Quer durch den Garten

Ein dickes Stück Fleischwurst (…und ein Scheibchen extra vom Metzja), Bierwurst, Blutwurst, Graupensuppe (mit Ketchup), angebrannte Grießsuppe, Schulmilch, Suppe aus Tiefkühlmischgemüse und Brühwürfel (schmeckte widerlich und hieß bei uns „Quer durch den Garten“), Kartoffeln mit Rahmspinat und Ei, Sülze mit Lorbeer und Wachholder (selbstgemacht), Sunkist (aus der der dreieckigen Tüte),, paniertes Kotelett, frische Schnippelbohnen, Schnippelbohnensuppe (mit Büchsenmilch),, eingeweckte Schnippelbohnen, Kürbis (eingeweckt mit Nelken), Kräuterquark, Schweinebraten, Pfanni Klöße halb und halb, Maggi aus der Flasche, fette Rinderbrühe mit Markklößchen, Käpt’n Nuss Nuss-Nougat-Creme,  Benko-Kakaogranulat, Nesquick, Schwarze Kartoffeln aus der Glut des Kartoffelfeuers (nach der Kartoffelernte – ohne Alufolie), Buttercremetorte mit guter Butter, Riemchenkuchen mit Apfelmus, Streuselkuchen, Brausebonbons, Kammmelle!!!, Maoam, Puffreis aus der Wundertüte, Ahoi-Brause, Pez-Brausebonbons aus dem Spender, Kaugummis aus dem Kaugummiautomaten, Futterrüben, Königskuchen (mit Zitronat und Orangeat), Waffeln aus dem Waffeleisen (mit Puderzucker), Rübenkraut (Zuckerrübensirup), Himmel un Ähd (mit gebratener Blut- und Leberwurst), Apfelmus aus Klaräpfeln, Brombermarmelade (mit Rum konserviert), Vanillepudding mit Rumtopf, Vanillepudding mit Brombeersaft, Pflaumenkuchen (aus Omas Garten), Äpfel von der Streuobstwiese, Most von den faulen Äpfeln von der Streuobstweise, Äpfel vom Baum des Nachbarn, Erdbeereis vom Italiener mit dem VW-Bus, Lakritzeschnecken, Mohn-Kleesla (vom schlesischen Großvater), eingelegtes Sauerkraut aus dem Steintopf im Keller (wie bei Witwe Bolte), Bronni-Limonade, Käsekuchen mit Zitronenaroma, Stachelbeeren, Johannisbeeren, keine Cola, Karamellpudding, Döppscheskooche (mit Speck und Rosinen von der rheinischen Oma), Reibekuchen, geräucheter Aal fett (aus dem Weihnachtskorb vom Chef meines Vaters), Eseslwurst, Weckmänner mit Pfeife (zu St. Martin), Graubrot, Schwarzbrot, Eiflerbrot (kein Toastbrot), Hefezopf, Jägerschnitzel, Zigeunerschnitzel, Apfelgelee mit Nelken, Appelkraut, Matzen, Bienenstich, Malzbier, Walderdbeeren, Morbeln (Blaubeeren, selbstgesammelt), Weihnachtsplätzchen aus dem Fleischwolf, Makronen auf Esspapier, Esspapier, Esspapier mit Brausepulver din, Kartoffelsalat mit Mayonnaise, Tomaten mit Mayonnaise, Mayonnaise aus der Tube, Pommes aus der Fritteuse, Käseigel, Ritz-Kräcker, Kuchenteig, Fondant, Schwartenmagen, Stuten (Rosinenbrot), Dolomiti, Rouladen mit Rotkohl, dicke Pfannkuchen mit fettem Speck, Berliner, Kraftfutter für Rinder (lässt sich schön knabbern), Hefextrakt (für blasse Kinder), Plastikgranulat, Wrigley Fruty Juice (wenn man’s runterschluckt, gibts einen großen Klumpen im Magen, sagten alle), Bohnenkaffee, Muckefuck (mit Milch und Zucker), Edle Tropfen in Nuß, Mon Cherie (heimlich), salziger Haferschleim (die Reste von der magenkranken Großmutter), Grießbrei mit Rosinen, Götterspeise mit Sago, Hostien…

Komm lieber Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns beschert hast.

Amen!

Der alte Russ

Wo er wirklich herkam, wußte niemand so genau. Und niemand wollte es wirklich wissen. In unserer Familie ging das Gerücht, dass er der verrückt gewordene Sohn reicher Leute aus unserer Stadt sei. Aber das war nur eins der vielen Gerüchte, die in unserer Familie so daher erzählt wurden. So wie das von Onkel Nick, dem U-Boot-Fahrer. Alles was von ihm geblieben war, war ein Foto mit einer Mütze der Kriegsmarine und eine Postkarte aus Oslo. Da schrieb er, dass es bald losgehen werde und dass er sich freue. Das war 1943. Onkel Nick ist nicht wiedergekommen, aber unter seinen neun Geschwistern hielt sich das Gerücht, dass sein Boot in der Ostsee versenkt worden wäre. Er sei einer der wenigen Überlebenden gewesen und in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Das hatte ein Nachbar erzählt, um meine Großmutter zu trösten, die die Nachricht vom Tod ihres Sohnes nicht ertragen konnte und nächtelang klagend durch ihr Haus gelaufen war. Er erzählte ihr, dass die Sache mit der Gefangenschaft im „Feindsender“ gehört habe, wo Listen der deutschen Gefangenen verlesen wurden. Nun, das war edel und mutig, denn auf das Hören ausländischer Sender standen hohe Strafen, und es verfehlte seine Wirkung nicht. Aber es war so wenig wahr wie das Gerücht, dass der „ahle Russ“, ein Obdachloser, der mit seinem grauen Bart und seinem schmierigen Mantel ab und zu unsere Straße herunter lief,  wirklich ein Russe war.

