Die Verdammten dieser Erde

Am meisten Spaß hatten mal wieder die Alkis. Zu viert standen sie feixend an ihrem Stammplatz hinter dem Kiosk im U-Bahnhof Wedding herum, standesgemäß mit speckigen schwarzen Klamotten, von Wind und Wetter ausgeblichener Kappe und einem Sternburger Pils in der Hand. „Vielleicht solltet ihr ein bisschen Öl nehmen.“, krähte mit seiner brüchigen Stimme der ausgemergelte Wortführer der Gruppe den gehetzten Pendlern zu, die vergeblich versuchten sich noch in die proppevolle U-Bahn zu quetschen. „Dann flutschst besser.“ Einer seiner apathischen Kumpels grunzte lakonisch von seiner Wartebank: „Nur keine Aufregung. In drei Stationen steigt ihr sowieso wieder aus.“ Womit er nicht ganz falsch lag, denn die U 6 ist nicht nur völlig überfüllt, sondern fährt nach der Haltestelle Wedding nur noch fünf Stationen, bevor sie ihre Gäste am Kutschi (U-Bahn Kurt Schumacher Platz) wieder in den kalten Schneeregen ausspuckt und in die schaukelnden Busse des Schienenersatzverkehrs mit ihren dreckblinden Fenstern zwingt, wenn sie weiter nach Norden wollen.
Warum bringen mich diese Elendsgestalten mit ihren blöden Sprüchen gerade auf die Palme? Warum warum würde ich ihnen am liebsten ihr Sterni gerne quer in den Hals schieben? Weil sie unverschämt gelassen sind und weil sie Recht haben mit Ihrer Schadenfreude. Denn bin ich nicht in der großen Herde der abhängigen Beschäftigten wie ein gehetztes Kaninchen von der S-Bahn in den U-Bahnschacht gerast? Und ist mir nicht trotzdem jetzt schon die dritte Bahn vor der Nase weggefahren, weil ich nicht mehr rein komme? Ich bin einfach zu höflich. Wie eine Wand stehen die zusammengepressten schwarzen Daunenjacken vor mir in der Eingangstür wenn das Signal und das barsche „Zurückbleiben bitte“ des Zugführers ertönt. Vielleicht sollte ich genau so frech werden wie die Zottels auf der Bank. Schon seit zwei Wochen redet sich die BVG darauf heraus, dass irgendwelche Idioten auf der Linie die Kupferkabel der Bahn geklaut haben und dass deswegen weniger Züge fahren. Eigentlich sollte das schon im November wieder vorbei sein. Es kann doch nicht so lange dauern, ein neues Kabel einzubauen? Mein Handy zeigt mir auch noch eine andere Ausrede an „Personalmangel wegen plötzlicher Erkrankung“. Bei der BVG ist man bei den Ausreden für`s Zuspätkommen kreativer als jeder freche Sechstklässler.
Aber warum juckt mich das überhaupt? Warum gehöre ich überhaupt zum Heer derer, die man unter die Erde zwingt? Normalerweise würde ich mich niemals zu so etwas herablassen. Als freier Radfahrer stehe über so was. Normalerweise fürchte ich nicht Schnee noch Regen und lache über die Kolleginnen, die über ihre Qualen in den Öffentlichen berichten. Ich fahre wann und wo ich will. Ich mag einen langweiligen nine to five-Job haben, aber ich kann wenigstens frei entscheiden, wie ich zu meinem Schreibtisch und zurück komme, wo ich eine Pause mache und wo ich mich zum Bummeln und Stöbern in einem der vielen Läden an der Straße verführen lasse.

Aber jetzt ich bin geerdet worden. Von meiner Ärztin – wegen des geflickten Schlüsselbeins. Bis Ende des Jahres habe ich Fahrradverbot und das Moped musste in die Garage. Jetzt ist nicht nur die Arbeit sondern auch der Weg dahin eine Plage. Nach einem Monat habe ich schon ein paar Überlebenstechniken für das Leben Untergrund entwickelt. Immer weg von der Tür und am besten mit dem Rücken zur Wand. Keinen Blickkontakt. Dabei hilft es, sich irgendwas interessantes aufs Handy zu laden. Gerade lese ich Graham Greene „Der stille Amerikaner“, wegen der britischen Gelassenheit, die da rüber kommt – wenn dafür Platz ist und mir niemand seinen Rucksack ins Gesicht drückt. Das alles wäre unerträglich, gäbe es nicht immer eine Möglichkeit, sich ein bisschen Freiheit zu bewahren. Wer sagt denn, dass ich den ganzen Weg mit der Bahn fahren muss? Gestern bin ich einfach drei Stationen vorher ausgestiegen. Ich bin zwar nicht mehr gut zu Fuß, aber für eine halbe Stunde durch die Nebenstraßen des Wedding, unter Gaslaternen über Kopfsteinpflaster, dafür reichts immer. Natürlich vorsichtig, damit ich mir bei Eis uns Schnee nicht die Knochen breche. Vielleicht stelle ich mich beim nächsten Mal eine halbe Stunde auf ein Bier zu den Alkis und reiße ein paar blöde Sprüche: „ Immer schön die Türen freimachen! Da drin im Mittelgang ist noch ganz viel Platz, das sehe ich von hier…“

