Seltene Erden

Das Glück erwischt einen ja an den Orten, an dem man es am wenigsten erwartet. Es braucht nur ein bisschen Sonnenschein, eine Nacht, in der das Thermometer um 10 Grad gestiegen ist und die erste Tour mit dem Moped, dann wird sogar ein Café in einem Berliner Waschbetonviertel aus den 1970er-Jahren zu einer Insel der Glückseligkeit. 2000 Kilometer weiter östlich tobt seit vier Jahren ein Krieg, über unsere Straßen rollen Autos, die Panzern gleichen und an der Ecke verwandeln sich hinter den Baugerüsten Sozialbauten in Investmentobjekte. Wie immer. Aber doch nicht gerade jetzt, doch nicht in diesem Moment. Grade ist doch alles friedlich. Sogar das rasende Bollern der SUV-Reifen über das Kopfsteinpflaster, das durch die offene Tür herein kommt, hört sich für mich an wie ein willkommenes Zeichen des wiedererwachten Lebens. Mir geht‘s gut.
Die selbstbewussten Frauen, die das Café Freysinn hier seit Jahren schmeißen haben mir die Wahl zwischen fünf vegetarischen Gerichten gelassen und als ich danach noch sehnsüchtig auf den Mohnkuchen in der Vitrine schmulte (das ist mein Lieblings-Alt-Berliner Wort und bedeutet „verstohlen neugierig schauen“), kriegte ich das Reststück für n‘ nen Euro. So schön kann Berlin sein. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.
Natürlich nicht. „Jedes echte Glücksgefühl ist künstlich.“, heißt der alte Säuferspruch. Aber bei mir ist es kein Schnaps, der mich froh macht in einer Welt, die zum Heulen ist, sondern Vitamin B 12. Das fehlte mir nämlich bis vor einer halben Stunde. „Die Spritze wird von manchen Menschen als euphorisiernd empfunden.“, hatte mich die Ärztin gewarnt. So ist das mit der Körperchemie. Man denkt es ist der holde Lenz, der die zartesten Gefühle in einem weckt und dabei kommt das Glück aus den Retorten der Bayer AG, hier um die Ecke in der Seestraße. Aber wie alles Glück ist auch das aus der Spritze nicht vollkommen. „Ihnen fehlt auch noch Selen“, hatte die Ärztin sorgenvoll mit Blick auf die Laborwerte festgestellt. „Das ist ein Element, das steckt in Brot und Getreide.“ Seltsam, davon esse ich doch mehr als genug, staunte ich. Aus heimischem Anbau und in bio. „Ja, aber Deutschland ist ein Selen-Mangelgebiet. Das kommt hier im Boden nicht ausreichend vor.“, wurde ich aufgeklärt. Da hatte mich die Weltpolitik wieder. Die Deutschen können sich mit seltenen Erden nicht selber versorgen. Wer hat das Monopol auf Selen-Tabletten? Hängt mein Glück und meine Gesundheit am Ende vom Erfolg der China-Reise des Bundeskanzlers ab?

Nein. Mein Glück hängt vom Glück meiner Mitmenschen ab. Heute Abend klingelte es an der Haustüre. Eine verwaschene Männerstimme meinte durch die Sprechanlage, ich solle „mal aufmachen“. Irgend ein geknechteter Mensch wahrscheinlich, der die Briefkästen mit Prospekten vollstopfen will. Da bin ich natürlich solidarisch und skeptisch zugleich. Ist ja schon einiges vorgekommen. Also drücke ich auf den Öffner und gehe gleich nach unten, um zu schauen. In der offenen Tür lehnt ein Typ meines Alters, spindeldünn, schwarze Klamotten, Bikerbart und eine Bierflasche in der Hand. Nicht die erste für heute, denn gerade stehen kann er nicht mehr. Vitamin B 12 hätte ihn auch nicht glücklicher machen können. In der anderen Hand hat er den Schlüssel meines Mopeds. „Den haste in deiner Simson stecken lassen.“, sagt er und deutet auf mein Moped, das vor der Tür auf dem Gehsteig parkt. „Darfste nich machen, die Dinger sind schwer begehrt. Ich weiß, wovon ich rede.“ Drückt mir den Schlüssel in die Hand, wuchtet sich vom Türrahmen weg und schlurft glücklich weiter.

Die Tränen der Inder

„Wer will schon im Winter sein Fahrrad reparieren lassen?“, dache ich und dünkte mich schlau. Denn alles Volk hatte sich vor der Kälte unter die Erde verkrochen und fuhr in den dunklen Röhren seinem Ziel entgegen oder es spaltete den grauen Schneematsch auf den Straßen mit wuchtigem Gefährt. Leer wähnte ich die Werkstatt und schnell würden die flinken Hände des kundigen Meisters die müde Kette meines Rades von den Zahnrädern befreien, in die sie sich mit den Jahren eingefressen hatte. Bei fröhlichem Gespräch wäre das Werk schnell getan und frei und sanft würde mein Rad mit mir Richtung Frühling rollen. „Der Winter muss weichen, weil er weichen muss…“, sang ich mit Hannes Wader.

Vergessen hatte ich aber die dunklen Knechte, die mit klobigen Kapuzen auf dicken Rädern auf das Geheiß fremder Stimmen an den Rändern der breiten Avenuen ihr Tag- und vor allem ihr Nachtwerk verrichteten. Jene, die in täglicher Fron warmes Essen zu den Reichen unter den Hungrigen dieser Stadt bringen. Nicht mehr als Schatten waren sie bislang, die meine täglichen Wege lautlos begleiteten; unfassbar, unnahbar, unverständlich. Auch wenn das Schicksal uns zuweilen an einer roten Ampel zusammenführte, gab es keinen Blick, kein Lächeln, kein Zeichen gemeinsam erlittener Unbill in Wetter und Wind. Immer waren sie in einer anderen Sprache in einer andern Welt – verbunden über eine leuchtende Kiste mit einem Signal zu den Sternen.

