A Farewell to Yoga #1

Erster Tag: Mal wieder Fasten und Yoga im Gutshaus.
Es ging leicht, diesmal, der Einstieg  ins Fasten zu Hause, neben den zwei letzten Arbeitstagen im Homeoffice. Mein Körper wusste schon, was ich von ihm wollte, aber zwischen Computerbildschirm und Sofa hing ich etwas matt in der Gegend herum (bis ich einen Flash bekam und innerhalb von zwei Stunden in meiner Ablage Frühjahrsputz machte). Die Sachen packte ich in der letzten Minute aber immerhin: kein Hunger, keine Sehnsucht nach Essen. Mit der Bahn und vollgepacktem Rad nach Fürstenberg. Von da sind es noch 20 Kilometer bis zum Gutshaus. Gleich in Fürstenberg nahm ich Platz auf eine Tasse Kräutertee im fröhlichen Bahnhofscafé, für das ich immer dankbar bin, dankbar für das kleine Stück Berlin in Brandenburg.  Auf dem Weg vorbei am KZ Ravensbrück wurde mir klar: Heute fährst du den geraden Weg, nicht den Auf-und-Ab-Weg durch den Wald, durch Himmelpfort an der Draisinenstrecke entlang, sondern die Autostraße, die beständig leicht ansteigt. Langsam mit wenig Kraft, aber kontinuierlich kam ich voran. Genau danach war mir, auch weil das Rad unter den Paktaschen verdächtig schwankte. Ich schaffte es tatsächlich, ohne zu schieben, bis auf den Hügel des alten Gutshofs, der zu DDR-Zeiten als Ferienanlage für ein Berliner Elektrowerk ausgebaut worden war. Japsend, aber stolz.  Und wurde empfangen von Christa, der großen, rothaarigen Hippiefrau, die ich schon von einigen Seminaren kenne. Ach je, was ich schon alles probiert habe…

Zweiter Tag: heute Morgen war ich spät dran. Um so gegen Neun stand ich auf den Stufen des Yogaraums und drehte wieder ab. Lieber ein Gang durch die Wiese und den Wald zum See. Auf dem Bootssteg brach der Himmel auf, und das Wasser wurde vom Wind unter mir her getrieben. Mit meinen zwei Jacken übereinander saß ich geschützt und der Wind konnte mir nichts anhaben. Ich sah alles wie zum ersten Mal, dabei war ich mindestens schon zehn Mal hier. Allein, oder mit den Jungs im Sommer.

Morgen werde ich früh aufstehen! Ich will bei den Aufladeübungen um halb sieben dabei sein. Denn das ist es, was allen den Jahren vom Yoga in meinem täglichen Leben übrig geblieben ist: In einer abgespeckten Version praktiziere ich sie jeden Morgen fünf Minuten. In Meditation werde ich nie reinkommen und bei den Asanas (Körperübungen) kann ich mit meinen zerfressenen Gelenken und zusammengeflickten Knochen nicht mehr mithalten. Denn fast alle um mich herum sind von unserem über siebzig Jahre alten Lehrer selber ausgebildete Yogalehrerinnen und einige Lehrer….(Wird fortgesetzt)

PS: Der Text ist ein kleines Experiment. Ich wollte über meine ereignisreiche Woche berichten, fand aber keinen Ansatz, der mich zum Schreiben gebracht hätte. Da habe einfach meine mit der Hand geschriebenen Tagebuchnotizen genommen, und sie in mein IPhone diktiert. Das ging erstaunlich gut und flott. Aber der Stil ist ein ganz anderer, als der, den ich sonst schreibe.
Die Idee kam mir, als ich sah, wie meine Jungs mit ihrem Telefon umgehen, wenn sie eine Nachricht schicken wollen: Sie tippen nicht mehr, sie quatschen mit dem Gerät. Beschränkt wird der Beitrag erst Mal durch die Technik, denn Apple lässt wohl nur 500 Wörter zu. Sagt mal, ob´s gefällt, dann werd´ ich morgen weiterdiktieren (hab ich schließlich noch gelernt (Punkt und Schluss).

