Einmal noch

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Einmal noch ans Wasser, solange noch Sommer ist. Mittelmeer oder Ostsee war dieses Jahr nicht drin. Aber zum Plötzensee will ich es noch einmal schaffen -mit den Jungs. Also früher weg von der Arbeit, die Jungs aus der Kita befreit und quer durch den Park zum Strandbad. Ist eigentlich wirklich nicht weit. Warum haben wir es dieses Jahr nur ein Mal gemacht? Lief nicht gut, der Sommer.

Die Schatten fallen schon lang auf den Sand, als wir ankommen. Sonnenöl können wir uns sparen. Trotzdem rein in die Badehosen. Die Jungs erinnern sich noch an jedes Detail unseres letzten Besuchs vor drei Monaten. An die hohe Rutsche, die sie sich damals nicht trauten. Sie trauen sich auch heute nicht. Aber sie  sind vor mir im Wasser, und nicht mehr raus zu kriegen. Wenigstens das hat sich geändert.

Wind kommt auf, die Kinderlippen werden blau. Schnell raus, sonst haben sie morgen Husten und ich Ärger mit der Mutter. Trockenrubbeln zwischen Frottetüchern, Fangen spielen zum Aufwärmen. Dann ein Eis für jeden. Eis im Schwimmbad: meine Erinnerung an Kinderglück, vielleicht irgendwann auch ihrs. In der verlassenen Strandbar gibts einen Kaffee für mich. Ein stolzer Seeräuber mit gegerbter Haut und wuchtiger weißer Mähne reicht mir die kleine, schwere Tasse. Auf einmal bin ich weit weg. Irgendwo im Süden. Wir lassen uns in Liegestühle fallen. Die Jungs turnen drauf rum und juchzen „Schaukelstuhl, Schaukelstuhl“. Die Haut riecht nach Sonne und Wasser. Südamerikanische Tanzmusik, nicht zu laut, nicht zu leise. „Die Musik will ich immer hören,“ jubelt der Jüngere. Langsam ziehen die startenden Flugzeuge aus Tegel von links unten nach rechts oben durch mein Panorama. Vielleicht wird doch alles gut.

Auf dem Rückweg sammeln wir die ersten Kastanien.

Kadaverchaos

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Vorm Spätkauf um die Ecke, dort wo tagein, tagaus ein paar deutsche Trinker ihre Tage auf glänzenden Aluminiumstühlen totschlagen, stellt sich mir heute ein junger Mann mit gepflegetem Vollbart in den Weg. „Entschuldigung, vielleicht können Sie uns helfen“, bittet er und deutet auf eine Gruppe älterer türkischer Männer, die um einen Bistrotisch sitzen. Ich sehe Teegläser und eine Bild-Zeitung. Die Trinker sind weg. Ich suche das Schild „Neubewirtschaftung“, finde aber keins.“Heißt es „der Kadaver“ oder „das Kadaver“? fragt mich der Junge in akzentfreiem Deutsch. Völlig überrascht von so viel Bildungseifer, freue ich mich natürlich, den Menschen bei der Integration helfen zu können. „Der Kadaver“, antworte ich selbstsicher. „Aber warum“, hakt der Frager mit kindlichem Eifer nach, „heißt es nicht „das Kadaver“? Es heißt doch auch „das Kadaverchaos“. Ich schweige für einen Augenblick, weiß nicht was ich sagen soll. Was ist aus meinem Späti geworden? Bisher bekam ich hier mit verlässlich schlecht gelauntem „Eeneurofufzich“ mein Absackerbier über die überladene gläserne Einkaufstheke mit den verschrumpelten Fettkringeln vom Vortag gereicht. Und was ist das jetzt hier? Eine Straßenakademie, ein germanistisches Seminar? „Was für ein Chaos?“, frage ich um Zeit zu gewinnen. „Kadaverchaos, na so was wo viele tote Fische ans Ufer geschwemmt werden.“ Ich habe die Bild-Zeitung in Verdacht, dass sie diesen Menschen, die sich guten Willens der deutschen Sprache nähern, das Hirn mit solch bekloppten Sprachschöpfungen verklebt. Mich bringt das in eine peinliche Situation: Ich habe doch selber keine Ahnung von der deutschen Grammatik. Aber wenn ich mir jetzt die Blöße gebe, mein Unwissen zuzugebe, leiste ich dem Terrorismus Vorschub. Denn wofür verachten uns die Islamisten? Dafür, dass wir den Kontakt zu den Wurzeln unser Kultur, unserer Religion verloren haben. Wenn sie auch noch merken, dass wir noch nicht mal die Gesetze unserer Sprache kennen, mit der wir sie in den Integrationskursen traktieren….

