Freiheit, die ich meine

Nee, so geht das auch nicht. Die Welt ist doch schon kompliziert genug. Und dann macht man aus einer einfachen Seitenstraße ein Labyrinth? Das soll einer verstehen. Ich bin ja Radfahrer mit Leib und Seele. Und dass man auf den Berliner Hauptstraßen den Autos eine ganze Spur weggenommen hat und sie für die Fahrräder mit Pollern abgesperrt hat (zumindest war das so gemeint. In der Wirklichkeit fährt man weiter Slalom zwischen Lieferwagen, Baustellen und Falschparkern), dafür möchte ich unserer ehemaligen grünen Stadträtin jeden Tag eine Kerze in der Kathedrale meines Herzens anzünden. Ehrlich! Danke Frau Dr. Almut Neumann!

Dass man mit Barrieren, Schildern und Grenzpfählen aber nicht überall eine bessere Welt schaffen kann, merke ich, als ich mal nicht mit dem Rad unterwegs bin, sondern mit dem Moped. Und weil ich die Nebenstraße genommen habe, und weil ich es eilig habe und weil dann da ein Polizist steht, der das ganze Durcheinander sortieren soll. „Fahn se ma rechts ran.“ kommandiert er und winkt mich mit der rechten Hand zu sich, während er das Auto kontrolliert, hinter dem ich zum Halten gekommen bin. „Na, was glauben se, warum sie jetzt hier stehen?“, wendet er sich mit einem makellosen Gebiss breit lächelnd an mich. Blödeste Bullentaktik, aber sie verfängt. Ich soll mich selbst beschuldigen? Tue ich dann auch prompt. Denn so läuft das Spiel: Selbsterniedrigung mit Hoffnung auf Absolution. Kenne ich noch von der katholischen Kirche. Das war auch bei der sozialistischen Selbstkritik so und das ist heute in einem verkehrsberuhigten Kiez mit grüner Wählerschaft nicht anders. „Fahrradstraße?“, rate ich mal so ins Blaue hinein. Ganz tief ist die Reue nicht, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich gegen die Gebote der neuen Fahrradstraße verstoße. Im Gegenteil: Jedes Mal nehme ich mit dem Moped trotzig genau diesen Weg, weil es jedes Mal ein kleiner Triumph ist hier gegen alle Verbote durch das Zentrum von Deutsch-Schilda hindurch zu knattern. Mit dem Fahrrad nehme ich die Strecke entlang der Hauptstraße – das geht schneller. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass sich hier zu viele nicht an die Einbahnstraße halten.“, rechtfertigt sich der Wachtmeister, und ich merke, dass es im unangenehm ist. „Und deswegen muss ich jetzt hier rumstehen.“ Da ist ein kleiner Unterton, der mich hoffen lässt. Routiniert kontrolliert er Führerschein und Perso. „Ach sie wohnen ja ganz in der Nähe?“, staunt er. „Versicherung in Ordnung?“ „Ja“, sag ich eifrig, „Neues Kennzeichen gestern drangeschaubt.“ Hoffentlich fragt er mich nicht nach dem Bremslicht, das tut nämlich nicht. Und überhaupt fallen mir alle Sünden wieder ein. So ist das bei mir immer. Aber es gibt einen Trumpf, der bei jedem Berliner Polizisten verfängt: „Also ich finde ja die Fahrradstraße echt eine gute Idee, aber dass das so kompliziert sein muss…“ Kein Berliner Polizist über 50 ist Fahrradfahrer. Und der Schupo mir gegenüber mit seinem stattlichen Bauch unter dem schwarzen Lederwams bestimmt auch nicht. Mein Alter, schätze ich ihn, gemütlich. „Na, dass ich den Quatsch noch vor der Rente machen muss….“ fängt er an. „Also ich hab noch zwei Jahre…“ solidarisiere ich mich sofort. „Nee, ich nur noch 5 Monate – jottseidank!“ Dann versucht er wieder amtlich zu werden. „Also eigentlich sind das 50 Euro…“ Aber ich komme mit einer ernsthaften Verwarnung weg und gelobe Besserung. Fast möchte ich dem freundlichen Mann in Schwarz zum Abschied die Hand schütteln. Aber er ist schon wieder beschäftigt. Das Gegensprechgerät an seiner Brust knarzt. Es ist von Motorola. Die haben mal gute Handys gebaut, vor 20 Jahren. Gibt’s die überhaupt noch? Der Kontaktbereichsbeamte von der Triftstraße wird eine Lücke lassen in der Berliner Polizei, wenn er geht. Gerade seine Gelassenheit brauchen wir hier.

