Die Tränen der Inder

„Wer will schon im Winter sein Fahrrad reparieren lassen?“, dache ich und dünkte mich schlau. Denn alles Volk hatte sich vor der Kälte unter die Erde verkrochen und fuhr in den dunklen Röhren seinem Ziel entgegen oder es spaltete den grauen Schneematsch auf den Straßen mit wuchtigem Gefährt. Leer wähnte ich die Werkstatt und schnell würden die flinken Hände des kundigen Meisters die müde Kette meines Rades von den Zahnrädern befreien, in die sie sich mit den Jahren eingefressen hatte. Bei fröhlichem Gespräch wäre das Werk schnell getan und frei und sanft würde mein Rad mit mir Richtung Frühling rollen. „Der Winter muss weichen, weil er weichen muss…“, sang ich mit Hannes Wader.

Vergessen hatte ich aber die dunklen Knechte, die mit klobigen Kapuzen auf dicken Rädern auf das Geheiß fremder Stimmen an den Rändern der breiten Avenuen ihr Tag- und vor allem ihr Nachtwerk verrichteten. Jene, die in täglicher Fron warmes Essen zu den Reichen unter den Hungrigen dieser Stadt bringen. Nicht mehr als Schatten waren sie bislang, die meine täglichen Wege lautlos begleiteten; unfassbar, unnahbar, unverständlich. Auch wenn das Schicksal uns zuweilen an einer roten Ampel zusammenführte, gab es keinen Blick, kein Lächeln, kein Zeichen gemeinsam erlittener Unbill in Wetter und Wind. Immer waren sie in einer anderen Sprache in einer andern Welt – verbunden über eine leuchtende Kiste mit einem Signal zu den Sternen.

Jetzt aber waren sie hier in der Werkstatt. „I will call you, not: You call me! Understand?“ brüllte der Fahrradmechaniker einen Mann mit rundem dunklen Gesicht an. Der hatte weiße iPods in den Ohren, eine graue Kapuze über dem Kopf und ein stoisches Buddha-Lächeln im Gesicht. Und er ging nicht weg. „Also gut, lenkte der Schrauber ein: „Wo steht es denn?“ Später sehe ich sie beide auf dem Gehweg, das schwere Lieferfahrrad im Schnee auf den Kopf gestellt. Sie diskutierten halb Deutsch, halb Englisch die Ursache für das Lahmen des Stahlrosses. Da hatte mir der Praktikant, in einer Hand einen Döner mampfend, schon den Reparaturzettel ausgestellt. „Montag, vielleicht schon Samstag. Wir rufen Sie an.“

