
Autor: Rolf
Billige Gefühle

Zugegeben, es waren nicht die edelsten Gedanken, die mich ins “Happy Day“ führten. Niemand sollte sein Süppchen darauf kochen, wenn große Träume zerplatzen, wenn Traditionen zerbrechen und ein Lebenswerk auf dem Ramschtisch landet. Aber mir gings um die Bilder. Nach dem Fall der Berliner Mauer bin ich lange in zerfallenen Kasernen und verlassenen Fabriken umhergestreift und konnte vom Hauch der Vergänglichkeit und vom Untergang großer Zeiten nicht genug bekommen. “Lost-Places-Fotografie“ nannte man das später. Jetzt hatte es mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gejuckt. An dem Laden in der Müllerstraße konnte ich einfach nicht vorbei, als ich die Schilder sah, die den Ausverkauf ankündigten. Ich wollte da rein, wollte nicht nur die Nase neugierig an die Scheibe drücken, mir meinen Teil denken. Ich wollte hinter die Kulissen schauen, den Niedergang dokumentieren und die wahre Geschichte erfahren, mit den Menschen sprechen – und wieder schräge Bilder machen. Ich wolle eine Geschichte erfahren, die weiter nicht von meinem eigenen Leben entfernt sein könnte als diese. Und ja, es ging mir auch um das blöde Wortspiel mit “Wedding“ und “Hochzeit“. Ich ging zum Schlussverkauf in ein Brautmodengeschäft. Ich kriegte alles was ich wollte. Und es wurde ein trauriger Tag.
Ganz offiziell hatte ich die besten Absichten. Ich hatte mir einen Rechercheauftrag des „Weddingweisers“ besorgt, dem “Was ist los in deinem Kiez?“-Portal für den Wedding. Einen Interviewtermin mit der Besitzerin hatte ich auch, die lakonisch mit “Ein bisschen Werbung kann ja nicht schaden.“, zugesagt hatte. Und dem Motto meines Blogs war ich auch treu: „Manche Geschichten sind einfach zu schön, als dass sie vergessen werden dürften.“




Als ich in den Laden trete, ist es still. Ich rufe, niemand antwortet. Auf dem Boden verstreut liegen weiße Pumps, aufgeklappte Kartons und eine Stehleiter. Hier hat noch vor kurzem eine Auswahlschlacht getobt. Zeichen von Leben in dem sonst grabesstillen Räumen. Was ist hier los? Ich schaue mich um, hole vorsichtig die Kamera raus, mache zaghaft die ersten Bilder. Ich bin vorsichtig. Es ist ein Terrain, das man als Mann selten alleine betritt, und das ich mein Leben lang gemieden habe wie der Fisch das Fahrrad.


Was mir als erstes auffällt sind die Unmengen von Kitsch. “Accessoires“ wird das die Besitzerin später nennen. Nippesfigürchen für Hochzeitstorten, Tischdeko und Spardosen für die Flitterwochen in der Form von fröhlich kopulierenden Schweinen. Das alles gemischt mit katholischen Ritualgegenständen, Kerzen, Taufkissen und lebensgroßen Kinderpuppen wie aus einem Horrorfilm, erstarrt in weißen Kleidchen für die Kommunion. Das alles durchdrungen vom Geruch einer schlecht gelüfteten katholischen Kirche. Oder holt mein Gedächtnis diesen Geruch wieder hervor, weil es diese Devotionalien sieht? Mir wird zum ersten Mal schlecht.
Aus dem Nichts erscheint die Besitzerin. “Keine Bange, ich hatte sie die ganze Zeit im Blick: Videoüberwachung.“, lächelt sie und bietet mir ein bisschen widerwillig einen Platz auf der altdeutschen Polstergarnitur an. Ihr Gesicht ist perfekt geschminkt und ich schätze sie 10 Jahre jünger als ihr Alter, das sie mir später verraten wird. Aber sie ist eine Weddinger Hochzeitsschneiderin und völlig ohne Glamour. Sie kleidet sich wie ihre Kundschaft: Jeans, Glitzerpullover und Turnschuhe von undefinierbarer Farbe. Einen größeren Kontrast zu den edlen Roben, die dicht gedrängt bis unter die Decke hängen, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ich sie an der Kasse von Edeka getroffen hätte, sie wäre mir nicht aufgefallen.