Für ein Kind ist es ein Leichtes, das Gerücht von dem in Russland verschollenen Onkel mit dem von einem alten Mann aus Russland zusammen zu bringen. Die Welt um mich herum war voll mit Spätheimkehrern und Männern, die nicht darüber sprechen wollten, was sie erlebt hatten. So war das Erscheinen der ausgestoßenen Kreatur für mich immmer mit einem schönen Schauer verbunden. Ich ging im aus dem Weg, wie alle, das war klar. Nur ein paar Mutige, warfen ihm ein freches: „Na, alher Russ“ an den Kopf, um schnell wieder zu verschwinden. Der Alte antwortete nie und stieß auf die Frecheiten nur ein gequältes Brummen aus. Aber für mich war klar, das musste mein Onkel sein- und keiner außer mir wußte es.

Und wenn das Leben ein Roman wäre, dann könnte ich jetzt erzählen, wie ich dem Mann nachgeschlichen bin, wie ich herausfand wo er wohnte, dass ich irgendwann den Mut gefunden hätte, ihn anzusprechen und dass er mir ein Freund geworden wäre, von dem ich alles alles das gelernt hätte, was mir mein Wirtschaftwunder-Vater, der immer auf Achse war, nie die Zeit hatte mir beizubringen. Aber Romane werden ja deshalb so gerne gelesen, weil in ihnen das Unwahrscheinliche geschieht, das Magische, das, was alle sich wünschen, was aber in im eigenen Leben eben nie vorkommt.

Der alte Russ war eines Tages einfach verschwunden, und keiner verlor ein Wort darüber. Verschwunden wie die andern Männer, die mich als Kind faszinierten. Der „Hunsrücker“, ein fliegender Händler, der ein mal im Monat auf dem Parkplatz vor dem Ausflugshotel seinen Stand mit billigen Kindersachen aufschlug und der „Eifler“, der uns einmal in der Woche drei glänzende Brotlaibe brachte, aus denen dann meine Mutter die Butterbrote machte, die mein Vater auf seine langen Fahrten nach Berlin mitnahm, um Spesen zu sparen.

Ein paar Jahre später erfuhr ich, dass das Haus, in dem der alte Russ gehaust hatte, abgerissen werden sollte. Es lag hinter dem Friedhof auf einer schönen Wiese mit Obstbäumen. Und es war trotzdem ein unheimlicher Ort. Ich näherte mich der fensterlosen Ruine nur zögernd, Schritt für Schritt. Als ich über die Schwelle trat, knischte unter meinen Sohlen zersplittertes Glas und Metall. Die Räume waren vollgestoft mit Müll und nutzlosem Gerümpel. Der alte Russ war ein Messi gewesen, der alles Alte in unserem Städtchen zusammenraffte und in Plastiktüten in seine Höhle brachte. Ich fand einen schönen Wecker, Junghans, braun mit Leuchtziffern und glänzendem Zifferblatt. Zu Hause versuchte ich ihn wieder zum Laufen zu bringen. Ich wollte ja immer ein Mechaniker sein, um meinen Vater zu beeindrucken. Aber ich bin keiner. Irgendwann raffte meine Mutter die von mir achtlos liegengelassenen Einzelteile zusammen, und schmiss sie in den Mülleimer.

Ach ja: Mein Onkel ist im Mittelmeer gestorben. Sein Boot wurde auf seiner ersten Fahrt von einem britischen Schiff versenkt. Es gab keine Überlebenden. So steht es seit 1943 im Sterberegister unserer Stadt.

 

 

 

Living next door to Alice

Der leichte Nieselregen schluckt das funzlige Licht der wenigen Straßenlaternen. Die Fenster der Häuser sind finstre Löcher. Es ist eine der Straßen, in die Männer nicht alleine gehen sollten. Das sagt einem schon das Gefühl. Und mein Gefühl ist nicht gut, als ich in die schäbige Gasse neben der alten Fabrik einbiege. Kein Mensch unterwegs, die wenigen Autos jagen schnell vorbei. Ich überlege kurz, ob das eine der Gegenden ist, vor denen die Polizei warnt. Eine der Gegenden im Wedding, die man nach Sonnenuntergang nicht mehr betreten soll. Ach was, lache ich in mich hinein, und wische mir den Regen und den Schweiß von der Stirn. Es wird schon gut gehen. Ich kann mir Vorsicht nicht leisten: Ich bin ich bin nicht mehr jung und ich habe keine Wahl.