Drüber stehen

“Schönen guten Donnerstagabend. Ich weiß, es ist eng heute, aber ich muss hier ein bisschen arbeiten.“ So begrüßen einen in der Berliner U-Bahn nicht die Kontrolleure, sondern die Bettler. Und dann kommt der immer gleiche Abspann: „Ich lebe auf der Straße (bin obdachlos) und würde mich deshalb freuen, wenn der ein oder andere etwas zu essen oder eine kleine Spende für mich übrig hätte.“ Mein heutiger Mitfahrer performed den gut eingeübten Satz mit der richtigen Mischung aus klagendem Leiern und rotziger Berliner Schnoddrigkeit, die mich nach meiner Börse greifen lässt: Ich liebe es, mit Profis zusammen zu arbeiten. Doch meine Hand kommt nicht bis zu meinem Geldbeutel, denn ich sitze – ja ich sitze, mit einem Arm in der Schlinge bekommt man auch in Berlin und auch in einer durch den Lokomotivführerstreik überfüllten U-Bahn einen Platz angeboten- neben einem schweigend schnaufenden Mann, einem regungslosen Berg aus Fleisch, der rittlings auf der für ihn viel zu kleinen Sitzschale aus Hartplastik hockt und mir seinen prall gefüllten Rucksack gegen meinen vor vier Wochen zusammengeschraubten Arm drückt. Und nicht nur die Enge und der Schmerz sind erdrückend, auch sein Geruch. Es ist zum Glück nicht der abgestandene „ich bin ein Alleinstehender, schwitzender Mann, der bisher von seiner Mutter gewaschen wurde, die aber jetzt im Pflegeheim ist-Mief, und auch nicht der beißende, „ich bin hart arbeitender Handwerker, der seit drei Tagen im gleichen Polyester-Arbeitsschutzanzug von Baustelle zu Baustelle zieht-Gestank. Nein, während ich versuche meine Nase zu schließen und nur noch durch den Mund atme, arbeitet mein Unterbewusstsein ungewollt daran, mich zu erinnern, wo ich die herüber schwappende säuerliche Duftwolke schon einmal in der Nase hatte. Nach ungezählten gemeinsamen Stationen, in denen mein Nachbar sich keinen Milimeter bewegt weiß ich: Es ist etwas Organisches, aber etwas, das schon abgestorben ist. Etwas, was ich gut kenne. Weit wandern meine Gedanken zurück auf die herbstliche Wiesen meiner Jugend und unter die Planen der Fahrsillos, in denen die Bauern den Grasschnitt des Sommers verdichtet und luftdicht abgeschlossen hatten vergären lassen. Silage nannte man diese milchsauer fermentierte Pampe, deren sauerkrautartiger Duft im Winter die Kuhställe durchzog. Und während meine Erinnerung zurück kehrt zu blökendem Vieh, das von kühlen abendlichen Herbstwiesen in den Stall getrieben wird, zu Futterrüben, die in Strohmieten am Wegesrand gelagert wurden und die wir am Tag vor St. Martin ausgruben, um Laternen mit schrecklichen Fratzen daraus zu schnitzen, zu Weckmännern und Martinsfeuer, vergesse ich den eisernen Schwitzkasten, in den mein grober Nachbar mich immer noch gezwängt hat. Denn was vermag schon ein bedrückendes Äußeres gegen die Macht der Phantasie? Ein kerniger Bauernbursch ist er, da bin ich mir jetzt sicher, der auf dem Weg ist in den Stall, wo das Vieh nach ihm schreit, wenn sich mein Verstand sich auch nicht so recht zusammenreimen will, was ein Stallknecht abends um halb sechs in der U-Bahn unterm Wedding zu suchen hat? Egal, mit der nostalgischen Idee stehe ich bis zu meiner Haltestelle über den Dingen und merke auch erst beim Aufstehen, dass mir einer während meiner Traumreise eine Büchse Red Bull über die Schuhe gekippt hat. Während meine klebrigen Sohlen auf den Fliesen des U-Bahnhofs schmatzen, versuche ich mir vorzustellen, dass ich in einen Kuhfladen getreten bin, aber das hilft jetzt auch nicht mehr.

Meine Jahre mit Bernd

Wir sitzen zusammen im Auto. Er hat den alten Kombi an
die Seite gefahren. Der Motor schnurrt weiter, aber es wird still, denn er hat aufgehört zu erzählen.
Er hat mich wie immer zum Bahnhof gebracht, aber ich habe noch nicht gemerkt, dass
unsere gemeinsame Fahrt vorbei ist. Ich will, dass es weitergeht. Seit Stunden
höre ich ihm zu. Und ich erwarte, dass er die letzte Geschichte zu Ende
erzählt. Aber für ihn ist Schluss. „Und was habt ihr gemacht, als dann die
Polizei kam?“, frage ich, wie ich seit Stunden immer wieder frage, um immer
neue Geschichten aus ihm herauszulocken. Ich will mehr als seine
Stammtischsprüche und die abgeschliffenen Worte, mit denen alte Männer die
Heldentaten ihres Lebens erzählen. Aber jetzt kommt nichts mehr. Es muss was
mit der Nachricht auf seinem Handy zu tun haben, auf die er jetzt gehetzt
schaut. Von seiner Frau? Vor Verwirrung vergessen wir, uns mit einem kräftigen Handschlag zu
verabschieden, wie wir es sonst tun. Ich stehe auf dem kalten Gehweg und er
dreht den Wagen auf die öde Brandenburger Landstraße. Dabei waren wir eben noch
in der Pizzeria im alten West-Berlin wo vor fast fünfzig Jahren sechs Rocker
seine Freundin (Weeste, die sah verdammt jut aus, ne echte Puppe) blöd
angemacht hatten. Und er und sein Kumpel sind, na klar, mit den Kerlen vor die
Tür, und dann gab’s Schläge, bis dreie auf der Straße lagen. Na klar, ein Kerl
wie Bernd lässt sich nicht verarschen. Und Bernd gewinnt immer.

Zu Bernd, der natürlich nicht Bernd heißt, fahre ich mindestens einmal im
Jahr. Durch ganz Berlin bis in den Süden, irgendwo zwischen Autobahnkreuzen,
zwischen dem Berliner Ring und dem neuen Flughafen, in den schäbigen Hallen der
ehemaligen Motoren-Traktoren-Station hat er seine Werkstatt. Bernd ist mein
Schrauber. Wer, wie ich, ein vierzig Jahre altes Motorrad am Laufen halten
will, brauch jemand wie Bernd. Einen, der sich noch auskennt mit der alten
Technik italienischer V-Motoren, der einen beruhigt, wenn man mal wieder leerer
Batterie irgendwo liegengeblieben ist und der einem, wenn mitten in der
Hochsaison, eine Woche vor der geplanten großen Tour nach Italien, Öl vom
Zylinderfuß tropft, sagt, dass man sofort vorbeikommen kann. Aber Bernd ist
auch eine Diva. Er entscheidet, was für mich und meine Maschine gut ist. Wenn
ich einem neuen Drehzahlmesser will, bekomme ich gesagt: „Wer eine Guzzi fährt,
braucht keinen Drehzahlmesser, der hört auf den Motor.“ Und wenn ich verchromte
Blinker haben will, baut er schwarze dran, weil er die noch auf Lager hatte. Er
ist der Meister, ich der Eierkopf. Aber ich weiß, dass ich bei ihm in guten
Händen bin.

