Muss mal wieder zum Friseur. So verstrubbelt wie ich die letzte Zeit aussehe, so mit grauem Bart und mit meiner verknautschten Jacke drückt mir sonst in der U-Bahn noch jemand einen Euro in die Hand. Außerdem will ich mir heute Abend noch was Gutes tun. Der Tag war zäh und schlecht geschlafen hab ich auch. Salon Almyria hat bis um achte auf, das schaff ich noch. Es erwartet mich der finster dreinblickende Chef und sein hochgewachsener Gehilfe, der immer ein bisschen ungelenk und dümmlich in der Gegend herumsteht oder mit dem Handy spielt. Aber anscheinend ist er aufgestiegen, denn Haare muss er nicht mehr auffegen. Das übernimmt heute ein Neuer, ein Knabe mit lockigem Haar, nach dem Thomas Mann sich verschmachtet hätte.
Keiner nimmt mich wahr, keiner grüßt mich und ich setze mich verdruckst aufs Besuchersofa. Der Chef würdigt mich keines Blickes und es ist klar warum. Vor vier Wochen habe ich seinen Laden auf den Kopf gestellt, weil ich dachte, dass ich mein Hörgerät bei ihm verloren hätte. Die Dinger kosten 1300 Euro das Stück, da darf man schon mal ein bisschen unverschämt sein und unter die Frisiertische schauen, in die Scherenhalfter und unter das Schaiselong. „Is hier nicht“, vertrieb er mich endlich „hast du draußen verloren.“ Hat er wohl recht gehabt. Jetzt hab ich ein neues, hat die Kasse auf Kulanz gemacht. Habe ich aber vorsichtshalber ausgezogen, bevor ich in den Laden kam, aber der Chef ist trotzdem sauer. Und so bleibt nur der linkische Lulatsch, der mich mit einer unsicheren Geste auf seinen Stuhl winkt. Ich bin nicht gerne bei ihm, denn er redet nicht viel und selbst die „Oben Stufe 9, Seite Stufe 6“-Standardanweisung kommt bei ihm glaube ich, nicht so ganz an. Und mit Bart wird es ja noch komplizierter. Aber er schnippelt beherzt los, bis ich ihm bedeute, dass ich den Bart deutlich kürzer haben will. „Stufe?“ fragt er mürrisch und ich zucke die Schultern. Der Chef wüsste was zu tun ist und ich bin nicht zum Reden hier. Ohne weitere Fragen nimmt er sein größtes Gerät und raspelt grob an meiner Manneszier. Dann figarot er noch ein bisschen mit dem Rasiermesser in den Ecken und weil er mit seinen Anweisungen ein bisschen lahm ist, hab ich mich zu langsam gedreht und ratsch, hat er mir einen Schmiss auf die Wange produziert. Na wunderbar! Wollt ich schon immer haben. „Wie weiland Bursch zu Heidelberg.“ Als wär nix gewesen kramt er nach dem Alaunstift und ätzt ein wenig an der blutenden Stelle herum. Na wenigstens entschuldigen hätt er sich können. Aber nix. Er schweigt. Und weil ich ihn jetzt für den letzten Deppen halte, sage ich jetzt sehr deutlich, was ich von ihm will. Die Augnbrauen noch und die Ohren. Ohhh, oh, das hätt ich besser sein lassen. Den schon hat er eine Klemme mit einem dicken Wattebausch in der Hand, den er reichlich mit Rasierwasser tränkt. Er fummelt sein Feuerzeug aus der Hosentasche und schon brennt das ganze wie ein Molotowcocktail bei der letzten Intifada. Ich erstarre, er wirbelt mit der Frisörfackel um meine Ohren, es knistert und stinkt nach verbrantem Haar, aber, oh Wunder, die Ohren sind noch dran. „Feuerwerk!“ grinst er gutmütig und übergießt alles was an Haaren an mir dran geblieben ist großzügig mit Rasierwasser.
Na, insgesamt hat er alles ganz gut hingekriegt, denk ich als er mit dem Spiegel hinter meinem Kopf herumtanzt. Trinkgeld ist drin, trotz des Kratzers. Er lächelt mich freundlich an, schiebt die Kasse zu und will mir noch was Nettes mit auf den Weg geben. „K kkalt ist es heute, nn icht?“ Oh Gott, der arme Kerl stottert. Wahrscheinlich kommt er auch auf Arabisch nicht zu Wort, bei dem grantigen Chef. Na, da tut er mir jetzt schon ein bisschen leid. Aber das hätt er doch auch vorher sagen können.