Als ich den Laden betrete bin ich allein. Die Ruhe die mich umfängt, als die schwere Tür der alten Lagerhalle hinter mir zufällt, ist gespenstisch. Das Licht blendet. Noch kannst du gehen, durchzuckt es mich, aber als mich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, sehe ich, das ich richtig bin: In großen Stapeln liegt vor mir der Stoff, den ich so dringend brauche .

Und da kommt auch schon die Frau – es ist immer eine Frau – aus dem Hinterzimmer angeschlichen, um ihr Opfer zu betrachten. Es ist schwer zu schätzen, wie alt sie ist. Ihre Augen sind im Laufe der Jahre zu arglistigen Schlitzen geworden, sie ist billig geschminkt und ihre Haare türmen sich zu etwas auf, was einmal eine Frisur war. Wir sind allein, nur sie und ich. Ich merke, wie ich nervös in meinen Manteltaschen die Fäuste balle. Sie schaut mich von oben bis unten an – das ist der erste Teil des Rituals, das ich hasse und durch das ich jetzt durch muss. Die Alte fragt mich gleichgültig, was ich brauche. Sie weiß, dass sie mich jetzt in der Hand hat. Ich könnte schreien, aber niemand würde mich hören. Ich nenne ihr zwei Nummern – Es sind seit Jahren immer die gleichen: 34 -32, Es ist ein Code aus den USA, und ich hoffe, dass er auch diesmal klappt. Sie äugt mich mißtauisch an und gibt mir die eiskalte Antwort: Na, de Beene sin ja noch schlank – aber ohmrum, da jeb ich ihn bessa ne 35.

Es ist schwer als Mann, bei diesem Deal seine Würde zu behalten. Wie ein getretener Hund verschwinde ich mit dem Stoff, den die Frau mir zugeteilt hat hinter dem Vorhang. Ein erster Test sagt mir: Er ist gut, atemberaubend gut. Ich halte die Luft an. Ich schaue in den Spiegel und sehe – einen jungen Gott! Was das Zeug alles mit einem macht… Das war der Kick, den ich gebraucht habe. Mit stolz geschwellter Brust verlasse ich die Kabine – da steht auch schon die Alte und taxiert mich. War wohl n bissjen ville Jans an Weihnachten, wa? Dit sitz ja wie eene Corsasch bei ihnen.

Die Luft ist raus, der Rausch verflogen. Ich hasse sie. Und ich ahne, dass es noch schlimmer kommen wird. Ohne Kommentar reicht sie mir ein sackartiges Gebilde, das mich wieder aufatmen lässt. Ein alter Mann schaut mich aus dem Spiegel an. Fehlen nur noch die Hosenträger.  In der andan wah ihr Po aba knackijer, feixt die Alte zufrieden und ich frage mich, obs hier irgendwas zu übermalen gibt, so wie bei der Alice-Salomon-Hochschule ein paar Kilometer entfernt. Platter geht der Sexismus ja wohl nicht. Vielleicht die Plakate mit den durchtrainierten Knaben, die überall an der Wand hängen und die mir ein gnadenloses Körperschema aufzwingen, vielleicht die Preisschilder mit den Prozentzeichen, die die Ware dieses Outletcenters anpreisen und die Männer wie mich dazu bringen, sich in die Krallen dieser zynischen Wölfin zu stürzen.

Ich nehme natürlich beide Hosen, die vernünftige und die knackige. Ick ha ihn da een Sonderpreis druf jemacht, gurrt die Verkäuferin mütterlich. Veilleicht merkt sie, dass sie zu weit gegangen ist. Aber was bringt mir das gesparte Geld, wenn ich damit gleich in den nächsten Supermarkt rennen muss, um das Schokoladenregal leerzuräumen?

Es gibt Wunden, die nicht verheilen.

 

Ohnemichel

Unbenannt

Quelle: Spiegel online.de

Ich kann’s nicht glauben. Eine Berliner Hochschule lässt sich durch Druck der Studierenden dazu bewegen, ein Gedicht von einer Wand zu entfernen, weil es nach deren Ansicht sexistisch ist. Haben die Professoren nicht das Rückgrat, die Freiheit des Wortes und die Freiheit der Kunst ihren Studierenden beizubringen und zu verteidigen?

Das Gedicht ist schön, es ist formal perfekt und es handelt von Frauen, Blumen und einem Verehrer. Ist das heute schon ein Vergehen? Ist das der Geist, der heute an unseren Unis herrscht? Was kommt als nächstes? Gehen die Studierenden in die Bibliothek und reißen alle Bücher raus, in denen das Wort „Frau“ in Verbindung mit „Verehrer“ gedruckt steht? Und ich dachte, unsere Freiheit wird fremdländischen Terroristen bedroht, von engstirnigen Radikalen, die sich die Welt nach ihrer Lesart der heiligen Bücher machen wollen.

Wenn diese Studierenden die künftigen Erzieherinnen und Sozialpädagogen werden, dann bitte ich doch vor der Einstellung um einen Gesinnungstest, damit  sie meine Kinder nicht mit ihrer engen Weltsicht vollsülzen dürfen.