Aber auch ein Mann wie Bernd braucht Trost. Von Anfang an war seine Ansage:
„Wenn de hier vorbei kommst, musste ooch Zeit mitbringen zum Quatschen.“ Und
weil ich so bin wie ich bin, werden es bei uns keine „Benzin-Gespräche“ unter
Motorradfahren, sondern habtherapeutische Beziehungsgespräche. Bernd will
reden. Seit mehr als zehn Jahren klagt mir Bernd sein Leid. Zwei gescheiterte
Ehen, eine schmutzige Scheidung, bei der er sein ganzes Vermögen verlor, der
Sohn, der mit Mühe und der Unterstützung des Vaters gerade mal so die
Ausbildung als Kfz-Schlosser geschafft hat und jetzt auf Abwegen im
türkisch-arabischen Kiffer-Milieu von Kreuzberg herumlungert. „Kriegt nix
Ordentliches auf die Reihe.“, sagt Bernd und ich weiß, dass ihm das halbseidene
Herumgewurschtel seines Sohnes schwer zu schaffen macht. Aber auch meine
Geschichten kennt Bernd: Die Zwillinge und ihre Mutter waren schon in seiner
Werkstatt, als er noch die Motorradfahrer zum Saisonende zu seinen 
Feiern einlud, für die er seine Werkstatt liebevoll dekorierte. Er hat unseren Polo gekauft, als wir für die Jungs ein
größeres Auto brauchten (er läuft heute noch) und er hat meine ganze Geschichte
mit der Trennung und dem Umzug mit väterlichen Ratschlägen begleitet.

Das ist lange her. Heute erzählt nur noch Bernd.
Und seit heute weiß ich Sachen über ihn, die ich lieber nicht wissen
wollte. Oder doch? Dass Bernd in seiner Jugend selber Rennfahrer mit einem
hochgezüchteten Rennboliden war, wusste ich. Aber bisher dachte ich, dass er
sich diese teure Leidenschaft mit dem Reparieren und Frisieren anderer
Sportwagen verdient hat. Dass seine Kunden Rechtsanwälte und Bordellbetreiber
aus der West-Berliner Unterwelt waren, die sich die großen Geldscheine, die ihre Frauen für
sie verdienten auf Tabletts servieren ließen, um sie dann achtlos unter das
Bett zu werfen, wusste ich auch. Aber heute erzählte er mir, dass er nicht nur
für „den dicken Hartmann“ gearbeitet hat, in dessen Puff sich
Berliner Senatoren mit Baulöwen und Immobilienhaie trafen, sondern auch als
Schläger für einen Spekulanten. Mit einem Grinsen im Gesicht erzählt er mir von
einem Angriff auf ein besetztes Haus, das die Polizei nicht räumen durfte. Ein
Schuss mit einer abgesägten Schrotflinte habe gereicht, um die Besetzer zu
vertreiben. Und als die Polizei kam, von den Besetzern gerufen, habe man sie
gemütlich begrüßt. Das Gewehr war natürlich nicht mehr zu finden. Bernd kann
keener. Vor meinem Auge entsteht eine Welt von breitschultrigen Männern mit
langen, fettigen Haaren und Schnurrbart, Kerle in Lederjacken und
Cowboystiefeln. Die 70er-Jahre „Johnny Controletti“-Unterwelt von der
Udo Lindenberg noch heute singt. Von Kurierfahrten nach England erzählt er, bei
denen er auf der Rückfahrt im Lüftungskasten seines Lieferwagens
Yorkshire-Terrierwelpen geschmuggelt habe. Ohne Papiere natürlich. Die habe ihm
ein Tierarzt auf der Rennbahn Marienfelde besorgt, für den er einen Porsche
Carrera aufgemotzt habe. Und die Hunde habe er für das Dreifache an die Mädchen
im Puff vom dicken Hartmann verkauft. Kleine, bauernschlaue Geschäfte,
schmutzige Tricks und plumpe Gewalt. Bernd gewinnt gegen den Rest der Welt. Und
kein schlechtes Gewissen. Das was er heute ablegt ist keine Lebensbeichte,
sondern klingt wie ein genüsslicher Monolog über große Taten und
Jugendsünden. Er ist stolz auf all das, was ihn heute bei seinem Sohn zur
Verzweiflung bringt.

Was fange ich an mit diesen Geschichten? Eigentlich ist es eine
Groschenheftgeschichte, ein B-Movie aus den 70ern „Wilde Kerle, heiße
Mädchen, schnelle Motoren“. Aber es ist eine halbwegs wahre Geschichte aus dem
wirklichem Leben. Ich liebe solche Geschichten und ich glaube, Bernd wäre nicht abgeneigt, wenn ich ihm anbieten würde, sie aufzuschreiben. Aber ich will sein Ego nicht noch mehr pampern. Und
ich weiß, dass Bernd mich bescheißt, so wie er alle bescheißt. Nicht nur bei
den Reparaturen, wenn er teure Spezialteile ausbaut, und gegen Standardware
tauscht, sondern auch bei den Geschichten. Ich fahre nicht mehr gerne zu Bernd,
denn das Erzählen funktioniert nur, wenn ich mich selbst völlig zurücknehme. Nach den Erzählungen fühlt er sich groß und ich mich klein. Was habe ich schon zu erzählen, wenn ich den zu Wort käme? Was passiert, wenn ich ihm sage, dass ich ihm die Räuberpistolen nicht glaube? Ich mache mich abhängig von Bernd. Das Motorrad habe ich mir mal gekauft, um mit Männern wie ihm in Kontakt zu kommen. Von Kerlen wie ihm akzeptiert zu werden. Aber in dieser Welt gibt es zu viele Kerle mit zu großer Klappe, die denken, dass sie machen können, was sie wollen. Und sie suhlen sich in meiner Bewunderung.
Aber ich mache auch mein Geschäft. Ich lasse zu, dass er sich wie
ein Kietz-König fühlt, damit er einen Deal mit dem TÜV-Ingenieur macht, und ich
meine Plakette kriege. Kleine, miese Geschäfte. Wird Zeit, dass ich das
Motorrad verkaufe. Aber nicht an Bernd.