Es wird Montag in der Mittagspause. Der Meister ist allein. Hektisch, aber mit genauen Griffen zirkelt er zwischen meinem aufgebockten Rad, einem Pappbecher mit Kaffee und einer Packung Tabak hin und her. Der Zweiradmechanikermeister, bei dem ich die Jahre davor war, hat mit 50 einen Herzinfarkt bekommen und den Laden an seinen Gesellen abgeben müssen. Mein neuer Meister ist Anfang Dreißig und hat das noch vor sich, wenn er so weiter macht. Er ist überall gleichzeitig. Als eine junge Frau mit ihrem Rad in den Laden kommt, weiß er sofort, wo es hakt, drückt mir gleichzeitig mein Rad für die Probefahrt in die Hand und dreht sich eine mit dem Tabak. Als ich zurückkomme sitzt er vor seinem Laden und raucht. Die Schaltung geht nicht ganz geschmeidig. Das lässt ihm keine Ruhe, und schon sind wir wieder in der Werkstatt. „Dauert nur einen Moment.“, sagt er und drückt auf die Kaffeemaschine – für mich. Mit dem Becher in der Hand kommen wir ins Reden. „Du machst viel für Wolt, oder?“ frage ich neugierig. „Nein, ich mach das für die Jungs. Die Fahrräder müssen sie selber leasen. 150 Euro im Monat. Aber die Firma hat in Berlin nur zwei Werkstätten und da müssen sie sich eine Woche vorher anmelden. Deshalb kommen sie zu mir.“ „Und das geht so einfach, bei geleasten Rädern?“ „Die Jungs kommen aus Pakistan oder Indien, die werden bei Wolt pro Lieferung bezahlt. Die haben Druck und nehmen keine Rücksicht auf das Material. Das sind gute Räder, aber auch die halten das nicht lange aus. Wenn ihr Rad kaputt ist, können sie nicht eine Woche warten. Sie kommen zu mir und weinen. Was soll ich machen?“ Ein stolzes Grinsen fährt über sein Gesicht: „Erst wollte der Hersteller mir verbieten, ihnen zu helfen. Aber ich habe mir dann die Teile besorgt, aus China. Inzwischen kann ich alles außer dem Steuergerät selber machen.“ Einen größeren Laden bräuchte er. Den hier teile er sich mit dem türkischen Schlüsseldienst. Und er sei sehr froh, dass sie ihn reingelassen haben. Alleine könne er die Miete für den Laden nicht stemmen. „Da müsste ich 150 Euro am Tag nur für die Miete verdienen.“ Dabei stehen im Wedding dutzende Läden in allen Größen leer. Von mir will er 20 Euro weniger als ich für die Reparatur im anderen Laden vor drei Jahren bezahlt habe. Dabei hat er zusätzlich noch alle Seilzüge ausgetauscht. „Hat ja keiner Geld heute“, murmelt er. Am Wochenende sei er übrigens selber auf Tour, erzählt er, noch in der Tür stehend, als ich mein Rad nach draußen schiebe: Für Lieferando. Es sei schwer, nach einer Woche in der Werkstatt Sonntags früh aus den Federn zu kommen. Aber da werde er nach Stunden bezahlt. 13 Euro irgendwas. Und er fahre die Touren mit dem Auto. Mit dem Fahrrad sei es zu anstrengend.

Wer diese Lieferung am Ende wohl bezahlt hat?

Die Wespe

Es ist schön, Besuch zu haben. Auf der Terrasse des ehemaligen Terrassencafés Minsk in Potsdam (jetzt: Kunsthaus DAS MINSK) bin ich der einzige Mensch, der sich nach dem Regen hinaus getraut hat. Und sie ist die einzige Wespe hier. Wir beide können es gut miteinander aushalten. Aber während ich nichts anderes zu tun habe, als an einem Samstagnachmittag meinen Americano (wenn Erich das wüsste) mit Milch zu trinken und den Blick auf den goldenen Kuppeln der Stadt ruhen zu lassen, ist sie eifrig. Die leere Tasse und das halbleere Milchkännchen werden unablässig untersucht. Zwischendrin werden die Fühler geputzt und wieder ein neuer Anlauf zur Nahrungssuche gesucht. Vorsichtig balanciert sie auf dem Rand der Kanne, ohne vor Gier hinein zu fallen. Ein kluges Tier. Anscheinend findet sie dort genug, um sich mit Eiweiß zu versorgen, das sie zu Hause gleich an die Larven verfüttern kann. Schwer schleppt sie am dicken Leib hinter der Wespentallie. Ob sie genug Luft kriegt? Und ist das fair? Dass sie sich so abrackern muss, um ein Bisschen von dem zu bekommen, was ich mir gerade für ein bisschen Kleingeld von der Theke geholt habe? Na ja, Kleingeld: 3,50 Euro. Im Prospekt zur Renovierung des Cafés war auf einer Speisekarte aus den 1970ern zu lesen, dass hier ein Kännchen Kaffee – es gab nur Kännchen – mit Milch und Zucker 1,90 M kostete. Offizieller Wechselkurs zur D-Mark war 2:1; dann wieder 2:1 von D-Mark in Euro. Also habe ich gerade 14 M für eine Tasse Kaffee gezahlt. Dafür war es echter Bohnenkaffee und kein Mokka Fix, dafür ist die Terrasse frisch renoviert, ich muss nicht mehr auf den Kellner warten, der mich „platziert“ und über mir, am Brauhausberg, in der dunkelroten Festung sitzt nicht mehr die Kreisleitung der SED, nicht mehr der Brandenburgische Landtag sondern Hasso Plattner, einer der Gründer von SAP, der wertvollsten Software-Firma Europas, der draus jetzt eine Hochschule für Wirtschaft und Recht machen will. Also für das Recht der Wirtschaft, würde ich mal vermuten. Das Café gehört ihm jetzt auch, oder seiner Stiftung. Dafür darf ich mir jetzt hier seine Sammlung von DDR-Kunst anschauen. Ist doch ein guter Deal, oder? Samstagsnachmittagsgedanken.