„Es heißt „das Chaos“, antworte ich mit einer archaischen Gewissheit,  die sich vor den ewigen Textinterpretationen in der Oberstufe in meinem Hirn eingenistet haben muss, „Deshalb heißt ein Chaos mit Kadavern „das Kadaverchaos“. „Seht ihr“, wendet sich der Junge an die Männer am Tisch, „ist doch ganz einfach!“ Ja, so einfach ist es, einen Beitrag zum Weltfrieden zu leisten.

Jeht schon

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Der fette Typ sitzt auf meinem Platz. Dreckiges Lachen, dreckige Jogginghose und ein Plautze, die zu den Knien reicht. So ein Typ, denke ich, der den Tag rauchend und feiste Sprüche klopfend verbringt – auf meinem Platz. Mein Platz, draußen vor dem türkischen Back-Shop, meine Rettungsinsel in Tagen der Elternzeit. Seit einem Monat schiebe ich jeden Morgen halb Neun meinen Jüngsten durch den Kietz bis er einschläft. Und kaum hat er die Augen zu, steuert Vattern zum Türken, um sich den ersten Kaffee des Tages zu gönnen, die Augen zu schließen und die viel zu kurze Nacht zu vergessen. Wenn die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht wärmen, kann ich endlich entspannen. Allein! In Ruhe! Und jetzt dieser Typ. Ich setze mich neben ihn, so, dass ich in nicht ansehen muss, tue so, als würde ich den Kinderwagen schaukeln. Aber ich höre ihn. Er atmet schwer, hustet mit seiner Zigarette – widerlich. Die hübsche Backwaenverkäuferin, die mich immer mit einem grimmigen Blick mustert, kommt zu uns heraus. Sie wechselt ein paar Worte mit dem Dickwanst. Die beiden haben ein Geheimnis, das sehe ich aus den Augenwinkeln. Und der Dicke hat neue Informationen für sie. Sie lächelt, verschwindet, kommt noch mal raus, lacht und verschwindet wieder. Neid und Neugier wallen in mir auf. Was hat er, was ich nicht habe? Ich muss es wissen und fange ein Gespräch an. Was er mit „der Kleenen“ hat, verrät er mir nicht, aber dass er sich Kindern auskennt. „Is immer jut, wenn die Jörn schlafen,“ schnauft er mit Blick auf meinen Kinderwagen. Er schweigt wieder. Ist wohl doch keiner von den Schwätzern, die einem in fünf Minuten ihr Leben erzählen und Gott und die Welt für ihr Elend verantwortlich machen. Ich muss bohren. Das kann ich gut. Ja, Frührentner ist er, nach 40 Jahren Arbeit, erst Heizer, dann Eisengießerei. „Hab mer die Knochen kaputt jemacht und die Lunge ooch. 500 Euro krieg ich und muss ooch noch zum Sozialamt loofen. Aba jeht schon.“ Ich bekomme Ehrfurcht vor diesem ehrlichen Arbeiter, diesem alten Weisen. Meine Rente wird deutlich höher sein, obwohl ich keine 40 Jahre gearbeitet habe und meine Knochen heile sind. Trotzdem hab ich Angst, es könnte nicht reichen. Warum eigentlich? Ich muss los. Der Alte sitzt in der Sonne, ich gönne ihm die einfache Freude. Ich hab noch ein paar Stunden vor mir mit meiner süßen Last. Auch nicht immer einfach. Aba jeht schon…

Du darfst!