Wärme

Die Straße ist ruhig und dunkel. Das schwarze Kopfsteinpflaster glänzt und die Laternen verstreuen ihr oranges Licht, ohne den Gehweg heller zu machen. Keine Leuchtreklame, keine blendenden Autoscheinwerfer. Nur das Licht, das aus den Häusern auf die Straße fällt. „Wie früher“, denke ich. Diese Stille und diese Dunkelheit war das erste, was mir aufgefallen war, als ich kurz vor und nach der Wende in Ost-Berlin umherstreifte. Bin lange nicht mehr hier gewesen. Vor mir jetzt die Rückseite der Samariterkirche. Ich sehe niemanden, aber höre gedämpftes Stimmengewirr. Wie früher. Viele Menschen müssen sich hier versammelt haben. Ist es wieder an der Zeit für Blues-Messen und Friedensgebete? Für Schweigen und Kerzen? Was macht Eppelmann jetzt und wo versteckt sich die Stasi? Vor dem Eingang brennt eine Feuerschale und darüber schwebt das Emblem mit dem Opferlamm.Viele Menschen in ihren Dreißigern stehen herum. Nicht dicht beieinander sondern jeder für sich, Handy am Ohr, Kind an der Hand. Es gibt auch keine Kerzen, sondern Stockbrot, das die Kinder in die Glut halten. Es ist nicht November 89 sondern November 22, Sankt-Martins-Tag. Wer hier auf die Straße geht, hat nichts zu befürchten.

Und trotzdem komme ich nicht in der Gegenwart an. Zu stark ist der Eindruck, das schon mal erlebt zu haben, diese Straßen schon oft gegangen zu sein. Ich habe mich auf den Weg zurück gemacht an diesem Abend. In eine große Altbauwohnung, von der ich weiß, dass sie aussehen wird wie vor fünfundzwanzig Jahren und auch da sah sie schon aus, als hätte sie sich seit der Wende nicht verändert. Gemütlich, mit kleinen Kunstwerken an allen Wänden und kohleofenwarm. Es wird voll sein, alle werden in der großen Küche um den großen Tisch sitzen, jeder wird was mitgebracht haben und natürlich ist immer zu viel zu essen da, weil Annette natürlich auch noch gebacken und gekocht hat. Es wird Kürbissuppe geben, die schmeckt wie Gulasch.

Ich bin zurück gekommen zu Freunden. Freunde, die für mich immer ein bisschen da waren, und für die ich nie ganz weg war. Ich komme zurück zu einem Freundeskreis, der seit Anfang meiner Berliner Zeit besteht. Die Kinder, die Mitte der Neunziger geboren wurden, haben uns zusammengebracht. So kam ich in das Hinterhaus mit den niedrigen Decken neben dem alten Schlachthof, wo die meisten wohnten. Wir Väter haben eine Sportgemeinschaft gegründet und gingen einmal die Woche ins SEZ, dem Sport- und Erholungszentrum, das noch unter Honnecker gebaut worden war, zum Schwimmen und Saunen. Und danach ins „Make Up“ am Besarinplatz, wo wir ölige Pizza aßen und quatschten, bis Manne, der Gerüstbauer, meinte jetzt sei genug gequatscht, jetzt werde Skat gespielt. Das war dann der Moment, wo ich passen musste.
In der Zeit machten wir alles zusammen. Von Silvester auf‘m Darß bis zum Herrentagsausflug in den Spreewald. Ich lernte die Ostberliner Leitkultur, lernte Schichtsalat lieben, ging zu versteckten Konzerten in Kellern, die der Krieg übrig gelassen hatte und die von irgendeinem Nachbar organisiert wurden und machte den Schritt vom „ich“ zum „wir“. Es gab keine Unterschiede und keine Dünkel. In unserer Gruppe gab es mehr Doktoren als in mancher Poliklinik. Aber keiner redete davon, wie wichtig er war, von neuen Autos, Häusern, oder schicken Sachen. Wir machten Faltboottouren auf der Havel, als einige schon Geschäftsführer in kleinen Unternehmen oder erfolgreiche Lobbyistinnen in der Pharmaindustrie waren. Aber es gab kein Verständnis für das Anderssein und auch keinen Respekt vor dem Wunsch, alleine zu sein zu wollen. Als ich mich auf einer Paddeltour mal zurückfallen ließ, um mal endlich die Ruhe zu genießen, drehte die ganze Gruppe um, um zu fragen, was denn mit mir los sei? Selbst die Affären, die losgingen, als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, kriegte jeder mit. Die Paare tauschten die Partner untereinander aus, aber die Gruppe blieb trotzdem bestehen. Manche schauten sich eine Weile nicht ins Gesicht, oder verließen den Raum, aber spätestens beim nächsten Geburtstag saßen alle wieder beisammen. Ein Dorf in der Stadt.
Ich war der Erste, der in einen anderen Stadtteil zog, es folgten die anderen mit Umzügen in Eigenheimsiedlungen oder in kleine Zweitraumwohnungen. Es gab neue Freundeskreise, neue Partnerinnen und neue Kinder. Aber keiner hat Berlin ganz verlassen.