Einen Tag später komme ich an die Stelle zurück. Mit Fahrrad und Fotoapparat. Wir wissen aus den guten Krimis: Der Täter kehrt immer an den Ort der Tat zurück. Waren hier wirklich Einbahnstraßenschilder? Hatte ich gar nicht gesehen? Oh ja! Mehr als genug. Während ich versuche, sie alle auf ein Bild zu bekommen, muss ich immer wieder zur Seite springen, wegen der Autos, die in alle Richtungen durch die Einbahn-Fahrradstraße brettern. Auf dem Rückweg mach ich dann noch ein paar Bilder vom Leben und Überleben auf der Hauptstraße.

Appetithäppchen

Abends um elf, im Dönerladen „Rehberge Bistro“. Ich komme aus dem Kino. Habe mir „Silent Friend“ angeschaut. Im Herzen ist mir warm, aber für den Bauch brauche ich noch was Warmes. Das Bistro ist direkt neben dem U-Bahnausgang. Die Hühnersuppe ist hier besonders gut und wird mit einer reichen Beilage aus frischem Gemüse und Pepperonis von der Dame des Hauses selbst an den Tisch gebracht. Neben mir sitzt ein drahtiger, nicht mehr ganz junger Mann mit etwas wie einer weißen Taucherbrille im Gesicht. Ganz verschwommen sieht man durch das Glas seine Augen. Er blickt auf die leere Wand neben mir, nuckelt an einer Cola und spielt auf seinem Handy. Neben so einem Alien schmeckt mir mein Essen nicht. „Was sehen sie denn da?“, frage ich, um in Kontakt zu kommen. „Die Bilanzzahlen von Apple. 40 Milliarden Dollar Gewinn“, haucht er ins Nirgendwo. Anscheinend ist er auch an einem Gespräch interessiert, denn nach zwei drei weiteren Fragen zieht er die Brille aus. 

Er sieht auf meine Hühnersuppe. „Also das würd‘ ich nicht essen. Wissen Sie, was da drin ist? Das ist doch alles voller künstlicher Hormone.“ „Ja“, sage ich, „aber es macht warm und es gibt frisches Gemüse dazu.“ Es stellt sich heraus, dass er bis vor Kurzem im Nachbarladen gearbeitet hat, der Vegane Bowls verkauft. Jetzt ist er auf Bürgergeld, aber der missionarische Eifer bleibt. „Ich ess ja auch mal einen Döner, aber bei so einer Bowl, da weißt du, was drin ist. Und alles regional.“ Er redet weiter, über Aktienkurse (er hat keine Apple-Aktien), wann man sich was anschaffen kann (wenn man das Geld hat), und wie lange er auf die VR-Brille gespart hat. Als meine Suppe alle wird, sind wir schon bei seiner On-Off-Beziehung. Ich zahle und schaue noch mal zurück: Er hat die Brille noch nicht wieder aufgesetzt.

Tags drauf,  bei Kaufland an der Kasse. Ich lege vier große Tafeln Schokolade auf das Fließband. Die Kassiererin ist eine kleine Frau, nicht mehr jung und vom Leben hart gezeichnet. Mit Leib und Seele ist sie bei ihrem Job. Eben noch hat sie ich vor mir länger kichernd mit einem bärtigen Mann unterhalten, den sie wohl kannte und hat ihm gute Tipps zu den fünf kleinen Kartons mit Damenbinden gegeben, die er aufs Band gelegt hatte. Jetzt bin ich an der Reihe. „Dit sind aber nicht die aus dem Sonderangebot.“, warnt sie mich, als sie die Schokolade in die Hand nimmt . „Nur die Kleenen gibts für 1 Euro, die hier kosten 4,99.“ „Ich weiß“, sag ich, „Aber heute gibt`s Zeugnisse und da kriegt jedes von meinen Kindern eine große Tafel.“ „Also ick würde ja meinen Kindern nich so wat jehm.“, werde ich belehrt. „Wissense wat da drinne ist? Lesense ma Stiftung Warentest. Da wird ihnen übel. Da is Zuckerwatte noch gesund dagegen.“ „Ja“ sag ich, „haben sie Recht, aber heute ist eine Ausnahme.“ „Also ick muss den Mist ja hier vakoofen, aber selber rühr ich den Kram nich an.“ „Und welche Schokolade essen sie?“, frag ich genervt. Sie winkt mich übers Band und ich beuge mich zu ihr runter: „Nehmse einfach Kakao, in den Topf, bisschen Mehl dazu und ein ganz bisschen Zucker, rühren, fertig. Ist lecker, sag ich ihnen.“

Berliner Charme

Wer sagt denn, dass die Berliner ruppig sind, und dass hier Nix klappt?

