Kafka on the road V

Golden schien die Herbstsonne auf mein makelloses Auto, als ich schweißgebadet auf den Hof der Vermietung fuhr. Sauber stellte ich es in Blickweite des Vermietungsbüros ab und ging tapfer durch die Tür, um mich der Übergabeprozedur zu stellen. Mit halbem Auge linste ein junger Landenschwengel hinter seinem Computer hervor. „ Schlüssel und Papiere bitte.“ Pflichtschuldig reichte ich ihm das Gewünschte. Drei, vier Klicks später murmelte er: „Alles ok, vielen Dank“ und wollte nichts mehr von mir wissen. Benommen verabschiedete ich mich und torkelte ins Freie. War’s das jetzt? Das kann doch nicht alles gewesen sein? So viel Vertrauen habe ich mir immer erträumt, aber nie für möglich gehalten. Glückliches Baden Württemberg! Ist im Süden wirklich alles entspannter? Soll ich nicht einfach hier bleiben?

Mein Glücksgefühl währte nur kurz. Schon in der Straßenbahn zum Bahnhof überlief es mich siedend heiß: Ich habe ja gar nichts in der Hand! Kein Übergabeprotokoll, kein Nachweis, dass ich das Auto überhaupt abgegeben habe. Der Jungspund hatte mich übers Ohr gehauen, war jetzt wahrscheinlich mit dem Auto schon über die französischen Grenze und verscherbelte es dort um sich dann hinterher dumm zu stellen: „Ein Auto? hab ich nie gekriegt.“ Nur mit äußerster Anstrengung gelang es mir, nicht die Notbremse zu ziehen. Und ich weiß bis heute nicht, was mich davon abgehalten hat, im Laufschritt zurück zu rennen, um mir von der Vermietung eine gesiegelte Urkunde ausstellen zu lassen, die mir amtlich bescheinigt, dass das Auto wieder wohlbehalten in den Händen seines Eigentümers ist, und dass ich an keinem Schaden Schuld trage.

Es hätte mir alles nicht genutzt. Denn ich hätte wissen müssen, dass sie es mir nicht so einfach machen. Ich hatte ganz vergessen, dass das Grausame im System nicht mit Absicht, sondern aus Dummheit begangen wird.

Eine Woche später war immer noch kein Zeichen da. Keine Abrechnung, keine Mail, nichts.

Kafka on the road I

Flughafen Berlin-Tegel, morgens früh um Sieben. Ich habe ein Auto gemietet. Ich will meine Tochter mitsamt dem komprimierten Inhalt ihrer Berliner Teenagerhöhle in ein Studentenwohnheim in Süddeutschland zu verfrachten. Es ist ein herrlich sonniger Herbsttag, doch in meinem Herzen ist Finsternis.

Ich habe Angst vor anonymen, übermächtigen Institutionen. Nicht vor der NSA oder dem MAD – wieso sollten die sich für mich interessieren? Aber wenn ich im Internet einen Mietwagen buche, online, also ohne mit einem Menschen gesprochen zu haben, dann ist es mir, als begäbe ich mich in die Hände einer riesigen bösartigen Organisation, ein Moloch mit 1000 hinterlistigen unqualifizierten, unwilligen Mitarbeitern, die nichts anderes im Sinn haben, als sich das Leben leicht und mir schwer zu machen. Sie nehmen einfach mein Geld, schicken mir eine PDF. Und dann stehe ich am Schalter und es stellt sich heraus, dass das alles nichts gilt, dass deine Buchung nicht im System ist und die feisten Angestellten stellen sich dumm. – und ich stehe da, weiß nicht was ich machen soll und mein Geld bekomme ich nie wieder zurück…

Ehrlich gesagt ist mir das noch nie wirklich passiert. Eigentlich ist immer alles gut gegangen, mal abgesehen von dem Kleinbus, damals in Heidelberg, der plötzlich eine Delle im Dach hatte, aber das ist eine andere Geschichte…. Selbst in der Türkei haben sie unser verdrecktes Auto, das wir im fliegendem Wechsel fünf Minuten vor dem Abflug abgegeben haben anstandslos zurückgenommen. Aber was heißt das schon? Schon heute kann die Bosheit des Systems zuschlagen – und du bist für immer erledigt!

