habe ich auf meinen ganzen Hin- und Her keinen Krankenwagen gesehen, kein Martinshorn gehört. Das ist eine Seltenheit, denn die Straße geht zur Autobahn und die Kreuzung zum Virchow-Klinikum. Also überfahren sind sie nicht. Gibt es einen organisierten Kinderhandel im Wedding? Böse Onkels, die kleine Kinder in Autos zerren? Aber warum sollten die gleich zwei wollen? Und warum meine? Aber vielleicht irrt einer schon hilflos duch die Straßenschluchten, um mir die schreckliche Nachricht zu überbringen? Wo war nochmal die Polizeidirektion? Vor der Haustür sitzen sie immer noch nicht. Wohin jetzt noch? Ich suche schon eine Stunde. Im Suchen war ich noch nie gut. Da endlich ein Anruf. Die Bibliothekarin. Ja, die Jungs seien bei Ihr. Sie habe sie angsprochen, als sie reinkamen. Es gibt noch Menschen, auf die man sich verlassen kann.

Wieder aufs Rad. Wieder die Strecke. Und endlich sehe ich sie – zwischen den Regalen, seelenruhig in ein Buch vertieft. Ich rege mich gar nicht auf. Wo sie gewesen seien, frage ich den Großen. Ach, sie wären falsch abgebogen (Ich hatte die Baustelle vergessen, die eine Umleitung in die Seitenstraße macht). Dann seien sie immer geradeaus gelaufen. Wie sich herausstellt Richtung Osten statt Richtung Süden. Als sie das gemerkt hätten, wären sie schon ganz schön weit gewesen. „Fast da wo Aaron wohnt“. Das sind etwa zwei Kilometer. Dann seien sie wieder zurück nach Hause, da sei keiner gewesen, also hätten sie im Café nachgefragt, wo die Bibliothek sei und seien losgelaufen. Aber in der Bibliothek sei ich nicht gewesen. Der Kleine sagt, er hätte von Anfang an gewusst, dass sie falsch laufen, aber er hätte seinem Bruder vertraut. Jetzt habe er Durst und wolle was zu trinken kaufen. Sie sind ganz schön stolz, dass sie das alles geschafft haben und ich bin es auch. Mit einem riesigen Stapel Comics verlassen wir die Bibliothek. Es ist ein warmer Tag, wir laufen lange, bis wir einen Getränkeladen finden. Mir wird warm – ums Herz.

Höcke und das Moped

So sieht das Moped aus, mit dem Björn Höcke mit der AfD stärkste Kraft in Thüringen geworden ist. Eine Simson S 51 aus dem VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ Suhl/Thüringen. Eine auch gestalterisch gelungene Eigenkonstruktion aus der DDR. Einfache, anspruchslose Technik, leicht zu reparieren (und zu „frisieren“). Als ich sie zum ersten Mal Ende der 1970er auf einem Prospekt sah, den mir ein Freund von der Internationalen Motorrad und Fahrrad Messe in Köln mitbrachte, war ich begeistert. Ich fuhr zu der Zeit eine Simson Spatz, auch aus der DDR. Ein ziemlich hässliches Entlein, das ein Nachbar vor 10 Jahren bei Neckermann gekauft hatte und damit jeden Tag 10 Kilometer zum Bahnhof gefahren war. Für 100 D-Mark, die ich mit Zeitung austragen verdient hatte, habe ich sie ihm abgekauft. Die rote Farbe war ausgeblichen und der Rost blühte. Ein Freund half mir, sie wieder flott zu machen und ich überstrich die Rostflecken mit oranger Mennige. Die Flecken umrahmte ich mit bunter Lackfarbe. So bekam das Ost-Moped einen Hauch von Flower Power. Aber gegen die Zündapps, Hercules und Yamahas, die vor unserer Schule parkten konnte ich damit natürlich nicht ankommen. Und das Ding hatte eine Sitzbank für nur eine Person – Mädchen mitnehmen war nicht. Da wäre eine S 51 schon was anderes gewesen. Schick, 3,7 PS, 60 Km/h flott und Platz für zwei. Aber vielleicht zu flott für den Westen. Es gab sie nur im Osten zu kaufen. Und dort erlebt sie seit Jahren eine Rennaissance. Bei alten Kerlen, wie mir, die ihre Jugendträume ausleben wollen und vor allem bei der Jugend. Eine „Simme“ zu fahren, gehört außerhalb von Berlin zum guten Ton und ist für Viele auch ein Teil einer zusammengestrickten Ost-Identität. Das Internet ist voll mit Schraubertipps, es gibt deutschlandweit Clubs und Treffen auf der grünen Wiese. Eine Firma in Thüringen mit einem imposanten Lagerhaus versorgt die Szene mit Ersatzteilen und findige Händler finden immer neue Schrott-Mopeds zum „Neuaufbauen“ (bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!), die sogar aus Vietnam zurück gekauft werden.

