Grab him by…

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Gestern hörte ich die Rede des neuen Präsidententen der USA und ich war sehr ergriffen. Ein Tränchen zerdrückte ich vor Rührung im Augenwinkel und von Herzen wünschte ich, dass ihm die Versöhnung seines gespaltenen Landes, die er mit großen Worten ankündigte, auch gelinge möge. Aber dann ging mir der Vorgänger nicht aus dem Kopf. Und bei aller Versöhnungsrethorik wünschte ich mir, dass sie es irgendwie schaffen, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, ihn an den Arsch zu kriegen. Vielleicht endlich mal über seine Steuererklärung schauen oder seine Kredite kritisch prüfen. Egal wie: Grab this white male.

Notlicht

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Also ick gloobe, die da beim Jobcenta in der Müllerstraße ham een an der Tanne. Schon seit Ewichkeiten darf da keener mehr rin. Und vor Weihnachten scheint ooch noch der Hausmeesta krank jeworden su sein. Uf jeden Fall macht da ahms keener mehr die Lichta aus. Dit Haus sieht aus wie een Weihnachtsbaum. Nu ist Weihnachten schon lange vorbei und die Bäume hat längst die Stadtreinijung jeholt. Aba die vom Jobcenta machen munta weita. Is ja ejal. Is ja nur unsa Jeld. Kann da nich mal jemand een Elektrika holn?

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Wo wers jerade vom Jeld ham. Dit sieht hier zwar so aus wie Las Vegas, aba dit is jerade dem Jobcenta jejenüba. Dit is da, wo die Jungs sonst ihre Stütze vazocken, die se sich vom Amt jeholt ham. Aber mit dem jroßen Jeld is da ooch vorbei. Allet dicht. Und damits keener merkt, hamse die Lichta in Treppenhaus anjelassen.

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Aba wenichstens Kaastad hat noch uff. Bis um achte ahms. Jeht ooch nich mehr lange, gloob ick. Aber der letzte macht dit Licht aus.

Schön Ahmnd noch!

angebohrt — socopuk

Das Schöne am Bloggen ist, dass man manchmal Menschen findet, die die eigenen Gefühle besser auf den Punkt bringen als man es selber kann.

Tage ohne Anfang, ohne Mitte, ohne Ende gekrakelte Zeilen, beschmierte Zettel, verlorene Fäden das falsche Werkzeug, das falsche Material, die falsche Technik loslassen, zulassen, einlassen atmen, warten, hören . Ich habe einen roten Faden in mir. Den lasse ich manchmal fallen. Aber ich merke, wann es soweit ist, ihn wieder aufzuheben.

angebohrt — socopuk

Anbei ein paar gekrakelte Zeilen, beschmierte Zettel und das falsche Werkzeug.

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Böller und Benzin

Es kracht und knallt. In meiner Nachbarschaft ist Zurückhaltung ein Fremdwort. Die Straße riecht nach Böllern und Benzin. Aber trotzdem muss ich raus. Einmal quer durch die Stadt mit zwei Flaschen Sekt zur zwei Personen-zwei Haushalte Sylvesterparty. Falls ich von diesem Trip nicht wiederkehren sollte, will ich euch schon jetzt zum Neuen Jahr die besten Wünsche senden und ein paar letzte bunte Bilder aus diesem verrückten Jahr. So schlecht war es gar nicht.

Zeit, die nie vergeht

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Steht die Zeit still, oder rast sie gerade? Ausgerechnet gegenüber der Charité, Berlins größtem Krankenhaus, ja das mit dem Christian Drosten, hängt diese Skulptur, diese „Franz Kafka Uhr“ (ohne Zeijer, mit Striche drop nur; BAP). Drinnen tobt das Virus auf der Intensivstation und draußen ist alles ruhig. Ich fahre durch fast leere Straßen, unter bleigrauem Himmel, immer nur zwischen zu Hause und meinem Büro. Aber da ist niemand. Fast alle Kollegen sind im Home Office, und auch ich komme nur ein paar Mal die Woche vorbei, um nachzusehen, ob es die Arbeit noch gibt. Ich bin nicht der Richtige, um ständig von zu Hause aus zu arbeiten. Ich hab so etwas, was die Piloten „Nachtflugkoller“ nennen. Wenn du nichts mehr um sich herum siehst, keinen Kontakt mehr hast, zweifelst du irgendwann, ob der Computer, den du beobachtest, noch die Wirklichkeit zeigt. Vielleicht bist du längst im Sturzflug, während der Höhenmesser Geradeausflug anzeigt. Videokonferenzen helfen da auch nicht mehr.

