Zwei Tage im Frieden

Na, ist noch jemand zu Hause? Oder sind alle draußen im Grünen bei dem schönen Wetter?
Also mein Freund und ich waren nach dem Feiertag (ja, Berlin hat die Befreiung von Krieg und Naziherrschaft am 8. Mai mit einem Feiertag begangen) mit dem Rad unterwegs. Von Frankfurt/Oder durchs Schlaubetal nach Eisenhüttenstadt und zurück. Die „Mönchstour“, weil man dabei am Kloster Neuzelle vorbeikommt. Ja, war wieder schön gewesen. Hier ist Brandenburg so ein bisschen wie da wo ich herkomme. Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Die Schlaube ist ein kleiner Bach, an dem früher viele Mühlen und Eisenhämmer betrieben wurden. Heute sind das Biergärten. Wir kehren gleich beim ersten ein, nachdem wir den Schreck am Bahnhof Frankfurt hinter uns haben: Viel Polizei in voller Montur. Grenzkontrollen an der Friedensgrenze zu Polen. Und das auf nüchternen Magen. Wir sind unverdächtig. Und nachdem ich mich bei der Bäckereiverkäuferin, die tapfer das babylonische Sprachgewirr ihrer Kundschaft meistert, mit einer Bockwurst versorgt habe, die so fade, fett und verkocht schmeckt, dass ich mich sofort wohlig in die alte DDR zurückversetzt fühle (noch schlimmer sind nur die, die man in Polen kriegt), suchen wir gleich die erste Gelegenheit, um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Ist viel passiert hier, seit ich das letzte Mal da war. Neue Fußgängerbrücke, geteerte Fahrradwege und keine Menschen mehr auf den Straßen. Alles leer, auch im Biergarten, der ein Idyll ist. Es klappert.. (siehe oben). Eigentlich ist geschlossen. „Ich kriege ja kein Personal mehr.“, klagt die weißhaarige Mühlenwirtin. „Nur noch Ukrainerinnen, die was schwarz neben dem Bürgergeld verdienen wollen.“ Ob‘s noch ein Bier gebe, fragt mein Freund. „Ein Bier gibt‘s immer.“, ist die joviale Antwort, und schon stehen zwei „Radler“ in schimmernden Glaskrügen vor uns. „Aber den Blütenstaub kann ich nicht auch noch von den Tischen wischen.“
Und heiter gehts weiter. Solange wir uns an die ausgeschilderte Route halten (das Zeichen, dem wir folgen ist ein Mönch, der gemütlich auf seinem Fahrrad schlingert) ist‘s auch wirklich nett, dunkel, üppig und voller Nachtigallen. Aber als wir einmal falsch abbiegen, sind wir wieder in der Brandenburger Wirklichkeit: Staubige, kahle Äcker, leere Dörfer, die aus einem Baumarktkatalog zusammengebaut zu sein scheinen und kläffende Hunde hinter Zäunen. Mir tut mein Knie weh. Unsere Rettungsinsel ist das Kloster Neuzelle. Eine barocke Pracht, die man eher aus Bayern kennt. Geht auch in Brandenburg. Und selbstgebrautes Bier gibt‘s auch: „Schwarzer Abt“. Danach schlingern wir wie der Mönch auf unseren Rädern nach Eisenhüttenstadt, der „ersten sozialistischen Stadt auf deutschem Boden“ – heute das größte Flächendenkmal Europas. Menschenleer, wie die Dörfer drumherum. Aber das Stahlwerk arbeitet noch. Ein Geruch nach Koks und kaltem Kamin, wie ich sie noch aus meiner ersten Berliner Wohnung mit Ofenheizung kenne, liegt schon Kilometer vorher in der Luft. Eigentlich hätten wir stilgerecht im Hotel „Lunik“ absteigen müssen, ehedem das erste Haus am Platze, aber das Lunik ist eine Ruine. Also wird es das Hotel „Berlin“, das einzige Hotel, das es in der Stadt noch gibt. Der Empfang ist solide und herzlich. „Ham‘ ses doch noch jeschafft.“, kumpelt die Empfangsdame, die ich von unterwegs angerufen hatte, weil wir uns ja verfahren hatten. Sie empfiehlt uns das deutsche Restaurant nebenan, in dem es grabesstill ist und nach kaltem Frittenfett riecht. Also gehen wir zum Griechen, gleich unten im Keller. Hier brummt der Laden, Familien mit Kindern feiern (Jugendweihe?) und die Lammkotteletts schmecken wie Schuhsohle. „Nimm Essen mit, du fährst nach Brandenburg.“, singt Reinald Grebe.

