Geschenke

Ja, ja: Die Kinder sind das größte Geschenk zu Weihnachten. Das ist wahr. Und erst die Geschenke, die man von den Kindern bekommt. Selbstgebasteltes aus dem Unterricht. Ich weiß nicht, woher die Lehrerinnen immer die Ideen her haben für die mehr oder weniger sorgfältig geklebten oder gemalten Schmuckstücke, die mich trotz alledem immer herzlich rühren und so langsam eine ganze Kiste füllen, die alle zwei Jahre hervorgeholt wird, um das festliche Heim zu schmücken, wenn wir bei mir zu Hause Weihnachten feiern.

Noch schöner wird es allerdings, wenn meine Kinder ihre Geschwister beschenken. „Hast du eine Idee, was ich den Jungs zu Weihnachten schenken kann?“ textet meine große Tochter eine Woche vor dem Fest. Ich finde es toll, das sie an ihre drei Brüder denkt, die sie selten sieht. Aber nein, ich habe keine Ideen. Mit Mühe ist es mir gelungen, die sehr konkreten und – je nach Alter -mit kindlicher Inbrunst oder präpubertärer Unverschämtheit vorgetragenen Wünsche nach ausverkauften Lego-Bausätzen und Computerspielen pünktlich zu erfüllen, die unglaublichen Kosten mit meiner Schwester zu teilen und auch noch was für die Großmutter übrig zu lassen, ohne dass der Weihnachtsabend zur Materialschlacht wird. Ich bitte mir Bedenkzeit aus. Auf jeden Fall kein neuer Lego-Bausatz, das ist klar. Bücher und Comics holen sie Jungs sich stapelweise aus der Bibliothek und verschlingen sie an einem Wochenende. Sport ist Mord und ein elektrisches Klavier bekommen sie schon von der Mutter. Zum Glück liefert das Chaos in Berlin verlässlich die besten Inspirationen. Kurz vor Weihnachten platzt mitten in der Innenstadt der „Aqua Dome“, ein riesiges, aufrecht stehendes Aquarium, und schwemmt eine Million Liter Wasser und tausende Fische auf die Straße unter den Linden. Solche Sintfluten braucht es, um in meinem überfluteten Gehirn die Erinnerung zu wecken, dass ich ja dieses Jahr mit den Jungs im Aquarium im Zoo war, und dass es ihnen dort sehr gefallen hat.

Meine Tochter findet die Idee auch gut und wir treffen uns am zweiten Feiertag in einem Café um uns frohe Weihnachten zu wünschen und Geschenke auszutauschen. Sie hat ein gelbes Postpaket von meiner Schwester dabei, damit wir es gemeinsam öffnen. Die kleine Hoffnung, dass da auch was für mich drin wäre, wird schnell zerstört. Zwar ist die Hälfte des Pakets mit Spritzgebäck gefüllt, das meine Schwester mittlerweile nach Art meiner Mutter zu backen versteht. Aber als ich die Finger gierig danach ausstrecke, klappt die Tochter den Deckel zu. „Das ist mein Paket.“ So viel zum Thema „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Statt dessen stellt sie eine leere Saftflasche auf den Tisch, an der von außen ein selbstgebastelter Fisch klebt. „Endlich ein Geschenk für mich!“, denke ich und beginne an dem Fisch zu nesteln, in dem ich einen handgeschriebenen Weihnachtsgruß vermute. „Ähm, das ist das Geschenk für die Jungs.“ holt mich meine Tochter in die Wirklichkeit zurück. Und auf den zweiten Blick erkenne ich das subtile Kunstwerk: Sie hat den zerstörten Aqua Dome nachgebaut! Ein aufrecht stehender Zylinder, und die Fische sind draußen. Innen drin geben die gerollten Gutscheine für das Aquarium im Zoo den Aufzugschacht, der mitten durch die leergelaufene Unterwasserwelt führt. Ich bin begeistert.

Auf dem Rückweg zeige ich ihr auf dem Gehweg vor meiner Wohnung, was ich mir selber zu Weihnachten geschenkt habe: Eine gut erhaltene Simson S 50, das flotte Moped, das ich mir als Jugendlicher nicht kaufen konnte. Die Suche, der Kauf und die erste Fahrt haben mir die letzten zwei Monate viel Leiden und Freude beschert. Als ich mich zum ersten Mal wieder auf dieses winzige Ding setzte, habe ich laut gelacht. Es fühlte sich an wie ein Spielzeug im Vergleich zu dem Motorrad, das ich bisher fahre. Jetzt hab ich sie und bin sehr stolz. „Wunderschön“, hebt meine Tochter anerkennend eine Augenbraue. „Kann man die auch mit Autoführerschein fahren?“ Ich sehe das Begehren in ihren Augen und weiß, dass ich das Schmuckstück bald an sie verlieren werde, wenn ich nicht sehr aufpasse. „Da kann ich doch bei der nächsten Motorrad-Ausfahrt zum Spargelessen alleine mit fahren.“ Und es ist klar, dass das keine Frage ist, sondern eine Feststellung. Immer wollte ich, dass meine Tochter Motorrad fährt. Gerade bin ich mir nicht sicher, ob ich das noch will. Nicht weil ich Angst um meine Tochter habe, sondern um das Moped. „Mama wird dich dafür hassen.“, sagt sie genüsslich. „Zu Recht“, denke ich, „zu Recht“.

P.S. Natürlich hab ich auch von meiner Tochter was geschenkt bekommen. Karten fürs Deutsche Theater am nächsten Tag. Der „Steppenwolf“ wurde gegeben. Aber nicht das „Born to be wild“ von der gleichnamigen Band aus den 60ern, die die Begleitmusik zum Film „Easy Rider“ gemacht hat, sondern das Original von Herrmann Hesse. Depressive Gedanken eines alten Mannes. „Warum macht das Leben keinen Spaß? Wer bin ich? Und wenn ja wie viele?“ Da konnte ich über mich selber lachen.