Und Weihnachten? „Das glaubst du doch selber nicht, dass in paar Tagen Weihnachten sein soll.“, schreit mich mein Sohn auf dem leeren Hinterhof an. Meine Kinder sind zur Zeit, was soll ich sagen? Etwas unausgeglichen. Wer soll es ihnen verübeln? In der Schule saßen sie über Wochen mit Mundschutz. Und draußen ist es dreizehn Grad warm und trocken. Eher ein bewölkter Frühlingstag als „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, das ich mit ihnen tapfer für die Bescherung übe. Noch nicht mal Regen, von Schnee ganz zu schweigen. In der Schule sind die ganzen Adventssachen ausgefallen. Adventssingen, Adventsfeier, Adventsbasar. Noch nicht mal die Großmutter ist zu ihrem unausweichlichen Adventswochenende vorbei gekommen. Der innere Kalender der Kleinen ist durcheinander. Auf der letzten Fahrt von Berlin in den Brandenburger Speckgürtel sahen wir ganze fünf beleuchtete Weihnachtsmänner und nur drei leuchtende Schneemänner. Dafür spenden jetzt einsame Herrenhuther Sterne Licht in der Dunkelheit. Aber die Jungs, die den Dezember nur als sich steigernden Konsum- und Lichterrausch von Nikolaus über Geburtstag (die Zwillinge) bis Heiligabend kennen, merken so kleine Lichtlein gar nicht. Es ist schwer, in solchen Zeiten den Glauben an den Weihnachtsmann aufrecht zu erhalten. Und wenn die Frohe Botschaft für das Fest „Impfstoff“ heißt, kommt man mit den Liedern von dem Kindlein in der Krippe, das angeblich den Tod überwunden hat, auch nicht weit.
Immerhin: Es ist eine beschauliche, ja fast besinnliche Vorweihnachtszeit. Etwas eintönig zwar, aber wenigstens ohne Schokoladen- Glühwein- und Weihnachtsfeierorgien. Mir gefällt das. Ich verziehe mich im Winter (ho ho ho) gerne in meine Höhle. Aber es macht mich irre, wenn ich sehe, dass immer mehr Menschen und die Welt, die ich bisher kannte, ganz leise sterben.
Natürlich haben wir trotzdem ein Weihnachtsbäumchen gepflanzt – in mein Wohnzimmer. Mit Strohsternen und Kerzen. Als meinem Sohn eine Christbaumkugel runtergefallen ist, und ich schon Scherben sah, meinte er nüchtern: „Brauchst keine Angst zu haben, die sind aus Plastik.“

Ich wünsche euch trotz allem ein frohes Weihnachtsfest.

Bleibt gesund.