Jetzt aber waren sie hier in der Werkstatt. „I will call you, not: You call me! Understand?“ brüllte der Fahrradmechaniker einen Mann mit rundem dunklen Gesicht an. Der hatte weiße iPods in den Ohren, eine graue Kapuze über dem Kopf und ein stoisches Buddha-Lächeln im Gesicht. Und er ging nicht weg. „Also gut, lenkte der Schrauber ein: „Wo steht es denn?“ Später sehe ich sie beide auf dem Gehweg, das schwere Lieferfahrrad im Schnee auf den Kopf gestellt. Sie diskutierten halb Deutsch, halb Englisch die Ursache für das Lahmen des Stahlrosses. Da hatte mir der Praktikant, in einer Hand einen Döner mampfend, schon den Reparaturzettel ausgestellt. „Montag, vielleicht schon Samstag. Wir rufen Sie an.“

Es wird Montag in der Mittagspause. Der Meister ist allein. Hektisch, aber mit genauen Griffen zirkelt er zwischen meinem aufgebockten Rad, einem Pappbecher mit Kaffee und einer Packung Tabak hin und her. Der Zweiradmechanikermeister, bei dem ich die Jahre davor war, hat mit 50 einen Herzinfarkt bekommen und den Laden an seinen Gesellen abgeben müssen. Mein neuer Meister ist Anfang Dreißig und hat das noch vor sich, wenn er so weiter macht. Er ist überall gleichzeitig. Als eine junge Frau mit ihrem Rad in den Laden kommt, weiß er sofort, wo es hakt, drückt mir gleichzeitig mein Rad für die Probefahrt in die Hand und dreht sich eine mit dem Tabak. Als ich zurückkomme sitzt er vor seinem Laden und raucht. Die Schaltung geht nicht ganz geschmeidig. Das lässt ihm keine Ruhe, und schon sind wir wieder in der Werkstatt. „Dauert nur einen Moment.“, sagt er und drückt auf die Kaffeemaschine – für mich. Mit dem Becher in der Hand kommen wir ins Reden. „Du machst viel für Wolt, oder?“ frage ich neugierig. „Nein, ich mach das für die Jungs. Die Fahrräder müssen sie selber leasen. 150 Euro im Monat. Aber die Firma hat in Berlin nur zwei Werkstätten und da müssen sie sich eine Woche vorher anmelden. Deshalb kommen sie zu mir.“ „Und das geht so einfach, bei geleasten Rädern?“ „Die Jungs kommen aus Pakistan oder Indien, die werden bei Wolt pro Lieferung bezahlt. Die haben Druck und nehmen keine Rücksicht auf das Material. Das sind gute Räder, aber auch die halten das nicht lange aus. Wenn ihr Rad kaputt ist, können sie nicht eine Woche warten. Sie kommen zu mir und weinen. Was soll ich machen?“ Ein stolzes Grinsen fährt über sein Gesicht: „Erst wollte der Hersteller mir verbieten, ihnen zu helfen. Aber ich habe mir dann die Teile besorgt, aus China. Inzwischen kann ich alles außer dem Steuergerät selber machen.“ Einen größeren Laden bräuchte er. Den hier teile er sich mit dem türkischen Schlüsseldienst. Und er sei sehr froh, dass sie ihn reingelassen haben. Alleine könne er die Miete für den Laden nicht stemmen. „Da müsste ich 150 Euro am Tag nur für die Miete verdienen.“ Dabei stehen im Wedding dutzende Läden in allen Größen leer. Von mir will er 20 Euro weniger als ich für die Reparatur im anderen Laden vor drei Jahren bezahlt habe. Dabei hat er zusätzlich noch alle Seilzüge ausgetauscht. „Hat ja keiner Geld heute“, murmelt er. Am Wochenende sei er übrigens selber auf Tour, erzählt er, noch in der Tür stehend, als ich mein Rad nach draußen schiebe: Für Lieferando. Es sei schwer, nach einer Woche in der Werkstatt Sonntags früh aus den Federn zu kommen. Aber da werde er nach Stunden bezahlt. 13 Euro irgendwas. Und er fahre die Touren mit dem Auto. Mit dem Fahrrad sei es zu anstrengend.

Wer diese Lieferung am Ende wohl bezahlt hat?

Bilder einer Ausstellung

Müllerstraße, stadtauswärts, hinter dem U-Bahnhof. Seit Jahren gibt es hier einen Laden für Party-Artikel und Kostüme. Aber die Auslage ist verstaubt, die Farben verblasst, die Plakate blaustichig. Ein trauriger Anblick für einen Laden, der Freude verkaufen will. Ist der Laden zu, oder passiert hier noch was?  Da geht die Tür auf. Heraus kommt ein Mann mit einer fröhlichen grauen Lockenpracht. „Hallo!“, sag ich, „Ist ihr Geschäft noch offen?“ „Natürlich“, raunzt er zurück, „Wonach sieht’s denn aus?“ „Na ja, die Auslage hat sich seit ein paar Jahren nicht verändert.“ „Und sie fragen sich jetzt, ob dit een Laden is oder n’e Ausstellung?“. „Bald ist Karneval, da könnt man ja mal was Neues ins Schaufenster stellen.“ „Ach was, das läuft doch alles heute über Temu oder Sch…“ Das letzte Wort klingt wie ein Fluch. Neben uns hält ein DHL-Transporter, auf den der Mann wohl gewartet hat.

Der Bote drückt ihm drei Pakete in die Hand. Er nimmt Lieferungen von Online-Shops an, die sein Geschäft ruiniert haben. Damit verdient der Grauhaarige wohl jetzt sein Geld. Die Party ist vorbei. Er muss irgendwie über die Runden kommen.