Die Wespe ist immer noch da. Anscheinend hat sie noch nicht genug zusammen bekommen für ihre Königin und deren Brut. Wer hängt eigentlich noch von dem ab, was ich übrig lasse? Wer arbeitet für mich, damit ich hier in Ruhe in die Luft schauen kann? Das Treppenhaus muss ich nicht putzen am Wochenende, das erledigt immer eine junge Frau mit Kopfhörern auf den Ohren, von der ich vermute, dass sie Ukrainerin ist. Die Wiese hinter dem Haus muss ich auch nicht mähen, und auch nicht das Laub harken, obwohl mir das mal gut täte. Das macht drei Mal im Jahr ein Trupp Gartenarbeiter, die sich ihre Stullen selber mitbringen. Mein Moped repariert eine Werkstatt in Neukölln… Und wer kümmert sich um meine Brut? Ich gerade nicht.
Oh Gott, ich bin eine überflüssige Drohne ohne Stachel. Bei den Wespen sterben diese trägen Kerle, die von den Arbeiterinnen versorgt werden, im Herbst, wenn Königin ausfliegt, um ein neues Nest zu gründen. Ich schaue auf die Eifrige, die immer noch am Milchschaum kratzt. Gottseidank, sie will Eiweiß. Das sammeln Wespen nur im Sommer (so weiß ich jetzt auch, welche Jahreszeit sich gerade unter der Dauerregendecke verbirgt). Im Herbst gehen sie dann auf Obst und Süßes, um selber wieder Energie zu sammeln. Ein paar Monate habe ich also noch. Wenn die Wespen an meinen Pflaumenkuchen gehen, wird es gefährlich für mich.

The Doors

Eine neue Cique, neue Orte, neue Musik. Das war gar nicht so einfach, mit 17. Aber ich hatte es geschafft. Statt mit der Katholisch Studierenden Jugend, bei denen ich nach den St. Georgs-Pfadfindern sozusagen automatisch gelandet war, nach Taizé zu fahren, wozu mir nach Ansicht unseres Gruppenleiters der rechte Glaube fehlte, saß ich mit ein paar Jungs aus meinem Jahrgang und, vor allem, mit ein paar Mädchen vom benachbarten Mädchengymnasium bei Peter im Zimmer. Und er legte auf. Eine Platte, die mich alle zur Klampfe gesungenen Fahrtenlieder vergessen ließ: The Doors – live. Der hypnotisierende Sound passte zu meinen Haaren, die ich lang wachsen ließ und die Botschaften waren vage genug, um alles mögliche zu bedeuten. „Break on trough to the other side!“ hieß für mich vor allem: Von meinen Eltern weg, Schlafsack packen, in die Dorf-WG in der Eifel umziehen und da das Kiffen ausprobieren. Hat drei Tage gedauert, da stand ich wieder bei meinen Eltern vor der Tür. Vom Kiffen war mir schlecht geworden und Freiheit hatte ich mir anders vorgestellt als endloses Gequatsche auf versifften Matratzen. Und überhaupt. Ich hatte ja gerade erst eine Tür aufgestoßen. War von der Realschule auf das Gymnasium gewechselt. Ich blieb am Boden. „Not to touch the air, not to touch the sun, nothing left to do but run, run, run..“ sang Jim Morrison. Die Vorstellung war mir Rausch genug. Ich machte mein Abitur und lernte was Ordentliches.

