Bahn frei!

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„Die Jungs müssen noch mal raus.“, meint ihre Mutter sonntagnachmittags um drei. Und sie meint das ernst. Ich liege auf dem Bett, halb zugedeckt mit einem Kinderschlafsack, und blinzle aus dem Fenster in den langsam zu Ende gehenden Wintertag. In der Generation meines Vaters hätte man das, was ich mir gerade gegönnt habe,  ein Nickerchen genannt. Ich schaue träge nach meinen Kindern, die zum hundersten Mal ihr Dino-Puzzle legen. „Lass sie doch“, versuche ich meine Hoffnung auf einen ruhigen Nachmittag zu verteidigen, „sie spielen gerade so schön.“ Aber ich weiß natürlich, dass die Mutter Recht hat. Wenn wir jetzt nicht vor die Tür kommen, haben wir in einer Stunde hier eine nölende Bande, die aufgedreht rumkrakelt und vom Sofa springt, bis der Hausmeister anruft. Aber wie kriege ich die Jungs dazu, sich in ihre Winterjacken zu zwängen, wenn das Draußen nichts anderes zu bieten hat als fahles Abendlicht und tauenden Großstadtschneematsch? „Wir könnten endlich mal den Schlitten rausholen.“, höre ich mich sagen und glaube es selber nicht. Der schöne Holzschlitten von den Großeltern steht seit drei Jahren im Keller und wird langsam morsch. Am Anfang waren die Jungs zu klein und dann war einfach kein Winter, oder der Winter war so klirrend, dass die empfindlichen Kindernasen hätten Schaden nehmen können, der dann durch wochenlanges Inhalieren wieder hätte abgebüßt werden müssen. Großstadtkinder halt. Aber heute ist es warm, lächerlich warm für einen Januar. Und der Schlitten ist nur ein Lockmittel um die träge Bande vor die Tür zu tricksen. Aber es klappt. Ehrfürchtig folgen sie mir in den Keller, wo wir den Schlitten zugebaut im hintersten Eck des Bretterverschlages finden. Wie ein unverhoffter Schatz wird er von den Jungs gemeinsam aus seinem Gefängnis befreit und nach oben gebracht. Und obwohl wir draußen auf den ersten Blick nur geräumte Straßen und schlammigen Streusand sehen, sind meine Jungs der festen Überzeugung, dass es jetzt mit dem Schlittenfahren los geht. Und tatsächlich finden wir bald einen Pfad, auf dem es noch genug festgetretenen Schnee gibt um den Schlitten in Schwung zu bringen. Die jungen Herren  nehmen Platz, der Vater darf ziehen. Immer wieder unterbrochen vom metallischem Kreischen des Rollsplitts, das das Nahen einer geräumten Wegstrecke ankündigt, nähern wir uns dem Rehberge-Park. Kluge Landschaftsgestalter haben hier schon vor 90 Jahren ein paar Hügel angelegt, die zu nichts anderem gedacht gewesen sein könnnen, als winters der rachitischen Stadtjugend beim Rodeln ein paar frohe Stunden an der frischen Luft zu bescheren. Ich erwarte eine von tausenden hoffnungsfrohen Kindern schlammig getretene Wiese, auf denen die Kufen tiefe schwarze Scharten hinterlassen haben. Doch als wir in den Park einbiegen ist es still, kaum Mensch unterwegs. Vor uns breitet sich eine fast geschlossene, fast unberührte Schneedecke aus, die so hell ist, dass sie gegen den abendlich trüben Himmel wie künstlich beleuchtet wirkt.  Wir erklimmen den ersten kleinen Hügel und ich lasse die Buben zum ersten Mal ein winziges Stück den Hang allein herunterrutschen. Meine sonst so ängstlichen Zwillinge quieken vor Vergnügen. Sie fallen um -und lachen, sie rollen sich den Hang hinunter- und lachen. Auf einmal wird mir bewusst: Ich bin gerade dabei, meinen Jungs das Schlittenfahren beizubringen… Etwas, was mein Vater nie hingekriegt hat, weil er immer weg war, etwas worüber ich mir viel Gedanken gemacht habe: Wann ist das Fahrradfahren dran, wann das Schuhebinden? Gebe ich meinen Jungs genug, bin ich ein richiger Vater? Jetzt bin ich mittendrin. Wir suchen uns einen steileren Hügel. Ich gebe kurze Anweisungen, wohin mit den Füßen, wohin mit der Schnur: und los!. Schlittefahren kann ich. Im Rheinland sind wir richtige Berge runtergerodelt. Die Kür waren alte Weinberge, weil man da über die Weinbergsmauern wie über eine Sprungschanze fliegen konnte: drei, vier, fünfmal hintereinander. Und wenn der Schlitten das überlebt hatte waren wir gleich wieder oben und riefen: Bahn frei!

Mittlerweile ist es richtig dunkel geworden. „Letzte Runde“, sage ich an, „traut ihr euch auch alleine?“ Beide nicken und verhandeln, wie üblich, wer zuerst darf. Und dann sausen sie beide akkurat den Hügel runter, ohne Juchzen dieses Mal, dafür sehr konzentriert. Ich packe sie auf den Schlitten und ziehe sie hinter mir her. Ich höre sie plappern und glucksen. Mein Herz wird weit.