Multikulti
Weddingfenster
Paderborn hat ein „Hasenfenster“, Heidelberg hat ein „Hiroshimafenster“ und ich hab jetzt ein „Weddingfenster“. Jahrelang war ich Tag für Tag auf dem Weg von der Arbeit an Daniels Laden „colorblindpatterns“ in der Antwerpener Straße vorbeigeradelt. Und immer war ich fasziniert von der arabisch angehauchten Kalligrafie, die er in immer neuen Variationen auf sein Schaufenster malte. Heute hatte ich Zeit, hab mir ein Herz gefasst und bin reingegangen. Und ich hatte Glück. Daniel ist nicht nur ein freundlicher Mensch, er hatte, so wie ich, an diesem ruhigen Brückentag ein bisschen Zeit und zwei Stunden später war er schon am Werk. Mit einem Kreidestift, wie ihn sonst Cafés für ihre Speisekarten nutzen, zauberte er mir Grüße aus einer fernen Welt auf die Kastenfenster, die mich an meine Moscheebesuche in der Türkei und gleichzeitig an das Multikulti im Wedding erinnern. Und wenn ich davon mal genug habe, halten sie mir auch die Blicke der neugierigen Nachbarn vom Hals und versüßen mir den Blick auf die grauen Fassaden gegenüber. Gespannt bin ich schon, welche Muster das Gaslaternenlicht heute Nacht durch das Buchstabengitter auf meine Wand werfen wird. Weil alle Kunst ein Geheimnis hat, lohnt es sich genau hinzuschauen: In vier der sechs Kassettenfenster hat Daniel die Anfangsbuchstaben meiner Kinder versteckt – in Fraktur.
Und sollten die Fenster im sürmischen Winter wieder kalte Luft reinlassen, hol ich mir nach dem Grafiker einen Dichter ins Haus….;-)
Daniel macht übrigens auch Textilien und Taschen mit diesen und anderen grafischen schwarz-weiß-Mustern. Schaut mal rein, wenn ihr in Berlin seid.
colorblind patterns
Daniel Arab
Antwerpenerstraße 46
13353 Berlin
colorblindpatterns.com
Arabisches Axe
Samstagmorgen beim Friseur. Im Raum: vier Männer, alle unter Dreißig, alle die gleiche Sprache und ich. Einer frisiert den anderen, zwei sitzen auf dem Ledersofa und daddeln. „Wenn du viel Geld hast, dann musst du einem Freund was leihen, predigt der Friseur!“ „Oualla!“, bestätigt sein Kunde und die Jungs auf dem Sofa sagen was, was ich nicht verstehe. „Hat ein Freund seinem Freund 2000 Euro geliehen. Der hat seine Hände geküsst. Und jetzt?“ Er macht eine Pause, um die Dramatik zu steigern. „Jetzt muss er seinen Arsch küssen, damit er sein Geld wieder kriegt. Was rufst du mich an?, sagt der. Haben deine Kinder Hunger? Also kannst du warten.“ Pause. „Seine Frau, die ist eine Bosna, die weint…“ Der Rest geht mir verloren, denn jetzt betritt mein Friseur die Szene: älter, kräftiger, offenes Hemd: ganz klar der Chef. „Maschinenschnitt?“ fragt er ohne das Gesicht zu verziehen, macht den Fernseher an, arabische Popmusik, und legt los.
Geduldige Leser meines Blogs wissen, dass ich immer wieder gerne neue Friseure ausprobiere. In meinem Viertel brauche ich nicht lange warten, bis wieder ein frischer Laden aufmacht. Manche nennen sich jetzt „Barber-Shop“, sind ganz Messing und Dunkelholz gehalten, aber eigentlich sind es Jugendzentren, in denen junge Männer ihre Tage verbringen. Es gibt auch Läden für Frauen und Kinder, aber die meisten, die ich sehe, sind Treffpunkte für Jungs mit großer Klappe und zu viel Zeit. Inzwischen weiß ich, dass es keine gute Idee ist, einen der Großschwätzer an meine Haare zu lassen. Deshalb bin ich froh, heute an einen stillen Profi geraten zu sein. Er braucht keine Viertelstunde, um ruhig mein Haar zu durchstreifen und gibt dann mit kurzen, schnellen Rasiermesserschnitten seinem Werk den letzten Schliff. Und obwohl ich seine Könnerschaft spüre, reizt es mich, ihn auf die Probe zu stellen, als er am Ende seines Schaffens unschlüssig hinter mir steht. „Den Spiegel bitte,“ verlange ich um mir nach alter Väter Sitte die Frisur von hinten anzusehen. Er stutzt, wird unsicher, greift nach einem Parfüm-Flakon und nebelt mich kräftig ein. Erst dann versteht er, was ich will und holt den Handspiegel vom Wandhaken. Alles Bestens. Mit erhobenem Daumen bestätige ich meine Zufriedenheit. Aber der Blick in den Spiegel zeigt mir auch verschwommen, dass meine Augen noch deutlich verengt und weit davon entfernt sind, die Welt in ihrer ganzen Schönheit wahrzunehmen.
