Radwege zur Einheit

Günther Brendel: Sozialistische Menschengemeinschaft, 1969 (ausgestellt im ehm. Sitz des Nationalrates der Nationalen Front der DDR, heute Bundesministerium für Arbeit und Soziales; Berlin)

Wir sind ein komisches Volk. Zum 35. Tag der Einheit morgen wird von der Stiftung Aufarbeitung eine Umfrage veröffentlicht, wonach das Trennende zwischen Ost- und Westdeutschland wächst statt zu verschwinden. Und das hat schon 2019 angefangen, also noch vor Corona. Ein Land mit unzufriedenen Bewohnern zu spalten, gehört seit dem Fall der Mauer zum Repertoire populistischer Politiker. Sei es im ehemaligen Jugoslawien, oder der ehemaligen Tschechoslowakei oder in der ehemaligen Sowjetunion. Komisch nur, dass das neue Wir-Gefühl im ehemals sozialistischen Osten heute am prominentesten von einem rechtsradikalen Geschichtslehrer aus Hessen verkörpert wird.

Ist da was schief gegangen, oder habe ich daran sogar aktiv mitgearbeitet? „Die endgültige Trennung Deutschlands, das ist unser Auftrag“, war seit dem Mauerfall die dem Zeichner Clodwig Poth zugeschriebene dadaistische Parole der Satirezeitschrift „Titanic“. Damit stellte sich das von mir damals bibelgleich verehrte Blatt als einziges gegen die gesamtdeutsche Besoffenheit der Medien. Doch hinter dem kindlichen Trotz verbarg sich vor allem eins: Die Trauer, dass es eine Alternative zur bräsigen Helmut Kohl-BRD bald nicht mehr geben würde.
Nur so ist zu verstehen, dass ein paar Freunde und ich 1989 einen verzweifelten Versuch zur Rettung der DDR unternahmen. Waren wir nicht ausgebildete Krankenpfleger, und suchen nicht die Krankenhäuser im Osten verzweifelt Personal? Damals waren die Grenzen gerade aufgemacht worden. Wir also los, die kranken Menschen im Osten und den realen Sozialismus retten. Aber das einzig Reale am real existierenden Sozialismus war der Ruß. Den Ruß wischten wir jeden Tag einmal von den Fensterbrettern und nachts wurde die ganze Station durchgewischt. Der Ruß kam von Heizkraftwerk der Karl-Marx-Uni-Klinik Leipzig. Das war ein uralter ziegelroter Kasten mit einem zu kurzen Schornstein. Weil ich tagsüber brav wischte, durfte ich auch mal Nachts ran: Welliges PVC mit braunem Blümchenmuster putzen. Viel mehr Verantwortung wollen die Schwestern auf der chirurgischen Station mir seltsamen Subotnik aus dem Westen nicht übertragen. Oder doch? Ich durfte auch kaputte Vakuumpumpen in die Werkstatt bringen und die Besorgungen der Schwestern im HO-Laden der Klinik erledigen. So war das. Aber als sozialistischer Werktätiger gab es richtiges Geld. 600 Mark der DDR im Monat. Und als ich zurück in den Westen kam noch mal 600 Westmark. Es gab da so einen Fonds, für Medizinpersonal, das in den Osten gegangen war. Mein Bewilligungsbescheid hatte die laufende Nummer 001. Nach drei Monaten in Leipzig kam die Währungsunion und die D-Mark. Damit war die Hoffnung auf Eigenständigkeit des anderen deutschen Staates vorbei. Ich machte wieder rüber in den Westen und meine DDR-Oberinnen stellten mir ein einmaliges Besser-Wessi-Zeugnis aus.

Und heute? Bin ich ein Ossi geworden, jetzt, wo der Osten für mich vor der Haustüre liegt und die DDR in den Köpfen wieder aus Ruinen aufersteht? Ich muss sagen: ich bin gerne im Osten unterwegs. Es ist schön hier, seit der Grauschleier von den Fassaden und der Plaste-und Elaste-Geruch aus den Gebäuden verschwunden ist, auch wenn manche der blitzblank renovierten Orte etwas leblos wirken. Es gibt viel zu entdecken:
Faltbootfahren auf den Mecklenburger Seen, Freunde besuchen in Leipzig und Chemnitz, Radtouren auf der Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt, frisch rekonstruierte ostmoderne Architektur in Halle-Neustadt. Wer meinem Blog folgt, findet dort viele entspannte Reiseberichte und einige Bewunderung für die übriggebliebenen Errungenschaften des Sozialismus, zu denen auch mein Simson-Mokick gehört. Und Ausstellungen mit DDR-Kunst gibt es dieses Jahr allerorten zu sehen, nachdem die Werke vorher verschämt in den Archiven versteckt wurden. Auch für die Kinder gibt es viele schöne Ecken. Die Ostsee natürlich. Aber auch schon vorher. In Templin, der Heimat von Frau Merkel, waren wir dieses Jahr Ostern in einem riesigen ehemaligen FDGB-Plattenbau-Hotelturm mitten im Wald. Ein Leipziger Künstler hat ihn – nach der Wende – von oben bis unten bunt angemalt und rundherum gab es Ferienlageratmosphäre. Die Bedienung kam -wie früher- aus der Volksrepublik Vietnam. Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