All the way from China

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Das kleine Flugzeug hat’s geschafft. Es hat drei Wochen gedauert, aber jetzt ist des da, wo es hin wollte.
In Shenzen, dem großen Industriegebiet in Kanton ist es gestartet, dann in Hongkong in den großen Flieger umgestiegen und damit einmal um die halbe Welt nach Frankfurt geflogen – nur weil ich einmal im Internet auf einen Knopf gedrückt habe. Und von Frankfurt hat es das Postauto nach Berlin gebracht. Da hab ich es abgeholt. Dann habe ich den Karton versteckt, weil ich Nikolaus spielen wollte. Aber meine Jungs haben ihn am Tag vor Nikolaus gefunden, den Karton. Sie haben ihn aufgerissen, das Flugzeug gefunden uns sind auf die Wiese gelaufen. Sie haben das kleine Flugzeug wie wild um sich geschmissen. Und das Flugzeug war glücklich, denn dafür ist es gebaut worden, um von Kindern in die Luft geworfen zu werden. Mit tollen Loopings ist es vom Himmel wieder zurück gekommen. Und die Jungs  haben sich gefreut. So hatten es die Menschen in China es konstruiert, dass es tolle Loopings fliegt, wenn Kinder es richtig in die Luft werfen. Das können die Chinesen gut, kleine Jungs mit ein bisschen Plastik glücklich machen. Aber gibt es in China auch Bäume? Wissen die Chinesen, dass es in unserem Hinterhof die Ahornesche gibt und und die Hainbuche, die Walnuss und die Kastanie? Die große Kastanie in der schon so manches gelandet, aber nicht wieder zurück gekommen ist. Anscheinend wissen sie auch das. Denn wie durch ein Wunder kommt das kleine Flugzeug immer wieder auf die Erde, auch wenn es in den Zweigen hängen geblieben ist, auch wenn es sich heillos verheddert zu haben scheint. So glatt ist es, das kleine Flugzeug, so leicht, dass es immer wieder nach unten kommt, wenn die Kinder nur heftig genug an den Zweigen rütteln, oder Stöcke in den Baum werfen, oder Kastanien. Oder den Vater rufen. Der hangelt dann über die dünnen Stämmchen des Fliederbuschs, von besserwisserischen Brillenträgern drei Meter unter ihm frech gefragt, ob er wisse, was er da tue? Und ob das nicht gefährlich sei, so hoch in der Luft mit dem langen Besenstiel nach dem Flugzeug zu angeln?

Aber der Vater weiß, was er tut. Er kriegt nicht nur das kleine Flugzeug wieder runter vom Baum (obwohl es dort gerne geblieben wäre – Flugzeuge sind gerne dem Himmel so nah); er hat sogar noch Satz neue Flugzeuge in petto, damit er in Nacht zum Nikolaus den drei Jungs was in die Stiefel stecken kann, die vor der Tür stehen werden -ungeputzt natürlich. Denn auch die Schuhe sind aus Plastik. Der Nikolaus weiß, dass man die nicht mehr putzen muss, behaupten die Jungs. Aber das werden andere Flugzeuge sein. Denn eigentlich wollte der Vater ja gar keine Sachen aus China bestellen, billige Sachen, die mit dem Flieger geschickt werden, und erst recht nicht welche, die in den Kartons mit dem lächelnden Pfeil ins Haus kommen.
Deswegen war er im Bastelgeschäft und hat für jeden Jungen ein Flugzeug aus Holz gekauft, so eins, das man noch aussägen und zusammenbasteln muss, so eins, wie er es selber gerne gehabt hätte, als er ein Junge war. Eigentlich wollte er ihnen das später schenken, wenn sie schon größer und geschickter sind. Aber ein Nikolausmorgen ohne was im Stiefel? Und die Kinder sind wirklich erstaunt, als sie die Schuhe ausgeräumt und die Schokolade in den Mund gestopft haben. So was haben sie noch nie gesehen. Aber sie machen, was sie immer machen, wenn sie Geschenke bekommen: Sie reißen erst ungedudig die Kartons auf und dann die kleinen Tütchen, in denen die Einzelteile verpackt sind. Und der Vater sieht’s und rauft sich das graue Haar, als er die vielen Teile, die dünnen Drähtchen, die Stäbchen und Plättchen unter den Kinderbettchen verschwinden sieht. Rasch wird nach donnernder Ermahnung alles von flinken Händen eingesammelt und auf den Küchentisch gelegt. Doch wieder rauft der Vater das Haar, als er die Bauanleitung sieht. Denn die ist auf Polnisch geschrieben. Unwirsch scheucht er seine neugierigen Nachkommen aus der Küche, setzt sie im Wohnzimmer vor den Computer und beginnt sein Werk. Und mählich allmählich kommt die Erinnerung wieder, an die Laubsägearbeit im Keller des Großvaters, an Holzleim, Klemmen und Klebeband. An die Ruhe und die Geduld, die der Großvater versuchte ihn zu lehren. Stolz zeigt der  Vater jeden Bauabschnitt den Knaben, die mehr und mehr Interesse bekommen. Zart wölben sich hauchdünne Balsaholzscheiben über zerbrechlichen Spanten. Geschickt biegt er mit zwei Zangen ein Stückchen Draht zum Widerlager für den Propellerantrieb. Und feierlich kommt es zur Hochzeit – der Verbindung von Flügeln und Rumpf. Die Sonne ist schon lange hinter den Häuserdächern verschwunden als vier ehrfürchtige Piloten das filigrane Maschinchen zum Jungfernflug in den Garten tragen. Kleine Taschenlampen leuchten dem Holzvogel den Weg, als er sich vom Gummiband getrieben mit schnurrendem Propeller steil in die Lüfte erhebt – und ebensoschnell abstürzt. Schwerpunkt, Trimmung, Balance: All diese Worte kommen dem Vater in den Sinn, Worte, die er im Polnischen nicht zu lesen vermochte. Worte, die er seinen Kindern nicht erklären kann. Als nach drei Versuchen der Propeller abbricht, fragen sie nur: „Können wir das andere Flugzeug mit zu Mama nehmen?“ Das kleine, billige chinesische Flugzeug freut sich. Es ist in den Herzen der Kinder angekommen. Zerschmettert lieg die europäische Handwerkskunst am Boden. Nur im Märchen gewinnen die Edlen und Schönen.