Es ist 10 Uhr. Ich brauche mein Koffein.
Im Lieblingseiscafé ein paar hundert Meter weiter werde ich vom freundlichsten und beständigtsten Mitarbeiter in der schnell wechselnden Schar der Kellner empfangen. Der gepflege junge Man bringt mir meinen Kaffee und tritt, was ungewönlich ist, näher an mich heran. „Darf ich erfahren, welches Pafrüm sie benutzen? Ich finde es riecht perfekt.“ Und um seiner Äußerung jeden Verdacht der Homoerotik zu nehmen, weist er über seine Schulter: „Meine Kollegin findet das auch.“ Die dralle Blondierte hinter dem Thresen nickt bestätigend.
Na, so was habe ich ja lange nicht mehr gehört. Jahrelang habe ich mich mit den teuren Weihnachtsgeschenken meiner Schwiegermutter eingedieselt, deren Schwägerin eine Parfümerie hat, ohne je eine so direkte Reaktion darauf zu bekommen.
Das ist ja wie in der Axe-Werbung: Ein Duft, der die Menschen ihre Hemmungen vergessen lässt. Gleich verspreche ich dem jungen Mann, zum Friseur zurück zu fahren, um das Geheimnis zu lüften. Ich vermute im Flakon meines Duftmeisters eine sündhaft teure, seltene Essenz aus dem fernen Arabien. Einen Wunderduft nach altem, geheimen Rezept, der für Männer wie Frauen gleichermaßen unwiderstehlich ist. Doch als ich den Chef von seinem aktuellen Kunden weglocke und ihm die Geschichte erzähle, fragt er nur: „War gut? Kannst du hier kaufen.“ und drückt mir eine billige Plastikflasche mit türkischem Aftershave in die Hand. Ich deute auf den Kristallflacon und denke er hat mich wieder nicht verstanden. Aber er zeigt mir die Handbewegung, die man beim Umfüllen von einem großen in ein kleines Gefäß macht. „Fünf Euro“, sagt er.
Nachklapp: Eine halbe Stunde später in meinem alten Bioladen. Im engen, kleinen Hinterzimmer für die frischen Produkte. Eine attraktive Frau mit großen Augen und wallenden weißen Haaren steht vor mir und fasst mich an die Schulter. Ich grinse dümmlich zurück. Jetzt ist es soweit, denke ich. Und weil ich nicht weiß, was ich tun soll, bleibe ich einfach stehen. Unglaublich, was so ein neuer Duft alles macht.
„Kann ick ma an die Eia?“, fragt meine Traumfrau, deutlicher werdend und schiebt mich zur Seite.
Wedding Blues

Ach, da läuft ’ne Ratte übern Parkplatz. Genau auf dem Platz wo am Sonnabend und Mittwoch immer Wochenmarkt ist. Ach, noch eine. Verschwindet im Gebüsch zum Kinderspielplatz vor dem alten Rathaus. Na hier werde ich bestimmt kein Obst mehr kaufen. Und Fisch erst recht nich. Als ich hier im Wedding anfing, so vor 10 Jahren, war der Wochenmarkt so mein Heileiht. In Multikulti baden, leckere Sachen ausprobieren und billich einkaufen. Jetzt gibt’s hier Ratten. Und ich geh schon lange zu EDEKA Fromm, aber nur von hinten rum, über den Autoparkplatz, weil ich das Elend mit den Motz-Zeitungsverkäufern und den Punks mit den Hunden vor dem Eingang und den Lärm von der Müllerstraße nicht mehr ertrage. Der Waschbeton-Pavillion gleich nebenan vom Wochenmarkt, aufm Rathausplatz, wo ich mir dann immer ein türkisches Frühstück geholt habe, wenn ich die Obststände geplündert hab, ist baufällig. Ein Jahr hamse noch, dann müssense raus. Wo geh ich dann hin Frühstücken, wenn ich hier nicht mehr hinkomme? Ob ich mich noch zur Pizza Corallo setze? So ins Freie, wo jetze doch endlich hell und warm ist hier überall. Aber da sitzen feiste Türken-Rocker mit schwarze Harleys, da will ich auch nich hin. Weiß eh nich wo ich hin will heute Abend. Nich nach Hause, so viel ist klar. Irgendwo muss ich noch hin, wenn mich das Büro erst um halb achte ausgespuckt hat, wenn ich schon nix hatte von dem ganzen Tach, dann wenigsten jetzte! N‘ bisschen Himmel sehen und Leute gucken. Aber ich weiß nicht wo. Ob ich ins „Sole Mio“ geh, gleich bei mir nebenan? Aber die ham ihre hundert Jahre alte verblichene Markise runtergerollt und man sieht, dass die verschimmelt ist unter dem Moos, was dadrauf wächst. Und dadrunter sitz ein Typ mit graue lange fettige Haare und bellt besoffen seine Frau an mit „Ach hör ma doch uff…!