Kaum ist das Schlachtfeld in meiner Wohnung nach dem Heizungstausch beseitigt, schon gibt’s Schokolade von der Hausverwaltung und eine Mieterhöhung ab Mai. Sogar den tropfenden Wasserhahn wollen sie auswechseln lassen – irgendwann.

Auch sonst lässt‘s sich hier leben. Jeder Tag ein Abenteuer.

Nebel der Verfluchten

Der Rhein verdampft. In den dichten Nebelschwaden die aus seinem trockenen Flussbett aufsteigen fliegen die Wassergeister, die Rheintöchter und Walküren in den kalten Rauhnächten unerkannt über Tal und Wiesen und schaffen Wirrnis und Wahnsinn unter den Menschen und ihren Gehilfen. Die Zeit versinkt, die Uhren laufen rückwärts und weh dem Reisenden, der sich ohne Schutz auf den Weg in den Osten nach Westfalen wagt. „Warum heißt das eigentlich Ostwestfalen? Das gibt doch keinen Sinn.“, weiß mir die wirkliche weise Rheintochter, die mir auf dem Weg nach Hamm beisteht. Ach Tochter, wenn doch dieses verfluchtes Land nur diese Wirrnis der Worte seit Generationen erdulden müsste. Sag mir lieber, wo der Zug geblieben ist, den wir in Hamm zu erhaschen geglaubt hatten. Hat ihn der Nebel verschluckt, haben böse Geister ihn von den Gleisen geraubt? Oder irrt er, voll mit verlorenen Seelen auf ewig durch ein dunkles Reich im Jenseits, fern aller Fahrpläne, gestrandet und dazu verdammt, niemals wieder in die Wirklichkeit zurück zu kehren? Welcher Verkehrsminister muss zur Buße seiner Frevel auf ewig im Steuerstand dieses verfluchten ICE stehen und welcher Bahnchef muss als Strafe für seine Hoffahrt in diesem Geisterzug auf immer die verstopfte Toilette putzen?

„Einen ICE um 14 Uhr 11 von Hamm nach Berlin hat es nie gegeben.“, höhnt der Mann mit der Schirmmütze hinter der Panzerglasscheibe der Bahnhofsinformation. Aber hier steht es doch, in meinem Telefon, will ich sagen, will ihm die Nachricht, die uns auf den falschen Weg geleitet hat vor sein amtliches Gesicht halten. „Ja“, hallt es aus der Amtsstube, „ein altes iPhone. Da werden die Züge seit Wochen eine Stunde früher angezeigt. Das ist bekannt.“

Damit wir es selber lesen können, hebt er uns sein Amtstelefon an die Scheibe. Natürlich, es ist meine Schuld. Warum weiß ich nicht, was der Amtsperson wohlbekannt ist? Warum habe ich ein altes Telefon und auch noch von der falschen Marke? Nicht böser Geister Willkür hat mich und meine Tochter vom rechten Weg abgebracht, sondern fehlende Wachsamkeit meinerseits. Tief beschämt nehmen wir eine Stunde später unsere Plätze in dem Zug ein, den die Bahn für uns bestimmt hat. Wie konnten wir uns so in die Irre führen lassen? Da kommt hinter Hannover die Durchsage: „Leider haben wir derzeit 15 Minuten Verspätung. Die Verspätung wird sich bis Berlin leider noch erhöhen. Grund dafür ist ein vorausfahrender Zug auf der Strecke.“ Da ist er! Der Geisterzug. Es gibt ihn doch. Und er wird immer auftauchen, wenn die Bahn eine Ausrede für ihre Verspätungen braucht. Also noch sehr, sehr lange. Bis in alle Ewigkeit. Ein Erlöser ist nicht in Sicht. Ich schaue durch das Zugfenster. Dunkelheit hat den Nebel verschluckt. Aber sehe ich nicht vor uns die schwachen roten Rücklichter eines vorausfahrenden Zuges? Und höre ich nicht leise das Wehgeschrei der Verdammten in seinen Abteilen? Nein, es ist der Schaffner in blutroter Livree, der uns Gummibärchen anbietet, um uns trotz Verspätung bei Laune zu halten. Sind wir wirklich im richtigen Zug? Und wird unsere Fahrt je enden?