Wenn ich bei Facebook wäre würde ich jetzt einen Hashtag aufmachen, in dem man Beispiele der neuen Prüderie und der Gesinnung posten kann. Und ich möchte dann unter jeden drunterschreiben, dass diese Sittenwächter nicht in meinem Namen schreiben:  #notme

 

 

Morgens halb 10 in Deutschland

Gerade habe ich die sanft nostalgische und schön doppelbödige Postgeschichte von Matthias Engels gelesen. Und ich erlaube mir hier, diese Geschichte in die Gegenwart zu verlängern. Es ist ein Beitrag, den ich schon mal vor drei Jahren gepostet (sic!) habe. Aber weil ich nicht weiß, wie „rebloggen“ geht, habe ich ihn einfach  kopiert und drücke jetzt auf „Veröffentlichen“. Viel Spaß:

Ich spiele mit meinen zwei Jungs vor dem Haus. Sie sind bald drei Jahre alt und wollen wissen was es alles in der Welt gibt und wie es heißt. Der Postbote kommt auf seinem gelben Fahrrad. „Das ist der Postbote“, sage ich, „der bringt die Briefe.“ Der Mann von der Post hat gute Laune und spielt mit: „Sagt mal: Guten Tag Herr Postbote, hast du einen Brief für mich?“ Ganz beeindruckt von der Respektsperson in gelb und schwarz echot es brav unter mir: „Hast du einen Brief für mich?“  Wir bekommen unsere Briefe, und das Vaterherz füllt sich mit Rührung. So soll es sein: Freundliche Briefträger mit viel Zeit  scherzen mit fröhlichen Kindern, verabschieden sich mit einem Lächeln und radeln davon. So war es immer, so wird es immer sein. Ich bin sicher, der Briefträger rangiert im Weltbild der Kinder jetzt gleich hinter dem Weihnachtsmann. Da rumpelt ein klappriger Lieferwagen vor uns auf den Bürgersteig, bremst hektisch und stellt sich quer. Der gelbe Lack ist verblichen und glänzt nur da, wo früher das DHL-Logo klebte. „Das Paketauto“ jubeln meine Jungs kundig. Die Tür fliegt auf, und mit zwei Paketen unter dem Arm hetzt ein bärtiger Mann aus dem Laderaum.  Es ist der arme, selbstständige Vetter des Postboten, einer, der „Service im Auftrag von DHL“ leistet, wie es das Schild in der Beifahrertür wissen lässt. Er sieht uns und die großen, erwartungsvollen Augen der Kinder. „Ich hab nichts für euch“, schreit er uns auf zwanzig Meter Entfernung an und verschwindet im nächsten Hauseingang.

Morgens, halb 10 in Deutschland.

 

Vor dem Sturm

Am letzten Tag des Jahres bin ich mit der Kamera noch mal bei mir „ums Carre“ gegangen, solange es noch ruhig und verschlafen ist. In zwei Stunden ist hier Böllerkrieg. Ich wünsche euch trotzdem ein friedliches neues Jahr.

 

Stallwache

Als ich ein kleines Kind war, pflegte meine katholische Tante mit uns die schöne Tradition, nach den Feiertagen in die stille, leere Kirche zu gehen – zum „Krippchengucken“. Und sie achtete stets darauf, dass wir auch  ein paar Groschen dabei hatten, die wir in eine Metalldose werfen durften, auf der ein braunes Mohrenkind mit Turban saß. „Für die Mission“ stand darauf. Ich meine mich erinnern zu können, dass es für jede Münze dankbar mit dem Kopf genickt hat. Die kitschigen Gipsfiguren der Hirten hingegen verharrten bewegungslos auf den ewig gleichen Positionen und beteten das Kindlein an. Erst zu Heiligdreikönig verschwanden sie im Keller des Küsters.

Ja, die Zeit zwischen den Jahren ist eine Zeit des Verharrens. Das habe ich damals gelernt. Und es hilft mir bis heute. Denn seit zwei Tagen bin ich zum Hirten geworden, der einsam wacht, während alle Kolleginnen und Kollegen zu Hause ihre Kindlein anbeten. Ich wache über leere Postfächer, stille Telefone und Berge von ungeöffneten Weihnachtkarten. Ich bin allein im Büro. Ich mache die Stallwache, habe ich meinem Chef gesagt. Mein Urlaubskonto ist leer und ich brauche das Geld. Vielleicht bin ich auch gar kein Hirte, sondern das kleine Mohrenkind, das sich dafür bedanken will, dass mein Chef regelmäßig ein paar Münzen in meine Lohntüte geworfen hat. Wer weiß?