Am nächsten Tag, dem Samstag, treffen wir nur nette Menschen in unserem Alter. Ist wirklich so. Keine Ahnung, wo die anderen abgeblieben sind, die Jungen, die Familien, die ganz Alten. Vielleicht interessieren sie sich nicht für das Museum „Utopie und Alltag“, das in einem ehemaligen Kindergarten untergebracht ist. Und eigentlich hat das Museum auch noch zu. Aber ein Herr in unserem Alter steht davor, er ist Maler (hab noch bei Tübke in Frankenhausen das Bauernkriegsfries mitgemalt; 3,50 Meter davon sind von mir…) und Mitglied des Museumsbeirates, der sich früh trifft und nachdem die Computer und die Lichtanlage hochgefahren sind, weist uns eine beflissene Frau in unserem Alter in die Dauer- und die Sonderausstellung (Völkerfreundschaft) ein. Es ist wirklich ein gut kuratiertes Museum über die Alltagskultur der DDR. Es gibt ja einige, in denen nur ein paar Küchengegenstände aus Plaste und ein Schwalbe-Moped in eine Scheune gestellt werden. https://www.utopieundalltag.de/

Als ich nach dem Ausstellungsplakat zur „Fremde Freunde“ frage, kriege ich die Antwort: „Ist aus. Wir drucken das gerade nach. Die waren ganz schnell vergriffen.“ Völkerfreundschaft an der Friedensgrenze? Im Landkreis an der Oder hat die AfD im Februar 39,1 Prozent geholt. Wo sind die ganzen Nazis? Sitzen die alle zu Hause? Auf dem Radweg auf dem Oderdeich treffen wir nur freundliche Leute (unseres Alters) in Funktionskleidung auf Elektrorädern. Einer erklärt mir die Industrieruine, die hinter dem Deich auftaucht: Das war ein Kraftwerk, das die Nazis haben bauen lassen, weil sie hier mitten im Krieg eine große Chemiefabrik errichten wollten. Die Deutschen haben sich hier in den letzten Kriegstagen verschanzt, die Russen haben sie zusammengeschossen, als sie über die Oder sind. War da heute nicht was? Genau: 9. Mai, 80 Jahre Kriegsende. An einem sowjetischen Kriegerdenkmal halten wir an. An Kriegerdenkmälern hat es in Brandenburg keinen Mangel. Aber das ist das einzige, so weit ich mich auskenne, das für sowjetische Matrosen errichtet wurde. „Schwarzmeerflotte, ewiger Ruhm den Helden, die für die Freiheit der Sowjetunion und der Heimat… so weit reicht mein Russisch immer. Sie sind mit ihrem Boot in der Oder ertrunken. Arme Kerle. Auf dem Sockel liegen ein paar kümmerliche Nelkensträuße. Nebendran bietet ein fliegender polnischer Blumenhändler seine Ware an. Mit dem Wort „Schnittblumen“ kann er nichts anfangen. Ich kaufe eine rote Geranie im Topf für 2,50 Euro und stelle sie auf den Stein. Dank euch, ihr Sowjetsoldaten.

Ein paar Kilometer flussabwärts wird es dann richtig konkret mit der Völkerfreundschaft. In Aurith ist heute Deutsch-Polnisches Volksfest. Hier gibt es eine Fähre über die Oder (wenn der Fluss genug Wasser hat) und die Mädchen der „Oderwendischen Volkstanzgruppe“, nicht zu verwechseln mit den Sorben, wie ich belehrt werde, mümmeln Bratwurst vor ihrem Auftritt. „Bei den Polen ist heute noch viel mehr los.“, versucht mich ein EU-gesponserter Tourismusbeauftragter auf die andere Seite zu locken. Aber mein Freund will nach Hause. Immerhin erfahre ich bei der Tourismusinfo auch, dass das „Lunik“ in Eisehüttenstadt wieder aufgebaut wird. Diesen Sommer beginnt es als provisorische Theaterspielstätte. „Sie müssen unbedingt kommen, und unbedingt vorher die Führung durch das „Lunik“ mitmachen!“ charmiert eine Theaterbegeisterte aus Eisenhüttenstadt, die ausnahmsweise nicht in unserem Alter ist. Na, dann muss ich da wohl nochmal hin.

Auf dem Rückweg treffen wir dann doch noch einen Nazi, einen verklemmten. Er kommt auf einem schwarzen BMW-Motorrad mit Beiwagen daher, wie eine Motorradpatroullie der Wehrmacht. Es soll eine BMW R 71 aus Vorkriegsproduktion sein, was er da fährt, aber es ist eine mit versteckten Runen und Frakturbuchstaben umlackierte sowjetische Kopie, eine M72 Molotov. Da kenne ich mich aus. Hatte selber mal so eine, aber in lila!

So ist das mit den Nazis heutzutag: Alles eine russische Kopie.

Erstmal essen

Herr Merz hat es im ersten Durchgang heute Morgen nicht geschafft. Eine Katastrophe? Bei meinen Kolleginnen und Kollegen zwischen Wilhelm- und Friedrichstraße in Berlin merkte man davon nichts. Die Kantine ist voll und laut wie immer. Das erinnert mich an eine meiner Lieblingsszenen über Deutsche in US-amerikanischen Filmen. Tom Cruise hat seinen Film „Valkyrie“ über das missglückte Attentat auf Hitler gleich hier um die Ecke, im heutigen Finanzministerium in der Wilhelmstraße (aka Reichsluftfahrministerium, aka Haus der Ministerien der DDR, aka Treuhandanstalt) gedreht. Dort überlegen zwei an dem Attentat beteilige Offiziere, was sie machen sollen: Noch ist nicht klar, ob die Bombe in der Wolfsschanze Hitler wirklich getötet hat. Es ist kruz vor 12 Uhr. Der eine Offizier drängt zum Lossschlagen. Aber es ist die Stunde der „Mahlzeit“ in deutschen Behörden. Deshalb antwortet der andere: „Let’s have lunch first.“ Der US-amerikanische Essenslieferant Uber hat diese sympahtische Lebenseinstellung versucht für seine Zwecke zu nutzen und sie für eine Werbekampagne mit „erstmal essen“ ins Deutsche übersetzt.