Das Gespräch beginnt schleppend. Die Frau wirkt misstrauisch und müde wie ihr Laden. 30 Jahre werden es in diesem Mai, seit sie das Geschäft mit ihrem Mann gestartet hat. Fünf Angestellte hatten sie mal, Auszubildende auch. Seit Corona machen sie Verluste. Als ich sie frage, wann sie endgültig Schluss machen, zögert sie kurz, als würde ihre Entscheidung in diesem Moment fallen: “Schreiben sie Ende Juni. Und dass es bis dahin bis zu 80 Prozent Rabatt auf alle Kleider gibt.“ Was dann sein wird, wage ich sie nicht zu fragen. Ich fühle mich immer unwohler, als sei ich in einem Beerdigungsinstitut statt in einem Brautladen. Alle Lebensfreude, all die Zukunftsträume, die mit einer Hochzeit verbunden sein sollen, sind aus diesem Laden gewichen. Die blicklosen Augen der Schaufensterpuppen, der Ramsch, die vertrockneten Blumen; alles erdrückt nur noch. Und auch die 400 festlichen Kleider in creme, champagner und ivory hängen wie leblose Fahnen der Kapitulation von der Decke. „Ja, schreiben sie Ende Juni.“, sagt sie mit plötzlich kratziger Stimme. „Noch so eine tote Saison will ich nicht erleben.“


Die Hexe von Garmisch

Manchmal braucht ein Mann Mut. Zum Beispiel, wenn er im Hallenbad von Garmisch ein Fünf-Meter-Sprungturm sieht. Er ist mit seinem Sohn da, weil der Schnee weggetaut ist in Oberbayern. Und wenn der Sohn sagt, dass er sich nie trauen würde, da runter zu springen, dann muss es eben sein. Dann muss der Vater eben sagen: „Als ich so alt war wie du, bin ich im Freibad da runter gesprungen.“ Und dann muss er da hoch, um seinem Sohn zu zeigen, dass er einen tollen Vater hat. Insgeheim hofft der natürlich, dass der Fünfer gesperrt ist. Aber dann kommt die bayerische Jugend und überredet den Bademeister, den Turm aufzumachen. Und dann stehen sie da oben, kreischen und drängeln. Manche lassen sich plumpsen, manche stehen noch oben und schauen ängstlich nach unten, als die andern schon längst wieder nach oben kommen. So wie ich vor 50 Jahren im Freibad. Und es fühlt sich genau so schwindelerregend an, als ich jetzt wieder über den Rand der 5-Meter-Plattform schaue. Viel höher, als es von unten aussah. Ich weiß nicht, wie ich es damals geschafft habe, wie oft ich wieder schmachvoll nach unten gegangen bin. Aber es hat sich gelohnt, dass ich mich damals getraut habe. Denn jetzt weiß ich: Ich werde es überleben, auch wenn ich es immer noch nicht glaube. Damals konnte ich noch nicht mal schwimmen. Alles was ich konnte, war tauchen. Im Wegducken und Untertauchen war ich ein Naturtalent. Aber dann gab es die zweite gefährliche Phase: Wenn man unterwasser an den Beckenrand schwamm, konnte es sein, dass man die ausgeleierte Badehose verlor. Und ich konnte sicher sein, dass meine schlimmsten Feinde bei meinen Sprüngen an den Guckfenstern im Springerbecken standen. Oder noch schlimmer: Die Mädchen, die ich Mit meinem Sprung beeindrucken wollte. Heute kann das nicht passieren. Denn meine Badehose ist nagelneu. Ich hab sie auf dem Weg zum Schwimmbad kaufen müssen, weil ich meine natürlich zu Hause vergessen hatte. Badehosenvergesser ist schlimmer als Turnbeutelvergesser.
Ich lass mich fallen und tauche in einem Meer von Luftblasen wieder auf. Das ist das Schöne am Turmspringen. Dieses ozeanische Gefühl, wenn einen die Blasen nach oben tragen. Aber was ist das? Der Schlüssel für unseren Umkleideschrank mit diesem aus Plastikfaser geflochtenen Armband und dem fummligen Verschluss ist von meinem Armgelenk verschwunden. Als sich das Wasser beruhigt hat, sehe ich ihn am tiefsten Punkt des Beckens. 4,80 Meter Beckentiefe steht am Turm. Aber es hilft jetzt nichts. Ich muss da noch mal rein. “Pass auf, sag ich zu meinem Sohn, „Ich hol jetzt den Schlüssel von da unten.“ “Schaffst du das?“ fragt er mich ungläubig. “Natürlich schaff ich das.“, antworte ich seelenruhig. Vor dem Tauchen habe ich wirklich keine Angst. Aber je tiefer es geht, desto seltsamer wird mir. Es fühlt sich anders an als früher. Der Druck ist im Kopf schwerer auszuhalten als früher. Wird der Schädel morsch mit der Zeit, ab wieviel Metern reißen die ersten Nähte? Ich denke kurz an den Film „Das Boot“ als das U-Boot tiefer taucht als es soll und alle Spanten knarzen und Martin Semmelrogge Herbert Gröhnemeyer diabolisch grinsend erzählt, dass irgendwann der Wasserdruck das Boot zerquetschen wird.
Ich hab den Schlüssel und komme nach oben. Mein Sohn hat alles beobachtet und hält mich jetzt für den mutigsten Taucher. Es ist gut, wenn die Jugend Vorbilder hat.
Aber was mein Sohn noch nicht weiß: Es gibt im Schwimmbad Wesen und Orte, an denen mehr Gefahren lauern als am Boden des Springerbeckens. Zum Glück weiss ich die Zeichen richtig zu deuten:

Zuerst bin ich enttäuscht, denn das Schild lässt ahnen, dass hier, wie in Berlin, die Sauna von bärtigen Hippstern bevölkert wird. Doch dann sehe ich den betonharten Busen der rothaarigen Frau, der sogar das dicke Fichtenbrett der Sauna durchschlagen kann. Da geht es nicht nicht mit rechten Dingen zu, denk ich mir. Bleib besser draußen. Die raucht dich in der Pfeife!

Dann sehe ich ihre Zähne und ihren irren Blick, und mache mich so schnell wie möglich aus dem Staub…

Für den freundlichen Herrn, der nicht so vorsichtig war, kommt leider jede Hilfe zu spät.

Holz

Mein ältester Sohn steht in der Ferienwohnung und bewegt sich nicht. „Los!“, sage ich, „Du musst noch den Tisch abräumen.“ Aber er bleibt wie festgewurzelt stehen und stiert die Wand an. Oder besser gesagt: Das Holz. Denn in unserer bayerischen Kammer unter dem Dach Juchee ist alles aus dicken Balken gezimmert. Unser Vermieter ist Zimmermann. Und er hat seine ganze Handwerkskunst in sein Haus gesteckt. Für uns Erwachsene bedeutet das, dass wir uns jeden Tag mindestens einmal den Kopf an dem massiven Gebälk anrennen. Die Kinder führen eine Strichliste. Ich liege vorne. Mir wäre lieber, sie würden ihre Aufgaben erledigen. „Hey!“, wiederhole ich ungeduldig, „Der ganze Kram steht noch auf dem Tisch.“ Doch mein Sohn tut so, als höre er mich nicht. Konzentriert schaut er aufs Holz. Das kenn ich schon. Wenn er etwas tun soll, ist auf einmal alles wichtiger und interessanter als das, was ich von ihm will. Dann werden Werbeschilder gelesen oder Waschzettel an Unterhosen. „Mach jetzt hin!“, werde ich lauter. Wir sind zwar schon ein paar Tage hier und Schnee gab es auch reichlich. Die lange Rodelbahn sind wir auch schon fröhlich heruntergerast, aber so richtig entspannt bin ich anscheinend noch nicht. Und einen Erziehungsauftrag habe ich bei einem Zehnjährigen natürlich auch noch. „Also, was ist jetzt? Abräumen, sonst kein Bugs Bunny heute Abend.“ „Achtunachtzig“, antwortet mein Sohn unbeeindruckt. „Achtundachtzig Ringe. Der Baum hat den Krieg noch erlebt.“
Hier noch ein Lied von Gerhard Gundermann über die Jahresringe bei Menschen. Ich mag es sehr.
Die Rote