Nein, ich will die DDR nicht wiederhaben. Aber ich bin weiterhin froh, dass es hier 40 Jahre etwas anders gegeben hat als die westdeutsche Restauration und das Wirtschaftswunder, dass es Brüche gegeben hat. Es ist kumpelhaft und unkompliziert hier, solange man nicht mit Menschen, die man nicht kennt, über Politik redet. Aber um ganz ehrlich zu sein: Die Liebe zum Osten speist sich auch ein bisschen aus dem gleichen Umstand, der sie bei den Bürgern der DDR hatte entstehen lassen (und wieder hat): Ich kann nicht mehr in den Westen fahren. Nachdem ich in den vergangen Jahren zuverlässig im ICE von Berlin nach Köln mit meinen Jungs größere Ausfälle und eine Evakuierung erlebt habe, traue ich mich mit der Bahn nicht mehr über die ehemalige Zonengrenze. Alles was mit dem Regionalzug von Berlin aus erreichbar ist, gewinnt so deutlich an Attraktivität. Die Deutsche Bahn AG schirmt den Westen für mich fast so gut ab wie die Grenztruppen. Und niemand braucht mehr die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Hauptstadtprosa

Foto: Gerd Danigel aus der Ausstellung „40 Jahre Fotogalerie Friedrichshain“ https://fotogalerie.berlin/austellungen/aktuell

V: Wann ist der Elternabend?

M: Heute um 18 Uhr.

V: Dann bin ich halb sechs bei dir und passe auf die Jungs auf.

M: Wie kommst du?

V: Mit der S 8.

M: Die S 8 fährt bis Ende September nicht. Komm mit der S 1 direkt zur Schule. Dann kann ich dir die Autoschlüssel geben. Dann kannst du eine halbe Stunde chillen und dann die Jungs direkt vom Sport abholen. Schau aber nach ob die S-Bahn wirklich kommt. Mit der S1 bin ich gestern stecken geblieben. Hat drei Stunden gedauert. Stellwerkprobleme.

V: Die Jungs gehen zum Sport?

M: Ich bin mir nicht sicher, ob sie gehen oder wieder in ihren Zimmern rumgammeln. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mit ihren Fahrrädern fahren.

V: Wenn die Jungs mit den Fahrrädern fahren, dann nehme ich auch das Fahrrad mit und komme zur Sporthalle, dann fahren wir zusammen zurück.

M: Bin mir gerade nicht sicher, ob sie die Räder nehmen. Nimm lieber das Auto.

V: Ich fahr nicht gern mit dem Auto. Und wie kommst du dann zurück?

M: Wird schon gehen, vielleicht mit dem Bus.

V: Fährt dann noch einer? Ich hab keine Lust, erst die Jungs und dann dich abholen zu fahren.

M: Du kannst auch mit der S-Bahn kommen und direkt zum Sport gehen und dann kommt ihr alle mit dem Bus.

V: Vielleicht will ja auch nur einer zum Sport. Dann komme ich mit dem Moped zur Sporthalle. Einen Sturzhelm hab ich für Hintendrauf.

M: Du kannst ja auch mit dem Moped zu mir kommen und ich nehme dich dann mit dem Auto mit zur Schule.

V: Und ich krieg die Schlüssel, hol die Jungs mit dem Auto ab und dann komm ich mit dem Moped zu dir zur Schule.

M: Auf das wacklige Ding steig ich nicht auf.

V: Ach komm! Wir haben doch schon ganz andere Touren miteinander erlebt.

M: Nein! Am besten kommst du mit dem Moped hierher und wir sehen weiter. Dann kommst du auch wieder zurück nach Berlin, wenn die S-Bahn nicht fährt.

V: Und wann? Ich brauche mindestens eine halbe Stunde zu euch.

M: Ich ruf dich noch mal an. Aber vergiss auf keinen Fall, drei Brötchen mitzubringen. Das ist unser Ritual nach dem Sport.

V: Mach ich ja nicht zum ersten Mal

M: Ich sag‘s ja nur…

Endlich: Wissenschaft entwickelt perfekte Hochzeit!

Was ist denn das?, frage ich mich, als die Baugerüste gefallen sind und ich das neue Gebäude der Berliner Hochschule für Technik, an dem ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit vorbeikomme, zum ersten Mal sehe. „Wedding Advanced Laboratories“, Fortgeschrittene Hochzeitslabore? Das kann doch nicht wahr sein. Nach den Gender Studies jetzt ein Studiengang für die Tradwifes? Ist es jetzt auch bei uns schon so weit gekommen? Die CDU-Familiensenatorin in Berlin ist doch erst seit zwei Jahren im Amt. Und warum ist das neue fünfstöckige Labor genau gegenüber dem Institut für Bauwesen? Und welche Technik soll da entwickelt werden? „Studiengänge für Biotechnologie, Lebensmitteltechnologie, Pharma- und Chemietechnik sowie Verfahrenstechnik“ sollen hier ihr Zuhause finden, säuselt die Website der Hochschule, die mal aus dem Zusammenschluss mehrerer Ingenieurakademien entstanden ist. 1200 Studierende sollen hier ab dem Wintersemester arbeiten. 1200 Studierende, die sich mit der Herstellung von Hochzeitstorten beschäftigen? Ist das unsere Zukunftsoffensive? Und braucht man hier tatsächlich eine Professur für Verpackungstechnik, um die Hochzeitsgeschenke professionell aufzuhübschen?
Ich beschließe der Sache auf den Grund zu gehen und lasse mich nicht ablenken von den Plakaten, die auf den Resten des Bauzauns drapiert sind und die mit offenen Fragen eine zärtliche und gefühlvolle Herangehensweise an das Forschungsthema Paarbeziehungen vorgaukeln:

Ich spüre, dass das nicht alles sein kann, dass ich tiefer graben muss. Ganz tief. Ich muss rein in das Labor. Da ich ab und zu in der gegenüberliegenden Mensa zu Gast bin, und eine „Mensa Card“ vorweisen kann, schöpft keiner der Wachleute Verdacht. Kein Wunder: mit meiner abgetragenen englischen Barbour-Jacke und dem grauen Bartstoppeln sehe ich aus wie ein typischer deutscher Gelehrter. Der Weg ist frei! In den oberen Etagen schaue ich nur kurz vorbei: Helle Räume, noch halbe Rohbauten. Hier ist nichts zu holen, also runter in den Keller. Ja, ich habe schon Hochzeiten erlebt, die im Keller gefeiert wurden. Haben nicht lange gehalten, die Ehen, die da geschlossen wurden – wenn man schon so tief anfängt. Überhaupt haben die Ehen meist nicht das gehalten, was Hochzeiten versprachen. Ob sie nun im Heidelberger Schloss gefeiert wurden in einem Brandenburger Gutshaus oder im Stadtteiltreff in Berlin-Wedding. Gut, dass ich immer nur zu Gast war.
Aber ist es nicht das, was Wissenschaft den Menschen verspricht? Dass sie in der Lage ist, die Unzulänglichkeiten des Menschen zu überwinden und die Menschheit zu einem besseren Morgen zu befähigen? Wie beschränkt war unser Wissen vor Erfindung des Internets, wie orientierungslos waren wir vor der Einführung der Mobiltelefone und Navis? Und wenn jetzt noch die Roboter und die Künstliche Intelligenz…? Ein Schauder überfällt mich. Noch bevor ich die Tür mit der Aufschrift: „Weddingstyle“ öffne, weiß ich, woran sie in dieser geheimen Kammer arbeiten:

Hochzeits-Avatare! Das erste Grausen, das mich nach dem schauerlichen und trostlosen Anblick der leblosen Maschinenmenschen überfällt, legt sich rasch. Ja, wäre es nicht sogar besser, schießt es durch mein aufgewühltes Hirn, wenn man/frau die Hochzeit von intelligenten Kopien erledigen lassen würde? Nie wieder stressige Jungesellenabschiede, kein Auffegen von zerschlagenem Porzellan am Polterabend vor der Trauung, keine Nervenzusammenbrüche überforderter Mütter, keine Ausfälligkeiten betrunkener Väter, keine nöligen Kinder in zu engen und zu feinen Kleidchen, keine unzufrieden meckernden Tanten und Onkels und keine peinlichen Power-Point-Shows überengagierter Freunde. Und die Hochzeitsfotos ohne verlaufenes Make Up und rote, alkoholgedunsene Köpfe wären auch perfekt. Heinrich Böll hat das automatisierte Feiern durch Stellvertreter für das Weihnachtsfest schon in den 1950er Jahren in seiner Geschichte „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ literarisch vorweggenommen. Jetzt sind wir also nach der Mondlandung in den 1970ern endlich in der Lage, auch diesen Menschheitstraum technisch umzusetzen. Leise, ehrfürchtig und beglückt schließe ich die Tür hinter mir. Meine Tochter wird bald 30, ein gefährliches Alter. Bald könnte ich eine Einladungskarte erhalten. Ich hoffe, dass diese Forschung schnell Serienreife erlangt.

Comfortly numb

Wenigstens Aldi bleibt zuversichtlich. Wenn sogar Aldi Nord und Aldi Süd zusammen arbeiten können, dann sollte es doch auch woanders klappen. Das Schild sehe ich auf dem Parkplatz, der der Treffpunkt der Autofahrer in der Vorstadtsiedlung ist. Mehr kriege ich von der Weltpolitik gerade auch nicht mit. Nach 14 Tagen Kinderkram und Teenagergeheule im Eigenheim kam gestern meine Ablösung im silbernen Audi hereingeschwebt: Die Schwiegermutter übernimmt meinen Part als „bad guy“ im Haus der Mutter meiner Kinder.
14 Tage im Morgengrauen drei Jungs aus den Betten werfen, die natürlich bis in die Nacht Bücher gelesen/Radio gehört/Handy gespielt haben, die ich nicht rechtzeitig unter ihren Kopfkissen/Matratzen/Schlafanzughosen gefunden habe, dazwischen ein bisschen Homeoffice und die kranke Mutter zum Arzt fahren, ein bisschen über Pädagogik streiten und über die Frage, ob das jetzt Pubertät oder seelische Erkrankung ist. Ein bisschen Einkaufen und der Versuch eines gemeinsamen Abendessens, der meist scheitert. Danach dann Posten beziehen vor den Kinderzimmer, dass nicht wieder einer ins Bad abhaut, und auf dem Klo sein Handy rausholt, oder bei der Mutter unten Drama macht (um das weggenommene Handy wieder zu kriegen). Dazwischen Einlagen in Freistil-Ringen zwischen mir und zwei 13-Jährigen. Zwei Mal 13 gegen ein Mal 63, das geht nicht gut, das wird laut, abends um 10 oder 11. Und danach noch ein müdes Gespräch zwischen den Eltern. Und dann lange kein Schlaf. Zum Glück hat mir der Arzt „Fathers Little Helpers“ verschrieben, damit ich wenigstens ein paar Stunden die Augen zu machen kann.