Wenn du denkst, es geht nicht mehr…

Wenn wenigstens die Sonne scheinen würde im Wedding. Aber nein, alles grau in grau. Kalt ist es auch. So richtig kalt, dass es einem durch Mark und Bein kriecht. Aber raus muss ich trotzdem. Ich brauche das Geld. Geld von der Post, der Postbank, die jetzt ein Teil der Deutschen Bank ist. „Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar…“ sang Marius Müller Westernhagen. Zappeliger Held meiner Jugend. Mal schaun, ob das noch stimmt. Erstmal muss ich mein Homeoffice und meine Videokonfernzen hinter mir lassen, die mir heute schon all meine Geduld aufgefressen haben. Der Schwerhörige spricht mit der Tauben über Zoom. Wunder der Technik. Und erstmal muss ich in die einzige Filiale kommen, die die Postbank in der ganzen Gegend noch betreibt. „Klack“ macht es unter mir, und bei meinem tadellosen Schrottfahrrad, das selbst im Wedding keiner klaut, haut etwas gegen Metall. „Klack, klack, klack“, im Takt der Pedale. Der Kettenschutz hat sich gelöst. Wann habe ich den das letzte mal festgeschraubt? Lange her. Auch Fahrräder brauchen Liebe. Sonst rächen sie sich. Von wegen Liebe. Wer liebt denn mich? Mit bösen Tritten haue ich aufs verbogene Blech. Steige ab, biege hin und her, bis ich die zwei Kilometer zur Filiale am Leopoldplatz geschafft habe. Männer mit erstarrten Gesichtern in Kapuzenpullovern stehen davor herum. Auch ihnen ist kalt, sie stehen hier schon lange und ihnen fehlt das Gleiche wie mir: Wärme und Geld. In der schmierigen Vorhalle der Post sind alle Geldautomaten leer. Enttäuschte Kunden geben die Neuigkeit an mich weiter und schlurfen mit hochgezogenen Schultern nach draußen.

Hinter mir braust ein Mann mit einem überbreiten Elektrorollstuhl herein. „Alles kaputt!“, melde ich ihm die aktuelle Parole und versuche, mich von ihm nicht überfahren zu lassen. Doch, alle Achtung, liebe Post: Hinter einer Glasscheibe steht ein neuer Geldautomat, der noch Scheine hat. Keine Schlange. Die bildet sich hinter mir. Ein übernervöser junger Typ auf Position 4 fängt an zu maulen. „Wie langsam sie ihr Portemonnee herausziehn, na toll, geht das auch schneller…“ Als ich mich zum zweiten Mal bei der Geheimzahl vertippe merke ich, dass meine Nerven heute nicht mehr stark genug sind, um diesem Idioten standzuhalten. Ich ziehe meine Karte ein, bevor es der Automat tut und reihe mich in die Schlange vor den Postschaltern ein. Ich sehe die nette Frau hinter dem Tresen, mit der ich vor ein paar Tagen eine lange Diskussion über die Eintragung meiner neuen Adresse nach der Umbennung meiner Straße geführt habe. Sie wäre die nächste Freie. Als sie mich sieht, entscheidet sie sich, wichtige Dinge im Backoffice zu erledigen. Ihre blondierte Kollegin zieht stoisch den Magnetstreifen meiner Karte durch den Schlitz auf ihrer Tastatur. „Die is ja auch schon ganz schön runter.“, meckert sie. Wir einigen uns auf eine Notauszahlung auf Papier – in großen Scheinen. Da wo ich morgen hin muss, wollen sie Bares sehen.

Aber es reicht nicht. Ich brauche mehr. Gibt es noch jemand, hier auf der kalten Müllerstraße, der mir Geld schuldet? Den ich ein bisschen ausquetschen kann?
Na klar! Der Typ in dem alten kleinen Laden in der schäbigen Seitenstraße, der meine Ware für mich vertickt. Es wird endlich Zeit, mit ihm abzurechnen. Seit einem Jahr liegen die Dinger da und ich hab noch kein Geld gesehen. Als die Türglocke verstummt ist, sitzt seine Partnerin hinter dem Röhrenbildschirm und tut so, als sähe mich nicht. Alter Trick. „Einen Moment“, murmelt sie dann doch. Sie will Zeit gewinnen, das kenne ich. Mit einem Blick scanne ich den Laden. Gute Ware! Aber da, wo das beste, wichtigste Buch liegen sollte, „Das Wunder vom Sparrplatz“, ist eine Lücke im Sortiment. Wehe, Winfried, wehe dir, wenn du es mit Tricks versuchst, will ich sagen. Aber da ist Winfried mit dem grauen Haar schon aus dem Hinterzimmer auf seinem Platz und grinst mich entwaffnend an. „Ja, haben wir öfter mal empfohlen. War mir gar nicht aufgefallen, dass die schon alle weg sind. Kannst uns gerne noch ein paar bringen.“ Natürlich will er mich damit weich stimmen, für das, was jetzt unweigerlich kommt. Ich ziehe den alten den alten zerknitterten Lieferschein aus der Tasche, den Winfried unterschrieben hat, und fordere meinen Anteil. Der alte Fuchs zieht die Augenbrauen hoch. „So viele waren das? Kann ich gar nicht glauben.“ Flugs holt er ein paar Geldnoten aus der Kasse. „Wann hast du das letzte mal so viel Geld gesehen?“, fragt er mich, als hätte er mich durchschaut. Er weiß, dass ich nehmen muss, was ich kriege. Schnell lasse ich die Scheine in meiner Manteltasche verschwinden und verspreche wieder zu kommen. Mit neuer Ware, so schnell wie sie mein Dealer in Holland sie liefern kann.
Zum 4. Advent wird mein Schreiberlohn für ein paar kleine Geschenke auf dem Weddinger Weihnachtsmarkt reichen. Wie wunderbar die Welt sein kann.

Ich wünsche euch auch ein frohes Wochenende.

