Berliner Charme

Wer sagt denn, dass die Berliner ruppig sind, und dass hier Nix klappt?

Kaum ist das Schlachtfeld in meiner Wohnung nach dem Heizungstausch beseitigt, schon gibt’s Schokolade von der Hausverwaltung und eine Mieterhöhung ab Mai. Sogar den tropfenden Wasserhahn wollen sie auswechseln lassen – irgendwann.

Auch sonst lässt‘s sich hier leben. Jeder Tag ein Abenteuer.

Um den Block 2026

Der Sturm ist vorbei. Oder besser: Er ist an Berlin vorbei gegangen. Zumindest der Schneesturm. Das Leben geht hier unbeeindruckt weiter und endlich scheint die Sonne über den vereisten Straßen. Zeit mal das neue Teleobjektiv auszuprobieren, das ich mir zu Weihnachten geschenkt habe. Gebraucht natürlich. Mal schauen, ob ich einem Wintertag im Wedding ein bisschen Farbe entlocken kann.

Ach ja, die schönste Farbe heute war Himmelblau.

Nachtschatten

Wie ein Pinselstrich im Gemälde der nächtlichen Stadt.

Vertuscht verschwommen.

Nur einen Augenblick sichtbar

Und doch Teil des Bildes.

Wie ein blitzender Faden auf dem Lichtteppich der Straßen

Unbemerkt und doch da.

Auf einer geraden Bahn auf den nassglänzenden Straßen

die dafür gemacht sind ihn zu tragen

Und doch verloren im Gewirr

Zielstrebig, aber doch an jeder Ecke neu entscheidend.

Zwangsläufig aber doch frei

Not to touch the sky, not to touch the sun. Nothing left to do but run run run…

In der riesigen Kulisse spielt er keine Rolle, aber ohne ihn wäre es ein anderes Stück. Das Theater ist da für ihn und alle andern. Es gibt keinen Dirigenten, aber jeder ist ein Ton in der Großstadtsymphonie. Jede Sekunde eine Uraufführung.

Jeder ist ein Solist und der Star des Abends, solange er dabei ist.

I’ m still standing!

Es ist der 9. November. Gestern war ich auf einer „Mauerfallparty“ in einer Kleingartenanlage nahe der Bornholmer Brücke, da wo vor 36 Jahren die Mauer aufgegangen ist. Gemeinsam mit Ossis und Wessis habe ich zu alten Schlagern getanzt und noch mal „Zeit, die nie vergeht“ mitgejohlt. Ja, Bier gabs auch. Deswegen reibe mir die Augen, als ich heute morgen nicht weit weg davon, am Humboldhain plötzlich vor einem riesigen, goldglänzenden Gebäude stehe. „Das kann doch nicht wahr sein. Ist das Wirklichkeit, was ich hier sehe, oder bin ich in ein Zeitloch gefallen?“ Vor mir steht ein Wiedergänger: Der Palast der Republik, Erichs Lampenladen! In dunklen Kupfertönen glänzt die gerasterte Thermoverglasung, die sich wie ein Band um das ganze Gebäude zieht, hell leuchten die senkrechten Treppenhäuser aus Naturstein, die der Fassade etwas Aufstrebendes geben. Kein Zweifel: Er ist wieder da! Deutlich kleiner als früher (Liebling, ich habe den Palast geschrumpft), aber wie herübergebeamt vom Marx-Engels-Forum (heute Schlossplatz). Dieses Gebäude, dessen Ende 1990 beschlossen wurde, ist seit 2010 vom Erdboden verschwunden. Von Politikern zerredet, von Asbest verseucht wurde es von Baggern und Presslufthämmern endgültig aus der Geschichte entfernt. Kein Krümel Beton sollte mehr an ihn erinnern. Und doch ist er es, der hier vor mir steht, unverkennbar! Ein leichter Grusel überfällt mich. Totgesagte leben länger. Oder ist er gar nicht tot? Hat er heimlich „rübergemacht“ und Asyl im Westen bekommen? Vielleicht hat er sich auch der flehentlichen Klagen seiner Jünger, die sich derzeit unter dem fast schon religiösen Credo „Der Palast ist Gegenwart“ hinter der Stadtschlossfassade versammeln, erbarmt und ist aus dem Architekturhimmel wieder herabgestiegen. Aber warum ist er gerade im Wedding gelandet, in der Gustav-Meyer-Allee, gleich gegenüber dem Volkspark Humboldthain? Der Wedding war, nur die Älteren erinnern sich, schließlich ein Teil der „Frontstadt“ West-Berlin, lag direkt an der Berliner Mauer. Und West-Berliner waren, um es mal milde zu sagen, nicht gut zu sprechen auf Sachen, die aus dem Osten kamen. Jahrelang boykottierten sie zum Beispiel die S‑Bahn, nur weil sie von der DDR-Reichsbahn betrieben wurde. 