Ein kleines Weihnachtswunder

Die Sonne strahlt, Straße ist leer. Vier Spuren, zwei raus, zwei rein. Aber kein Auto. Wie ausgestorben. Dabei ist hier sonst die Hölle los. Aber heute ist ja Weihnachten, erster Weihnachtsfeiertag, 10 Uhr 39. Auch kein Bus. Dabei hätte der vor einer Minute kommen sollen. Aber die Anzeige auf meinem Handy springt einfach weiter: 10:58 kommt der nächste. 11:04 fährt mein Zug nach Bonn am Berliner Hauptbahnhof ab . Meine Tochter wartet auf dem Bahnsteig, die ganze Familie heute Abend mit dem Weihnachtsessen. Keine Chance. Aber auch keine Verzweiflung. Es ist ein sonniger Tag und außerdem Weihnachten. Wird schon klappen. Ich stelle mich auf die Straße, gehe langsam rückwärts und halte den Daumen raus, so wie früher. Zwei Frauen am Zebrastreifen schauen mich verwundert an. „Rufen Sie doch einen Uber.“, raten sie mir und wünschen mir viel Glück. Und das hab ich dann auch. Ein schwarzer BMW fährt an mir vorbei, bremst hundert Meter hinter mir und haut den Rückwärtsgang rein. Die Tür geht auf. Ein junger Mann mit sauber gestutztem Vollbart und Kamelhaarmantel beugt sich vor. „Entschuldigung, ich hab nicht gleich verstanden, was sie wollen. Wo wollen sie denn hin?“ „Naturkundemuseum“ versuche ich es vorsichtig. Das ist die Haltestelle, an der eine Straßenbahn zum Hauptbahnhof fährt. „Ist nicht ganz mein Weg, aber steigen sie ein. Er stellt den Beifahrersitz zurück und ich zwänge mich mit meinen dicken Rollkoffer mit Geschenken in den Wagen. Alte Tramperregel: Unterhalte dich mit dem Fahrer. Muhamad heißt er, kommt aus dem Wedding und will heute noch zu Freunden nach München. Lange Tour, sage ich. „Ganz entspannt“, sagt er. Es dauert keine drei Minuten, dann kennt er auch mein eigentliches Ziel. Ohne zu fragen biegt er von der Hauptstrasse ab. „Hier sind weniger Ampeln, dann schaffen wir das noch. Er freut sich über die freie Fahrt auf der breiten Straße zwischen den Bayer-Werken und mein Rücken wird warm. „Sitzheizung?“ „Sitzheizung“, sagt er lässig mit Besitzerstolz. Die zwei Kilometer reichen noch, um uns über Autos, die Geschwindigkeit, mit der am Bahnhof neue Bürohochhäuser hochgezogen werden und die drohende Inflation zu unterhalten. Dann sind wir da. Routiniert parkt er auf der leeren Busspur vor dem Bahnhof. „Sie sind heute mein kleines Weihnachtswunder.“, bedanke ich mich bei ihm. Er lacht, ich wünsche ihm noch eine gute Reise. Als die Tür zu ist, klopfe ich zum Dank noch drei Mal auf das schwarz Dach. Ich hoffe, er kennt das Zeichen.

Das Beste zum Schluss

Eigentlich bin ich gar nicht in der Laune zu schreiben, möchte mich in meiner Höhle verkriechen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen (schön, wenn wenigstens das in Erfüllung ginge, denn dann würden einige Sachen, die ich im Radio höre, nicht geschehen sein.) Aber es gibt sie ja auch noch: Die guten Dinge, die einem Hoffnung machen. Dass dazu ausgerechnet ein Fackelzug durch den ehemaligen Mauerstreifen der Berliner Mauer gehört, hätte ich nicht gedacht, aber ich lasse mich ja gerne vom Leben überraschen. Und das kam so:

