Tam Tam? Tamam!

Lari ist wirklich eine nette Frau. Sie breitet die ganze Vielfalt ihrer Küche vor mir aus, lässt mich dies und das probieren und erklärt mir alles. Ich bin der einzige Kunde in ihrem neuen Bio-Imbiss „Laris Bio Bowl“ (ehemals “Monis Fischkajüte“) und deshalb werde ich verwöhnt und mit aller Aufmerksamkeit bedacht. Die Gerichte sind kurdisch, aber modern, leicht und elegant angerichtet und so ist Lari: Mit kurdischen Wurzeln und ganz Bio-Berlinerin, mit kurzen Haaren und kräftigem Lippenstift. Zwischen ihrem mit hellem Holz spartanisch eingerichteten Laden und den Döner-Buden und Gözleme-Bäckereien der Nachbarschaft liegen Welten und sollen wohl auch Welten liegen. Und deswegen kriegt Lari auch manches nicht mit, was draußen auf auf der Müllerstraße passiert. Sie sieht nicht die dicke, weiße Stretchlimousine, die auf der anderen Straßenseite zwischen Spielhalle und afrikanischem Imbiss vorfährt. Und sie hört nicht die wummernde Musik, die plötzlich loslegt. Paukenschläge und eine leiernde Flöte mit einem quäkenden Klang, der irgendwo zwischen proletarischen Schalmeien und indischen Schlangenbeschwörern liegt übertönen sogar den sowieso schon dröhnenden Verkehrslärm auf der Ausfallstraße zur Autobahn. Eine türkische Hochzeit, denke ich genervt. Der Sound gehört zum Wedding wie die Martinshörner der Krankenwagen und die quietschenden Reifen der rasenden PS-Protze. Aber halt. Ich bin in einem kurdischen Laden. Vielleicht ist das die beste Gelegenheit, rauszukriegen, was es damit auf sich hat. Und ob das kurdisch oder türkisch ist. Am Ende gibt es da tiefe Gräben, die ich aufreiße, wenn ich da so undifferenziert daherdenke. Also frage ich Lari. Sie muss erst einmal durch das große Ladenfenster blinzeln um zu sehen, was los ist. “Normalerweise stehen da mehr dicke Autos.“ sagt sie erstaunt, aber nicht wirklich interessiert. Ich zeige mit dem Finger auf die Schlange von dunklen Audis und BMWs , die sich hinter der Hochzeitskutsche aufreihen. „Hab ich gar nicht gesehen.“, sagt sie. „Normalerweise sind da noch dicke Blumenbuketts drauf.“ „Und was passiert da?“, bohre ich weiter. “Die Braut wird abgeholt und aus ihrer Wohnung zum Hochzeitsfest gefahren. Früher ging das vom Haus der Eltern der Frau zum Haus ihres Mannes. Aber heute geht es manchmal gleich vom Friseursalon zum Hochzeitsaal.“ „Und“, wage ich die Gretchenfrage zu stellen. „Ist das jetzt türkisch oder kurdisch? “Was weiß denn ich?“, hebt Lari entschuldigend die Arme wie ein Rabbi, dem seine Schüler eine zu schwere Frage gestellt haben. “Es gibt so viele unterschiedliche Kurden und so viele unterschiedliche Türken, da kenn ich mich nicht aus.“ Und vor lauter Verwirrung, vergisst sie, mir die Bionade in Rechnung zu stellen.

Born to ride

Die vollen Haare noch nackenlang, die Sonnenbrille cool nach oben geschoben und die dicke Lederjacke halb offen – so sitzt er vor dem Frühstückscafé und blickt in die Ferne. Vor sich einen Pott Kaffee, schwarz wie die Seele, wie sich das gehört und neben sich sein schwarzes Bike. Ich frage ihn, ob ich mich mit meinem Kaffee zu ihm setzen darf und er nickt schweigend. “Kalt“, sage ich fröstelnd. “Is ja keen Sommer.“, sagt er und schweigt weiter. Das kenne ich von vielen Motorradtreffen. Mann lebt, um zu fahren, nicht um zu reden. Nach ein paar Minuten drückt er sich ächzend hoch. Er ist ein großer, stattlicher Kerl. Dann nimmt er seinen Stock und trippelt zu seinem Cruiser Marke “Rollelektro“. Von hinten sehe ich den stolzen Harley-Davidson-Adler auf seiner gepflegten Jacke. “Hast du ne Harley?“, frage ich ihn. „Ja, ne richtige.“, kommt es kräftig zurück. „Aber seit dem Schlaganfall trau ick ma nich mehr. Einmal bin ick umjefallen, dit reicht ma.“ Er schaut mich nicht an. Er ist zu beschäftigt seinen Stock an seinem neuen Gefährt zu verstauen und den Sitzring an seine Position zu legen. Steif wuchtet er sich auf den Sattel und schnauft noch mal durch, bevor er kernig am Gasgriff dreht. Die Leute auf dem Gehweg machen einen Schritt zur Seite als er angerollt kommt und ich sehe noch, wie er sich an der nächsten Kreuzung mit einer lässigen Geste die Sonnenbrille ins Gesicht schiebt.