Nein, heute gibt es nichts Neues im Blog. Ist zu spät und ich habe zu viele böse Briefe geschrieben. An Leute, die noch weniger vom Fach verstehen als ich. Und das will was heißen. Außerdem war es ein grauer Tag. Ein grauer Wintertag mit Nieselregen und eiskalten Windböen wie es sie nur in Berlin gibt: Aus allen Richtungen. Das wär ja nicht so schlimm gewesen, wenn es nicht schon seit einer Woche so grau wäre, und wenn ich nicht zum Zahnarzt gemusst hätte. Und das wär nicht so schlimm gewesen, wenn wenigsten die U-Bahn gefahren wäre. Ist sie aber nicht. Die Strecke sollte schon vor einer Woche wieder klappen, aber heute seh ich wieder die gleichen müden Massen an der Ersatzbushaltestelle. (Frust kommt auf, denn der Bus kommt nicht..) Also wieder kehrt gemacht, das Fahrrad rausgeholt. Wenn man erst mal drauf sitzt, ist es ja nicht mehr so schlimm mit dem Wind und dem Regen und der Kälte. Sind ja nur 10 Kilometer quer durch die Stadt. Was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn wenigstens alle wirklich wegen Corona zu Hause geblieben wären. Sind sie aber nicht. Alle sitzen im Auto, weil ja die U-Bahn nicht fährt und man sich im Ersatzbus den Tod holt. Inzidenz 3000 in Berlin-Mitte. Was auch nicht so schlimm gewesen wäre, wenn nicht noch die wummernden LKWs und die Martinshörner von hinten gekommen wären, was mich auch nicht gejuckt hätte, wenn es an der Müllerstraße wenigstens einen Radweg gäbe und nicht die vielen Ersatzbusse einen eingedieselt hätten. Doch auch da wäre ich schnell durch gekommen, wenn der Hinterreifen nicht die Luft verloren hätte. Also mit voller Kraft treten um mit halber Geschwindigkeit zu fahren. Aber pünktlich angekommen. Und natürlich war die Zahnärztin krank und an ihrer Stelle ein weißhaariger Vertreter im Dienst. Ich weiß nicht, aus welchem Ruhestand die Ärztekammer ihn geholt hat, aber als er mich, als ich mit Helm, nasser Jacke und beschlagener Brille ins Behandlungszimmer komme, fragt, ob ich mit dem Fahrrad da wäre, wusste ich: Das wird nix mit uns. Wir haben es tapfer hinter uns gebracht, und ich glaube, er war darüber mehr erfreut als ich. Eine Stunde später kam der Anruf, dass der Abguss nichts geworden ist, und ich morgen noch mal kommen muss. Aber das wusste ich ja noch nicht, als ich vor der Praxis stand und sah, dass das Rad natürlich endgültig platt war. Was mir aber egal war, weil vor mir jetzt der schönere Teil des Tages lag: Bergab zur Markthalle, wo ich mir immer nach dem Zahnarzt einen guten Kaffee und was Süßes gönne. („I gonna have a candy bar!“ Kennt das noch jemand aus “Little Shop of Horrors“?)
So, ich hoffe, dass ich das was jetzt kam noch einigermaßen zusammenbekomme, denn ist ja wirklich schon spät, und es war ein anstrengender Tag. Ich hoffe, das ist bis jetzt so rübergekommen. Ja, um es kurz zu machen: Dann war da diese Frau, diese Italienerin, diese Naturgewalt, diese Mama Roma. In der Marheinekehalle gibt es einen neuen Stand, irgendwas mit cuccina italiana. Da gibt es eben nicht nur allerfeinsten Cappucino, sondern auch sie! (Ich habe mich noch nicht mal getraut nach ihrem Namen zu fragen) Wie aus dem Film entsprungen, den ich gestern Abend gesehen habe. „Verliebt in scharfe Kurven“ aus dem Italien der frühen 60er mit dem jungen Jean Louis Tirtingnang (oder so, ich hab jetzt wirklich keine Zeit mehr zum Googeln), der einen schüchternen Jurastudenten spielt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig. Aber der Film war schwarz-weiß. Und diese Frau war Farbe. Rot vor allem. Rotes, eng anliegendes Kleid, rot gefärbte Haare und rote Fingernägel. „Hier kommst du nur rein, wenn du grün bist.“ war der einzige deutsche Satz, den ich von ihr hörte. Und sie meinte damit meinen Corona-Test. Den Rest der Zeit verhandelte sie mit zwei Landsleuten, die ihr Ware geliefert hatten und scheuchte ihren Gehilfen durch die Gegend. Laut, wie es nur Italienerinnen sein können. Ich war ihr so dankbar. Denn durch sie war ich augenblicklich auf einer italienischen Piazza. Der Lärm, der gute Kaffee, die vielen Hände und Arme, die sie brauchte, um klar zu machen, was sie von den Männern wollte. Ich war im Urlaub, für die Länge eines Kaffees und eines panni caldo (von dem ich mich wunderte, dass sie es in den Ofen schob. Ich war zu lange nicht mehr in Italien, um zu wissen, das caldo nicht kalt sondern heiß heißt.)
Abends rief die Mutter meiner Söhne an und fragte, ob wir Ostern nicht einfach eine Woche verschwinden könnten. Egal wohin. Die Kinder würde sie an ihre Mutter verschicken. Ja, sagte ich, gern. Mailand oder Madrid: Hauptsache Italien. Sie kannte den Witz nicht.
Jetzt ist es amtlich

