Comfortly numb

Wenigstens Aldi bleibt zuversichtlich. Wenn sogar Aldi Nord und Aldi Süd zusammen arbeiten können, dann sollte es doch auch woanders klappen. Das Schild sehe ich auf dem Parkplatz, der der Treffpunkt der Autofahrer in der Vorstadtsiedlung ist. Mehr kriege ich von der Weltpolitik gerade auch nicht mit. Nach 14 Tagen Kinderkram und Teenagergeheule im Eigenheim kam gestern meine Ablösung im silbernen Audi hereingeschwebt: Die Schwiegermutter übernimmt meinen Part als „bad guy“ im Haus der Mutter meiner Kinder.
14 Tage im Morgengrauen drei Jungs aus den Betten werfen, die natürlich bis in die Nacht Bücher gelesen/Radio gehört/Handy gespielt haben, die ich nicht rechtzeitig unter ihren Kopfkissen/Matratzen/Schlafanzughosen gefunden habe, dazwischen ein bisschen Homeoffice und die kranke Mutter zum Arzt fahren, ein bisschen über Pädagogik streiten und über die Frage, ob das jetzt Pubertät oder seelische Erkrankung ist. Ein bisschen Einkaufen und der Versuch eines gemeinsamen Abendessens, der meist scheitert. Danach dann Posten beziehen vor den Kinderzimmer, dass nicht wieder einer ins Bad abhaut, und auf dem Klo sein Handy rausholt, oder bei der Mutter unten Drama macht (um das weggenommene Handy wieder zu kriegen). Dazwischen Einlagen in Freistil-Ringen zwischen mir und zwei 13-Jährigen. Zwei Mal 13 gegen ein Mal 63, das geht nicht gut, das wird laut, abends um 10 oder 11. Und danach noch ein müdes Gespräch zwischen den Eltern. Und dann lange kein Schlaf. Zum Glück hat mir der Arzt „Fathers Little Helpers“ verschrieben, damit ich wenigstens ein paar Stunden die Augen zu machen kann.

Jetzt wieder in Berlin. Bis in die Puppen geschlafen. Der Kopf ist leer. So leer, dass ich mir nicht vorstellen kann, noch mal einen klaren Gedanken zu fassen. Kein unangenehmes Gefühl, wenn man nichts vorhat. Um drei Uhr wenigstens einmal raus auf die Straße. Und an dem, was ich mache, merke ich, was mir gefehlt hat. Einmal zu Tobis Backwaren, einer Bäckerei mit 60er Jahre Einrichtung, die jetzt von einem munteren türkischen Paar geführt wird. Der junge Chef ist ein lustiger Alleinunterhalter, der einfache, laute Sätze macht und spielend von Deutsch ins Türkische wechselt, mit einer Kundin flirtet, seine Frau, deren grünes Kopftuch alles andere als züchtig um den Kopf drapiert ist, in den Arm dabei nimmt und als ein stark schwäbelnder Gast meckert: „Noch einen Cappucino bitte. Der erste war ein bisschen klein!“ kontert er lachend: „Der war zu gut! Den haben sie zu schnell getrunken.“ Dann dackele ich weiter zum City Kino. Die letzten Monate habe ich „Mufasa – König der Löwen“ und „Sonic, the Hedgehog 3“ und viele YouTube-Clips mit Fußballsongs sehen müssen. Deshalb wäre Art House Kino jetzt mal wieder schön, aber jenseits meiner Auffassungsfähigkeit. Die Einladung zur Berlinale hab ich ungenutzt zurückgegeben. Neben dem Kino ist eine Telefonzelle, die zur Bücherbox umgebaut wurde. Dort setze ich mit einem alten dtv-Bändchen: Der Jesus -Prozess. Ein bisschen Verschwörungstheorie geht immer. Sonst lese ich nur noch Krimis. Die Bücherbox ist rege besucht am Sonntagnachmittag. Menschen meines Alters grüßen mich freundlich, geben sich höflich die Klapptüre in die Hand und ich frage mich, was sie gerade von dem müden Mann auf der Bank denken, in seinem blauen Marine-Parka und der ollen Jeans mit dem vergilbten Bändchen in der Hand. Aber auch der Gedanke bleibt nur kurz im leeren Hirn hängen. Als ich nach Hause komme, stellt meine Nachbarin zwei Flachbildschirme in den Flur. Die Großmutter, von der sie den alten Mietvertrag von 1956 übernommen hat (640 Euro brutto kalt), ist im Altersheim gestorben. Jetzt habe ich nach 10 Jahren wieder einen Fernseher, geschenkt! Vielleicht kommen meine Jungs dann wieder mal zu mir, um Sportschau zu gucken.

