Sommermärchen

Erleuchtung

Als wir mit unseren Booten kurz vor Sonnenuntergang durch den Schilfgürtel stießen, sahen wir sie. Vor uns auf dem sanften Hügel schmiegen sich Hobbit-Hütten, klein und geduckt mit filzigem, rundem Dach in die sandige Wiese. Entfernt rauscht ein Bach. Sonst war  nichts zu hören als eine Haubentaucherin, die mit ihren Jungen eins ums andere im See verschwindet und wieder herausploppt. Wir müssen die Grenze zu Mittelerde überschritten haben.
Am Ufer erwartet uns ein entspannt lächelnder Hüne, der seinen langen, weißen Bart durch eine Holzperle gebunden hat. Er hilft uns, unsere Boote ans Land zu bringen. Wir Gefährten haben unser Ziel erreicht. Weiter von der Wirklichkeit kann man nicht entfernt sein als an diesem Flecken im Sumpfgebiet zwischen Brandenburg und Mecklenburg.

„Kommt ins Gasthaus“, raunt uns der Riese zu, „ihr seid gerade noch rechtzeitig.“ Ich folge ihm arglos, doch meine Begleiter wissen, von welcher Macht der Alte geleitet wird und wohin er uns locken soll. . Ich suchte ehrlich der Welt zu entfliehen, aber sie haben mich verraten. Sie haben die ganze Zeit Signale empfangen, die auch jetzt ihre Gesichter blau aufeuchten lassen. „Zweite Halbzeit fängt gleich an. Die Schweden führen Null zu eins,“ murmeln sie hinter mir. In den Zeiten Mordors brauchte es einen Ring, um alle zu binden. Heute sind es flache, schiefergraue Scheiben und ein Ball. Hatte ich wirklich geglaubt, ich könne „Schland“ entkommen? An diesem Tag? Die Tür zum Gasthaus öffnet sich.
Es ist ein schrecklicher Anblick, der sich uns bietet. Ein Haus voller Besessener mit glasigen, verzweifelten Blicken. Alle Waldbewohner und die Gäste aus den Hobbit-Hütten haben sich um eine bunt flackernde, lärmende Röhre versammelt. Schon haben wir ein Bier in der Hand und stieren wie die anderen auf das flimmernde Bild mit weißen und gelben Männchen. Und der Zauber, der alle bindet, liegt, erfasst auch mich. Als ein blonder Mann mit streng gescheiteltem Haar den Ball in der letzten Minute in einem eleganten Bogen ins Tor schießt, liege ich mir mit einem wildfremdem Mann aus Sachsen in den Armen, Freudentränen in den Augen. Das öffentlich-rechtliche Extacy macht uns zu einem einig Volk von Brüdern.

Schnitt

Eine Woche später, Berlin Wedding – jenseits von Mittelerde.
Ich mäander mit meinen Zwillingen am Samstagmittag durch den Kietz. Bei Edeka waren wir schon, in der Stadtbücherei auch und auch im Bio-Laden, weil wir den Salat vergessen hatten und einer mal pullern musste.

Von den Männern in Weiß und Schwarz spricht niemand mehr. Und wenn, dann mit verkatertem Hohn über die Dummheit, mit der man sich habe hinters Licht führen lassen, als säße man in der Matrix. Aber Fußball gibt’s immer noch.

Vom Sportplatz, auf dem jede Nacht unter Flutlicht  bis um kurz vor Mitternacht gebolzt werden darf, klingt Männer-Geschrei. Afrikanische Beats liegen in der Luft . Vorsichtig tasten wir uns heran. Das Tor des Fußballplatzes steht weit offen, aber wir trauen uns nicht so richtig rein. Was ist das hier? Die Spielfelder sind voll von schwarzen jungen Männern in bunten, improvisierten Trikots. Aus den Laustprechern krächst die Stimme eines völlig überforderten Organisators mit einem sehr anstrengenden Akzent „Also die Berliner Jungs spielen jetzt auf Feld B gegen Carl Zeiss Erfurt… nein, Moment  (das Micro wird knackend weggelegt)  es ist Feld C und bitte die „Jeunesse Berlin“ auf Feld C, nein B… ist jemand von der Jeunesse da? Nein.,.. und da ihr geht jetzt mal hier weg, den Platz brauchen wir für die Siegerehrung….“ Es gibt keine erkennbare Ordung, aber viele lachende und entspannte Gesichter. Meine Jungs kennen die Anlage noch aus der Zeit, als sie hier noch mit der Kita turnen gingen, als es noch Personal dafür gab, aber sie trauen sich nicht rein. „Dürfen wir?, fragen sie. Erst als sie „Schulle“ sehen, unsere kräftige, bis an die Ohren tätowierte und gepiercte Nachbarin mit dem Kurzhaarschnitt, die im Turnverein die Jugend trainiert, wagen wir uns weiter.
Wir landen zwischen zwei Teams, den Roten und den Gelben, die ihrem Spiel entgegenfiebern. Meine Jungs sind wie elektrisiert, echte Fußballer! Alle so 18, 19, nervös, der eigenen Kräfte nicht ganz sicher, aber mit gespielter Coolness sich selbst vergewissernd. Anerkennende Blicke gehen auf das Spielfeld wo anscheinend der Gruppengegner gerade die gegnerische Manschaft austrickst. Eine halbe Stunde und zwei Spiele später sitzen die Roten wieder da. Sie haben ein Spiel gewonnen, sind Gruppensieger geworden. Und im nächsten Spiel verloren. Zwei von ihnen haben Verbände am Kopf, weil sie in der Luft zusammen gestoßen sind. Ihr Torwart hat ziemlich oft daneben gegriffen. Um sich zu entspannen übt er in einer leeren Ecke  mit (s)einem kleinen Jungen. Der Kleine ist stolz, weil er auch die großen Torwarthandschuhe haben darf.
Die roten  Jungs rechnen. Es reicht für den vierten Platz, sie sind zufrieden mit sich. Sie wissen, das sie nicht die Größten sind und viel daneben gegangen ist, aber das ist egal. Es gibt einen Pokal für sie, und das freut sie. Den Fairnesspreis. Er wird von einer Integrationspolitikerin verliehen, die ihr schönstes Kleid angezogen hat. Neben ihr stehten noch vier andere Frauen: SPD, Linke, Grüne und eine vom Bezirk. Alle finden wichtige Worte und die Jungs sind schwer beeindruckt. Dann werden Faxen mit dem Handy gemacht und stolz vor dem Pressefotografen posiert. 11 Freunde sollt ihr sein – das gibt es also wirklich noch, Fußball mit menschlichem Anlitz. Ich könnte echt ein Fan werden.