Aus Chemie und Wahnsinn II

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© Susannehaun.com

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Als meine Wohnung blitzte und spiegelte und meine Hände brannten, fielen mir die Frauen ein. Sie standen schon einige Zeit in meinem Schlafzimmer, ohne dass ich gewusst hätte, wohin damit. Sie warteten. „Eine wartet immer“, sagte Charles Bronson zu Claudia Cardinale am Ende von „Spiel mir das Lied vom Tod“. Aber bei mir waren es gleich drei. Zwei waren ziemlich kopflos, die Dritte sah sehr geduldig aus. Ich hatte sie auf dem letzten Kunstsalon von Susanne Haun kennengelernt und war gleich von ihnen fasziniert. Ich musste sie haben. Aber als ich sie hatte, wusste ich nicht, wohin damit in meiner Wohnung, in meinem Leben, in meinem Herzen. So geht mir das immer. Also standen sie rum, liebevoll verpackt aber gefährlich wie eine Büchse der Pandora. Bloß nicht aufmachen. Vielleicht wartete ich darauf, dass meine Wohnung ihrer würdig war, oder dass ich ihnen würdig war? Egal. Da erinnerte ich mich, dass mir Susanne erzählt hatte, die Inspiration zu den zwei nackten Leibern sei eine giechische Sage gewesen, wonach die Frauen einer Stadt nackt und begeistert ihren Männern nach gewonnener Schlacht entgegen gerannt wären. Na, das passt doch. Wie fühlte ich mich den in dem Moment? Wie ein Held, ein Sieger der chemischen Kriegsführung, wie ein König in seinem Palast. Ja, so einem Heros wie mir gebührten alle Frauen. Also kräftig zugepackt, einmal umgeschaut, und schon war der richtige Platz für sie gefunden: Ganz oben über meiner Ahnengalerie im Wohnzimmer, über den Bildern von Eltern und Kindern. Waren nicht die Frauen der Ursprug von alldem? Also hoch mit ihnen, unter die Decke. Damit waren sie fürs Erste auch aus dem Schlafzimmer raus.

Und das andere Bild? Das ruhige, bescheidene, durchscheinende, wie hingetuschte Mädchen? Als ich in Susannes Atelier in Berlin-Wedding unschlüssig vor dem Bild stand, mich nicht eintscheiden konnte, welches ich nehmen sollte (ich hab sie dann beide genommen), sagte Susanne mit einem orakelhafen Lächeln: „Die wird auf dich warten, wenn du nach Hause kommst.“ Na, und worauf schaue ich, wenn ich durch die Wohnungtür komme? Auf meinen frischgeputzten Herd. Hüterin des Herdes, blau und weiß, wie eine Delfter Kachel. Die Küche war der richtige Ort für sie. Und tatsächlich macht es mich jedemal froh, auf das Bild zu schauen, wenn ich durch die Tür komme. Denn wenn mich was zufrieden macht, dann das Gefühl, dass alles seinen richtigen Platz gefunden hat. Worauf ich jetzt noch warte ist, dass die Weddinger Göre mir in ein paar Wochen sagt: „Also ick will ja nich meckern, aba hier is schon ma sauberer jewesen.“