Das alles ist bekannt. MDR, RBB haben interessante Reportagen über das Simson-Fieber und die halbseidenen Geschäfte gemacht. Aber nur Björn Höcke hat sich für ein Wahlplakat auf eine Simson gesetzt. Man sah ihn grauhaarig, ohne Helm auf öffentlicher Straße mit gezogener Kupplung. Gefahren sein kann er so nicht wirklich. Das Plakat kam trotzdem an. „Ja zur Jugend“ hat seine Werbeagentur draufgeschrieben. Bei einer Befragung von Schülern, die schon wählen durften meinten sie, das mit der „Simme“, das wäre doch toll gewesen.

Warum hat sich nicht Bodo Ramelow auf einer Simson ablichten lassen? Mehr Thüringen geht doch nicht? Und inzwischen gibt es die Simson auch mit Elektroantrieb. Ein findiges Start-Up um einem wuschelköpfigen Maschinenbaustudenten hat einen Weg gefunden, den knatternden Zweitakter an einem Nachmittag in ein summendes Elektromobil zu verwandeln. Ramelow auf der E-Simme. Warum hat es das nicht gegeben? Weil auch die Simson-Szene inzwischenzeit auch von Rechten unterwandert wird, die auf den Treffen den Hitlergruß zeigen? Weil sich der Designer der S 51 inzwischen deshalb davon distanziert? Ich glaube es war nicht die Angst. Ich glaube, Die Linke und die anderen Parteien und ihre professionellen Berater haben das mit den Simsons einfach nicht mitbekommen. Sie wussten schlicht nicht, was sie Jugendlichen umtreibt. Nicht auf Tik Tok und nicht auf der Straße. Und ihre Werbeagentur kam wahrscheinlich aus Berlin. Da gabs mal einen Hype um alte Schwalbe-Motorroller. Auch von Simson, aber das war nach der Wende. Das ist für Werber wie aus einem anderen Jahrtausend.

Die Wahl ist verloren, aber ich liebe meine Simson immer noch. Vor zwei Jahren habe ich mir eine S 51 zu Weihnachten geschenkt. Unterstütze ich jetzt die Nazis, wenn ich damit durch Berlin brause? Verdächtig viele grinsen mich freundlich an, geben ein Thumbs up oder kurbeln sogar die Seitenfenstern runter, um mit ihre Begeisterung durch den Verkehrslärm zu brüllen. Bisher dachte ich, das seien so groß gewordene Kinder, die auch gerne mit den alten Sachen von früher spielen wie ich. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr sicher. Die AfD kann einem wirklich den schönsten Sommer verderben.

Ergänzung im September 2025: Nach der Wahl ist in Thüringen die Sache noch mal hochgekocht. Nachdem Höcke nun zum Glück doch nicht Ministerpräsident geworden ist, hat er viel Zeit, mit Jugendlichen AfD-Simson-Touren anzubieten (hoffentlich mit Helm). Aber auch die anderen Parteien haben die Popularität der kleinen Mopeds endlich erkannt: Im Landtag wurde ein Beschluss der Regierungsparteien CDU, SPD und BSW gefasst, sich dafür einzusetzen, alle Simsons die Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h zu erlauben. Bisher war das nur den in der DDR oder bis 1992 in Gesamtdeutschland zugelassenen Simsons erlaubt.

https://www.heise.de/news/Simson-Kleinkraftraeder-Thueringen-will-auch-Reimporten-60-km-h-zugestehen-10641681.html

Fänd ich gut. Dafür müsste man den Einigungsvertrag ergänzen. Da fielen mir noch ein paar andere Kapitel ein.