Meine Jungs spielen an diesem Abend zum ersten Mal alleine im Hinterhof Fußball, ohne dass ich mit kicken muss. Auf dem Bolzplatz im Kindergarten wollen sie es Montag mal allen richtig zeigen.

 

 

Ohne Worte

Frau Dergl hat auf Ihrem Blog Fädenrisse einen sehr guten und mutigen Beitrag eingestellt. Es geht darum, was wir als Bloggerinnen und Blogger tun können, gegen die immer schlimmer werdende Hetze der Rechten im Netz. Und weil mir leider noch die Worte fehlen gegen die, die nur ein paar Klicks von meiner Seite entfernt, sich verächtlich machen gegen alles was mir wichtig und lebensnotwendig ist, die unser Parlament und das Gedenken an ein ermordetes Mädchen mißbrauchen, um ihr zynisches Spiel damit zu treiben, poste ich hier – natürlich mit Genehmigung der Autorin – den Beitrag, ausdrücklich auch mit allen darin enthaltenen Verlinkungen.

Danke!

 

Ohne Titel

Ich weiß eigentlich nicht in welchem Blog ich das haben will. Eigentlich in keinem, aber es muss gesagt werden.

Die etwas seltsame Sprache im grauen Text kommt daher, dass es ein Text für die Etüden ist und die drei vorgegebenen Wörter enthalten muss (unter anderem Ödipuskomplex), auslassen gilt nicht.

Etwas, das mir immer wieder unangenehm fällt ist, dass es auch unter Bloggenden (Politbloggende ausgenommen) immer wieder Leute gibt mit der Einstellung Wo bleibt die Empörung über die AfD, wann stellt sich das Volk dagegen? Hallo? Es gibt in Blogs, auf Twitter und wahrscheinlich auch auf anderen Kanälen etliche Privatleute, die wenn sie es unter Klarnamen machen manchmal nicht geringe Risiken eingehen, die das tun, es werden Gegendemos gemacht – in Berlin #AfDwegbassen hatte zig tausende Gegendemonstranten, aus Solingen gestern habe ich noch keine Zahlen, aber auch da gab es Protest -, es gibt Bewegungen wie dieses Reconquista Internet von Jan Böhmermann oder #ichbinhier auf Facebook – was wollt ihr? Das, was ihr euch zusammenphantasiert wird es nicht geben. Die Zeit ist vorbei. Und das Interessante ist: Die Bloggenden, die am lautesten schreien, man muss doch was machen, sonst haben wir bald…, machen selber genau nichts. Keine Posts in Blogs, keine Retweets auf Twitter… Es regt mich auf. Das ist so ähnlich wie die „Feige!“-Schreier als Leute Blogs dicht gemacht haben.

Ich bin kein Fan von Claudia Roth, aber das sollte man lesen: Persönliche Erklärung zur inszenierten „Schweigeminute“ der AfD im Deutschen Bundestag auf ihrer Homepage. Denen unter Ihnen, die online gegen die AfD tweeten oder schreiben wahrscheinlich schon bekannt, es ging gestern ziemlich rum.

 

Will man sie Voltigieren nennen, diese seltsam krud-kranke Form von Ödipuskomplex, dieses Schauspiel, das in Wahrheit versuchte Demontage ist, dann muss man schon sehr weit weg sein. Oder naiv.

Aber es sind immer die, die am lautesten schreien, man muss was dagegen tun, die nichts tun.

Mord- und Vergewaltigungsdrohungen sind heutzutage normal und anstatt zu sehen, dass der Betrieb weitergeht obwohl nur vor ein paar Jahren die meisten der Demontierer noch wegen Handlungen oder gar Äußerungen im Knast gelandet wären, dann schreien die noch wann sich etwas bewegen würde, warum die, die sich dagegen stellen nicht noch mehr machen.

Selber tun sie nichts.

Sehen aber auch nichts.

Der Aufschrei, den sie sich so herbeiwünschen, kommt längst in der Form, in der sie ihn wollen nur noch dann wenn aus der Demagogenecke jemand in die Schranken gewiesen wurde.

Morddrohungen sind ein sehr wirksames Mittel.

Zweimal traf es in jüngster Zeit giftgrüne Frauen, die eine, die zur Teilnahme an einer Demonstration gegen die Rechten aufrief, die andere, die einfach nur ihre Arbeit getan hat.