Es war eng damals, zu eng damals für mich. Jetzt bin ich froh, wieder zu so einem Geburtstag eingeladen zu sein, empfangen zu werden als sei ich nie weg gewesen.

Eine Geschichte nach Hause tragen

Es hat sich in meinem Kopf so viel angesammelt, das geschrieben werden müsste, dass ich es am besten gleich vergesse und einfach eine kleine Geschichte aufschreibe, die ich vor ein paar Tagen erlebt habe. Eine U-Bahn Geschichte. Damit habe ich vor 8 Jahren diesen Blog angefangen.

Es war in der U8 Richtung Alexanderplatz. Ich komme in diese schöne, neue, neongrell beleuchtete Bahn und sehe dort gleich neben der Tür zwei riesige, in sich zusammengefallene Turnschuhe stehen. Direkt unter den hochgeklappten Sitzen, daneben ein paar Socken. Erstaunlich flott erfasse ich die Situation und schreie dem großen Mann mit den dunklen, langen Haaren, der sich beim Einsteigen an mir vorbei auf den Bahnsteig gedrückt hat hinterher: „Hey, hast deine Schuhe vergessen!“ Der läuft barfüßig noch ein Stück weg, dreht sich dann um, kommt wieder durch die noch offen stehende Tür und brummelt fast schon charmant: „Hach ja, meine Schuhe. Sollte ich wohl mitnehmen.“ Packt seine Latschen und die Socken, vergisst seine Dose mit dem Energy-Drink, die noch oben auf der Sitzreihe steht und verschwindet in Selbstgespräche vertieft. Das alles hat zusammen keine 10 Sekunden gedauert. Die Tür schließt sich mit lautem Gequäke und ich stehe orientierungslos im Gang. An der Wand gegenüber sitzt ein junger Kerl, der meine Unschlüssigkeit , trotz der Maske in meinem Gesicht, genau als das deutet, was sie ist: Nämlich die Abneigung, sich auf den Platz zu setzen, auf dem der Verwirrte saß. Wer weiß, was er sonst noch da vergessen hat. Er klappt den Sitz neben sich herunter und lacht mich mit einer freundlichen Zuversicht an, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Bübisch wäre ein altmodischer Begriff dafür. Ein offenes, waches Gesicht, weder blasiert noch doof. Er scheint das Absurde an der Situation zu genießen, als sei es ein Theaterstück, dass er sich gerne anschaut, ohne mitspielen zu müssen. Schon wird der zweite Akt gegeben. Ein stämmiger Mann steht zum Aussteigen vor der nächsten Station an der Tür, sieht die Limonadendose, nimmt sie prüfend in die Hand, dreht sie um, schüttet den Rest Zuckerwasser über den Sitz, steckt die Dose stumpf in seine ranzige Einkaufstasche und geht durch die sich öffnende Tür ab. Auftritt eine Mutter mit Tochter und blütenweißer Hose. Sie wählt den besudelten Sitz für sich und ihr Kind und ist gerade dabei, ihn herunterzuklappen, als ich durch die Maske rufe: „Nicht hinsetzen, der Sitz ist nass.“ Die Frau versteht mich nicht, schaut mich unwillig an, spricht etwas zu ihrer Tochter, wahrscheinlich auf Ukrainisch und trollt sich in eine andere Wagenecke. An der nächsten Station übernimmt mein Nachbar die Rolle des Warners. Er ruft und fuchtelt mit den Händen und es gelingt auch ihm, die neuen Fahrgäste davor zu bewahren, mit dunklen Flecken auf der Hose die Bahn zu verlassen. Wir schauen uns fröhlich an und sind einverstanden mit unserer neuen Aufgabe. Doch schon an der nächsten Station entgleitet uns die Regie. Lärm von draußen übertönt unsere Warnrufe und ein großer, schwerer schwarzer Mann lässt sich wuchtig auf den Sitz fallen. Der Sitz wäre nun trocken. Und das ist auch gut so, denn wir hilflosen Helfer brauchen jetzt alle Aufmerksamkeit, um uns selbst zu retten.

Von rechts betritt die Polizei die schwankende Bühne, einen Büttel der Berliner Verkehrsbetriebe im Schlepptau und stürzt sich auf meinen Nachbarn. Weil ich die U-Bahn nur noch mit Ohrstöpseln betrete, seit wegen der Hitze oder wegen Corona in den Wagen Sommer wie Winter die Klappfenster geöffnet sind, durch die das infernalische Gekreische der Wagenräder ins Innere der Bahn übertragen wird, verstehe ich nicht gleich worum es geht. Aber es kann nur eins bedeuten: „Die Fahrscheine bitte.“ Und mein immer noch lächelnder Nachbar zuckt mit den Achseln. Wieder bin ich gleich bei der Sache, ziehe mein 29 Euro-Ticket aus der Hosentasche, schiebe es ihm rüber und raune ihm zu: „Sag ihnen, du fährst mit mir auf meiner Karte.“, und fühle mich an meine anarchischen Anfänge in Berlin erinnert. Mann, hab ich’s noch drauf. Aber der Junge grinst fast mitleidig: „Ist wegen der Maske.“ Sagt’s und ich merke erst jetzt, warum ich die ganze Zeit in sein fröhliches Gesicht schauen konnte. Als er abgeführt wird, ist es als würde mir ein guter Freund entrissen. Einer, mit dem dieses Irrenhaus besser zu ertragen wäre, obwohl ich Maskengegner eigentlich nicht toleriere. „Viel Spaß!“, rufe ich ihm hinterher und er grinst zurück.