Das Rätsel lüftet sich ein wenig, als ich beim Berliner Zentrum für Industriekultur nachschaue. Der Bauherr dieses Palastes hieß nicht Erich, sondern Heinz, Heinz Nixdorf. Ein sehr erfolgreicher Computer-Pionier aus Paderborn. Und als solcher war er frei von West-Berliner Dünkeln. Nixdorf war ein begeisterter Anhänger der modernen Architektur, der Mies van der Rohe verehrte und persönlich traf. Und sein Paderborner Hausarchitekt Hans Mohr entwarf alle Nixdorf-Gebäude im transparenten „Internationalen Stil“. So auch die letzte Nixdorf-Produktionsstätte, gleich gegenüber den ehemaligen AEG-Werken von Peter Behrens, ebenfalls eine Architekturikone im Wedding. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen legte 1984, acht Jahre nach Eröffnung des Palastes der Republik, den Grundstein und redete etwas von Beginn des „Silikon Wedding“, woraus leider nichts wurde. Zur gleichen Zeit, als die DDR verschwand, verschwand auch die Nixdorf AG. Anfang der 1990er-Jahre ging Nixdorf mit Siemens zusammen. Und hinter den braunen „Schwedenglas“-Fenstern arbeitete die Verwaltung der Berliner Sparkasse. Jetzt steht er leer.

Doch nicht nur diese Äußerlichkeiten teilt der Weddinger Palast mit seinem verschwundenen großen Vorbild auf dem Schlossplatz. Bald könnte ihm ein ähnliches Schicksal blühen wie dem Volkshaus in Berlin-Mitte. Die  Investorengruppe Coros hat das Gelände gekauft, und will es „entwickeln“. Was für den Palast im Wedding ganz konkret den Abriss bedeuten soll.

Aber der Abrisstermin war 2024 und nichts ist passiert. Und jetzt steht er auf der Roten (!) Liste der bedrohten Gebäude. Vielleicht hilft ihm ja das aktuelle Revival der Post- und Ost-Moderne, dem ich dieses Jahr allerorten auf der Spur war. Dass ich einen so prächtigen und unversehrten Vertreter dieser Architekturgattung ausgerechnet in West-Berlin bei mir um die Ecke finde, freut mich natürlich um so mehr. Aber Coros hat sich noch nicht von seinen Plänen verabschiedet. Stolz präsentieren sie auf ihrer Website den Abschluss des Planungs- und Anhörungsverfahrens.

Also, um es mit einer Parole aus den 1980ern zu sagen: Besuchen Sie den Palast, solange er noch steht! 

Das Gelände in der Gustav-Meyer-Allee ist sehenswert und frei zugänglich.

Fluch der Fotos

„Mach ihr doch ein Fotoalbum, so eins noch mit Ecken. Das kannst du doch so gut.“, säuselte die Mutter meiner großen Tochter, als ich sie fragte, was wir dem Kind denn zum 30. Geburtstag schenken könnten. Das war natürlich ein vergiftetes Lob. Denn sie hatte nie geschafft, die Fotos von unserer Großen in eine Form zu bringen. Und das schlechte Gewissen wurde an mich weitergereicht. Ja, ich mache gerne für Menschen, die ich mag kleine Alben mit Bild und Text. Und weil es bei meinen Eltern nur ein Album gab, das mit dem Hochzeitsfoto anfing und irgendwann abbrach, als wir zur Kommunion gegangen waren, habe ich mir, bevor ich zu Hause auszog, zu meiner Jugend ein eigenes Album gemacht. Aus dem Schuhkarton, in dem meine Eltern die restlichen Bilder sammelten, brachte ich sie heimlich zum Fotogeschäft. Dort wurden sie abfotografiert, ein neues Negativ erstellt und ein neuer Abzug. So ging das damals. Meine Eltern haben das nicht verstanden. Aber ich wollte meine eigene Geschichte sehen und mitnehmen. Und eigentlich sollten meine Kinder es besser haben. Fotografiert habe ich sie wie ein Wilder. Aber irgendwie war nie Zeit dafür, die Bilder zu sortieren, sich zu entscheiden, die besten zusammenzustellen. Wenn man selber Kinder hat, versteht man seine Eltern besser. Und deshalb steht da der große Umzugskarton im Keller: Bilder 1990-2010. Bisher hatte ich mich nicht daran getraut. Eigentlich wollte ich damit bis zur Rente warten – jetzt musste ich.

Es ist nicht einfach, einen Blick in seine eigene Vergangenheit und die seiner Kinder zu werfen. Immer, wenn ich es versuche, überfällt mich der Gedanke: Verdammt, was haben wir damals eigentlich gewollt? Und: Meine Güte, was haben wir alles veranstaltet? Was haben wir alles versucht? Und: Waren wir glücklich, in dem Moment, als wir auf den Auslöser drückten oder in die Kamera grinsten? In den bunten Papiertüten aus Fotogeschäften, Drogeriemärkten mit den vorne eingesteckten braunen Negativen und ein paar Briefen von Freunden, die mir Bilder zuschickten, in Fotolisten von Kindergärtnerinnen und Elternvertretern, in denen man Kreuze machen musste, um Abzüge von dem Ausflug in den Zoo oder der Klassenfahrt zu bekommen, stecken die offizielle Geschichte. Das was wir sein wollten, was wir zeigen wollten. Wie wir uns erinnern wollten. Von dem Rest gibt es keine Bilder. In den entscheidenden Momenten im Leben macht keiner ein Foto. Und Gedanken und Gefühle lassen sich nicht ablichten. Und natürlich sahen wir alle großartig aus, damals – und die Kinder waren wunderhübsch und süß. Tolle Freunde hatten wir und tolle Feste. Warum haben wir das damals nicht gemerkt? Es bleibt beim Durchblättern der Fototaschen immer ein schales Gefühl. Deswegen hatte ich die Kiste nur bei Umzügen angefasst.