In diesem Sinne verabschiede ich mich aus unserer Kantine. Der Rest wird schon werden. Nur keine Aufregung.

Stranger in Paradise

Laternen leuchten, Autos fahren, die Straße ist gut geteert. Und doch ist hier die Welt zuende. Es ist so dunkel, wie es nur an einem Januarnachmittag sein kann. Dunkler als im Dezember, obwohl die Tage schon wieder länger werden. Wenn es wenigstens nach Briketts riechen würde, nach Feuer und menschlicher Mühsal. Nach Asche und kostbarer, überbordender Wärme. Statt dessen blütenweiße Elektroautos mit feuerroten Lichtern, die lautlos rückkwärts aus dunklen, überbreiten Garagenschlünden auf den leeren Gehweg stoßen. Kein Mensch da, den sie überfahren könnten. Die Straße geht schnurgerade ins Endlose. Ich habe Angst, weiter zu gehen, mich auf ihr zu verlieren. „Hello darkness, my old friend…“ das ist vorbei. Das einzige warme Licht kommt aus der Bäckerei. Doch die Regale sind leer, die stumme Verkäuferin überhört mein Klopfen. Il est cinqe heures… Die Stadt geht schlafen.

Stayn alive

Nein, Alkohol ist auch keine Lösung, obwohl das viele hier versuchen. Und nach der Sylvesternacht nüchtern durch mein Viertel zu gehen, ist an diesen unwirklichen Tagen zwischen den Jahren wirklich nicht einfach. Geflüchtet unter ein Brandenburger Flachdach komme ich am Neujahrstag zurück und mache meine jährliche Runde um den Block. Aber ich weiß immer noch nicht, ob das hier noch lebt, oder ob ich in einer untoten Stadt gelandet bin. Freunde waren im vergangenen Jahr in den USA und erzählten von Stadtzentren, in denen alle Läden geschlossen waren und sich auf den Straßen nur noch Menschen bewegten, die wie Zombies aussahen. Ich sach mal: Den Flug hätten sie sich sparen können. Hätten sie sich mal in die BVG gesetzt und wären mich besuchen gekommen. Allerdings: Weit wären sie damit nicht gekommen. Denn seit Sylvester fährt die Straßenbahn hier nicht mehr. Ausgestorben und leer sind die Haltestellen, verstummt die ratternden Schienen, ein großer Krater mitten auf der Strecke. Keine Kugelbombe wars, sondern ein 100 Jahre altes gusseisernes Wasserrohr ist gleich nach dem Feuerwerk geplatzt. Zu viel Vibration. Hätte längst ausgetauscht werden sollen, aber das hätte ja bedeutet, dass man die Straßenbahn hätte stilllegen müssen. Jetzt kann man hier Geisterbahn fahren, oder schnallt sich besser gleich die Rollschuhe unter.

Menschen, die unter einem Haufen Decken schlafen, und bei denen man nicht weiß, ob darunter noch ein lebender Körper liegt, gibt es hier auch in vielen Hauseingängen. So viele, dass ich sie schon nicht mehr wahrnehme. Einem, der immer würdevoll aufrecht vor einem neu renovierten leeren Ladengeschäft sitzt und aussieht wie eine Mischung zwischen Weihnachtsmann und indischem Guru hab ich gestern ein paar Münzen in die Filzpantoffel gesteckt, die er vor seinem Lager aufgestellt hat.

Bleiben die Zombie-Läden. Es werden immer mehr Läden in den Haupt- und Nebenstraßen, bei denen ich mich frage: Lebt da noch was? Machen die noch mal auf? Wird das noch was oder kommt da noch was Neues? Laden zu, Auslage leer und nicht immer ein Schild, das einem sagt was hier mal war, ob hier was kommt, oder ob einfach nur bis zum Ende der Weihnachtsferien zu ist. Der Uhrmacher, der Optiker und der Musikalienladen sind schon lange weg. Hier sind jetzt ein Shisha-Shop, eine Obdachlosenberatung oder auch einfach das Nichts eingezogen.

Und dann gibt es noch die Geschäfte, von denen man denkt, die sind doch bestimmt tot, da ist doch alles vorbei. Und dann brennt da doch noch ein kleines Licht, dann geht es doch irgendwie weiter. Die Fischerpinte am Plötzensee, die noch so lange leben darf, bis der Besitzer stirbt, der Angelladen, der gleich neben den leeren Schaufenstern seines alten Geschäfts ein neues Geschäft aufgemacht hat, der Buchladen, den die beiden Besitzer schon mehr als 40 Jahre führen und so lange offen halten wollen, bis sie umfallen. Und der windschiefe Kiosk von Herrn Nguyen, der die Nachbarschaft mit Schnaps und guten Worten versorgt. Und natürlich der Karstadt. Dieser riesige leere Betonklotz, der mit seinen zerrissenen und im Wind wehenden grauen Sicherungsnetzen an der Fassade schon von alleine aussieht wie eine Kulisse aus einem Endzeitfilm. Am Anfang des Jahres soll hier ein LIDL einziehen. Wenigstens ins Erdgeschoss. Na, ist doch was.