So weit, so schön. Aber wie kriege ich die Geschichte aus der U-Bahn unversehrt nach Hause? Wie schütze ich sie gegen all die neuen Eindrücke die folgen? Und wann komme ich dazu, sie im Blog zu teilen? Die Bahn fährt mich an dem Nachmittag zur Sauna mit einem Freund. Der Laden ist rappelvoll. Nackte, Nackte, Nackte und immer an die Leser denken, schwirrt mir Helmut Markworts Werbung für den „Focus“ aus den 90ern durch den Kopf. Wie soll ich aber bei 90 Grad Hitze und kalten Güssen einen klaren Kopf für die Fakten behalten, wo es auch noch überall die neuesten Tatoos zu bewundern gibt? Auch mit dem Freund gibt es viel zu erzählen. Lange haben wir uns nicht mehr zum Männergespräch in der Sauna getroffen. Zu Hause zurück bin ich erschlagen. Am nächsten Tag hole ich die Jungs von ihrer Mutter, es sind ja Herbstferien. Und ein paar Tage mit drei aufgeweckten Grundschülern wirken in meinem Alter wie eine 100-prozentige Gehirnwäsche. Aber noch gehts. Vier Tage lang habe ich die Geschichte jetzt in meinem Herzen mit mir herumgetragen, damit sie nicht verloren geht und um mal wieder ein Lebenszeichen von mir zu geben, nachdem ich den Blog arg habe schleifen lassen. Und ich hoffe, dass es mir auch die nächsten Jahre noch gelingen wird.

Der Tag als der Regen kam

Es war am Freitag. Das Fenster neben meinem Bett stand sperrangelweit auf, das im Kinderzimmer auch. Durchzug! Und trotzdem ging das Thermometer nicht unter 24 Grad. Seit Wochen, seit vielen Wochen schon. Plötzlich wurde der Wind kälter und ich würde gerne schreiben, das ich das Prasseln des Regens gehört hätte, hellwach wie ich nachts um 2 Uhr war, aber das ist vorbei. Früher hat mich das Trommeln der Tropfen auf der Fensterbank beruhigt, jetzt halten meine Ohren das Geräusch nicht mehr für wichtig. Oder es kommt zu selten vor, dass Gewitter an mein Trommelfell donnern. Anders als bei den Worten, von denen meine mürben Nervenzellen wenigstens noch einige Laute wahrnehmen, die es mir erlauben, aus dem bisschen, das ich höre einen Sinn zusammenzureimen, herrscht in meinem Kopf bei Regen gespenstische Ruhe. Zu lange Dürre lässt auch das Hirn trocken fallen. Ich höre den Regen nicht mehr.
Aber ich rieche ihn. Sofort. Nach hinten raus, zum Garten riecht er nach nassem Sand, nach Dampf und Schwüle. Nach vorne raus, zur Straße riecht er nach heißem Stein, aufgeweichter Hundekacke und verdünntem Ammoniak. Als ich die Fensterflügel zur Straße schließe sehe ich die Fluten des Gewitters durch die Gullis in die Kloake rauschen, in der sich die Scheiße der Stadt von den Hitzewellen eingedampft, in trägen Brei verwandelt haben muss. Ich stelle mir vor, wie das heftige Gewitter die Kanalisation bis unter die Decke füllt und einmal richtig durchspült. Was der Regen sonst noch alles anrichtet, das stelle ich mir nicht vor. Für mich bringt er nichts als Klarheit und Frische.

Am anderen Ende der Stadt zerstört das Unwetter den Traum einer alten Frau. Seit 50 Jahren steht sie auf der Bühne, und dafür wollte sie sich ein letztes Mal feiern lassen. Hatte alte Freunde eingeladen, Wegbegleiterinnen, ein Programm entworfen in dem es an Brecht-Zitaten nicht mangelt. Sie war keine Berühmtheit, aber sie war an den berühmten Ost-Berliner Schauspielschulen und Bühnen. Dann Kindertheater und Veranstaltungen im Kulturhaus Karlshorst. Drei eigene Kinder, eine Tochter am Theater. Ein erfülltes Leben, das sich einen letzten Höhepunkt wünscht.

Jetzt steht sie im Garten. Mit einem Korb voller pastellfarbenen Papierrollen auf denen sie Ihr Leben kurz beschreibt. Als Leben voller Arbeit und Freude an den Menschen. „Es warteten Aufgaben in Berlin auf mich.“, beschreibt sie brechtisch knapp und uneitel das Ende ihrer Provinzengagements und die Rückkehr in die Hauptstadt. Aber das Programm, das an die Stationen ihres Lebens erinnern soll, wird es nicht geben. Freitagnacht war der Regen durch das Dach des neuen Kulturhauses gesickert. Das Wasser hatte die Decke des Theatersaals einstürzen lassen. Aber so wie sie da steht, klein, stämmig, jede Bewegung unter Kontrolle, macht sie deutlich, dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Der Regen ist vorbei, das Leben geht weiter. Und aus dem großen Auftritt wird ein Fest im Garten. Alle im Garten sind eingeladen. Auch ich.
Eigentlich wollte ich nur die leere Stadt am Sonntag nutzen und hatte mich auf eine Motorradtour aufgemacht, der Mutter meiner großen Tochter mal wieder eine Visite abzustatten. Seit sie am anderen Ende der Stadt wohnt, sehen wir uns selten. Doch aus einem geistreichen Schwatz beim Kaffee wird nichts. Kaum habe ich meinen Helm abgelegt, werde ich zum Kistenschleppen in den Hof abgefordert. Die ganze Nachbarschaft der alten preußischen Backsteinschule, in deren ehemaligem Schulhof jetzt das improvisierte Fest steigen soll, ist auf den Beinen. Nur die ukrainischen Familien, die im Gästehaus des genossenschaftlichen Wohnprojektes untergebracht sind, haben die Vorhänge zugezogen. Es ist ein kleiner Kreis, der unter alten Lindenbäumen die Gläser auf das Wohl der Mitbewohnerin hebt. Zwanzig, dreißig Leute. Alle noch irgendwo in der Kultur aktiv. Sie stellt alle beim Namen vor, mit ihrer Arbeit, aus dem Kopf und so unprätentiös, wie es auf einem Künstlertreffen im Westen nie möglich wäre. Es geht nicht um die eigene Eitelkeit, sondern darum, dass einer etwas macht, etwas gestaltet, sich traut. Da ist sie wieder Kunst als Aufgabe. Und die Kunst als Ort, an dem man sich nicht verbiegen lässt. Schon vor der Wende hatte ich mich mit Künstlern aus der DDR getroffen und hatte sie um ihren Zusammenalt beneidet. Was daraus wurde, als der Druck von aussen nachließ, kann man sich in dem ersten Flim von Andreas Dresen „Stilles Land“ anschauen. Jetzt macht diese Generation ihren Abgang. Auch eine Zeitenwende. Aber aufrecht stehend mit Toleranz und Humor. „Das ist Rolf.“, sagt die Schauspielerin, als die Vorstellungsreihe an mich kommt. Ich wundere mich, dass sie meinen Namen kennt. „Er ist mit Sabine…“ – Kunstpause, Lachen im Gesicht- „irgendwie verwandt.“