Und dann kommt noch das Praktische. Bis 2005 war alles analog. Aber auch da gab es zwei Welten. Bild und Dia. Und weil ich mit meiner kleinen Minox immer nur Dias machte, gibt es davon auch noch eine extra Kiste. Und nach 2005 gibt es keine Kiste mehr. Dafür liegen drei alte Laptops in meinem Schrank und ein paar USB-Sticks und gebrannte Foto-CDs und eine komplette Festplatte. Was haben wir eigentlich die letzten 20 Jahre gemacht, außer uns gegenseitig zu fotografieren? Auf meinem Handy sind 2000 Bilder – und es ist erst drei Jahre alt. Und es gibt ja noch die Speicherkarte meiner Kamera. Und nein: Ich bin nicht in der Cloud und nicht bei Insta. Trotzdem: Einige Bilder fehlen. Denn irgendwann war mein Mädchen natürlich weg, in ihrer eigenen Welt, machte ihre eigenen Bilder. Manchmal hat sie mir ein paar aus dem Urlaub per Mail geschickt. Und einige Bilder, an die ich mich genau erinnerte, fanden sich nicht mehr in den gefledderten Tüten. Vielleicht an Freunde verschickt und dann doch nicht mehr nachbestellt? Oder gab es einen fotografischen Versorgungsausgleich als wir uns getrennt haben? Es ist alles so lange her.

Ich habe eine Woche gebraucht, bis ich das Album zusammen hatte. Nachmittage hatte ich an den Fotostationen in den Drogeriemärkten verbracht – so macht man das heute, wenn es schnell gehen soll – Nächte mit den ausgebreiteten Fotos auf dem Wohnzimmerfußboden. Es gab ein konspiratives Treffen in einer Pizzeria in Moabit mit der Mutter und unserem damaligen dänischen Au-pair-Mädchen, die zufällig in Berlin war, bei dem unbeschriftete Umschläge den Besitzer wechselten. Wie sollte das alles zusammen passen? Wie die Lücken verdecken. Sollte ich etwas dazu schreiben? Darf ich als Vater das Leben meiner Kinder kommentieren? Ein Tag vor dem Fest war das Werk vollendet und verpackt. Ich saß auf dem Sofa und versuchte aus drei alten Cannon-Kameras zwei funktionierende zu machen. Meine Zwillinge fahren auf Klassenfahrt. Und wir Eltern haben beschlossen, dass die Handys zu Hause bleiben. „Aber wie sollen unsere Kinder denn dann Erinnerungsfotos machen?“, fragte eine besorgte Mutter. „Kein Problem!“, meldete ich mich zu Wort. „Wir alle haben doch in den Schubladen alte Digitalkameras. Die können wir wieder flott machen und den Kindern mitgeben.“ Jetzt hatte ich den Salat. Bei einer fehlt das Ladekabel, bei der anderen die Speicherkarte. Das Handy klingelt und die Tochtermutter ist dran: „Ich hab noch ein Bild vom Abiball gefunden. Da sah sie so toll aus.“ Es folgte eine genervte Diskussion darüber, was die wichtigsten Stationen im Leben unserer Tochter waren und wer für das Story-Telling und Framing zuständig sei. Wir einigten uns darauf, dass das Abi- Bild nachträglich in das Album eingelegt, aber nicht eingeklebt werden könne, um das Gesamtkunstwerk nicht zu zerstören. So verhandeln zwei Juristen.

Das Geburtstagsfest war wunderschön. Bei Sonnenschein im Hasenheide-Park. Alle Freunde waren da, alles war sehr berlinerisch, ein wenig improvisiert und locker und cool und meine Tochter war glücklich und die Königin des Tages. Sie hatte eine moderne Polaroid-Kamera mitgebracht, damit ihre Gäste sich gegenseitig fotografieren konnten. Ich hatte natürlich ungefragt auch meine Kamera mit dem alten DDR-Objektiv dabei. Es sind unvergessliche Bilder geworden.

Blattgold und Brutalismus

Am liebsten möchte man der tapferen Pfarrersfrau die Hand halten und sie trösten: Ihr Schicksal hat sie mit ihrem Mann in einen der brutalistischsten aller Beton-Kirchenbauten im brutalen Berliner Märkischen Viertel verschlagen. Und an kantigen Betonbauten ist in dieser Hochhaussiedlung aus den 1960er Jahren wirklich kein Mangel. Sie habe lange gebraucht, um diese Kirche zu verstehen, sagt sie. Der Kunstsachverständige, der uns heute durch den fast lichtlosen Raum aus Sichtbeton führt, habe ihr einiges erklärt. Und an Weihnachten sei der Raum auch wirklich wunderschön. Wenn das Blattgold, mit dem der grobe Beton vom Architekten verziert wurde von den vielen Kerzen erleuchtet werde, herrsche hier wirklich eine besondere Stimmung. Aber um die Renovierungskosten für das in die Jahre gekommene Gotteshaus herbeizuschaffen, wurde der Raum noch bis vor ein paar Tagen ganz anders genutzt. Eine Filmproduktion hatte den Raum gemietet und ihn mit wenigen Requisiten in den Essenssaal eines US-Amerikanischen Gefängnisses umgebaut. „Es braucht ja nicht viel Phantasie, um sich das vorzustellen.“, bemerkt sie fast schon mit Galgenhumor.