Das Ehrenkleid

Ich sah ihn im EDEKA, in der kleinen Nische, in der man Kaffee und Kuchen bekommt. Ein älterer Herr, schmal, groß und aufrecht kam er mit seiner Tasse von der Theke und setzte sich zu seinem Begleiter. Er trug eine solide dunkelblaue Baumwolljacke die ihm gut stand. „Schick!“, dachte ich. „So will ich auch aussehen.“ Die beiden Deutschlandfahnen auf den Ärmeln störten mich nicht, im Gegenteil, sie hoben die Jacke aus dem alltäglichen „Canadian Goose“ oder sonstigen dunklen Daunenjackeneinerlei des Winters angenehm heraus. So was hatte ich lange nicht gesehen: Ein Parka! So was trugen Jungs in meiner Jugend; möglichst ausgeblichen und oliv. Besonders die, die nicht beim Bund waren oder nicht da hin wollten. Parkas waren immer gebraucht, billig und man musste nicht drauf aufpassen, denn irgendeinen Flecken oder Riss hatten sie sowieso schon. Träger mit langen Haaren und Bart verliehen ihnen eine lässig antimilitaristische Note und sie konnten mit ihnen dank der Kapuze unbeschadet auch im Regen auf dem Univorplatz handgetippte Flugblätter verteilen.
Ich weiß nicht, wo die Bundeswehr die Dinger damals verramscht hat, denn ich war Lederjackenträger, die andere modische Alternative, die in der Szene zulässig war. Aber wer heute so was will, muss natürlich online gehen. Es dauerte eine Weile, bis ich das Richtige bekam. Ich hatte vergessen, dass man einen Parka immer eine Nummer größer kaufen muss, damit er so richtig schlabbert und knautscht. Außerdem ist meine Heldenbrust anscheinend breiter als die eines normalen Soldaten, so dass ich das Ding zwei Mal zurückschicken musste. Da merkt man, dass ich nicht gedient habe.
Die Reaktionen auf mein modisches Wagnis waren sehr unterschiedlich. Ich mochte die Jacke sofort. Mit ihrem herausknöpfbaren Teddy-Futter war sie wunderbar kuschelig und die Taschen, in denen ich meine Hände vergraben kann, sitzen sehr weit unten (weil zwei Nummern zu groß), so dass man automatisch den leicht nach vorne gebeugten , schlurfigen Gang von damals bekommt, wenn man sie da reinsteckt. „Mit dem Ding gehe ich mit dir nicht auf die Straße.“, sagte mir die Mutter meiner Söhne barsch, als ich das Paket ausgepackt hatte, und sie um einen Gesamteindruck bat. Ihr kamen die Deutschlandfahnen seltsam vor. Es gibt ja jetzt Politiker, die tragen sie am Revers. Menschen meines Alters schauten freundlich und überrascht. „Ach, ein Parka!“, und mein Kollege, der Zeitsoldat war grüßt mich nur noch mit „Herr Kaleun“, was Kapitänleutnant heißt und uns zu einem sehr schönen Gespräch über den Film „Das Boot“ brachte, den wir beide sehr mögen. Aber eigentlich ist die Anrede natürlich defätistisch, denn nach meiner Besoldungsstufe wäre ich Fregattenkapitän. Das klingt nach „Master und Commander“ und ich sehe mich jetzt als Westentaschenausgabe von Russel Crowe. Aber in Wirklichkeit habe ich niemanden zu kommandieren und das ist auch gut so. Und kriegstauglich bin ich mit diesem Uniformstück auch nicht: Die Bundeswehr verwendet inzwischen moderne Jacken aus Kunstfaser mit Regenmembran.

Ein seltsames Gefühl bereiten mir nur die Werbemails, die ich jetzt von bw-online bekomme. Nicht nur, weil das so aussieht, als bekäme ich Post von der Bundeswehr, was in diesen Tagen ja nichts Gutes heißen kann, sondern weil ich jetzt Teil einer ganz seltsamen Kundschaft bin. Da werden mir mit dem Spruch „Stark durch den Frühling“ Marschrucksäcke und Kampfstiefel angeboten. Und zur „Ostereiersuche 2025“ sind Eiserne Rationen, Thermohosen und Handschellen zu finden. Was ich im Angebot vermisse sind Aufklärungsdrohnen. Denn was Kleines zum Fliegen wollte ich meinen Söhnen in der nächsten Zeit sowieso schenken. Und sie würden die Ostereiersuche deutlich vereinfachen.