Und noch immer tun die Lautschreier nichts als zu schreien, die die sich den Rechten entgegenstellen müssten noch entschiedener sein, von selber mitmachen noch nie gehört.

 

Der Beitrag ist erschienen unter:

https://faedenrisse.wordpress.com/2018/06/17/ohne-titel.

Da der Blog auf „privat“ geschaltet ist, muss man vorher bei der Autorin anklopfen.

 

Rally solo

in the middle

Es gibt auch Regen in der Toskana. Schon dafür hat sich die Reise gelohnt. Toskana mal ohne das ganze „Gutshaus auf dem sanften Hügel“-Gedöns. Eine öde Landstraße, eine Weggabelung, eine Bar und sonst nichts. Ich muss nach links, nach Follonica, das klingt gut, das klingt nach verrückt und liegt am Meer. Das hat mir die Motorina mit der edlen Lederjacke und dem lustigen italienischen Englisch in Siena empfohlen. „This is our favorite road. It’s perfect- They straigtend it a bit after to many of us had accidents.“ Eine aufregende Straße. Aber ich bin müde und will einen Kaffee und meine Regenklamotten anziehen. Mal schauen, wie es weiter geht. Wenn überhaupt. Wer hat schon Lust auf eine kurvige Straße, wenn sie nass ist. Die Bar am Straßenrand ist einfach eine Bar für Leute, die hier vorbei kommen und weiter wollen. Der Wirt hat keine Lust zu reden. Ich auch nicht. Ist gut so.

Seit drei Tagen bin ich unterwegs, will die Strecke der Rally Mille Miglia abfahren. Wieder so eine Idee von mir. Ohne Navi, ohne Smartphone ohne bella compagnia. Früher waren wir öfter zusammen im Süden. Nach unserer ersten gemeinsamen Fahrt hab ich die Sitzbank verlängern lassen, damit sie ihre langen Beine ausstrecken kann. Jetzt ist da ein Gepäcknetz mit meinem Proviant. Ist aber trotzdem gut gelaufen, die Reise, bisher. Das alte Motorrad ist meine Eintrittskarte. Als ich vor einer verschlafenen Bar in der Po-Ebene Halt gemacht habe, kamen die alten Männer raus, um meine Moto Guzzi zu bestaunen „Anni settanta, anni settanta“ und dann erzählten sie mir ihre Erinnerungen aus den Siebzigern. Ich verstand kein Wort, aber einer war so aufgeregt, dass ihm fast die falschen Zähne rausflogen. Die Chinesin hinter der Bar mit dem Gesicht und der Frisur eines Sumo-Ringers verzog keine Miene. Die Jungen auch nicht. Sie guckten meine Maschine an, als würde sie noch mit Dampf betrieben, setzten sich auf ihre koreanischen Motorroller und waren weg. Oder der Tankwart in Modena, einer der wenigen Tankwarte die noch nicht von den vollautomatischen Zapfsäulen ersetzt wurde: Graue Lockenmähne, melierter Bart, rote Tankwartsjacke, kurze Hosen, Badelatschen hockte er gelassen auf seinem Schemel. Die Arme verschränkt hört er sich an, wie ich in meinem Volkshochschulkurs-vor-zwanzig-Jahren-Italienisch nach dem Weg fragte. Dann antwortete er in klarem Englisch: „First right, then left, then it will become complicated. You better ask.“ Er schaute auf mein Motorrad: „Nice bike“ „It’s italian“, antwortete ich. „I know!“ antwortete er, verschränkte die Arme wieder und machte klar, dass die Unterhaltung jetzt zu Ende ist. Er könnte auch Türsteher im Berghain sein.

Und wo soll ich jetzt hin? Mein Zimmer hab ich in einem Hostel in Pisa gebucht. Das sind noch mindestens 150 Kilometer. Ich übernachte in Hostels, habe sogar meinen Jugenherbergsausweis dabei. Den kriegt man, wenn man noch Kinder hat auch jenseits der 50. Als ich die Karte in Rimini zum ersten mal auf den Tresen legte, blickt die Empfangsdame ratlos und sagte: „Nice“. Ich zeigte auf das Jugendherbergszeichen an der Tür und sie lächelte: „We are having a party here, sorry. It will be loud tonight.“ Als Trostpflaster gab sie mir einen Gutschein für einen Cocktail an der Bar. Was hatte ich in Rimini erwartet? Früchtetee und einen Stempel in mein Wanderbuch?

Der Regen hat nachgelassen, also weiter. Die Straße zieht sich. Es gibt einen Lastwagen vor mir, der mich mit Sprühregen einnnebelt, den ich aber unmöglich überholen kann, weil er schneller durch die Kurven jagt, als ich es  je wagen würde. Kurz vor der Küste reißt der Himmel auf und dann ist da eine Trattoria hinter einem großen Parkplatz. Wie in Frankreich, früher, die Relais des Routiers, vor denen die Lastwagen kilometerweit standen und die weinseligen Fernfahrer ihre Mittagspause machten.
Ich geh rein und bin in einem Fellini-Film. Die Mittagspause ist vorbei. Nur zwei Jungs mit dichten, dunklen Haaren und schicken Frisuren sitzen da mit ihren Schulmappen und erzählen sich wichtige Sachen mit dem Eifer, wie ihn nur Zehnjährige haben können. Die Oma bringt zwei Teller mit Pasta. Sie schlingen sie rein, ohne mit dem Reden aufzuhören. Der Opa kommt, und nimmt einen auf den Schoß, aber der will – wohin? Natürlich zur Mama. Die Mama steht hinter der Bar, ist groß und blond, nimmt ihn an die dicke Brust und tröstet ihn. Ich muss warten, bis ich dran bin. Dann gibt’s für mich Carpaccio vom Fisch und Aqua frizzante. Keinen Wein?, fragt sie. Nein, keinen Wein. Das Motorrad… Wir haben auch kleine Gläser, lockt sie mich. Nein Danke – Es ist ein Elend, Italien ohne Wein.