Matthias Ostergeschenk

Matthias hat mir geschrieben, dass er sich freuen würde, wenn ich auf sein drittes Buch zu Ehren des 100sten Geburtstags von Charles Bukowski hinweisen würde. Das tue ich gerne, denn ich habe schon die ersten beiden limitierten Geburtstagseditionen geliebt. Die anspruchsvoll gestalteten “Chapbooks“ aus Matthias Verlag Newington Blue Press bieten eine völlig neue Sicht auf den Poeten, der den meisten wohl vor allem als “dirty old man“ mit einer Bierflasche in der Hand bekannt ist. Bukowski war ein großer Briefeschreiber, der mit viel Humor andere Autoren zum Schreiben ermutigte, und einiges aus dieser Korrespondenz ist im Original abgedruckt. Daneben die Berichte von Weggefährten und neue Gedichte und Erzählungen, von Menschen, die sich von Bukowski haben inspirieren lassen. Eine Entdeckungsreise durch die Underground-Literatur von heute.

Aber es gibt noch einen Grund, warum ich Mattias Edition im Besonderen und Bukowskis Gedichte sowieso empfehlen möchte. Das ist ein Gedicht von Bukowski, das mir Matthias vor zwei Jahren unter einen Beitrag postete, den ich geschrieben hatte, als die erste Coronawelle vorbei war und ein wenig Licht am Ende des Tunnels sichtbar schien. Das Gedicht, geschrieben von einem Mann, der bis in seine 50er wenig Gutes vom Leben hatte, hat mich in seiner Zuversicht einfach umgehauen.

The Laughing Heart

«your life is your life
don’t let it be clubbed into dank submission.
be on the watch.
there are ways out.
there is a light somewhere.
it may not be much light but
it beats the darkness.
be on the watch.
the gods will offer you chances.
know them.
take them.
you can’t beat death but
you can beat death in life, sometimes.
and the more often you learn to do it,
the more light there will be.
your life is your life.
know it while you have it.
you are marvelous
the gods wait to delight
in you.»

Ich wünsche euch hoffnungsvolle Ostertage.