Jetzt wieder in Berlin. Bis in die Puppen geschlafen. Der Kopf ist leer. So leer, dass ich mir nicht vorstellen kann, noch mal einen klaren Gedanken zu fassen. Kein unangenehmes Gefühl, wenn man nichts vorhat. Um drei Uhr wenigstens einmal raus auf die Straße. Und an dem, was ich mache, merke ich, was mir gefehlt hat. Einmal zu Tobis Backwaren, einer Bäckerei mit 60er Jahre Einrichtung, die jetzt von einem munteren türkischen Paar geführt wird. Der junge Chef ist ein lustiger Alleinunterhalter, der einfache, laute Sätze macht und spielend von Deutsch ins Türkische wechselt, mit einer Kundin flirtet, seine Frau, deren grünes Kopftuch alles andere als züchtig um den Kopf drapiert ist, in den Arm dabei nimmt und als ein stark schwäbelnder Gast meckert: „Noch einen Cappucino bitte. Der erste war ein bisschen klein!“ kontert er lachend: „Der war zu gut! Den haben sie zu schnell getrunken.“ Dann dackele ich weiter zum City Kino. Die letzten Monate habe ich „Mufasa – König der Löwen“ und „Sonic, the Hedgehog 3“ und viele YouTube-Clips mit Fußballsongs sehen müssen. Deshalb wäre Art House Kino jetzt mal wieder schön, aber jenseits meiner Auffassungsfähigkeit. Die Einladung zur Berlinale hab ich ungenutzt zurückgegeben. Neben dem Kino ist eine Telefonzelle, die zur Bücherbox umgebaut wurde. Dort setze ich mit einem alten dtv-Bändchen: Der Jesus -Prozess. Ein bisschen Verschwörungstheorie geht immer. Sonst lese ich nur noch Krimis. Die Bücherbox ist rege besucht am Sonntagnachmittag. Menschen meines Alters grüßen mich freundlich, geben sich höflich die Klapptüre in die Hand und ich frage mich, was sie gerade von dem müden Mann auf der Bank denken, in seinem blauen Marine-Parka und der ollen Jeans mit dem vergilbten Bändchen in der Hand. Aber auch der Gedanke bleibt nur kurz im leeren Hirn hängen. Als ich nach Hause komme, stellt meine Nachbarin zwei Flachbildschirme in den Flur. Die Großmutter, von der sie den alten Mietvertrag von 1956 übernommen hat (640 Euro brutto kalt), ist im Altersheim gestorben. Jetzt habe ich nach 10 Jahren wieder einen Fernseher, geschenkt! Vielleicht kommen meine Jungs dann wieder mal zu mir, um Sportschau zu gucken.

Stadtrallye

Ist eigentlich nicht so schwer, dachte ich. Immer geradeaus, über die Ampel und dann weiter geradeaus bis zur Bibliothek. Den Weg waren wir schon ein paar Mal gegangen, auch getrennt. Und jetzt wollte ich meinen Kaffee in Ruhe austrinken und die hibbeligen Jungs wollten ihre Comics ausleihen. „Also geht schon mal vor“, sagte ich. „Ich komm mit dem Fahrrad nach.“ Ein komisches Gefühl hatte ich trotzdem, vor allem, als sie sich schon mit den ersten Schritten nach links statt nach rechts aufmachten. Egal, dachte ich, einmal auf die richtige Spur gesetzt werden sie schon weiter laufen. Es ist eine ruhige Nebenstraße und ich hätte für einen Moment meine Ruhe. Dachte ich. Aber der Kaffee schmeckte nicht mehr und so machte ich mich ein paar Minuten später hinter den jungen Wilden her. Mit dem Rad. Eigentlich hätte ich sie schon an der nächsten Kreuzung einholen müssen. Spätestens an der Ampel. Aber da waren sie nicht. Verdammt flott, die beiden, dachte ich. Dann kam ich an dem großen Wochenmarkt vorbei. Ob sie sich dort in das Getümmel gestürzt hätten, fragte ich mich. Aber eigentlich waren sie dazu zu wenig neugierig und zu ängstlich. Aber in der Bibliothek waren sie auch nicht. Auch nicht davor. Nicht in der Comics-Abteilung und nicht bei den Zeitschriften im ersten Stock, nicht bei den Romanen und nicht bei den Mangas eine Treppe höher. Auch nicht im Maker-Space, wo man sich T-Shirts bedrucken lassen kann und auch nicht auf dem Klo. Hm!

Warten im Sonnenschein vor dem schicken Neubau der Schillerbibliothek. Überall Kinder, Halbwüchsige, Trinker, bewusstlose Leute, die von Männern in gelben Westen genötigt werden, von den Bänken aufzustehen, weil das kein Schlafplatz ist. Aber meine Jungs sind nicht da. Die Bibliothekarin verleiht einem umständlichen Fusselbärtigen in Sandalen ein Lastenrad vom „Flotte Lotte e.V.“ und nein, meine Jungs habe sie nicht gesehen. Ob ich schon mal oben nachgeschaut… ? Ja, hätte ich schon. Ich lasse meine Telefonnummer da. Warum habe ich dem Großen das Handy abgenommen, bevor sie losgelaufen sind? Weil er es immer wieder schafft, die Sperre zu knacken und sein Brawl-Stars-Spiel zu zocken, oder seine Mutter damit nervt, um mehr Bildschirmzeit zu bekommen. Das wär mir jetzt egal, wenn ich dafür wüsste, wo er ist. Also die ganze Strecke noch mal zurück. Vielleicht sitzen sie ja wieder vor der Haustür. Nein, sitzen sie nicht. Auch nicht im Hof in der Hängematte und auch nicht auf dem Trepppenabsatz vor der Wohnungstür. Wo weiter suchen? Im Café, wo sie aufgebrochen sind, und wo die Rentner mich fragten, ob ich heute „Enkeltag“ hätte? Da sind sie nicht, das seh ich durch das Ladenfenster. Und fragen mag ich nicht, denn wie sieht das denn aus? Dass ich meine Jungs nicht im Griff habe? Ich frage auch nicht im Eiscafé zwei Querstraßen weiter, wo wir jedes Wochenende einkehren. Was sollen sie auch da? Sie haben ja kein Geld dabei. Oh Gott: Kein Geld, kein Handy! Hoffentlich haben sie sich wenigstens meine Adresse gemerkt. Vielleicht sind sie die Parallelstraße runter gelaufen. Da haben wir früher ja mal gewohnt, da sind sie zur Kita gegangen und da ist der Spielplatz. Aber da sind sie auch nicht. Hab ich auch nicht wirklich geglaubt. Wieder in der Bibliothek. Nein, da seien keine neuen Kinder gekommen. Wieder durch alle Stockwerke. Langsam panisch frage ich die Bibliothekarin noch mal. Was sie den angehabt hätten, fragt sie. Wie soll ich das wissen? Blaues T-Shirt, oder graues. So was in der Art. Und eine schwarze Brille bei dem Großen. Wenn ich jetzt zur Polizei ginge, würden sie direkt die Mutter anrufen, wenn ich so rumstammle. Kenn ich schon. Also noch mal die Hauptstraße zurück, bunter Flitter, heller Schein, Menschenmassen und Döner-Läden, die mich nicht mehr locken. Wo sind die Jungs? Immerhhin habe ich auf meinen ganzen Hin- und Her keinen Krankenwagen gesehen, kein Martinshorn gehört. Das ist eine Seltenheit, denn die Straße geht zur Autobahn und die Kreuzung zum Virchow-Klinikum. Also überfahren sind sie nicht. Gibt es einen organisierten Kinderhandel im Wedding? Böse Onkels, die kleine Kinder in Autos zerren? Aber warum sollten die gleich zwei wollen? Und warum meine? Aber vielleicht irrt einer schon hilflos duch die Straßenschluchten, um mir die schreckliche Nachricht zu überbringen? Wo war nochmal die Polizeidirektion? Vor der Haustür sitzen sie immer noch nicht. Wohin jetzt noch? Ich suche schon eine Stunde. Im Suchen war ich noch nie gut. Da endlich ein Anruf. Die Bibliothekarin. Ja, die Jungs seien bei Ihr. Sie habe sie angsprochen, als sie reinkamen. Es gibt noch Menschen, auf die man sich verlassen kann.