Nach Hause fahren

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Es war immer Wagen 32, es war immer Bahnsteig 13, wenn ich nach Hause fuhr. Ich wusste schon, wo ich mich hinstellen musste, wo ich mir vor der Abfahrt noch schnell was Süßes für die Reise holen konnte und was zu Lesen. Immer die Kopfhörer dabei, meines Vaters alte Stullenbüchse und die Freude auf fünf Stunden im ICE jenseits von Zeit und Raum. Wach bleiben bis Spandau, dann brav dem Schaffner Bahncard und Ticket vorzeigen und dann bei 200 Km/h schlafen bis kurz vor Wolfsburg. Schlafen und weggetragen werden von allem was ich mir in Berlin aufgebaut und wieder verloren habe. Hin zu dem, was es schon immer für mich gab. Meine Eltern, ihr Haus, meine Schwester, den Rhein. Einen Kaffee holen und lesen bis ich in Köln umsteigen musste. Das war mein  Ritual.

Diesmal ist es Wagen 31 und der Zug fährt im Tiefbahnhof ab. Und überhaupt ist diesmal alles anders. Im Haus meiner Eltern wartet keiner mehr auf mich. Kein Vater mit seiner spöttischen Frage „Na, was habt ihr euch wieder ausgedacht in Berlin?“ Keine Mutter, die fette Rinderbrühe, Kartoffelsalat und Würstchen vorbereitet hat, und die erst gar nicht fragt, ob ich Hunger habe. Statt dessen holt mich meine Schwester vom Bahnhof ab. Wir fahren schweigend zum Haus. Es ist dunkel,  als sie die Tür aufschließt. Statt nach Essen und überheiztem Rentner-Wohnzimmer riecht es muffig und klamm. Seltsam, diese Stille. Wir packen ein paar Sachen für meine Mutter ein, und machen uns auf in die Reha-Klinik. Vor zwei Wochen war sie in ihrer Küche gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen. Mit einem Besen hatte sie gegen die Heizung geschlagen, bis die Nachbarn sie hörten. Seitdem hat sie ein neues Hüftgelenk. Das Krankenhaus hat sie nicht mehr nach Hause gelassen und gleich in die Reha geschickt. Die Klinik präsentiert sich als prächtiger Gründerzeitbau. Doch das ist Fassade. Über verwinktelte Treppenhäuser kommen wir in einen heruntergekommenen funktionellen Block aus den 70er Jahren. Lange, einsame Flure mit gelben Rauhfasertapeten und dunkelbraunen Türen. Das Zimmer meiner Mutter ist das letzte auf dem Gang.

„Holt mich hier raus. Ich fühle mich so schwach, es wird jeden Tag schlimmer“, ist das erste, was ich von ihr höre, als ich mich zu ihr ans Bett setze. Sie sieht grau aus, abgemagert und wirklich verzweifelt. Meine Schwester dreht die Augen nach oben. Sie kümmert sich seit Jahren um meine Mutter und kennt ihre Launen und ihre Klagen. „Lass uns doch erst mal hören, was der Arzt heute sagt.“, versuche ich meine Mutter zu beruhigen. Doch meine Schwester kennt sie besser. Sie fängt an über ihren Garten zu reden, über die Nachbarn und über den Friseur, zu dem sie sie schicken will, wenn das alles hier vorüber ist. Nach einer halben Stunde hat sie es geschafft. Unsere Mutter lacht mit uns und isst auch wieder etwas. Ein gutes Zeichen.

Der Arzt kommt sehr leise in das Zimmer. Er ist jung, ein bisschen schäbig gekleidet und spricht gedämpft mit polnischem Akzent, so dass ich ihn kaum verstehe. Nein, sagt er, er werde meine Mutter nicht in ein anderes Krankenhaus verlegen, nein, er werde auch keine Ausnahmen machen und wenn sie nicht an den Therapien teilnehmen könne, weil sie sich zu schwach fühle, dann müsse er sie eben entlassen. Ich fange an mich für meine Mutter in die Bresche zu werfen. Von den Aufgaben der Rehabilitation spreche ich und von den Aufgaben des Arztes, die Ursachen der Schwäche zu finden..- ich habe beruflich mit dem Thema zu tun, und das merkt der stille Arzt. Er winkt mich zu sich und deutet mit einem Finger auf den Röntgenbefund aus dem Krankenhaus. Von einer verdichteten Stelle in der Lunge steht da etwas und dann steht da noch“stark Metastasenverdächtig“. „Ich glaube, dass das eine Ursache für die Schwäche ihrer Mutter sein kann“, sagt er. Und diesmal verstehe ich jedes Wort. Vor einem Jahr ist mein Vater an Krebs gestorben, jetzt geht es also wieder los. Ich schaue meine Schwester an, und sie nickt. Deswegen hat sie also mit meiner Mutter über einen Platz im Pflegeheim gesprochen. Ihr Haus, in dem sie geboren ist, wird meine Mutter also nicht mehr wiedersehen.  Als der Arzt gegangen ist, muss ich zum Zug. Wir wünschen uns eine frohe Weihnacht.