Dafür das Meer. Über hässliche Industriestraßen, durch hundert Rotondas, wie hier die Kreisverkehre mit den winzigen, verwirrenden Wegweisern heißen und vorbei an rostigen Werften bin ich endlich da. Ich stelle den Motor ab, sehe die Fähren nach Elba ziehen und stehe augenblicklich im Wasser. Die Sonne hat wieder ihre volle Kraft und lässt mich in der Lederjacke schmoren. „Ich muss weiter, immer weiter, meinem Glück hinterher“ singt mir Hans Albers. Und ich habe Glück! In einem mit Oleander überwucherten Winkel zweier verschlungener Rotondas finde ich das ausgeblichene blaue Schild nach Santa Vincenze – die Küstenstraße, die alte Via Aurelia – jenseits der neuen Superstrada. Über viele wunderbare Kilometer bauen riesengroße leicht einander zugeneigte Pinien ein schattiges Dach über mir. Durch Dörfer zieht die Straße, vorbei an kleinen Läden und Bars. Rechts ab gehen schnurgerade Pinienalleen, die zu alten Weingütern führen. Ruhig wie ein Schiffsmotor bollert meine Guzzi. Das ist die Straße, das ist die Geschwindigkeit, für die sie gemacht ist. Ich werde später noch in die Berge fahren und durch enge Kurven jagen. Und auch das macht Freude. Aber das hier, diese Straße, dieses Italien, das wars, was ich erleben wollte.

Als Öko-bewegter Zivi hing in meinem Zimmer ein Plakat mit dem Spruch „Was wäre der Mensch ohne den Trost der Bäume?“  Und heute will man ja sogar wissen, dass Bäume auch sprechen können. Was würden die Pinien an der Via Aurelia mir Don Quichotte auf meinem alten, weißen Ross hinterherrufen wollen? „Arrividerchi motociclista. Ci vediamo!“

Leberleben

„Kennen sie das Gerät schon?“, fragt der Arzt. Ja, sage ich, da habe ich schon viel Babyfernsehen mit geschaut. Und wenn man Zwillinge kriegt, dann darf man auch in Farbe sehen. Ist ein bisschen unheimlich, aber es beruhigt. „Aber Ihren Bauch hat noch keiner damit untersucht?“ hakt er nach. Ich stutze, stammle ein wenig rum: nee, ach doch irgendwann, nee das war ja das Knie… Was soll es in einem Männerbauch schon Interessantes zu sehen geben? Alles das was Mann nicht haben will: Gallensteine, Krebs oder, oder, oder. Aber eigentlich: Wozu geh ich denn zu einer Vorsorgeuntersuchung, wenn ich nicht wissen will was los ist? Nein, will ich eigentlich nicht. Ich will nur das Ok vom Arzt haben. Alles gut, wie immer. Neue TÜV-Plakette und wir sehen uns in zwei Jahren wieder. Das will ich von einem Arzt hören.

So genau wie der hat mich noch keiner untersucht. Will wohl Geld an mir verdienen. Ist halt das Elend, wenn man privat ist, dann machen sie alles mit einem, die Geräte müssen sich ja lohnen. Schon hab ich kaltes Gel auf meinem Bauch -also von Bauch würde ich jetzt gar nicht reden wollen- und verrenke mir den Kopf, um das Gesicht des Arztes im Blick zu haben. Ich kenn das schon von den Baby-Untersuchungen – wenn er genauer in das graue Gerausche auf dem Bildschirm schaut, dann wird’s ein Mädchen. Bei mir schaut er entspannt. „Die Galle ist in Ordnung.“, sagt er beiläufig. Aufatmen darf ich nicht, denn ich soll ja die Luft anhalten. Dann bleibt er eine Weile unter meinem rechten Rippenbogen hängen. Und dann sagt er was über meine Leber… Senkrecht stehe ich auf der Liege: Waaas? Ich trinke keinen Tropfen Alkohl! „Kann auch von fettem Essen kommen, sagt beruhigend, und von zu wenig Bewegung. Meiden sie tierische Fette.“

Iiiich, tierische Fette? Ich bin Halb-Veganer. Ein Müsli-Man der ersten Stunde. Ich hab einen selbstverwalteten Bio-Laden geführt, als dieser Kerl sich noch die Pickel ausgedrückt hat. Und zu wenig Bewegung: Ich fahr Fahrrad, jeden Tag, zur Arbeit, nicht mehr so schnell wie früher, aber immerhin den ganzen Winter durch. Ich bin doch kein Couch-Potato. Hab ja noch nicht mal einen Fernseher. „Ich kontrollier noch mal ihre Leberwerte. Wenn sich da nichts getan hat, müssen Sie sich keine Sorgen machen.“

Schon bin ich wieder raus aus dem Sprechzimmmer. Draußen tirilieren die Vögel und begrüßen den ersten Frühlingstag. Es kommt mir vor, als machten sie sich lustig über den gebrochenen Mann, der sich da zur U-Bahn schleppt. Es ist wie vor 15 Jahren, als ich zum ersten Mal Probleme mit den Knien hatte. „Ja, das knackt. Und das wird es von jetzt ab immer wieder tun.“ flötete mein Orthtopäde, der  was auf seine Allgemeinbildung hielt, „Deshalb nennt man ja auch die alten Leutchen „alte Knacker“.