Aus Chemie und Wahnsinn

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„Du beurteiltst einen Mann nach seiner Wohnung?“ „Genau, wenn seine Wohnung sauber ist, weiß ich gleich, dass etwas nicht stimmt mit ihm. Und wenn sie zu sauber ist, dann ist er ne Schwuchtel.“, lässt Charles Bukowski, the dirty old man, Hank Chinaskis Freundin Lydia in „Das Liebesleben der Hyäne“ sagen. Und wenn ich mich in meiner Küche umschaue, dann weiß ich, dass ich mit Bukowski wohl mehr gemein habe als den gleichen Geburtsort, dass es wohl Sätze wie dieser waren, die mein Leben früh geprägt haben. Dort wo ich lebe, muss Unordnung herrschen. Wer eine aufgeräumte Wohnung hat, hat nichts erlebt. Und ich wollte nicht als Langeweiler rüberkommen. Vor allem nicht bei Frauen.
Nun, Bukowski ist lange tot, so lange, dass man ihm in meiner Heimatstadt sogar eine Gedenktafel aufgestellt hat. Aber seine zitterndernde Säuferhand umfasst die meine noch aus dem Grab heraus, immer, wenn ich nach dem Wischlappen greifen will. „Tus nicht, sagt er, „werd nicht so wie deine Eltern.“ Ungezählte Putzplandiskussionen in meinen Wohngemeinschaften, grimmig geführte Beziehungsgespräche und viele Notfallaktionen meiner Mutter und meiner Schwester haben an meinem ehernen Grundsatz nichts geändert:. Der wahre Lebenskünstler zeigt sich durch das Chaos, das er hinterlässt.
Nur wenn meine Jungs zu mir kommen, greife ich vorher widerwilig zu Staubsauger und Wischmob, denn neulich fragte mich der Jüngste: „Papa, warum ist es bei Mama so sauber und bei dir immer so dreckig?“ Das saß tief. Natürlich ist es wertvoll für meine Jungs, ihr Immunsystem mit möglichst vielen verschiedenen Keimen in Kontakt zu bringen. Aber den Job hat ja jetzt Corona übernommen, und ich will nicht, dass sie sich ihres Vaters als dirty old man erinnern. Außerdem hat Dreck was Trauriges, etwas Entwürdigendes, etwas was einenan schlechten Tagen noch mehr herunterziehen kann. „Andere Männer bauen Hochhäuser, denk ich dann, „und du schaffst es noch nicht einmal, dein Klo zu putzten.“ Doch noch ist es nicht zu spät, ein neues Leben zu beginnen.
„Chemie bringt Schönheit, Gesundheit und Brot“, hieß es in einem längst untergegangenen Staat, in dem es alles andere als sauber zuging. Aber vielleicht hatte die Partei wenigstens in diesem einen Punkt mal wirklich recht. Vielleicht brauchte ich einfach ein wirksameres Mittlel gegen den Dreck. Vielleicht brauchte ich einfach mal ein richtiges Erfolgsgefühl beim Putzen. Denn mit dem Bio-Neutralreiniger, den ich mindestens genauso lange benutze wie ich Bukowski-Bücher lese, wurde es nie so richitg blitzblank, so wie in der Meister Propper Werbung. Und in einer schwachen Stunde der Verfzweiflung griff ich bei dm mal in das andere Regal, da wo die richtige Chemie steht, die mit der Kraftformel. Hei war das eine Freude, als ich damit den verkusteten Herd einsprühte. Ein Wisch, und alles war weg. Und die Kacheln erst, die mit den Fettspritzern vom Pfannekuchenbacken, und der eingetretene Dreck auf dem PVC in der Küche- weg, weg, weg!
Es hatte etwas von einem Sieg, einem Sieg gegen einen lange gehassten, leisen aber hartnäckigen Feind, etwas von Befreiungskrieg und Entscheidungschlacht. Ich sprühte, kratzte und wischte, nahm den Herd in seine Einzelteile auseinander, überschritt siegesgewiss die Grenze zum Bad und wurde erst gestoppt, als ich merkte, dass sich meine Hände durch die Chemische Keule in rohes Fleisch verwandelt hatten. Ich betrachtete stolz mein Werk, legte eine kurze Gedenkminute ein für die Fische, die durch mein chlorreiches Abwaschwasser eines qualvollen Todes sterben würden. „Ich hatt einen Kameraden…“
Da sah ich die Frauen, die Frauen, die schon lange auf mich warteten. (Das wird die erste Geschichte auf diesem Blog mit einem Cliffhanger. )