 

 

Das Paradies, ein Garten

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Als sie den Motor ausgeschaltet hatte, bleiben wir schweigend sitzen. Die Sonne wärmt unsere Gesichter und spiegelt sich draußen im Fluß. Die Augen schließen und geschehen lassen, ein paar Minuten nur. Das Kind schläft in seiner Schale, schon die ganze Fahrt. Als es aufwacht, finden unsere sonnenblinden Augen nur langsam in die Wirklichkeit zurück. Es kommt uns wie Stunden vor. Der Hunger treibt uns ins erstbeste Café. Auf der Terasse kehren wir noch einmal in die gleißend weiße Welt hinter den geschlossenen Lidern zurück. Dann machen wir uns auf, den Domberg zu besteigen. Ein paar Beete am Weg, gelbe Bauernblumen und verblühende Rosen, erinnern uns daran, dass wir zwei Stunden gefahren sind, um eine Gartenschau zu sehen. Doch die Blumen drängen sich nicht auf, denn alles ist Sonnenlicht. Herbstlicht, das durch die grünen Blätter alter Bäume fällt und rote Backsteinmauern glühen läßt. In einem Obstgarten finden wir Gruppen alter Menschen in festlicher Stimmung. Eine Rede, gedämpfter Applaus und zustimmendes Lachen, als sie sich freundlich von ihrer Reiseleiterin verabschieden. Fast wie eine Familienfeier. Für einen Moment ist alles in Ordnung. Wir setzen uns auf eine Bank mit Blick auf die Altstadt. „Heidelberg, denke ich, „Philosophenpfad“. Wie oft bin ich als Student dorthin gepilgert, hab auf die Altstadt geblickt, auf die feuerroten Weinblätter an blassrosa Sandsteinen und hab gehofft, dass mein Leben endlich anfängt. Dass es endlich so wird, wie das der anderen.

Das Kind wird wach und an die Brust gelegt. Ein Mann läuft vorbei, die Arme in der Luft, Laute ausstoßend. Ein zweiter folgt. Die gleiche Kleidung, die gleiche Halbglatze. „Zwillinge“, sage ich, „taubstumm“. „Ja“, sagt sie, „manchmal danke ich, ich weiß nicht wem da oben, dass unsere zwei nichts haben.“ Wir schweigen wieder. Jetzt merke ich, wie schnell das Licht schwächer wird, wie jeder Sonnenstrahl schon ein Abschied ist. Ich habe Angst vor dem Winter. Wieder ein Winter mit hustenden Kindern, mit Fahrten zur Notaufnahme. Wir werden den Kindern wieder Antibiotika geben und uns gegenseitig die Schuld daran, dass es so weit kommen musste.

Mein Sohn ist mit dem Trinken fertig. Ich nehme ihn hoch. Er spuckt mir einen Schwall Milch übers Hemd. „Du hast ihn zu schnell hochgenommen“, sagt die Mutter. Wir streiten uns und gehen schweigend zurück. Auf der Rückfahrt schreit das Kind lange, bevor es auch in ein vorwurfsvolles Schweigen verfällt. Als wir zu Hause ankommen, ist es schon dunkel.

Mein schönstes Ferienerlebnis

Jänschwalde

Wir schauen beide träge aus dem Zugfenster in die brandenburgische Monotonie. Ich entdecke ein kleines, verfallenes Backsteinhaus. „Ich würde ja gerne in einem alten Bahnwärterhäuschen wohnen“, sage ich so daher. „Dann machs doch einfach“, erwiedert er tonlos, „das sagst du doch schon seit ich dich kenne.“ Da hat er Recht, und ich denke ernsthaft über seinen Vorschlag nach. Immerhin hat er in seinem Leben schon drei Häuser gekauft, und zwei wieder verloren, und ich hänge noch meinem alten Traum nach. Und er hat Recht: Wir kennen uns schon lange. Die 20 Jahre, die wir in Berlin leben. Unglaubliche Jahre. Oft bin ich bei ihm untergekrochen, wenn es mir mal wieder dreckig ging. Manchmal war er der Grund, weshalb es mir dreckig ging. Und neulich stand er bei mir vor der Tür und suchte Unterschlupf.

Unsere Frauen haben uns zusammen gebracht, damals zum Geburtsvorbereitungskurs im Frauenzentrum Frieda. Und später zu den gemeinsamen Urlauben mit den Kindern. Die Frauen sind nicht mehr unsere Frauen und die Kinder werden dieses Jahr ihren 20. Geburtstag feiern – ohne uns. Jetzt sitzen wir im Zug, um zusammen ein wenig durch den Spreewald zu radeln. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich hab wieder kleine Kinder zu Hause, er eine kranke Mutter in Hamburg. Aber die zwei Tage haben wir uns rausgeschnitten. Ich hole meine Stullenbüchse raus und er linst hinein. „Was du wieder für herrliche Sachen dabei hast“, begeistert er sich. Ich weiß, dass ich jetzt wieder meine Stullen los bin, und er wird sich darüber freuen wie ein Kind. Er hat mir schon oft den Kühlschrank leer gefressen und ich hab mich dabei gefreut, ihn so glücklich zu sehen.