Der Mann mit dem Blauhelm

Am EDEKA an der Müllerstraße. Vorne hat die CDU einen Info-Stand aufgebaut. Vier Männer und eine Frau verteilen „Wir in Mitte“. Einer mit Backenbart isst ein Frikadellen-Brötchen vom Bäckereistrand und schaut genervt auf seine Armbanduhr. Es ist 11:30 Uhr. Drinnen schiebt eine dicke Frau im weiten Kattundruck-Kleid einen leeren Einkaufswagen vor sich und zieht einen Hackenporsche hinter sich durch den Gemüsestand. Sie redet mit einem jungen EDEKA-Mann mit hell gebleichten Haaren und Schnurrbart, der vor dem Regal kniet und irgend etwas umräumt. „Ich komm hier nicht durch.“, nölt sie. „Ich kann hier nicht weg, ich räume um, das sehn sie doch.“ blafft der zurück. Langsam trollt sich die Dame und läuft um das Regal herum. Ich verschwinde zwischen den Regalreihen und als ich wieder auf den Gang zurück komme, zucke ich zusammen. Vor mir steht ein Gespenst. Ein steinalter Mann ohne Zähne mit eingefallenem Gesicht. Auf dem Kopf hat er einen hellblauen Helm mit Motorradbrille und vor den Augen noch eine dunkle Sonnenbrille. Er sieht aus wie ein exhumierter UN-Blauhelmsoldat aus der Serie über den Jugoslawienkrieg, die ich gerade bei arte schaue. Mühsam und wackelig schiebt er seinen Einkaufswagen weiter. Ich warte an der Kasse auf ihn, aber er erscheint nicht mehr.

Dafür steht ein fröhlich lachender Mann vor mir, der sich für jeden Handschlag der Kassiererin bedankt. Er ist der einzige Mensch im Laden, der mehr spricht als nötig und trotzdem ist er der Inbegriff von cool. Schwarz, wache Augen mit dicker Hornbrille und einer dicken Uhr mit Metallarmband am Handgelenk. Er könnte in einem Jazz-Club am Klavier sitzen oder sonst was Cooles machen. „Sie sind aber höflich.“ sage ich zu ihm. „Ja“, strahlt er zurück, „Wenn man will, dass die Leute freundlich sind, muss ja auch selber so sein.“ Er packt zehn Dosen mit Makrelen und einen glänzenden frischen Fisch ein, den ich in der Kühltruhe noch nie gesehen habe. Da fällt mir ein, das ich im „Bantou Village“, dem afrikanischen Restaurant um die Ecke vor Jahren den besten Fisch meines Lebens gegessen habe. Danach hatte ich auch gute Laune. Jetzt bin ich an der Reihe und die junge Kassiererin rollt die Augen nach oben, als ob sie sagen wollte „Sprich mich jetzt nich auch noch an.“ Tu ich aber trotzdem. „Haben sie den Pfand-Bon gesehen, den ich aufs Band gelegt habe?“ „Ja, hab ich gleich zu Anfang eingescannt.“, kommt die knappe Antwort. Ich packe meine Sachen in die Fahrradtasche. Genug geredet für heute.

Ps: Das Foto ist ein Ausschnitt eines rekonstruierten Wandbilds aus der Ausstellung „Sonnensucher“ in Zwickau. Für die Restaurierung des Bildes werden Spenden gesammelt.

https://www.wismut-stiftung.de

Micky Maus im Wedding

Abends um sieben an einem warmen Sommertag an den klapprigen Tischen vor dem Eiscafé Kibo in der Transvaalstraße. Neben mir sitzen drei junge Pärchen an einem Tisch, die laut arabisch sprechen. Nebenan vor der Shisha-Bar kichern breitschultrige, kahlköpfige Männer bei einer Wasserpfeife über ihre eigenen Witze. An uns vorbei Richtung Müllerstraße ziehen Gruppen von gut gelaunten Leuten, die vom Rehberge-Park oder vom Baden im Plötzensee zurück kommen. Zwei junge Frauen haben ihre schwarzen Haare zu einem riesigen Afro-Look auftoupiert. Eine trägt ein eidottergelbes Sommerkleid, die andere hat oben auf der Frisur noch mal zwei schwarze Kugeln. Sieht aus wie eine Micky-Maus.

Ich schaue ihnen hinterher und lache. „Warum lachst du?“ kommt es halb neugierig, halb anklagend von der Frau neben mir, die ihr buntes Kopftuch mehr wie eine Wahrsagerin trägt, nicht wie eine strenge Muslimin. „Hast du gesehen?“, antworte ich und deute auf die Gruppe mit den zwei Frauen, die inzwischen schon hinter dem orangen Kiosk an der Togostraße verschwinden. „Sieht aus wie eine Micky-Maus.“

Meine Nachbarin schaut angestrengt in die Richtung und sagt fröhlich: „Stimmt. Warum hast du mir nicht früher Bescheid gesagt, dann hätte ich mehr sehen können.“

Catwalk Wedding

Wenn es Frühling wird im Wedding, wenn es endlich wärmer wird, dann blüht das Leben auf den Straßen. Die Menschen zeigen sich wieder und zeigen wieder etwas von sich. Und jedem Beobachter, der sich etwas Zeit nimmt und die Szene von einem ruhigen Kaffeehausstuhl beobachtet, wird klar: Was man im Wedding zu sehen bekommt, das ist nicht das, was es woanders gibt. Diese Styles, diese Moves und diese Mode, das ist einmalig. Was die Influencer in den Sozialen Medien verkaufen wollen, lässt die Menschen hier unbeeindruckt. Neo-Hippie-Style, Strickmoden, Skinny-Jeans. Das ist nichts für das Sehen und Gesehenwerden auf den Boulevards des Berliner Nordens. Hier trägt man mit Stolz, was man anderswo noch nicht gesehen hat oder nicht mehr sehen will.Und doch erkennt man auch in diesem Frühjahr deutlich neue Trends, die das Straßenbild prägen.