Heute ist der dritte Tag. Meinem Nachbarn aus der andern Abteilung habe ich gesagt, dass er alle paar Stunden mal vorbei kommen soll, um zu schauen, ob ich noch lebe. Er hat’s versprochen, ist aber wahrscheinlich in die Kantine abgehauen. Kein Pflichtgefühl mehr, diese Jugend. Natürlich könnte ich auch was tun – arbeiten meine ich. Endlich mal die wichtigen Studien lesen, die auf meinem Fensterbrett verstauben, böse Mails an andere Kollegen schreiben, auf deren Mitarbeit ich warte. Aber was soll’s? Ist eh keiner da. Statt dessen warte ich, bis die Deckenbeleuchtung sich wieder automatisch ausschaltet, weil sie keine Bewegung an meinem Arbeitsplatz feststellt. Dann stehe ich auf, laufe einmal bis zur Tür und winke mit den Armen. Dann wird’s wieder hell. Das brauche ich, um meine Zeitung richtig lesen zu können. Bevor ich mit der Zeitung angefangen habe, bin ich im Büro unserer Sekretärin gewesen und hab die Urlaubspostkarten studiert. Sie kommen aus dem Sudan oder aus dem Kurort Berggrieshübel. Viele sprechen von Entspannung, die endlich zwischen Bergen oder an der See gefunden wurde. Aber auf vielen ist auch zu lesen, was die lieben Kollegen noch nicht geschafft haben. „Ich habe es noch nicht auf den Gipfel geschafft“ oder „Ich habe es bis heute nicht geschafft, eine Karte zu schreiben“. Welch ungesunde Hektik spricht aus diesen Zeilen. Ich wende mich wieder der Zeitung zu.  Axel Hacke schreibt in der Süddeutschen, dass es sich im ausklingenden Jahr eine ironische Form der Kanzlerinnen-Parole „Wir schaffen das“ eingebürgert habe. „Ja, das kriegen wir hin“, soll allerorten die Antwort der dienstleistenden Massen sein. Hab ich in Berlin noch nie gehört. Ob ich es dieses Jahr noch hinkriege meinen Schreibtisch aufzuräumen? Ich habe noch drei Stunden Zeit. Klar kriege ich das hin. Aber vorher gehe ich in die Kantine. Vielleicht treffe ich da meinen Kollegen – wenn er noch lebt.

Das gelobte Land

Mit einer Tasche voller Weihnachtseinkäufe (der Christbaumständer fehlt noch) stolpere ich ins „Haircut 64“, ein arabischer Friseurladen im Afrikanischen Viertel. Noch einmal ordentlich hübsch machen für die Feiertage. Der diensthabende Figaro tut so, als erinnere er sich an mich:

Stufe 5 , einmal alles, oder?

Nein, Stufe 6 an den Seiten, Stufe 9 oben – so war das.

Ehrlich? Wollen Sie auch rasieren mit warmen Schaum und Wachs an den Seiten?

Nein, aber Augenbrauen ausdünnen und Ohren absengen.

Während er mir den Kragen umschlägt und  mich in einen schwarzen Umhang hüllt (mit Sichtfenster für die Hände – und das Handy), kommt ein junger Kerl mit langem dunklen Bart, mehr Hipster als Taliban, aus dem Hinterzimmer. Anscheinend hat er dort etwas im Internet gefunden, was seine Meinung unterstützt. Aufgeregt deklamiert schon im Anlauf auf seinen Kunden, den Mann neben mir: Oualla, ein Palästinenser hat bereut, dass er mit den Israelis zusammen gearbeitet hat. Er sagt, er will sterben, diese Schande. Was macht man mit so einem? Sein Kunde, ein massiger Araber, brüllt die Antwort, als stände er ohne Megafon vor einer Versammlung im Gaza-Streifen: Einen Verräter erschießt man oder man hängt ihn auf. Wenn Krieg ist, erschießt man ihn! Genau!, pflichtet der Bartjunge zu, ich hasse die Israelis.

Ich liebe Amerika, gibt sein Kunde überraschend  zurück. Amerika ist großartig. Aus Amerika kommt alles was wir lieben. Was für Zigaretten rauchst du?, fragt er den jungen Palestinenser. Äh, ich rauche türkischen Tabak. Der Freund der USA versucht es noch mal anders herum: Aber du trägst Jeans, die kommen aus Amerika. Du trägst keine palestinensischen Kleider, du trägst amerikanische. Amerika ist die wichtigste Wirtschaft auf der Welt, doziert er mit Stentorstimme weiter. Sogar unser Benzin kommt von da. Deutschland ist schwach. Der DAX ist bei 13 000 in Amerika sind sie bei 23 000!

Aber dich lassen sie nicht rein, gibt der Junge keck zurück. Du bist Araber. Die wollen dich nicht! Und Deutschland gibt dir Sozialamt und Asyl und Wohnung. Warum liebst du nicht Deutschland? Ich habe einen Traum, brüllt der Araber, jeder muss einen Traum haben. Irgenwann lassen sie mich rein. Jedes Land hat mal einen guten oder einen schlechten Chef. Das ist so. Und du? Warum lebst du nicht in Palästina, wenn du es so liebst? Ich sag dir: Ich finde es gut, dass die Israelis da sind. Die Israelis sind eine Demokratie! Die Araber kommen aus Afrika.