Mit ihm kann ich so herrlich ins Blaue fahren, ohne nachzudenken. Er ist wie ein großer Bruder für mich. Mit Einsneunzig und kahlem Schädel ist er eine beeindruckende Erscheinung. Bei ihm fühle ich mich sicher, und er verlässt sich auf mich. Leider auch beim Kartenlesen. Deshalb sitzen wir jetzt bei pladderndem Regen auf der Terrasse eines verlassenen Cafés und wissen nicht, wo wir sind. Na, egal. Er packt seine Zeitung aus und wir machen es uns gemütlich. Wir werden schon irgendwo hin finden. Vor Jahren sind wir mal ohne Zelt zu einer mehrtägigen Tour aufgebrochen. Irgendwann wars dunkel und er fragte: „Was machen wir jetzt?“ Ich antwortete nur: „Wir legen uns ins Gras.“ „Und wenn`s regnet?“ „Dann werden wir naß“, erwiederte ich unbekümmert. Darauf hat er sich eingelassen. Und als uns morgens um fünf tatsächlich der Regen weckte, lud ich ihn zu einem Kaffee in die nächste Tanke ein, und die Reise konnte weiter gehen.

Und so auch jetzt. Die Wolken verziehn sich, wir finden auf den Weg zurück und gönnen uns abends in Cottbus das beste Schnitzel der Stadt, und er sagt, dass es das beste Schnitzel seines Lebens gewesen sei. Und ich freu mich wieder für uns.

Ach ja: Eigentlich wollten wir gar nicht in den Spreewald, sondern nach Istanbul. Aber drei Tage vorher stellten wir fest, dass sich keiner von uns sich um einen Flug gekümmert hatte. Egal, so wars auch schön.

Das Tier in mir

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Mein Freund Jan entblößt seinen muskulösen Oberarm. Vergangenes Wochenende war er bei einem Medizinmann und hat mit ihm eine schamanische Krafttierreise gemacht. In einer Art Trance haben sie das Tier gesucht, das ihn auf seinem Lebensweg begleitet und stärkt. Die Indianer haben da einiges im Angebot: Wölfe, Bären, Adler, Schlangen und einiges, was überrascht, so wie Jans Totemtier (Zuerst verstehe ich Totestier, aber es heißt Totemtier, wie der Totempfahl bei Winnetou). Glatt und elegant schlängelt sich das Tatoo eines Feuersalamanders auf seinem Bizeps in Richtung Schulter. „Er steht für Veränderung, für die Verbindung zwischen Feuer und Erde“, klärt mich Jan auf. „Aha“, sage ich verständnisvoll und denke neidisch: Will ich auch haben! Das muss doch bei mir auch funktionieren (und so gut aussehen). Doch so einfach ist das nicht, erfahre ich. Jeder hat ein eigenes Tier, das zur Lebenssituation passen muss. Ich muss also erst meine Situation erkennen und dann das richtige Tier für mich finden. Denn Jan ist Jan und ich bin – ja was denn?

Ich gehe in meinen Kraftraum, also zu meinem Bücherregal, und setze mich hin. Wer, wenn nicht meine Bücher, die mich über mein Leben begleitet haben, können mir sagen wer ich bin und was mir Stärke gibt? Das passende Tier dazu wird sich schon finden.

Ich fange oben an mit den Russen (der Bär!). Eigentlich sind es ja die Sowjets, denn die Begeisterung fing Mitte der Achziger an, als ich das erste Mal Gorbatschow sprechen hörte. Dieser weiche, tiefe Klang des Russischen, diese abgeschottete Welt, dem wollte ich näher kommen. Also las ich alles von den Klassikern über sozialistischen Realismus bis zu Bulgakow und zu den Samsidat-Autoren. Zettel von Lesungen, Filmen und Zeitungsausschnitte stecken in den verstaubten Büchern. Dann die Sprachreise 1993 nach St. Petersburg. Die harte Seite Russlands. Blanke Not und Gewalt und das Leiden der stolzen, liebenswerten Menschen. Ich versuchte es danach noch mal mit Humor und Alkohol, las die „Reise nach Petuschki“, aber dann kam Putin und dann war Schluss mit Lustig.

Ein Regalbrett tiefer wartet die nächste Leidenschaft: Die Briten (die Bulldogge!), Praktikum in Manchester, Mitte der Neunziger. Ich liebte alles, die zerfallenden Backsteinbauten, die schrulligen Damen in den Teestuben und den knallharten Kapitalismus in der Law Firm. Danach war ich so fit, dass ich einiges im Original lesen konnte: Orwell, Nick Hornby, Joyce und auch für ein paar Klassiker wie Dracula und Frankenstein in herrlich umständlichem viktorianischen Britisch hat es gereicht. Doch nach und nach vergaß ich den Witz in der Sprache, meine Briefe an meinen englischen Freund wurden kürzer und holpriger. Das Schlusslicht bildeten drei Bände Harry Potter und er Besuch des Freundes, der, ganz unenglisch, direkt zur Sache kam: Er wolle sein Geld in Wohnungen in Berlin anlegen, ob ich gute Plätze wüsste..? Nicht mit mir, mein Freund.