Ein grauer Umschlag liegt in meinem Briefkasten. Sieht amtlich aus und ist es auch: „Wahlbenachrichtigung“ steht drauf und der Stempel ist vom Bezirksamt. Jetzt ist‘s soweit, denke ich, jetzt wird die Wahl in Berlin wiederholt. Was für eine Katastrophe. Wie vielleicht einige informierte Leserinnen und Leser wissen, ist bei der Bundestagswahl im September in Berlin nicht alles ganz glatt gelaufen. Falsche Wahlzettel, Schlangen vor den Wahlbüros…. Die Wahlleiterin musste zurücktreten. Und jetzt das. Die Wahl eine Farce, die jetzt auch noch einmal wiederholt wird. Der Schaden für die Demokratie: Nicht wieder gut zu machen…. Das einzige, was ich sicher sagen kann: Ich war es diesmal nicht schuld!
Ich liebte Wahlen. Wenn ordentliche Bürger sich am Sonntagmorgen fein machen und mit einem wohlmeinenden Lächeln im Gesicht zur örtlichen Grundschule gehen, wo ebenso feine Bügerinnen und Bürger ihren Sonntag opfern, auf dass alles geregelt ablaufe in diesem Land. Das ist schön, wenn es klappt. Aber es klappt nicht immer. Zum Beispiel, wenn ich Wahlvorstand bin. Beim ersten Mal ist es noch gut gegangen. Das war zu der Zeit, als Gregor Gysi in meinem Wahlkreis gegen einen stumpfen SPD-Apparatschik antrat. Das war die Zeit als wir im Wahlbüro Besuch von der belarussischen Botschaft bekamen, die gleich um die Ecke lag. Weißrussische Wahlbeobachter bei der Wahl von Gregor Gysi in einer Plattenbauschule. Das hätte ihm gefallen, wenn ich es ihm denn gesagt hätte. “Wir sind noch eine junge Demokratie“ säuselte der junge Attaché. „Wir müssen unser Wahlsysem noch entwickeln.“ Ich rief den Wahlleiter an. Der sagte, da könne man nix machen. Wahlen seien halt öffentlich. Aber sonst lief alles gut. Zwei versierte Sachbearbeiterinnen vom Bezirksamt waren meine Beisitzer. Sie hatten mir gleich zu Anfang signaliert, dass sie das Verfahren aus dem FF kennen würden. Und so war es dann auch. Emsig wurden Wahlbögen hin und hersortiert und als es am Ende ein paar Zettel zuviel waren, wurde so lange hin und her gezählt, bis es stimmte und Gregor gewonnen hatte. Schön war´s.
Deshalb versuchte ich es Jahre später im Wedding noch einmal. Anna Lindh Grundschule. Ein heller, leicht in die Jahre gekommener Pavillionbau aus den 50ern. Auch hier gab es wieder zwei Frauen, die mir, diesmal mit großer Klappe verkündeten, dass sie das schon seit Jahren machen würden und ihre Tricks hätten. Ich sollte mir keine Sorgen machen. Doch als es dann ans Zählen ging und wir mit den Erst- und Zweitstimmen nicht überein kamen, da fingen sie an zu schimpfen „Wees ick doch ooch nich, was wa jetz machn solln. Sie sind der Wahvorstand.“ Wedding halt. Wieder rief ich den Wahlleiter an, abends um Neun, als wir alle glasige Augen hatten und fragte was ich denn jetzt machen solle. „Packen se den janzen Kram zusamm und komm ins Rathaus mit den Zetteln. Sie sind nicht der Einzige.“ Da saß ich dann mit der Mappe voller Wahlscheinen und musste das ungeordnete Bündel an genervte Beamte übergeben, die das ganze Chaos am nächsten Tag nachzählen durften. Seitdem halte ich mich aus Scham von Wahlbüros fern und mache Briefwahl.
Jetzt also nochmal? Weil das Durcheinander diesmal so groß war, dass es selbst rechtschaffene Berliner Beamte nicht mehr sortieren konnten? Ich schaue mir die Wahlbenachrichtiung noch mal genau an. Da steht nichts von Bundestagswahl. Da steht “Sie sind berechtigt, an der Wahl zum Senionrenbeirat im Bezirk Mitte teilzunehmen. Die Wahl findet im der Seniorentreffpunkt Otavistraße statt…“ Da hat die Berliner Verwaltung es doch tatsächlich mitgekriegt, dass ich älter geworden bin. Dass ich jetzt nicht mehr zu den Erstwählern gehöre. Wahrscheinlich kann ich mit dem Schein nach der Wahl in jedem Berliner Wirtschaft nachweisen, dass ich berechtigt bin, einen Seniorenteller zu bestellten. Jetzt ist es amtich.
Ich will mal so sagen: Wenn sonst nix klappt, aber unverschämt werden, das können sie
Grün ist die Hoffnung