Das andere Leben

Die Briefmarken gibt es hier in der Apotheke. Ich hatte gefragt, ob man in dieser Einkaufswagenburg aus Aldi, Rewe und dm, die um einen quadratischen Parkplatz gebaut wurde, irgendwo Briefmarken für die Weihnachtspostkarten kaufen kann. „Ne, weiß ich nicht. Weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal eine Postkarte geschrieben hab.“, sinniert die Apothekerin jovial. Dann greift sie unter den Ladentisch und holt eine Rolle Marken hervor. „Aber ich kann ihnen ein paar von unseren geben. Aus der Portokasse, sozusagen. Wieviel brauchen sie denn?“. So ist das hier. Die Bedürfnisse werden von Aldi, Rewe und dm und der Tankstelle völlig befriedigt. Was es hier nicht gibt, braucht hier keiner. Etwas anderes gibt es sowieso nicht. Oder doch? Es gibt noch einen Rewe auf der andern Seite der Bahn, und einen Norma, und vorne an der Kreuzung, neben dem Rathaus und der Schule und der Mehrzweckhalle gibt es Kaufland (und einen Post-Shop, das weiß ich inzwischen) und Rossmann und ein paar Dekoläden. Ich bin im Speckgürtel von Berlin.

Seit zwei Wochen wecke ich die Kinder um halb sieben, scheuche sie die Treppe runter. Zwei fahren Rad, einer mit dem Bus. Wenns gut geht. Danach an den Laptop, mit dem ich hier ein provisorisches Homeoffice aufgebaut habe. Die versehrte Mutter hat sich noch mal hingelegt um das geschiente Bein zu schonen. Wenn ich zumeiner Zahnärztin nach Kreuzberg will, bin ich eine Stunde unterwegs, zur Arbeit auch. Reine Fahrzeit, wenn die S-Bahn mal kommt. Ich lerne wieder Auto fahren. Um die Kinder zu kutschieren. Zum Sport, und wenn einer partout nicht radeln will im Dunkeln. So ein Leben wollte ich nie. Jetzt muss es sein. Hatte ich je ein anderes? Vermisse ich den täglichen Rausch auf den überfüllten Straßen des Wedding? Die Dönerbuden, Asialäden, den Park, die vielen kaputten, die verrückten und die vielen anderen Leute? Den täglichen Kick auf den Fahrradstreifen beim Überlebenstrrainig auf dem Weg zur Arbeit? Das Yoga in Mitte?

In rosa Gartenschuhen bringe ich die Restmülltonne an den Straßenrand. Der erste meiner Jungs kommt mit dem Rad angeflogen, zurück von der Schule. Er ist freundlich, obwohl es heute Morgen großes Gezeter gab. Drei Speichen sind gebrochen. Ich baue das Rad aus und fahre zum Radladen, der neben dem anderern REWE liegt. Ist morgen fertig. Auf dem Rückweg kaufe ich ein Kilo Brot bei Steinecke. 6, 50 Euro für ein Kilo, geschnitten. Inzwischen kenne ich die Preise und es schmeckt halt wie es schmeckt und morgen brauchen wir schon wieder eins. Bei mir hielt das Bio Brot von der hippen Hansi Bäckerei eine Woche. Irgendwie liebe ich es zu funktionieren und bei allem Geschrei und Gezeter gebraucht zu werden.