Deswegen muss ich mich jetzt um anderer Leute Türen kümmern. Verklemmte Türen, defekte Türen, automatische Türen, die nicht automatisch öffnen und die für manche Menschen ein unüberwindbares Hindernis darstellen, vor allem, wenn sie im Rollstuhl aus der Tiefgarage wollen. „Ist das wieder die Tür zu Haus 1, die nicht aufgeht?“ frage ich den Anrufer. „Nein, die ist repariert worden, aber die Brandschutztür vor dem Aufzug, die hat einen Schnapper, und wenn der eingeschnappt ist, dann öffnet sie sich nicht automatisch.“ Ich blättre durch Schreiben und Mails des letzten halben Jahres, in denen die Techniker versichern, dass sie eine neue Tür bestellt hätten, und dass bis zum soundsovielten die Tür wieder funktioniert. Ich bin skeptisch. Setzte Fristen, mahne an. Ersatzeile können nicht beschafft werden, Zuständige sind in Urlaub, Funktionsprüfungen können noch nicht durchgeführt werden…

Neben meinem Büro rumort es. Das sind die zwei Techniker, die seit einer Woche versuchen eine Tür im Durchgang zur Teeküche einzusetzen. Seit mehr als 20 Jahren nutzen wir diese Büros und erst dieses Jahr ist jemand aufgefallen, dass in dem Gang eine Brandschutztür fehlt. Ich hab meinen neuen Kollegen im Verdacht, der früher Sicherheitsbeauftragter war. Die Tür haben sie schnell eingepasst. Eine massive Tür mit dickem Stahlrahmen. Ich hab gestaunt. Jetzt ist alles gut, dachte ich: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Bei einem Feuer im Nachbarflur sind wir jetzt sicher und können beruhigt weiter arbeiten. Dann ist jemand aufgefallen, dass die Tür nicht barrierefrei ist. Wir haben auch einen Kollegen im Rollstuhl, der würde die dicke Tür nie alleine aufbekommen. Also wird ein elektrischer Türöffner nachträglich eingebaut. Das Ding funktioniert aber nicht. Seit Wochen. Unsere Hausverwaltung hat uns geraten wegen dem Lärm, den die glücklosen Elektriker bei ihrem ahnungslosen Rumgehämmer produzieren, ins Homeoffice zu wechseln. So lange bleibt die Tür mit einem Holzkeil aufgesperrt. So würden wenigstens nur unsere Akten verbrennen, wenn jetzt ein Kurzschluss am Türöffner die ganze Bude abfackelt.

Ich bleibe tapfer auf meinem Posten. Der Mann im Rollstuhl ruft wieder an. Die alte Tür in Haus 1 sei jetzt auch wieder kaputt. Er müsse bis auf Weiteres aus dem Homeoffice arbeiten, weil es für ihn keinen Weg aus der Tiefgarage mehr gibt. Ich bitte ihn, sich einen Plan seines Hauses zu besorgen, und dort alle klemmenden Türen einzuzeichnen. Den Plan würde ich an den Präsidenten seiner Behörde schicken, nach ganz oben, tröste ich ihn. Ich gehe in die Teeküche, um mir einen Kaffee zu machen, bevor der nächste anruft. Ich sehe den dicken Keil, der die Brandschutztür offen hält und die herunterhängenden Kabel. Vielleicht sollte ich es doch noch mal mit dem Kiffen probieren.

Neulich vorm Jobcenter

Das ist ein Lamborghini. Am Freitagnachmittag vorm alten Jobcenter in Berlin- Wedding (wir haben zwei davon). Und sofort läuft ein Film bei mir ab: Der Bildzeitung-, BZ-, Berliner-Kurier-Film: Angehörige stadtbekannter Clans holen sich ihre Stütze mit der protzigen Nobel-Karosse von Amt ab… Ich erwarte niemand anders als Abu Chaker persönlich, mit dunkler Sonnenbrille und schwarzem Bart aus der Türe treten und sich die goldberingten Hände reiben. Die wahre Wirklichkeit überrascht. Aus dem Haus tritt ein schmächtiger Mann Mitte Vierzig. Schütteres Haar, kurze Cargo-Hose und einen braunen Einkaufsbeutel ums Handgelenk geschlungen, den Blick gesenkt. Ich habe schon ein paar Fotos von seinem Wagen vor der Sozialbehörde gemacht und rufe ihm zu: „Das werden schöne Bilder.“ Er missversteht das als Kompliment für sein Auto und nuschelt: “Danke.“, lässt sich hinters Lenkrad fallen und den Motor aufheulen. Quietschende Reifen, ein scharfer U-Turn und er ist weg.