Summer in the city

Foto: Lena M. Olbrisch

Es ist wieder so weit. Nach all den Hitzewellen und dem Schwimmbadgekreische, nach all den Kältewellen und Badeseen, nach der Woche in der Uckermark und Nachmittagen im Garten ist endlich der Sommer bei mir angekommen. Ich merke es nicht gleich. Mit einer Freundin sitze ich nach der Arbeit vor einem Weinlokal. Wir essen Blutwurstcanapés und trinken Weißwein. Die Freundin ist auf der Durchreise. Und erst als ich sie und mein Rad Richtung Bahnhof Friedrichstraße schiebe, sehe ich den weiten Himmel über der Stadt. Es ist halb neun und das Panorama über dem Friedrichstadtpalast bekommt langsam einen dunklen Rahmen. Die Straßen sind halbleer und die Autos und die grünen Elektroroller, auf denen immer zwei Jungs oder ein Pärchen stehen, gleiten und schlingern mit mir über die Chausseestraße, bis sie enger wird, gesäumt von vollen Cafés und asiatischen Restaurants. Draußen in der verklingenden Wärme eines Hochsommertages sitzen Frauen in weiten Sommerkleidern. Viel Farbe, viel Raum und viel Leben in der grauen Straßenschlucht, in der sich sonst Autos und Lastwagen um den Platz balgen.
Ich schaffe es noch unter dem S-Bahnhof Wedding durch, bis mir klar wird, dass ich noch eine Weile dabei sein will, noch ein bisschen von der Leichtigkeit genießen und ein Teil der bunten Szene werden will. Es wird das Imren in der Müllerstraße. Halb Imbiss, halb Restaurant. Hier esse ich oft eine Iskembe-Suppe und schaue unter der beleuchteten Markise auf die Straße. Neben mir packt ein Vater sein Kleinkind ein, das in einem Hochstuhl auf einen Zeichentrickfilm auf einem Handy gestarrt hatte, solange er aß. Jetzt trägt er es unter dem Arm wie ein Paket – hoffentlich nach Hause. Seinen Platz nehmen eine Truppe lachender, sehniger Männer ein. Alle jung, alle braungebrannt und in abgeschabter, schwarzer Bauarbeiterkluft mit kurzen Hosen. Alle berühren sich, streicheln sich über die Arme, wuscheln sich in den Haaren. Auf dem Tisch stehen übervolle Teller mit öligem Lammfleisch-Eintopf, der nur dem verlockend erscheinen kann, der einen Tag hart gearbeitet hat. Aber das Essen muss warten, bis jeder dem anderen noch ein paar freundliche Worte zugerufen hat. Das Ende eines guten Tages. Auch für mich.

Als ich vom Imren aufbreche ist es endgültig dunkel geworden. „Butter,“ denke ich. Ich muss noch Butter kaufen. Aber in den neongrellen Supermarkt will ich heute nicht mehr. Zu schön ist die lindwarme Dunkelheit. Der Tag soll sanft zu Ende gehen. Mir wird morgen früh schon was einfallen.

Saure-Gurken-Zeit

Ruhig bleiben Tief Luft holen Nicht aufregen (freigelegte Beschriftung in unserem Seminarraum für gewaltfreie Kommunikation)

Wann habe ich zuletzt um 11 Uhr morgens Salzgurken zum Frühstück gegessen? Wie lange ist es her, dass ich nachts um 2 mit dem Rad quer durch Berlin nach Hause geschwankt bin? Wann habe ich das letzte Mal die langen Schlangen vor dem neuen „Tresor“ und den anderen Clubs gesehen, Clubs in denen ich nie war und deren Namen ich vergessen habe?
Im Kühlschrank finde ich noch zwei Eier, die vom Pfannkuchenbacken beim letzten Besuch meiner Jungs übrig geblieben sind. Es ist so lange her, dass ich nicht weiß, ob sie noch gut sind. Aber ich brat mir damit ein Spiegelei – das misslingt. Ich hol die Ketchupflasche und denke dabei an das Gekicher, mit dem meinem Jüngster jedes Mal wieder die Geschichte von der Ketchupflasche wiederholt, die mir in der Hand explodiert ist. Heute kein Kichern, dafür gedämpfte Gedanken. Was war das gestern? Und warum?
Warum fühlt sich das, was ich sonst jeden Sommer gemacht habe, nicht mehr so an wie Sommer? Ich schau aus dem Fenster, und sehe, dass die Kastanienblüte schon vorbei ist. Ich erinnere mich schwach daran, wie mir diese Explosion der Natur vor ein paar Jahren zum ersten Mal bewusst wurde, wie ich mit dem Fotoapparat förmlich in die Blüten hinein gekrochen bin und die Fotos in meiner ganzen Wohnung aufgehängt habe. Sie hängen immer noch da, aber die Blüte hat mich dieses Jahr nicht begeistert. Statt dessen schaue ich auf den braun vertrockneten Rasen unter den mächtigen Bäumen. Und das verdirbt mir den Glauben an die Wiederkehr der Natur. Im Netz finde ich meinen Beitrag zu den verfallenden Parkhäusern im Wedding, an dem ich lange gearbeitet habe. Ja, auch da bin ich wieder mit der Kamera herumgekrochen, hab eine ganz eigene Freude daran gefunden, der Welt ein offensichtliches Geheimnis zu entlocken und nachts in diesen Betonkästen herumzustreunen. Beton statt Blüten. Was ist in den letzten Jahren mit mir passiert? Gestern konnte ich das noch auf den Punkt bringen. Meiner jungen Nachbarin im Seminar zur gewaltfreien Kommunikation sagte ich “Die Hälfte meiner Selbstgewissheit hat der russische Krieg zunichte gemacht, die andere Hälfte die moderne Technik.“ Sie lachte, drehte sich eine Zigarette und verriet mir, dass sie am Abend auf den Rummel in der Hasenheide in Neukölln gehen würde, auf dem sie schon als Kind war. Den Rummel würde es dieses Jahr zum letzten Mal dort geben. Und sie wolle nochmal mit der “Wilden Maus“ fahren.