In der U-Bahn. Vor meinem inneren Auge läuft mein Leben ab. Butter, denke ich. Billige Butter. Davon kann ich nie genug bekommen. Das liegt in meinent Genen. Das war was Besonderes, wenn es bei meinen Eltern die gute Butter gab statt Margarine. Und Sahne, steife Sahne. Seit es das Eis-Cafe um die Ecke gibt, bin ich da jede Woche zwei Mal. Aber bitte mit… Und Junk-Food. Salzig und fett. So wie der Müsli-Man im Lied von BAP irgendwann Punk wird, wurde ich nach meiner Müsli-Zeit vom Paulus zum Saulus. Irgendwann wollte ich kein glücklich griender Öko mehr sein, sondern ein richtiger Kerl. Keine Pommes-Bude war mir zu fettig, keine Mitropa-Kantine zu dreckig. In England war meine Anwältin, bei der ich ein Praktikum machte entsetzt, als ich sie zu einem Laden mit Kidney Pie und Chips schleppte. „Greasy Joe“ hieß ich seitdem bei ihr. Ich bin halt ein Kind der Arbeiterklasse, sagte ich ihr stolz. Da gehöre ich hin. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich mich traute meinen eigenen Weg zu gehen.

Meine Leber hat keinen Schritt davon vergessen. Sie ist ehrlicher als ich. Ich hoffe, sie bleibt noch ein wenig bei mir. Morgen gehe ich auf ein Fasten-Retreat. Nix essen für zehn Tage. Ich hoffe, es tut ihr gut.

Tauwetter?

Nordkorea II

 

Die nordkoreanische Botschaft in Berlin ist ein klotziger grauer Plattenbau, über dem eine  riesige filigrane Antenne schwebt. Sie erinnert mich an ein abgenagtes Fischgerippe und ich glaube nicht, dass es noch Wellen im Äther gibt, die sie erreichen. In allen Fenstern zur Straße hin sind die steifen, senfbraunen Kunstfaservorhänge zugezogen. Die Verkäuferin in der bulgarischen Apotheke gegenüber, die sich auf traditionelle chinesischen Medizin spezialisiert hat, weiß zu berichten, dass die Botschaftsangehörigen nur selten rauskommen, stets nur zu zweit Ausgang haben und kaum Deutsch sprechen.

Auch medienmäßig scheint die Botschaft von der Außenwelt und sogar von der Heimat abgeschnitten zu sein. Denn die Wandzeitung am Eingang, die sonst von den aktuellsten Besuchen des jeweiligen Kim, des geliebten Führers in mitten seiner lächelnden Untertanen berichtet,  von Genossinnen und Genossen, die sehnsüchtig auf seine Worte der  „Anleitung“ warten,  ist seit einem halben Jahr nicht mehr erneuert.

Peyonchang? Treffen zwischen den Regierungen von Süd- und Nordkorea? Tauwetter in der Atomfrage? Hier findet das alles nicht statt. Kim lächelt, Kim durchschneidet ein rotes Band und das Volk freut sich über die erfolgreichen Tests der Atomraketen. (Sang nicht auch der westdeutsche Barde Franz Josef Degenhart in den 70ern „Komm und erzähl von Havanna, der Schönen, geschützt von Raketen aus Stahl.“? Ja, so waren die Zeiten)

Ein bisschen erinnert das an die DDR-Führung kurz vor ihrem Ende, die einfach die Vorhänge zuzuog, als plötzlich der große Bruder etwas von Umbau und Transparenz flötete.  Bockig nuschelte sie etwas von: „Der Sozialismus in seinem Lauf…“

Die Nordkoreaner singen nicht, sie nuscheln nicht, sie geben sich in schweren Zeiten einem poetischen Traum hin:

Nordkorea

Ist das nicht schön? Die Morgenröte und der doppelte sozialistische Genitiv.

Ich glaube, der nordkoreanische Botschafter wird dieses Bild erst entfernen, wenn er es durch ein Bild mit der Skyline des Frankfurter Bankenviertels im Sonnenuntergang ersetzen kann. An der Unterzeile feilt er noch. Aber vielleicht heißt sie: „Der Sonnenuntergang über der protzigen Zeil kündigt die endgültige Niederlage des menschenverachtenden Finanzkapitalismus an.“

So oder so: Wir müssen uns warm anziehen in diesen Zeiten.

 

W-Wahn

 

© Jules van der Ley

enn ich es wirklich wahrhaftig wahrnehme ist mein Wissen in Wahrheit nichts anders als eine Reihe von W-Fragen.

Wann wird mein Wirken wirklich etwas wert? fragte ich mich als wunderlicher Heranwachsender und wünschte mich nach Woodstock.“ Als „Wärter“ im Wartesaal des Krankenhauses (so riefen die Wartenden mich wuschelköpfigen Wehrdienst-verweigerer wirklich noch) war es dann das „Wir“, was Wunder wirkte: „Wir werden jetzt wohl den Wundverband wechseln, Herr Walter, aber bis dahin warten wir noch ein Weilchen, nicht wahr?“

Weiland Student in Würzburg (nein, es war Heidelberg) wurden die W-Fragen dann wirklich wichtig. „Wer will was von wem woraus? warf der Wissenschaftler im Wirtschaftsrecht wuchtig an die Wandtafel. Und wir Wissensdurstigen wagten es nicht zu fragen: Weshalb?