Die heilige Katrin

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Quelle: Abgeordnetenhaus von Berlin

Wenn  ich nach der Arbeit heim komme und meinen Briefkasten aufmache, habe ich seit Jahren Angst. Angst vor einem Brief meiner Hausverwaltung. Dabei habe ich eigentlich nichts zu befürchten. Ich zahle Monat für Monat brav meine überhöhte Miete und pinkel nicht ins Treppenhaus. Und eigentlich sind die von der Hausverwaltung auch ganz nett. Der Garten wird einigermaßen in Schuss gehalten und wenn was kaputt ist reicht eine Mail und die Handwerker stehen vor der Tür. Und wenn sie mal da sind, haben sie die Order, gleich mal alles zu machen, was zu tun ist.
Als ich mich nach dem Winter wegen der undichten Fenster beschwerte, kamen zwei Wochen später die Schreiner. Und es waren keine gehetzten Billiglöhner aus der Ukraine. Sie kamen im von einer sozialen Einrichtung für behinderte Menschen. Sie  nahmen das Kinderzimmer zwei Tage in Beschlag, bauten in aller Ruhe die Fenster aus und Dichtungen ein, hobelten noch die Türen in der Speisekammer ab und bauten das alte Schloss aus der Wohnungstür. Die gehobelten Holzstellen überpinselten sie mit einer weißen Tünche. Das konnte nicht so bleiben. Eine Mail reichte, und auch die  Maler rückten an. Alter Berliner Handwerkeradel. Sie strichen komplett alle Fenster neu, die Speisekammer und die komplette Wohnungstür in einem modernen, grünlich schimmerenden Schiefergrau. Jetzt sind die Nachbarinnen neidisch.

Wieso also die Angst? Weil  ich vor drei Jahren, gleich nach meinem Einzug die Hausverwaltung auf die gesetzlich zulässige Miete verklagt habe. Und die liegt nach meiner Rechnung 150 Euro unter dem was ich bezahle. Ich habe das nicht über einen Anwalt gemacht, sondern über eine Firma, die sich auf die Berliner Mietpreisbremse spezialisiert hat. Mietright hießen  die damals, inzwischen heißen sie anders. Ich kam mir vor wie Robin Hood. Ich klage, damit die raffgierigen Kapitalisten einen Schlag in die Fresse bekommen und sich nicht mehr trauen, von mir und anderen unverschämte  Mieten zu verlangen. Meine Kollegen wünschen mir schon viel Spaß beim Umzug. Denn eins war klar: Kein Vermieter würde  sich so  was bieten lassen.
Die Legal-Tec-Firm hat sich viel Zeit gelassen mit ihren Schreiben und  der Klage, denn sie verdienen an der zurückgezahlten Miete. Sie sind so eine Art Inkassobüro. Je länger der Prozess dauert, desto mehr Rückzahlung, desto mehr Profit. Ab und zu habe ich angefragt. Seit einem Jahr liegt die Klage bei Gericht und das Damoklesschwert der Kündigung über mir.

Aber dann kam Katrin. Heilige Katrin, Beschützerin der Armen, Fürsprecherin der Witwen und Waisen. Oh Katrin, du raffgierige Senatorin, du Herrin feudaler Günstlingswirtschaft. Gebenedeit seist du unter den Weibern und gebenedeit sei die Frucht deines Geistes. 
Katrin Lompscher, Bausenatorin von der Linken. Sie setzte neben die Mitetpreisbremse den Mietpreisdeckel. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat. Aber auf jeden Fall scheint das Gesetz Zähne und Klauen zu haben. Denn im Frühjahr kam ein Brief des Vermieters, in dem er mit Schaum vor  dem  Mund gegen das Gesetz wetterte und behauptete, meine Miete sei rechtens. Ich tat nichts, denn ich wollte ihn ja nicht noch mehr reizen. Ja und  gestern lag wieder ein Brief im Kasten. Wieder vom Vermieter, der inzwischen gewechselt hatte, aber gleiche Adresse und wieder mit  Schaum vor dem Mund – und mit einer wundervollen Abrechnung im Anhang. „Baujahr 1930, Wohnlage einfach“ stand darin. Ab Dezember zahle ich sage und Schreibe 246 Euro weniger Miete, ohne dass  ich etwas getan hätte. „Wir werden den verminderten Betrag von ihrem Konto einziehen.“ Wenn das Gesetz die Prüfung vor dem Verfassungsgericht besteht (was bei der Mietpreisbremse  gelungen ist) gilt dieser Betrag für die nächsten fünf Jahre. Fertig.