„Schaustelle Nachkriegsmoderne“ heißt die Tour, mit der ich am „Tag des offenen Denkmals“ mit einem Bus voller grauhaariger Boomer in Berlin unterwegs bin. Es ist spanned, mal wieder Tourist in der eigenen Stadt zu sein und sich Orte zeigen zu lassen, die abseits der täglichen Routen liegen und deren Türen normalerweise verschlossen sind. In meiner Vorstellung war die Nachkriegsarchitektur hell, filigran, lichtdurchflutet. So wie die „Schwangere Auster“, die Kongresshalle aus den 1950ern an der Spree oder die achteckige Kirche neben der Kaiser- Willhelm-Gedächtniskirche mit ihren leuchtend blauen Glasbausteinen. Aber was wir zu sehen bekommen sind mehr oder weniger sanierungsbedürftige Mehrzweckbauten – Architektenträume, die lange vergangenen Bauideologien huldigen: Keine rechten Winkel, das Außen soll das Innen nicht verraten, das Außen soll im Inneren Platz finden (es gibt tatsächlich Kirchen in denen Straßenlaternen eingebaut wurden und Bodenplatten aus Asphalt), Räume sollen in ihrer Funktion nicht festgelegt werden… Was davon übrig geblieben ist, sind die Seufzer der Küster und die Klagen der Pfarrer. Von Denkmalschutz über schadstoffhaltigem Lack bis hin zu aufgequollenem Parkett ist die Liste der irdischen Prüfungen lang. Und die Kirchenbänke bleiben immer öfter leer. Da hilft es auch nicht, dass sich andere Glaubensgemeinschaften in die evangelischen oder katholischen Kirchen einmieten. „Aber was nützt das, wenn eine Gemeinde aus 20 koptische Familien hier ihren Gottesdienst abhält? Davon kann ich die drei Millionen Euro für die energetische Sanierung nicht bezahlen.“ klagt ein Pfarrer. „Und die Moscheegemeinden winken gleich ab. Die stören nicht die Kreuze, sondern die hohen Heizkosten.“

Nicht gespart hat man bei der St. Hedwigs-Kathedrale, der katholischen Bischofskirche in der Mitte Berlins. Dort hat man nach einem Machtwort von Bischof Woelki die ganze Nachkriegsmoderne heraus gerissen und durch einen weißgetünchten runden Saal mit Kuppel ersetzt. Fein säuberlich getrennt ist jetzt auch der Zugang zur weißen Oberkirche von dem zur dunklen Unterkirche, die nur durch eine in einem schwarzen Tunnel steil abwärts führende Treppe erreicht werden kann. Und wer denkt, das sei der Weg hinab ins ewige Fegefeuer, das einem die Katholiken als Sünder ja als Chance versprechen, wird wieder getäuscht. Es ist eine Taufkapelle. Allerdings ist der Taufstein so tief eingelassen, dass es bislang noch kein Pfarrer geschafft hat, sich so weit herabzubeugen. Deshalb wird hier gerade nicht getauft, so die Auskunft unseres Führers, der aber fairerweise zugibt, dass er für ein Architektenbüro arbeitet, das den Zuschlag für die Renovierung nicht bekommen hat. Der seltsame Taufstein zieht die Besucher trotzdem in seinen Bann.

Richtig luftige Nachkriegsmoderne bekam ich am Ende dann doch noch zu sehen:Die Judas-Thaddäus Kirche in Schöneberg im allerschönsten Nierentisch-Design. Sehr renovierungsbedürftig auch sie, aber das Kirchenschiff (Ein Schiff in den Wellen mit dem Kirchturm als Mast war tatsächlich die Idee, die der Architekt hier Ende der 1950er gebaut hat) ist voll mit herausgeputzten, lebhaften Menschen. Die ghanesische katholische Gemeinde feiert heute hier. Alle sind gleich an ihren gelben Kleidern, Kopftüchern und Hemden mit dem Logo der Gemeinde zu erkennen. Fast ein bisschen peinlich, an ihnen vorbei in die weihrauchgeschwängerte Kirche zu gehen. Aber dem Herrgott hats gefallen und er schickte ein paar Sonnenstrahlen, mitten auf den Altar. It`s a kind of magic.

Hauptstadtprosa

Foto: Gerd Danigel aus der Ausstellung „40 Jahre Fotogalerie Friedrichshain“ https://fotogalerie.berlin/austellungen/aktuell

V: Wann ist der Elternabend?

M: Heute um 18 Uhr.

V: Dann bin ich halb sechs bei dir und passe auf die Jungs auf.

M: Wie kommst du?

V: Mit der S 8.