Ganz klar: Der Frühling bringt das Ende des Schwarze-Daunenjacken-Diktats auf den Straßen. Aber die neue Saison bringt leider auch nicht die Rückkehr der Farbe und der Muster, der Karos oder der Streifen (außer den allgegenwärtigen drei von Adidas). Auch der farbenfrohe Ethno-Style ist selten geworden und nur die Essensfahrer von „flink“ mit ihren schwarzen oder farbigen Turbanen verbreiten manchmal noch exotisches Flair. Der Weddinger Dresscode für diesen Frühling ist eine Wiederkehr der Einfarbigkeit und der gedeckten Töne: Hosen und Jacken meist in Schwarz, manchmal in Leder, in Beige oder in Indigo. Wenige wagen grün. Es sind weniger offen getragenen Marken-Logos zu erkennen. Kaum Röcke, Bodenlanges nur in der islamisch geprägten Mode in Hellbraun und Hellgrau. Kinderwagen und Rollatoren bleiben ein beliebtes Accessoire, weiße Plastiktüten mit Obst und Gemüse sind weiter ein Muss und ein Zeichen der Street-Credibility. Die Schuhe eher sportlich nicht nur bei den jungen Aficionados, weiße Sneaker sind auf dem Rückzug, überhaupt ist Weiß weniger zu sehen. Ausgedient hat die Bierflasche als Zeichen der Ortsverbundenheit und des Savoir-vivre. Nur in der Nähe des Leopodplatzes und um den Gesundbrunnen sieht man sie noch häufiger. Dort auch öfter individuelle Style-Kombinationen mit Decken, Capes, Plaids und halben Schlafsäcken, die gekonnt um die Schultern drapiert oder als Schärpe getragen werden. Die Mutigen tragen schon leichte Pullover, manchmal ein vorsichtiges Rosa. Es ist noch wenig Haut zu sehen, und wenn, dann unfreiwillig im üppigen Hüftbereich der Damen Herren. Der Wedding ist ein Vorreiter der natürlichen Body Positivity. Auf dem Kopf maximal Caps ohne Logo, Kopftücher und Hoodies, kaum Hüte, auch nicht bei den Damen. Verfilzte Haare und Dreadlocks sind auch nicht mehr so angesagt. Mann trägt eher kurzhaarig. Und bei den Kindern abrasierten Seiten, fast irokesig. Auch sonst hinterlassen die Friseure und Barbershops, die es an jeder Straßenecke gibt viel Bleibendes auf den Köpfen der Passanten. Bei Vielen sieht es dort aber auch lässig improvisiert oder selbstgemacht aus. Dazu werden blasierte bis grimmige Großstadtgesicher getragen, selten glattrasiert, oft mit dem überforderten Heroine-Chic, kombiniert mit einem langsamen, fast flaneurhaften Gang, manchmal trippelnd, manchmal watschelnd. Goldkettchen sind nicht mehr so offensiv sichtbar. Überhaupt wenig Schmuck im Straßenbild – anders als die Vielzahl der Juweliere und Goldhändler in den großen Straßen vermuten lassen würden. Auch keine protzigen Uhren. Das Smartphone hat alle anderen Statussymbole abgelöst. Schnurrbärte kommen wieder. Manche tragen sie aus Tradition, manche als ersten Versuch nach dem Bartflaum, wie in den 1970ern. Bei den Frauen gleichen Alters viel „Clean Girl“-Ästhetik mit starkem Make Up, betonten Lippen, ohne Falten und Unreinheiten. Sonnenbrillen als Macho Accessoire tauchen eher am Abend auf oder werden durch das Seitenfenster überschwerer PKW sichtbar. Auch wieder sichtbar: Hosen aus lockerem Baumwolljersey um nicht zu sagen: Jogginghosen, Sweatpants, die Hosen, die man trägt, wenn man sich, wie Karl Lagerfeld sagte, selber aufgegeben hat.

Ich blicke an mir selbst herab: Jeans, kariertes Hemd, zerknautschte grüne Schimanski-Jacke. Klassische Herrenmode, würde ich sagen, zumindest Anfang der 1990er. „Ich beobachte, dass viele an irgendeinem Punkt in ihrem Leben aufgeben.“, schreibt die Modejournalistin Diana Weis im Tagesspiegel. „Weil sie sowieso immer die gleichen Sachen kaufen, nämlich welche, die sie auf dem Höhepunkt ihrer Attraktivität anhatten.“ Mir scheint, dieser Höhepunkt hält bei mir jetzt schon über dreißig Jahre an.

Im Königreich Gardinestan

Manchmal möchte ich ja dem Motto meines Blogs wieder Ehre machen. Dann fasse mir ein Herz und gehe durch einer der Türen, die in unserm Viertel immer offen stehen. Und manchmal entdecke ich dabei ein verborgenes Märchenland: Gardinestan! Es hat einen geheimnisvollen Namen. Es liegt gleich neben Babylon und nicht weit weg von den Kabul Nights. Manchmal ist es schwer zu finden, doch nie war es ganz verschwunden. Jetzt ist es wieder in voller Pracht aufgetaucht: Nicht hinter den sieben Bergen, nicht im wilden Kurdistan, sondern wieder in der Müllerstraße im Wedding. Und um seine Bewohner und ihre Schätze zu entdecken, muss man nur durch die neue goldene Pforte treten. Und manchmal trifft man dabei eine orientalische Prinzessin, die keine sein will.

Es ist kein Reich voll Tüll, Taft und Teppichen, auch wenn der orientalische Name etwas anderes vermuten lässt. „Gardinestan“, egal wer sich diesen Namen ausgedacht hat, er hat einen Treffer gelandet. Der markante gold-blaue Schriftzug bevölkert schon lange die Blogs und Instagram-Profile über den Wedding. „Gardinestan“, das klingt wie ein fernes Land, das irgendwo zwischen Afghanistan und Usbekistan an der Seidenstraße liegen könnte, ein geheimes Königreich, aus dem legendäre handgeknüpfte Teppiche kommen. Und gleichzeitig könnte es eine selbstironische Anspielung sein auf das Multi-Kulti im Wedding, auf orientalische Teppichhändler und auf das, was hier wirklich verkauft wird: Schimmernde Fenstervorhänge und – na ja: Gardinen.

„Vielleicht ist es auch nur eine Abkürzung von ‚Gardinenstange'“, vermutet der nüchterne Verkäufer, der mich durch den Laden führt. Er ist durch und durch Händler. „Schauen sie!“, wirbt er für seine Ware. „Das ist ein wirklich lichtdichtes Gewebe.“ Zum Beweis hält er seine Handy-Lampe unter eine Stoffprobe. Der Lichtfleck dringt nicht durch. Zum Vergleich zeigt er mir ein leichter gewebtes Stück: blickdicht, aber nicht lichtdicht. Einen Unterschied, den mir bei IKEA, wo ich bisher meine Vorhänge kaufte, keiner gezeigt hat. Und vielleicht ist diese Expertise und die Leidenschaft für den Stoff das wirklich Exotische an diesem Geschäft: „Gardinestan“ ist das letzte Gardinen-Fachgeschäft an der Müllerstraße. Erst vor Kurzem hat das „Ideal“-Gardinenhaus aufgegeben und die Gardinenabteilung von Karstadt am Leopoldplatz ist seit vergangenem Jahr Geschichte.