Das Jahr 2022 hat für mich an der Ostsee begonnen. Auf dem “Pfad der Besinnung“ in Puttbus. War gut, mal für ein paar Tage weg zu sein. Wieder zurück begrüßt mich ein trüber, regnerischer Sonntagmorgen. Frau Coroco hat mich vor Weihnachten auf einen Kris Kristofferson-Trip geschickt. Jetzt bin ich wieder auf den “Sunday Morning Sidewalks“ gelandet. Aber mit etwas Abstand finde ich ein paar grüne Flecken auf den grauen Gehwegen. Ich wünsche euch, dass auch ihr im neuen Jahr ein paar grüne Flecken der Hoffnung findet.
Als ich ein Impfgegner war

Man muss nicht besonders blöd sein, um Impfgegner zu sein. Klappt auch mit Abitur. Ein bisschen jung und ein bisschen wirr im Kopf zu sein reicht schon. Und das war ich, als ich Anfang der 80er meine ersten Erfahrungen mit Viren machte. Viren, gegen die es bis heute keine Impfung gibt.
Dabei hat es bei mir an guten Vorbildern nicht gefehlt. Der Leiter unserer Krankenpflegeschule warnte uns mit drastischen Bildern. „Wer nicht gegen Wundstarrkrampf geimpft ist, der spielt mit seinem Leben russisches Roulette. Ein rostiger Nagel reicht. Und es gibt keine Rettung.“ Wir grienten ihn an. Genau so gut hätte er uns wegen der Syphillis sexuelle Enthaltsamkeit predigen können. Keiner von uns war bis dahin ernsthaft krank gewesen. Ein bisschen Masern und Mumps. Das wars.
Es war dann kein rostiger Nagel, sondern eine rostfreie, glänzende Kanüle, die ich mir in den Finger gerammt habe. Bei meinem ersten Praxiseinsatz „auf Station“ wie wir das stolz nannten. Klang wie „auf Schalke“ und hatte zumindest den Schichtdienst und den weißen Arbeitsanzug mit der Maloche von Kohlekumpeln gemein. Meine erste Station in der Uni-Klinik Heidelberg hieß „Griesinger“, sicher nach einem berühmten Forscher, mich hat das nie interessiert. Griesinger war offiziell die Infektions- und Entgiftungsstation, etwas abgelegen von der Klinik in einem separaten Haus. Aber in Wirklichkeit war sie die Ausnüchterungszelle von Heidelberg. Wenn ich morgens zum Frühdienst kam waren die Zimmer voll mit Menschen, die in der Nacht von der Polizei oder den Sanitätern als „hilflose Person“ angeliefert worden waren und von allem Möglichem zu viel im Blut hatten: Schnaps, Drogen oder Viren. Manche von allem etwas. Und von genau so einem Patienten sollte ich die Bluttransfusion abräumen, die ihm in der Nacht das Leben gerettet hatte. Seine Leber war bretthart und ließ kein Blut mehr durch. Dafür platzen dann die Venen an einer anderen Stelle. Auf der Station Giesinger waren die Zimmer gekachelt. Der zerknautsche Beutel und die blutige Kanüle lagen schon in eine Nierenschale aus Pappe. Alles was ich als Krankenpflegeschüler im ersten Lehrjahr zu tun hatte, war diesem unappetitlichen Müll in den Schmutzraum zu bringen, in einen sicheren Behälter, damit sich an der scharfen Kanüle keiner mehr stechen konnte. Ich weiß nicht mehr, wie ich es schaffte mit meinen fahrigen Fingern als erstes mitten auf die Kanüle zu langen. War es nach einer durchgefeierten Nacht im Schwesternwohnheim, war es der herbe Duft von „white linnen“, dem Parfüm der Assistenzärztin mit den schönen Augen, die natürlich für mich wuschelköpfigen Azubi auf der untersten Rangstufe unerreichbar war, der noch auf dem Flur hing? Egal. Auf jeden Fall wusste ich, dass der Patient Hepatitis B hatte, und dass die über Blut übertragen wird. Darüber hätte ich mir keine Sorgen machen müssen, denn unser guter Schulleiter hatte allen seinen Schäfchen eine Impfung ermöglicht. Eine ganz neu entwickelte Impfung gegen die auch ziemlich neue Hepatitisform. Ein Privileg für besonders gefährdete Mitarbeiter der Klinik. Natürlich gab es keinen Impfzwang. Aber der altväterliche Mann vertraute darauf, dass die Aussicht, den Rest seines Lebens mit gelben Augen und einer zerfressenen Leber existieren zu müssen, die jungen Leute schon an