Quelle: quantum-systems.com

Endlich: Wissenschaft entwickelt perfekte Hochzeit!

Was ist denn das?, frage ich mich, als die Baugerüste gefallen sind und ich das neue Gebäude der Berliner Hochschule für Technik, an dem ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit vorbeikomme, zum ersten Mal sehe. „Wedding Advanced Laboratories“, Fortgeschrittene Hochzeitslabore? Das kann doch nicht wahr sein. Nach den Gender Studies jetzt ein Studiengang für die Tradwifes? Ist es jetzt auch bei uns schon so weit gekommen? Die CDU-Familiensenatorin in Berlin ist doch erst seit zwei Jahren im Amt. Und warum ist das neue fünfstöckige Labor genau gegenüber dem Institut für Bauwesen? Und welche Technik soll da entwickelt werden? „Studiengänge für Biotechnologie, Lebensmitteltechnologie, Pharma- und Chemietechnik sowie Verfahrenstechnik“ sollen hier ihr Zuhause finden, säuselt die Website der Hochschule, die mal aus dem Zusammenschluss mehrerer Ingenieurakademien entstanden ist. 1200 Studierende sollen hier ab dem Wintersemester arbeiten. 1200 Studierende, die sich mit der Herstellung von Hochzeitstorten beschäftigen? Ist das unsere Zukunftsoffensive? Und braucht man hier tatsächlich eine Professur für Verpackungstechnik, um die Hochzeitsgeschenke professionell aufzuhübschen?
Ich beschließe der Sache auf den Grund zu gehen und lasse mich nicht ablenken von den Plakaten, die auf den Resten des Bauzauns drapiert sind und die mit offenen Fragen eine zärtliche und gefühlvolle Herangehensweise an das Forschungsthema Paarbeziehungen vorgaukeln:

Ich spüre, dass das nicht alles sein kann, dass ich tiefer graben muss. Ganz tief. Ich muss rein in das Labor. Da ich ab und zu in der gegenüberliegenden Mensa zu Gast bin, und eine „Mensa Card“ vorweisen kann, schöpft keiner der Wachleute Verdacht. Kein Wunder: mit meiner abgetragenen englischen Barbour-Jacke und dem grauen Bartstoppeln sehe ich aus wie ein typischer deutscher Gelehrter. Der Weg ist frei! In den oberen Etagen schaue ich nur kurz vorbei: Helle Räume, noch halbe Rohbauten. Hier ist nichts zu holen, also runter in den Keller. Ja, ich habe schon Hochzeiten erlebt, die im Keller gefeiert wurden. Haben nicht lange gehalten, die Ehen, die da geschlossen wurden – wenn man schon so tief anfängt. Überhaupt haben die Ehen meist nicht das gehalten, was Hochzeiten versprachen. Ob sie nun im Heidelberger Schloss gefeiert wurden in einem Brandenburger Gutshaus oder im Stadtteiltreff in Berlin-Wedding. Gut, dass ich immer nur zu Gast war.
Aber ist es nicht das, was Wissenschaft den Menschen verspricht? Dass sie in der Lage ist, die Unzulänglichkeiten des Menschen zu überwinden und die Menschheit zu einem besseren Morgen zu befähigen? Wie beschränkt war unser Wissen vor Erfindung des Internets, wie orientierungslos waren wir vor der Einführung der Mobiltelefone und Navis? Und wenn jetzt noch die Roboter und die Künstliche Intelligenz…? Ein Schauder überfällt mich. Noch bevor ich die Tür mit der Aufschrift: „Weddingstyle“ öffne, weiß ich, woran sie in dieser geheimen Kammer arbeiten:

Hochzeits-Avatare! Das erste Grausen, das mich nach dem schauerlichen und trostlosen Anblick der leblosen Maschinenmenschen überfällt, legt sich rasch. Ja, wäre es nicht sogar besser, schießt es durch mein aufgewühltes Hirn, wenn man/frau die Hochzeit von intelligenten Kopien erledigen lassen würde? Nie wieder stressige Jungesellenabschiede, kein Auffegen von zerschlagenem Porzellan am Polterabend vor der Trauung, keine Nervenzusammenbrüche überforderter Mütter, keine Ausfälligkeiten betrunkener Väter, keine nöligen Kinder in zu engen und zu feinen Kleidchen, keine unzufrieden meckernden Tanten und Onkels und keine peinlichen Power-Point-Shows überengagierter Freunde. Und die Hochzeitsfotos ohne verlaufenes Make Up und rote, alkoholgedunsene Köpfe wären auch perfekt. Heinrich Böll hat das automatisierte Feiern durch Stellvertreter für das Weihnachtsfest schon in den 1950er Jahren in seiner Geschichte „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ literarisch vorweggenommen. Jetzt sind wir also nach der Mondlandung in den 1970ern endlich in der Lage, auch diesen Menschheitstraum technisch umzusetzen. Leise, ehrfürchtig und beglückt schließe ich die Tür hinter mir. Meine Tochter wird bald 30, ein gefährliches Alter. Bald könnte ich eine Einladungskarte erhalten. Ich hoffe, dass diese Forschung schnell Serienreife erlangt.

Zeitenwende, zynisch

Diese Plakate hängen seit Anfang März in ganz Berlin herum. Und wenn das Motiv auch aussieht wie der ungelenke Versuch eines Hobby-Malers, der den Frühjarsstart seines Modellflugvereins über der Lüneburger Heide einfangen wollte, es geht hier um zwei Sachen: Krieg und Geld.

Es gibt gerade eine Menge Sachen, von denen ich nie geglaubt hätte, dass sie einmal Wirklichkeit würden. Und unverhohlene Werbung der Rüstungsindustrie auf Plakatwänden neben dem Regierungsviertel gehört dazu. Hier geht es um Aufklärungsdrohnen, Stückpreis 150 000 Euro. Sie werden derzeit an die Ukraine verkauft, dort auch produziert und eingesetzt. Jetzt soll die Bundeswehr Kunde werden. Man will sich seine Scheibe abschneiden von dem Kuchen, der wahrscheinlich morgen mit dem Beschluss des Bundestages zum Sondervermögen und zur Schuldenbremse gebacken wird. Und auch wenn die Kampagne das Zeitalter der Aufklärung, das ja mal bedeutete, dass man sich wagt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, zynisch umdreht und auf die militärische Informationsgewinnung verkürzt; Aufklärung heißt ja auch: Untersuchen was hinter einer Sache steckt. Und da werde ich gleich bei Wikipedia fündig: Peter Thiel, US-Amerikanischer Milliardär, Mitgründer von Pay Pal und Pal von Elon Musk ist mit ein paar Millionen (17,5 Mio, um genau zu sein) an dem Unternehmen beteiligt. Ein John Heartfield hätte die Verbindung von Krieg, Großkapital und Profit nicht besser zusammenkleben können.

Und wo wir gerade bei der Kunst sind: Dreist ist auch der direkte Rückgriff auf die Bomberflotten-Ästhetik aus der Kriegspropaganda des zweiten Weltkriegs, die die Berliner Werbeagentur ZANATTA zu verantworten hat. Viele Flieger von unten gesehen fliegen von rechts unten nach oben links. Das lässt den Angriff siegreich aussehen. Ungefähr so:

Quelle: Imperial War Museum

Oder man nimmt gleich die Überwältigungsästhetik mit Frontalangriff und Deutschlandfahne. Da hilft nicht mal mehr wegducken.

Bild: Quantum Sytems

The Good, the Mad and the Ugly

Es ist mitten in der Fastenzeit, aber das türkische Café ist rappelvoll. Die Sonne hat die deutschen Nachbarn ans Licht geholt, schließlich ist Sonntagnachmittag, da geht man Kaffee trinken. Man sieht ihnen an, dass sie den Winter in ihrer Wohnung verbracht haben. Die Sonne scheint auf bleiche schlaffe Haut, zigarettengelbe Hände, ausgewachsene Dauerwellen und ausgewaschene T-Shirts mit Totenkopf. Manche kommen im E-Rollstuhl, manche mit kurzen Turnhosen, manche mit verschossenen altrosa Leggings. Es wird Frühling in Berlin.