Aber um das Königreich hinter den seidigen Stores muss man sich keine Sorgen machen, auch wenn der markante Schriftzug für eine Weile von der Fassade verschwunden war – das Haus wurde renoviert. Denn die Kundschaft kommt nicht nur aus dem Wedding, sondern aus ganz Berlin und Brandenburg, verrät mir Fatih Genc, einer der Inhaber. Deshalb, und wegen des guten Online-Geschäfts, sei man durch die Veränderungen und die Geschäftsschließungen in der Müllerstraße auch nicht zu stark betroffen. Man habe Angebote zwischen 20 Euro und 300 Euro pro Meter Gardine. Damit sei man unter den etwa 60 Gardinenläden in Berlin noch nicht im obersten Preissegment, ergänzt sein Verkäufer eifrig. Im Schnitt werde im Wedding 100 Euro pro Meter ausgegeben. Für seine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung habe er 1200 Euro für Gardinen und Vorhänge angelegt, verrät er mir. Teppiche habe man auch, aber eher Zusatzangebot und als Sonderangebot für die Laufkundschaft. Soviel zum Thema Wunschvorstellungen.

Im Hinausgehen versuche ich Aişe Genc, der Tochter von Mitgründer Cengiz Genc, zwischen edlen S-Linien-Gardinen und Lamellen-Rollos doch noch das Geheimnis des magischen Namens zu entlocken. 
Im Handelsregister eintragen ist die Firma als „Jung CFO GmbH“. Der Name sei eine Verbindung der Anfangsbuchstaben der drei Brüder Cengiz, Fatih und Oktay Genc, die das Geschäft gemeinsam führen und der deutschen Übersetzung ihres Nachnamens – Genc heißt jung, verrät Frau Genc. Ein Rätsel gelöst. Bleibt noch das Geheimnis um „Gardinestan“. „Er hat schon was mit Ländern wie Afghanistan zu tun,“, lächelt sie, „obwohl mein Vater und seine beiden Brüder aus der Türkei stammen.“ Ihr Vater habe die Idee gehabt. Mehr verrät sie nicht. Ob sie später mal das Geschäft übernehmen wolle, sozusagen als Kronprinzessin von Gardinestan, frage ich sie. „Nein“, lacht sie. „Ich studiere Bio-Informatik an der FU.“

Zwei Tage im Frieden

Na, ist noch jemand zu Hause? Oder sind alle draußen im Grünen bei dem schönen Wetter?
Also mein Freund und ich waren nach dem Feiertag (ja, Berlin hat die Befreiung von Krieg und Naziherrschaft am 8. Mai mit einem Feiertag begangen) mit dem Rad unterwegs. Von Frankfurt/Oder durchs Schlaubetal nach Eisenhüttenstadt und zurück. Die „Mönchstour“, weil man dabei am Kloster Neuzelle vorbeikommt. Ja, war wieder schön gewesen. Hier ist Brandenburg so ein bisschen wie da wo ich herkomme. Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Die Schlaube ist ein kleiner Bach, an dem früher viele Mühlen und Eisenhämmer betrieben wurden. Heute sind das Biergärten. Wir kehren gleich beim ersten ein, nachdem wir den Schreck am Bahnhof Frankfurt hinter uns haben: Viel Polizei in voller Montur. Grenzkontrollen an der Friedensgrenze zu Polen. Und das auf nüchternen Magen. Wir sind unverdächtig. Und nachdem ich mich bei der Bäckereiverkäuferin, die tapfer das babylonische Sprachgewirr ihrer Kundschaft meistert, mit einer Bockwurst versorgt habe, die so fade, fett und verkocht schmeckt, dass ich mich sofort wohlig in die alte DDR zurückversetzt fühle (noch schlimmer sind nur die, die man in Polen kriegt), suchen wir gleich die erste Gelegenheit, um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Ist viel passiert hier, seit ich das letzte Mal da war. Neue Fußgängerbrücke, geteerte Fahrradwege und keine Menschen mehr auf den Straßen. Alles leer, auch im Biergarten, der ein Idyll ist. Es klappert.. (siehe oben). Eigentlich ist geschlossen. „Ich kriege ja kein Personal mehr.“, klagt die weißhaarige Mühlenwirtin. „Nur noch Ukrainerinnen, die was schwarz neben dem Bürgergeld verdienen wollen.“ Ob‘s noch ein Bier gebe, fragt mein Freund. „Ein Bier gibt‘s immer.“, ist die joviale Antwort, und schon stehen zwei „Radler“ in schimmernden Glaskrügen vor uns. „Aber den Blütenstaub kann ich nicht auch noch von den Tischen wischen.“
Und heiter gehts weiter. Solange wir uns an die ausgeschilderte Route halten (das Zeichen, dem wir folgen ist ein Mönch, der gemütlich auf seinem Fahrrad schlingert) ist‘s auch wirklich nett, dunkel, üppig und voller Nachtigallen. Aber als wir einmal falsch abbiegen, sind wir wieder in der Brandenburger Wirklichkeit: Staubige, kahle Äcker, leere Dörfer, die aus einem Baumarktkatalog zusammengebaut zu sein scheinen und kläffende Hunde hinter Zäunen. Mir tut mein Knie weh. Unsere Rettungsinsel ist das Kloster Neuzelle. Eine barocke Pracht, die man eher aus Bayern kennt. Geht auch in Brandenburg. Und selbstgebrautes Bier gibt‘s auch: „Schwarzer Abt“. Danach schlingern wir wie der Mönch auf unseren Rädern nach Eisenhüttenstadt, der „ersten sozialistischen Stadt auf deutschem Boden“ – heute das größte Flächendenkmal Europas. Menschenleer, wie die Dörfer drumherum. Aber das Stahlwerk arbeitet noch. Ein Geruch nach Koks und kaltem Kamin, wie ich sie noch aus meiner ersten Berliner Wohnung mit Ofenheizung kenne, liegt schon Kilometer vorher in der Luft. Eigentlich hätten wir stilgerecht im Hotel „Lunik“ absteigen müssen, ehedem das erste Haus am Platze, aber das Lunik ist eine Ruine. Also wird es das Hotel „Berlin“, das einzige Hotel, das es in der Stadt noch gibt. Der Empfang ist solide und herzlich. „Ham‘ ses doch noch jeschafft.“, kumpelt die Empfangsdame, die ich von unterwegs angerufen hatte, weil wir uns ja verfahren hatten. Sie empfiehlt uns das deutsche Restaurant nebenan, in dem es grabesstill ist und nach kaltem Frittenfett riecht. Also gehen wir zum Griechen, gleich unten im Keller. Hier brummt der Laden, Familien mit Kindern feiern (Jugendweihe?) und die Lammkotteletts schmecken wie Schuhsohle. „Nimm Essen mit, du fährst nach Brandenburg.“, singt Reinald Grebe.