Das ist unser Land, gibt der Palästinenser ruhig zurück. Nein, beharrt der Araber, das gehört den Israelis. Moses hat es ihnen vor 2000 Jahren gegeben. Das ist ja schon eine ganz schöne Weile her, mische ich mich ein. Mein Friseuer gluckst vor Freude. Mir scheint,  dass er das Gebrüll nicht sonderlich ernst nimmt und sich auf eine deutsche Arabeske freut. Aber die Nachbarn sind zu sehr in ihrem gepflegten Streit, als dass sie auf mich eingehen könnten. Mittlerweile geht’s wieder ums Sterben.

Was machen die Israelis, wenn du ihr Feind bist?, fragt der Araber. Die schießen auf dich, und wenn du verwundet bist, bringen sie dich ins Krankenhaus, das machen die Israelis. Und was machen die Palästinenser? Wenn du ihr Feind bist, dann reißen sie dir den Arsch auf, mit einer Flasche, sie vergewaltigen dich. Der Palästinenser wird immer ruhiger. Vielleicht ist es auch nur der Respekt vor dem Kunden. den er nicht verlieren möchte. Die Israelis erschießen jeden Tag Palästinenser – und ich bin bereit zu sterben für mein Land, sagt er aufopferungsbereit. Sein Kunde greift das sofort auf und dreht es um: Du lebst hier. Und wieviel Araber erschießen die Israelis pro Tag? Vielleicht drei, vielleicht fünf. Und wieviele Araber tötet Assat in Syrien jeden Tag? Ich sag dir: Es sind hunderte!

Während der Nahostkonflikt sich ausbreitet, hat mein Friseur sein Feuerzeug gezückt und lässt die Flamme über meine Ohren lecken. Es riecht nach verbrannten Haaren.

Die Mutter des Weihnachtsmanns

Die blasse Postkarte zeigte ein Landschaftgemälde aus dem 18. Jahrhundert. Mit Bleistift war darauf geschrieben „Wir planen eine Einladung zu einem kleinen Abendessen, damit wir unseren neuen Nachbarn kennenlernen.“ Unterschrift unleserlich. Ach wie nett, dachte ich. Die Bestimmtheit, mit der der Anspruch, mich als neuen Mitbewohner kennen zu lernen hier formuliert wurde, ließ mich an eine ältere Dame denken, die noch weiß was sich gehört. Und tatsächlich hatte ich mich nicht im Haus vorgestellt, nachdem ich eingezogen war, was sich ja eigentlich gehört – oder mal gehört hat.

Aber doch nicht im Wedding. Die vierschrötige, wortkarge Berlinerin unter mir, die ich in ihrer Gartenbauerkluft für die Hausmeisterin hielt, die den graugrünen Leinsockel im Flur mit Blümchen und Katzenbildern verschönert, hatte mir gereicht. Als ich bei ihr klingelte, um Bescheid zu geben, dass ich am Sonntag mal ein paar Löcher bohren müsste, öffnete sie den Mund, wölbte ihre Zunge nach vorne, die mit  ein paar Leberwurstresten belegt war, überlegte kurz und grunzte: War ja ooch schon laut vergangenen Sonnabmnd. Eine Katze schlich zwischen ihren Beinen hervor, und ich fragte wie viele sie denn habe. Neune, sagte sie, aba varpfeifn se mich nich bei der Verwaltung. Türe zu.

Die steinalten Leutchen übern Flur wollten auch keinen Kontakt.  Als ich bei ihnen wegen eines Päckchens klingelte war die Tür gleich wieder zu.  Eine Treppe höher das Gleiche. Jetzt also die Karte.

Zwei Wochen später die nächste Nachricht. Eine Karte aus Kew-Gardens bei London. „Freitag 19 Uhr würde uns gut passen.“ Jetzt waren zwei Unterschriften darunter, von denen ich eine lesen konnte. Ich warf eine Karte (Landschaftsmalerei, 19. Jarhundert) in den Kasten und sagte für Freitag zu.  Ich muss sagen, ich war gespannt auf ein Dinner für drei mit Miss Sophie und ihrem Gatten.  Aber am Tag vorher traf ich im Hausflur eine kleine schwarzhaarige Frau, etwa mein Alter und eine jüngere baumlange blonde Walküre in einer Felljacke. Beide sagten, sie freuten sich auf unsern Abend. Ok, dachte ich: lesbisches Pärchen. Das wird ja nicht einfach.

Mit einer Flasche Wein klopfte ich im vierten Stock. Die kleine Schwarze öffnete, war geschäftig am Telefon und winkte mich ohne Gruß in die dunkele Wohnung. Dunkle alte Möbel, verblasste Landschaftsmalerei an der Wand, Teppiche auf dem Boden. Wer so wohnt, wohnt so schon lange. Als ich eine Weile mit der Hauskatze gespielt hatte, machte ich mich bemerkbar. Ohne Zeichen von Verlegenheit legte meine Gastgeberin das Telefon weg. Das Gespräch war nicht nach ihren Wünschen verlaufen. Die Nachbarin kommt noch nicht, sagte sie, weder freundlich noch entschuldigend. Wie immer, setzte sie noch hintendran. Der Tisch war gedeckt, aber einen Platz bot sie mir nicht an. Auch schien sie von mir zu erwarten, dass ich das Gespräch am laufen halte.  Ich versuchte es mit den Landschaftsbildern. Ach, die hab ich bei ebay ersteigert, aber langsam hab ich dafür keinen Platz mehr. Ende des Gesprächs.