Ich finde einen Platz an einem Tisch in der Sonne, neben einem drahtigen schwarzen Mann und seiner etwas helleren Tochter, die an einer Limonade im Tetrapack nuckelt. In einfachem Deutsch erklärt er ihr, warum es wichtig ist, aufs richtige Gymnasium zu gehen. „Da sind gute Menschen“. Dann fängt er an ihr die Immobilienpreise zu erklären. Er ist ein Checker. Das Mädchen holt sein Handy raus, er rechnet weiter: „Für das was du für ein Haus in Brandenburg bekommst, bekommst du in Berlin eine Eigentumswohnung, und die wird immer mehr wert…“ Sie schaut auf sein altes Handy auf deren Rückseite zwei Bilder lockenköpfiger Kinder kleben. „Wann kriegst du endlich ein neues Handy?“, fragt die Kleine. Eine Nachbarin kommt vorbei, lacht und knuddelt das Mädchen. „Was macht Jonas jetzt?, fragt sie. „Ach der geht jetzt zur Bundeswehr.“ „Ja die Bundeswehr gibt ihm einen Halt.“, doziert der Vater. „Besser ist es, eine Ausbildung zu machen. Aber wenn man keine Ausbildung macht, ist die Bundeswehr gut für Männer.“ Aus einem Rohr an der Wand pladdert Wasser auf den Gehweg und das Mädchen verzieht angeekelt sein Gesicht. „Das ist nicht aus der Toilette.“, beruhigt der Vater sie, das schüttet man in Europa nicht auf die Straße, das kommt vom Dach.“, sagte er und schaut mich Bestätigung wünschend an. Ich verfolge das Rohr bis zum ersten Balkon. „Das ist Blumenwasser.“, sage ich beschwichtigend. „Da gießt jemand seine Blumen auf dem Balkon. Es ist Frühling.“ „Ja, Blumenwasser!, lacht mein Tischnachbar befreit und das Gesicht des Mädchens entspannt sich. Ich muss weiter: Milch kaufen bei Jashims Tante Emma Laden. Gestern war Frauentag in Berlin, da waren die Geschäfte zu. Aber das habe ich zu spät gemerkt. Jashim ist immer da. Mit seinem roten, hennagefärbtem Bart und und seien immer etwas müde blickenden Augen, seiner Frau und den drei Kindern, die im Laden rumhängen. Aber heute ist Jashim weg. Stattdessen ist ein junger Mann hinter der Theke. „Jashim hat Urlaub.“, sagt er mir auf meine Frage. „Und wo ist er hin? „Nach Mekka!“ „Auf die Hadsch?“ Der Verkäufer nickt anerkennend. „Darf man das denn im Ramadan?“ „Das wird sogar doppelt belohnt.“, belehrt er mich eifrig. Ich frag nicht nach, worin die Belohnung bestehen soll. Aber das Jashim zum Glauben gefunden hat, merkte ich schon, als er vor zwei Jahren aufhörte, Bier zu verkaufen. Seitdem ist sein Laden ziemlich oft leer. Der Fußballverein, dessen Bilder und Pokale die Wände zierten, hat sich wohl ein neues Vereinslokal gesucht und die Alkis, die immer auf der Zeitungskiste vor dem Laden ihr Bier tranken, sind in die „Gemütliche Ecke“ gegenüber gewechselt. Dafür gibt es jetzt Bio-Milch für 2,40 Euro und natürlich Hafermilch. Da wo die Bierkästen standen, steht jetzt eine Kühltruhe mit Eis am Stiel. Der Sommer kann kommen.