Ich bin fast pünktlich, aber wollte schon vor einer halben Stunde anrufen, dass ich 10 Minuten zu spät komme- keiner geht ran. Drei mal habe ich den Lageplan der Autovermietung nachgeschaut. Aus einem unerklärlichen Grund sieht es für mich so aus, als sei Vermietungsstation am Berliner Flughafen eine abgelegene Baracke, die quasi unauffindbar, ganz weit weg vom Flughafen liegt. Das machen sie extra, damit nur Eingeweihte und erfahrene Reisende sie finden. Und wer nicht pünktlich erscheint, dessen Auto geben sie ganz fix jemand anderem. Das steht bestimmt in einer ganz klein gedruckten Einverständniserklärung, die ich irgendwo angeklickt habe – und dann kommt es, wie ich es schon immer befürchtet habe und meine Tochter steht mit ihren Kartons und Plastiktüten voller  H&M Kram im Regen und schimpft mich einen Dummkopf. Bin ich ja auch, hätte ja alles lesen können. Aber das Buchen im Internet ist mir so unangenehm, dass ich es möglichst schnell hinter mich bringen will…

Kafka on the road III

Wahrscheinlich komme ich noch nicht mal ohne Kratzer aus dem Parkhaus. Und dann die Stadt und erst die Autobahn! 19 Jahre habe ich meine Tochter mit Liebe beim groß werden begleitet, und jetzt setze ich leichtfertig ihr Leben aufs Spiel. Soll ich ihr nicht lieber eine Zugfahrkarte kaufen und ihre Wohnungseinrichtung mit einer Spedition hinterherschicken? Mit einem richtigen Lastwagen und Leuten, die richtig fahren können?

Der Motor brummt, dieses winzige Schalterchen, das heutzutage die Handbremse ist habe ich auch gefunden. Ich drehe zwei, drei Runden im Parkhaus, bis ich durch Versuch und Irrtum herausbekommen habe, wo hier der Ausgang ist. Dann bin ich im Freien. Es ist schon erstaunlich, dass sie heute die Autos so bauen, dass sie wirklich jeder fahren kann. Wenn ich nach links lenke, fährt es nach links und wenn ich das Lenkrad fest halte, fährt es geradeaus. Und auch die anderen Autos kommen mir nicht in die Quere. Wahrscheinlich hat man sie im Radio gewarnt, dass ich jetzt komme und für eine Stunde die Order ausgegeben, größtmöglichen Abstand von mir zu halten. Ich fummle so nebenbei das Radio an, aber es kommt nur gute Musik, sonst nichts. Wie ein Aal gleite ich durch den Verkehrsfluss und weiß doch, dass diese Fahrt nicht gut ausgehen kann. Denn spätestens wenn ich bei meiner Tochter vor dem Haus bin muss ich einparken. Einparken! Ich! In grauer Erinnerung sind mir die Schweißperlen auf der Stirn meines Fahrlehrers, als er mich wieder und wieder ermahnte beim rückwärts Einparken an der richtigen Stelle das Lenkrad einzuschlagen, um dann blitzschnell gegenzulenken, um genau in die Lücke zu zirkeln, die zwei Autos für uns am Bordsteinrand bildeten. „An der B-Säule einlenken, schneller, schneller..,“ Ich habs geschafft, damals, das Einparken und auch den Führerschein, obwohl ich bei der Prüfung vor Schreck bei einer grünen Ampel in die Bremsen gegangen bin. Der Prüfer auf dem Rücksitz hielt sich seinen Hut fest und war wahrscheinlich ein guter Christ. Denn er ließ auf Fürbitte meines Fahrlehrers Milde walten. Ich bekam den Lappen und bin seitdem die Geißel der Landstraßen. Oft schon habe ich daran gedacht, den Führerschein freiwillig zurück zu geben, um weiteren Schaden von unserem Volk abzuwenden. Mütter könnten ihre Kinder wieder ruhig auf die Straße schicken, alte Menschen voller Zuversicht über die Fahrbahn schlurfen und meine Anverwandten müssen nicht mehr ruhelose Nächte verbringen bei dem Gedanken am nächsten Tag bei mir ins Fond steigen zu müssen.

Jetzt bin ich vor dem Haus. Und vor dem Haus erwartet mich ein geöffnetes Tor, in das mich ein freundlicher Mensch einwinkt. Uff! Diesmal ist mir die Prüfung erspart geblieben. Mit einem eleganten Schwung setze ich rückwärts auf den Hof. Von außen sieht das ganz gekonnt aus. Aber in Wirklichkeit ist es natürlich nur unglaubliches Glück, dass das Auto mir nicht mit einem grausigen Rums sagt, dass ich da eine Mauer übersehen habe….