Mir wurde klar, dass ich hier kein Gast war, sondern ein Aspirant. Das würde ein Vorstellungsgespräch werden. Wir plänkelten ein bisschen über den Garten und meine Zufriedenheit mit der Wohnung, da bekam ich schon das Du angeboten. Also Margarethe. Ich gehörte jetzt zur Familie. Seit „Der Pate II“ weiß ich, was das bedeutet. Endlich schneite die Nachbarin herein. Plappernd, lächelnd, Grande Dame, aber die Hausherrin blieb klar die Chefin am Tisch, an den wir uns endlich gesetzt hatten. Was macht der Syrer? fragte die Madame, als ob ich nicht dabei wäre. Die Schwarze winkte ab. Der kommt nicht mehr, seit ich ihm über die Approbationsprüfung geholfen habe. Männer blieben das Thema des Gespräches, zu dem ich nur wenig beizutragen hatte. Meistens Männer, die schon wieder weg waren. So wie der Vater der großen Tochter, die Walküre von gestern, die jetzt im roten Sportdress erschien und sich von Mutti kurz den Rücken richten ließ, bevor sie, mehrfach ermahnt, Fahrradhelm und Schutzweste zu tragen, aus der Wohnung floh. Zwischendrin hatte sie mir noch ein Lustiges Taschenbuch aus ihrem Zimmer in die Hand gedrückt: Sie haben doch Zwillinge. Es blieb das einzige Zeichen des Willkommens an dem Abend. Kaum war die Tochter weg, war ich mit Marion per Du und wir kamen endlich auf das Thema unseres Geschäftsessens: Das Haus und die Bewohner. Der Trinker im Dritten, der mit der Tochter der Hausmeisterswitwe aus dem Parterre verheiratet war. Der Sohn der Gartenbaufrau, der vorher in meiner Wohnung wohnte, ständig Party machte und dann endlich rausflog. Die leise Mutter mit den Zwillingen, deren Vater man nie sieht. Das irre Projekt der Hausverwaltung, das Margarethe erfolgreich verhindert hatte, einem Erfolg, dem ich auch meine Wohnung zu verdanken hätte. (in den wunderbaren großen Garten sollte ein weiteres Wohnhaus gesetzt werden und dafür im Vorderhaus zwei Wohnungen für die Durchfahrt abgerissen werden, weshalb meine Wohnung lange leerstehen gelassen wurde.)

Ich glaube, Margarethe wollte mir zeigen, wer hier im Haus die Fäden in der Hand hält. Wenn Margarete schon die Männer immer wegliefen, ihr Sohn ein Tunichtgut war, dann hatte sie wenigstens in den 25 Jahren das Haus unter ihre Kontrolle gebracht: Wenn der alte Frank sich endlich zu Tode gesoffen hat, kriegst du seine Wohnung, Marion, da sorge ich für, sagte sie zur Verabschiedung zur Nachbarin. Auch für mich fiel was ab. Ich brauchte noch einen Weihnachtsmann für meine Jungs. Eine Nachricht an ihren Sohn ging sofort raus. Wenn er nicht wieder total spinnt, sagte sie lakonisch, steht er an Heiligabend um Fünf vor deiner Tür.

Frohe Weihnachten

 

 

 

 

Vom richtigen Zeitpunkt

Es gibt ja Sachen, die müssen gemacht werden. Aber ich mache sie trotzdem nicht. Oder zumindest nicht dann, wenn sie gemacht werden sollten. Ein andermal eben, wenns besser passt, wenns gut reinläuft. Aber wenn ich nach dem Lustprinzip leben will wie ein alter Hippie und gleichzeitg meine bürgerliche Existenz weiter führen will, dann führt das dazu, dass mir für die Pflichtaufgaben nur ein freies, also kinderfreies, Wochendende übrigbleibt. Freedom’s just another word for nothing left to loose. Und das sieht dann so aus:

Freitagabend um Sechse darf ich aus dem Büro. Es ist dunkel und kalter Niesel zieht mir die Schultern hoch. Prima Wetter für einen ersten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, denke ich, muss mich stärken für die halbe Stunde mit dem Rad nach Hause und die Besorgungen, die ich machen muss. Glühwein denke ich und Bratwurst. Bratwurst ist nicht, sagt mir mein Kopf. Du bist Vegetarier. Aber es ist doch Weihnachten, entgegne ich. Es ist noch nicht mal Advent, kommt es barsch zurück. Ich habe Glück: In der hinteren Ecke  des verloren wirkenden Weihnachtsmarktes zwischen Friedrichstraße und dem Bundespresseamt rieche ich heimatliche Düfte: rheinische Reibekuchen. 100 Prozent vegan und gibt’s nicht alle Tage. Das Gewissen ist zufrieden, der Bauch auch. Mit dem Schoppen Glühwein fährt sichs beschwingt durch das Sauwetter. Wolltest du nicht noch zur Post, das Päckchen mit den Legosteinen für die Jungs abholen? Nö, Freitagabend ist da immer ne riesen Freitagabendschlange, für alle, die sonst nie Zeit haben. Ich geh da morgen früh hin, gleich um Neune. Dann ist da keiner.