Der Zaun

Eigentlich haben wir es schön. Wer hat schon in Berlin einen so großen Garten, wie ihn unser Häuserblock umschließt? Nicht so einen dämmerigen Lichtschacht wo sich Mülltonnen und Fahrräder den Platz streitig machen und ein paar mickrige Kletterpflanzen auf der Suche nach Licht nicht über den ersten Stock hochkommen. Nein, ein halbes Fußballfeld, Wiese, riesige alte Bäume, sogar einen Sandkasten für die Kinder. Doch dann wurde der halbe Block verkauft, an eine Immobiliengesellschaft, die das Brandenburger Tor im Briefkopf trägt und auf ihre hundertjährige Tradition verweist. Und dann kam der Zaun. Grün, stabil und mannshoch teilte er den Garten in der Mitte. Aber immerhin gab es noch eine Tür. Als ich einzog, war die Tür noch auf. Aber die Welten hatten sich schon getrennt. Bei uns nur deutsche Nachnamen auf dem Klingelschild auf der anderen Seite, Namen aus Tausend und einer Nacht. Auf der einen Seite sah man Frauen mit Kopftuch Wäsche aufhängen und halbwüchsige Jungs wild Fußball spielen oder apathisch abhängen. Auf unserer Seite: Leere. Ab und zu mal ein paar Nachbarn, die ihren Hund ausführten und die Gärtnerin aus dem Erdgeschoss, die sich in dem Erdstreifen unter ihrem Balkon ein üppiges Blumenparadies geschaffen hatte. Eimal flog ein Fußball über den Zaun. Dann waren sie da. Drei freche Dreikäsehoch mit lockigen schwarzen Haaren, vielleicht zehn Jahre alt, die von mir und meinen Jungs den Ball wieder haben wollten. Vielleicht, dachte ich, wären es gute Spielkameraden für meine Jungs, die damals nur halb so alt waren. Deswegen fragte ich sie nach ihrem Namen. Ich verstand sie nicht, deswegen ließ ich sie ihre Namen auf einen Zettel schreiben. Krakelige, ungelenke Buchstaben. Ein Name fing mit einem X an. Schöner Name, sagte ich. Sie prahlen mit ihren Fußballtricks. Ich ließ es auf ein Spiel ankommen. Nach fünf Minuten waren meine Jungs überrannt, nölten und wollten nicht mehr mitspielen. Als sich die drei wieder hinter ihren Zaun trollten, sagte einer: „Ich würd mir wünschen, dass mein Vater auch mal mit mit Fussball spielt.“

Ein paar Monate später war die Tür zugeschweißt. Es sei wegen dem Müll, erzählte mir die Nachbarin, die alles weiß. Die Hausverwaltungen hätten sich in die Haare gekriegt. Angeblich würde unsere Seite ihren Sperrmüll heimlich auf die andere Seite bringen, dort wo sich immer wieder ganze Zimmergarnituren neben den Mülleimern ablagerten. Blöd für uns. Denn auf der anderen Seite ist das Tor, durch das man von außen in den Garten kommt. Jetzt können die Gärtner nicht mehr mit dem Rasentraktor rein, sondern müssen einen kleinen Handrasemäher durchs Treppenhaus tragen, und statt großen Containern stehen seither kleine Mülleimer bei uns, die mehr kosten. Am Sperrmüll auf der anderen Seite hat sich nichts geändert. Vielleicht werfen ihn die unseren jetzt nachts einfach über den Zaun.

X habe ich noch ein paar mal wieder gesehen. Jedesmal leuchteten seine Augen. Stolz präsentierte er mir sein neues Fahrrad, so ein Angeberding, mit viel Chrom und vielen Speichen. Schön, sagte ich. Beim letzten Mal hat er mich nicht mehr angeschaut. Er war mit ein paar Kumpels auf der Straße. Er ist jetzt 14 oder 15. Vielleicht war es ihm peinlich, einen so alten Mann zu kennen.