Betrug an Bienen

Birgit meinte, ich solle doch heute noch eine Geschichte von meinen Jungs erzählen. Ich bin aber durch für heute, weil meine drei Lieben meinten, noch eine Zaubershow aufführen zu müssen, als ihre Mutter sie abholen wollte und wir Mühe hatten, die überdrehte Bande ins Auto zu wuchten. Die Mutter meiner Söhne schnüffelte an mir und meinte, ich rieche nach Hasch, und ob ich den Kindern was davon gegeben hätte? Wir haben gemeinsame seltsame Erinnerungen an Amsterdam, als ich die ganze Nacht in einem Hotelzimmer vor mich her gegiggelt habe und sie total nüchtern blieb, obwohl sie was geraucht hatte. Sie kann was ab. Das hat sich nicht geändert. War aber diesmal wohl nur der Geruch von verbranntem Bambusrohr. Das hatten wir aus dem Baumarkt geholt, um ein Wildbienenhotel zu bauen. Also: Ich wollte ein Bienenhotel bauen und die Jungs wollte die Bambusstöcke, die ich ihnen schon seit zwei Jahren versprochen hatte. Haben ein gutes Gedächtnis, die Kleinen. Das einer nicht mit in den Baumarkt gekommen ist, weil er bockig war, weil wir es Samstagmorgen nicht in die Bibliothek geschafft haben, wo er sich neueste Exemplar von “Woodwalkers“ erhofft hatte, sei nur am Rande erwähnt. Also Telefon umgestellt, damit er es mit einer Taste bedienen kann und die Wohnzimmertür abgeschlossen, damit er nicht an Tablet und Comics kommt. Ich lass mich doch nicht veralbern. Die Bambusstöcke wirkten wie Zauberstäbe. Statt sie in kleine Röhrchen für die Bienchen zu zerschneiden, wurden sie mit einem Schnitt zu Schwertern zersägt. Und weil ich das Werkzeug für den Bienenkasten schon rausgesucht hatte, fand ich auch den Lötkolben, von dem ich gar nicht wusste, dass ich ihn noch habe. Und von meinen Jungs und von Lego habe ich inzwischen genug über die Ninjas in Ninjago-City gelernt, um zu wissen, dass Schwerter magische Zeichen brauchen. Also den Lötkolben ins Holz gebrannt und die Helden in den Garten geschickt. Wundervolle Ruhe! Aber eigentlich hatte ich mir das anders vorgestellt. Der Bienenkasten musste fertig werden. Sechs Bretter, meine Metabo-Bohrmaschine aus den 80ern und ein paar Schrauben. Das konnte doch nicht so schwer sein. Na ja, was dabei rausgekommen ist, kann jeder selber beurteilen. Ich muss zu meiner Entschuldigung sagen, dass ich mütterlicherseits aus einer Familie von Tagelöhnern und Schiffern stamme. Herumziehendes Volk also, nicht Solides. Und mein Vater war Lastwagenfahrer. Also wo soll ich es her haben? Auf der Uni lernt man ja auch nichts Ordentliches. Den Jungs war es egal, die hatten im Hof ihr Waffenarsenal sortiert und mit altem Bauholz und Moos sich frühlingsgrüne, weiche Lager gebaut. Wir nahmen ein paar dicke Äste mit, bohrten eine Menge Löcher rein und zu meinem Erstaunen waren sie ganz begeistert davon, die Löcher mit einer Feile glatt zu schleifen, wie der NABU es empfiehlt. Natürlich gab es wieder Streit, wer welche Feile kriegt und einer rauschte wieder aufs Sofa und versteckte sich hinter einem Lustigen Taschenbuch, aber gefeilt wurde mit Hingabe. Die Bienen sollten es ja schön haben. Mit dem Lötkolben haben wir dann noch “Hotel“ und „Luxus“ ins weiche Holz gebrannt. Ah, jetzt fällt mir ein: Das Holz war harzig. Wir haben also mit dem Lötkolben Harz verbrannt. Daher der Geruch. War aber auch egal, weil kaum hatte ich die gelöcherten Äste irgendwie im Gestell verkantet, waren die Jungs schon bei der Zaubershow. Und dann kam ihre Mutter. Jetzt weiß ich nicht, was ich mit dem halbfertigen Ding machen soll. Kennt jemand die Brutzeit von Wildbienen?

Hin und Her

Wieder so ein zerrissenes Wochenende. Die Zwillinge bleiben bei ihrer Mutter, weil sie am Samstag am “Havellauf“ ihres Sportvereins teilnehmen. Also hole ich nur den Kleinen ab. Ist auch lange her, dass ich mal mit ihm ein Wochenende alleine war. Corona hat die ganze Familie erwischt. Schön nacheinander, erst die Kinder, dann die Mutter. Das hieß drei Wochen die Kinder nicht sehen, zumindest nicht alle auf einmal. Und was heißt schon Wochenende? Freitag Nachmittag eine Stunde nach Brandenburg, abends eine Stunde zurück. Aber der Kleine ist ein Wunder. Als ob ich gestern aus der Tür gegangen wäre strahlt er mich an und will auf meinen Arm. Auch die beiden anderen geben mit das Gefühl, nichts falsch gemacht zu haben. Am Samstag dann ins Kino, dass hatte ich meinem Jüngsten versprochen. Mit Irgendwas muss ich ihn ja locken, sich mit mir in der Dämmerung eine Stunde in S-Bahn, Straßenbahn und U-Bahn zu setzen. “Gangster Gang“ ist ab 6 Jahren, aber selbst wenn sie auf die Hälfte der Action-Szenen und Schnitte verzichtet hätten, wäre es für mich mit 60 noch zu viel. Meinem Kleinen fällt die Popcorntüte und die Kinnlade runter, aber sonst bleibt er ruhig. Als eine Horde Zombie-Meerschweinchen mit glühenden Augen sich auf die Helden stürzt, will ich ihm die Augen zuhalten, aber er nimmt nur die Hand und hält sie fest. Unter Pixelgewittern halten wir tapfer aus bis zum Abspann. Ich frage ihn draußen, was er gesehen hat. Er zuckt die Achseln. Erinnert sich nicht an Wolf, Füchsin oder Schlange. Alles nur ein Rauschen für ihn? Er reagiert sich auf dem Fahrrad ab. Wettrennen um den Block und dann in den Park, Stöcke sammeln. Von weitem sehen wir ein Wildschwein und drehen eine Runde zu weit. Fußlahm kommen wir beide am Eiscafé an und die Welt ist wieder in Ordnung. Die Stöcke werden sorgsam im Garten versteckt. Abends lässt er seine großen Augen so lange kullern, bis er in meinem Bett schlafen darf. Ich schlafe auf dem Sofa, so tief wie lange nicht.