Ja und noch schöner ist es im neuen Jahr was wirklich Neues zu entdecken. Gleich neben dem nassen Loch in der Straßenbahntrasse sehe ich in der Nebenstraße diesen strahlenden Engel. Ein Geschäft mit Glamour und Schönheit in dieser grauen Ecke. Ja, ja: Es geht immer weiter. Und die Überraschungen hören nicht auf. Auch auf diesem Blog. Ein schönes neues Jahr wünsche ich euch.

Letzte Weihnachtsgeschichte

Der alte Mann in der roten Daunenjacke hält sich an einem Glas Kräuterschnaps fest. Er ist der einzige Gast in dem riesigen Döner-Restaurant, dem einzigen Lichtblick in der verwaisten Fußgängerzone einer sterbenden Stahlstadt im Norden von Berlin. Was macht er hier am Heiligabend um halb Vier? Wo andere sich mit ihrer Familie um den Weihnachtsbaum scharen und Geschenkpapier zerfetzen? Ist es einer der verwahrlosten Stadtstreicher, die ihr erbetteltes Geld in Alkohol umsetzen, oder ist es einer dieser trostlosen Weihnachtsmanndarsteller, der sich für seinen schlechten Auftritt bei ungläubigen Kindern in warmen Eigenheimen in den Vorortsiedlungen vorbereitet, um seine mickrige Rente aufzubessern? Vielleicht ist es auch nur ein einsamer alter Mann, der nirgendwo hin gehört an einem Abend, an dem niemand einsam sein sollte. „Have you seen the old man outside the seaman’s mission…? Selbst die tuschelnden Männer hinter dem Tresen, die in einer Sprache sprechen, die er nicht versteht, und denen Weihnachten nichts bedeutet, sind heute zu zweit.

Wie lange darf man mit einem Schnaps in der warmen Gaststube bleiben? Reicht das Geld für einen zweiten oder muss er bald los in die Kälte, dorthin wo die blinkende Weihnachtsbeleuchtung höhnisch strahlt. Diese Lichter wärmen ihn nicht. Es ist kurz vor Vier als er sich müde und seufzend erhebt um nach dem Preis für den kurzen Augenblick der Wärme zu fragen. Wortlos schiebt er drei Euro in die Hand des Wirts. Kein Gruß, kein „Frohe Weihnachten“. Wieso auch?

Auf seinem Weg zurück sieht er andere Verlorene. Eingehakte Paare, denen es zu Hause zu eng wurde. Einen Vater mit einem Lastenrad, der mit seinen drei Kinder das Weihnachtsessen bei „Call a Pizza“ abholt; und das erinnert ihn, dass er ja auch drei Söhne hat, denen er versprochen hat, am nächsten Tag zu Mc Donalds zu gehen. Der einzige Weg sie dazu zu bringen, heute ihre heilige Christenpflicht zu erfüllen und am Heiligabend anderen Menschen eine Freude zu machen. Müde von dem langen Kampf, der schon seit Wochen währt wankt er die Stufen zur Kirche hoch, über deren Eingang ein einsamer roter Herrenhuther Stern leuchtet. Ist das sein Nachtasyl? Hofft er auf etwas Barmherzigkeit oder eine Pause von seinem harten Leben? Der Kirchendiener drückt ihm ein Heft mit Weihnachtsliedern in die Hand und wünscht freundlich ihm eine „Frohe Weihnacht“, was den Alten in seinem Grimm erschreckt. Was hat das hier mit Weihnachten zu tun? Er quetscht sich in eine der vollbesetzten Holzbänke. Der Pfarrer schnoddert in bestem Berlinerisch die Lithurgie herunter. Der Organist eiert die bekannten Melodien. Es klingt wie Karussellmusik auf dem Jahrmarkt. Die Gemeinde hält nach Kräften mit. Doch da erklingt wie aus anderen Sphären von der Empore der Kinderchor. Auch schief, weil zu wenig geübt und zu viel mit den Handys gespielt, aber dabei, glockenklar, die Stimmen seiner Jungs. Auf die letzte Minute hatte er sie zur Generalprobe hier abgeliefert, nur unter Protest hatten sie die weißen Hemden angezogen, aber immerhin waren sie mitgekommen. Und jetzt singen sie „ und soll es werden Frieden auf Erden; den Menschen allen ein Wohlgefallen…“ Na, das kann ja eine schöne Weihnacht werden.