Der Garten, die Gärten und das Paradies

Ich bin noch mal zu seinem Garten gegangen. Nach all den Tränen mit seiner Frau, seinen Kindern, den Freundinnen der Kinder, die ich mit habe aufwachsen sehen und die mich jetzt trösten. Nach den guten Nachbarn aus aller Herren Länder, nach dem guten Essen und den Geschichten von den guten Zeiten brauchte ich einen Moment mit ihm alleine. Es dauerte eine Zeit, bis ich den Weg gefunden hatte. Bisher war ich immer mit ihm hierher gelaufen. Jetzt brauchte ich Google, um hin zu finden. Das Tor war zu und es dauerte eine Weile, bis ich den Trick fand, der die Kolonie vor ungebetenen Besuchern schützen soll. Dann war er wieder da: Üppig, voll, überbordend. So hatte ich sein kleines Stück Erde in Erinnerung und so war es auch jetzt. Trauben; Pflaumen, Tomaten, Borretsch, Rosmarin und Thymian und ein Kornellkirschenstrauch. Ein Nutzgarten. Ein Teil von ihm war der schwäbische Bauer von der Donau geblieben, der Sohn seines wortkargen Vaters, den er oft mit knochentrockenen Sprüchen parodierte. Hinten gab es eine Hütte und ein kleines Stück Wiese. Wunderbare Sommerfeste hatten wir hier gefeiert unterm Pflaumenbaum und ruhige Abende allein. Jetzt hängt alles voll und niemand hat Zeit zu ernten.

Und ein Olivenhain auf Kreta ist dazu gekommen und das Land seines Vaters vor zwei Jahren auch noch. „Und zwei Hektar Wald.“, ergänzt seine Schwester. „Es hat ihn zerrissen.“ Er habe auch das Elternhaus wieder hergerichtet, wäre mit ihr noch einmal an seine Plätze gegangen, die ihm als Kind wichtig waren. Er wäre wohl gerne zurück in das Dorf seiner Kindheit gegangen, will sie mir sagen. Er vielleicht, aber seine Frau sicher nicht. Und als ich ihn in Kreta besuchte habe ich wirklich geglaubt, dass er froh ist, das alles hinter sich zu lassen. Das Dorf aus dem er kommt und die Stadt, in der er ein Vierteljahrhundert gelebt, gearbeitet, Kinder großgezogen hat. Aber jetzt, in seinem Garten, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob er hier nicht doch Wurzeln geschlagen hat. Er ist in seinem Garten gestorben, in den Armen seiner Frau, um es poetisch zu sagen. Die eine Stunde Reanimation hätten sie ihm ersparen sollen. Wahrscheinlich war er da aber schon nicht mehr dabei und hat sich das schon alles von oben angeschaut. Und weil wir beide zusammen vor 40 Jahren Krankenpfleger gelernt haben, weiß ich, dass er dabei einen trockenen Spruch abgelassen hat – über das vergebliche Theater, das der Rettungsdienst mit ihm veranstaltete.

Am Wochenende werden sich noch mal alle Freunde im Garten treffen, zu einem Abschiedsfest. Ich habe schon Abschied genommen und werde nicht mehr dabei sein. Seine Frau hat mir ein Glas Pflaumenmus mitgegeben.

Errata

Meine letzten Beitrag habe ich mit dem Satz begonnen: „Ein guter Freund packt seine Sachen in seinen alten weißen Renault und fährt los.“ Das stimmt nicht. Er ist nicht losgefahren.

Am Sonntag war ich noch extra zum Briefkasten mit Sonntagsleerung gegangen, damit ihn meine Postkarte mit dem vollgestopften, klapprigen sowjetischen Auto noch vor seiner Abfahrt nach Kreta erreicht. Das war unser Humor. Ich habe ihm allzeit gute Fahrt gewünscht. Wir haben viele Reisen zusammen gemacht. Er habe die Karte noch bekommen, sagt mir seine Frau am Telefon, und sich sehr gefreut. Gestern, einen Tag vor seiner Abreise sagt sie , sei er in seinem Garten tot umgefallen. Ich glaube, ich hab‘s noch nicht begriffen.