Die Mutter meiner Söhne sagte mir, natürlich auf den letzten Drücker, dass am Wochenende das alljährliche Lichterfest im Ort geben werde, und da könnte ich doch mit meinen Söhnen mitlaufen, dann kämen sie mal an die frische Luft und ich könnte „mal wieder etwas Familie erleben“. Schön. Eigentlich hatte ich an den vergangenen Wochenenden genug Familie erlebt, um mich an diesem Wochenende zu einem kultivierten Besäufnis mit einer guten Freundin zu verabreden. Aber wenn die Stimme des Blutes ruft, werfe ich mich natürlich in die S-Bahn und wage das Unmögliche: Eine Fahrt nach Brandenburg. Pünktlich um sechs sollte ich da sein, denn nur bis um viertel nach sechs würden am Waldrand die Fackeln ausgegeben, mit denen man dann den Weg durch den Wald finden könne. Klappte natürlich nicht. Busersatzverkehr auf der eigentlichen Linie und auf der Ausweichlinie hielt der Zug irgendwo, weil – ach was weiß denn ich. Auf jeden Fall war ich nach sechs an der Tür, was aber auch egal war, weil die pubertierenden Zwillinge gar keine Lust hatten, vor die Tür zu gehen. Aber der Jüngste wollte und auch die Mutter brauchte dringend etwas Abstand vom täglichen Kleinkrieg. Eine Fackel für den Kleinen fand sich noch vom letzen Jahr im Schuppen und los ging’s.

Nun ist ein Wald im Dunkeln immer unheimlich. Und wer denkt, dass man mit einer Fackel von einem Dreikäsehoch getragen eine Chance gegen die Dunkelheit in einem Brandenburger Wald hätte, der irrt sich. Und der Wald in den wir gingen war ja auch kein normaler Wald. Der holprige Weg zwischen den Kiefern, in den wir eintraten war der ehemalige Todesstreifen hinter der Berliner Mauer. Und das Ziel des Fackelspaziergangs war keine Waldhütte hinter den sieben Bergen sondern ein übriggebliebener Wachturm der DDR-Grenztruppen. Schon ziemlich spooky (liegen da noch Minen?) Zur Sicherheit waren entlang des Weges liebevoll kleine Teelichter in Papiertüten aufgestellt. Zum Glück ging’s nicht lange und am Turm angekommen war dort Weihnachtsmarktrummel wie überall. Zünftig blakten aus gespaltenen Holzstämmen die Schwedenfeuer in die Nacht, immerhin war der Veranstalter die „Schutzgemeinschaft Deutscher Wald“, statt Glühwein gab es „Glühgin“, weil es am Ort eine Ginmanufaktur gibt und das Zeug hatte es in sich. Und es schien, als würde man alles tun, um die Geschichte des Ortes, der jetzt ein Naturschutzzentrum ist, vergessen zu machen. Da setzten sich Männer mit Zipfelmützen und Posaunen unter den Zeltpavilion und die Mauer des Turms wurde blau. Ein Mann mit einem wetterfesten Rangerhut trat aufs Podium und kündigte an, dass wir jetzt Weihnachtslieder singen sollten. Die Texte wurden für alle an den Turm projeziert, damit auch die Überzahl der Menschen, die noch nie eine Kirche von innen gesehen haben, auch mitsingen konnten. Und mit dem Gin im Kopf schafften wir tapfer Stille Nacht und Oh du Fröhliche. Unserm Kleinen war unser Gesang peinlich. Dann war Stille und der Hutmann trat wieder auf und sagte, man dürfe ja nicht vergessen was das hier für ein Ort sei, und das an dieser Stelle der Berliner Mauer vier Menschen ums Leben gekommen seien. Und deshalb, und weil das nie wieder geschehen dürfe, würde man jetzt „Die Gedanken sind frei“ singen. Der Text, für die, die ihn nicht kennen, würde wieder an die Wand geworfen. Ich war beeindruckt: Das muss man sich mal trauen, gegen alle Weihnachts-Gemütlichkeit und alle Gin-Seligkeit an die Gefahren der Unfreiheit und die freiheitlichen Traditionen in Deutschland (das Lied stammt aus der Zeit vor der 1848er Revolution) zu erinnern. Hut ab, Hutmann! Die Schutzgemeinschaft deutscher Wald als Hüter demokratischer Traditionen – wer hätte das gedacht.