Comfortly numb

Wenigstens Aldi bleibt zuversichtlich. Wenn sogar Aldi Nord und Aldi Süd zusammen arbeiten können, dann sollte es doch auch woanders klappen. Das Schild sehe ich auf dem Parkplatz, der der Treffpunkt der Autofahrer in der Vorstadtsiedlung ist. Mehr kriege ich von der Weltpolitik gerade auch nicht mit. Nach 14 Tagen Kinderkram und Teenagergeheule im Eigenheim kam gestern meine Ablösung im silbernen Audi hereingeschwebt: Die Schwiegermutter übernimmt meinen Part als „bad guy“ im Haus der Mutter meiner Kinder.
14 Tage im Morgengrauen drei Jungs aus den Betten werfen, die natürlich bis in die Nacht Bücher gelesen/Radio gehört/Handy gespielt haben, die ich nicht rechtzeitig unter ihren Kopfkissen/Matratzen/Schlafanzughosen gefunden habe, dazwischen ein bisschen Homeoffice und die kranke Mutter zum Arzt fahren, ein bisschen über Pädagogik streiten und über die Frage, ob das jetzt Pubertät oder seelische Erkrankung ist. Ein bisschen Einkaufen und der Versuch eines gemeinsamen Abendessens, der meist scheitert. Danach dann Posten beziehen vor den Kinderzimmer, dass nicht wieder einer ins Bad abhaut, und auf dem Klo sein Handy rausholt, oder bei der Mutter unten Drama macht (um das weggenommene Handy wieder zu kriegen). Dazwischen Einlagen in Freistil-Ringen zwischen mir und zwei 13-Jährigen. Zwei Mal 13 gegen ein Mal 63, das geht nicht gut, das wird laut, abends um 10 oder 11. Und danach noch ein müdes Gespräch zwischen den Eltern. Und dann lange kein Schlaf. Zum Glück hat mir der Arzt „Fathers Little Helpers“ verschrieben, damit ich wenigstens ein paar Stunden die Augen zu machen kann.

Jetzt wieder in Berlin. Bis in die Puppen geschlafen. Der Kopf ist leer. So leer, dass ich mir nicht vorstellen kann, noch mal einen klaren Gedanken zu fassen. Kein unangenehmes Gefühl, wenn man nichts vorhat. Um drei Uhr wenigstens einmal raus auf die Straße. Und an dem, was ich mache, merke ich, was mir gefehlt hat. Einmal zu Tobis Backwaren, einer Bäckerei mit 60er Jahre Einrichtung, die jetzt von einem munteren türkischen Paar geführt wird. Der junge Chef ist ein lustiger Alleinunterhalter, der einfache, laute Sätze macht und spielend von Deutsch ins Türkische wechselt, mit einer Kundin flirtet, seine Frau, deren grünes Kopftuch alles andere als züchtig um den Kopf drapiert ist, in den Arm dabei nimmt und als ein stark schwäbelnder Gast meckert: „Noch einen Cappucino bitte. Der erste war ein bisschen klein!“ kontert er lachend: „Der war zu gut! Den haben sie zu schnell getrunken.“ Dann dackele ich weiter zum City Kino. Die letzten Monate habe ich „Mufasa – König der Löwen“ und „Sonic, the Hedgehog 3“ und viele YouTube-Clips mit Fußballsongs sehen müssen. Deshalb wäre Art House Kino jetzt mal wieder schön, aber jenseits meiner Auffassungsfähigkeit. Die Einladung zur Berlinale hab ich ungenutzt zurückgegeben. Neben dem Kino ist eine Telefonzelle, die zur Bücherbox umgebaut wurde. Dort setze ich mit einem alten dtv-Bändchen: Der Jesus -Prozess. Ein bisschen Verschwörungstheorie geht immer. Sonst lese ich nur noch Krimis. Die Bücherbox ist rege besucht am Sonntagnachmittag. Menschen meines Alters grüßen mich freundlich, geben sich höflich die Klapptüre in die Hand und ich frage mich, was sie gerade von dem müden Mann auf der Bank denken, in seinem blauen Marine-Parka und der ollen Jeans mit dem vergilbten Bändchen in der Hand. Aber auch der Gedanke bleibt nur kurz im leeren Hirn hängen. Als ich nach Hause komme, stellt meine Nachbarin zwei Flachbildschirme in den Flur. Die Großmutter, von der sie den alten Mietvertrag von 1956 übernommen hat (640 Euro brutto kalt), ist im Altersheim gestorben. Jetzt habe ich nach 10 Jahren wieder einen Fernseher, geschenkt! Vielleicht kommen meine Jungs dann wieder mal zu mir, um Sportschau zu gucken.