Immerhin kam ich durch Orwell zu den Spaniern (der Stier!), oder war es umgekehrt? Genauer hingesehen ging es um den Spanischen Bürgerkrieg. Ein Regalbrett mit Hoffnungen europäischer Schriftsteller, die Revolution zu machen, den Faschismus zu besiegen. Auch wieder eine Sprachreise, wieder Ernüchterung: Die Spanier hatten wirklich anderes zu tun, als an die anarchistischen Aufstände von 1936 anzuknüpfen. Wenigstens war das Meer warm und die Paella gut.

Um mich von meinen revolutionären Schwärmereien endgültig zu befreien, besuchte ich die Überreste des Sozialismus in Osteuropa. Die Broschüre „Reiseland DDR“ prangt mir in den unteren Regalfächern entgegen. Leider hat es ja der Sozialismus nicht zu einem Wappentier gebracht. (Vielleicht hätte es geholfen?) Nur Ochs und Esel sind in Erinnerung geblieben. Wie weiter?

Ratlos stehe ich vor meinem Regal. Fast verlegen blättere ich in Romanen, die mit vielen Ausrufezeichen versehen sind, in Broschüren aus dem Osten, die ich für witzig hielt und merke, dass sich aus dem Ganzen beim besten Willen nichts Stärkendes ableiten lässt. Alles mal angeschaut, nichts festgehalten, eifrig gesammelt und wieder abgebrochen und manchmal mächtig an der Wirklichkeit vorbeigelaufen. Auf meinen Oberarm kann ich mir wohl eine Null tätowieren.

Da raschelt es in meinem Kopf. Ein kleines, emsiges Tierchen macht sich in meinen Gedanken breit. Es sammelt. Es sammelt hier ein paar Nüsse, da ein paar Eicheln und dort ein paar Samen, die es noch nicht kennt. Es trägt sie zusammen, legt kleine Nester an und vergräbt seine Schätze. Einige harte Nüsse nimmt es sich mit in sein kuschliges Nest, um sie genüsslich zu knacken. Es ist ein bisschen vergesslich, das gute Tier. Manchmal macht es sich auf die Suche nach seinen vergrabenen Schätzen und findet sie nicht mehr. Daraus wachsen dann die Bäume, auf das es später klettern kann. Und manchmal findet es ein längst vergessenes Versteck und ist glücklich und erstaunt, wie anders die Nüsse von damals heute schmecken.

Ins Herz geschrieben

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Quelle: WDR

Heike ist wieder da. Sie ist mit Freund und Sohn nach Berlin gekommen und wollte mich unbedingt treffen. Ich habe kurz gezögert, denn Treffen mit Heike können ganz schön anstrengend sein. Aber jetzt sitzen vor einem Restaurant in Mitte, Weinreben ranken sich die graue Fassade hoch und wir rätseln, wie lange wir uns nicht gesehen haben. Sind es vier Jahre oder fünf? Auf jeden Fall war es kurz nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. Völlig aufgelöst war sie in Berlin aufgetaucht, um mit mir zu sprechen, zu wehklagen und mich zu fragen, ob alle Männer so sind. Sie sind so, bestätigte ich ihr, vor allem wenn sie mit Anfang Vierzig alles erreicht haben: Frau, Haus, zwei Kinder. Ich war für sie immer ihr geduldiger Vertrauter.

Heike sieht wie immer „top“ aus. Die grasgrünen, stechenden Augen im kugelrunden, ein wenig asiatisch wirkenden Gesicht, die vollen Lippen stets geschminkt und die gekonnt verstrubbelten kurzen Haare dunkel gefärbt. Schon damals in Heidelberg hat sie immer für Aufsehen gesorgt, wenn ich mit ihr auf einer Studentenfete in meinem schlurfigen Öko-Millieu aufgetaucht bin. Die Frauen taxierten erst sie, dann mich und rechneten sich dann aus, dass sie bei jemanden, der mit einer solchen aufgebrezelten Tussi auftaucht, wohl selber keine Chancen hätten. Pech für mich, denn zwischen mir und Heike war nix, nichts Körperliches jedenfalls. Denn was Männer angeht war sie sehr ängstlich. Da gab es nur „Das ist ein ganz Lieber“ oder „Der ist ekelig“. Dazwischen gab es wenig. Und ich war ein „Lieber“, immerhin. Wir waren zusammen in Italien, schliefen im selben Zelt und tranken schlechten Rotwein – aber es war kein Zusammenkommen. Heike ist eine sehr willensstarke Frau. Nur einmal durfte ich ihren Busen sehen. Das war, als sie beschlossen hatte, nicht länger ein Mauerblümchen aus der Provinz zu sein, und einen Arzt gefunden hatte, der ihren überbordenden Melonenbusen auf ein ansehnliches Maß verkleinerte. ‚“Willste mal sehen?“ fragte sie schüchtern, als ich sie nach der Operation besuchte. Sie hob ihr Krankenhemdchen gerade so viel, dass ich das Kunstwerk bewundern konnte, das unter Pflastern und Verbänden sichtbar wurde. Es war perfekt und es war unser intimster Moment, dachte ich.