Markt

„Deutschland ist ein tolles Land“, ruft der türkische Melonenverkäufer und weist mit ausgebreiteten Armen über sein süßes Reich, „schaut was es hier alles zu essen gibt!“ Er hat seine riesigen Früchte zu einem Berg aufgetürmt, von dem herab er seine frohe Botschaft über den ganzen Marktplatz verkündet. Es ist Marktag auf dem Parkplatz hinter dem Rathaus Wedding. Für ein paar Stunden verwandelt sich die öde Asphaltfläche in einen türkischen Bazar. Hier kann ich eintauchen, den grauen Stadteil vergessen und mich fühlen wie im Urlaub. Sorglos, neugierig und probierfreudig. Umschwirrt von türkischem und arabischem Stimmengewirr gibt es hier von allem alles und vor allem viel! Die Stände brechen fast zusammen vor bunten Früchten aus aller Welt. Manche sorgsam gestapelt, manche hingekippt aber immer mit Verve angepriesen. Was hier landet ist nicht immer erste Klasse. Es ist oft das, was auf dem Großmarkt schnell weg musste, weil es nicht mehr lange hält. Verkauft wird deshalb schnell und in großen Mengen. Unter einem Kilo geht hier nichts, und wenn ich eine halbe Melone haben will, kriege ich eine ganze. Keine Diskussion. Denn was heute nicht verkauft wird, landet endgültig auf dem Müll. Aber das macht für mich gerade den Reiz aus: Aus dem Angegammelten das Gute finden, für einen Spottpreis. Die Tasche voll zu haben, und damit auch noch was Gutes tun. Denn was für eine Verschwendung wäre es, wenn das alles weggeworfen würde?Wie gut, dass ich es vor dem Verderb rette. Und mit dieser edelen Einstellung darf ich endlich ungehemmt schlemmen. Denn während ich im Supermarkt stundenlang darüber meditieren kann, was nun umweltverträglicher ist: Die Bio-Äpfel aus Chile oder die Lagerhausbirnen aus Italien, kann ich hier einfach zuschlagen. Auf dieser Resterampe der Globalisierung ist alles erlaubt: Trauben aus Südafrika? Für nen Euro das Kilo nehm ich die doch mit! Avocados aus Peru? Bevor Sie sie wegwerfen- her damit! Für ein bisschen Kleingeld ist ruck-zuck die Tasche voll und es bleibt noch was übrig für ein Gläschen frisch gepressten türkischen Granatapfelsaft. Soll ja gut sein gegen alles.

Aber wehe, wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe! Auf dem Rückweg muss ich, mit den Früchten meiner Lust vollbepackt, vorbei an meinem Bio-Laden. „Natürlich Bio“ heißt er, ist noch original aus den 80ern, ist natürlich selbstverwaltet und natürlich bin ich Mitglied in der Genossenschaft. Aus seinem dunkelen, nach Räucherkerzen und Ziegenkäse heimelig nostalgisch riechenden Inneren ruft es: Du musst! Also trete ich mit schuldbewusst gebeugtem Haupt ein, kaufe dunkles Brot und deutsche Kartoffeln, bezahle für eine handvoll das Gleiche wie für meine ganze Markttasche – aber wenn ich wieder ins Licht heraustrete, freue mich, dass ich heute nur Gutes getan habe.

 

 

 

Stich ins Herz

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Jeden Morgen und jeden Abend komme ich an einem Bild vorbei, von dem ich glaubte, es nie wieder sehen zu müssen. Mitten in Berlin, in der Fennstraße, keine zwei Kilometer nördlich des Hauptbahnhofs, wird ein großer Wohnblock aus der Gründerzeit abgerissen. Ein stattliches Haus mit der typischen Berliner Mischung aus Wohnungen und Gewerberäumen. Keine Schönheit, aber immerhin solide und großzügig gebaut. Qualitäten, die heutigen Häusern leider völlig fehen. Es hat Revolutionen, Kriege und Bombennächte überstanden. Und jetzt, in Zeiten von Wohnungsknappheit und steigenden Mieten wird es dem Erdboden gleich gemacht. Es tut weh das zu sehen. Wie wenn ein alter Baum gefällt wird. Es drängt mich, dem Haus zur Hilfe zu kommen. Ein alter Reflex aus den 70ern wird wach. Man müsste doch… Ja, es gab im vergangenen Jahr den Versuch das Haus zu besetzen. Doch die Polizei zerrte die Besetzer raus, kaum  dass sie ihre Transparente entrollt hatten. Die Besetzung war wohl auch eher ein Fanal als ein echter Versuch, das Haus zu retten. Wenn wenigstens neue Wohnungen entstünden – hier direkt neben dem kleinen Park, mit Blick auf den Spandauer Schiffahrtskanal. Doch die Bayer AG, der das Haus gehört, plant eine Ausweitung ihres Firmengeländes, und das obwohl sie angekündigt hat, ihren Firmensitz aus dem Wedding ins Zentrum Berlins zu verlegen. Da mag die Frühlingssonne morgens noch so sehr auf dem Wasser des Kanals glitzern: Wenn ich das sterbende Haus sehe, mischt sich für einen Moment Traurigkeit und das Gefühl von Ohnmacht in meinen Tag.