die Spritze bringen würde. Stimmte damals leider so wenig wie heute. Wir waren ein verschworener Haufen, damals in der Krankenpflegeschule in der alten Zigarrenfabrik: Abgebrochene Studenten, Ökos mit Sandalen, New Waver, die außerhalb der Klinik nur Schwarz trugen. Die Ausbildung brachte uns zusammen mit christlichen Adventistinnen und ein paar bodenständigen, kurpfälzischen Realschülerinnen. Wer von den paar Männern in der Klasse etwas gelten wollte, organisierte sich in der Gewerkschaft ötv oder in der Redaktion der Krankenpflegezeitung „Darmrohr“. Und die Stars waren die Jungs von der Band „Absolute Arhythmie“, was eigentlich ein lebensbedrohlicher Zustand ist. Doch wir taten so, als fürchteten wir nicht Tod noch Teufel. Wer jeden Tag mit Scheiße, Blut und Sterbenden zu tun hat, entwickelt einen eigenen Stolz. Kritisch waren wir allem gegenüber, was von der Lehrerschaft kam, so auch bei der Impfung. Wir waren doch keine Versuchskaninchen für einen neuen, unerprobtem Impfstoff, der den Pharmakonzernen neue Profite versprach. Außerdem waren wir Anfang 20 und damit per se unverwundbar.
Bis zu dem kleinen Piks an der blutigen Kanüle. Mir wurde heiß und kalt. So viel Mut, die Sache einfach zu verschweigen und durchzustehen hatte ich dann doch nicht. Mein Kopfkino ging an. Schließlich sah ich ja jeden Tag, was aus dem Leuten wurde, die sich infiziert hatten. Mit roten Ohren berichtete ich mein Malheur dem Oberarzt, dem selben, der mir auch die Impfung hätte geben wollen. „Warum sind sie nicht geimpft?“, brummte er mich illusionslos an. Ich nuschelte etwas von … unbekannte Nebenwirkungen, gute Abwehrkräfte wegen biologischer Ernährung…., aber er hörte schon nicht mehr zu, sondern füllte schon einen Zettel aus, in der er mir zwei Dosen Gamma-Globuline verschrieb. Gamma-Globuline werden aus menschlichem Blut gewonnen. Es sind Abwehrstoffe, die das Ausbreiten einer Infektion verhindern sollen. Damit bot mir der Arzt nach bestem Wissen das beste und teuerste an, was die Medizin, 1984, zu bieten hatte. Aber es war wie „puttin out fire with gasoiline“, wie Bowie zur gleichen Zeit sang. Was der Arzt nicht wusste, was ich nicht wusste, was aber bald in allen Zeitungen stand: dass dieses gelbliche Zeug aus hunderten, ungeprüften Blutkonserven aus den Armenvierteln der Welt zusammengepantscht wurde. Hier hatte die Pharmaindustrie wirklich ihr dreckiges Business durchgezogen. Was da in meine Adern lief, hätte eine der Chargen sein können, die gegen alle Vorschriften, nicht so behandelt waren, dass alle Viren abgetötet wurden. Und es gab da ein neues Virus, das gerade in den USA bei Schwulen und Drogensüchtigen seltsame Symptome hervorrief. Auf unserer Station lag eine Prostituierte, die diese Symptome hatte. Sie wurde in ein extra Zimmer mit Isolationsschleuse untergebracht – wie ein Alien. Keiner wusste, was da los war. Später erfuhr ich, dass viele Blutprodukte in Deutschland mit HIV verseucht waren. Alle Aufsichtsbehörden hatten geschlafen. Das Bundesgesundheitsamt, das darüber hätte wachen sollen, und zu dem auch das Robert-Koch-Institut gehörte, wurde wegen des Skandals zehn Jahre später aufgelöst. Ein Jahr lang habe ich nach meiner Ausbildung auf einer HIV-Station gearbeitet. Alle Patienten dort hatten ihre Krankheit durch infizierte Blutprodukte bekommen. Ich hatte Glück. Aber seither ist mein Impfpass mit Stempeln übervoll. Wogegen man sich impfen lassen kann, lasse ich mich impfen. Hepatitis, Tetanus, Grippe…. Ich bin so eifrig, dass ich mir vor meiner ersten Covid-Impfung einen neuen Pass besorgen musste.
Das Bild da oben zeigt übrigens das HI-Virus auf einer Zelle. Sieht doch harmlos aus, so wie ein kleines, rundes Männchen mit kurzen Beinen, das gleich in eine tiefe Delle purzelt. Lustig nicht? Ich will euch ja bei allem Ernst nicht die Laune verderben.
Habbibis