Hello again

Es gibt Bücher, die verfolgen einen ein Leben lang. Romane, Biografien oder Gedichte mit Zeilen, die sich festbrennen, mit Passagen, die wie aus dem eigenen Erleben geschrieben zu sein scheinen oder mit Versen, die an trüben Tagen Trost spenden. Lange habe ich geglaubt, dass „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ von Robert Pirsig dieses Buch für mich sei . Drei Mal habe ich es gelesen. Zuerst war es für mich ein Einstieg in die abendländische Philosophie (Wer sagt mir, dass das Motorrad auf dem ich fahre und das Motorrad, das ich unter mir sehe der gleiche Gegenstand ist?) Dann eine gut geschriebene Reparaturanleitung (Verwende das Blech einer Bierdose zum Unterlegen, wenn der Lenker wackelt) und dann eine Vater – Sohn Geschichte. (Der Erzähler ist mit seinem verschlossenen Sohn auf dem Sozius unterwegs durch Amerika). Es hat wirklich mein Leben geprägt. Als ich nach der Trennung von ihrer Mutter den Kontakt zu meiner Tochter verloren hatte, habe ich mit einer Motorradreise nach Masuren versucht, das Band wieder herzustellen. Immerhin waren wir uns hinterher einig, dass die Musik auf meinem Handy, die sie tagein tagaus während der Fahrt hörte, ziemlich cool sei.
Doch wenn ich wirklich schaue, welches Buch ich in meinem Leben am meisten in der Hand gehabt habe, welches Buch mir die meisten frohen und traurigen Stunden geschenkt hat, dann war es ganz eindeutig das Sozialgesetzbuch. Ein geheimer Bestseller, die Bibel unseres Sozialstaates, der gerade in seiner 50. Auflage erschienen ist. Ein Buch, in dem sich dreizehn magische Bücher verbergen, deren Sinn sich nur Eingeweihten erschließt. Zum Beispiel warum das dreizehnte Buch nicht als dreizehntes gezählt wird, sondern als vierzehntes. Ein Buch, das richtig gelesen, über Wohlstand oder Verderben entscheiden kann, über Glück oder Verdammnis und, ja, über Leben und Tod. Kein Wunder, dass die Zahl seiner Fans in Deutschland in die Millionen geht. Allein im Geheimclub „Bundesagentur für Arbeit“ lesen es mehr als Hunderttausend treue Anhängerinnen jeden Tag- ganz legal in der Arbeitszeit. Und auch in den Job-Centern, den Unfallversicherungen und den Krankenkassen, den Sozialämtern, bei der Kinder- und Jugendhilfe und bei den Pflegekassen wird jede Neuauflage heiß herbeigesehnt. Da kommt noch nicht mal Harry Potter mit.

Leider lesen alle nur die Bücher, in denen sie sich eh schon auskennen. Dabei gäbe es so viel zu entdecken. Den 2162 Seiten Dünndruckpapier (Stand März 2021) ist nichts menschliches fremd. Von der assistierten Ausbildung bis zu Sterbegeld. Von der Wiege bis zur Bahre ist hier alles drin, was ein echter Pageturner braucht. Meine Lieblingsseiten sind die, bei denen es um die „Selbstverwaltung“ geht. Die gibt es in vielen der Bücher. Das ist richtig harter Dirty old Man-Stuff. Was über weiße alte Männer in kleinkarierten Jacketts und unpassenden Krawatten, die in Hinterzimmern billiger Tagungshotels Kondensmilch in sauren Kaffee träufeln und dabei schmutzige große Deals machen. Es geht hier jedes Jahr um hunderte Milliarden. Steuergelder, Beitragsgelder.