Wieder aufs Rad. Wieder die Strecke. Und endlich sehe ich sie – zwischen den Regalen, seelenruhig in ein Buch vertieft. Ich rege mich gar nicht auf. Wo sie gewesen seien, frage ich den Großen. Ach, sie wären falsch abgebogen (Ich hatte die Baustelle vergessen, die eine Umleitung in die Seitenstraße macht). Dann seien sie immer geradeaus gelaufen. Wie sich herausstellt Richtung Osten statt Richtung Süden. Als sie das gemerkt hätten, wären sie schon ganz schön weit gewesen. „Fast da wo Aaron wohnt“. Das sind etwa zwei Kilometer. Dann seien sie wieder zurück nach Hause, da sei keiner gewesen, also hätten sie im Café nachgefragt, wo die Bibliothek sei und seien losgelaufen. Aber in der Bibliothek sei ich nicht gewesen. Der Kleine sagt, er hätte von Anfang an gewusst, dass sie falsch laufen, aber er hätte seinem Bruder vertraut. Jetzt habe er Durst und wolle was zu trinken kaufen. Sie sind ganz schön stolz, dass sie das alles geschafft haben und ich bin es auch. Mit einem riesigen Stapel Comics verlassen wir die Bibliothek. Es ist ein warmer Tag, wir laufen lange, bis wir einen Getränkeladen finden. Mir wird warm – ums Herz.

Oh wie schön ist Brandenburg

Wir hatten einen Plan. Einen bescheidenen Plan, wie ich finde. Zwei Tage Hamburg sollten es sein. Ein ordentliches Hotel, ein bisschen Zeit zusammen und keine Kinder. Die Großmutter war als Babysitterin geordert und ihre bissigen Bemerkungen darüber, dass wir zwei, nach Jahren der Trennung mal wieder ein Wochenende gemeinsam verbringen hätte es gar nicht gebraucht, denn es wurde natürlich nichts draus. Und ehrlich gesagt, hatte ich auch nicht wirklich daran geglaubt.
Drei Tage vor Abreise kriegte der Älteste Fieber und Husten, was bei ihm keine Seltenheit ist. Aber dass es eine Woche nach den letzten Fieber und Husten-Tagen wieder los ging, erstaunte uns dann doch. Aber als dann am Tag zwei vor der Abreise der Corona-Test ganz leicht hellblau wurde, war auch dieses Rätsel gelöst und statt an der Elbe zu spazieren hingen wir am Telefon und Computer, um der Großmutter abzusagen, dem Hotel abzusagen, die Bahn-Tickets zu stornieren und den Traum von ein paar unbeschwerten Stunden, wie das meine Eltern, die ich jetzt viel besser verstehe, es genannt hätten, zu begraben. Tschüüs Hamburg, willkommen Berliner Speckgürtel. Denn dort steht das Haus, in dem meine Söhne mit ihrer Mutter wohnen. Ich schnappte mir mein Fahrrad, klingelte vor der Tür und war entschlossen, trotzdem ein wildes Wochenende zu verbringen. Wenn nicht mit der Mutter, dann mit den Söhnen. Wenn man sich nur genug anstrengt, dann hat die sandige Mark Brandenburg sogar Geheimnisse zu bieten. Geheimnisse, die es zu erforschen gilt. Ein Dammwildgehege, einen Sumpf oder ein altes Gasthaus, das nur per Boot oder über einen versteckten Schleichpfad hinter der Autobahnbrücke zu erreichen ist.
Wenn es nicht regnet. Den lange vermissten Brandenburger Landregen, der ab Mittag in wuchtigen Wellen gegen die Isolierglasfenster prasselte. Sogar der automatische Rasenmäher hatte sich in seine Dockingstation verkrochen.