Samstagmorgen um Zehne ist die Schlange noch länger als am Tag davor. Natürlich hatte ich vor, um Neune da zu sein. Aber die Nacht war kalt. Die Nachbarin im Parterre unter mir spart wohl an der Heizung. Und als es endlich warm wurde in meinem Bett wurde es auch schon hell. Wer kann da von einem verlangen, gleich aufzuspringen? An meinem freien Tag? Nach einer halben Stunde Schlange bin ich dran. Na, das Päckchen hätte wohl auch durch meinen Briefschlitz gepasst, meckere ich die Postfrau an. Hätte schon, gibt sie mit einem Hauch von Demut zurück, aber es war ja nie bei ihnen. Unser Fahrer hat es gleich hier gelassen, und bei ihnen eine Karte reingeworfen. Na dankeschön! Wenn sie sich beschweren wollen: Das haben heute schon sieben andere getan. War auch schon in der Presse. Der Nächste bitte!

Ich finde Trost im Simit Evi, dem türkischen Frühstückscafe vor dem neuen Jobcenter, gleich neben der Bibliothek. Bibliothek, denke ich. Wolltest du nicht mal wieder ein Buch lesen? Immerhin warst du vorgestern bei der Lesung von Salman Rushdie. „Golden House“ ist natürlich reserviert, aber Robert Harris „München“ gibt es. Auch neu. Wieder Geld gespart, lobe ich mich, bis ich draußen versuche meinen Helm aufzusetzen. Klappt nicht, weil der ist nicht da. Zurück zum Türken, zurück zur Post. Weg! Na, war sowieso alt, sag ich mir und zum Fahrradladen wolltest du eh.

Der winzige Radladen, den ich schon seit Jahren am Leben erhalte, wird bevölkert von einem struppigen Rothaarigen, der aus Mittelerde gefallen zu sein scheint und einer Spanierin, die sich stolz weigert, Deutsch zu lernen. Zudem ist sie schwerhörig. Als ich den Laden eine halbe Stunde später verlasse, habe ich einen himmelblauen italienschen Sturzhelm mit rotem Rücklicht und eine Tüte mit Ersatzteilen für die Räder meiner Kinder. Die Spanierin hat dafür die Adresse meiner Hörgeräteakustikerin. Und weil ich so glücklich bin mit meinem Kauf, geh ich zu Tschibo. Da finde ich immer was, von dem ich nicht wusste, dass ich es brauche. Und solche Besorgungen müssen ja auch erledigt werden. Heute ist es ein zusammenfaltbarer Rucksack, der in eine handkäskleine Tasche passt. Eine direkte Weiterentwicklung der Dederon-Einkaufsbeutel aus der DDR. Was war das für ein Geächtse im Februar, bei meinem Asien-Urlaub. Ein großer Rucksack und ein Koffer, aber nichts für einen Tagesausflug in die Stadt. Und jetzt? Perfekt gerüstet. Und weil er so gut und so federleicht an meinen Rücken passt, lasse ich ihn gleich an. Schwarzer Rucksack auf schwarzen Mantel – passt perfekt.

Nächste Station Bio-Laden. Ich schlage ordentlich zu, denn ich will mal wieder was Ordentliches kochen. Aber als ich einpacken will, suche ich den Rucksack – vergeblich. Voll Ingrimm bitte ich die Verkäuferin, die Sachen für mich aufzubewahren, während ich mir zurück in Richtung Tschibo mache. Weil ich mich inzwischen gut auskenne mit mir, brauche ich nur bis zur nächsten Ampel, um raus zu bekommen, dass der schwarze Riemen auf meiner Schulter vor einer halben Stunde noch nicht da war. Trägt wirklich nicht auf, das Ding. Zurück zu Hause merke ich, dass ich auch noch beim Drogeriemarkt war und staple die fünf Packungen Rasierklingen zu den vier, die schon da waren.

Warum erzähle ich das alles? Weil genau jetzt, nach einem so wundervollen Morgen, jetzt, wenn das fahle Licht der Sonne noch ausreicht, die Staubflocken zu erkennen; jetzt, solange die mürrische Nachbarin sich nicht auf Mittags-, Sonntags- oder Totenruhe berufen kann, genau jetzt eben der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um meine Wohnung zu saugen. Was mir drei Wochen unmöglich erschien -jetzt wird es Wirklichkeit. Wie ein Derwisch wirbele ich durch die Zimmer, verschiebe Betten, lüpfe Teppiche, demontiere die Kindereisenbahn um nun auch jedes, aber wirklich jedes Staubkorn zu erwischen. Nach einer einer erfolgreichen Jagd, auf der ich auch noch ein paar Playmobil-Schwerter durch den Schlauch habe rasseln lassen,  blase ich den Rauch aus der Mündung meines Staubsaugers. Gut gemacht! Und im Schein der untergehenden Sonne sehe ich meine nächste Beute: Die Bügelwäsche. Schon glüht das Bügeleisen, schon knallt das Bügelbrett in Position… Nichst ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.