“ Nee danke! Und in eine ölige Döner-Bude an der Müllerstraße setz ich mich auch nicht. Da ist mir neulich schon schlecht geworden. Genau so wie bei dem netten Syrer, bei dem ich Foul probiert hab. Bohnen in Majonäse mit einem Schuss Olivenöl drüber. Na danke! Zum Franzosen? Da hat doch im Centre Francais so ein nobler Laden aufgemacht, so mit Terrasse und Menue mit vier Gängen. Und als ich da ankomme, weiß ich, dass ich da nicht sitzen will. Der Kellner ist ein Schnösel, hat einen kahl rasierten Schädel, eine riesige Nase und eine weiße Schürze bis zum Boden. Und die Tische haben weiße Tischdecken und alle trinken Weißwein, für den der Kellner umständlich den Korken aus der Flasche popelt. Nee, hier ooch nich, obwohls gar nicht so teuer gewesen wär. Aber wahrscheinlich hätte der Schnösel mich mit „Monsieur“ angeredet, und dann wärs mir schon zu viel gewesen. Erst mal nach Hause, warme Sachen holen und dann ins Freilichtkino? Weiss nicht was da läuft, aber draußen sitzen und ein bisschen Vogelgezwitscher mit ’nem Bier und Popcorn?
Zu Hause angekommen liegt noch der Artikel aus der Süddeutschen über Schmetteringe auf dem Tisch. Den les ich erstmal. Und schon sitze ich und denk ans Essen. Was gibt’s im Kühlschrank? Ne alte Packung Tofu und eine halbe Zitrone. Muss ja auch weg, das Zeuch. Kann man ja nich einfach so liegen lassen. Hatte ich nicht noch das Rezept für Tofu, wie ihn meine Tochter immer gemacht hat? Ein Zweig Rosmarin und eine Tüte Graupen in meiner Speisekammer erinnert mich daran, dass ich sogar mal ein Rezept vom Kormoran nachgekocht habe. Einen halben Tag war ich unterwegs, um die Zutaten zusammen zu kriegen. Mann, hatte ich mal einen Elan. Mann, hat das geschmeckt. Heute schütte zusammen, was irgendwie zusammen passt und dann rin in die Bratpfanne. Schmeckt? Na ja. Wenn ich einn halbes Glas Joghurt hinterher löffel verschwindet wenigstens der brennende Chilli-Geschmack. Wusst ich doch, dass der Abend so enden würde. Aber ich wußte nicht, dass ich in meinen Selbstgesprächen jetzt schon berliner. Is jetze nu ooch wieda schnuppe. Schön Ahmnd noch.
Heulen
Er sagte erst mal nix. Saß in seinem blauen Transporter und trat ein paar Mal aufs Gaspedal, bis der lockere Keilriemen aufhörte zu jaulen, das ausdruckslose Gesicht in Richtung Windschutzscheibe. „Is Motor, alt“, sagte er dann, ohne mich anzuschauen. Deutsch war nicht so seine Stärke. Und auch in dem kleinen, knochigen Körper hätte ich nicht viel Kraft vermutet. Aber mit Vermutungen liege ich oft daneben. Hätte ich ihn ohne seinen Wagen gesehen, hätte ich ihn für einen der Bulgaren (oder Rumänen?) gehalten, die an der Ecke ihre Abende breitbeinig schwatzend und rauchend auf der Straßenbank verbringen. Drumherum zahnlose, rauchende Weiblein und Kinder. Leben sie in der Eckwohnung für die illegalen Bauarbeiter mit den ewig heruntergelassenen Rollos, oder gehören ihnen die dicken Autos mit bulgarischen Kennzeichen? Ich weiß es nicht. Man sieht sich, man geht sich aus dem Weg, man denkt sich seinen Teil. Wahrscheinlich gehörte er dazu, wer weiß?
Er und ich hätten auf jeden Fall nie ein Wort gewechselt, hätte er nicht genau an diesem Samstagmorgen auf der anderen Straßenseite seinen Transporter repariert, als ich glücklos von der Autovermietung kam, deren stark schwitzende Thresenfrau beschied, dass es in ganz Berlin keine „Robbe“ mehr für mich gebe, wie die verbeulten weiß-blauen Autos für die Studentenumzüge hier schnoddrig heißen. Die Abweisung machte mich trotzig und mutig.