So müssen Gesetze sein. Vielen Dank, gesegnete Katrin. Ich werde dir gottlosen Kommunistin in der Kirche eine Kerze anzünden. 

Gute Nachbarschaft

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Also die Särjge, die wern ja jetzt vaschweißt. Dit sieht ja nich jut aus, aber die wern ja sowieso vabrannt. Bisher ham wer alle, die mit Corona jeschtorm sin vabrannt.“, lässt mich meine stämmige Nachbarin aus dem Parterre wissen. Und wenn sie schon mal dabei ist, erzählt sie von den Details. Schwierig sei das mit den Angehörigen. Da passen ja jetzt nicht mer so viele in die Kapelle zur Aussegnung. Bei den Orthodoxen sei das ein Problem. Da würden die 50 Plätze nicht reichen. Da wären 200 keine Seltenheit. Da müsse auch mal die Polizei kommen. Ich lass sie reden. Reden von 40 Meter langen Wasserschläuchen, die sie schleppen muss, von Leichen, die „angeliefert“ werden und von ihren Gelenken, die nicht mehr mitmachen. Ich bin so froh, dass sie da ist. Noch vor zwei Stunden war Sie für mich die brummige Alte, die sich beschwerte, wenn die Jungs um 10 abends immer noch in meiner Wohnung rumtoben. Da stand sie einmal vor der Tür und sagte, dass sie Früh um Fünfe raus muss. Aber wach is sie eh schon umd Dreie, das hat sie mir auch schon mal erzählt. Dabei hat es ihre Kundschaft nicht eilig. Sie ist Friedhofsgärtnerin. Und sie ist ein Engel.

Als ich einzog hat mich die alte Hausmeisterswitwe aufgeklärt: Also die da, da brauchen sie nicht denken, dass sie da mit Sachen weiter kommen, die Frauen so gefallen. Die lebt nur für ihre Katzen. Und um den Garten kümmert sie sich. Aber ihren Sohn – der hat da gewohnt wo sie jetzt wohnen – da hat sie selber die Polizei geholt, als der bis in die Nacht gefeiert hat.“ Ich war also gewarnt. Über meiner alten Wohnung gab es auch so eine Frau mit dünnen Nerven. Meine Jungs nannten sie „die Frau mit der Ente“. Den Namen hatte ihr die Großmutter der Kleinen gegeben, damit die Zwillinge keine Angst mehr vor der keifenden Furie hatten, die uns mit Anrufen und nächtlichen Besuchen malträtierte, während wir ratlos vor fieberenden und hustenden Kindern standen. Irgendwann hat sie dann die fiesen Tricks rausgeholt. Abends um sieben stand plötztlich eine Streife vor unserer Tür. „Ein Bewohner des Hauses hat uns einen Verdacht auf Gefährdung des Kindswohls gemeldet. Dürfen wir mal reinkommen?“ Da war gerade eine Stunde vorher einer der Zwilinge aus dem Hochstuhl gekippt und hatte eine dicke Beule am Kopf. Rabeneltern wir. Die Beamtin schaute sich in unserer Wohnung um: Kinder-Chaos, Ein 1 Meter mal 1 fünfzig großer Kunstdruck von Ikea überm Sofa und ein bisschen was Antikes, zusammengwürfelt aus zwei Wohnungen. Modernes Neubürgertum. Für den Wedding, wo über die Hälfte der Kinder von Sozialleistungen leben, muss das ein beruhigendes Ambiente gewesen sein. Unsere Hebamme kam immer zu uns, um sich von dem Elend, was sie sonst den ganzen Tag sah, zu erholen. „Na scheint ja alles in Ordnung zu sein.“, bescheinigte uns die Staatsmacht und verabschiedete sich. Auf die Beule hatten sie gar nicht geschaut. Die Die Frau mit der Ente hat sich danach noch mit ein paar anderen Nachbarn angelegt und musste kurz nach mir ausziehen, nachdem die lauten Nächte mit meinen Zwillingen mir selber die Nerven dünn gemacht hatten.