Jetzt zeigt sie mir einen Schnappschuss eines jungen Mädchens. Es ist ihre Tochter, die bei ihrem Ex wohnt, und sie seit Jahren nur noch sieht, wenn sie vor Gericht um Unterhalt streitet. „Ich habs mir bei Facebook runtergeladen,“ sagt sie gefasst. Heike war schon immer eine Kämpferin, jetzt kämpft sie gegen den, der vom „ganz Lieben“ zum „Idioten“ wurde, hetzt ihm die Behörden auf den Hals und sieht zu, dass die Kinder wenigstens die Schule schaffen. Zum Abschied drücken wir uns, versprechen uns, dass wir uns besuchen und unvermittelt sagt sie: „Du hast immer so schöne Briefe geschrieben, und Postkarten. So schön und so witzig. Ich hab sie alle aufgehoben.“

Die Frau im Karton

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Ich kann mir ja  nie vorstellen, dass etwas endgültig vorbei ist. Dass eine Liebe zugrunde gehen kann, dass Freunde sich trennen, oder dass Dinge einfach zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Ich bin ein Altkrämer, der versucht alte Gefühle zu erhalten, und sich immer wieder freut, Gegenstände zu finden, die mich für einen Moment wieder zurück bringen in Zeiten, in denen die Gefühle groß und die Möglichkeiten unendlich waren. Ich kann mich von nichts trennen, an dem eine Erinnerung hängt: Kästen mit Postkarten, seltsame Fundstücke aus den Ramschläden Europas und dann dieser seltsame Apparat aus der Tchechoslowakei, der mal ein Geschenk für eine Frau werden sollte. Ernsthaft! Petra hieß sie. Sie war schön, groß, hatte lange Beine und einen Freund. Aber sie hatte auch was für mich übrig. Das merkte ich, wenn ich sie in dem Alte-Tanten-Café besuchte, in dem sie bediente. Ich wollte nichts von ihr, anfangs, ich wollte sie nur mal anschauen, wie sie aussieht in dem schwarzen Kellnerinnenkostüm, von dem sie mir erzählt hatte.  Das machte sie verlegen, besonders, als ich immer wieder kam. Aber ich wusste nicht so recht, was ich mit ihrer Schwäche für mich anfangen sollte. Ich war Ende 20, aber ich hatte wirklich keine Ahnung, wie ich einer Frau näher kommen konnte. Da ging zum Glück der Eiserne Vorhang auf, und ich musste weg. Die Grenze war offen, das Reich des Bösen lockte mich mit ungeahnten Abenteuern. Der Wagemut, der mir bei Petra fehlte – hier konnte ich ihn ausleben: Mit dem Rad auf  holprigen Pisten, in ranzigen Hotels und im Gestank riesiger Industrieanlagen. Aber Petra fuhr mit, wenn auch nur als Gedanke an ein tolles Geschenk, das ich ihr von meiner Reise mitbringen wollte. Nicht einfach in Ländern, in denen die Planwirtschaft Konsumgüter hervorgebracht hatte, die nur noch entfernt an ihre westlichen Gegenstücke erinnerten. Aber ich liebte es, in den kargen Kaufhallen Dinge zu finden, deren Funktion sich mir nicht auf den ersten Blick erschoss und bei denen ich lange rätseln musste, bis ich eine Ahnung bekam, wofür sie gut sein könnten. Das wars: Ein Rätsel würde ich ihr mitbringen, ein Rätsel, das ich ihr Stück für Stück erklären würde, bis klar würde, dass der unscheinbare Gegenstand tausend Gedanken an sie enthält.

25 Jahre später ziehe ich eine schäbige Pappschachtel aus einem Karton im Keller. Die Verpackung zeigt eine elegante Dame im Stil der 50er Jahre und ein seltsames Gerät. Es hat einen klobigen Gummiballon und darauf einen filigranen Glasaufsatz- beste böhmische Glasbläserkunst. Ich weiß bis heute nicht, wofür es gut ist. Petra auch nicht. Als ich aus dem Osten wieder kam, war sie gerade dabei ihre Sachen zu  packen, um zu ihrem Freund zu ziehen. Sie hatte einen lindgrünen Minirock an und sah umwerfend aus. Ich hatte eine Pappschachtel in meiner Tasche und fühlte mich genau so schäbig und wertlos. Jetzt ist die Geschichte erzählt, und ich kann  das Ding endlich wegwerfen.

In der Backstube

Die kleine „Backstube“ in der Transvaalstraße ist ein trauriger Ort. Blasse Gestalten stehen da zwischen Aufbackbrötchen, Berliner Kurier und Bier. Ein Regal mit Süßigkeiten verspricht ein kurzes Glück für die Kinder, die morgens in die Anna Lindh-Grundschule hasten.