Schön eigentlich, ein Wetter um sich mit einer Zeitung und einer Tasse Tee melancholischen Gedanken hinzugeben, aber eine Katastrophe, wenn man drei Jungs zu Abenteuern vor die Tür locken will, weil sie Bewegung und frische Luft brauchen. Ja, richtig gelesen: Drei! Denn dem einstmals hustenden Corona-Sohn ging es natürlich wieder prächtig, so prächtig, dass er mit seinen Brüdern das durch den Regen von der Außenwelt abgeschlossenen Einfamilienhaus in ein Tollhaus verwandelte, wenn sie sich nicht in ihren Betten mit dicken Büchern verbarrikadierten. Am Ende half nur Bestechung. Den Weg zur dörflichen Eisdiele, in der das einst üppige Angebot um die Hälfte reduziert war und in der lange Listen darüber berichteten, wie teuer die Zutaten geworden waren, wurde zwischen zwei Schauern geradelt. 1,80 EUR eine Kugel Eis. Als ich nach Berlin zog, war es mal gerade eine Mark. Die Kinder waren glücklich, aber nicht so glücklich, dass sie sich abends ohne Widerpruch in ihre Betten getrollt hätten, in denen sie schon den halben Tag verbracht hatten. Irgendein Streit über die Spielzeit auf der Konsole brachte einen der Zwillinge so sehr auf, das er noch um halb 12 Uhr wach war. Danach legte ich die Streitschlichtung in die gottergebenen Hände der Mutter und versuchte im Keller zu schlafen.
Der Sonntag wenigstens machte seinem Namen alle Ehre. Aber die Jugend blieb unbeeindruckt vom blauen Himmel, der sich über sattgrünen Wiesen spannte. Immerhin den Jüngsten lockte ich aus dem Haus zum Brötchenholen. Aber der Aufbackbäcker neben dem Norma-Discounter hatte das lange Wochenende genutzt, um dem Brandenburger Elend zu entfliehen. Wer kann’s ihm verdenken? Immerhin erspähte mein geübtes Berliner Auge in der Ferne einen Dönerladen, der morgens um 10 Uhr seine Türe offen hatte. Ein frisches Ekemek-Fladenbrot ist auch eine Beute, die man von einem Jagdzug mit dem Sohn durch die Brandenburger Wildnis als Trophäe mitbringen kann. Der Kleine kriegte vom Dönermann auch noch einen Lolli und es kam das für einen Mann erhebende Gefühl in mir auf, in so einem menschenleeren Landstrich genug erbeutet zu haben, um meine Familie zu ernähren. Doch zurück zu Hause fand sich keiner, der die frisch erlegte Strecke zu würdigen wusste. Träge krochen die Halbtoten der nächtlichen Diskussionsschlachten gegen 11 Uhr ihren Betten. Und als auch gegen Mittag noch nicht die ganze Familie am Frühstückstisch saß, keimte in mir und der Mutter meiner Kinder der verwegene Gedanke auf, die ganze undankbare Brut einfach für ein paar Stunden mit ihren Büchern alleine zu lassen und das einsame gutbürgerliche Gasthaus, das ich mit den Jungs erradeln wollte, einfach zu zweit zu besuchen. Letzte Reste elterlicher Fürsorge ließen uns an unseren Jüngsten denken, der alleingelassen von seinen großen Brüdern in die Zwickmühle genommen werden würde. „Aber ich will eine Pizza!“, machte er zur Bedingung für unsere Rettungsaktion und ich war schon bereit, den Nachmittag an den schäbigen Alutischen im Vorraum eines Pizza-Services zu verbringen, als ich die Mutter mit einer aus der Verzweiflung genährten Kaltblütigkeit lügen hörte: „Der Weiße Schwan ist eine Pizzeria, der hat nur einen deutschen Namen.“

Diese kleine Lüge war der Schlüssel zum Paradies. Wir entdeckten den Schleichpfad, der hinter den Bahngleisen des Henningsdorfer Stahlwerks verborgen liegt und fanden uns auf einer Zeitinsel. Ein Haus wie aus Kaisers Zeiten mit einem Biergarten, der von alten Kastanien überschattet wurde. Drinnen gab’s Spitzendeckchen, viel Verschnörkeltes und eine freundliche Kellnerin. Auf der Speisekarte stand nicht viel mehr als Schnitzel mit frischen Pilzen und Eierkuchen. Aber das war genau das, was wir wollten. Ein riesiger Eierkuchen für den Kleinen. Einen Eierkuchen, wie ich ihn seit meiner Kinderzeit nicht mehr gesehen hatte. Mit Zimtzucker und Apfelmus. Von Pizza war keine Rede mehr. Hinterher sammelten wir Kastanien und verfütterten sie an die Ziegen auf der Koppel hinter dem Haus. Große Ziegen, so große Ziegen, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie waren verrückt nach den Kastanien und unser Kleiner traute sich, sie sich von der flachen Hand wegknabbern zu lassen. Sogar die Sonne kam für einen Moment durch die Wolken und wir wärmten uns in den Strahlen.

Zurück zu Hause hatten die Zwillinge unsere Abwesenheit nicht mal bemerkt.
Vielleicht sind wir in Wirklichkeit auch nie weg gewesen.