Zweite Lesung

Samstagmittag. Wir sitzen beim Döner. Meine zwei Jungs, ihr Freund und ich. Sie haben sich in der Bibliothek einen Harry-Potter Film und zwei Kilo Donald Duck-Hefte ausgeliehen und sie haben sich bei mir einen Filmnachmittag herausverhandelt. Die Stimmung ist aufgekratzt. Aber erstmal gibt es was Ordentliches zu essen und zu lesen. „Papa, du hast doch die Geschichte mit dem ICE geschrieben. Kannst du die mal vorlesen?“, heißt es, kaum dass wir am Tisch sitzen. Die Jungs sind der festen Überzeugung, dass ich meinen Blog nur schreibe, um meine Erlebnisse mit ihnen und ihrem Bruder für die Nachwelt zu erhalten, was nicht ganz falsch ist. Manchmal lese ich ihnen nach einem gemeinsamen Abenteuer vor, was ich getippt habe. „Ich würd dich instant liken“, sagte der eine mal abends, als ich wieder eines unserer alltäglichen Dramen in Worte gegossen hatte. Und ich denke, das ist ein Lob. Aber das hier ist ist jetzt was anderes. Das ist in der Öffentlichkeit. Der Freund ist dabei, die zwei Döner-Männer hinter der Theke und ein Pärchen in unserem Rücken, das sich nebenan einen Lamachun geholt hat, weil das billiger ist als ein Döner. Wenn ich jetzt die Geschiche vorlese ist das eine öffentliche Lesung! Vor Publikum! Natürlich drängt es jeden Autor dazu, seine Werke der Welt anzuvertrauen, und bisher habe ich erst einmal die Gelegenheit dazu gehabt, bei einem mäßig besuchten Leseabend an meiner Arbeitsstelle. Es war schnell vorbei, gab eine Flasche Sekt zur Belohnung und zwei Monate später die Überraschung bei einer Arbeitssitzung mit einer anderen Abteilung, als eine Kollegin sagte: „Sie sind doch der, der vorgelesen hat. Ich hab sie an ihrer Stimme erkannt.“ Da schmiedet man stundenlang ein Schmuckstück aus Worten, und sowas bleibt also in in Erinnerung. Mein heutiges Publikum kennt meine Stimme zur genüge in allen Lagen und Lautstärken. Aber sie wollen mit meiner Hilfe ihren Freund beeindrucken. „Fang doch jetzt endlich an mit der Geschichte.“, drängt mich mein Sohn, während ich noch an meinem Adana Dürum kaue – und sie ihren Döner in Lichtgeschwindigkeit abgenagt haben. Auf dem Tisch und darunter sieht es aus wie nach einem Wirbelsturm. Aber ein wahrer Künstler muss der richtigen Stimmung sein, um sein bestes zu geben. Also bestelle ich mir noch einen Tee und ziehe langsam das Handy aus der Tasche. „Die Stimmung war gut…“ beginne ich mit der epischen Einleitung. Der Freund kommt neugierig auf meine Seite, aber die Jungs drängeln: „Muss das sein? Lass das doch weg. Kommt das auch mit der U-Bahn?“. Kunstbanausen. Hatten sie sich nicht neulich beschwert, dass ich sie in ihrer Jugend betrogen hätte, weil ich bei den ewigen Wickie der Wikinger-Geschichten beim Vorlesen ganze Absätze unterschlagen hätte? Also müssen sie sich jetzt gedulden. Genüsslich komme ich zum ersten Cliffhanger: „Was ich nicht wusste: Sie hatte sich neue Verbündete gesucht…“ Der Döner-Wirt kommt mit mürrischem Gesicht und versucht die Ordnung auf unserem Tisch wieder herzustellen. Das Pärchen hinter uns kaut unbeeindruckt an seinen Teigrollen. Am Glückspielautomaten im Hinterzimmer ist jetzt ein Biertrinker zu Gange. Der Laden füllt sich. Wahre Kunst findet immer ihr Publikum. Aber nicht immer ein dankbares. Ständig spoilern meine Jungs vor lauter Aufregung kichernd die Pointen. „Das stimmt doch gar nicht.“ Wir hätten noch mehr Cola aus dem Bisto holen können“. „Sind wir wirklich schwarz gefahren in der U-Bahn?“ Dem Freund wird langweilig und mein Schlussatz geht unter, weil die drei schon wieder bei einem anderen Thema sind. Wahrscheinlich ob sie zum Film lieber Popcorn oder Chips bei Edeka kaufen sollen. Ich drücke ihnen einen Zehner in die Hand und scheuche sie zum Supermarkt. Der Künstler bleibt sitzen und genießt den kurzen Ruhm. Nach zehn Jahren Bloggerei endlich der ersehnte Erfolg. Eine treue, wenn auch bestechliche Anhängerschaft und einen Platz in der Ewigkeit. Hatte mein Älterer nicht eben an der Ampel gesagt: „Irgendwann schreib ich ein Buch über dich“?