„Wir brauchen nicht viel zu tragen“, warb ich ihn. „Wir haben einen Aufzug und ein Freund hilft.“ Er verzog keine Mine, fragte nur „Wann?“ Und als ich sagte „jetzt“ hielt er mir seinen sehnigen braunen Unterarm so hin, dass einschlagen konnte, ohne an den Arbeitshandschuh mit der Farbe zu kommen. Wir einigten uns auf 30 Euro und fuhren los.
Eine Stunde später saßen wir wieder im Wagen. Der Freund war nicht gekommen und der Aufzug war zu klein für das rote Sofa und das Bücherregal. Wir hatten meine letzten Habseligkeiten aus der Wohnung, die mal strahlend leer und zukunftsschwanger vor mir lag, als ich sie vor acht Jahren zum ersten Mal besichtigte, die Treppe herunterwuchten müssen. Die Frau, mit der ich diese Träume einst zu teilen glaubte, machte die Tür hinter uns zu.
Als der Motor sich wieder beruhigt hatte, fuhren wir einen Moment schweigend nebeneinander, mein Freund in der Not und ich. Dann fragte er „War Tochter oder Frau?“ „Frau,“ antwortete ich einsilbig. „Kinder?“ „Drei“
„Schade“, sagte er und schaute weiter geradeaus.
Sommermärchen

Als wir mit unseren Booten kurz vor Sonnenuntergang durch den Schilfgürtel stießen, sahen wir sie. Vor uns auf dem sanften Hügel schmiegen sich Hobbit-Hütten, klein und geduckt mit filzigem, rundem Dach in die sandige Wiese. Entfernt rauscht ein Bach. Sonst war nichts zu hören als eine Haubentaucherin, die mit ihren Jungen eins ums andere im See verschwindet und wieder herausploppt. Wir müssen die Grenze zu Mittelerde überschritten haben.
Am Ufer erwartet uns ein entspannt lächelnder Hüne, der seinen langen, weißen Bart durch eine Holzperle gebunden hat. Er hilft uns, unsere Boote ans Land zu bringen. Wir Gefährten haben unser Ziel erreicht. Weiter von der Wirklichkeit kann man nicht entfernt sein als an diesem Flecken im Sumpfgebiet zwischen Brandenburg und Mecklenburg.
„Kommt ins Gasthaus“, raunt uns der Riese zu, „ihr seid gerade noch rechtzeitig.“ Ich folge ihm arglos, doch meine Begleiter wissen, von welcher Macht der Alte geleitet wird und wohin er uns locken soll. . Ich suchte ehrlich der Welt zu entfliehen, aber sie haben mich verraten. Sie haben die ganze Zeit Signale empfangen, die auch jetzt ihre Gesichter blau aufeuchten lassen. „Zweite Halbzeit fängt gleich an. Die Schweden führen Null zu eins,“ murmeln sie hinter mir. In den Zeiten Mordors brauchte es einen Ring, um alle zu binden. Heute sind es flache, schiefergraue Scheiben und ein Ball. Hatte ich wirklich geglaubt, ich könne „Schland“ entkommen? An diesem Tag? Die Tür zum Gasthaus öffnet sich.
Es ist ein schrecklicher Anblick, der sich uns bietet. Ein Haus voller Besessener mit glasigen, verzweifelten Blicken. Alle Waldbewohner und die Gäste aus den Hobbit-Hütten haben sich um eine bunt flackernde, lärmende Röhre versammelt. Schon haben wir ein Bier in der Hand und stieren wie die anderen auf das flimmernde Bild mit weißen und gelben Männchen. Und der Zauber, der alle bindet, liegt, erfasst auch mich. Als ein blonder Mann mit streng gescheiteltem Haar den Ball in der letzten Minute in einem eleganten Bogen ins Tor schießt, liege ich mir mit einem wildfremdem Mann aus Sachsen in den Armen, Freudentränen in den Augen. Das öffentlich-rechtliche Extacy macht uns zu einem einig Volk von Brüdern.
Schnitt
Eine Woche später, Berlin Wedding – jenseits von Mittelerde.
Ich mäander mit meinen Zwillingen am Samstagmittag durch den Kietz. Bei Edeka waren wir schon, in der Stadtbücherei auch und auch im Bio-Laden, weil wir den Salat vergessen hatten und einer mal pullern musste.
Von den Männern in Weiß und Schwarz spricht niemand mehr. Und wenn, dann mit verkatertem Hohn über die Dummheit, mit der man sich habe hinters Licht führen lassen, als säße man in der Matrix. Aber Fußball gibt’s immer noch.