M: Die S 8 fährt bis Ende September nicht. Komm mit der S 1 direkt zur Schule. Dann kann ich dir die Autoschlüssel geben. Dann kannst du eine halbe Stunde chillen und dann die Jungs direkt vom Sport abholen. Schau aber nach ob die S-Bahn wirklich kommt. Mit der S1 bin ich gestern stecken geblieben. Hat drei Stunden gedauert. Stellwerkprobleme.

V: Die Jungs gehen zum Sport?

M: Ich bin mir nicht sicher, ob sie gehen oder wieder in ihren Zimmern rumgammeln. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mit ihren Fahrrädern fahren.

V: Wenn die Jungs mit den Fahrrädern fahren, dann nehme ich auch das Fahrrad mit und komme zur Sporthalle, dann fahren wir zusammen zurück.

M: Bin mir gerade nicht sicher, ob sie die Räder nehmen. Nimm lieber das Auto.

V: Ich fahr nicht gern mit dem Auto. Und wie kommst du dann zurück?

M: Wird schon gehen, vielleicht mit dem Bus.

V: Fährt dann noch einer? Ich hab keine Lust, erst die Jungs und dann dich abholen zu fahren.

M: Du kannst auch mit der S-Bahn kommen und direkt zum Sport gehen und dann kommt ihr alle mit dem Bus.

V: Vielleicht will ja auch nur einer zum Sport. Dann komme ich mit dem Moped zur Sporthalle. Einen Sturzhelm hab ich für Hintendrauf.

M: Du kannst ja auch mit dem Moped zu mir kommen und ich nehme dich dann mit dem Auto mit zur Schule.

V: Und ich krieg die Schlüssel, hol die Jungs mit dem Auto ab und dann komm ich mit dem Moped zu dir zur Schule.

M: Auf das wacklige Ding steig ich nicht auf.

V: Ach komm! Wir haben doch schon ganz andere Touren miteinander erlebt.

M: Nein! Am besten kommst du mit dem Moped hierher und wir sehen weiter. Dann kommst du auch wieder zurück nach Berlin, wenn die S-Bahn nicht fährt.

V: Und wann? Ich brauche mindestens eine halbe Stunde zu euch.

M: Ich ruf dich noch mal an. Aber vergiss auf keinen Fall, drei Brötchen mitzubringen. Das ist unser Ritual nach dem Sport.

V: Mach ich ja nicht zum ersten Mal

M: Ich sag‘s ja nur…

Mein kleiner grüner Kaktus

War ein wildes Wochenende. Fing damit an, dass mein Sohn, jetzt 13, zum ersten Mal allein mit der S-Bahn zu mir gekommen ist. Na ja, fast. Eigentlich muss man drei Mal umsteigen, und bevor er mir dabei verloren geht, hab ich ihn beim ersten Umsteigebahnhof abgeholt. Aber immerhin. Ein erster Schritt. Für ihn und für mich. Und als wir am nächsten Tag von der Bibliothek kommen ist auf dem Sportplatz in unserem Viertel ein Fußballfest. Der 3. Africacup Berlin. Stand nirgendwo – außer bei Instagram, aber da bin ich nicht. Aber eine Menge los. Alles junge Leute mit afrikanischen Wurzeln. Und obwohl das Viertel in dem ich wohne das Afrikanische Viertel ist und an der Afrikanischen Straße liegt, habe ich noch nie so viele schwarze Menschen meinem Viertel gesehen. Und so gut gelaunt. Fußball war Nebensache (ist es sowieso), es war mehr Party und ein stolzes Zusammenkommen der Community. Damit das alle in meinem Viertel erfahren bin ich schnell nach Hause und hab meinen Fotoapparat geholt. Dann habe ich den Jungs am Eingang gesagt, dass ich von der Presse bin und wir haben VIP-Bändchen bekommen, in Gold, mit dem Buchstaben VIP drauf. Das hat meinem Sohn natürlich gefallen. Ich hab wild geknipst aber das Eigentliche hab ich mich nicht getraut: Die vielen unterschiedlichen Gesichter. Ich hätte fragen müssen, die Spieler und die Spielerfrauen, die Köche an Ständen mit den frittierten Kochbananen und den Fischen. Hab ich aber nicht. Aber ein bisschen Atmo kommt hoffentlich doch rüber.