Stadt der Engel

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Berlin ist die Hauptstadt der Einsamkeit. Wohin ich auch schaue, einsame, traurige Menschen. Nirgends in Deutschland leben mehr Menschen allein, nirgends gibt es so viele Singlepartys, Speeddatings und Kuschelseminare. Der Berliner sehnt sich nach Kontakt. „Jeder hat n Hund, aber keinen zum Reden, “ singt Peter Fox in seiner Hymne auf die Hauptstadt. Da hat er Recht.

Zum Glück bin ich nicht allein in Berlin. Ich habe viele Freunde. Freunde an jeder Ecke, auf allen Wegen und selbst in der Nacht. Sie begleiten mich wohin ich auch gehe, sie kümmern sich darum, dass ich gute Laune habe und es vergeht kein Tag, an dem zwei oder drei von ihnen treffe.

Schon am Morgen, wenn ich mich, noch nicht ganz wach, auf mein Fahrrad schiebe und mürrisch Richtung Arbeit ächze, wenn ich noch nich weiß, woher ich die Kraft nehmen soll, um bis zu meiner ersten Tasse Kaffee zu überleben, ist einer meiner Freunde zur Stelle. Gleich an der ersten Kreuzung, an der ich warten muss, schleicht er sich von hinten an (Sie kommen immer von hinten), sieht, dass ich eine Aufmunterung brauche, neckt mich mit seinem Blaulicht und schaltet dann direkt neben meinem Kopf sein Martinshorn an. Heißa, bin ich dann wach! „Danke, Freund“, denke ich, „das hat mir heute noch gefehlt.“Doch der Freund wartet nicht, bis ich mich bei ihm bedanke, sondern braust blinkernd und zwinkernd um die Ecke zum Virchow-Klinikum. Ich habe dann genug Adrenalin im Blut, um den Weg zum Büro im Fluge zu meistern.

Abends das gleiche Spiel. Nach sinnlosen Sitzungen oder einem Tag vor dem Computer sind meine Akkus leer und meine Nerven dünn wie Porzellan. Meine Freunde machen sich Sorgen und versuchen mich aufzumuntern. Oft fahren sie auf der Straße „Unter den Linden“  eine blaulichtbewehrte Eskorte von Polizeimotorrädern auf, um mich zu erfreuen. Ich liebe Motorräder! Und ich liebe es, eine Viertelstunde zu warten, bis auch die letzte Staatskarosse vom Hotel Adlon losgefahren ist und der letzte Polizist in seinem Lurchianzug die Straße freigegeben hat, bis ich loshetzen kann, um meine Kinder aus der Kita abzuholen. Und sollte das mit dem Staatstheater mal nicht klappen, holen mich meine Freunde spätestens in der nächsten engen und besonders schön hallenden Straßenschlucht ein, um mir auf dem Weg zur Charité einen Gruß zur blauen Stunde  zu schicken. Auch nachts schlafen meine Freunde nicht. Egal ob sie zu einer Messerstecherei in die Shisha-Bar im Vorderhaus gerufen werden, oder ob besorgte Menschen den Entstörungsdienst der Gasag gerufen haben, nie vergessen meine Freunde, mir einen fröhlich tönenden Gruß durch die hoffnungslos überforderten Doppelglasfenster zu schicken. Ich schlafe dann zwar nicht mehr, aber ich verbringe die Nacht in der Gewissheit: Ich bin nicht allein.

In solchen Nächten mache ich mir manchmal tiefe Gedanken. Ist es wirklich wahre Freundschaft, die mich mit den Menschen verbindet? Kann die Freundschaft zwischen Menschen wirklich von Dauer sein, oder ist es nur Jesus, der mich wirklich immer liebt? Schwer drücken mich solche Fragen am nächsten Tag, wenn ich nach dem  morgendlichen Kleinkrieg um ungeputze Zähne und zu warme Jacken meine Jungs in die evangelische Kita bugsiert habe. Kaum stehe ich nach vollbrachter Tat vor der Tür des Horts der schreienden Kinder, kaum hätte ich eine Minute, um das Klingeln in meinen Ohren wieder abklingen zu lassen, gibt mir das dröhnende Geläut der drei Bronzeglocken in der nahen Kirchenburg ein eindeuiges Zeichen. Schönen Dank auch, Jesus. Ja, ja, ich lieb dich auch.