Ein König im Wedding

Ein Mann mit Stuhl wartet auf den König

Es war ein besonderer Tag in diesem eher biederen Teil des Wedding, der seit über 100 Jahren „Afrikanisches Viertel“ heißt. Es ist geprägt von Kleingartenanlagen,von Kneipen, die „Zur gemütlichen Ecke“ oder „KIKI-die Partykneipe“ heißen und von Leuten, die sich im türkischen Aufbackshop Jumbo-Schrippen für 35 Cent kaufen. Wann schaut hier schon mal jemand vorbei?

Doch letzten Freitag war alles anders. Da war mein Viertel mal so bunt und vielfältig, wie es sein Name verspricht. Und an so einem besonderen Tag kam auch ein richtiger König zu Besuch. Etwa hundert Menschen aller Hautfarben und Nationen versammelten sich, um zwei neue Straßenschilder zu feiern. Auf dem einen stand „Manga-Bell-Platz“ auf dem anderen „Cornelius- Fredericks-Straße“. Beides Widerstandskämpfer gegen die Kolonialherrschaft, die von den deutschen Truppen ermordet wurden. Vorher stand da „Lüderitzstraße“ und „Nachtigalplatz“. Beides Namen von Männern, die für die grausame koloniale Vergangenheit Deutschlands standen. Es gab Life-Musik und die Stimmung war fröhlich und hoffnungsvoll. Alle hatten sich fein gemacht, um das Besondere des Tages zu unterstreichen: Nicht nur die Botschafter von Kamerun und Namibia. Auch Jean-Yves Eboumbou Douala Bell, König der Douala in Kamerun hatte sich trotz des nebelkalten Tages ein farbenfrohes Gewand angezogen und harrte darin tapfer die ganze, mehr als zwei Stunden dauernde Zeremonie aus. Zum Glück hatte einer seiner Untertanen daran gedacht, ihm zwar keinen Thron, aber immerhin einen soliden Stuhl mitzubringen, damit der greise Herrscher sich ab und zu mal setzen konnte. Die einheimischen Unterstützenden von „Berlin Postkolonial“ trugen zur Feier der Tages ihre beste Streetwear und Strickmützen in grellen Farben, oft von ausgesuchten Labels. Die neuen Straßenschilder waren mit einer handgewebten Ashanti-Hülle aus Ghana verdeckt, wie mir Viktor, der Inhaber der afrikanischen Modeschneiderei in meiner Straße kundig verriet. Er freute sich, dass sein Geschäft jetzt in der Cornelius- Fredericks-Straße liegt. „Schau mal. Der Vogel auf dem Stoff dreht seinen Kopf nach hinten. Das ist das Sankofa, ein Symbol für etwas, was man verloren hatte und wieder findet, oder sich wieder holt.“ Die vielen Redner bei der feierlichen Enthüllung ließen keinen Zweifel daran, was sie verloren und wiedergefunden hatten. Es sei die Würde der afrikanischen Menschen, die nach den Verbrechen der deutschen Kolonialmacht durch die Benennung zweier Straßen in der deutschen Hauptstadt mit den Namen afrikanischer Widerstandskämpfer wieder hergestellt werde.

Es hätte also für alle ein Tag des Feierns, der Freude und der Vergebung werden können. Versöhnung auch mit den Anwohnenden, die sich mit Widersprüchen und eine rechts gerichteten Bürgerinitiative gegen die Umbenennung gewehrt hatten. Dass die alten Gräben noch nicht zugeschüttet sind, merkte man an einigen älteren Frauen, die grimmig schauend an der Feiergemeinde vorbeihuschten und giftige Worte zischten und an den heftigen Reaktionen der Aktivisten darauf. Eine Frau riss sogar vor der Veranstaltung die Verhüllung von dem neuen Straßenschild und rief „Lüderitz ist einfach eine Stadt in Afrika.“, bevor sie abgedrängt wurde. Viele der Hiesigen sind aber auch für die Umbenennung. Auf der Feier ich finde ich genug Mitbewohnende, die, wie ich, froh sind „den Lüderitz los zu sein.“

Wenn da nicht, ja wenn da nicht die Berliner Verwaltung wäre. Bis auf eine Pressemitteilung vor zwei Wochen, in der baldige Information der Bürgerinnen und Bürger versprochen wurde, tat das Bezirksamt nicht viel, um die Anwohner über die Folgen der seit 2016 geplanten Umbenennung zu informieren. „Wir wussten absolut nichts, als wir vor ein paar Wochen unsere Praxis in die Lüderitzstraße verlegt haben.“, schüttelt Podologin Ilona den Kopf, die sich in unserer Straße neue Praxisräume angemietet hat. Sie deutet auf Kartons mit neuen Briefbögen, Rechnungsvordrucken und Notizzetteln, die in dem frisch renovierten Laden stehen. „Das können wir jetzt alles ins Altpapier werfen. Und die Autos müssen wir auch wieder ummelden.“
Dem Bezirksamt ist damit ein weiterer Schild-Bürgerstreich gelungen, der sich in die Reihe von ungeschickten bis arroganten Umgang mit den Anwohnenden bei dieser Umbenennung nahtlos einreiht. Auf die Widersprüche gegen die Umbenennung hatte es vor einigen Jahren Ablehnungen mit happigen Gebührenbescheiden gehagelt. So züchtet man sich Wut-Bürger. Auch jetzt gibt es nur knappe Handzettel, mit denen die Anwohnenden eine Woche vorher informiert wurden. Und das noch nicht mal für alle. Während der Nachtigalplatz vor einer Woche mit den recht allgemein gehaltenen Flyern des Bezirksamtes regelrecht zugepflastert wurde, blieb die Lüderitzsstraße die Straße der Ahnungslosen. Niemand hat hier einen Zettel gesehen. Wahrscheinlich war die Kraft der Bezirksamtsmitarbeitenden durch den Exzess am Nachtigalplatz schon verbraucht. Und vielleicht war das auch besser so. Denn die auf den Zetteln versprochene bevorzugte Terminvergabe im Dezember, zur Ummeldung beim Bürgeramt über die Bürgernummer 115, ist dort leider völlig unbekannt. „Ist ja schön, dass wir das auch mal erfahren.“, versucht es eine freundliche Call-Center-Mitarbeiterin bei der 115 mit Berliner Galgenhumor, als ich nach der Zeremonie am Nachmittag einen Termin beantragen will. Ich kann ihnen einen Termin am 27. Januar 2023 in Lichtenberg anbieten.“ Aber ihr Interesse ist geweckt. Sie stellt mich in die Warteschleife und will sich erkundigen. „Da geht keiner mehr ran.“, entschuldigt sich die Dame nach zwei Minuten am Telefon. „Die sind Freitag nur bis 14:30 Uhr da.“ Der versprochene Rückruf erreicht mich nie. Am Abend will ich auch meiner Bank online meine neue Adresse mitteilen. „Diese Adresse ist uns leider unbekannt.“, lehnt die Eingabemaske die Cornelius-Fredericks-Straße ab. Google bietet mir eine Straße in Namibia an. Meine Schwester, die bei der Post arbeitet, rät mir, mir selbst einen Testbrief an die neue Adresse zu schreiben, bevor ich die Päckchen mit den Weihnachtsgeschenken für meine Kinder ordere. „Wenn die Post das nicht weiß, klappt das bei den Online-Händlern auch nicht.“ Ich hoffe, dass es für meine Nachbarn und mich nach dem frohen Fest am 2. Dezember auch ein Frohes Fest am 24. Dezember geben wird.