In der Wahlstation im Strafgericht wollte ich immer wissen: Wer hat wann wo was getan? Als Journalist war es dann wichtiger zu fragen: Warum?

Wahrlich, das war jetzt keine Wagner-Oper oder ein Wunderwerk, aber ohne den Wirrwarr in meinem Kopf wird mir jetzt wohler, und ich wage mich der Frage zu widmen, die wirklich wichig ist: Warum habe ich das geschrieben?

Woher soll ich das wissen?

 

 

Quer durch den Garten

Ein dickes Stück Fleischwurst (…und ein Scheibchen extra vom Metzja), Bierwurst, Blutwurst, Graupensuppe (mit Ketchup), angebrannte Grießsuppe, Schulmilch, Suppe aus Tiefkühlmischgemüse und Brühwürfel (schmeckte widerlich und hieß bei uns „Quer durch den Garten“), Kartoffeln mit Rahmspinat und Ei, Sülze mit Lorbeer und Wachholder (selbstgemacht), Sunkist (aus der der dreieckigen Tüte),, paniertes Kotelett, frische Schnippelbohnen, Schnippelbohnensuppe (mit Büchsenmilch),, eingeweckte Schnippelbohnen, Kürbis (eingeweckt mit Nelken), Kräuterquark, Schweinebraten, Pfanni Klöße halb und halb, Maggi aus der Flasche, fette Rinderbrühe mit Markklößchen, Käpt’n Nuss Nuss-Nougat-Creme,  Benko-Kakaogranulat, Nesquick, Schwarze Kartoffeln aus der Glut des Kartoffelfeuers (nach der Kartoffelernte – ohne Alufolie), Buttercremetorte mit guter Butter, Riemchenkuchen mit Apfelmus, Streuselkuchen, Brausebonbons, Kammmelle!!!, Maoam, Puffreis aus der Wundertüte, Ahoi-Brause, Pez-Brausebonbons aus dem Spender, Kaugummis aus dem Kaugummiautomaten, Futterrüben, Königskuchen (mit Zitronat und Orangeat), Waffeln aus dem Waffeleisen (mit Puderzucker), Rübenkraut (Zuckerrübensirup), Himmel un Ähd (mit gebratener Blut- und Leberwurst), Apfelmus aus Klaräpfeln, Brombermarmelade (mit Rum konserviert), Vanillepudding mit Rumtopf, Vanillepudding mit Brombeersaft, Pflaumenkuchen (aus Omas Garten), Äpfel von der Streuobstwiese, Most von den faulen Äpfeln von der Streuobstweise, Äpfel vom Baum des Nachbarn, Erdbeereis vom Italiener mit dem VW-Bus, Lakritzeschnecken, Mohn-Kleesla (vom schlesischen Großvater), eingelegtes Sauerkraut aus dem Steintopf im Keller (wie bei Witwe Bolte), Bronni-Limonade, Käsekuchen mit Zitronenaroma, Stachelbeeren, Johannisbeeren, keine Cola, Karamellpudding, Döppscheskooche (mit Speck und Rosinen von der rheinischen Oma), Reibekuchen, geräucheter Aal fett (aus dem Weihnachtskorb vom Chef meines Vaters), Eseslwurst, Weckmänner mit Pfeife (zu St. Martin), Graubrot, Schwarzbrot, Eiflerbrot (kein Toastbrot), Hefezopf, Jägerschnitzel, Zigeunerschnitzel, Apfelgelee mit Nelken, Appelkraut, Matzen, Bienenstich, Malzbier, Walderdbeeren, Morbeln (Blaubeeren, selbstgesammelt), Weihnachtsplätzchen aus dem Fleischwolf, Makronen auf Esspapier, Esspapier, Esspapier mit Brausepulver din, Kartoffelsalat mit Mayonnaise, Tomaten mit Mayonnaise, Mayonnaise aus der Tube, Pommes aus der Fritteuse, Käseigel, Ritz-Kräcker, Kuchenteig, Fondant, Schwartenmagen, Stuten (Rosinenbrot), Dolomiti, Rouladen mit Rotkohl, dicke Pfannkuchen mit fettem Speck, Berliner, Kraftfutter für Rinder (lässt sich schön knabbern), Hefextrakt (für blasse Kinder), Plastikgranulat, Wrigley Fruty Juice (wenn man’s runterschluckt, gibts einen großen Klumpen im Magen, sagten alle), Bohnenkaffee, Muckefuck (mit Milch und Zucker), Edle Tropfen in Nuß, Mon Cherie (heimlich), salziger Haferschleim (die Reste von der magenkranken Großmutter), Grießbrei mit Rosinen, Götterspeise mit Sago, Hostien…

Komm lieber Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns beschert hast.

Amen!