Vanitas vanitatum

Also heute Nachmittag in dem kleinen Eiscafe neben der Charité. Ich will mein Wochenende einläuten und den blauen Himmel mit einem Eis feiern. Da steht vor mir in der Schlange diese Berliner Musterfamilie. Er, Anfang 30, bisschen aufgedunsen, mit rasiertem Schädel unter so einem albernen Roger Cicero-Hut, Hosen hängen in den Kniekehlen, Kopfhörer um den Nacken… Typischer Hipster aus Mitte halt. Und natürlich ist das Töchterlein auf seinem Arm blond, hat Zöpfe und ein süßes rotes Mäntelchen an. Und die Mama dazu, so unglaublich geschmackvoll nachlässig gekleidet, dass es weh tut, tanzt lächelnd um ihren Goldengel herum. Und was bestellen sie? Natürlich Frozen Joghurt – das Trend-Eis von vor drei Jahren. Ich hab’s eilig – und die? Können sich nicht auf das Topping einigen, albern affektiert herum. Können sich die Affen nicht ne Bühne kaufen und sich draufstellen? Mann, gehen die mir auf die Nerven. Endlich bezahlt der Vater-Darsteller. Fingert ein bisschen ungeschickt mit dem Portmonee, weil seine Hand mit weißer Schlauchgaze verbunden ist. Ich schau noch mal hin und entdecke eine Kanüle unter dem Verband. Au weia! Stopp! Zurück! Halt! Ganz anderer Film!  Das ist kein Affentheater, das ist ein Drama, das sich hier abspielt. Der Typ kommt natürlich aus der Charité, wahrscheinlich frisch von der Chemotherapie. Deswegen hat er auch keine Haare. Die sind nicht rasiert-die sind ausgefallen. Jetzt seh ich’s ganz deutlich. Oh Gott, deswegen die lauen Scherze mit seiner Frau. Er versucht seine verzweifelte Familie aufzuheitern, in einer kurzen Pause zwischen zwei sicher mörderischen Therapiesitzungen den beiden ein wenig die Beklommenheit zu nehmen. Und das Töchterchen? Weiß es schon, dass es vielleicht die letzten fröhlichen Stunden mit ihrem geliebten Papa sein können, bevor sie ihr Leben als Halbwaise verbringen muss, bei einer alleinerziehenden Mutter, die es kaum schafft, über den Verlust hinweg zu kommen und….? Und diese armen Menschen habe ich hochmütig gemustert, still verflucht und sie der Eitelkeit geziehen? Oh Mann, fühle ich mich schlecht. Als sie endlich aus meinem Blickfeld sind  bestelle ich mir als Buße  auch einen Frozen Joghurt mit einem extra sauren Topping.

Rabimmel Rabammel

Die Fahrstuhltür geht auf und plötzlich ist da dieser Duft. Ich weiß nicht wie er zustande gekommen ist und wann ich ihn das letzte Mal gerochen habe, aber mit einem Mal bin ich wieder in der Grundschule und stehe in der Schlange für die Milchspeisung. Für ein wöchentliches Milchgeld bekamen wir täglich ein kleines Päckchen Milch mit Strohhalm und diese Milch war warm, aufgewärmt mitsamt dem Tetra-Pack, der aussah wie ein kleines Häuschen. Würde heute ja keiner mehr machen, wegen der Weichmacher, den Stabilisatoren oder sonstwelchem chemischen Bedrohungen für kleine Kinder, die sich beim Wärmen lösen, aber Mikrowelle gabs halt noch nicht. Und deswegen roch es in der ganzen Schule so, wie heute Morgen im Aufzug: Ein bischen chemisch, ein bisschen nach warmem Wachs und ein bisschen nach „au weia, ich hab das Milchgeld vergessen“. Ich war dankbar für die Blitzreise in meine Kurze-Hosen-Zeit. Warum? Weil gestern Martins-Tag war und ich gehofft hatte, rührseelige Jugenderinnerungen beim Laternenumzug mit meinen Jungs wachrufen zu können. Aber wie das so ist, wenn man das Glück erzwingen will: Es klappt nicht. Ich war extra früher von Arbeit weggegangen, um das, was mir aus meiner  Kindheit auf dem Dorf als heimeliges, ehrfurchtgebietendes Gemeinschaftserlebnis in Erinnerung war, gemeinsam mit meinen Jungs erleben zu können. Laut singend waren wir damals am Martinstag mit unserem Lehrer aus dem Dorf bergan gezogen, hinter einer Blaskapelle und dem respekabelen Gaul eines ganz echt aussehenden Sankt Martin. Die Lieder hatten wir natürlich geübt in der Schule. Und sie stimmten: „Dort oben funkeln die Sterne und unten funkeln wir.“ Es war wirklich dunkel, wir sahen die Sterne, keine Autos, keine Straßenbeleuchtung, nur vereinzelte Grablichter in den Fenstern, die vom Totensonntag übrig geblieben waren, für die Vermissten des Krieges, der damals erst 20 Jahre zu Ende war und für die Brüder und Schwerstern von drüben. Die Straße gehörte uns und den Laternen, von denen nicht alle oben ankamen, weil die Kerzen umkippten und die selbstgebastelten Kunstwerke aus Transparentpapier in Flammen aufgingen. Es wurde viel geheult. Besser dran waren da die großen Kinder, die sich gruslige Fackeln aus Futterüben geschnitzt und auf einen Besenstil aufgepflanzt hatten, damit konnten sie prima herumspringen und die Kleinen erschrecken. Auf dem Berg angekommen machte die freiwillige Feuerwehr das, was sie, neben Durst löschen, am liebsten machte: Feuer! Ein filigraner Turm aus Baumstangen, Sperrmüll und Autoreifen war da aufgetürmt und a ls wir ankamen,brannte er schon  licht zum Himmel empor. Sehr beeindruckt standen wir und warteten, bis alles knackend und funkensprühend in sich zusammenfiel.  Manchmal zogen einige besonders aufgekratzte Jungs einen brennenden Autoreifen aus der Glut und ließen ihn zu Tal rollen. Dann war alles vorbei, die Feuerwehr hielt Bandwache und wir gingen zurück zur Schule, wo es warmen Kakao und einen „Hirzemann“ mit Tonpfeife für jeden gab.

