National befreite Zone

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Unser Hausmeister hat national geflaggt. Seit der Weltmeisterschaft im Sommer hängt in unserem schattigen Hinterhof neben Sandkasten und Teppichklopfstange die Deutschlandfahne. Sie macht keinen erhebenden Eindruck, wie sie  da an einer viel zu dünnen Stange mit Kabelbindern festgezurrt ist. Nix deutsche Wertarbeit – handwerklicher Murks, wie alles was unser Hausmeister macht. Dafür kann er gut Verbotsschilder basteln. Mit dem Lötkolben hat er ein Holzbrettchen bearbeitet, das jeden Winter die Benutzung des Hofes bei Glätte verbietet. Die Zeit hätte er mal besser zum Streuen bei Glatteis verwendet, der faule Sack. Er hängt auch gern Verbotsschilder im Treppenhaus auf: Dass das Radfahren verboten ist und dass die Kinder leise zu sein haben. Neulich hat er es aber übertrieben. Nachdem der Aufzug mit dem robusten Gefängnisschließer aus dem vierten Stock stecken geblieben ist, hat der Hausmeister ein Schild aufgehängt, als Hinweis, dass der Lift maximal 300 Kilo trägt. Das hat der Schließer persönlich genommen, so als Hinweis auf seine Körperfülle und die seiner Frau. Hei, war das ein Geschrei vor der Hausmeistertür. Jetzt haben sich beide gegenseitig wegen Beleidigung verklagt und reden nicht mehr miteinander. Ja, ja es wird viel geschrien in unserem Treppenhaus. Als die Frau des Hausmeisters mal wieder vor unserer Wohnungstür stand, um sich über den Krach unserer Jungs zu beschweren, kam unsere Nachbarin zur Hilfe. Wie eine Furie stürzte sie sich auf die nölende, schlecht blondierte Hausmeistersgattin und fuhr sie an, dass die Kinder das Recht hätten zu schreien, und dass sie, als Hausmeistersfrau, doch erst mal lernen sollte, jeden im Haus ordentlich zu grüßen und so weiter. . Der Nachbarin haben wir eine Flasche Wein geschenkt. Die Hausmeisterin ist nie wieder aufgetaucht. Dafür hat sie uns ganz heimlich die Polizei auf den Hals gehetzt – Verdacht auf Kindesmisshandlung. Das saß!

Als wir uns vor einigen Jahren die Wohnung in diesem Haus angeschaut haben, betonte  der Hausmeister, dass er und die Hausverwaltung darauf achten, dass in dieses Haus nur  deutsche Mieter einziehen. Damals hat uns das beruhigt, heute wissen wir, was das bedeuten kann.

Bereicherung

Irgendwas war anders in Berlin. Aus dem winterlichen Alltagsgrau, aus Strickmützen und Allwetterjacken schienen auf den Straßen plötzlich ein paar Lichtpunkte auf. An der Ecke Wilhelmsstraße/Unter den Linden, wo sonst frierende Touristengruppen  in dicken Daunenjacken zum Brandenburger Tor strömen, schwebte gestern eine Frau in einem weiten, luftigen, schreiend rotkarierten Poncho auf hohen Plateeausohlen auf mich zu. In der S-Bahn entdecke ich eine besondere Sorte dünner Mädchen in viel zu dünnen Jacken. Und selbst im Nefis, meinem Döner-Laden am Kottbusser Damm war ich abends um halb zehn nicht mehr alleine mit jungen Türken in Lederjacken, die dort mit ihren Kumpels groß auftrumpfen, kleine Geschäfte machen und mit ihren Handys wichtig tun. Gestern saßen dort junge Männer beiderlei Geschlechts, die sich zu kleiden wussten. Jedes Detail stimmte und die Frisuren saßen (ansonsten trumpften sie groß auf, machten kleine Geschäfte und taten mit ihren Handys wichtig). Nach einer Weile verschwanden sie alle über die Straße, um sich vor dem  hell erleuchteten Künstlerhaus Bethanien in die Schlange für die nächste Show zu stellen.

Es war Fashion Week in Berlin und ich bin froh über die Schönheitsjünger, die dem Wetter trotzten und dem Ernst des Lebens. Und für ein paar Tage machten sie die graue Masse, die sich über die Berliner Straßen schiebt, für mich etwas leichter und erträglicher.

Himmelblaue U-Bahn

In der U8 von Wedding nach Neukölln. Im Fahrradabteil halte ich mein geliebtes Ross  quer vor mir fest und blockiere so alle Sitze. Unbeeindruckt von meiner Sperre drängt sich neben mich eine kräftige Frau mit hellblauem Halstuch. Darüber ein Gesicht, das an  an viele Sonnentage in der Steppe denken lässt; Kasachstan vielleicht oder Mongolei. Wir schweigen nebeneinander. Plötzlich knufft sie mich in die Rippen und deutet mit ihrer breitgearbeiteten braunen Hand auf mein Rad. Erst denke ich, ich habe sie mit dem Rad eingeklemmt und sie will sich beschweren. Da sehe ich, dass sie lacht, und dass ihr Finger auf eine kleine grüne Spinne deutet, die sich langsam von meinem Lenker abseilt. Die Frau steigt an der nächsten Station wortlos aus. Sie muss sich sehr nach etwas Lebendigem sehnen.