Wärme

Die Straße ist ruhig und dunkel. Das schwarze Kopfsteinpflaster glänzt und die Laternen verstreuen ihr oranges Licht, ohne den Gehweg heller zu machen. Keine Leuchtreklame, keine blendenden Autoscheinwerfer. Nur das Licht, das aus den Häusern auf die Straße fällt. „Wie früher“, denke ich. Diese Stille und diese Dunkelheit war das erste, was mir aufgefallen war, als ich kurz vor und nach der Wende in Ost-Berlin umherstreifte. Bin lange nicht mehr hier gewesen. Vor mir jetzt die Rückseite der Samariterkirche. Ich sehe niemanden, aber höre gedämpftes Stimmengewirr. Wie früher. Viele Menschen müssen sich hier versammelt haben. Ist es wieder an der Zeit für Blues-Messen und Friedensgebete? Für Schweigen und Kerzen? Was macht Eppelmann jetzt und wo versteckt sich die Stasi? Vor dem Eingang brennt eine Feuerschale und darüber schwebt das Emblem mit dem Opferlamm.Viele Menschen in ihren Dreißigern stehen herum. Nicht dicht beieinander sondern jeder für sich, Handy am Ohr, Kind an der Hand. Es gibt auch keine Kerzen, sondern Stockbrot, das die Kinder in die Glut halten. Es ist nicht November 89 sondern November 22, Sankt-Martins-Tag. Wer hier auf die Straße geht, hat nichts zu befürchten.

Und trotzdem komme ich nicht in der Gegenwart an. Zu stark ist der Eindruck, das schon mal erlebt zu haben, diese Straßen schon oft gegangen zu sein. Ich habe mich auf den Weg zurück gemacht an diesem Abend. In eine große Altbauwohnung, von der ich weiß, dass sie aussehen wird wie vor fünfundzwanzig Jahren und auch da sah sie schon aus, als hätte sie sich seit der Wende nicht verändert. Gemütlich, mit kleinen Kunstwerken an allen Wänden und kohleofenwarm. Es wird voll sein, alle werden in der großen Küche um den großen Tisch sitzen, jeder wird was mitgebracht haben und natürlich ist immer zu viel zu essen da, weil Annette natürlich auch noch gebacken und gekocht hat. Es wird Kürbissuppe geben, die schmeckt wie Gulasch.

Ich bin zurück gekommen zu Freunden. Freunde, die für mich immer ein bisschen da waren, und für die ich nie ganz weg war. Ich komme zurück zu einem Freundeskreis, der seit Anfang meiner Berliner Zeit besteht. Die Kinder, die Mitte der Neunziger geboren wurden, haben uns zusammengebracht. So kam ich in das Hinterhaus mit den niedrigen Decken neben dem alten Schlachthof, wo die meisten wohnten. Wir Väter haben eine Sportgemeinschaft gegründet und gingen einmal die Woche ins SEZ, dem Sport- und Erholungszentrum, das noch unter Honnecker gebaut worden war, zum Schwimmen und Saunen. Und danach ins „Make Up“ am Besarinplatz, wo wir ölige Pizza aßen und quatschten, bis Manne, der Gerüstbauer, meinte jetzt sei genug gequatscht, jetzt werde Skat gespielt. Das war dann der Moment, wo ich passen musste.
In der Zeit machten wir alles zusammen. Von Silvester auf‘m Darß bis zum Herrentagsausflug in den Spreewald. Ich lernte die Ostberliner Leitkultur, lernte Schichtsalat lieben, ging zu versteckten Konzerten in Kellern, die der Krieg übrig gelassen hatte und die von irgendeinem Nachbar organisiert wurden und machte den Schritt vom „ich“ zum „wir“. Es gab keine Unterschiede und keine Dünkel. In unserer Gruppe gab es mehr Doktoren als in mancher Poliklinik. Aber keiner redete davon, wie wichtig er war, von neuen Autos, Häusern, oder schicken Sachen. Wir machten Faltboottouren auf der Havel, als einige schon Geschäftsführer in kleinen Unternehmen oder erfolgreiche Lobbyistinnen in der Pharmaindustrie waren. Aber es gab kein Verständnis für das Anderssein und auch keinen Respekt vor dem Wunsch, alleine zu sein zu wollen. Als ich mich auf einer Paddeltour mal zurückfallen ließ, um mal endlich die Ruhe zu genießen, drehte die ganze Gruppe um, um zu fragen, was denn mit mir los sei? Selbst die Affären, die losgingen, als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, kriegte jeder mit. Die Paare tauschten die Partner untereinander aus, aber die Gruppe blieb trotzdem bestehen. Manche schauten sich eine Weile nicht ins Gesicht, oder verließen den Raum, aber spätestens beim nächsten Geburtstag saßen alle wieder beisammen. Ein Dorf in der Stadt.
Ich war der Erste, der in einen anderen Stadtteil zog, es folgten die anderen mit Umzügen in Eigenheimsiedlungen oder in kleine Zweitraumwohnungen. Es gab neue Freundeskreise, neue Partnerinnen und neue Kinder. Aber keiner hat Berlin ganz verlassen.