Weddings wunderbarer Waschsalon

Es ist Sonntagmorgen um 12 Uhr in der Müllerstraße. Ich knattere mit meinem Moped ziellos durch die Straßen. Die Cafes und Imbissbuden gähnen leer vor sich hin und auch auf der Straße ist nichts los. Kaum Verkehr. Nur vor einem Laden stehen Menschen: An der runden Ecke zur Liverpooler Straße hängen grüne und silberne Luftballons über der Türe des Waschsalons, der lange Zeit geschlossen war. Und es sind jede Menge Kunden da, die drinnen ihre Wäsche in die Maschinen stopfen. Draußen vor dem Laden warten Männer, bis ihre Wäsche trocken ist. Die großen silbernen Trommeln drehen sich wieder.

Ich wollte immer mal in einen Waschsalon. Wer die 1980er Jahre erlebt hat, erinnert sich an die kultige Levi’s‑Jeanswerbung, in der ein gut gebauter junger Mann sich unter den staunenden Augen der weiblichen Kundschaft in einem Waschsalon aus seiner hautengen Hose schält, oder an den Film von Stephen Frears “Mein wunderbarer Waschsalon”, in dem eine Wäscherei für einen Migranten aus Pakistan und seine Freunde im kalten London der Thatcher-Zeit zum Hoffnungsort wird. Besungen wurden die Salons in der Zeit auch gerne. Im experimentellen Industrial-Stück “Berliner Waschsalon” von Frieder Butzmann oder im fröhlichen Rocktitel “Isch jon so unwahrscheinlich jehn mit dir in de Waschsalon” der Kölner Rock-Band BAP. Die Salons galten als cooler Treffpunkt von unangepassten Helden, die garantiert ihre Wäsche nicht mehr bei Mutti waschen ließen. Vor allem nachts glänzte ihr Licht hell und machte sie zu Inseln des großstädtischen Lebens und zum sicheren Ort für ungewöhnliche Begegnungen von schrägen Vögeln, einsamen Herzen und verlorenen Seelen. Mein Waschsalon war im Keller unseres Schwesternwohnheims. Hier traf man vor den robusten Miele-Waschmaschinen nur Leute, die man auch bei der Arbeit traf. Aufregende Begegnungen hatte ich mir anders vorgestellt. Später sollten die Salons gemütliche Kiez-Wohnzimmern sein, wie Freddy Leck in Moabit. Aber da hatte ich schon längst eine eigene Waschmaschine, die wir ununterbrochen mit Baumwollwindeln beschäftigten, bis wir es satt hatten, und auf billige Papierwindeln umstiegen, die uns ein Freund vom Laster auf dem Polenmarkt besorgte. In unserer Straße gab es einen von der EU geförderten Waschsalon, der als sozialer Begegnungsort aufgebaut werden sollte. Aber tagsüber wurde man von Nachbarskindern angebettelt, die von ihren Eltern nichts zu Essen mit in die Schule bekommen hatten (und die man 50 Cent für eine Packung trockener asiatischer Tütennudeln glücklich machen konnte) und nachts wurden die unbeaufsichtigten Maschinen immer wieder durch Vandalismus zerstört. Nach und nach gingen in dem Salon die Lichter aus.

Nun also ein Neustart. Vor dem Salon treffe ich Andy, der eine Dreiviertelstunde warten muss, bis seine Maschine fertig ist. Er ist Ende 20, sportlich, Basecap und Jeans, arbeitet in der Gastronomie. Er ist mit seinem kleinen Sohn da. Seit zwei Jahren wohnt er bei einem guten Freund im Afrikanischen Viertel und sucht eine Wohnung hier, in der für ihn und seinen Sohn Platz ist. Bislang Fehlanzeige. Er ist froh, dass der Waschsalon wieder aufgemacht hat. Und es sei besser als vorher. “Der alte Laden hatte zwar gute Maschinen aus Schweden, aber Probleme mit dem Wasser. Da war manchmal Dreck drin, der dann auch in die Wäsche gekommen ist.” Es sind erstaunlich viele Männer hier. Die einzige Frau im Laden legt die Wäsche für ihren alten Vater zusammen. Der Vater erzählt mir, dass er seit 20 Jahren in einer kleinen 1,5 Zimmerwohnung wohnt, eine Dienstwohnung der Bundeswehr in der Cité Jofre. Da passe keine Waschmaschine rein. Aber er komme gerne hierher, sagt der ehemalige Soldat, auch wegen der Gesellschaft. Aber nicht nur Menschen, die keine eigene oder nur eine kleine Wohnung haben, gehören zur Kundschaft, die für 5 Euro 50 bis zu 6,5 Kilo Wäsche sauber mit nach Haue nimmt. Ein Nachbar, nennen wir ihn Wolfgang, ist heute mit seinem Bettzeug da. “Wenn sie alles auf einmal in eine Waschmaschine stecken wollen, dann kommen sie besser hierher. Und es geht auch schneller, denn zu Hause habe ich keinen Trockner.”