No milk today

baby_trinkt_milch

Samstagabend, kurz vor Ladenschluss. Die dicke schwarze Frau mit dem Kinderwagen und ich sind die letzten Kunden im dm-Drogeriemarkt Müllerstraße. Ich suche Windeln und sie etwas zu Essen für Ihr Baby. „Do you speak English?“ wendet sie sich nach ihrer erfolglosen Irrfahrt durch die Gänge an die Verkäuferin. „I will try“, antwortet die freundlich. „Babymilk, Aptamil please.“ „No Aptamil, perhaps monday“, radebrecht die Verkäuferin zurück. Die Mutter zuckt resigniert die Schultern und schiebt ihr Kind hinaus in die Nacht. Eine afrikanische Mutter mit einem hungrigen Kind wird weggeschickt. Ich wittere latenten Rassismus wenn nicht Schlimmeres und stelle die Verkäuferin zur Rede: „Wieso haben Sie der Frau kein Aptamil mehr verkauft?“ „Weil wir keins mehr haben. Es gibt bestimmte Bevölkerungsgruppen, die kaufen alles auf was wir herein bekommen und schicken es in ihre Heimat.“ „Und wo ist diese Heimat?“, frage ich. „Na in China. Da gab es vor Jahren einen Babymilchskandal, seither kaufen die hier alles auf und schicken es nach Hause. Wir haben schon versucht es einzuschränken und haben nur noch drei Packungen pro Person verkauft. Aber dann kamen sie einfach fünfmal am Tag.“ Nachdenklich stopfe ich die Windeln in meine Packtaschen und mache mich auf den Heimweg. In Berlin müssen afrikanische Kinder hungern, weil in China die Eltern dem Babymilchpulver nicht mehr trauen können. Bisher dachte ich, dass die Globalisierung alle Waren dieser Welt in die reichen westlichen Länder schaufelt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen dabei, aber war doch froh, dass im Supermarkt die Regale immer voll waren. Jetzt beginne ich zu ahnen, wie sich Afrikaner fühlen müssen.

PS: Inzwischen hat die Firma Aptamil reagiert und einen Notruf für Mütter eingerichtet, die vor leeren Regalen stehen. http://www.aptawelt.de/warenverfuegbarkeit

In der Backstube

Die kleine „Backstube“ in der Transvaalstraße ist ein trauriger Ort. Blasse Gestalten stehen da zwischen Aufbackbrötchen, Berliner Kurier und Bier. Ein Regal mit Süßigkeiten verspricht ein kurzes Glück für die Kinder, die morgens in die Anna Lindh-Grundschule hasten.

Herein kommt ein Mädchen mit Kopftuch, etwa vierte Klasse. „Ich will von den Schlümpfen da,“ sagt sie direkt und deutet aufgeregt auf die durchsichtigen Plastikkästen in denen es Gummibärchen und anderes buntes Getier gibt. „Ich möchte“, antwortet die Verkäuferin mit deutlich osteuropäischem Akzent. „Ich möchte“, wiederholt das Kind automatisch, „und dann will ich noch fünf saure Schlangen“. „Ich möchte“, wiederholt die Verkäuferin im stoischen Tonfall einer erfahrenen Pädagogin und erntet dafür einen anerkennenden Blick von mir. „In der Schule lernen sie das ja nicht“, erzählt sie mir später. „Hier können sie in der vierten Klasse noch nicht mal zusammenrechnen was vier Schlangen für fünf Cent zusammen kosten.“ Dann zeigt sie stolz auf die Uhr, die neben der schäbigen Deutschlandfahne hängt. „Die habe ich acht Minuten vorgestellt, damit die Kleinen denken, dass sie zu spät dran sind und sich beeilen. Dann schaffen sie es noch bis um acht in die Schule.“

Max Goldt schrieb vor langer Zeit: „Was Berliner Bäcker backen, backen andere Bäcker besser“, und er hat noch immer Recht. Aber was Berliner Bäckereiverkäuferinnen jeden Tag vollbringen, das soll ihnen erst einmal einer nachmachen. Weiterlesen

Pommes I

Am Curry 36 am Bahnhof Zoo

Sie ist eine dieser superschlanken Frauen aus Äthiopia oder Somalia, so eine Naomi Champell, von denen man meint, dass sie von Luft und Wasser leben. Aber diese Wüstenschönheit hat Appetit. Sie beißt in eine knackige Bratwurst,  schnappt sich hemmungslos noch ein Stück Currywurst von ihrem schweigsamen Begleiter und schwärmt: „Ach ich könnte noch eine vertragen, aber beim zweiten Hunger schmeckt es dann doch nicht mehr so gut.“

Das wär’s doch, denke ich, Currwurstbuden nach Somalia. Das sollte ich mal dem Roten Kreuz vorschlagen, bevor die da wieder ihre alten Ein-Mann-Rationen von der Bundeswehr verteilen.

Als ich gehe sehe ich ich die Genießerin wieder am Thresen – mit einer neuen Portion Currywurst rot-weiß.