Fünf Jahre habe ich geglaubt, dass ich diesem Buch entrinnen könnte: Fünf Jahre habe ich mich mit dem Guten, Schönen und manchmal auch Wahren beschäftigt. Jetzt hat es mich wieder: Das Buch meines Lebens. Vor Dreißig Jahren habe ich als Zauberlehrling damit begonnen die „Reichsversicherungsordnung“ in das „Sozialgesetzbuch VII“ zu verwandeln. Das waren Anfängerübungen mit billigen Tricks, über die ein Dumbledore nur gelächelt hätte. Aber schon damals galt das Mantra: Die Paragrafen und Begriffe dürfen sich ändern, die Strukturen nicht. Seit dem Jahr, in dem ich mir die letzte Auflage meines Lieblingsbuchs gekauft habe, ist es um 500 Seiten dicker geworden. Ich zweifle langsam daran, dass unser Leben dadurch im gleichen Maß sozialer geworden ist. Aber es gibt noch einen Grund warum ich es nicht mehr so oft in die Hand nehmen werde:
Es gibt noch viel mehr Gesetze, die unseren Sozialstaat bestimmen. Und erst als ich mir das neue Buch gekauft hatte, habe ich gemerkt, dass das Gesetz, mit dem ich mich jetzt beschäftige, gar nicht zu den heiligen Schriften gehört. Es ist nie zu spät, etwas Neues zu beginnen.

Mal wieder kurz die Welt retten?

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Also wegen mir könnte es so weiter gehen. Die Straßen sind leer, die Regale voll. Keiner macht mehr Pläne oder Termine. Alle denken nur bis morgen. Viel weiter konnte ich noch nie denken. Jetzt sind wir alle gleich. Und keiner fragt mich, wohin ich in Urlaub fahre.

Corona ist gerade die Ausrede für alles. Und ich habe gerne Ausreden, weil ich mich so selten traue nein zu sagen.

Das Gedröhne der Düsenflieger über Tegel hat aufgehört und auch die Martinshörner der Krankenwagen schweigen. Sie rollen jetzt ganz still und ganz langam durch die Straßen. Das ist unheimlich. Fast wie bei einem Leichenwagen.

Morgen kommen meine Jungs zu mir. Eigentlich wollten wir zuammen an die Ostsee. Jetzt muss ich mir was einfallen lassen. Frühling unter dem Balkon. Ich brauche einen Plan, sonst gucken wir nur Videos. Ich mache nicht gerne Pläne. Sagte ich schon. Aber wenn es muss.

Heute bin ich drei Stunden unter dem weiten Himmel des Tempelhofer Feldes spazieren gegangen. So lange hat es gedauert, bis meine Begleiterin und ich die Weltlage einmal durch hatten. Sie glaubt, dass wir aus Alledem was Gutes lernen. Ich lass mich überraschen. Durch die Hasenheide sind wir auch noch. Keine Dealer weit und breit. Ordentliche Bürger in ordentlichem Abstand. Da fuhren Polizisten mit zwei dicken Motorrädern Streife. Die Staatsmacht zeigt sich hoch zu Ross. Das gefällt denen.

Meine Tochter kommt vorbei, aber nicht wirklich. Raufkommen will sie nicht. Sie bleibt auf dem Gehweg und ich muss runter kommen. Sie hat einen schicken Mundschutz und tierische Angst. Umarmen will sie mich auch nicht, obwohl wir das als Verwandte in gerader Linie  dürften. Eigentlich sollte sie in Bulgarien sein. Aber die Uni in Sofia ist zu und der Professor nicht zu erreichen. Bis Herbst muss ihre Masterarbeit fertig sein. Ob es jemand geben wird, der sie lesen wird? Wahrscheinlich hat sie deshalb noch keine Zeile gschrieben, seit sie wieder in Berlin ist.