Herein kommt ein Mädchen mit Kopftuch, etwa vierte Klasse. „Ich will von den Schlümpfen da,“ sagt sie direkt und deutet aufgeregt auf die durchsichtigen Plastikkästen in denen es Gummibärchen und anderes buntes Getier gibt. „Ich möchte“, antwortet die Verkäuferin mit deutlich osteuropäischem Akzent. „Ich möchte“, wiederholt das Kind automatisch, „und dann will ich noch fünf saure Schlangen“. „Ich möchte“, wiederholt die Verkäuferin im stoischen Tonfall einer erfahrenen Pädagogin und erntet dafür einen anerkennenden Blick von mir. „In der Schule lernen sie das ja nicht“, erzählt sie mir später. „Hier können sie in der vierten Klasse noch nicht mal zusammenrechnen was vier Schlangen für fünf Cent zusammen kosten.“ Dann zeigt sie stolz auf die Uhr, die neben der schäbigen Deutschlandfahne hängt. „Die habe ich acht Minuten vorgestellt, damit die Kleinen denken, dass sie zu spät dran sind und sich beeilen. Dann schaffen sie es noch bis um acht in die Schule.“

Max Goldt schrieb vor langer Zeit: „Was Berliner Bäcker backen, backen andere Bäcker besser“, und er hat noch immer Recht. Aber was Berliner Bäckereiverkäuferinnen jeden Tag vollbringen, das soll ihnen erst einmal einer nachmachen. Weiterlesen

Am Ende blieben nur Tränen

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Es gibt ungezählte Zeitschriften, die mir raten wollen, was ich kaufen soll. Motorräder zum Beispiel: Dafür allein gibt es 30 verschiedene Titel. In jeder guten Bahnhofsbuchhandlung. Die neuesten Maschinen, Hochglanz und vollfarbig. Aber wer sagt mir, wie ich mich von einem liebgewonnenen, über Jahre mit Herzblut gepflegten Gefährt trennen kann? Gibt es da irgendwelche Rituale, die einem den Abschied erleichtern? Ein Voodo, von einem bärtigen Motorradfahrer mit Lederkutte gesprochen, der einen frei macht von dem Schmerz, der Lücke, die droht, wenn die geliebte Maschine nicht mehr bei einem ist. Ich habe noch nichts gefunden. Und was hilft gegen das Gefühl der Schuld, das an einem nagt, wenn man sein Liebstes in fremde Hände gibt für ein paar Silberlinge?

Berlin Wedding, ein heruntergekommener Garagenhof, aufgebrochener Asphalt, Rolltorgaragen mit Eternitdach, grau. Davor: Ein russisches Motorrad vom Typ Ural, mit Seitenwagen. In seinen Formen grob, völlig ohne jeden Versuch, ein gefälliges Äußeres zu gestalten – und gerade deshalb liebe ich es. Oder besser-ich liebte es, denn heute steht sie zum Verkauf.

Fast 10 Jahre, meine besten Jahre, wie ich jetzt weiß, war sie meine Gefährtin.Sie war ein Teil von mir. Doch was für eine Liebe war das? Sicher keine, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Eher eine amour fou, die sich nur in meinem Kopf abspielte. Was habe ich nicht alles getan, um mir die Gunst dieser launischen Gespielin zu sichern? Nach jeder Panne, nach jedem noch so absurden Defekt habe ich nach einem neuen Weg gesucht, um uns wieder gemeinsam auf die Straße zu bringen. Wie oft holte ich sie aus der Werkstatt und glaubte, dass nun alles gut sei, dass es nun endlich der letzte Defekt war, die letzte Kaprice, die sich diese Diva erlaubte. Die wundervollsten Stunden verbrachen wir, wenn mal wieder alles hinüber war, und nur die Hoffnung uns weiterlaufen ließ. Erst nach Jahren kam ihr einer auf die Schliche: Es war eine Wunde, tief in ihrem elektrischen Herz, dass sie so launisch werden ließ. Durch ihre ruppige Art hatte sie sich fast alle Kabel von der Lichtmaschine abvibriert. Unsichtbar für mich, der sie von allen Seiten betreute und an den Symptomen herum kurierte. Statt meiner hilflosen Liebe brauchte sie die kundige Hand eines Elektrikers, und schon war sie folgsam und zuverlässig. Doch was kam dann? Was wurde aus meiner langmütigen Leidenschaft? Sie schwand mit jedem Tag, an dem sie ohne zu mucken ansprang, an dem sie mich machen ließ, was ich wollte. Plözlich merkte ich, wie grob das Knattern ihres Motors war, wie schlecht das Fahrwerk und wie lahm die Beschleunigung. Eigentlich war ich an meinem Ziel: Ich hatte sie in den Griff gekriegt, sie, die von allen belächelt wurde und zu der ich trotzdem in Treue stand, wie ein Don Quichotte zu seiner Dulcinea. Und jetzt? Jetzt hatte ich ein folgsames aber immer noch klappriges und anfälliges Motorrad. Nichts blieb von dem Versprechen, gemeinsam große Abenteuer zu bestehen, von dem Traum mit ihr zurück in die russische Heimat zu fahren. Denn trotz aller Folgsamkeit hätten mich die restlichen Macken meiner Liebsten ohne fremde Hilfe überfordert. Brav fuhren wir durch die Stadt, unternahmen kleine Ausflüge aufs Land, das war unser Radius. Ich hatte mich in eine Ecke manövriert, hatte ich mich mit meiner Ural zu einem skurrilen Väterchen entwickelt, das seine alte Dame vorsichtig um den Block chauffiert. Das konnte nicht gut gehen. Wo wovon sollte ich jetzt träumen? Statt von den Weiten Russlands , die wir nie mehr gemeinsam erreichen würden, schwärmte ich bald von Wildheit und Geschwindigkeit. Mit wem konnte ich das ausleben? Mit meinem alten Schlachtross sicher nicht. Eine neue Geliebte musste her, eine, die alle meine Wünsche erfüllt, und die mich gut aussehen ließ. Ich suchte lange und verliebte mich in einem wilden Sturm: in eine Moto Guzzi: Auch nicht mehr jung, aber edele italienische Linienführung, satte 1000 Kubik, kräftiger Sound – die Mischung aus Traktor und Rennmaschine, von dem ich immer geträumt hatte.