Dann hat es angefangen zu regnen und wir sind nach Hause gegangen. Ich hab den Artikel für unseren Kietz-Blog getippt und mein Sohn hat die Comics gelesen, die er aus der Bibliothek mitgebracht hat. Dann haben wir die Kochbanane gebraten, die wir uns mitgenommen hatten. Mein Sohn hat sie tapfer probiert und ich hab den Rest gegessen – mit Pflaumenmus, passt ganz gut mit den ganzen Nelken und dem Zimt dadrin. Nächsten Tag sind wir ins Kino gegangen in einen Zeichentrick über Außerirdische, die dicke Panzer anhaben aber darunter kleine Würmer sind. Im Kino lernt man was fürs Leben. Mein Sohn hat gelernt, dass er beim nächsten Mal nicht wieder einen ganzen Eimer salziges Popcorn bestellt, den hat er nämlich doch nicht geschafft. Ich hab ihn dann wieder in die S-Bahn gesetzt und bin zu meiner großen Tochter gefahren. Die wohnt in Neukölln, das ist am anderen Ende der Stadt, aber was macht man nicht alles. Sie hat gesagt, ihr Fahrrad sei kaputt. Also hab ich Werkzeug eingepackt. Aber als ich angekommen bin, ging es gar nicht um das Rad, sondern um die IKEA-Küche, die sich über eBay gebraucht gekauft hatte. Aber das war keine Küche sondern eine Ansammlung von weißen Würfeln aus Presspappe und Blech. Aber sie hat gewußt, wie das zusammengehört. Und obwohl ich noch nie eine Küche zusammengebaut habe, und obwohl wir uns erst mal bei der Nachbarin mit den zottligen rotgefärbten Haaren eine Wasserwaage leihen mussten (meine Tochter dachte, das geht auch mit dem iPhone, ging aber nicht) haben wir das in zwei Stunden so einigermaßen hingestellt. Wir waren richtig stolz auf uns. Das Fahrrad haben wir auch noch repariert und ich hab meiner Tochter die Luftpumpe dagelassen, denn Luft war das Einzige was fehlte. Dann bin ich noch zu meiner ehemaligen Kollegin nach Kreuzberg gefahren, das ist um die Ecke, die in der SPD ist. Wir haben eine Flasche Sekt geleert und uns überlegt, wie das weitergehen kann mit der SPD. Ich bin nicht in der SPD, aber wir haben viele Jahre zusammen politisch gearbeitet, und wenn man helfen kann… Wir sind aber auf keine Idee gekommen auf die nicht Frau Reichinek oder Frau Wagenknecht auch schon gekommen sind. Trotzdem bin ich nach Mitternacht ziemlich fröhlich zurückgeradelt. Auf der Friedrichstraße war die Polizei noch dabei, die letzten Herumtreiber von „Rave the Planet“ zusammen zu sammeln, die auf einem Baugerüst des ehemaligen Kaufhauses Lafayette turnten. Ich glaube, ich habe da nix verpasst.

Und warum kleiner grüner Kaktus? Weil ich, als mein Sohn auf dem Sofa seine „Brainrot“-Filmchen geguckt hat, einfach auf mein Balkon gegangen bin. Da steht ein Blumentopf in den ich ein Tütchen Wiesenblumen gesäht habe, die ich mal als Werbegeschenk vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung geschenkt bekommen habe – nicht persönlich natürlich, aber sein Logo und der Bundesadler waren auf der Verpackung. Nicht alles was die Regierung säht, gedeiht, aber die Blumen stehen mittlerweile in voller Blüte – immer eine Sorte nach der anderen. Und weil die Schönheit so vergänglich ist, habe ich meine Kamera genommen, das Objektiv verkehrt herum draufgeschraubt (so kriegt man ein improvisiertes Makro-Objektiv- hab ich bei You Tube gelernt) und bin ganz nah dran gegangen. Man muss sich ein bisschen konzentrieren und etwas Geduld haben, aber das ist ja das Entspannende. Ich mag es, wenn die Bilder etwas enthüllen, was mit bloßem Auge nicht zu sehen ist, eine eigene Welt und es gefällt mir auch, dass die Blüten, anders als die Smartphone-Fotos, ein bisschen unscharf werden, und wirken wie eigene Wesen. Na ja, schaut selbst.

Mehr als Marx und Museum

Man muss nicht mutig sein, um nach Chemnitz zu fahren. Die diesjährige europäische Kulturhauptstadt hat sich schick gemacht, empfängt ihre Besucher mit freundlichem Gleichmut und es gibt an einem sonnigen Wochenende einiges zu sehen. Aber besser ist es schon, mit einem Freund dahin zu fahren, mit dem ich schon seit 35 Jahren gemeinsam per Bahn und Rad die Länder erkunde, die früher für uns hinter dem eisernen Vorhang lagen. Und noch besser ist es, hier einen Freund zu besuchen, der das zu Fuß, per Bahn und per Anhalter gemacht hat, seit zwei Jahren in Chemnitz wohnt und uns die weniger bekannten Ecken der Stadt zeigen kann.

Und so treffen wir uns mit Andreas, den ich über seinen Blog https://andreas-moser.blog mit einzigartigen Reiseberichten aus aller Welt kennengelernt habe, nicht am bekannten Karl-Marx-Kopf, sondern eine Ecke weiter am Stadtbad, einem Architektur- Juwel aus den 1920er-Jahren. Und weiter geht‘s, die leeren, in der Sonne glühenden sozialistischen Prachtstraßen und den hoch aufragenden Turm des ehemaligen Hotels „Kongress“ (ich habe mir natürlich einen kleinen Reiseführer für Karl-Marx-Stadt vom VEB Tourist Leipzig besorgt) den Rücken kehrend in den Schlossteichpark, in dem die holden Schwäne auf dem heilignüchternen Wasser schwimmen. Ganz so romantisch wie bei Hölderlin ist es zwar nicht, aber schon sehr zauberhaft, auch wenn die riesigen Schwäne aus Plaste sind und als Verkleidung für gemächlich dahingleitende Tretboote dienen. Einen größeren Kontrast zu der fünf Minuten entfernten 60er-Jahre-Beton-Innenstadt kann ich mir nicht denken. Aber es wird noch verwunschener. Über eine Brücke aus Stein geht es hinauf in den Küchwaldpark und gleich stehen wir vor einer gotischen Kirche, einem ehemaligen Kloster (in dem Relikte sozialistischer Stadtplanung unter den leidenden Augen der größten Ansammlung gotischer Holzmadonnen präsentiert werden, die ich je gesehen habe), einen lebhaften Biergarten (sie werden platziert) und wenn wir weiter gegangen wären, hätten wir noch eine sowjetische Mondrakete gesehen. Bergab gehts vorbei an Gaststätten in Fachwerkhäusern, die auch in Tübingen hätten stehen könnten. Ach Hölderlin.