Und heute, oder beser: gestern? Gestern drückte ich meinen müden Jungs um fünf Uhr Nachmittags vor der Kita zwei Plastikstäbe in die Hand, an derern Ende eine Leuchtdiode funzelte. Daran hängten wir die selbsgebastelte Laterne (immerhin noch aus Transparentpapier) und machten uns auf dem hell erleuchteten Bürgersteig schweigend mit den anderen Kita-Kindern auf den Weg. Statt Blaskapelle gab’s eine einsame Posaune und statt Sankt Martin gabs ein Pony aus dem Kinderzoo. Vermengt mit Kinderwagen, Fahrradanhängern und verständnislosen Passanten zuckelte der Zug zum nächsten Stadtplatz. Dort gab es eine kleine Pause und der Posaunist gab sein Bestes. Aber keiner sang. Statt die Lieder mit den Kindern zu üben, hatten die Erzieherinnnen den Eltern einen Zettel mit den Texten in die Hand gedrückt, den natürlich im Halbdunkel keiner entziffern konnte. Ich schmetterte mit dem Posaunisten tapfer mein tief sitzendes „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“, textsicher bis zur letzten Strophe. Keiner sang mit. Statt dessen fragten mich einige Mütter, ob ich eine christliche Erziehung genossen hätte? (sie meinten wohl: in welchem Jahrhundert ich die Lieder gelernt hätte).  Zurück an der Kita drängte sich alles auf dem schmalen Hinterhof zwischen Kita und Kirche. Aus Lautsprechern schepperten Kinderchöre ein „Laterne, Laterne“ und dann hieß es noch eine halbe Stunde anstehen, bis die Kinder auch ihre Martins-Gans aus Zuckerkuchen bekommen hatten. Etwas abseits brannten in einer Eisenschale fünf Holzscheite, um die sich fünfzig Leute scharten. Auf dem Weg nach Hause fragte ich meine Jungs , was ihnen denn gefallen hatte beim Laternenumzug. „Das Pferd hat Kacka gemacht auf den Weg und Lasse ist reingetreten“, kam es promt zurück. Ich bin ja mal gespannt, woran sich meine Jungs erinnern, wenn sie in fünfzig Jahren einen Aufzug betreten, der nach frischen Pferdemist riecht.