Es war eng damals, zu eng damals für mich. Jetzt bin ich froh, wieder zu so einem Geburtstag eingeladen zu sein, empfangen zu werden als sei ich nie weg gewesen.

Sich den Wedding schön malen

Als ich in meinen letzten Beitrag über einen grauen Herbsttag in Berlin ein Bild von einem heruntergekommenen Kiosk an einem grauen Herbsttag einfügen wollte, merkte ich: das geht nicht mehr. Seit Jahren fotografiere ich heruntergekommene Betonklötze, Geschäfte und Häuser in meinem Viertel. Alles Grau in Grau. Ich konnt‘s nicht mehr ertragen. Deshalb malte ich auf meinem Tablet ein paar bunte Linien um das graue Bild. So gefiel es mir schon besser. Ermutigt durch die freundlichen Rückmeldungen von docvogel und Susanne Haun malte ich einfach weiter in meiner Fotomediathek herum. Und es war wunderbar zu sehen, wie das graue Drumherum verschwand. Bunt ist es geworden und es ist noch genug Grau übriggeblieben. Ich hoffe, die Bilder machen euch so viel Spaß wie mir.

Aufgegeben?

Es schneit seit zwei Tagen, dünn, flockig, nass. Ich streife unter dem grauen Winterhimmel ziellos durch die Straßen. Seit fünf Tagen habe ich nichts gegessen. Ein, zwei Tage halte ich das noch durch. Ich beklage mich nicht. Ich muss unnützen Ballast abwerfen. Eben habe ich meine alte Motorradjacke an einen Haken an der Mauer des Eckhauses gehängt, dort wo früher eine kroatische Familie ein Restaurant hatte. Der Laden steht schon lange leer, so wie alle Läden in dieser Straße. Die Jacke war nicht mehr dicht und sie wurde mir langsam zu schwer. Den Aufnäher „Elefantentreffen Nürburgring 2009, den mir noch meine Mutter aufgenäht hatte, habe ich abgerissen. So sentimental bin ich denn doch. Damals habe ich auch gefroren, als ich von Berlin im Februar in die Eifel gefahren bin. Ich muss jetzt ohne sie weiter, Richtung Norden, immer geradeaus. Wenn ich zurück komme, wird die Jacke einen neuen Besitzer gefunden haben. Hier frieren viele.

Seit Tagen treibe ich mich in diesem Viertel herum, aber diese Richtung ist mir erst jetzt in den Sinn gekommen. Durch verlassene, winterfest gemachte Kleingärten, graue Nachkriegsreihenhäuser komme ich in die weiße Siedlung. Bruno Taut, Bauhaus. Unnützes Wissen. Was ich brauche, ist was Warmes. Auf dem Mittelstreifen taucht ein Kiosk auf. Genau so alt und verrottet, wie der andere, an dem ich vor zehn Minuten vorbeigekommen bin. Auf die alten Neonreklamen für Zeitungen, die es schon lange nicht mehr gibt, haben sich schmutziggrüne Flechten heimisch gemacht. „Bin um 15 Uhr zurück“, steht auf dem Zettel, der am heruntergelassenen Rollo hängt. Wie lange wohl schon? Leere Bierflaschen gammeln vor dem Tresen vor sich hin und ein Napf aus Blech für die Hunde, in dem noch eine Pfütze Wasser steht. Wieder nichts. Ich will schon weiter gehen, da hupt ein schwarzer Mercedes. Vielleicht will er nicht auf das Bild, das ich von dem letzten leeren Proviantlager auf meinem Weg in Richtung Norden machen will? Da steht Herr Nyugen vor mir. Ein hageres Gesicht voller Falten, mehr Lücken als Zähne im Mund schaut mich freundlich an. „Einen Moment noch“, sagt er, als er die Tür zum Kiosk aufschließt. Bald rattert das Rollo nach oben und Herr Nyugen schaut frohgemut aus der Luke. „Ich musste noch einen Freund ins Krankenhaus fahren.“, sagt er in verständlichem Deutsch. Ich schaue auf die Uhr: Es ist 15:01 Uhr. Der Zettel war von heute. Manchmal sind die Dinge nicht so hoffnungslos wie sie aussehen. Von dem Bier, der Cola oder der Capri Sonne, die mir der Budenbesitzer anbietet, darf ich nichts nehmen. Das habe ich geschworen, als ich mich vor einer Woche auf den Weg gemacht habe. Ich muss weiter, am Möwensee vorbei zurück, zu dem Ort wo ich hingehöre, wo mein Fastentee auf mich wartet. Am Montag ist Fastenbrechen. Dann gehe ich Herrn Nyugen besuchen. Ich bin sicher, er wird auf mich warten. Einer wartet immer.

Rolf ist wieder da!