Fernweh

Ein guter Freund packt seine Sachen in seinen alten weißen Renault und fährt los. Von München nach Piräus und von da mit der Fähre nach Kreta. 2500 Kilometer über den Autoput. Die Kiste ist voll mit seinem Kram, denn er wandert aus, aber hat noch ein Plätzchen für mich frei. Klingt verlockend. Haben wir vor dreißig Jahren schon mal gemacht, einen Haustand quer durch Europa gekarrt. Damals ging es von München nach Edinburgh, mit einer weißen Kasten-Ente, „Kunst Transporte“ stand drauf. In seinem Keller hat er noch eine Kiste mit Fotos gefunden. „Wir hätten Filmstars werden sollen, so gut wie wir aussahen.“ Recht hat er und es ist ja nie zu spät dafür. Gleich geht ein neuer Film in meinem Kopf los: Autoput! Tausend Geschichten von zähen Kilometern hinter überladenen Gastarbeiter-Autos. Von Karambolagen und wunderkundigen jugoslawischen Mechanikern, von durchgebretterten Nächten, von Delirien durch Schlafentzug und von verschwitzten Körpern, die sich in VW-Bussen ohne Klimaanlage näher gekommen waren. Ein bisschen Kusturica-Komödie und ganz viel „On the road“. Jeder konnte in den 70ern und 80er eine Autoputgeschichte erzählen, nur ich nicht. Ich war überall in Osteuropa, aber nie in Jugoslawien. Dann kam der Krieg und es gab das Land nicht mehr. Oder war es umgekehrt?

„Ich hab noch eine Postkarte von dir gefunden, da schreibst du aus Kroatien, dass ihr ein schönes sozialistisches Hotel mit Blick auf eine Industrieanlage gefunden habt.“, tröstet mich mein Freund. Das ist der running gag bei jeder meiner Reisen: Irgendwann landen wir vor einer Chemiefabrik, einem Braunkohletagebau oder einem Zementwerk, wenn ich die Navigation übernehme. Ja, klar, irgendwann bin ich in Kroatien gewesen und in Slovenien, mit mit dem Motorrad und der Mutter meiner Söhne auf dem Sozius. Das war schön, aber das war zu spät, da war die EU schon da und hatte alles aufgeräumt. Und auch jetzt ist es zu spät. Zu spät, den Urlaub zu beantragen, den Rückflug zu buchen und überhaupt: Will ich bei über dreißig Grad in einem vollgestopften Transporter vier Tage auf der Strecke sein? Brennt es nicht gerade „da unten“? War ich nicht schon vom letzten Wochenende völlig erledigt? Und da ging es nicht nach Kreta, nicht nach Tanger sondern nur mit dem Rad nach Tangermünde. Liegt an der Elbe, an der „Straße der Romanik“. Hatte ich nicht auf dem Schirm, war wunderschön.

Es gab Blasmusik in alten Ruinen, es gab eine Fähre über die Elbe und auch auf den Wiesen des Elbdeichs einiges zu entdecken. Es gab einen Schrotthändler, der den Hof voller Ost-Motorräder hatte und Neuseeland für das schönste Land der Welt hielt, es gab eine Frau im Café, die uns zuraunte, dass Tangermünde die “Märchenstadt“ sei, in der alle DEFA-Märchenfilme gedreht worden seien und es gab einen dicken Mann, der vor der märchenhaften Kulisse einer alten Brauerei mitten in der Märchenstadt eine Leinwand und einen Grill aufbaute und „Manta, Manta II“ zeigte. Reicht das nicht? Fehlt mir etwas? Na ja, wir mussten einige Umwege fahren, und plötzlich landeten wir vor einer italienischen Zellstofffabrik (mit drei f) und der Ruine des Atomkraftwerks Stendal. Eigentlich ist es egal wo ich hinfahre.

Berliner Botanik

Ist eine Ärztin in meiner Leserschaft, oder wenigstens ein Botaniker? Bitte melden sie sich schnell. Es geht um Leben und Tod. Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn und im Bauch ist mir blümerant.

Frau Doktor, nach einer harten Arbeitswoche ging ich Waldbaden. Soll man jetzt ja so machen. Ich ging also nur im Park so für mich hin, nach schmackhaften Früchten stand mir der Sinn. Ich kam an einem Baum, nein eher einem Strauch vorbei, der mich mit roten Beeren lockte. Sie müssen wissen, dass ich bei den Pfadfindern war und gelernt habe, im Wald Essbares zu finden. Bucheckern, Brombeeren, Blaubeeren, kaum gesehen wandert es in meinen Mund. Sogar Sauerampfer weiß ich im Sommer zu genießen. Meine Kinder denken, ich bin ein Pferd. Aber als Pfadfinder hab ich natürlich gelernt: Iss nie etwas, was du nicht kennst. Von Pilzen lasse ich die Finger. Von Vogelbeeren auch. Aber diese roten Dinger, sehen die nicht aus wie Kirschen? Oder sehen Kirschen nicht irgendwie anders aus? So mit Zacken an den Blättern?