Der alte Russ

Wo er wirklich herkam, wußte niemand so genau. Und niemand wollte es wirklich wissen. In unserer Familie ging das Gerücht, dass er der verrückt gewordene Sohn reicher Leute aus unserer Stadt sei. Aber das war nur eins der vielen Gerüchte, die in unserer Familie so daher erzählt wurden. So wie das von Onkel Nick, dem U-Boot-Fahrer. Alles was von ihm geblieben war, war ein Foto mit einer Mütze der Kriegsmarine und eine Postkarte aus Oslo. Da schrieb er, dass es bald losgehen werde und dass er sich freue. Das war 1943. Onkel Nick ist nicht wiedergekommen, aber unter seinen neun Geschwistern hielt sich das Gerücht, dass sein Boot in der Ostsee versenkt worden wäre. Er sei einer der wenigen Überlebenden gewesen und in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Das hatte ein Nachbar erzählt, um meine Großmutter zu trösten, die die Nachricht vom Tod ihres Sohnes nicht ertragen konnte und nächtelang klagend durch ihr Haus gelaufen war. Er erzählte ihr, dass die Sache mit der Gefangenschaft im „Feindsender“ gehört habe, wo Listen der deutschen Gefangenen verlesen wurden. Nun, das war edel und mutig, denn auf das Hören ausländischer Sender standen hohe Strafen, und es verfehlte seine Wirkung nicht. Aber es war so wenig wahr wie das Gerücht, dass der „ahle Russ“, ein Obdachloser, der mit seinem grauen Bart und seinem schmierigen Mantel ab und zu unsere Straße herunter lief,  wirklich ein Russe war.

Für ein Kind ist es ein Leichtes, das Gerücht von dem in Russland verschollenen Onkel mit dem von einem alten Mann aus Russland zusammen zu bringen. Die Welt um mich herum war voll mit Spätheimkehrern und Männern, die nicht darüber sprechen wollten, was sie erlebt hatten. So war das Erscheinen der ausgestoßenen Kreatur für mich immmer mit einem schönen Schauer verbunden. Ich ging im aus dem Weg, wie alle, das war klar. Nur ein paar Mutige, warfen ihm ein freches: „Na, alher Russ“ an den Kopf, um schnell wieder zu verschwinden. Der Alte antwortete nie und stieß auf die Frecheiten nur ein gequältes Brummen aus. Aber für mich war klar, das musste mein Onkel sein- und keiner außer mir wußte es.

Und wenn das Leben ein Roman wäre, dann könnte ich jetzt erzählen, wie ich dem Mann nachgeschlichen bin, wie ich herausfand wo er wohnte, dass ich irgendwann den Mut gefunden hätte, ihn anzusprechen und dass er mir ein Freund geworden wäre, von dem ich alles alles das gelernt hätte, was mir mein Wirtschaftwunder-Vater, der immer auf Achse war, nie die Zeit hatte mir beizubringen. Aber Romane werden ja deshalb so gerne gelesen, weil in ihnen das Unwahrscheinliche geschieht, das Magische, das, was alle sich wünschen, was aber in im eigenen Leben eben nie vorkommt.

Der alte Russ war eines Tages einfach verschwunden, und keiner verlor ein Wort darüber. Verschwunden wie die andern Männer, die mich als Kind faszinierten. Der „Hunsrücker“, ein fliegender Händler, der ein mal im Monat auf dem Parkplatz vor dem Ausflugshotel seinen Stand mit billigen Kindersachen aufschlug und der „Eifler“, der uns einmal in der Woche drei glänzende Brotlaibe brachte, aus denen dann meine Mutter die Butterbrote machte, die mein Vater auf seine langen Fahrten nach Berlin mitnahm, um Spesen zu sparen.

Ein paar Jahre später erfuhr ich, dass das Haus, in dem der alte Russ gehaust hatte, abgerissen werden sollte. Es lag hinter dem Friedhof auf einer schönen Wiese mit Obstbäumen. Und es war trotzdem ein unheimlicher Ort. Ich näherte mich der fensterlosen Ruine nur zögernd, Schritt für Schritt. Als ich über die Schwelle trat, knischte unter meinen Sohlen zersplittertes Glas und Metall. Die Räume waren vollgestoft mit Müll und nutzlosem Gerümpel. Der alte Russ war ein Messi gewesen, der alles Alte in unserem Städtchen zusammenraffte und in Plastiktüten in seine Höhle brachte. Ich fand einen schönen Wecker, Junghans, braun mit Leuchtziffern und glänzendem Zifferblatt. Zu Hause versuchte ich ihn wieder zum Laufen zu bringen. Ich wollte ja immer ein Mechaniker sein, um meinen Vater zu beeindrucken. Aber ich bin keiner. Irgendwann raffte meine Mutter die von mir achtlos liegengelassenen Einzelteile zusammen, und schmiss sie in den Mülleimer.

Ach ja: Mein Onkel ist im Mittelmeer gestorben. Sein Boot wurde auf seiner ersten Fahrt von einem britischen Schiff versenkt. Es gab keine Überlebenden. So steht es seit 1943 im Sterberegister unserer Stadt.

 

 

 

Ohnemichel

Unbenannt

Quelle: Spiegel online.de

Ich kann’s nicht glauben. Eine Berliner Hochschule lässt sich durch Druck der Studierenden dazu bewegen, ein Gedicht von einer Wand zu entfernen, weil es nach deren Ansicht sexistisch ist. Haben die Professoren nicht das Rückgrat, die Freiheit des Wortes und die Freiheit der Kunst ihren Studierenden beizubringen und zu verteidigen?

Das Gedicht ist schön, es ist formal perfekt und es handelt von Frauen, Blumen und einem Verehrer. Ist das heute schon ein Vergehen? Ist das der Geist, der heute an unseren Unis herrscht? Was kommt als nächstes? Gehen die Studierenden in die Bibliothek und reißen alle Bücher raus, in denen das Wort „Frau“ in Verbindung mit „Verehrer“ gedruckt steht? Und ich dachte, unsere Freiheit wird fremdländischen Terroristen bedroht, von engstirnigen Radikalen, die sich die Welt nach ihrer Lesart der heiligen Bücher machen wollen.