Heimat, die ich meine

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Ja, ich schreib jetzt auch mal was über den Herbst. Herbst auf dem Land, mit Kartoffelfeuern, Rübenstechen und Sankt-Martinsfeuer. Das war der Herbst in meiner Jugend. Und natürlich Pflaumenkuchen! Mit dickem Hefeboden, der von unten schon ein bisschen dunkel war. Im Garten meiner Großeltern stand ein Pflaumenbaum. Und das größte Glück meiner Großmutter war der erste Pflaumenkuchen (Quötschekooche, in ihrer Sprache). Und da sie zehn Kinder hatte und unübersehbar viele Enkel, war sie es gewöhnt, riesige Mengen zu backen. Das heißt: Wir konnten uns an Kuchen rund und satt fressen. Und nur so schmeckt mir Pflaumenkuchen. Als meine Eltern das Haus und den Garten übernahmen, war das Erste was mein Vater tat, den Pflaumenbaum zu fällen. Die Birke hinterm Haus auch. Alles was „Dreck macht“ musste weg. Das habe ich ihm immer übel genommen. Aber Pflaumen gab’s weiter. Von Nachbarn oder vom Markt. Und Kuchen auch. Auch wenn es nur noch für fünf reichen musste: meine Mutter ließ es nie bei einem Blech.

Und heute, Samstagnachmittag, zur besten Kaffetrinkenszeit, fällt mir das alles wieder ein. Ich bekomme ein riesiges Verlangen nach Pflaumenkuchen mit Sahne. Nun ist der Wedding sicherlich ein Ort, an dem man die exotischsten Genüsse gleich um die Ecke bekommen kann. Aber einen richtigen Bäcker, der einen Pflaumenkuchen so backt wie meine Oma? Von Gier getrieben wage ich das Unmögliche. Ich habe dafür nur eine Stunde und auch noch den Jüngsten im Kinderwagen dabei. Aber was soll’s, wenn die Triebe mit einem durchgehen? Erster Versuch: Die „Backstube“ in unserer Straße. Einer von den vielen kleinen Berliner „Back-Shops“. Die kroatische Besitzerin hat sich auf aufgebackene polnische Teiglinge spezialisiert. Blasse Brötchen, labbrige Croissants werden mit viel Liebe verkauft. Frischer Kuchen? Fehlanzeige. Weiter, am „Arabi Back“ mit seinen abgepackten, klebrigen Süßigkeiten vorbei zum Café Kibo, ein paar Häuser weiter. Es wird von fröhlichen Rumänen geführt, die ein wunderbares Eis herstellen. Auch Apfelkuchen. Aber Pflaumen? Wahrscheinlich werden sie in Rumänien alle gleich zu Slivowitz. Die Not treibt mich in den Nachbarkiez. Hier soll doch angeblich alles gentrifiziert werden. Vielleicht haben sie sich hier schon auf das neue Publikum eingestellt? Haben sie tatsächlich. Im türkischen Eckcafé, in dem ich mit meinen Jungs nach der Kita ab und zu mal ein paar trockene Kekse kaufe, hat man auch an die deutsche Kundschaft gedacht und bietet deutschen Kuchen an, Pflaumenkuchen sogar. Oder zumindest das, was man in Berlin dafür hält. Denn die Rache des Berliner Bäckerhandwerks an den zugezogenen Westdeutschen ist das was man hier „Blechkuchen“ nennt. Das ist etwas wofür man in Heidelberg oder Rosenheim einen Bäckermeister geteert und gefedert vor die Stadttore werfen würde. Blechkuchen geht so: In einem Aluminiumkasten, von etwa einem Meter Länge und zehn Zentimetern Höhe wird der immer gleiche, pappige Hefeteig gelegt. Das Ganze wird durch weitere Blechstreifen unterteilt. Dann werden in diese Abschnitte entweder Streusel oder klebrige Zuckerglasur aufgetragen. Wenn Obst ins Spiel kommt, wird es mit süßer Gelatine übergossen, die bis zum Rand des Kastens aufgefüllt wird… Da stehe ich nun, fast vor der Erfüllung meines Traumes, doch ich bringe es nicht über mich, mich mit in Tortenguss ertränkten Pflaumen zufrieden zu geben. Ich muss weiter, immer weiter, meinem Glück hinterher (das ist von Hans Albers. Goodbye Johnny). Cafés gibt es in diesem Kiez ja zur genüge. Aber die meisten haben verdunkelte Fenster und laden grimmig schauende junge Männer zum Glücksspiel ein. Dann gibt es noch die anderen, die außer ein paar Stühlen und einer Neonleuchte keine Einrichtung haben. Hier treffen sich alte Griechen, Türken oder Portugiesen. Einen Raki oder einem Aguadiente könnte ich hier bekommen, wenn man mich hineinließe. Aber das wäre ein schlechter Trost. Meine letzte Hoffnung ist das Bollwerk der Gentrifizierung: Die Bio-Company, die ich sonst meide wie die Pest. Aber wollten die Bios nicht immer das Obst und Gemüse der Saison anbieten? Dann haben sie im Herbst doch bestimmt auch den passenden Kuchen dazu. In der Kuchentheke so groß wie ein Flughafenterminal finde ich kleine Törtchen mit Himbeeren und Mango, die wahrscheinlich gerade in Costa Rica Saison haben. Aber Pflaumen aus Brandenburg? Ich weiß, warum ich hier nie hin wollte.