Katerstimmung

Es hätte so ein schöner Abend sein können: Die Nachbarschaft war zahlreich gekommen, um einen „bal populaire“ zu feiern. Ein Fest, bei dem sich deutsche und französische Stimmen jeden Alters mischten, und bei dem trotz des kühlen Herbstabends mit feurigen Merguez-Wüsten vom Grill, Live-Musik und zwei Bars eine ausgelassene sommerlich-südliche Stimmung aufkam. Mehr als 450 Spenderinnen und Spender aus der Nachbarschaft und ganz Berlin hatten per Crowdfunding 18.000 Euro zusammengetragen, um den Wiederaufbau des hölzerenen Eiffelturms vor dem Centre Français de Berlin zu ermöglichen. Und als Dank für die Unterstützung durften sich alle Spenderinnen und Spender an Bar und Grill einmal gratis bedienen lassen. Mit Einbruch der Dämmerung wurde das neu errichtete Wahrzeichen des Wedding in den französischen Nationalfarben angestrahlt. Die Glühbirnen, mit denen er bis zum Richtkranz an seiner Spitze dicht besetzt war, gaben dem 13 Meter hohen Holzturm ein festliches Aussehen. Fast hätte man meinen können, einen verfrühten Weihnachtsbaum strahlen zu sehen. Es war ja auch eine frohe Botschaft, die es zu feiern galt. Der alte Eiffelturm war morsch geworden, aber die Anwohner wollten auf den Turm als Wahrzeichen und die Wegmarke nicht verzichten. Was der Eiffelturm als Symbol für den Wedding und die Weddinger bedeutet wurde deutlich, als eine Rednerin mit einer Geschichte stürmischen Applaus erntete: „Wenn ich einem Taxifahrer sage: Bringen sie mich ins Centre Français in der Müllerstraße, dann fragt er mich, wo das sein soll. Wenn ich dann sage: Das ist da, wo der Eiffelturm ist, weiß jeder gleich, wo ich hin will.“
Vier Jahre Arbeit stecken in dem Projekt, das erst richtig ins Rollen kam, als der Geschäftsführer des Centre einen Bildungsverein gefunden hatte, die sich das Projekt zutraute und gleichzeitig in der Lage war, mehr als 75 deutsche und französische Jugendliche an dem Wiederaufbau zu beteiligen. Ein echter Schreinermeister trat auf das Podium, sprach von imprägniertem Eschenholz und davon, wie stolz er sei, und wie stolz die Schülerinnen und Schüler, wenn sie sich nach zwei Wochen in der Werkstatt trauten, selbstständig mit Fräse und Bohrer umzugehen.

Und dann platzte Olaf in die Stimmung. Drei Jahre hatte der Kanzler praktisch nichts gesagt, manchmal von der Zeitenwende geredet, aber sonst den Mund gehalten. Aber jetzt wurde er redselig. Wie ein Vater, der mit seinem ungezogenen Sohn lange Geduld gehabt hat. Meine Stimmung war im Eimer. Zum Glück hatte ich auch für das Projekt gespendet und deshalb einen Gutschein für die Bar, die auf der Empore im Foyer des 60er-Jahre Kinos im Hinterhof des Centre eingerichtet war. Die französischen Barfrauen sahen mein Gesicht und wussten, wie mir war. Denn mit plötzlichen Regierungsumbildungen hat man in Frankreich Erfahrung. Sie empfahlen mir ein Picon-Biere, eine Mischung aus einem bitteren Orangenlikör mit einem kalten Bier. Es half. Zumindest um beschwingt nach Hause zu gehen und einen fröhlichen Beitrag über das Fest für unser Kiezmagazin zu schreiben. Dann schaute ich bis zwei Uhr nachts abwechselnd in die Gesichter von Olaf, Donald, Kamela und Christian. Heute Morgen hatte ich Kopfschmerzen.

Friedenspflicht

“Morgen ist Feiertag.“, sagt mein Friseur. „Deutsche Einheit“. „Deswegen bin ich hier.“ , sag ich, erstaunt über so viel staatsbürgerliche Bildung in einem arabischen Laden. „ Morgen muss ich schick sein, ich geh auf die Demo.“ „Ah, Demo, prima. Was für eine?“ „ Gegen Raketen in Deutschland und gegen mehr Waffen für die Ukraine“ „Alles klar!“, grinst mein Figaro und geht mit seinem freien Arm einmal über die Köpfe seiner vier Kollegen, der Männer auf den Frisierstühlen und des Lehrjungen. „Wir kommen alle mit.“ Er hat gute Laune und spinnt die Sache weiter: „Ist das mit Auto?“ „Nee“, sag ich. „Zu Fuß“. „Ah, das ist mir zu anstrengend, da bleib ich lieber im Bett.“ „Kannst auch mit dem Fahrrad kommen.“ „Da muss ich mir erst mal ein Fahrrad kaufen. Ich komm mit E-Roller. Ist das ok?“ Er ist jetzt fertig mit meinem Haaren. Jetzt sind die Ohren dran. „Soll ich die versengen?“ Ich zucke kurz, wegen der Wortwahl, weiß dann aber was er meint und nicke. „Feuer!“, ruft er durch den Laden und der schüchterne Lehrjunge bringt ihm ein Einmalfeurzeug. Es klickt ein paar mal. Viele kurze Flammen lecken in meine Ohrmuschel. Dann kommt er mit einem Gerät, das aussieht wie eine gläserne Laserpistole. Vorne leuchtet sie blau. Der Friseur drückt ab. Doch statt eines tödlichen Laserstrahls trifft mich eine Wolke von Aftershave und nebelt mich ein. „Ist auch ne Waffe.“, lacht er. Für die Demo bin ich jetzt gut gerüstet.