War er schon da, als ich kam? Oder kam er, als ich schon da war? Wann ist er gegangen? Warum bin ich geblieben? Seine Wege waren die gleichen, die ich ging, sein Viertel war mein Viertel. Er kannte jede Ecke und ich folgte seinen Spuren. Immer wieder konnte ich etwas Neues von ihm entdecken: In der U-Bahn, an einem Verkehrsschild, auf einem Ampelmast. Rolf war da und doch weg, nah aber doch unfassbar. Spielte er ein Spiel mit mir, oder wollte er mich zum Wahnsinn treiben? Es war wie Hase und Igel. Kaum lief ich nachts durch die Straßen des Wedding, schon konnte ich am nächsten Tag dort frische Tags finden. Verfolgte er mich heimlich, oder war er mir immer einen Schritt voraus? Warum verwendete er meinen Namen? War es auch seiner, oder hatte er sich die vier Buchstaben als „Tag“ zugelegt,um mich zu verhöhnen? Ich dachte, ich würde es nie erfahren, denn irgendwann war Rolf weg. Es muss vor fünf Jahren gewesen sein, als ich seinen letzten Tag fand. Um die gleiche Zeit, als meine Kinder mit ihrer Mutter in den Berliner Speckgürtel zogen und ich mir eine neue Wohnung suchen musste. Keine Tags mehr, keine Überraschungen. Vielleicht hatte Rolf auch einfach das Spiel satt.

Es war ja von Anfang an eine blöde Idee. Wer heißt denn heute noch Rolf? Emil, Emma und Paul sind wieder en vouge. Aber Rolf? Schon der Pfarrer, der mich taufte, weigerte sich, diese Zumutung von einem Namen in das Kirchenbuch einzutragen. Dort steht „Rudolf“, die ursprüngliche Version, weil es bei den Katholiken keinen heiligen Rolf gibt. Eher im Gegenteil. Rolf Hochhuth zum Beispiel, der seinen „Stellvertreter“, das Drama in dem er die Nazi-Kollaboration des Papstes anprangert, im Jahr meiner Geburt als Manuskript vorlegte. Vielleicht durfte der Name deshalb nicht in ein katholisches Kirchenbuch. Hatte der heilige Stuhl Wind davon bekommen? Oder Rolf Mützenich, der streitbare SPD-Fraktionsvorsitzende, der weiter wacker Deeskalation zwischen Russland und der Ukraine fordert. Ja, ja, das sind ehrenhafte Männer, aber sonst findet man den Namen vor allem in den Todesanzeigen der Zeitungen. Rolf war immer zu einsilbig und immer zu kurz, um verstanden zu werden („War das jetzt Wolf oder Ralf?“) Und immer öfter ist Rolf auch tot.

Aber keine Bange. Wer so einen blöden Namen hat, der lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Der hat gelernt, Tiefschläge einzustecken und sich zu wehren. Es gibt von Johnny Cash das wunderbare Lied „A Boy Named Sue“ Die Geschichte von einem Vater, der seinem Sohn einen Mädchennamen gibt und sich dann aus dem Staub macht. Irgendwann findet ihn der Sohn, verdrischt seinen Vater und der antwortet. „I gave you that name and I said goodbye. And I knew you‘d get tough or die.“ Und deshalb war es weniger eine Überraschung als eine Gewissheit, die Wirklichkeit wurde, als ich gestern am U-Bahnhof Seestraße aus dem Fenster schaue. Rolf ist wieder da!

Groß, selbstbewusst und unübersehbar. Sein Stil ist gereift. Auf das Wesentliche reduziert. Keine Farbspielereien, keine überheblichen Sprüche. Nur der pure Rolf. Rolf 65. Und wer im Wedding wohnt weiß, dass das kryptische Zahlenspiel kein Geburtsdatum oder eine Altersangabe ist, sondern ein klares Bekenntnis zur alten Heimat. 1 Berlin 65 ist die alte Postleitzahl des Wedding.

Rolf, wo immer du dich rumgetrieben hast. Ick freue mir, dass de wieder da bis. Willkommen zu Hause!

Eine Geschichte nach Hause tragen

Es hat sich in meinem Kopf so viel angesammelt, das geschrieben werden müsste, dass ich es am besten gleich vergesse und einfach eine kleine Geschichte aufschreibe, die ich vor ein paar Tagen erlebt habe. Eine U-Bahn Geschichte. Damit habe ich vor 8 Jahren diesen Blog angefangen.

Es war in der U8 Richtung Alexanderplatz. Ich komme in diese schöne, neue, neongrell beleuchtete Bahn und sehe dort gleich neben der Tür zwei riesige, in sich zusammengefallene Turnschuhe stehen. Direkt unter den hochgeklappten Sitzen, daneben ein paar Socken. Erstaunlich flott erfasse ich die Situation und schreie dem großen Mann mit den dunklen, langen Haaren, der sich beim Einsteigen an mir vorbei auf den Bahnsteig gedrückt hat hinterher: „Hey, hast deine Schuhe vergessen!“ Der läuft barfüßig noch ein Stück weg, dreht sich dann um, kommt wieder durch die noch offen stehende Tür und brummelt fast schon charmant: „Hach ja, meine Schuhe. Sollte ich wohl mitnehmen.“ Packt seine Latschen und die Socken, vergisst seine Dose mit dem Energy-Drink, die noch oben auf der Sitzreihe steht und verschwindet in Selbstgespräche vertieft. Das alles hat zusammen keine 10 Sekunden gedauert. Die Tür schließt sich mit lautem Gequäke und ich stehe orientierungslos im Gang. An der Wand gegenüber sitzt ein junger Kerl, der meine Unschlüssigkeit , trotz der Maske in meinem Gesicht, genau als das deutet, was sie ist: Nämlich die Abneigung, sich auf den Platz zu setzen, auf dem der Verwirrte saß. Wer weiß, was er sonst noch da vergessen hat. Er klappt den Sitz neben sich herunter und lacht mich mit einer freundlichen Zuversicht an, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Bübisch wäre ein altmodischer Begriff dafür. Ein offenes, waches Gesicht, weder blasiert noch doof. Er scheint das Absurde an der Situation zu genießen, als sei es ein Theaterstück, dass er sich gerne anschaut, ohne mitspielen zu müssen. Schon wird der zweite Akt gegeben. Ein stämmiger Mann steht zum Aussteigen vor der nächsten Station an der Tür, sieht die Limonadendose, nimmt sie prüfend in die Hand, dreht sie um, schüttet den Rest Zuckerwasser über den Sitz, steckt die Dose stumpf in seine ranzige Einkaufstasche und geht durch die sich öffnende Tür ab. Auftritt eine Mutter mit Tochter und blütenweißer Hose. Sie wählt den besudelten Sitz für sich und ihr Kind und ist gerade dabei, ihn herunterzuklappen, als ich durch die Maske rufe: „Nicht hinsetzen, der Sitz ist nass.“ Die Frau versteht mich nicht, schaut mich unwillig an, spricht etwas zu ihrer Tochter, wahrscheinlich auf Ukrainisch und trollt sich in eine andere Wagenecke. An der nächsten Station übernimmt mein Nachbar die Rolle des Warners. Er ruft und fuchtelt mit den Händen und es gelingt auch ihm, die neuen Fahrgäste davor zu bewahren, mit dunklen Flecken auf der Hose die Bahn zu verlassen. Wir schauen uns fröhlich an und sind einverstanden mit unserer neuen Aufgabe. Doch schon an der nächsten Station entgleitet uns die Regie. Lärm von draußen übertönt unsere Warnrufe und ein großer, schwerer schwarzer Mann lässt sich wuchtig auf den Sitz fallen. Der Sitz wäre nun trocken. Und das ist auch gut so, denn wir hilflosen Helfer brauchen jetzt alle Aufmerksamkeit, um uns selbst zu retten.