So viel zu dem Motto der Kulturhauptstadt Chemnitz: „C the unseen“. Vom Überraschenden zum Erwartbaren ist es auch nicht weit. Vor dem Karl Marx Kopf, dem bekannten Wahrzeichen der Stadt findet eine Tanzperformance „Odyssee in C“ statt. Hunderte versammeln sich davor. Ich kann mit Tanz nicht viel anfangen und es ist heiß. Aber wenn ich die Kamera auf Schwarz-Weiß schalte, sieht es aus wie bei einer 1. Mai-Manifestation. Die Stadt wird zur Kulisse meiner Erinnerung an unsere vergangenen Reisen. Aber zum Glück ist die Wirklichkeit heute bunter.

Übernachtet haben wir standesgemäß in einem Industriedenkmal neben der sozialistischen Flaniermeile „Rosengarten“. Ein ehemaliges Umspannwerk der Straßenbahn im allerbesten weißen Bauhausstil ist zur Jugendherberge No 1 umgebaut worden. Die schöne Terasse nach hintenraus ist normalerweise schon um 10 Uhr abends wegen der lärmempfindlichen Nachbarn geschlossen. Aber in einer kulturhauptstädtischen Sommernacht wie heute drückt der Junge an der Pforte ein Auge zu. An Nachtruhe ist sowieso nicht zu denken. In einem heruntergekommen Lagerhaus gleich nebenan wird Heavy-Metal-Live-Musik gedröhnt, von der ich bezweifele, dass sie zum offiziellen Kulturprogramm gehört. Es hört sich eher so an, als würden die Uran-Bergmänner der SDAG Wismut, deren Porträts wir uns in der sehr sehenswerten Ausstellung „Sonnensucher“ in Zwickau auch noch angeschaut haben, mit ihren Presslufthämmern am Mischpult stehen.

Gemälde von Werner Pätzold, Wismut GmbH

Chemnitz ist nicht Kassel. Und eine Kulturhauptstadt ist keine documenta. Aber wie Kassel haben Chemnitz und Zwickau meine Neugier geweckt und mich zum Staunen gebracht. Wir haben zum Glück noch die Ausstellung zur europäischen realistischen Malerei „European Realities“ im Museum Gunzenhauser angeschaut, die gut aufbereitet und in ihrer Vielfalt wirklich einmalig ist. Nur die Gemälde aus Russland und der Sowjetunion fehlen. Den Rest der zahlreichen reizvollen Ausstellungen zur Industriekultur in Chemnitz und Umgebung haben wir schon nicht mehr geschafft. Aber auch die moderne Architektur der Stadt hat ihre eigene Schönheit. Auf jeden Fall an einem sonnigen Sommerwochenende. Im Winter war ich auch schon hier, beruflich, vor vielen Jahren. Da war’s ungemütlich. Ums mit Hölderlin zu sagen: „Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen.“

Zum Schluss hat uns Andreas noch in den schönsten Biergarten der Stadt eingeladen, der ausnahmsweise an diesem warmen Sommerabend mal nicht um 17 Uhr die Theke dicht gemacht hat und dessen Name ich natürlich nicht verrate. Chemnitz soll ja mein Geheimtipp bleiben.

Auferstanden aus Ruinen?

Das kommt dabei heraus, wenn man das Wandgemälde „Die vom Menschen beherrschten Kräfte der Natur und Technik“ (Maljolikamalerei auf Steinzeugfliesen) von Josep Renau in Halle-Neustadt mit dem Panorama-Modus des iPhone 8 aufnimmt, ohne die Technik zu beherrschen.