Auf dem Rückweg durch die Dunkelheit werden wir langsam wieder nüchtern. Zu Hause hocken die Jungs vor dem Fernseher, obwohl die Mutter das LAN-Kabel versteckt hatte (sie haben einfach das Kabel von ihrem Computer abgebaut und eingesteckt). „Eigentlich ist es schade, dass wir nicht noch einen Gin genommen haben.“, seufzt die Mutter, halb beseelt, halb ernüchtert. Schon war ich wieder draußen, ging alleine durch den dunklen Tann zurück zum Turm. „Ja“, sagt der Gin- Mann, „da sind sie nicht der Einzige, der sich das mit nach Hause holen will.“, und verkauft mir gleich eine Literflasche von dem Punsch.

Ich wünsche euch allen eine selige Weihnacht!

Diamant am Straßenrand

Ich repariere mein Moped auf dem Gehweg vor der Haustüre. Hatte einen blöden Unfall vor ein paar Tagen an der Ecke wo das Spielcasino ist. Der Mann im Kleinwagen vor mir sieht einen Kumpel in der Kneipe auf anderen Straßenseite, haut in die Bremsen und zieht links rüber. Ich knalle hinten drauf. „Ich hab doch geblinkt“, schreit der blasse, dünne Kerl, der aus dem Auto springt. „Du bist rübergezogen ohne zu blicken“, schrei ich zurück. „Hol doch die Polizei, die wird dir sagen, wer hier schuld ist.“ Ich fotografiere sein Nummernschild. Das übliche Gezeter. Plötzlich steht sein Freund aus der Kneipe neben ihm. Breitschultrig, dunkler Bart, hängende Arme. „Kann ich helfen?“, fragt er. Und er will mich wohl wirklich nach Hause fahren. Der Fahrer will dafür, dass ich das Foto lösche. Irgendwas ist hier faul, aber: zwei gegen einen. Ich sehe zu, dass ich das Moped wieder ans Laufen kriege und fahre weiter. Meine Söhne warten, dass ich sie vom Sport abhole.
Jetzt sitz ich hier mit dem Schaden. Ich habe den Scheinwerfer ausgebaut, kneife ein Auge zu und halte die Glühbirne prüfend gegen den wolkenlosen Himmel. Die ist hinüber. „Wie ein Diamant“, höre ich jemand hinter mir sagen. Ein junges arabisches Pärchen geht mit seinem Kinderwagen an mir vorbei. „So prüft man einen Diamanten“, ruft der junge Mann über die Schulter zu und lacht aufmunternd. Der Autoteileladen am Ende der Müllerstraße verkauft mit einen neuen Diamanten für 5,90 Euro.

Hauptstadtprosa

Foto: Gerd Danigel aus der Ausstellung „40 Jahre Fotogalerie Friedrichshain“ https://fotogalerie.berlin/austellungen/aktuell

V: Wann ist der Elternabend?

M: Heute um 18 Uhr.

V: Dann bin ich halb sechs bei dir und passe auf die Jungs auf.

M: Wie kommst du?

V: Mit der S 8.

M: Die S 8 fährt bis Ende September nicht. Komm mit der S 1 direkt zur Schule. Dann kann ich dir die Autoschlüssel geben. Dann kannst du eine halbe Stunde chillen und dann die Jungs direkt vom Sport abholen. Schau aber nach ob die S-Bahn wirklich kommt. Mit der S1 bin ich gestern stecken geblieben. Hat drei Stunden gedauert. Stellwerkprobleme.

V: Die Jungs gehen zum Sport?

M: Ich bin mir nicht sicher, ob sie gehen oder wieder in ihren Zimmern rumgammeln. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mit ihren Fahrrädern fahren.

V: Wenn die Jungs mit den Fahrrädern fahren, dann nehme ich auch das Fahrrad mit und komme zur Sporthalle, dann fahren wir zusammen zurück.

M: Bin mir gerade nicht sicher, ob sie die Räder nehmen. Nimm lieber das Auto.

V: Ich fahr nicht gern mit dem Auto. Und wie kommst du dann zurück?

M: Wird schon gehen, vielleicht mit dem Bus.

V: Fährt dann noch einer? Ich hab keine Lust, erst die Jungs und dann dich abholen zu fahren.

M: Du kannst auch mit der S-Bahn kommen und direkt zum Sport gehen und dann kommt ihr alle mit dem Bus.

V: Vielleicht will ja auch nur einer zum Sport. Dann komme ich mit dem Moped zur Sporthalle. Einen Sturzhelm hab ich für Hintendrauf.

M: Du kannst ja auch mit dem Moped zu mir kommen und ich nehme dich dann mit dem Auto mit zur Schule.