Und ich weiß nicht wie’s passiert ist, schon hab ich so ein Ding im Mund. Nicht schlecht, ein bisschen sauer, Kern in der Mitte. Doch eine Kirsche? Aber ist die Kirschenzeit nicht schon vorbei? Wer weiß das heutzutage noch , wo es alles zu jeder Zeit im Supermarkt gibt? Das war doch jetzt nicht schlimm, oder? Ich meine, das ist doch ein öffentlicher Park, da darf doch gar nichts Giftiges wachsen. Da passt doch einer drauf auf, schon wegen der Kinder, so von Amts wegen? So richtig glaube ich das aber nicht mehr. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass sich die Berliner Grünflächenämter in die ewigen Ferien verabschiedet haben, wenn ich so in die Botanik schaue und sehe wie alles zuwächst.

Jetzt weiß ich nicht was ich tun soll. Klatschnass bin ich, was nicht daran liegen kann dass es nach dem letzten Schauer im heißen Park dampft wie im Urwald und dass ich eine Jacke anhabe, weils ja eben noch geregnet hat. Um es kann auch nicht am Schwedenbecher liegen, den ich im Eiscafe mit extra Eierlikör bestellt habe. Ach sie wissen nicht was ein Schwedenbecher ist? Ist auch egal. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Bitte melden Sie sich schnell….

Subtext

Es dauert immer ein bisschen zu lange als dass es noch schön wäre. Es ist immer ein bisschen zu heftig als dass ich mich noch sicher fühlte. Der Wolkenbruch, der dritte heute, wann hört er auf? Wann ist es soweit, dass es in deinen Keller läuft? Der Sturm neulich, der an deinem Fenster gerüttelt hat wie du es noch nie erlebt hast. Wann ist er so stark, dass er die Scheiben eindrückt? An der Straße übervolle Obstläden. Die ganze Pracht des Sommers aus der Türkei und aus Spanien. Wie lange noch? Wann sind dort die Böden ausgelaugt, das Grundwasser über die durstigen Früchte ausgegossen? Wann werden die Karawanen der Lastwagen, die uns Tag und Nacht die Schätze des Südens bringen verdursten und mit leeren Tanks auf den Rastplätzen verschmoren? „Wasser gibt es in Spanien genug.“, lacht die stämmige blonde Frau neben mir am Cafétisch höhnisch. „Lassen sie sich nichts erzählen.“ Ihr Wohnmobil steht um die Ecke, ihr Hund leckt mir die Hand. „Spanischer Wasserhund, hab ich da von der Straße gerettet.“, sagt sie stolz. Sie ist zu Besuch bei ihrer Tochter, aber sonst ist sie auch ein Straßenhund. Pendelt hin und her. „Ich schmeiß mein Geld doch nicht mehr für eine Wohnung hier raus.“ Sie will, dass es frei und selbstbestimmt klingt. Ich glaube ihr nicht. „Freiheit, Freiheit, so nennens die andern…“ Ich bin froh, dass es etwas gibt, was ich mich hier hält. Aber auch das kann morgen weg sein. In sechs Jahren wollen wir kriegsfähig sein, sagt der Verteidigungsminister (Streichholz und Benzinkanister…), der gerade Kanonenboote nach den Philippinen schickt. Dann werden meine Jungs 18 sein. Wir werden wieder eine Wehrpflicht haben. Nein, meine Söhne geb ich nicht. „Dann sollen sie bei der Bundeswehr studieren, dann kommen sie nicht an die gefährlichen Stellen.“, meint die Mutter meiner Söhne. Ich kann nicht glauben, dass sie das so abgebrüht sieht. Sterben für unseren Lebensstil? Für täglich frische Melonen aus der Türkei? An der Ecke hat ein neuer Döner aufgemacht. „Einsfuffsich!“ nuschelt der hübsche Junge mit dem hellblauen Pullover, den leuchtenden Augen und der dicken schwarzen Tolle, als ich meinen Ayran auf die Theke stelle. Er ist 13 oder 14 und ich hoffe, dass er hier nur zu Besuch ist und sein schlechtes Deutsch nicht auf einer Berliner Schule gelernt hat. Er ist ganz Freude, ganz Zukunft und stolz auf seine neue Aufgabe. Vielleicht liegt er in fünf Jahren mit meinen Söhnen im Schützengraben. Vielleicht auch auf der anderen Seite.