Meine Welt ist in Ordnung. Ich schlafe gut, seit die Stadt ruhiger geworden ist. Darf ich das? Muss ich nicht denen helfen, denen es gerade schlecht geht? Suchen nicht die Krankenhäuser verzweifelt Krankenpfleger? Lass sie suchen.
Diese Rufe kenne ich. Schon vor dreißig Jahren hieß es, dass die Krankenhäuser vor dem Untergang stehen, weil das Personal fehlt. Damals war das nicht wegen Corona oder geschlossenen Grenzen. Im Gegenteil. Damals waren die Grenzen gerade aufgemacht worden. Ich also los, die kranken Menschen im Osten und den realen Sozialismus retten. Aber das einzig Reale am real existierenden Sozialismus war der Ruß. Den Ruß wischten wir jeden Tag einmal von den Fensterbrettern und nachts wurde die ganze Station durchgewischt. Der Ruß kam von Heizkraftwerk der Uni-Klinik Leipzig. Das war ein uralter ziegelroter Kasten mit einem zu kurzen Schornstein. Weil ich tagsüber brav wischte, durfte ich auch mal Nachts ran. Welliges PVC mit braunem Blümchenmuster. Viel mehr Verantwortung wollen die Schwestern auf der chirurgischen Station mir Besserwessi nicht übertragen. Oder doch?  Ich durfte auch kaputte Vakuumpumpen in die Werkstatt bringen und die Besorgungen der Schwestern im HO-Laden der Klinik erledigen. So war das. Muss ich nicht noch mal haben.

Damals hat wenigstens keiner von „Helden des Alltags“ gesprochen. Statt warmer Worte gab es richtiges Geld. 600 Mark der DDR im Monat. Und als ich zurück in den Westen kam noch mal 600 Westmark. Es gab da so einen Fonds, für Medizinpersonal, das in den Osten gegangen war. Mein Bewilligunsbescheid hatte die laufende Nummer 001.

 

 

Selten so gelacht

Ist das wirklich schon fünfundzwanzig Jahre her, dass ich so laut gelacht habe? Als ich in meinem schäbigen Büro am hinteren Ende einer grauen Plattenbausiedlung am Rande von Berlin saß, in einem Raum mit beigebraunen Pressholzmöbeln im oberen Stockwerk eines in die Gegend geworfenen Einkaufszentrums in Weiß und Rot, so wie sie nach der Wende zu Hunderten hochgezogen wurden, in dieser Behörde, die genau an der letzten Haltestelle der Berliner U-Bahn, aber eben genau 50 Meter von der Stadtgrenze entfernt auf dem Gebiet von Brandenburg untergebracht worden war, wie es der Einigungsvertrag vorschrieb? In diesem zusammengewürfelten Laden, in dem die Chefs alte Männer aus Bayern waren, die ihre Muschkoten abteilungsweise aus den abgewickelten DDR-Ministerien rekrutierten. Doktores, Ingenieure und Beststudentinnen, die jetzt Stück für Stück alte Sozialakten auseinanderrissen, in denen Arbeiter- und Bauernschicksale auf blütenblattdünnem Durchschlagpapier eingeprägt waren: Hitzschläge in unbelüfteten Mähdrescherkabinen, Mopedunfälle mit unbeleuchteten Sowjetpanzern und  immer, immer wieder Allergien an ungecremten Melkerinnenhänden. Zerrissen in drei Teile, damit sie in das bundesdeutsche Sozialsystem passten, und ergänzt durch ungeschickt getippte Eingaben und von groben, von lärmenden Schreibrad-Druckern ausgespuckten Textbausteinen, die meist nur ein Ergebnis kannten: Ablehnung!