Angefixt von dem zufällig Gefundenen, mache ich noch am Abend eine Tour durch die Handvoll anderen Salons im Wedding. Was ich finde ist ernüchternd: Ein paar verlorene junge Männer und ängstliche ukrainische Frauen in kleinen Ladengeschäften, die vollgestopft sind mit einer notdürftig zusammengewürfelten Ansammlung von grauen Kisten mit verwirrenden Bedienungsvorschriften und vielen Verbotsschildern.

Immerhin hat die Pop-Kultur den Waschsalon wiederentdeckt. Schon von zehn Jahren nutzte Gott persönlich in der belgischen Komödie “Das brandneue Testament” einen Waschsalon als den geheimen Ort, an dem er vom Himmel auf die Erde kommt. Und im letztjährigen Oscar-Preisträger-Film “Everything everywhere at once” ist ein Waschsalon die Einstiegspforte für eine Parallelwelt, in der ein Kampf von Gut gegen Böse ausgefochten wird. Ein neues Abenteuer lockt. Ich geb den Salons also eine letzte Chance. Ich lass Waschmaschine mal eine Pause machen und geht in den Salon um die Ecke. Die Bettwäsche meiner Jungs braucht dringend eine Grundsanierung, auch weil einer gegen Staub allergisch ist. Und ich will wieder mal was erleben.

Shikedim, Shikedim

Wieder so eine Geschichte, die aufgeschrieben werden muss, die zu schade wäre, um vergessen zu werden. Gehe ich also gestern endlich mal vor die Tür, nicht so einfach um die Ecke, sondern nach Berlin-Neukölln. Das ist sozusagen das Paralleluniversum zum Wedding: Das Gleiche noch mal auf der anderen Seite der Stadt, aber mit noch mehr Dönerbuden, Handyshops und Hippster-Bars. Und es gibt den Heimathafen – eine Hinterhof-Bühne in einem prächtigen Gründerzeit-Saal, die etwas im Programm hat, was ich bei mir im Kiez vermisse: Türkischen Pop. Ernsthaft.

Als ich vor fast dreißig Jahren in Berlin ankam kriegte ich eine Kassette mit türkischen Popsongs in die Hand. Leierte ich dann von hinten nach vorn. Treibender Rhythmus, traurige Stimmen, passte zur Stadt. Tarkans „Kiss Kiss“ wurde dann später zum Hit, zumindest im „Radio Multkiulti“ vom rbb, das inzwischen eingestellt wurde, wie auch das politische Projekt gleichen Namens. De Film „Crossing the Bridge“ von Fathi Akim über die aktuelle türkische Musikszene hat mich dann nach Istanbul gebracht. Viel später kamen dann „Songs of Gastarbeiter“ und der Film „Liebe, D-Mark und Tod“, über die Musik der Gastarbeitergeneration. So, das muss man also wissen, um zu verstehen, warum ich einmal durch die Stadt gereist bin, um bei „Gasino Nights“ dabei zu sein, die mir eine Show mit deutschen und türkischen Schlagern der 90er versprachen. Vielleicht hab ich auch das, was meine Tochter FOMO nennen würde (Fear of missing out), Angst was zu verpassen, vielleicht wollte ich auch einfach mal raus und was anderes sehen. Immerhin ist es Sommer, auch wenn´s sich nicht so anfühlt.