Und meine kleine Russin? Sie landete irgendwann bei Ebay, wo ich sie auch her hatte. Mit etwas Glück fand ich einen Verrückten, der von alten Motorrädern mit Seitenwagen genau so fasziniert war wie ich vor 10 Jahren. Hat was mit dem 2. Weltkrieg zu tun, mit den Geschichten der Väter, aber das gehört nicht hier her. Er kam mit einem Anhänger und wir luden sie auf, wie ein altes Pferd in den Wagen des Abdeckers. Zum Schluss zurrte er das Vorderrad fest, und zwang meine alte Freundin tief in die Stoßdämpfer. Da weinte sie. Wirklich: Es war ein Seufzen von altem Metall und von Enttäuschung, wie ich es von ihr noch nie gehört hatte. Und dann liefen ihr die Tränen. Aus den morschen Dichtungen der Vorderradgabel tropfte langsam Öl auf den Boden des Garagenhofes. Drei Tropfen Öl, das ist alles, was mir von ihr geblieben ist. Ich hätte sie nie verkaufen sollen.

Mein tapferes kleines Handy ist weg!

Vier lange Jahre hat es mich begleitet, mein kleines, unauffälliges, absolut unsmartes Telefon. Stets war es mir zur Hand, wenn es schnell gehen musste:  Ein Foto, eine wichtige Nachricht von der Liebsten, ein kurzer Anruf über den notwendigen Einkauf. Und lässig glitt es zurück in meine Hosentasche, wo es nur wenig beutelte. Ich liebte es, vom ersten Moment, als ich es im Laden sah. Es hatte ein Radio und eine Taschenlampe! eingebaut – Das war für mich wichtig. Jungs-Spielzeug.

Es gab damals schon iPhones bei meinen Kollegen, die daraufhin durchdrehten, und mir die schwarzen Flundern unter das Gesicht hielten, auf dass ich staunen solle- und ich staunte, aber ich wollte keins. Mein kleiner handlicher Kasten hatte alles, was ich brauchte – und einiges, von dem ich nie dachte, dass ich es brauchen würde und von dem ich dankbar überrascht wurde. Immer hatte ich es sofort zur Hand, wenn es sich brummend an meinem Schenkel meldete. Es gab mir Sicherheit, denn ich wusste nach einer Weile was es mir alles anbieten konnte, es verstand sich mit meinem Computer, tauschte lustig Bilder und Musik aus – und verzieh mir auch das ein oder andere Mal, wenn es mir aus der Hand rutschte. Natürlich machte es sich dann ein bisschen wichtig; flog mit lautem Getöse in drei Teile, sodass ich jedes mal dachte: Oh Gott, wird es das jemals überleben? Aber nach dem großen Auftritt war es mir wieder gut, ich baute Batterie und Deckel sorgsam wieder ins Gehäuse und der Startbildschirm meldete sich wieder mit dem vertrauten Ton.

Und jetzt? Jetzt ist es weg, weg! Und ich bin wieder allein, allein.

Ich denk ja immer, alles ist für ewig, bleibt ewig, funktioniert ewig und gehört zu mir. Deshalb kann ich mich von Sachen die mich begleiten auch nicht trennen. Höchstens durch eine unbewusste Dummheit. Diesmal war’s der Reißverschluss an der Außentasche meiner Motorradhose. Ist der nur halb zu ist er auch halb auf.

Ich war morgens mit bester Laune auf meine Guzzi gestiegen, hatte das Handy in die Tasche gesteckt. Aber weil ich mich geärgert hatte über seine Bockigkeit, mit der es sich an dem Morgen weigerte hochzufahren, hatte ich es nicht mit Liebe und Sorgfalt verstaut und war unter blauem Himmel durch den Harz gebrettert. Und als ich unterwegs in die Tasche griff, um ein Foto zu machen, war die Tasche leer. Ich tröstete mich noch, dass ich es sicher zu Hause habe liegen lassen, aber am Abend fand ich mein Zimmer trostlos leer. Hoffnung half mir durch die Nacht. Am Morgen lief ich zwei Kilometer an der Straße entlang und starrte links und rechts in den Straßengraben, weil ich immer noch nicht glauben wollte, dass mein Gefährte mich wirklich verlassen hatte. Da brach ein gleißender Sonnenstrahl durch die Bäume und erleuchtete mein Gesicht. Das himmlische Zeichen sagte mir: Beende deine Suche, du hat mehr als  genug getan. Dein Handy ist nicht mehr, aber du bist frei von Schuld und darfst dir ein neues kaufen. Danke, Gott – und sag ihm nicht, dass ich jetzt ein iPhone hab.