Vom Sportplatz, auf dem jede Nacht unter Flutlicht bis um kurz vor Mitternacht gebolzt werden darf, klingt Männer-Geschrei. Afrikanische Beats liegen in der Luft . Vorsichtig tasten wir uns heran. Das Tor des Fußballplatzes steht weit offen, aber wir trauen uns nicht so richtig rein. Was ist das hier? Die Spielfelder sind voll von schwarzen jungen Männern in bunten, improvisierten Trikots. Aus den Laustprechern krächst die Stimme eines völlig überforderten Organisators mit einem sehr anstrengenden Akzent „Also die Berliner Jungs spielen jetzt auf Feld B gegen Carl Zeiss Erfurt… nein, Moment (das Micro wird knackend weggelegt) es ist Feld C und bitte die „Jeunesse Berlin“ auf Feld C, nein B… ist jemand von der Jeunesse da? Nein.,.. und da ihr geht jetzt mal hier weg, den Platz brauchen wir für die Siegerehrung….“ Es gibt keine erkennbare Ordung, aber viele lachende und entspannte Gesichter. Meine Jungs kennen die Anlage noch aus der Zeit, als sie hier noch mit der Kita turnen gingen, als es noch Personal dafür gab, aber sie trauen sich nicht rein. „Dürfen wir?, fragen sie. Erst als sie „Schulle“ sehen, unsere kräftige, bis an die Ohren tätowierte und gepiercte Nachbarin mit dem Kurzhaarschnitt, die im Turnverein die Jugend trainiert, wagen wir uns weiter.
Wir landen zwischen zwei Teams, den Roten und den Gelben, die ihrem Spiel entgegenfiebern. Meine Jungs sind wie elektrisiert, echte Fußballer! Alle so 18, 19, nervös, der eigenen Kräfte nicht ganz sicher, aber mit gespielter Coolness sich selbst vergewissernd. Anerkennende Blicke gehen auf das Spielfeld wo anscheinend der Gruppengegner gerade die gegnerische Manschaft austrickst. Eine halbe Stunde und zwei Spiele später sitzen die Roten wieder da. Sie haben ein Spiel gewonnen, sind Gruppensieger geworden. Und im nächsten Spiel verloren. Zwei von ihnen haben Verbände am Kopf, weil sie in der Luft zusammen gestoßen sind. Ihr Torwart hat ziemlich oft daneben gegriffen. Um sich zu entspannen übt er in einer leeren Ecke mit (s)einem kleinen Jungen. Der Kleine ist stolz, weil er auch die großen Torwarthandschuhe haben darf.
Die roten Jungs rechnen. Es reicht für den vierten Platz, sie sind zufrieden mit sich. Sie wissen, das sie nicht die Größten sind und viel daneben gegangen ist, aber das ist egal. Es gibt einen Pokal für sie, und das freut sie. Den Fairnesspreis. Er wird von einer Integrationspolitikerin verliehen, die ihr schönstes Kleid angezogen hat. Neben ihr stehten noch vier andere Frauen: SPD, Linke, Grüne und eine vom Bezirk. Alle finden wichtige Worte und die Jungs sind schwer beeindruckt. Dann werden Faxen mit dem Handy gemacht und stolz vor dem Pressefotografen posiert. 11 Freunde sollt ihr sein – das gibt es also wirklich noch, Fußball mit menschlichem Anlitz. Ich könnte echt ein Fan werden.
Meine Jungs spielen an diesem Abend zum ersten Mal alleine im Hinterhof Fußball, ohne dass ich mit kicken muss. Auf dem Bolzplatz im Kindergarten wollen sie es Montag mal allen richtig zeigen.
Der Wedding wird gelb
Die Baugerüste fallen. Und wie frisch aus dem Ei gepellt leuchten die schicken 50er-Jahre-Häuser in neuem Glanz. Die ersten kräftigen Sonnenstrahlen lassen das satte Gelb strahlen wie einen freundlichen Frühlingsgruß aus der bisher sehr vernachlässigten Kongostraße. Noch vor einem halben Jahr war die Häuserzeile ein deprimierender Anblick. Grauer Dreck auf der ausgewaschenen grauen Fassade. Ein Wohnungsbrand vor zwei Jahren hatte schwarze Schlieren in den oberen Geschossen hinterlassen – zum davon laufen. Und jetzt? Neue Fenster, lustige Tiere auf den Wänden – eine freundliche Anspielung auf das Afrikanische Viertel, in dem die neuen Schmuckstücke stehen – und eine neue Kita im Erdgeschoss des Giraffenhauses. Erhebend und erfreulich. So muss es sich angefühlt haben, als die Häuser vor 60 Jahren auf dem Gelände, auf dem vorher die Buden von Schrott- und Kohlehändlern standen, hochgezogen wurden. Neue, helle Wohnungen für Familien, die bisher in Trümmern hausten. Ein Sportplatz gleich daneben, für die gebeutelte Nachkriegs-Jugend, auf dass sie eine bessere Zukunft habe. Auch jetzt wieder versprechen die Häuser Aufbruch. Da hat einer mal was getan für die Bewohner aus aller Herren Länder, die hier aus und einziehen. Auf dass sie sich wohl fühlen bei uns. Und auf dem Sportplatz nebenann finden jetzt Multi-Kulti Fußballturniere statt.