Sonntag geht vorbei. Ohne dass ich es merke, hat er rausgekriegt, wie man mit dem Handy Fotos macht, ohne den Code zu kennen Ich halte mich an meinem Kaffee fest. Aus Lego baut er etwas, das aussieht wie eine Hochseefähre. Was das sei, frage ich ihn. „Ein Schiff, ein ganz normales.“, antwortet er. „Es kann fliegen“. Ich schaue auf die Uhr, suche Schlaftiere, Unterhosen und Schals zusammen, aber er will nicht los. Das Schiff muss noch umgebaut werden, zwischendurch kracht die ganze Konstruktion zusammen, aber er arbeitet weiter, als ob er einen Plan hätte. Es hat keinen Sinn jetzt zu drängeln. Irgendwann sagt er “Fertig“ und dann ist er es auch.

Und schon sitzen wir wieder in der Straßenbahn, Maske im Gesicht. Wir sind eine Stunde zu spät und werden die S-Bahn auch noch verpassen. Ich lasse ihn mit dem Handy Fotos machen und überlege mir schon ein paar Argumente für den Schlagabtausch mit der Mutter. Es wird aber nur ein Geplänkel und als die Sonne schon weg ist, führen meine drei Jungs mir noch eine Hüpf-Show auf dem Trampolin vor. Sie sind beweglich wie Klappmesser und ihr Gehüpfe hat was von Hip-Hop. Bald sind es keine Kinder mehr.

Zu Hause steht noch die halbvolle Tüte Popcorn auf dem Tisch. Ich stopfe sie in mich rein, während ich alte Comedy-Sendungen auf YouTube schaue, und spüre wieder Leben in mir.

Hypermobilität

Die Straße vor meiner Haustür ist seltsam leer. Als ich mir nach langen Stunden der Arbeit einen Kaffee im Sonnenschein gegönnt hatte und nach Hause zurückkomme, fehlt mir was. Rechts, da wo das Regenrohr im kleinteiligen Berliner Gehwegpflaster verschwindet. Da steht normalerweise mein klappriges Einkaufsfahrrad. Ich habe es seit Jahren. Damals habe ich es gerettet. Nach langen einsamen Jahren am Fahrradständer vor meinem Büro wäre es sonst irgendwann von unserem Hausmeister auf den Schrott geworfen worden. Eine kleine Eisensäge, fünf Minuten in der Dunkelheit, und schon war es meins. Der Pförtner hat weggeschaut.
Einen ganzen Tag im Sommer habe ich ihm gewidmet, den Chrom poliert, das Licht repariert und eine neue Kette montiert. Es war wunderschön. Meine Tochter schaute verwundert zu, wie viel Liebe ich in das hässliche Entlein steckte. “Schau die Rückleuchte“, schwärmte ich, “nur geometrische Formen; Rechteck, Kreisbogen, Kreis. Das ist reines Bauhaus!“ „Ok“, winkte sie ab, weil sie wusste, dass keinen Sinn hatte, mit ihrem Vater über solch ein vergilbtes Stück Plaste aus der DDR zu diskutieren. Sie lächelte mich milde an und zog mit dem modernen Diamant-Fahrrad, das ich ihr zurechtgemacht hatte, ihrer Wege. Wahrscheinlich überlegte sie kurz, in welcher Form des betreuten Wohnens sie mich bald würde unterbringen müssen.
Mit jedem Detail, das ich entdeckte, liebte ich mein blaues Wunder aus dem IFA-Kombinat mehr. Mit seiner billigen Seilzugstempelbremse, dem gemufften Stahlrahmen und seinem filigranen Gepäckträger. Technik aus den 50er-Jahren. Damit kenne ich mich aus, seit ich mir als Oberschüler Fahrräder aus dem Sperrmüll geholt und wieder flott gemacht habe. „Funktioniert doch, reicht doch.“ Das waren die Worte meines Vaters, der mich in unserer Garage werkeln sah. Und je älter ich werde, desto mehr gebe ich im Recht. Na ja, fast. Oben, in meinem Wohnzimmer steht wohlbehütet ein maßgefertigtes Rad aus einer Berliner Manufaktur, aufgepeppt mit den schicksten japanischen Komponenten. Ein Rad für besondere Stunden. Man gönnt sich ja sonst nichts. Der Drahtesel aus der Zone muss dagegen für den Alltag herhalten. Für die Einkaufsfahrt zum Bio-Laden oder den Ausflug mit meinen Jungs.