Von rechts betritt die Polizei die schwankende Bühne, einen Büttel der Berliner Verkehrsbetriebe im Schlepptau und stürzt sich auf meinen Nachbarn. Weil ich die U-Bahn nur noch mit Ohrstöpseln betrete, seit wegen der Hitze oder wegen Corona in den Wagen Sommer wie Winter die Klappfenster geöffnet sind, durch die das infernalische Gekreische der Wagenräder ins Innere der Bahn übertragen wird, verstehe ich nicht gleich worum es geht. Aber es kann nur eins bedeuten: „Die Fahrscheine bitte.“ Und mein immer noch lächelnder Nachbar zuckt mit den Achseln. Wieder bin ich gleich bei der Sache, ziehe mein 29 Euro-Ticket aus der Hosentasche, schiebe es ihm rüber und raune ihm zu: „Sag ihnen, du fährst mit mir auf meiner Karte.“, und fühle mich an meine anarchischen Anfänge in Berlin erinnert. Mann, hab ich’s noch drauf. Aber der Junge grinst fast mitleidig: „Ist wegen der Maske.“ Sagt’s und ich merke erst jetzt, warum ich die ganze Zeit in sein fröhliches Gesicht schauen konnte. Als er abgeführt wird, ist es als würde mir ein guter Freund entrissen. Einer, mit dem dieses Irrenhaus besser zu ertragen wäre, obwohl ich Maskengegner eigentlich nicht toleriere. „Viel Spaß!“, rufe ich ihm hinterher und er grinst zurück.

So weit, so schön. Aber wie kriege ich die Geschichte aus der U-Bahn unversehrt nach Hause? Wie schütze ich sie gegen all die neuen Eindrücke die folgen? Und wann komme ich dazu, sie im Blog zu teilen? Die Bahn fährt mich an dem Nachmittag zur Sauna mit einem Freund. Der Laden ist rappelvoll. Nackte, Nackte, Nackte und immer an die Leser denken, schwirrt mir Helmut Markworts Werbung für den „Focus“ aus den 90ern durch den Kopf. Wie soll ich aber bei 90 Grad Hitze und kalten Güssen einen klaren Kopf für die Fakten behalten, wo es auch noch überall die neuesten Tatoos zu bewundern gibt? Auch mit dem Freund gibt es viel zu erzählen. Lange haben wir uns nicht mehr zum Männergespräch in der Sauna getroffen. Zu Hause zurück bin ich erschlagen. Am nächsten Tag hole ich die Jungs von ihrer Mutter, es sind ja Herbstferien. Und ein paar Tage mit drei aufgeweckten Grundschülern wirken in meinem Alter wie eine 100-prozentige Gehirnwäsche. Aber noch gehts. Vier Tage lang habe ich die Geschichte jetzt in meinem Herzen mit mir herumgetragen, damit sie nicht verloren geht und um mal wieder ein Lebenszeichen von mir zu geben, nachdem ich den Blog arg habe schleifen lassen. Und ich hoffe, dass es mir auch die nächsten Jahre noch gelingen wird.

Oh wie schön ist Brandenburg

Wir hatten einen Plan. Einen bescheidenen Plan, wie ich finde. Zwei Tage Hamburg sollten es sein. Ein ordentliches Hotel, ein bisschen Zeit zusammen und keine Kinder. Die Großmutter war als Babysitterin geordert und ihre bissigen Bemerkungen darüber, dass wir zwei, nach Jahren der Trennung mal wieder ein Wochenende gemeinsam verbringen hätte es gar nicht gebraucht, denn es wurde natürlich nichts draus. Und ehrlich gesagt, hatte ich auch nicht wirklich daran geglaubt.
Drei Tage vor Abreise kriegte der Älteste Fieber und Husten, was bei ihm keine Seltenheit ist. Aber dass es eine Woche nach den letzten Fieber und Husten-Tagen wieder los ging, erstaunte uns dann doch. Aber als dann am Tag zwei vor der Abreise der Corona-Test ganz leicht hellblau wurde, war auch dieses Rätsel gelöst und statt an der Elbe zu spazieren hingen wir am Telefon und Computer, um der Großmutter abzusagen, dem Hotel abzusagen, die Bahn-Tickets zu stornieren und den Traum von ein paar unbeschwerten Stunden, wie das meine Eltern, die ich jetzt viel besser verstehe, es genannt hätten, zu begraben. Tschüüs Hamburg, willkommen Berliner Speckgürtel. Denn dort steht das Haus, in dem meine Söhne mit ihrer Mutter wohnen. Ich schnappte mir mein Fahrrad, klingelte vor der Tür und war entschlossen, trotzdem ein wildes Wochenende zu verbringen. Wenn nicht mit der Mutter, dann mit den Söhnen. Wenn man sich nur genug anstrengt, dann hat die sandige Mark Brandenburg sogar Geheimnisse zu bieten. Geheimnisse, die es zu erforschen gilt. Ein Dammwildgehege, einen Sumpf oder ein altes Gasthaus, das nur per Boot oder über einen versteckten Schleichpfad hinter der Autobahnbrücke zu erreichen ist.
Wenn es nicht regnet. Den lange vermissten Brandenburger Landregen, der ab Mittag in wuchtigen Wellen gegen die Isolierglasfenster prasselte. Sogar der automatische Rasenmäher hatte sich in seine Dockingstation verkrochen.