Wenn da nicht der Aushang im Treppenhaus wäre. Er stammt vom Hausbesitzer Vonovia. Vonovia? War da nicht mal was? Wikipedia sagt’s mir: Hieß mal Deutsche Annington und war eine der gierigsten Heuschrecken, die über den deutschen Wohnungsmarkt hergefallen ist. Börsennotiertes DAX-Unternehmen. Größter Anteilseigner: Blackrock… „Es zählt zu den Konzepten von Vonovia, Mietern oder anderen Interessenten den Erwerb von Wohnungseigentum anzubieten.“, sagt mir Wikipeda. Na wunderbar, die jetzigen Bewohner werden sich die Wohnungen bestimmt nicht leisten können, zumal nicht nach der Renovierung. Nix mit Aufbruch. Im Gegenteil: Schluss mit Multi-Kulti. Und für die Bewohner: Perspektive Stadtrand.
Ich werde wohl bald neue Nachbarn bekommen.
Das gelobte Land
Mit einer Tasche voller Weihnachtseinkäufe (der Christbaumständer fehlt noch) stolpere ich ins „Haircut 64“, ein arabischer Friseurladen im Afrikanischen Viertel. Noch einmal ordentlich hübsch machen für die Feiertage. Der diensthabende Figaro tut so, als erinnere er sich an mich:
Stufe 5 , einmal alles, oder?
Nein, Stufe 6 an den Seiten, Stufe 9 oben – so war das.
Ehrlich? Wollen Sie auch rasieren mit warmen Schaum und Wachs an den Seiten?
Nein, aber Augenbrauen ausdünnen und Ohren absengen.
Während er mir den Kragen umschlägt und mich in einen schwarzen Umhang hüllt (mit Sichtfenster für die Hände – und das Handy), kommt ein junger Kerl mit langem dunklen Bart, mehr Hipster als Taliban, aus dem Hinterzimmer. Anscheinend hat er dort etwas im Internet gefunden, was seine Meinung unterstützt. Aufgeregt deklamiert schon im Anlauf auf seinen Kunden, den Mann neben mir: Oualla, ein Palästinenser hat bereut, dass er mit den Israelis zusammen gearbeitet hat. Er sagt, er will sterben, diese Schande. Was macht man mit so einem? Sein Kunde, ein massiger Araber, brüllt die Antwort, als stände er ohne Megafon vor einer Versammlung im Gaza-Streifen: Einen Verräter erschießt man oder man hängt ihn auf. Wenn Krieg ist, erschießt man ihn! Genau!, pflichtet der Bartjunge zu, ich hasse die Israelis.
Ich liebe Amerika, gibt sein Kunde überraschend zurück. Amerika ist großartig. Aus Amerika kommt alles was wir lieben. Was für Zigaretten rauchst du?, fragt er den jungen Palestinenser. Äh, ich rauche türkischen Tabak. Der Freund der USA versucht es noch mal anders herum: Aber du trägst Jeans, die kommen aus Amerika. Du trägst keine palestinensischen Kleider, du trägst amerikanische. Amerika ist die wichtigste Wirtschaft auf der Welt, doziert er mit Stentorstimme weiter. Sogar unser Benzin kommt von da. Deutschland ist schwach. Der DAX ist bei 13 000 in Amerika sind sie bei 23 000!
Aber dich lassen sie nicht rein, gibt der Junge keck zurück. Du bist Araber. Die wollen dich nicht! Und Deutschland gibt dir Sozialamt und Asyl und Wohnung. Warum liebst du nicht Deutschland? Ich habe einen Traum, brüllt der Araber, jeder muss einen Traum haben. Irgenwann lassen sie mich rein. Jedes Land hat mal einen guten oder einen schlechten Chef. Das ist so. Und du? Warum lebst du nicht in Palästina, wenn du es so liebst? Ich sag dir: Ich finde es gut, dass die Israelis da sind. Die Israelis sind eine Demokratie! Die Araber kommen aus Afrika.
Das ist unser Land, gibt der Palästinenser ruhig zurück. Nein, beharrt der Araber, das gehört den Israelis. Moses hat es ihnen vor 2000 Jahren gegeben. Das ist ja schon eine ganz schöne Weile her, mische ich mich ein. Mein Friseuer gluckst vor Freude. Mir scheint, dass er das Gebrüll nicht sonderlich ernst nimmt und sich auf eine deutsche Arabeske freut. Aber die Nachbarn sind zu sehr in ihrem gepflegten Streit, als dass sie auf mich eingehen könnten. Mittlerweile geht’s wieder ums Sterben.