Ich suche nach etwas, was mich fröhlicher macht und finde einen Kaugummiautomaten, der noch funktioniert. Ein kleines Glück für nen Zehner. Das gibts auch noch.

Im Faradayschen Käfig

Die Stimmung war gut. Mein Bruder hatte uns mit seinem alten Mercedes zum Bahnhof gefahren, wir waren damit prima das Ahrtal hinunter gekommen, hatten meinen Jungs die verlassenen Weinberge gezeigt, die wir damals statt einer Rodelbahn hinuntergebrettert waren und hatten noch Zeit für einen Kaffee auf dem Bahnhofsvorplatz. Die Jungs bekamen ein Eis. Wir hatten ein paar Tage in einer Jugendherberge in meiner alten Heimat hinter uns und die Morgensonne schien freundlich und mild. „Ich könnt mir gut vorstellen hier als Rentner jeden Morgen meinen Kaffee zu trinken.“, schwärmte ich in neu erwachter Heimatliebe. „Es gibt schönere Orte auf der Welt.“, grinste mein Bruder, der die Welt gesehen hat und nun als abgemusteter Seebär seit ein paar Jahren versucht, unser kleines Elternhaus zu seiner neuen Heimat zu machen. Und er hatte Recht. Es war nicht nur die Schönheit des Augenblicks, die mich an den alten Ort fesselte, es war auch die Angst vor dem, was noch vor uns lag. Mein Bruder mag alle Stürme der sieben Weltmeere durchpflügt haben, ich dagegen wage immer wieder eine Fahrt von Bonn nach Berlin mit der Deutschen Bahn und zwei Kindern. Was sich harmlos anhört war in den vergangenen Jahren stets zum finalen Abenteuer unseres Urlaubs geworden. Und auch dieses Jahr sollte uns die Bahn nicht enttäuschen, nein sie sollte, das ahnte ich wohl, sich diesmal selbst übertreffen. Und was wir noch nicht wussten: Sie hatte sich dazu neue Verbündete gesucht.