In dieser stumpfen Hölle der Bürokratie, in der ich meinen ersten Job nach dem Studium gefunden hatte, flatterte mir schon nach ein paar Tagen ein Brief auf den Tisch. Amtlich, mit meinem Namen, adressiert mit „im Hause“. Und dieser Brief aus der Personalabteilung ließ mich so laut  lachen, dass es auf den traurigen Fluren über den grauen Nadelfilz hallte. Ein Brief wie von einem besonders guten Komiker geschrieben. Vielleicht einer von der Zeitschrift „Titanic“, die bis dahin neben den Gesetzeskommentaren meine Pflichtlektüre war. „Hiermit wird ihre Jubiläumsdienstzeit gemäß Jubiläumsdienstverordnung wie folgt festgesetzt…“ Und akribisch wurde dann genau der Tag festgelegt, an dem man mich zu meinem 25. und mein 40. Dienstjubiläum beglückwünschen würde. „Here is you goldwatch and shackles for your chain. Set your sign on the dottet line and work for 50 years.“ Ich wollte nicht wahrhaben, dass mich diese längst totgeglaubte Welt, die ich aus den Protestongs der 68er kannte, gefangen hatte. Ich zeigte den Brief abends meiner hochschwangeren Freundin, und sie sagte mir anerkennend, dass sie es zu schätzen wisse, welchen Wahnsinn ich auf mich nähme, um unsere junge Familie bald ernähren zu können.

Nun, der Wahnsinn hatte gerade erst angefangen. Wenige Wochen später lehnte der bayerische Direktor meinen Antrag auf Sonderurlaub für die Geburt ab, mit der Begründung, ich sei ja mit der Mutter nicht verheiratet. Und Sonderurlaub bekämen nur Ehegatten. Das führte dazu, dass ich, nachdem ich mit meiner Freundin in den ersten Wehen die Nacht in der Klinik verbracht hatte, mich morgens auf zur Arbeit machte. Ich war in der Probezeit und meine Freundin noch in der Ausbildung. Ich durfte den Job nicht verlieren. Ständig rief ich vom Büro aus in der Klinik an. Handys gab’s ja noch keine. Aber die Schwestern beteuerten immer, dass es noch nicht so weit sei. Und als ich dann endlich den Mut hatte, mein Büro zu verlassen, war meine Tochter schon halb im Krankenhausfahrstuhl zur Welt gekommen. Gottseidank war alles gut gegangen. Aber das wussten wir erst ein banges halbes Jahr später.

Aus Rache beantragte ich, sobald ich konnte das, was damals „Erziehungsurlaub“ hieß. Und mein Direktor sagte mir ins Gesicht, dass ich, wenn ich das täte, nicht wiederkommen brauchte. Das war nicht im Mittelalter sondern Mitte der Neunziger. Ich nahm ihn beim Wort, suchte mir, während ich mit der Tochter am Sandkasten saß eine Stelle bei  der Zeitung und glaubte, dass sich das mit dem Dienstjubiläum ein für alle mal erledigt hätte.

Doch als Kafka-Jünger hätte ich wissen müssen: Die Mühlen der Bürokratie lassen niemanden aus ihren Klauen. Irgendwie hat mich der Wind des Lebens doch wieder in an die sicheren Strände der Jubiläumsdienstverordnung geweht. Ich war nicht mehr jung und ich brauchte das Geld. Schließlich habe ich mittlerweile vier hungrige Mäuler zu füttern. Und weil sich die Zeiten und die Gesetze geändert haben, konnte ich bei allen weiteren Geburten dabei sein. Aber alles hat seinen Preis. Und so ist gestern passiert, was ich in jugendlichem Übermut niemals geglaubt hätte: Zwischen Fahnen aufgestellt, mittlerweile mit grauem Bart, erhielt ich von meiner Abteilungsleiterin eine Urkunde zum 25. Dienstjubiläum, in der mir allen Ernstes „für die dem deutschen Volke geleisteten treuen Dienste“ gedankt wird. Und ich dachte, ich hätte für Geld und meinen Chef gearbeitet.

Meine Tochter habe ich zum meinem Jubeltag  morgen ins Theater eingeladen. Sie hat sich „Onkel Wanja“ im Deutschen Theater ausgesucht. Tschechow finde ich zwar ein bisschen langweilig, weil die Figuren da immer rumstehn und jammern, dass sie nichts tun können. Aber die Moral des Stückes, die die Dramaturgen auf den Programmflyer gedruckt haben, ist für mich hochbrisant. „… und so erkennen beide (Sonja und Onkel Wanja), dass sie 25 Jahre einem Irrtum gedient haben.“ Na, mal schauen.