Geschlagen schlurfe ich die laute Müllerstraße zurück. Noch ein verzagter Blick an den Ort, wo bis vor kurzem eine Ableger einer Steglitzer Konditorei Erlesenes anbot. Ist jetzt türkisch und stellt feiste Sahnetorten aus, von allem ein bisschen zu viel. Doch bevor ich mich schwermütig in den nächsten U-Bahn-Schacht stürze, erscheint mir „Thobens Backwaren“. Ein billiger Berliner Kettenbäcker. Seine Filiale habe ich bisher immer hochmütig übersehen. Wer Schrippen für 9 Cent anbietet, kann doch nichts Ordentliches haben. Nichts Ordentliches? Ein Blech voll frischem Pflaumenkuchen, der in seiner Größe meiner Oma selig zur Ehre gereicht hätte. Na gut, er ist nicht ganz so saftig, aber er kostet ja auch nur 89 Cent das Stück. Ich nehm gleich zwei, und dick süße Sahne dazu. Und bevor der Sohn im Wagen aufwacht, bestell ich noch ein drittes.

In zwei Wochen fahr ich nach Hause. Meine Mutter wird 80. Ich werde ihr keinen Geburtstagskuchen mitbringen, ich werde mir einen wünschen…

Oh wie schön ist Ravensburg!

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Es ist eine dieser tropischen Nächte. Eine Nacht, in denen das Leben sich selber feiert. Eine Nacht, wie es sie nur in Berlin geben kann. Alle Fenster stehen offen. Es ist heiß, bis weit nach Mitternacht und jede Lebensregung ist öffentlich. Bis in den zweiten Hinterhof klingen die ungehemmten Stimmen der Feiernden im Vorderhaus, im Nachbarhaus und wahrscheinlich sogar aus dem Altersheim am Ende der Straße. Es ist ein An- und Abschwellen in allen Sprachen dieser Welt, ein Klingen von Gläsern und Gelächter, natürlich: Gelächter. Ausgelassenes, lebensfrohes, extatisches Gelächter. Dann plötzlich eine Pause, und in die Stille hinein brüllt der nächste Düsenjet im Anflug auf den nahen Flughafen. Ja, das ist Großstadt, das ist Leben, das ist der Wedding! Deshalb bin ich hierher gezogen! Gegen alle Vorbehalte, gegen alle Warnungen. Allerdings hatte ich damals noch gute Nerven, keine kleinen Kinder, und das unerschütterliche Vertrauen, dass der Hauptstadtflughafen am anderen Ende der Stadt termingerecht fertig würde. Darauf warte ich seit Jahren. Jetzt wäre ich froh, wenn ich noch Träume hätte. Aber für Träume brauche ich Schlaf und für Schlaf brauche ich Ruhe. Ruhe! Meine übernächtigten Augen irren in der Wohnung umher, finden das Puzzle, das meine Söhne heute stolz gebastelt haben und mein schlaftrunkenes Hirn macht daraus ein Paradies: Ravensburg! Du Stadt der Stille, du Hort der ordentlichen und friedliebenden Menschen! Alles ist sauber und ordentlich. Frohe, unaufgeregte Menschen finden ihr ihre Seeligkeit darin, den Müll zu trennen und ein Schwätzchen mit dem Müllwerker zu halten. Hier braucht man keine Rauschdrogen um glücklich zu sein. Nur ganz hinten und ganz versteckt gibt es eine Trinkhalle. Aber in Ravensburg werden die Trinker wahrscheinlich abends mit dem Müllauto vor die Stadttore gefahren, oder mit der Kehrmaschine ausgefegt. Damit Ruhe herrscht, wundervolle, himmlische Ruhe…

Nach einem viel zu kurzen, unruhigen Schlaf gehe ich am nächsten Morgen an überfüllten Müllcontainern vorbei zum Backshop in meiner Straße. Ich ordere ein Schokobrötchen. Die Besitzerin taxiert mich  kurz und mitfühlend: „Da braucht wohl einer Nervennahrung.“  Sie kennt ihre Nachbarn.