Am nächsten Tag, dem Samstag, treffen wir nur nette Menschen in unserem Alter. Ist wirklich so. Keine Ahnung, wo die anderen abgeblieben sind, die Jungen, die Familien, die ganz Alten. Vielleicht interessieren sie sich nicht für das Museum „Utopie und Alltag“, das in einem ehemaligen Kindergarten untergebracht ist. Und eigentlich hat das Museum auch noch zu. Aber ein Herr in unserem Alter steht davor, er ist Maler (hab noch bei Tübke in Frankenhausen das Bauernkriegsfries mitgemalt; 3,50 Meter davon sind von mir…) und Mitglied des Museumsbeirates, der sich früh trifft und nachdem die Computer und die Lichtanlage hochgefahren sind, weist uns eine beflissene Frau in unserem Alter in die Dauer- und die Sonderausstellung (Völkerfreundschaft) ein. Es ist wirklich ein gut kuratiertes Museum über die Alltagskultur der DDR. Es gibt ja einige, in denen nur ein paar Küchengegenstände aus Plaste und ein Schwalbe-Moped in eine Scheune gestellt werden. https://www.utopieundalltag.de/

Als ich nach dem Ausstellungsplakat zur „Fremde Freunde“ frage, kriege ich die Antwort: „Ist aus. Wir drucken das gerade nach. Die waren ganz schnell vergriffen.“ Völkerfreundschaft an der Friedensgrenze? Im Landkreis an der Oder hat die AfD im Februar 39,1 Prozent geholt. Wo sind die ganzen Nazis? Sitzen die alle zu Hause? Auf dem Radweg auf dem Oderdeich treffen wir nur freundliche Leute (unseres Alters) in Funktionskleidung auf Elektrorädern. Einer erklärt mir die Industrieruine, die hinter dem Deich auftaucht: Das war ein Kraftwerk, das die Nazis haben bauen lassen, weil sie hier mitten im Krieg eine große Chemiefabrik errichten wollten. Die Deutschen haben sich hier in den letzten Kriegstagen verschanzt, die Russen haben sie zusammengeschossen, als sie über die Oder sind. War da heute nicht was? Genau: 9. Mai, 80 Jahre Kriegsende. An einem sowjetischen Kriegerdenkmal halten wir an. An Kriegerdenkmälern hat es in Brandenburg keinen Mangel. Aber das ist das einzige, so weit ich mich auskenne, das für sowjetische Matrosen errichtet wurde. „Schwarzmeerflotte, ewiger Ruhm den Helden, die für die Freiheit der Sowjetunion und der Heimat… so weit reicht mein Russisch immer. Sie sind mit ihrem Boot in der Oder ertrunken. Arme Kerle. Auf dem Sockel liegen ein paar kümmerliche Nelkensträuße. Nebendran bietet ein fliegender polnischer Blumenhändler seine Ware an. Mit dem Wort „Schnittblumen“ kann er nichts anfangen. Ich kaufe eine rote Geranie im Topf für 2,50 Euro und stelle sie auf den Stein. Dank euch, ihr Sowjetsoldaten.

Ein paar Kilometer flussabwärts wird es dann richtig konkret mit der Völkerfreundschaft. In Aurith ist heute Deutsch-Polnisches Volksfest. Hier gibt es eine Fähre über die Oder (wenn der Fluss genug Wasser hat) und die Mädchen der „Oderwendischen Volkstanzgruppe“, nicht zu verwechseln mit den Sorben, wie ich belehrt werde, mümmeln Bratwurst vor ihrem Auftritt. „Bei den Polen ist heute noch viel mehr los.“, versucht mich ein EU-gesponserter Tourismusbeauftragter auf die andere Seite zu locken. Aber mein Freund will nach Hause. Immerhin erfahre ich bei der Tourismusinfo auch, dass das „Lunik“ in Eisehüttenstadt wieder aufgebaut wird. Diesen Sommer beginnt es als provisorische Theaterspielstätte. „Sie müssen unbedingt kommen, und unbedingt vorher die Führung durch das „Lunik“ mitmachen!“ charmiert eine Theaterbegeisterte aus Eisenhüttenstadt, die ausnahmsweise nicht in unserem Alter ist. Na, dann muss ich da wohl nochmal hin.

Auf dem Rückweg treffen wir dann doch noch einen Nazi, einen verklemmten. Er kommt auf einem schwarzen BMW-Motorrad mit Beiwagen daher, wie eine Motorradpatroullie der Wehrmacht. Es soll eine BMW R 71 aus Vorkriegsproduktion sein, was er da fährt, aber es ist eine mit versteckten Runen und Frakturbuchstaben umlackierte sowjetische Kopie, eine M72 Molotov. Da kenne ich mich aus. Hatte selber mal so eine, aber in lila!

So ist das mit den Nazis heutzutag: Alles eine russische Kopie.

Mein Osterei

Mein Osterei fand ich schon vor einer Woche im Briefkasten. Es war eine Überraschung, über die ich mich sehr gefreut habe: Matthias hat es nach drei Jahren geschafft, den dritten Band seiner Geburtstagsanthologie für Charles Bukowski „BUK 100“ herauszugeben. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet. Das Heft ist wieder sehr schön geworden. Mit Texten von Bukowski himself , von seinen Weggefährten und von seinen modernen Adepten über das Schreiben und über Bukowskis Philosophie (Ja, er hatte eine, er hat auch klassische Musik gehört – es war nicht alles Sex and Drugs and Races, das war seine Kunstfigur Hank Chinaski). Die Geburtstagsausgabe mit ihrem groben Papier und dem einfachen Layout fühlt sich ein wenig so an wie ein echter Bukowski, der viele seiner Gedichte und Geschichten in den 1960ern erstmal in billig produzierten Underground-Magazinen veröffentlicht hat. Auch ein Bierdeckel mit einer Bukowski- Kalligrafie als Lesezeichen gehört zur liebevollen Ausstattung der Ausgabe. Passt!