Wenn diese Studierenden die künftigen Erzieherinnen und Sozialpädagogen werden, dann bitte ich doch vor der Einstellung um einen Gesinnungstest, damit  sie meine Kinder nicht mit ihrer engen Weltsicht vollsülzen dürfen.

Wenn ich bei Facebook wäre würde ich jetzt einen Hashtag aufmachen, in dem man Beispiele der neuen Prüderie und der Gesinnung posten kann. Und ich möchte dann unter jeden drunterschreiben, dass diese Sittenwächter nicht in meinem Namen schreiben:  #notme

 

 

Das gelobte Land

Mit einer Tasche voller Weihnachtseinkäufe (der Christbaumständer fehlt noch) stolpere ich ins „Haircut 64“, ein arabischer Friseurladen im Afrikanischen Viertel. Noch einmal ordentlich hübsch machen für die Feiertage. Der diensthabende Figaro tut so, als erinnere er sich an mich:

Stufe 5 , einmal alles, oder?

Nein, Stufe 6 an den Seiten, Stufe 9 oben – so war das.

Ehrlich? Wollen Sie auch rasieren mit warmen Schaum und Wachs an den Seiten?

Nein, aber Augenbrauen ausdünnen und Ohren absengen.

Während er mir den Kragen umschlägt und  mich in einen schwarzen Umhang hüllt (mit Sichtfenster für die Hände – und das Handy), kommt ein junger Kerl mit langem dunklen Bart, mehr Hipster als Taliban, aus dem Hinterzimmer. Anscheinend hat er dort etwas im Internet gefunden, was seine Meinung unterstützt. Aufgeregt deklamiert schon im Anlauf auf seinen Kunden, den Mann neben mir: Oualla, ein Palästinenser hat bereut, dass er mit den Israelis zusammen gearbeitet hat. Er sagt, er will sterben, diese Schande. Was macht man mit so einem? Sein Kunde, ein massiger Araber, brüllt die Antwort, als stände er ohne Megafon vor einer Versammlung im Gaza-Streifen: Einen Verräter erschießt man oder man hängt ihn auf. Wenn Krieg ist, erschießt man ihn! Genau!, pflichtet der Bartjunge zu, ich hasse die Israelis.

Ich liebe Amerika, gibt sein Kunde überraschend  zurück. Amerika ist großartig. Aus Amerika kommt alles was wir lieben. Was für Zigaretten rauchst du?, fragt er den jungen Palestinenser. Äh, ich rauche türkischen Tabak. Der Freund der USA versucht es noch mal anders herum: Aber du trägst Jeans, die kommen aus Amerika. Du trägst keine palestinensischen Kleider, du trägst amerikanische. Amerika ist die wichtigste Wirtschaft auf der Welt, doziert er mit Stentorstimme weiter. Sogar unser Benzin kommt von da. Deutschland ist schwach. Der DAX ist bei 13 000 in Amerika sind sie bei 23 000!

Aber dich lassen sie nicht rein, gibt der Junge keck zurück. Du bist Araber. Die wollen dich nicht! Und Deutschland gibt dir Sozialamt und Asyl und Wohnung. Warum liebst du nicht Deutschland? Ich habe einen Traum, brüllt der Araber, jeder muss einen Traum haben. Irgenwann lassen sie mich rein. Jedes Land hat mal einen guten oder einen schlechten Chef. Das ist so. Und du? Warum lebst du nicht in Palästina, wenn du es so liebst? Ich sag dir: Ich finde es gut, dass die Israelis da sind. Die Israelis sind eine Demokratie! Die Araber kommen aus Afrika.

Das ist unser Land, gibt der Palästinenser ruhig zurück. Nein, beharrt der Araber, das gehört den Israelis. Moses hat es ihnen vor 2000 Jahren gegeben. Das ist ja schon eine ganz schöne Weile her, mische ich mich ein. Mein Friseuer gluckst vor Freude. Mir scheint,  dass er das Gebrüll nicht sonderlich ernst nimmt und sich auf eine deutsche Arabeske freut. Aber die Nachbarn sind zu sehr in ihrem gepflegten Streit, als dass sie auf mich eingehen könnten. Mittlerweile geht’s wieder ums Sterben.

Was machen die Israelis, wenn du ihr Feind bist?, fragt der Araber. Die schießen auf dich, und wenn du verwundet bist, bringen sie dich ins Krankenhaus, das machen die Israelis. Und was machen die Palästinenser? Wenn du ihr Feind bist, dann reißen sie dir den Arsch auf, mit einer Flasche, sie vergewaltigen dich. Der Palästinenser wird immer ruhiger. Vielleicht ist es auch nur der Respekt vor dem Kunden. den er nicht verlieren möchte. Die Israelis erschießen jeden Tag Palästinenser – und ich bin bereit zu sterben für mein Land, sagt er aufopferungsbereit. Sein Kunde greift das sofort auf und dreht es um: Du lebst hier. Und wieviel Araber erschießen die Israelis pro Tag? Vielleicht drei, vielleicht fünf. Und wieviele Araber tötet Assat in Syrien jeden Tag? Ich sag dir: Es sind hunderte!

Während der Nahostkonflikt sich ausbreitet, hat mein Friseur sein Feuerzeug gezückt und lässt die Flamme über meine Ohren lecken. Es riecht nach verbrannten Haaren.