Stranger in Paradise

Laternen leuchten, Autos fahren, die Straße ist gut geteert. Und doch ist hier die Welt zuende. Es ist so dunkel, wie es nur an einem Januarnachmittag sein kann. Dunkler als im Dezember, obwohl die Tage schon wieder länger werden. Wenn es wenigstens nach Briketts riechen würde, nach Feuer und menschlicher Mühsal. Nach Asche und kostbarer, überbordender Wärme. Statt dessen blütenweiße Elektroautos mit feuerroten Lichtern, die lautlos rückkwärts aus dunklen, überbreiten Garagenschlünden auf den leeren Gehweg stoßen. Kein Mensch da, den sie überfahren könnten. Die Straße geht schnurgerade ins Endlose. Ich habe Angst, weiter zu gehen, mich auf ihr zu verlieren. „Hello darkness, my old friend…“ das ist vorbei. Das einzige warme Licht kommt aus der Bäckerei. Doch die Regale sind leer, die stumme Verkäuferin überhört mein Klopfen. Il est cinqe heures… Die Stadt geht schlafen.

Où sont les neiges d‘antan…?

Ich schalte das Radio aus, das mir erzählt, dass es heute wieder Demos gegen Rechts in der Stadt gibt. Es ist 12 Uhr. Die ersten Demos haben eh schon begonnen und das Programm meiner Waschmaschine scheint mir heute besser für meine Nerven. Müde beobachte ich wie sich eine kleine rote Kinderunterhose keck gegen die Übermacht des Dunkelblau und Oliv behauptet. Ich war mit meinen Jungs in Bayern – auf der Suche nach Schnee. Gab keinen Schnee mehr. Vor sechs Jahren sind wir in Füssen im Allgäu direkt vor der Jugendherberge im Schnee ertrunken. Jetzt mussten wir mit der Seilbahn 500 Meter höher fahren, um noch ein paar weiße Flecken zu finden. Mit dem Bus sind wir dann nach Österreich, nach Reutte. Wir waren die einzigen Fahrgäste. Am Bahnhof schaufelten sie mit Frontladern den übriggebliebenen Schnee auf Lastwagen, um damit die Skipisten weiß zu halten, wie uns der einsame Busfahrer erzählte. Auch am übernächsten Tag sind wir wieder seine einzigen Gäste auf dem Weg zur „Alpentherme“. Irgendwas muss ich den Kindern ja bieten, wenn sie schon nicht rodeln können. Der Busfahrer, der mich entfernt an den alternden Elvis erinnert, scheint sich für seinen für seinen Job zu schämen. „Wenn schlechtes Wetter ist, ist der Parkplatz hier voll. Dann stehen die Autos bis runter in die Stadt.“, berichtet er stolz, als er uns vor der Therme abliefert. Ich frage ihn nicht, ob sein Bus dann auch voller ist. Der Himmel war strahlend blau und wolkenleer. Ich bahne für meine Jungs einen halbwegs sicheren Weg über den halbvollen Parkplatz durch die Autos zum Schwimmbad. An einen Zugang für die Fußgänger von der Bushaltestelle hat hier keiner gedacht.

Das Blau und das Oliv werden immer dunkler. Die Trommel dreht sich mit beruhigendem Brummen. Aber nur durch den kleinen roten Fleck merke ich zu ersten Mal, dass die Trommel bei jeder zweiten Umdrehung die Richtung wechselt. Ist mir noch nie aufgefallen. Dachte immer, das geht nur in eine Richtung. Plötzlich fängt die ganze Maschine an zu rumpeln. Das schmutzige Geschirr, das ich auf die Maschine gestellt habe, beginnt hell zu klirren, während unten die Trommel immer mehr Unwucht bekommt und den ganzen Apparat in ein bedrohliches Stampfen bringt. Dabei habe ich die Drehzahl schon auf 800 runtergedreht. Die Maschine fängt sich wieder und das Schleudern hört auf. Sanft surrt der Motor von links nach rechts. Auf der Website der Berliner Polizei sehe ich, dass es heute eine Menge Demos gegen Rechts gibt. Vielleicht schaffe ich es heute Abend ja noch zu einer Lichterkette.

https://youtu.be/VR5dRbx18fM?feature=shared

Das ist die erste Version des Liedes Où sont les neiges d‘antan von Ulrich Roski. In eine spätere Version hat er als Schlussstrophe „Und käme der Vorjahresschnee wieder her, so wär er so weiß wie früher nicht mehr.“ verwendet, die mir die Idee für den heutigen Blogbeitrag gab.