Was machen die Israelis, wenn du ihr Feind bist?, fragt der Araber. Die schießen auf dich, und wenn du verwundet bist, bringen sie dich ins Krankenhaus, das machen die Israelis. Und was machen die Palästinenser? Wenn du ihr Feind bist, dann reißen sie dir den Arsch auf, mit einer Flasche, sie vergewaltigen dich. Der Palästinenser wird immer ruhiger. Vielleicht ist es auch nur der Respekt vor dem Kunden. den er nicht verlieren möchte. Die Israelis erschießen jeden Tag Palästinenser – und ich bin bereit zu sterben für mein Land, sagt er aufopferungsbereit. Sein Kunde greift das sofort auf und dreht es um: Du lebst hier. Und wieviel Araber erschießen die Israelis pro Tag? Vielleicht drei, vielleicht fünf. Und wieviele Araber tötet Assat in Syrien jeden Tag? Ich sag dir: Es sind hunderte!
Während der Nahostkonflikt sich ausbreitet, hat mein Friseur sein Feuerzeug gezückt und lässt die Flamme über meine Ohren lecken. Es riecht nach verbrannten Haaren.
Virtuelle Verena
Sie kommt eine halbe Stunde zu spät. Ich bin gerade dabei, meine Rechnung zu bezahlen und zu gehen. Sie kommt eine halbe Stunde zu spät und schimpft – mit mir, mit Google-Maps, ich weiß es nicht. Sie habe das Restaurant nicht gefunden, sei die Straße auf und ab gelaufen. Sie ist aufgeregt, weiß nicht wohin mit ihrem dicken, hellen Wintermantel, ihrer Plastiktüte vom Türken. Ich überlege kurz, ob sie eine Frau ist, der man aus dem Mantel hilft. Aber sie bunkert alles um sich herum, und schimpft weiter darüber, dass zu wenig Platz sei und der Stuhl zu unbequem. Sie lächelt dabei. Ist das der Ort, wo du dich mit deinen Freunden triffst?, fragt sie mit russichem Akzent und dreht ungäubig den Kopf. Ich merke, dass ihr Schimpfen ihre Art ist, sich zu entschuldigen. Und ich merke, dass etwas nicht stimmt. Du hast geschrieben, du kennst das Schraders, du arbeitest um die Ecke. Eine abfällige Handbewegung. Was geht mich mein Geschwätz von gestern an, heißt das. Und du arbeitest in einer Musikschule? Sie lacht. Weil ich geschrieben hab, dass ich Musiklehrerin bin? Ja? Sieben Jahre war ich am Konservatorium, aber ich hab das gehasst. Ich arbeite in einer Spielhalle. Ihr Deutsch ist holprig aber faszinierend. Sie ist faszinierend. Elegant, rundes Gesicht, hohe Wangenknochen, wache braune Augen, strahlendes Lächeln, das nicht mehr aufhört. Ich gehe dir nicht mit meinem Deutsch auf die Nerven?, fragt sie. Wir können es ja auf Russisch probieren. Ich könnte viel mehr erzählen, viel mehr Wörter finden auf Russisch. Du hast geschrieben, dass du Russisch magst. Ich nicke. Aber das ist lange her. 1992, zwei Semester nebenbei, aber ich höre die Sprache immer noch gerne. Vielleicht sollte ich aus Höflichkeit die paar Sätze einflechten, die ich behalten habe. Ich lasse es, lasse sie weiter ackern. Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her. Gibt es nichts anderes, fragt sie, lehnt sich zurück und macht eine entspannte Geste, mit einer Zigarette in der Hand. Wie eine russische Gräfin. Sollen wir ins Hilton gehen, frage ich die Gräfin. Wieso immer Hilton?, antwortet sie großzügig, im Steigenberger gibt es Jazz-Musik live! Hat mir eine Freundin gesagt, fügt sie verdruckst hinzu. Wir versuchen weiter zu reden, über die Kinder, die Heimat, die Eltern. Aber jeder zweite Satz geht schief. Irgendwann hab ich genug. Was mache ich hier? Sie ist schön, sie ist klug und sie hat viel Leben in sich. Aber ohne Sprache geht es nicht. Ich richte mich auf. Verena, was machen wir beiden jetzt?, frage ich sie. Sie schaut mich an und knipst ihr Lächeln aus. Ja, du hast recht, sagt sie, ich bin auch müde und nestelt an ihren Sachen herum. Geh schon mal nach vorne und hol deinen Mantel, bittet sie. Sie will nicht, dass ich sehe, wie sie sich fertig macht. Kein Blick mehr an der Tür, sie geht in die Nacht mit gesenktem Kopf, mit ihrer Plastiktüte, wie ein getretener Hund.