Stadtrallye

Ist eigentlich nicht so schwer, dachte ich. Immer geradeaus, über die Ampel und dann weiter geradeaus bis zur Bibliothek. Den Weg waren wir schon ein paar Mal gegangen, auch getrennt. Und jetzt wollte ich meinen Kaffee in Ruhe austrinken und die hibbeligen Jungs wollten ihre Comics ausleihen. „Also geht schon mal vor“, sagte ich. „Ich komm mit dem Fahrrad nach.“ Ein komisches Gefühl hatte ich trotzdem, vor allem, als sie sich schon mit den ersten Schritten nach links statt nach rechts aufmachten. Egal, dachte ich, einmal auf die richtige Spur gesetzt werden sie schon weiter laufen. Es ist eine ruhige Nebenstraße und ich hätte für einen Moment meine Ruhe. Dachte ich. Aber der Kaffee schmeckte nicht mehr und so machte ich mich ein paar Minuten später hinter den jungen Wilden her. Mit dem Rad. Eigentlich hätte ich sie schon an der nächsten Kreuzung einholen müssen. Spätestens an der Ampel. Aber da waren sie nicht. Verdammt flott, die beiden, dachte ich. Dann kam ich an dem großen Wochenmarkt vorbei. Ob sie sich dort in das Getümmel gestürzt hätten, fragte ich mich. Aber eigentlich waren sie dazu zu wenig neugierig und zu ängstlich. Aber in der Bibliothek waren sie auch nicht. Auch nicht davor. Nicht in der Comics-Abteilung und nicht bei den Zeitschriften im ersten Stock, nicht bei den Romanen und nicht bei den Mangas eine Treppe höher. Auch nicht im Maker-Space, wo man sich T-Shirts bedrucken lassen kann und auch nicht auf dem Klo. Hm!

Warten im Sonnenschein vor dem schicken Neubau der Schillerbibliothek. Überall Kinder, Halbwüchsige, Trinker, bewusstlose Leute, die von Männern in gelben Westen genötigt werden, von den Bänken aufzustehen, weil das kein Schlafplatz ist. Aber meine Jungs sind nicht da. Die Bibliothekarin verleiht einem umständlichen Fusselbärtigen in Sandalen ein Lastenrad vom „Flotte Lotte e.V.“ und nein, meine Jungs habe sie nicht gesehen. Ob ich schon mal oben nachgeschaut… ? Ja, hätte ich schon. Ich lasse meine Telefonnummer da. Warum habe ich dem Großen das Handy abgenommen, bevor sie losgelaufen sind? Weil er es immer wieder schafft, die Sperre zu knacken und sein Brawl-Stars-Spiel zu zocken, oder seine Mutter damit nervt, um mehr Bildschirmzeit zu bekommen. Das wär mir jetzt egal, wenn ich dafür wüsste, wo er ist. Also die ganze Strecke noch mal zurück. Vielleicht sitzen sie ja wieder vor der Haustür. Nein, sitzen sie nicht. Auch nicht im Hof in der Hängematte und auch nicht auf dem Trepppenabsatz vor der Wohnungstür. Wo weiter suchen? Im Café, wo sie aufgebrochen sind, und wo die Rentner mich fragten, ob ich heute „Enkeltag“ hätte? Da sind sie nicht, das seh ich durch das Ladenfenster. Und fragen mag ich nicht, denn wie sieht das denn aus? Dass ich meine Jungs nicht im Griff habe? Ich frage auch nicht im Eiscafé zwei Querstraßen weiter, wo wir jedes Wochenende einkehren. Was sollen sie auch da? Sie haben ja kein Geld dabei. Oh Gott: Kein Geld, kein Handy! Hoffentlich haben sie sich wenigstens meine Adresse gemerkt. Vielleicht sind sie die Parallelstraße runter gelaufen. Da haben wir früher ja mal gewohnt, da sind sie zur Kita gegangen und da ist der Spielplatz. Aber da sind sie auch nicht. Hab ich auch nicht wirklich geglaubt. Wieder in der Bibliothek. Nein, da seien keine neuen Kinder gekommen. Wieder durch alle Stockwerke. Langsam panisch frage ich die Bibliothekarin noch mal. Was sie den angehabt hätten, fragt sie. Wie soll ich das wissen? Blaues T-Shirt, oder graues. So was in der Art. Und eine schwarze Brille bei dem Großen. Wenn ich jetzt zur Polizei ginge, würden sie direkt die Mutter anrufen, wenn ich so rumstammle. Kenn ich schon. Also noch mal die Hauptstraße zurück, bunter Flitter, heller Schein, Menschenmassen und Döner-Läden, die mich nicht mehr locken. Wo sind die Jungs? Immerhhin habe ich auf meinen ganzen Hin- und Her keinen Krankenwagen gesehen, kein Martinshorn gehört. Das ist eine Seltenheit, denn die Straße geht zur Autobahn und die Kreuzung zum Virchow-Klinikum. Also überfahren sind sie nicht. Gibt es einen organisierten Kinderhandel im Wedding? Böse Onkels, die kleine Kinder in Autos zerren? Aber warum sollten die gleich zwei wollen? Und warum meine? Aber vielleicht irrt einer schon hilflos duch die Straßenschluchten, um mir die schreckliche Nachricht zu überbringen? Wo war nochmal die Polizeidirektion? Vor der Haustür sitzen sie immer noch nicht. Wohin jetzt noch? Ich suche schon eine Stunde. Im Suchen war ich noch nie gut. Da endlich ein Anruf. Die Bibliothekarin. Ja, die Jungs seien bei Ihr. Sie habe sie angsprochen, als sie reinkamen. Es gibt noch Menschen, auf die man sich verlassen kann.