Stayn alive

Nein, Alkohol ist auch keine Lösung, obwohl das viele hier versuchen. Und nach der Sylvesternacht nüchtern durch mein Viertel zu gehen, ist an diesen unwirklichen Tagen zwischen den Jahren wirklich nicht einfach. Geflüchtet unter ein Brandenburger Flachdach komme ich am Neujahrstag zurück und mache meine jährliche Runde um den Block. Aber ich weiß immer noch nicht, ob das hier noch lebt, oder ob ich in einer untoten Stadt gelandet bin. Freunde waren im vergangenen Jahr in den USA und erzählten von Stadtzentren, in denen alle Läden geschlossen waren und sich auf den Straßen nur noch Menschen bewegten, die wie Zombies aussahen. Ich sach mal: Den Flug hätten sie sich sparen können. Hätten sie sich mal in die BVG gesetzt und wären mich besuchen gekommen. Allerdings: Weit wären sie damit nicht gekommen. Denn seit Sylvester fährt die Straßenbahn hier nicht mehr. Ausgestorben und leer sind die Haltestellen, verstummt die ratternden Schienen, ein großer Krater mitten auf der Strecke. Keine Kugelbombe wars, sondern ein 100 Jahre altes gusseisernes Wasserrohr ist gleich nach dem Feuerwerk geplatzt. Zu viel Vibration. Hätte längst ausgetauscht werden sollen, aber das hätte ja bedeutet, dass man die Straßenbahn hätte stilllegen müssen. Jetzt kann man hier Geisterbahn fahren, oder schnallt sich besser gleich die Rollschuhe unter.

Menschen, die unter einem Haufen Decken schlafen, und bei denen man nicht weiß, ob darunter noch ein lebender Körper liegt, gibt es hier auch in vielen Hauseingängen. So viele, dass ich sie schon nicht mehr wahrnehme. Einem, der immer würdevoll aufrecht vor einem neu renovierten leeren Ladengeschäft sitzt und aussieht wie eine Mischung zwischen Weihnachtsmann und indischem Guru hab ich gestern ein paar Münzen in die Filzpantoffel gesteckt, die er vor seinem Lager aufgestellt hat.

Bleiben die Zombie-Läden. Es werden immer mehr Läden in den Haupt- und Nebenstraßen, bei denen ich mich frage: Lebt da noch was? Machen die noch mal auf? Wird das noch was oder kommt da noch was Neues? Laden zu, Auslage leer und nicht immer ein Schild, das einem sagt was hier mal war, ob hier was kommt, oder ob einfach nur bis zum Ende der Weihnachtsferien zu ist. Der Uhrmacher, der Optiker und der Musikalienladen sind schon lange weg. Hier sind jetzt ein Shisha-Shop, eine Obdachlosenberatung oder auch einfach das Nichts eingezogen.

Und dann gibt es noch die Geschäfte, von denen man denkt, die sind doch bestimmt tot, da ist doch alles vorbei. Und dann brennt da doch noch ein kleines Licht, dann geht es doch irgendwie weiter. Die Fischerpinte am Plötzensee, die noch so lange leben darf, bis der Besitzer stirbt, der Angelladen, der gleich neben den leeren Schaufenstern seines alten Geschäfts ein neues Geschäft aufgemacht hat, der Buchladen, den die beiden Besitzer schon mehr als 40 Jahre führen und so lange offen halten wollen, bis sie umfallen. Und der windschiefe Kiosk von Herrn Nguyen, der die Nachbarschaft mit Schnaps und guten Worten versorgt. Und natürlich der Karstadt. Dieser riesige leere Betonklotz, der mit seinen zerrissenen und im Wind wehenden grauen Sicherungsnetzen an der Fassade schon von alleine aussieht wie eine Kulisse aus einem Endzeitfilm. Am Anfang des Jahres soll hier ein LIDL einziehen. Wenigstens ins Erdgeschoss. Na, ist doch was.

Ja und noch schöner ist es im neuen Jahr was wirklich Neues zu entdecken. Gleich neben dem nassen Loch in der Straßenbahntrasse sehe ich in der Nebenstraße diesen strahlenden Engel. Ein Geschäft mit Glamour und Schönheit in dieser grauen Ecke. Ja, ja: Es geht immer weiter. Und die Überraschungen hören nicht auf. Auch auf diesem Blog. Ein schönes neues Jahr wünsche ich euch.