Das Schöne am Wedding ist, dass ich selbst am Heiligabend um 12 Uhr einfach zum Friseur gehen kann, zu meinem arabischen Lieblingsladen, ohne Termin, ohne zu warten. Einfach so.Das wäre in meiner christlichen Heimat undenkbar. Alle Friseure sind vor Weihnachten über Wochen hinaus mit den Dauerwellen ihrer Kundinnen beschäftigt und ausgebucht. Noch schöner ist, dass ich, als ich in den Laden trete, als erstes gefragt werde, ob ich einen Kaffee will und nicht nach meinem Corona-Test. Bleibt die Maskenfrage. Die drei Friseure tragen sie nasenfrei, die Kunden gar nicht und der schwarze Mann, der neben mir wartet brav die ganze Zeit mit einer billigen blauen Maske. Ich beschließe seinem Vorbild zu folgen, sobald ich mit meinem Kaffee fertig bin.
Das schlechte am Wedding ist, dass in den Friseursalons auch an Heiligabend arabischer Gute-Laune-Pop in Clublautstärke gedröhnt wird. Von wegen stille Nacht. Das ist nicht gut für meinen Kopf, der voller Schmerzen ist und voller Gedanken zum bevorstehenden Fest. Wie feiern eigentlich Araber in Berlin Weihnachten? Keine Ahnung. Immerhin sehe ich, dass der AMAYA Schönheits-Salon für Frauen auf der anderen Straßenseite heute geschlossen ist. Was haben die arabischen Frauen heute zu tun, während sich die Männer fröhlich frisieren? Mit den Kindern den Tannenbaum schmücken? Ich verabschiede mich frisch in Form gebracht mit einem neutralen “Frohe Feiertage“ und bekomme ein herzliches “fröhliche Weihnachten“ zurück. Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme. Heute um vier werden drei erwartungsvolle Jungs mit ihrer gottergebenen Mutter durch meine Tür jagen und das Wort “Geschenke“ skandieren. Und bis dahin ist noch die Wohnung zu putzen, das Essen zu kochen und die Nachbarin, die unter mir immer das Gehopse und Getrappel der jungen Wilden mitkriegt wieder für ein Jahr mit einem Geschenk zu besänftigen. Versprochen habe ich auch, dass ich ihnen heute die Geschichte mit der explodierten Ketchupflasche aus meinem Buch vorlese, von dem sie natürlich auch längst alles mitgekriegt haben. Das muss ich noch üben, damit ich nicht über die selbst geschriebenen Worte stolpere. Ein Exemplar geht als Geschenk an die Mutter, und ich hoffe, dass sie meine Berichte von der anderen Seite unserer „Irgendwie doch Familie“ nicht in den falschen Hals kriegt. Es ist übrigens das letzte Exemplar der großen Erstauflage von 30 Exemplaren. Alles verschenkt oder sogar verkauft (wozu hat man Freunde?). Auf diesen Lorbeeren werde ich mich jetzt ausruhen. Ach ja ausruhen. Nach Weihnachen, vielleicht.
Ich wünsche jeder und jedem von euch ein paar ruhige und friedliche Tage.
Bleibt gesund.