Bestellt werden kann die dritte Ausgabe hier:

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ODER DIREKT ZU PAYPAL (Mit Versand Adresse!): 15 $ oder 15 € an:

https://www.paypal.me/charlesbukowski

Und noch ein Osterei habe ich gleich darauf gefunden – ich hatte es mir schon lange selber ins Nest gelegt: Nach seinen zwei ersten „BUK 100“- Heften, hatte Matthias mich gebeten, einen Text über mich und Bukowski zu schreiben. Und tatsächlich gibt es etwas, was den bitteren Poeten und mich verbindet: Der Geburtsort. Wir sind mit ziemlich genau 50 Jahren Abstand im gleichen kleinen Fachwerkstädtchen am Rhein geboren. Und hier ist der Text dazu:

Die Bukowski-Therapie

Es hat lange gedauert, bis ich Hank Chinaski begegnete. Erst als wir beide gleich alt waren, so Mitte 50 fing ich an, seinem Leben zu folgen. Aber dem echten Bukowski bin ich viel früher über den Weg gelaufen, oder sagen wir besser: Ich hätte ihm über den Weg laufen können – vor mehr als 40 Jahren, Im Mai 1978 in Andernach am Rhein. Er besuchte seine Geburtsstadt und ich ging dort zur Schule. Vielleicht sind wir uns wirklich begegnet, wer weiß? Für einen 17-Jährigen sehen alle Männer über 50 gleich aus. Andernach war damals eine Stadt mit einer alten Stadtmauer, einem Gymnasium für Jungen, einem für Mädchen und mit einer großen „Landesnervenklinik“, einem Haus für Menschen, die mit dem Leben draußen nicht klar kamen und in dem schon mein Großvater starb. Wen man bei uns sagen wollte, dass jemand verrückt war, dann hieß es: „Der gehört nach Andernach.“ Charles Bukowski gehörte nicht nach Andernach. Seine Bücher standen nicht in der Bibliothek, und im Englischunterricht lasen wir Stücke von Edward Albee. Bukowski war ja auch nicht verrückt. Er ist aus dieser Stadt abgehauen, so bald er konnte.
Viel später, in Berlin, ziemlich zur gleichen Zeit als ich die Bekanntschaft mit Hank Chinaski und mehreren Nervenärzten gemacht hatte – von denen einige sehr nette Kerle waren – hilft mir Hank nicht verrückt zu werden. Mein Psychiater verzieht leicht angewidert das Gesicht, als ich ihm von Bukowski erzähle. „Destruktiv, reduziert, altes, unbefreites Männerbild.“, ist sein Kommentar. Er versteht nicht, dass Hanks Geschichten für mich entspannender sein können als die Pillen, die er mir verordnet.
Aber warum kann gerade ein dirty old man mir helfen, mich in meinem bürgerlichen Leben zurecht zu finden? Vielleicht, weil er so aus der Zeit gefallen ist. Weil es Hank egal ist, wie er aussieht und welchen Eindruck er auf andere macht. Weil seine Welt überschaubar und seine Bedürfnisse klar sind. Wenn ich die Geschichten lese, fällt die Last der Welt von mir ab. Ich denke nicht mehr daran, was andere Menschen über mich denken könnten, wenn sie in meine Wohnung kommen, die nicht staubfrei ist. Ich kümmere mich nicht mehr um die Flecken, die vielleicht auf meiner Hose sein könnten und ich mache mir keine Gedanken darüber, wie ich korrekt auf Frauen zugehe. Weil es solche Gedanken bei Hank nicht gibt. Es gibt nicht die Frage, ob man den Müll in die richtige Tonne geworfen hat und ob man damit die Welt ein Stück besser gemacht hat. Es gibt nur Müll. Und er liegt in seiner Wohnung rum und er betrachtet ihn, beschreibt ihn, ohne dass er sich groß Gedanken darüber macht. Er schuldet der Welt nichts und er verlangt nichts von ihr. Er will nichts richtig machen, will die Welt nicht retten. Er will einfach nur über den Tag kommen, ohne dass er zu viele Nackenschläge abbekommt. Hanks kleiner Kosmos in South Hollywood, das Leben zwischen Post Office, Bars und Rennbahnen erscheint mir fast schon als Sehnsuchtsort. Eine Welt in die ich mich gerne flüchte, wenn ich in der wirkliche Welt von heute, einer Welt voller Selbstoptimierer und Instagram-Junkies, die Orientierung zu verlieren drohe. Bukowski bringt mich runter, wenn die Nerven flattern. Bei Woody Allen hat Humphrey Bogart in „Mach’s noch einmal Sam“ den Part des Lebensberaters für einen Stadtneurotiker übernommen. Bei mir ist es Hank. Er ist meine Beruhigungspille in aufgeregten Zeiten. Aber ich muss aufpassen, dass ich keine Überdosis davon nehme.