V: Und ich krieg die Schlüssel, hol die Jungs mit dem Auto ab und dann komm ich mit dem Moped zu dir zur Schule.

M: Auf das wacklige Ding steig ich nicht auf.

V: Ach komm! Wir haben doch schon ganz andere Touren miteinander erlebt.

M: Nein! Am besten kommst du mit dem Moped hierher und wir sehen weiter. Dann kommst du auch wieder zurück nach Berlin, wenn die S-Bahn nicht fährt.

V: Und wann? Ich brauche mindestens eine halbe Stunde zu euch.

M: Ich ruf dich noch mal an. Aber vergiss auf keinen Fall, drei Brötchen mitzubringen. Das ist unser Ritual nach dem Sport.

V: Mach ich ja nicht zum ersten Mal

M: Ich sag‘s ja nur…

Vorbei! Ein dummes Wort

In Weimar ist sogar das Freibad schön. Es ist nagelneu, großzügig angelegt und es ist ausnahmsweise nicht nach Goethe- Schiller- Liszt- Herder- oder J. S. Bach oder dem Bauhaus benannt, wie sonst alle öffentlichen Einrichtungen in der Stadt. Es heißt einfach Schwanenseebad. Dabei war Tschaikowsky gar nicht hier. Die Schwimmringe im im Nichtschwimmerbecken sind schwarz, rot und gelb und weil Weimar ja auch Ort der Nationalversammlung der gleichnamigen Republik war, und auch dafür natürlich auch ein Museum hat, fällt es schwer, nicht auch darin etwas Symbolisches zu sehen. „Ach Gott ist das beziehungsreich, ich glaub, ich übergeb mich gleich.“ (Robert Gernhardt). Für meine Jungs ist vor allem der Sprungturm die Herausforderung. Trauen sie sich vom 5er oder gar vom 10er? Deshalb sind wir hier, weil mein Älterster mir jedesmal wenn wir im Urlaub ins Schwimmbad gehen, zeigen will, dass er sich das traut – und weil er weiß, dass ich das mitmache. Wegen Goethe auch, denn der hat Geburtstag und wegen Faust, denn der wird das ganze Jahr gefeiert. „Aber sie wollen mit den Kindern doch nicht nach Buchenwald?“ fragt der schmierige Jugendherbergsvater mit dem Froschblick gleich zur Ankunft und ich weiß nicht, wie er das meint. Immerhin sind wir hier im AfD-Höcke-Land Thüringen. Ich beschließe ihm zu mißtrauen und werde bestätigt, als ich merke, dass wir in dem natürlich wunderschönen Haus (Bürgervilla aus den 20er Jahren) die Dachkammer bekommen haben. Immerhin verrät er uns, dass der schönste Weg in die Stadt über den historischen Friedhof geht auf dem natürlich kein Geringerer als der Dichterfürst selbst begraben liegt. Die Jungs murren, nicht wegen der Historie, sondern wegen der vielen Bewegung (und weil Google-Maps einen anderen Weg vorschlägt). Aber dann lesen sie doch interessiert die Namen auf den bemoosten Grabsteinen. Außerdem habe ich eine Wette verloren und versprochen, sie in der Stadt einzulösen. Es ging um Schach. Ich hatte meinen guten Namen und 50 Euro darauf verwettet, dass wir in der Jugendherberge ein Schachspiel ausleihen könnten und wir deshalb unseres nicht von Berlin durch die halbe Republik schleifen müssten. Was im Ansatz richtig war, denn durch die Tücken der Deutschen Bahn mussten wir unsere schweren Koffer noch vor dem Losfahren mehrere Bahnsteige hoch und runterschleifen und in Erfurt beim Umsteigen gleich das Spielchen nochmal. Aber in dem edlen Eichenschrank, in dem sich die lieblose Spielesammlung der Herberge befand, befand sich nicht der Klassiker aller Spiele. Und das in Weimar. Dafür hatte die wohlsortierte und erstaunlich große Spielwarenhandlung in der Altstadt gleich fünf Varianten, was mich und die Jugend völlig überforderte (Mein Älterster schlug vor, noch mal bei Amazon zu checken, und sich das Spiel in die Herberge liefern zu lassen, was ich ablehnte.). Also gingen wir erst einmal auf dem Marktplatz ein Eis essen. Aber was ist Eis essen ohne Schach? Also schickte ich die hibbeligen drei Jungs mit einem Schein und dem Versprechen, sich in den Winkeln der Altstadt nicht zu verirren zurück zum Laden. Ich war schon mit dem Kaffee fertig, da kamen sie zurück. Sie hatten es tatsächlich geschafft, sich zu einigen und im Budget zu bleiben. Ein schönes, hölzernes Reiseschach aus Indien. Ich verlor drei Mal hintereinander, bevor wir endlich weiter konnten. Ich wollte in den Park an der Ilm, dem kleinen Flüsschen, das neben dem Schloss entlang plätschert. Und da passierte was ich mir bei der Vorbereitung der Reise vorgestellt hatte: Meine Jungs rannten runter zum Wasser, zogen die Schuhe aus und sprangen über die rutschige Staustufen. Die Sonne schien, das Wasser glitzerte und einer fiel rein, nass bis zum Hosenboden und lachte. Huckelberry Finn- Momente.