Schön eigentlich, ein Wetter um sich mit einer Zeitung und einer Tasse Tee melancholischen Gedanken hinzugeben, aber eine Katastrophe, wenn man drei Jungs zu Abenteuern vor die Tür locken will, weil sie Bewegung und frische Luft brauchen. Ja, richtig gelesen: Drei! Denn dem einstmals hustenden Corona-Sohn ging es natürlich wieder prächtig, so prächtig, dass er mit seinen Brüdern das durch den Regen von der Außenwelt abgeschlossenen Einfamilienhaus in ein Tollhaus verwandelte, wenn sie sich nicht in ihren Betten mit dicken Büchern verbarrikadierten. Am Ende half nur Bestechung. Den Weg zur dörflichen Eisdiele, in der das einst üppige Angebot um die Hälfte reduziert war und in der lange Listen darüber berichteten, wie teuer die Zutaten geworden waren, wurde zwischen zwei Schauern geradelt. 1,80 EUR eine Kugel Eis. Als ich nach Berlin zog, war es mal gerade eine Mark. Die Kinder waren glücklich, aber nicht so glücklich, dass sie sich abends ohne Widerpruch in ihre Betten getrollt hätten, in denen sie schon den halben Tag verbracht hatten. Irgendein Streit über die Spielzeit auf der Konsole brachte einen der Zwillinge so sehr auf, das er noch um halb 12 Uhr wach war. Danach legte ich die Streitschlichtung in die gottergebenen Hände der Mutter und versuchte im Keller zu schlafen.
Der Sonntag wenigstens machte seinem Namen alle Ehre. Aber die Jugend blieb unbeeindruckt vom blauen Himmel, der sich über sattgrünen Wiesen spannte. Immerhin den Jüngsten lockte ich aus dem Haus zum Brötchenholen. Aber der Aufbackbäcker neben dem Norma-Discounter hatte das lange Wochenende genutzt, um dem Brandenburger Elend zu entfliehen. Wer kann’s ihm verdenken? Immerhin erspähte mein geübtes Berliner Auge in der Ferne einen Dönerladen, der morgens um 10 Uhr seine Türe offen hatte. Ein frisches Ekemek-Fladenbrot ist auch eine Beute, die man von einem Jagdzug mit dem Sohn durch die Brandenburger Wildnis als Trophäe mitbringen kann. Der Kleine kriegte vom Dönermann auch noch einen Lolli und es kam das für einen Mann erhebende Gefühl in mir auf, in so einem menschenleeren Landstrich genug erbeutet zu haben, um meine Familie zu ernähren. Doch zurück zu Hause fand sich keiner, der die frisch erlegte Strecke zu würdigen wusste. Träge krochen die Halbtoten der nächtlichen Diskussionsschlachten gegen 11 Uhr ihren Betten. Und als auch gegen Mittag noch nicht die ganze Familie am Frühstückstisch saß, keimte in mir und der Mutter meiner Kinder der verwegene Gedanke auf, die ganze undankbare Brut einfach für ein paar Stunden mit ihren Büchern alleine zu lassen und das einsame gutbürgerliche Gasthaus, das ich mit den Jungs erradeln wollte, einfach zu zweit zu besuchen. Letzte Reste elterlicher Fürsorge ließen uns an unseren Jüngsten denken, der alleingelassen von seinen großen Brüdern in die Zwickmühle genommen werden würde. „Aber ich will eine Pizza!“, machte er zur Bedingung für unsere Rettungsaktion und ich war schon bereit, den Nachmittag an den schäbigen Alutischen im Vorraum eines Pizza-Services zu verbringen, als ich die Mutter mit einer aus der Verzweiflung genährten Kaltblütigkeit lügen hörte: „Der Weiße Schwan ist eine Pizzeria, der hat nur einen deutschen Namen.“

Diese kleine Lüge war der Schlüssel zum Paradies. Wir entdeckten den Schleichpfad, der hinter den Bahngleisen des Henningsdorfer Stahlwerks verborgen liegt und fanden uns auf einer Zeitinsel. Ein Haus wie aus Kaisers Zeiten mit einem Biergarten, der von alten Kastanien überschattet wurde. Drinnen gab’s Spitzendeckchen, viel Verschnörkeltes und eine freundliche Kellnerin. Auf der Speisekarte stand nicht viel mehr als Schnitzel mit frischen Pilzen und Eierkuchen. Aber das war genau das, was wir wollten. Ein riesiger Eierkuchen für den Kleinen. Einen Eierkuchen, wie ich ihn seit meiner Kinderzeit nicht mehr gesehen hatte. Mit Zimtzucker und Apfelmus. Von Pizza war keine Rede mehr. Hinterher sammelten wir Kastanien und verfütterten sie an die Ziegen auf der Koppel hinter dem Haus. Große Ziegen, so große Ziegen, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie waren verrückt nach den Kastanien und unser Kleiner traute sich, sie sich von der flachen Hand wegknabbern zu lassen. Sogar die Sonne kam für einen Moment durch die Wolken und wir wärmten uns in den Strahlen.

Zurück zu Hause hatten die Zwillinge unsere Abwesenheit nicht mal bemerkt.
Vielleicht sind wir in Wirklichkeit auch nie weg gewesen.