Ausflug mit meinen Jungs…. Langsam dämmert es mir. Das Fahrrad ist weg. Dafür steht mein Motorrad auf der anderen Seite des breiten Bürgersteigs. Bin ich also mit dem Rad irgendwohin gefahren und mit dem Motorrad zurück gekommen? Bruchstückhaft bringe ich das vergangene Wochenende in meinem Kopf zusammen. In meinem Telefon finde ich eine Nachricht an einen Freund “Nach unserer Tour war ich genau so platt wie dein Reifen“. Wir waren also weg – mit den Rädern. Ich sehe ein Bild vor mir: Die Räder der Kinder vor meiner Tür, festgeschlossen an meinem. Das muss Samstag gewesen sein, denn Sonntag sind wir zur Mutter zurück gefahren. Samstag war das Rad also noch da. Danach muss etwas passiert sein, an das ich mich nicht mehr erinnere, oder erinnern will. Als nächstes kommt mir ein Bild eines verwaisten S-Bahnhof zurück, Bornholmer Straße. Der Umsteigebahnhof, wenn ich die Kinder zu ihrer Mutter bringe. Sonnenbeschienen, aber leer wie einer der vergessenen Geisterbahnhöfe im geteilten Berlin. Oder wie nach einem Atomschlag. In meinem Bild laufe ich mit meinen Kindern den leeren Bahnsteig entlang. Die Rolltreppe funktioniert noch und die Jungs laufen gegen die Fahrtrichtung auf den klappernden Stufen…..Wir verlassen den Bahnhof, aber kehren wie von einem Zwang geleitet wieder zurück – um Fahrkarten zu kaufen. Der Automat spuckt die Karten in die Stille, die nichts Bedrohliches hat. Die Sonne scheint golden. Es gibt keine Zeit. Dann ist Nacht. Ich steige aus dem Auto, greife meinen Rucksack, greife mir meine Zwillinge, und gehe in meine Wohnung. Doch in der Wohnung hat sich der Rucksack verwandelt. Es ist jetzt der Rucksack der Mutter der Jungs. Ich telefoniere, will sie zurückholen. Aber ihr Handy klingelt in meinem Flur. Dann wieder Sonne, eine vierspurige Ausfallstraße im Osten Berlins. Ich bin glücklich. Mit meinen Jungs und ihrem Freund fahren wir Rennen auf dem breiten Fahrradweg, gegen die Fahrtrichtung. Die ersten Hochhäuser in fröhlichen Farben leuchten gegen den strahlend blauen Himmel. Wir zählen mit den Fingern die Stockwerke, 9, 12, 20. Es ist kalt, aber wir sind guter Laune. Hinter uns liegt etwas Bedrohliches, wir haben es überwunden. Das letzte Bild: Ich bin in einem Aufzug, mitten in einer riesigen Halle. Neben mir meine Jungs. Wir sehen auf der anderen Seite der Halle gesperrte Rolltreppen. An deren Ende ein Zwischengeschoss, in dem einige gebeugte Gestalten stumm in Kisten kramen. “Das sind die Flüchtlinge aus dem Krieg,“ raune ich meinen Jungs zu. “Das sehe ich.“, sagt mein belesener Sohn. Dann sind wir oben in der Dunkelheit. Wir trennen uns von unseren Freunden. Mit meinen Jungs überquere ich die leere Straße. Da tauchen Scheinwerfer auf, die ich übersehen hatte. Ich schreie “Halt!“ und meine Jungs halten mitten auf der Straße. Es ist nichts passiert.