Brennendes Verlangen

War er mein Schicksal, war er ein Geschenk Gottes oder war er meine letzte Chance?  Ich kann es auch heute noch nicht sagen, nach alldem, was seither passiert ist.
Auf jeden Fall brachte er mich sofort aus der Fassung, als er bei mir am Morgen vor der Tür stand. Nach all den Jahren! Ich konnte an diesem Tag an nichts anderes mehr denken. Sollte ich ihn zu mir nehmen, in meine Wohnung  oder sollte ich vernünftig sein? Es konnte auf jeden Fall kein Zufall sein, dass er da stand. So selbstverständlich wie es nur ein alter Bekannter tun kann. Aber war er es wirklich? Es gib zu viele Geschichten, in denen sich Herumtreiber sich für einen andern ausgaben. Ja, da war ich mir plötzlich sicher: unsere Wege hatten sich schon einmal gekreuzt. Ich war noch jung, damals und er hat mir sehr weh getan. Ich hab mir an ihm meine Finger verbrannt – im wahrsten Sinne des Wortes. Gebranntes Kind … Und er hat mir das Liebste genommen was ich damals hatte. Was mir wichtiger war als die Frau, mit der ich schon zehn Jahre zusammen wohnte, die mir das Leben geschenkt hatte, aber nie sagte, dass sie mich liebt. Für Sie  brannte er. Und sie benutze ihn. Er hat für sie alles geschluckt, auch mein abgewetztes Kuscheltier. Sie hat es ihm nicht gedankt, hat ihn rausgeschmissen, als sie nicht mehr auf ihn angewiesen war. Aber das ist lange her. So lange dass ich die Geschichte ganz tief in mir vergraben hatte. Jetzt ist er wieder da, als sei nichts gewesen. Konnte ich ihm verzeihen? Wir waren beide nicht jünger geworden, aber er hat sich gut gehalten. Makellos. Aber wie sah es innen aus? Ich sah im gleich an, dass er von seiner Ex aus der Wohnung geschmissen worden war, in der er nutzlos herumgelungert hatte. Wer brauchte einen wie ihn heute noch? 

Ich! „Wie schön dass du wieder da bist!“, jubelte es in mir. Lange hatte mir, ohne dass ich es wusste, seine alles durchdringende Wärme gefehlt, die Geborgenheit, die nur so einer wie er mir geben konnte. Am liebsten hätte ich ihn gleich umarmt und die Treppe hochgeschleppt. „Vorsicht!“ mahnte mein bisschen Vernunft, das mir geblieben war. „Wenn er einmal drin ist, kriegst du ihn nicht mehr los.“ Und was ist mit den Behörden, dem Vermieter? An all das musste ich denken. Aber im Hinterkopf begann ich schon, für seine Probleme eine Lösung zu finden. Im Wohnzimmer habe ich eine Ecke, die genau richtig für ihn wäre. Dort ist auf den abgezogenen Dielen noch der helle Fleck,  an dem früher der Kachelofen stand. Ich habe einen Bekannten, der Schornsteinfegermeister ist, nicht in meinem Bezirk, aber immerhin: Er kennt sich aus, mit Kerlen wie ihm. Ihm würde schon was einfallen, wie man die richtigen Papiere besorgen könnte und eine Begründung für den Vermieter würde ihm auch einfallen. Aber tapfer beschloss ich, mit der Entscheidung bis nach dem Feierabend zu warten. Er würde mir schon nicht weglaufen. Da war ich mir sicher. Wo sollte er auch hin? Wie gefährdet er war, so alleine auf der Straße, wusste ich da noch nicht.

Auf der Fahrt zur Arbeit schoss es mir durch den Kopf: „Du Schwein! Keinen Moment hast du heute an die gedacht, die dich die ganzen Jahre heiß gemacht hat. Die deine Wohnung im Winter lebenswert macht.“ Deutlich jünger ist sie, zuverlässig und leicht entflammbar. Aber was zählt das heute noch? Ich weiß schon seit dem 24. Februar, dass es bald aus sein wird mit uns. Wärme? Ja, aber jedes Jahr wurde der russische Stoff, von dem sie nie genug bekommen konnte, teurer. Sie steckte das weg wie nichts. Aber die Rechnung ging an mich. Ich habe versucht zu sparen, wo es ging. Habe Fenster und Türen dicht gemacht, nur noch kalt geduscht. Aber es war klar, dass sie mich früher oder später ruinieren würde. Sie musste weg! Immer schon war mir das blaue Leuchten unheimlich gewesen, das in ihrem Auge flammte, wenn das Gas in ihrem Inneren rauschte, jetzt hatte ich die Gelegenheit, von ihr los zu kommen. Und ich würde die Chance nutzen. Bevor sie mich in der Kälte des Winters verlassen würde, weil ich kein Geld mehr habe. Weil sie keinen Mucks mehr machen würde, dann, wenn ich sie am meisten brauchte, würde ich sie rausschmeißen. Jetzt! Solange es draußen noch warm ist und sie unnütz an der Wand hängt. 

Schon sah ich mich durch Park und Wälder streifen, Äste und Reisig sammeln, die ich meinem neuen Freund schenken würde. Und er würde sich darüber freuen, würde mir zeigen, was er noch alles drauf hat. Schön würde es mit uns werden, an langen Winterabenden. Und die neue Glut würde lange währen….

Als ich von der Arbeit wieder kam, war er weg. Einfach so. Die Straße war leer. Ich weiß nicht, ob er einfach mit dem Nächstbesten abgehauen ist, oder ob er sich weggeworfen hat, in den Container oder den Schrotthaufen. Eiskalt überlief es mich. Ich werde allein sein, wenn der Frost kommt. Mir graut es vor dem Winter.