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A Farewell to Yoga #2

Tage drei bis fünf: Ruhig, nicht gut, nicht schlecht. Wenig Yoga und ein gutes Buch (Michael Degen: Es waren nicht alle Mörder, hab ich im Bücherregal hier gefunden). Spazieren gehen und über Vergänglichkeit nachdenken. Schön ist dieser Ort, in seiner bunt zusammengeflickten Einfachheit. Die Barracken aus DDR- Zeiten, die großen alten Bäume, das verfallende Bootshaus am See. Lange geht das hier nicht mehr. Die Betreiber haben es 30 Jahre lang geschafft, Aussteiger, Berliner Yogis, Jugendgruppen und Urlauber mit Wurst auf dem Grill nebeneinander leben zu lassen. Jetzt sind sie alt. Die großen Bäume vor dem Haus, in denen ich bei meinem letzten Fasten im Frühling noch die Hummeln brummen hörte, mussten schon gefällt werden. Es regnete schon immer wenig in den Klapperbergen, jetzt fast gar nicht mehr. Die Hütten sind morsch und im Dorf nebenan hat sich der „König von Deutschland“ versucht breit zu machen (Aber das Volk wehrt sich). Ein Trost ist die Gruppe. Einige kenne ich schon lange, denn ich mache das schon seit 10 Jahren, andere sind neu. Mit einigen kommt man ins Gespräch, andere wollen ihre Ruhe, aber alle sind freundlich und respektvoll zueinander. Alle helfen in der Küche (für Tee, Saft und Fastensuppe). Keiner spricht über seine Arbeit. Alle sprechen übers Essen. 🙂

Sechster Tag: Ich fang jetzt nicht an mit: „Überirdisch schöner Tag!“, oder so. Aber es war schon besonders. Bei vielen in der Gruppe merkte man heute entspannte Gesichter und Theo, mit dem ich gestern auf der Terrasse saß und der mir sein Leben erzählt hatte, meinte, der Tag sei zu schön, um heute mit dem Auto in die Sauna zu fahren. Tatsächlich war alles ganz strahlend hell und der Himmel blitzeblau und die Luft mild. Wir waren beide mit dem Rad angereist. 10 km waren es bis zur Sauna in der alten Mühle, flache Strecke, das konnte ja nicht die Welt sein. Aber unsere Muskeln kriegten keinen Schwung, keine Kraft mehr und der Mund war trocken. Es war eine Quälerei. Und blöderweise kamen mir bei der Schinderei die KZ-Häftlinge in Ravensbrück in den Kopf, die auch ohne was im Bauch Schwerstarbeit leisten mussten. Dieses Gefühl der Schwäche allein ist schon entwürdigend, das kann ich jetzt nachvollziehen. Da braucht es keine Schikane durch die Aufseher mehr. Eine Stunde haben wir über Holperpflaster und Sandpisten, vorbei am leeren Dorf-Konsum, durch die weiß blühenden Strauchalleen bis zur Mühle gebraucht. Aber wir haben es geschafft, ohne stehenzubleiben. Beim Zähne zusammenbeißen bin ich gut, übe ich jede Nacht.
An der Sauna waren schon die Andern, die mit dem Auto gefahren waren, und lobten unseren Heldenmut. Ich war erst einmal so erledigt, dass ich mich draußen auf eine Bank in die Sonne legte, bis das Leben in meinen ausgepumpten Körper zurückkam und sah dann zu, wie einer nach dem anderen aus der Sauna in den eiskalten See sprang. Nachdem ich mir einen kleinen Spaziergang gegönnt und mir Galloway-Kälbchen auf der Wiese angeschaut hatte, war ich wieder soweit, dass ich mich eine Runde in die Sauna trauen konnte. Ich wollte Teil der Vertrautheit sein, die durch den gemeinsamen Saunagang entsteht. Es war gut und die Haut prickelte danach im kalten See. Mutig entschieden wir uns, auch für die Rückreise die Fahrräder zu nehmen, obwohl wir sie hätten ins Auto stellen können. Es lief wunderbar! Neue Kraft, als hätten wir durch die Quälerei eine Barriere durchbrochen. Abends zurück setzte unser Yogalehrer sich zu mir auf der Treppe vor dem Gutshaus. Wir sprachen über Astralkörper. Und ich war sein geduldiger Schüler im goldenen Schein der untergehenden Sonne, die auf seine goldorange Jacke und unsere geröteten Gesichter fiel. Aber ich glaubte ihm kein Wort. Ich habe wirklich versucht ihm zu folgen in die Sphären der Phänomene, die sich nur in Sanskrit ausdrücken lassen, in seinen Glauben, dass Kali-Yuga, die Zeit der Verblendung, schon seit 300 Jahren seinen schlimmsten Punkt überschritten hat…. Aber ich merke, dass ihm dieser Glaube Energie gibt, die Energie, hier 20 Leute ohne etwas zu Essen, nur mit Lächeln, Rumpfbeugen und Mantrasingen eine Woche glücklich zu machen. Und das ist ja nicht Nichts.

Letzter Tag: Oh Gott! Bin ich energiegeladen! Bin seit heute Morgen um sechs Uhr unterwegs. Habe heute früh sogar die „Aufladeübung“ mit dem Lehrer im Freien und bei kaltem Wind hinter mich gebracht. Nach dem Abschied von der Gruppe und der Idylle in der Uckermark heute früh bin ich noch 20 km mit Gegenwind und Gepäck nach Fürstenberg geradelt. Hab wieder meinen Kräutertee im Bahnhofscafe getrunken (und die Frau hinter der Theke hat sich gemerkt, dass ich Honig in den Tee haben will!), habe zu Hause alle meine Sachen gewaschen (beim Fasten riecht man nicht gut), habe ein langes Bad genommen, habe und danach auch noch die Fotos, die großartigen, die ich von jedem und jeder in der Gruppe gemacht habe, sozusagen als Hoffotograf unseres Lehrers, bearbeitet und an die Anderen verschickt. Jetzt ist es 11 Uhr abends und ich komme nicht zur Ruhe. Ich bin biegsam wie ein junger Löwe und habe gerade auch mal keine Schmerzen nirgends. Schön! Ich hab keinen Hunger aber ich will essen. Beim Anblick von Knäckebrot werde ich sehnsüchtig. Aber sind erst die „Aufbautage“. Noch zwei Tage mit Süppchen Salat und Buttermilch, dann darf ich wieder richtig essen. Schlafen kann ich nicht, nicht daran zu denken! Ich mache das Handy an. Wikipedia, Suchbegriff: Yoga. Und da steht alles, alles, was ich bisher nicht verstanden habe. Ganz einfach erklärt. Wenigstens für eine Nacht bin ich erleuchtet – zumindest vom Display meines Smartphones.
Ein Farewell to Yoga, war diese Woche, zumindest von den sportlichen Übungen des  Hatha-Yoga. Aber ein Hallo zu Fasten, zu dieser Gruppe, die ein bisschen meine Familie geworden ist. Alles freiwillig, einmal im Jahr, immer ein paar Neue und immer ein paar Erfahrene. Und ich bin ein Teil davon.