Sitze ich also da, möglichst weit weg von der Bühne und der Band und alleine am Tisch, denn wenn ich etwas nicht mag, dann ist es von Entertainern zum Mitmachen animiert zu werden. Hat aber nix genützt. Nach ein paar netten Stücken von türkischen Interpreten wurde ein Saal-Quiz ausgerufen. Gehört anscheinend zu einem Gazino dazu. Filmmusik aus den 90ern erraten, die von der Band gespielt wird. Beim ersten kam ich noch mit (Pretty Woman) bei den weiteren verlor ich das Interesse und beim dritten merke ich plötzlich den grellen Saalscheinwerfer auf mich gedreht. Die Musik ist aus, der Saal verstummt und gefühlt alle Augen sind auf mich gerichtet. Hab ich die Hand gehoben? Ich hab doch gar nicht zugehört. Geblendet schmerzt mich das erwartungsvolle Schweigen aus ungezählten Mündern. Ich bin schuld dass der Abend versaut wird und ich bin verloren, ganz klar. Aber wir sind nicht im engen Prag Franz Kafkas, wir sind im quirligsten Teil von Berlin – der Stadt in der alles möglich ist. Und so wundert es mich gar nicht, dass so plötzlich, wie das Licht erschien, jetzt dieses Wesen neben mir auftaucht und „Palp Fickschn…“ flüstert. „Pulp Fiction!“, rufe ich in den Saal und ein Jubel erhebt sich. Eine bezaubernde Assistentin in glitzerndem Frack schwebt auf mich zu und überreicht mir, mit natürlich bezauberndem Lächeln eine Flasche Sekt. Ich bin der Gewinner des Abends! Das Licht geht aus und die Show geht weiter. We can be Heroes just for a day. Aber wir sind hier immer noch in Berlin-Neukölln. Hier gibt es nichts geschenkt. Das hätte ich wissen müssen. Hier gilt das Gesetz der Straße. Geben und Nehmen. Und besser Nehmen als Geben „Also ehrlich jesacht“, kommt es jetzt von rechts, „ist dit ja mein Schampus“. Das Wesen, das mir der Himmel geschickt hatte, war nicht in der Dunkelheit verschwunden, die mich jetzt wieder schützend umgibt. Und ich bin mir jetzt auch nicht mehr sicher, ob es wirklich vom Himmel kam. Ich hab im Dunkeln noch nie gut sehen können, aber ich vermute, dass es eine Frau ist, nicht besonders groß, Pferdeschwanz, die mich jetzt von der Seite anmacht. „Ick meine, ick hab mich neben sie jesetzt, weil wa heute Ahmd keen Jeld hatten, um uns was zu trinken ze koofen.“, kommt es mit Reibeisenstimme aus dem Off. „Und da dachten wir, ich jeh ihn ma een bisschen unta die Arme.“ „Und so ne Flasche Sekt wäre schon nett. Meine Freundin und ich sitzn da drübn am Tisch, wenn´s ihnen nix ausmacht.“ Einen Augenblick stutze ich: Geht das nicht eigentlich umgekehrt? Zuerst setzt sich die Animierdame an den Tisch und dann bestellt der Gast den Sekt? Aber da hat mein resoluter guter Geist schon drei Gläser besorgt, mich an den Tisch gelotst und ihre Freundin vorgestellt. Höchste Zeit die Bremse zu ziehen. „Ich trinke gar keinen Sekt.“, sag ich sauertöpfisch. “ Echt nich? Was trinken se denn? „Bier ist mir lieber“. Na wissene se wat, dann koof ick ihnen een Bier. Zu dritt is so ne Flasche eh n bisschen klein.“ Sagt’s und kommt mit einem Glas Frischgezapftem wieder. Doch ein guter Geist. Und was soll ich sagen? Es wurde noch ein richtig netter Abend. Natürlich kriege ich von den beiden beschwippsten Freundinnen mal im Duett, mal im Wechselgesang wie es nur beste Freundinnen hinbekommen, bald das ganze Leben meiner Wohltäterin erzählt, die, wie alle in Berlin, irgendwas mit Kunst, Selbsterfahrung und langen Reisen gemacht hatte. Ich weiß zwar nicht mehr genau, warum wir dann später am Tisch der Frauengruppe aus Marzahn landeten, aber ich weiß noch ganz genau, dass die türkische Trans-Frau, die als Höhepunkt der Show auftrat, das schönste Lächeln hatte und den besten Bauchtanz hinlegte, den ich je gesehen habe.