Wieder aufs Rad. Wieder die Strecke. Und endlich sehe ich sie – zwischen den Regalen, seelenruhig in ein Buch vertieft. Ich rege mich gar nicht auf. Wo sie gewesen seien, frage ich den Großen. Ach, sie wären falsch abgebogen (Ich hatte die Baustelle vergessen, die eine Umleitung in die Seitenstraße macht). Dann seien sie immer geradeaus gelaufen. Wie sich herausstellt Richtung Osten statt Richtung Süden. Als sie das gemerkt hätten, wären sie schon ganz schön weit gewesen. „Fast da wo Aaron wohnt“. Das sind etwa zwei Kilometer. Dann seien sie wieder zurück nach Hause, da sei keiner gewesen, also hätten sie im Café nachgefragt, wo die Bibliothek sei und seien losgelaufen. Aber in der Bibliothek sei ich nicht gewesen. Der Kleine sagt, er hätte von Anfang an gewusst, dass sie falsch laufen, aber er hätte seinem Bruder vertraut. Jetzt habe er Durst und wolle was zu trinken kaufen. Sie sind ganz schön stolz, dass sie das alles geschafft haben und ich bin es auch. Mit einem riesigen Stapel Comics verlassen wir die Bibliothek. Es ist ein warmer Tag, wir laufen lange, bis wir einen Getränkeladen finden. Mir wird warm – ums Herz.

Der Garten, die Gärten und das Paradies

Ich bin noch mal zu seinem Garten gegangen. Nach all den Tränen mit seiner Frau, seinen Kindern, den Freundinnen der Kinder, die ich mit habe aufwachsen sehen und die mich jetzt trösten. Nach den guten Nachbarn aus aller Herren Länder, nach dem guten Essen und den Geschichten von den guten Zeiten brauchte ich einen Moment mit ihm alleine. Es dauerte eine Zeit, bis ich den Weg gefunden hatte. Bisher war ich immer mit ihm hierher gelaufen. Jetzt brauchte ich Google, um hin zu finden. Das Tor war zu und es dauerte eine Weile, bis ich den Trick fand, der die Kolonie vor ungebetenen Besuchern schützen soll. Dann war er wieder da: Üppig, voll, überbordend. So hatte ich sein kleines Stück Erde in Erinnerung und so war es auch jetzt. Trauben; Pflaumen, Tomaten, Borretsch, Rosmarin und Thymian und ein Kornellkirschenstrauch. Ein Nutzgarten. Ein Teil von ihm war der schwäbische Bauer von der Donau geblieben, der Sohn seines wortkargen Vaters, den er oft mit knochentrockenen Sprüchen parodierte. Hinten gab es eine Hütte und ein kleines Stück Wiese. Wunderbare Sommerfeste hatten wir hier gefeiert unterm Pflaumenbaum und ruhige Abende allein. Jetzt hängt alles voll und niemand hat Zeit zu ernten.

Und ein Olivenhain auf Kreta ist dazu gekommen und das Land seines Vaters vor zwei Jahren auch noch. „Und zwei Hektar Wald.“, ergänzt seine Schwester. „Es hat ihn zerrissen.“ Er habe auch das Elternhaus wieder hergerichtet, wäre mit ihr noch einmal an seine Plätze gegangen, die ihm als Kind wichtig waren. Er wäre wohl gerne zurück in das Dorf seiner Kindheit gegangen, will sie mir sagen. Er vielleicht, aber seine Frau sicher nicht. Und als ich ihn in Kreta besuchte habe ich wirklich geglaubt, dass er froh ist, das alles hinter sich zu lassen. Das Dorf aus dem er kommt und die Stadt, in der er ein Vierteljahrhundert gelebt, gearbeitet, Kinder großgezogen hat. Aber jetzt, in seinem Garten, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob er hier nicht doch Wurzeln geschlagen hat. Er ist in seinem Garten gestorben, in den Armen seiner Frau, um es poetisch zu sagen. Die eine Stunde Reanimation hätten sie ihm ersparen sollen. Wahrscheinlich war er da aber schon nicht mehr dabei und hat sich das schon alles von oben angeschaut. Und weil wir beide zusammen vor 40 Jahren Krankenpfleger gelernt haben, weiß ich, dass er dabei einen trockenen Spruch abgelassen hat – über das vergebliche Theater, das der Rettungsdienst mit ihm veranstaltete.

Am Wochenende werden sich noch mal alle Freunde im Garten treffen, zu einem Abschiedsfest. Ich habe schon Abschied genommen und werde nicht mehr dabei sein. Seine Frau hat mir ein Glas Pflaumenmus mitgegeben.