„Die Mauern stehen 

Sprachlos und kalt. Im Winde 

Klirren die Fahnen.“

(Hölderlin)

Hin und Her

Wieder so ein zerrissenes Wochenende. Die Zwillinge bleiben bei ihrer Mutter, weil sie am Samstag am “Havellauf“ ihres Sportvereins teilnehmen. Also hole ich nur den Kleinen ab. Ist auch lange her, dass ich mal mit ihm ein Wochenende alleine war. Corona hat die ganze Familie erwischt. Schön nacheinander, erst die Kinder, dann die Mutter. Das hieß drei Wochen die Kinder nicht sehen, zumindest nicht alle auf einmal. Und was heißt schon Wochenende? Freitag Nachmittag eine Stunde nach Brandenburg, abends eine Stunde zurück. Aber der Kleine ist ein Wunder. Als ob ich gestern aus der Tür gegangen wäre strahlt er mich an und will auf meinen Arm. Auch die beiden anderen geben mit das Gefühl, nichts falsch gemacht zu haben. Am Samstag dann ins Kino, dass hatte ich meinem Jüngsten versprochen. Mit Irgendwas muss ich ihn ja locken, sich mit mir in der Dämmerung eine Stunde in S-Bahn, Straßenbahn und U-Bahn zu setzen. “Gangster Gang“ ist ab 6 Jahren, aber selbst wenn sie auf die Hälfte der Action-Szenen und Schnitte verzichtet hätten, wäre es für mich mit 60 noch zu viel. Meinem Kleinen fällt die Popcorntüte und die Kinnlade runter, aber sonst bleibt er ruhig. Als eine Horde Zombie-Meerschweinchen mit glühenden Augen sich auf die Helden stürzt, will ich ihm die Augen zuhalten, aber er nimmt nur die Hand und hält sie fest. Unter Pixelgewittern halten wir tapfer aus bis zum Abspann. Ich frage ihn draußen, was er gesehen hat. Er zuckt die Achseln. Erinnert sich nicht an Wolf, Füchsin oder Schlange. Alles nur ein Rauschen für ihn? Er reagiert sich auf dem Fahrrad ab. Wettrennen um den Block und dann in den Park, Stöcke sammeln. Von weitem sehen wir ein Wildschwein und drehen eine Runde zu weit. Fußlahm kommen wir beide am Eiscafé an und die Welt ist wieder in Ordnung. Die Stöcke werden sorgsam im Garten versteckt. Abends lässt er seine großen Augen so lange kullern, bis er in meinem Bett schlafen darf. Ich schlafe auf dem Sofa, so tief wie lange nicht.

Sonntag geht vorbei. Ohne dass ich es merke, hat er rausgekriegt, wie man mit dem Handy Fotos macht, ohne den Code zu kennen Ich halte mich an meinem Kaffee fest. Aus Lego baut er etwas, das aussieht wie eine Hochseefähre. Was das sei, frage ich ihn. „Ein Schiff, ein ganz normales.“, antwortet er. „Es kann fliegen“. Ich schaue auf die Uhr, suche Schlaftiere, Unterhosen und Schals zusammen, aber er will nicht los. Das Schiff muss noch umgebaut werden, zwischendurch kracht die ganze Konstruktion zusammen, aber er arbeitet weiter, als ob er einen Plan hätte. Es hat keinen Sinn jetzt zu drängeln. Irgendwann sagt er “Fertig“ und dann ist er es auch.

Und schon sitzen wir wieder in der Straßenbahn, Maske im Gesicht. Wir sind eine Stunde zu spät und werden die S-Bahn auch noch verpassen. Ich lasse ihn mit dem Handy Fotos machen und überlege mir schon ein paar Argumente für den Schlagabtausch mit der Mutter. Es wird aber nur ein Geplänkel und als die Sonne schon weg ist, führen meine drei Jungs mir noch eine Hüpf-Show auf dem Trampolin vor. Sie sind beweglich wie Klappmesser und ihr Gehüpfe hat was von Hip-Hop. Bald sind es keine Kinder mehr.

Zu Hause steht noch die halbvolle Tüte Popcorn auf dem Tisch. Ich stopfe sie in mich rein, während ich alte Comedy-Sendungen auf YouTube schaue, und spüre wieder Leben in mir.

Es geht wieder los

Es ist Mittagszeit in Berlin-Mitte. Aus den vielen schicken Büros rund um die Friedrichstraße strömen die Menschen in die schicken asiatischen Restaurants zum Mittagstisch. Ich sitze in dem gediegenen Sushi-Laden, in dem nie viel los ist und in dem ich meine Ruhe habe. Die wenigen Gäste unterhalten sich meist gesittet und in Zimmerlautstärke. Aber heute ist es anders. Heute ist es draußen warm und der Himmel wolkenlos. Es ist Frühling und das merkt man. Zwei Tische vor mir sitzen eine Frau und ein Mann Anfang Dreißig. Ich sehe den Rücken des Mannes und das Gesicht der Frau. Es glüht. Es ist blass, aber die Wangen sind so rot wie es kein Rouge schaffen kann und die Stirn auch. „Krank?“, denke ich. Dann sollte sie hier nicht sitzen. Aber dann sehe ich, dass sie lacht. „Sekt, um die Uhrzeit?“, ist mein zweiter Gedanke. Sie lacht nicht nur, sondern sie strahlt. Sie strahlt bei jedem Satz, den ihr Gegenüber fallen lässt. Er ist locker. Fläzt sich auf dem Stuhl, die Beine ausgestreckt. Die kurzen Haare mit erstem grauem Schimmer, das Gesicht kantig. Weicher, goldbrauner Kaschmir-Rollkragen. Ein Bild von einem Intellektuellen. Sie knabbert an ihrem kleinen Finger, wenn er spricht, die Hand elegant am Kinn. Die Beine unter dem dunklen Rock überschlagen kommt ihr Gesicht ihm näher – und weicht wieder zurück. Sie weiß sich zu benehmen, aber am liebsten hätte sie ihn zum Nachtisch. Langsam merkt er es auch. Gottseidank. Setzt sich auf, kratzt sich am Nacken, fährt sich durch die Haare. Ach ist das schön: Frühlingsgefühle. Draußen geht die Welt unter und hier fängt was Neues an.