Seither sind viele Jahre vergangen. Die Sorgenkinder von damals spielen im herbstlichen Hinterhof in milden Sonnenstrahlen. Sie haben mit ihren Taschenmessern ein paar abgebroche Äste durchgesäbelt. Das reicht ihnen, um die Wiese in einen Kampfplatz für das Schwertduell zwischen Prinz John und Robin Hood zu verwandeln. Auch der kleine Bruder darf ausnahmsweise mitmachen. Ich glaube, er ist Brother Tuck. Alles ist wunderbar, wir haben sogar noch Kuchen vom Laternenfest übrig. Alles könnte so schön sein. Aber mir fehlt eine Dosis Koffein. Elende Drogensucht. „Jungs, sage ich, ich gehe mal kurz rüber ins Cafe und hole mir einen Becher Kaffee. Bin gleich wieder da.“ Wir haben das schon oft probiert. Mal 10 Minuten weg sein, zum Einkaufen. Da hatte ich das Handy dabei und den Jungs zu Hause die Telefonnummer eingespeichert. Alles gut. Und weil das so gut lief, schaue ich gar nicht, ob ich das Handy dabei habe. Wird schon gut gehen. Mein letzter Blick fällt auf meinen Sohn, der mit der groben Klinge die Rinde von einem Stock schält. Wir ja wohl nicht gerade jetzt was passieren.
Zum Cafe sind es nur zwei Minuten. Doch vor dem Cafe ist eine Schlange. Junge Menschen mit Mundschutz. Ich hatte Corona vergessen. Und es ist Sonntagnachmittag um vier. Die Kaffee und Kuchen-Tradition scheint über die Generationen hinweg eine der letzten Bastionen der Normalität in diesem Land zu sein.
Es müssen mehr als 10 Minuten gewesen sein, als ich mit dem Kaffeebecher zurück in den Garten komme. „Da bist du ja endlich!“ rufen die Zwillnge vorwurfsvoll. „Wir sind überall rumgelaufenen und haben dich gesucht.“ Und ich sehe das Blut auf dem Anorak des Kleinen und den dicken Pflasterverband um seinen Daumen. Er ist ganz still. Dafür klagen seine Brüder: „Das hat ganz stark geblutet und wir haben im Treppenhaus nach dir gerufen. Ich bin auch in das Cafe gelaufen, aber du warst nicht da. Und dann ist die Haustür zugefallen und ich habe Sturm geklingelt…“ Gefährdung des Kindswohls, kommt es mir durch den Kopf. Ich sollte ein schlechtes Gewissen haben, hab aber keins. Ich nehme den Kleinen auf den Schoß, krame nach Bonbons in meiner Hosentasche. „Frau Lehmann ist dann rausgekommen, und hat ein Pflaster drauf gemacht.“ Obs noch weh tut, frage ich den Kleinen und er schüttelt tapfer den Kopf. Dann schaue ich mir das Pflaster an. Es sieht so aus, wie ein Pflaster, das sich eine Gärnerin um die Finger macht, wenn sie sich mal wieder geschnitten hat: Dickes Hasaplast, drei Mal gewickelt. Ich danke dem Himmel für Frau Lehmann.

„Da hamse aber Glück jehabt, dass ich da war. Ich wollt zum Geburtstag von meinem Neffen. Hab dann aber überlegt, wegen Corona.“ „Und“, frag ich, „ist es tief?“ „Nee, grinst sie, „nur een Kratzer. Aber dickes Pflaster beruhigt doch, oder?  Jetzt schau ich doch ein bisschen betröppelt. „Na“, sagt sie, „das nächsemal nich wegjehn wenn die Taschenmesser draußen sind.“ Ich bedanke mich nochmal. Und dann mache ich mit den Jungs die Fotosafari durch den Hinterhof, die ich ihnen versprochen habe.
Wolln se mal kieckn, was die Kleenen so jesehn ham?