Selten so gelacht

Draußen ist es dunkel. Dicke Gewitterwolken hängen über den schmucklosen, heruntergekommenen Betonbauten. Gleich nebenan ist ein Stück vom Todesstreifen der Berliner Mauer erhalten geblieben. Niemandsland, mitten in der Stadt. Was habe ich hier zu suchen? In einem leeren, weiß gekachelten Raum sollen sich hier um halb sieben abends ein paar Menschen gereiften Alters treffen, sagte die Redakteurin unseres Kiezmagazins – um zu lachen. Stumm verfluche ich meine Neugier, die mich den Auftrag annehmen ließ und trete ein. Wenn man als Lokalreporter in einem Stadtteil wie Berlin Wedding unterwegs ist, kriegt man einiges zu sehen. Obdachlosenküchen, dubiose Asia-Restaurants und lesbische Lettinen, die in leeren Hinterhöfen Wolle spinnen. Alles da. Aber gelacht, gelacht hat hier noch nie jemand. Und ich, wann hab ich zum letzten Mal gelacht? Hab ich deshalb den Job übernommen?


Sie fängt mit Händeklatschen an. Klatschen, in die Hände klatschen. Das kann doch jeder. Da können alle mitmachen. Auch ich. Ja, aber auch das kann man lustvoller gestalten, meint die blonde Frau mit dem Flip-Chart. Nicht klatschen wie am Konzertabend, sondern so, wie es die Kinder tun – mit der ganzen Handfläche. So kommt Freude auf. Macht wirklich einen Unterschied. Und lachen, lachen kann doch auch jede und jeder. Wenn man es sich traut, vor anderen Menschen, die man nicht kennt laut los zu lachen. Wir fangen deshalb mit einem einfachen „Ha“ an und steigern uns dann schnell über „Ha Ha“ zu einem hölzernen „Ha Ha Ha!“ Na also, geht doch! Aber zu früh gefreut. Lachen lernen ist eine ernste Angelegenheit. Auf dem Flip-Chart steht jetzt die Deklination des Gelernten in die fünf Lachvokale auf dem Programm: Ha Ha, He He, Hi Hi und so weiter. Und alle noch ein Mal: Ha Ha, He He….Ich fühle mich ein wenig wie in dem Loriot-Sketch „Das Jodeldiplom“. Gleich werden wir wohl das zweite Lach-Futur bei Sonnenaufgang beigebracht bekommen. Aber so schlimm kommts nicht. Jetzt laufen wir im Raum umher, schauen uns an und natürlich – lachen uns an. Und weiter mit Berührung: Finger ausstrecken, Finger berühren, sich anschauen und: lachen! Langsam klingt es nicht mehr so blechern, manchmal kommt auch mal ein Jauchzen dazwischen oder ein albernes Kichern. Und immer wichtig: Blickkontakt! Wie soll man sonst wissen, ob jemand mit einem lacht oder über einen? Ich begegne dankbaren Blicken, fröhlichen aber auch immer noch skeptischen und zögerlichen. Liegt das an mir? Wie hört sich denn mein Lachen an? Wie schaue ich denn? Bin ich hier der einzige Mann? Nee, da hinten ist noch einer. Doch bevor mich allzu viele Selbstzweifel plagen werden wir schon wieder durcheinander gewirbelt und mit neuen Gründen für`s Lachen versorgt. So geht das fast eine Stunde und am Ende haben alle mal mit allen gelacht und alle Körperteile sind einmal durchbewegt worden. Lachyoga nennt sich das alles, hat aber eher was von Ringelpiez mit Anfassen in der Seniorentagesstätte.
In dem weiß gekachelten Raum, der früher mal die Waschküche des Häuserblocks war, hält sich die Fröhlichkeit nicht lange. Kaum hat die Lachlehrerin die letzte Übung von ihrem Flip-Chart abgelesen, werden alle wieder ruhig und reserviert. Wir helfen uns gegenseitig in unsere Jacken und einige rauchen draußen noch eine Zigarette zusammen. Die Gesichter sind entspannt, doch schnell landen wir wieder bei schweren Themen von Politik und Alltag. Unter einer verrosteten Eisenbahnbrücke, an einem Friedhof entlang, in dem das goldene Turmkreuz einer gesprengten Kirche liegt mache ich auf den Heimweg. War das wirklich ich, der da gelacht hat, und was soll ich jetzt schreiben?