Die Messe ist gelesen, der Vortrag ist beendet. Höflicher Applaus und ein paar Nachfragen verebben schnell in dem mit dunklem Holz vertäfelten Prachtsaal des alten halleschen Stadthauses. Die Arbeit ist getan. Jetzt kommt das Vergnügen. Bei belegten Brötchen und Filterkaffee gesellt sich der Veranstalter zu mir, ein gemütlicher Mann mit Bauch und Bart, dem es noch etwas peinlich ist, dass er auf der Podiumsdiskussion immer meinen Namen verdreht hat. Ob ich noch etwas Zeit mitgebracht hätte, mir die Stadt anzuschauen, fragt er gönnerhaft und offensichtlich bereit, mir ein paar geheime Tipps zu geben. Immerhin bin ich Besuch aus der Hauptstadt und ich habe etwas gut bei ihm. Die Altstadt von Halle an der Saale hätte ja auch einiges zu bieten: Kirchen, das Händel-Denkmal und die Frankeschen Stiftungen. Aber das interessiert mich nicht. Ich schaue etwas verlegen zu Boden und traue mich dann doch, meinen Wunsch auszusprechen: „Ich würde mir gerne sozialistische Wandgemälde anschauen, in Halle-Neustadt.“ Mein Gastgeber reagiert wie ein professioneller Concierge im Hotel, den ein Gast mal wieder nach Adressen im schmuddeligen Rotlichtviertel seiner Stadt gefragt hat. Und ich glaube, es wäre ihm lieber gewesen, hätte ich ihn einfach nach dem Bordell gefragt, für das es in Halle gleich am Hauptbahnhof auch ein Wandbild gibt. Sein Gesicht wird zu einer freundlichen Maske, der man die peinliche Berührtheit, das Fremdschämen und die Enttäuschung nicht ansehen soll. „Sie meinen so >Vorwärts mit der Arbeiterklasse-Bilder<?“, flüstert er tonlos. „Ja“, antworte ich. „Ich mag sowas.“ und halte ihm den Kuli und den Block hin, den er mir im Namen der Stadt Halle gerade dankbar überreicht hat. Ergeben malt er mir eine Skizze und ein paar Straßenbahnhaltestellen auf. Und um ganz sicher zu gehen, dass ich nicht doch eine Frau für den Abend gesucht habe, ruft er die Quartiersmanagerin des Plattenbauviertels herbei. Die hat nicht viel Zeit, ich habe keine Lust auf Begleitung. Entdeckungen mache ich lieber selber und den Stadtführer, den sie mir empfiehlt, den einzigen, der das Neubaugebiet überhaupt behandelt, habe ich mir schon am Bahnhof von Halle gekauft. Wir tauschen Visitenkarten aus. Ich habe noch zwei Stunden Zeit.

Was ich in der kurzen Zeit sehe, ist eine für den frühen Nachmittag sehr leere Stadt. In der Altstadt war Markttag und die Haltestellen der Straßenbahnen waren voll. Hier sehe ich außer ein paar Grauhaarigen auf der Einkaufsmeile noch ein paar Frauen mit Kopftuch über einen leeren Platz laufen. Das war’s. Vielleicht sind alle in dem neuen Einkaufszentrum, das nach der „Wende“ errichtet wurde. Aber da gehe ich nicht rein. Das kann ich auch in Berlin haben.
Aber um ehrlich zu sein: Ich hatte mir „Ha-Neu“ noch grauer und noch leerer vorgestellt. So grau wie Berlin-Hellersdorf oder wie Hoyerswerda. 1993 hatte ich auf einer Russlandreise einen jungen Fotografen aus Halle getroffen, der gerade eine Ausstellung über die Aufbauzeit der Neustadt mit Fotos seines Vaters organisierte. Die waren alle schwarz-weiß und nach streng geometrischen Mustern fotografiert. Da war nichts Menschliches. Nichts Menschliches haben, trotz der vielen Gesichter, die man beim Näherkommen erkennt, auch die riesigen sozialistischen Wandbilder des Ensembles „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.“, die ich endlich am Ordnungsamt von Halle-Neustadt in den Himmel streben sehe. Aber immerhin: Es strahlt einen Optimismus aus, der uns heute nur noch zynisch gebrochen möglich ist. Manchmal auch als Real-Satire, wenn ich an unser neues Raumfahrtministerium denke. In den „Kosmos“ strebte auch der Sozialismus. Raketen zu den Sternen zu schießen war wohl schon damals einfacher als bröckelnde Brücken zu reparieren – und es ließ die realsozialistische Tristesse vergessen.
Davon ist noch genug übrig in Ha-Neu. Aber es tut sich was: Von den heruntergekommen fünf „Scheibenhochhäusern“ an der Fußgängerzone strahlt schon wieder eins weißer als es als Neubau gestrahlt haben wird. Ein Leuchtturm gegen den Verfall. Das nächste ist in Arbeit. Sichtbar sind auch viele bunte Ecken, an denen mit Kunst versucht wird, gegen das Einerlei anzukämpfen. Die Quartiersmanagerin war sehr stolz darauf.

Zurück laufe ich durch das „Bildungsviertel“, mit seinen kleinen, würfelförmigen Pavilions . Endlich menschliches Maß nach all den 12-Geschossern. Das gefällt mir, obwohl viele davon verfallen. Es ist noch die Idee erkennbar, alles was eine Familie braucht, gleich neben dem Wohnblock zu bauen: Kindergarten, Schule, Ärztehaus, Schwimmbad. Und alles fast autofrei. Der Verkehr lief auf den großen Magistrale mittendurch. Dort, an der Straßenbahnhaltestelle, treffe ich auch wieder auf Leben. Wie im Wedding nachmittags um fünf sind hier die Jugendlichen in den Bahnen. Und es sind die gleichen Gesichter wie in Berlin. Die Neustadt ist mindestens so multikulti wie der Wedding. Und wer nicht in der Straßenbahn ist, der ist im Schwimmbad. Und keinem davon wird auffallen, dass die Schwimmhalle im klassischen Bauhausstil errichtet wurde. Aber wie in Berlin haben die Kids hier rausgekriegt, wie man Elektroroller knackt.