Wie immer wiegte sie uns am Anfang in Sicherheit. Der ICE kam fast pünktlich, die Plätze waren reserviert und es sollte nur viereinhalb Stunden dauern. Wir saßen in einem „Sprinter“, das Flotteste, was die Bahn zu bieten hat. Und wir schafften es auch ohne Probleme bis nach Köln, sogar bis fast bis zum Hauptbahnhof, als es in einer Rechtskurve auf dem Dach schepperte. Wir standen schräg, rechts eine Schallschutzwand, links ein hoher Bahndamm und nichts ging mehr. Der schlaksige Zugführer, der die samtene rote Zugführerbinde lässig am nackten Unterarm trug, als sei sie nicht Zeichen seiner Herrschaft und Sorge über die Reisenden, sondern die Eintrittskarte zu einem Strandclub, lief ein paar mal schweigend an uns vorbei. Auch die Fahrgäste schwiegen und blickten vor allem in ihre Handys. Was muss in Deutschland passieren, damit die Menschen in einem Zug miteinander reden? Nach einer halben Stunde wurde ich aufgenommen in die Schicksalsgemeinschaft, die sich virtuell gebildet hatte. Ob ich den neusten Gossip hören wolle, fragte mich die Hochschwangere neben uns. Die Oberleitung sei gerissen und auf den Zug gefallen. Die ganze Außenhülle des Zuges stehe also unter Strom wie in einem Farradayschen Käfig. Keiner könne raus. Türen und Fenster dürfen nicht geöffnet werden. Gleichzeitig fehlte der Strom für die Klimaanlage. Wir waren gefangen. Durch eine dünne Glasscheibe vom blauen Himmel und der frischen Sommerluft getrennt. Als die Temperaturen stiegen, fragten meine Jungs mich, ob wir jetzt ersticken müssten. In meiner Not deutete ich auf die vielen kleinen Löcher in der Deckenverkleidung. Da käme die Luft raus, fabulierte ich und hoffte inständig, dass die Ingenieure bei Siemens an sowas wie eine Zwangsbelüftung gedacht hatten, die auch ohne Strom funktioniert. Sicher war ich mir nicht. Vielleicht war genau daran gespart worden. Als die Durchsage kam, dass das Bordbistro für umsonst Getränke ausgibt, wusste ich, dass die Lage ernst wurde. Ich schickte die Jungs Cola holen und sie kamen mit reicher Beute zurück. Ab da war ihr Sportsgeist geweckt. Nach zwei Stunden kam der Schaffner ins saunawarme Abteil mit der Nachricht, die Feuerwehr hätte eine Notrampe den steilen Bahndamm hoch gelegt. Aber nur für Leute, die körperlich fit seien, außerdem rutsche die Rampe, sodass nur noch wenige über sie gehen könnten. Titanicfeeling. Das letzte Rettungsboot hing schräg in den Seilen. „Das ist doch nicht steil, das schaffen wir locker.“, entschieden die Zwillinge für mich mit einem Blick aus dem Fenster. Ich ließ mich von ihrem Elan mitreißen. Das Glück ist mit den Tapferen. Alte Männer und Kinder zuerst. Wir verabschiedeten uns von der Schwangeren, der man einen Umstieg in einen anderen Zug versprach und enterten die wacklige Reeling, die von der Kölner Feuerwehr gesichert wurde. Viel Mut brauchte es tatsächlich nicht. Wie schön das Industriegebiet von Köln-Zollstock sein kann. Unter einer rostigen Brücke versammelten sich die Geretteten und sofort fing das Gezänk an. Der versprochene Bus kam nicht, ein paar Taxis waren heiß umkämpft, irgendwelche Zettel mussten ausgefüllt werden. Gezeter, wer zuerst da war und wer es am Nötigsten habe. Eine Feuerwehrfrau gab uns den Tipp, dass ein paar Hundert Meter weiter eine Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof abfährt. Brauchten wir Fahrkarten? Blöde Frage. „Isch fahr schwatz mit der KVB, die Markfuffzich dät denen doch net weh…“ Das war „Zeltinger“, Kölscher Punk aus den Achzigern. Endlich war es soweit. Ein Jugendtraum erfüllt sich. Ein Alptraum auch. Denn die Bahn, die jetzt kommt, ist so alt wie der Song und in Köln fährt die Straßenbahn zum Dom unterirdisch. Kurz vor Neumarkt blieb sie mitten im Tunnel stehen. Mit Kölscher Gemütlichkeit erzählt der Fahrer uns Verlorenen, dass die Elektrik nicht funktioniert. Er werde jetzt mal alles ausschalten und hoffen, dass sie wieder anspringt. Es wurde dunkel und unheimlich still. Wir stehen in der Röhre, schwitzende Leiber aus dem ICE um uns, nur die Displays der Handys leuchten gespenstisch (meine Söhne behaupten später, viele hätten gelacht, als die Durchsage des Fahres kam). Beim nächsten Mal, gelobe ich in meinem Innern, werde ich ganz regulär eine Fahrkarte kaufen und im Dom eine Kerze anzünden für St. Christopherus, den Heiligen, der das Christuskind über einen reißenden Fluss trug…. Das Licht ging wieder an und die Bahn ruckelt weiter. Am nächsten Bahnhof brauchen die ächzenden Falttüren beim Öffnen einen Augenblick zu lange, um mein Vertrauen in die Technik wieder herzustellen. Panisch verlasse ich mit den Kindern den Zug, haste durch das mit stumpf schlurfenden Menschenleibern vollgestopfte Unterweltreich und treibe meine Jungs die nächste Treppe hoch. Endlich Licht! Luft!

„Ui jui jui!“ , scherzt der Schaffner, der im nächsten ICE eine Erklärung verlangt, warum wir seinen Zug benutzen, wie eine schlechte Horst Evers-Parodie, „Da haben sie ja ein kleines Abenteuer erlebt. Da können sie zu Hause ja was erzählen.“ Im Bordbistro gibt es für die Jungs ein Eis kostenlos. Das nächste Mal fahre ich mit dem Schiff.