Blue Hour

Ich muss raus, muss ne Runde drehen. Es ist sieben Uhr am Abend und die letzte Videokonferenz ist vorbei. Ich will noch was vom Leben sehn. Draußen sind schon die Lampen an, aber der Himmel ist noch nicht schwarz. Blaue Stunde. Aber kein Grund traurig zu sein. Im Wedding ist immer was los. Im Wedding ist alles möglich. Beim Frisör brennt noch Licht. Warum nicht, denke ich? Mein alter Laden, aber wieder ein neuer Scherenkünstler. Zehn Minuten beschäftigt er sich allein mit meinem Nacken. Was soll das? Interessiert doch niemand. Ich sag ihm, er soll einfach die Maschine nehmen und einmal drüber gehen. Er ist enttäuscht, ich geb ihm ein gutes Trinkgeld und bin wieder auf der Straße. Das ist kein Abend, den man drinnen verbringt. Der Sommer ist spät dran, aber es ist warm, überall Lichter und Leute. Zum Döner? Dafür muss ich am Café Lale vorbei, vor dem sie vor ein paar Wochen drei Leute umgeschossen haben. Die weißen Kreidekreise, mit denen die Patronenhülsen von der Polizei angezeichnet wurden, waren noch lange auf dem Pflaster zu sehen. Komisch, heute sitzen hier nur Deutsche hinter den Shisha-Pfeifen und den Bildschirmen mit türkischen Popsongs. Irgendwas ist anders. Auch beim Döner. Ein alter Mann bedient mich, den ich noch nicht gesehen habe. Er kann noch nicht lange hier sein, denn er kennt noch die gute Sitte, dass man zu einer Linsensuppe nicht nur Brot, sondern auch eine kleine Schale mit Gemüse reicht. Paprika, ein paar Zwiebelringe, scharfe Peperoni. Es gibt einen Platz für mich in diesem Döner-Laden, der ist drinnen, aber man sitzt trotzdem draußen. Im Sommer geht das, wenn sie die Fenster ganz zur Seite schieben. Unter der Markise leuchten ein paar Glühbirnen. Nebenan ein Eisladen. Südfrankreich, denk ich. Das hätte van Gogh malen können. Die Lichter, der tintenblaue Himmel. Ein junger Kerl kommt vorbei. Rote Locken, kurze Hose, er schlenkert eine Bierflasche. Die Ohren sind noch dran. Ein Typ, den man überall treffen könnte. An jedem Ort, der einen Flughafen hat. Ich versuche mich in eine einsame Melancholie fallen zu lassen. Aber es geht nicht mehr. Vor ein paar Stunden habe ich mit einer jungen Frau telefoniert, die mir die Krankenkasse verordnet hat. „Sie sollten auf ihre Schlafhygiene achten. Immer zur gleichen Zeit ins Bett, immer zur gleichen Zeit aufstehen.“ Ach Mädchen, hast du nichts anderes? Ich bin doch noch nicht in Rente. Ich hab doch noch ein Leben. Das hier zum Beispiel. Ich zieh weiter, vorbei an einer kauernden Frau mit stumpfen Haaren, die ein Eis isst, vorbei an jungen Chinesen, die wahrscheinlich ihren ersten Döner essen und großen Spaß dabei haben. Biege links ein. Die Eckkneipe ist leer und die Barfrau fegt mit Mundschutz den Dreck raus. Die Pizzeria Sole Mio brummt. Der mürrische Wirt hat seine Plastiktische den ganzen Gehsteig bis zum Künstleratelier aufgestellt. Stiernackige Biertrinker sitzen unsicher im Halbdunkel. Wahrscheinlich sind’s die Kerle, die sonst in der Kneipe hocken. Auch sie vom Sommerabend verzaubert? Kaum zu glauben. Auch im Atelier was Neues. Statt des alten, langhaarigen Zottels, der sich in seinen rostigen Müll-Installationen vergraben hatte, sitzt ein junger Mann im aufgeräumten, strahlend erleuchteten Atelier. Bunte Bilder an den Wänden und eine junge Frau mit blauen Haaren neben ihm. Ihr schwarzes Oberteil hat Träger mit Nieten und Ösen. Ihr Punk passt nicht zu den mystischen Motiven. Aber vielleicht bringt sie ihn auf neue Ideen. Als ich in die Straße zu meiner Wohnung einbiege, läuft ein Mädchen vor mir her. Ihr rot weiß gestreifter Faltenrock hängt schlaff, die dünnen Beine enden in Chucks, diesen halbhohen Turnschuhen, und schlurfen kraftlos übers Pflaster. Einen Moment denke ich, eine ältere Kollegin vor mir zu haben, die sich oft zu jung anzieht. So schwer ist ihr Gang. Aber dann seh ich , dass die Kleine heult, herzzerreißend, wie nur Kinder heulen können. Sie drückt etwas an sich. Eine Tasche oder ein Kuscheltier? Und sie läuft nirgendwo hin, sondern vor etwas weg. Rein ins Dunkle. Liebeskummer, totes Meerschweinchen oder Schläge? Im Wedding ist alles möglich.