Den ganzen Nachmittag vertrödelten wir in dem, natürlich wunderschönen, Park, besuchten Goethes Gartenhaus und auf dem Rückweg kamen wir an einem sowjetischen Soldatenfriedhof vorbei, was mich ja immer interessiert. Vorher hatten wir über mein biblisches Alter und darüber gesprochen, was sich denn als Geschenk für meinen nächsten Geburtstag eignen würde. „Du bekommst von uns einen Grabstein.“, schlug mein Jüngster vor. Das war mein schönstes Ferienerlebnis.

Lola

Wandmosaik an der ehemaligen Berufsschule Naumburg/Saale

„I met her in a place down in old Soho where you drink champagne but it just tastes like cherry cola“ (The Kinks, Lola)

Nee, ganz so war es nicht. Es war nicht Soho, es war Wedding, hinterm Bretterzaun von der Baustelle vom U-Bahnhof Seestraße. Da wo es eng wird und wo trotzdem ein paar Stühle und Tische auf dem Gehweg stehen. Und es war auch nicht Champagner und auch nicht Cola sondern Kaffee und Pflaumenkuchen – mit Sahne, bei Thobens Backwaren für 1,95 Euro das Stück. Aber da kam tatsächlich diese Frau..

„She walked up to me and she asked me to dance“. Sie kam direkt auf mich zu, wie ich da so sitze vor dem Bäcker. Sie war ganz in Schwarz von Kopf bis Fuß: Schwarzer Hijab, Schwarzer Umhang, schwarze Turnschuhe und einen schwarzen Hackenporsche hinter sich. Niemand Ungewöhnliches also für die Gegend. Und sie fragte mich, nicht nach einem Tänzchen, natürlich, sondern „Kann ich ihr Geschirr reintragen?“. Das war seltsam. Nicht nur, weil muslimische Frauen in so einem Outfit einen als Mann normalerweise noch nicht mal anschauen und erst recht nicht ansprechen. Nur einmal ist mir das passiert, vor Jahren, als ich den Kinderwagen mit den Zwillingen vor dem Laden des Uhrmachers nicht weit von hier auf der Straße hatte stehen lassen, weil er nicht durch die Tür passte. Da kam eine Frau mit Kopftuch hinter mir her in den Laden und zische mich an: Sie können doch die Kinder nicht alleine draußen stehen lassen, nicht hier in der Gegend.“ Aber das ist eine andere Geschichte. Die Frau hier war anders. Als sie aus dem Backshop wiederkam, stellte sie sich neben mich und fing an zu erzählen.
„I asked her her name and in a dark brown voice she said, „Lola“ Nein,, Lola hieß sie natürlich nicht. Aber ihre Stimme war wirklich sehr dunkel. Und als ich mir sie weiter anschaue, sehe ich, dass auch ihre Hände sehr breit und knochig sind und dass ihr ein Zahn fehlt, ziemlich weit vorne. Aber sie erzählt immer noch und nestelt sich nervös an den silbernen Spangen, die ihr Kopftuch festhalten. Wovon sie erzählt hat weiß ich nicht mehr genau, es war irgendwas mit Äpfeln.

Dann ging sie weiter. Als ich meine Tasse in die Bäckerei zurückbringe frage ich die junge Verkäuferin: „Kennen sie die Dame?“ „Nee“, lacht sie verlegen. „Das habe ich noch nie hier erlebt.“

„Girls will be boys and boys will be girls
It’s a mixed up, muddled up, shook up world.“