Jetzt weiß ich, wo ich das Fahrrad finde. Es steht an der Straßenbahnhaltestelle, 10 Minuten von hier. Auf dem Rückweg setzte ich mich ins Café „Wachmacher“ und merke wie müde ich bin.

Es geht wieder los

Es ist Mittagszeit in Berlin-Mitte. Aus den vielen schicken Büros rund um die Friedrichstraße strömen die Menschen in die schicken asiatischen Restaurants zum Mittagstisch. Ich sitze in dem gediegenen Sushi-Laden, in dem nie viel los ist und in dem ich meine Ruhe habe. Die wenigen Gäste unterhalten sich meist gesittet und in Zimmerlautstärke. Aber heute ist es anders. Heute ist es draußen warm und der Himmel wolkenlos. Es ist Frühling und das merkt man. Zwei Tische vor mir sitzen eine Frau und ein Mann Anfang Dreißig. Ich sehe den Rücken des Mannes und das Gesicht der Frau. Es glüht. Es ist blass, aber die Wangen sind so rot wie es kein Rouge schaffen kann und die Stirn auch. „Krank?“, denke ich. Dann sollte sie hier nicht sitzen. Aber dann sehe ich, dass sie lacht. „Sekt, um die Uhrzeit?“, ist mein zweiter Gedanke. Sie lacht nicht nur, sondern sie strahlt. Sie strahlt bei jedem Satz, den ihr Gegenüber fallen lässt. Er ist locker. Fläzt sich auf dem Stuhl, die Beine ausgestreckt. Die kurzen Haare mit erstem grauem Schimmer, das Gesicht kantig. Weicher, goldbrauner Kaschmir-Rollkragen. Ein Bild von einem Intellektuellen. Sie knabbert an ihrem kleinen Finger, wenn er spricht, die Hand elegant am Kinn. Die Beine unter dem dunklen Rock überschlagen kommt ihr Gesicht ihm näher – und weicht wieder zurück. Sie weiß sich zu benehmen, aber am liebsten hätte sie ihn zum Nachtisch. Langsam merkt er es auch. Gottseidank. Setzt sich auf, kratzt sich am Nacken, fährt sich durch die Haare. Ach ist das schön: Frühlingsgefühle. Draußen geht die Welt unter und hier fängt was Neues an.

Hilfe

An der Tankstelle. Ich brauche Luft. Neben mir ein glänzend weißer Mercedes, der von vier jungen schwarzen Männern in modernem, makellosem Sportdress gewienert wird. Sie machen das mit Begeisterung und rufen sich auf Englisch lachend Neckereien zu. Es ist ihr Auto und sie sind stolz darauf. Mit großen Handys machen sie immer wieder Fotos – von sich und dem Auto. Es ist ein Sportwagen, tiefergelegt, mit breiten Reifen und filigranen Speichenrädern. Ich sehe die dunkelroten Bremssättel, die über riesigen silbernen Bremsscheiben sitzen. Protzig, aber nichts Besonderes. Eher so Angeber-Mittelklasse im Wedding. Nichts Besonderes ist auch das ukrainische Nummernschild. Ich hab schon dickere Autos mit dem blau-gelben Zeichen die Müllerstraße langrasen gesehen. Die Männer brauchen bestimmt keine Hilfe.

Aber vielleicht brauche ich bald Hilfe von Ihnen. Der Druckmesser funktioniert nicht. Ich klemme den Luftschlauch auf das Ventil, aber die Luft geht nicht rein, nur raus. Gleich ist der Reifen platt und ich muss mit dem platten Motorrad zur nächsten Tankstelle eiern. Eine, die noch eine intakte “Luft und Wasser“- Station hat. Ich bin nicht verzweifelt. Ich kenn das schon. Da hält mir jemand einen schwarzen Luftschlauch über die Schulter. Es ist der schmächtige Kerl mit dem kleinen Geländemotorrad von der Station neben mir. “Hier, nimm mal den. Der funktioniert.“ Ohne weitere Worte stellt er sich an die Druckluftsäule und drückt auf dem Knopf, bis ich Stopp sage. Solidarität funktioniert nicht nur mit der Ukraine.