Es geht weiter

Schon oft habe ich mir auf diesem Blog Sorgen um ihn gemacht, dachte, er wäre ein Opfer der Klimakrise geworden und habe ihm sogar ein aufmunterndes Gedicht auf den Weg gegeben. Es sah wirklich schlecht für ihn aus, von draußen: die Farbe abgeblättert, die Auslage verstaubt und dann war auch noch auf einmal ein Ladenfenster leer geräumt. Aber man soll sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen lassen. Und vor allem: Man soll nicht immer das Schlimmste denken. Und überhaupt: Wenn du denkst, es geht nicht mehr… Genau. Und so ist es auch hier ganz anders als befürchtet. Weder sind böse Kapitalisten im Spiel, noch wollen Hippster die Bude übernehmen. Es geht einfach weiter mit dem alten Laden, dem Laden mit den Madenautomaten, der so was wie ein Markenzeichen des Wedding geworden ist, und der bürgerlich „Angelhaus Koss“ heißt. Der Laden, an dem ich morgens immer auf dem Weg zur Arbeit vorbei komme. Und jetzt habe ich mich sogar getraut mal rein zu gehen und für unser Kiez-Magazin zu fragen, wies denn geht, und so. Und so einiges mehr. Und dabei habe ich viel darüber erfahren, dass Angler ganz anders sind als man denkt, dass das Internet nicht alle kleinen Läden kaputt macht und ich habe seit langem mal wieder einen sehr entspannten Menschen kennen gelernt: Alexander, den Mann hinter dem Madenautomaten. Der Herr der Fliegen, sozusagen.

Wird es weitergehen mit dem Angelhaus?

Ja, es wird weitergehen. Wir mussten einen Teil des Ladens räumen, weil das Haus grundsaniert werden muss. Es steht auf einer „Torfblase“. Das Gebiet wurde früher zum Torfstechen genutzt. Zuerst dachte man, dass das Haus komplett geräumt werden muss, aber jetzt könnten wir theoretisch wieder zurück in den alten Laden. Aber wir haben uns dafür entschieden, den Teil unseres Geschäftes, den für die Wetterkleidung, zu räumen und zu renovieren. Jetzt ziehen wir langsam hier rüber. Bis wir fertig sind, wird es noch eine Weile dauern. Aber wir werden wieder unser volles Sortiment anbieten: Angelgeräte, Wetterkleidung und Pokale.

Für einen leerstehenden Laden in der begehrten Gegend gibt es wahrscheinlich viele Interessenten.

Bei uns hat jeden Tag jemand nachgefragt, ob er den Laden haben kann. Ich habe auch nichts gegen die Veränderung im Kiez. Es gibt hier einen guten Zusammenhalt und man hilft sich untereinander.

Gibt es denn noch genug Kundschaft für einen so speziellen Laden?

Wir sind einer der wenigen Angelläden in Berlin, die noch durchhalten. Viele sind schon weggestorben oder haben aufgegeben. Unsere Kunden kommen aus ganz Berlin und Brandenburg.  Der Beratung wegen. Aber auch, weil man eine Angelrute oder eine Spule in der Hand gehabt haben muss, bevor man sie kauft. Und wir sind sehr bekannt in Anglerkreisen in Ost- und Westberlin. Als die Mauer aufging, wussten die Angler aus dem Osten genau, wo sie hingehen mussten.

Wandern nicht immer mehr Kunden ins Internet ab?

Wahrscheinlich. Aber wir kriegen auch junge, neue Kunden, die sich YouTube-Videos angeschaut haben und dann genau die eine High-Tech-Rute haben wollen, die sie im Internet gesehen haben. Mit einem Stock, einer Schnur und einem Korken, wie wir damals angefangen haben, fängt heute keiner mehr an. Alle wollen Raubfische angeln und an verschiedenen Plätzen angeln. Mir ist das recht. Wenn die Youngster 300 Euro für eine Rute anlegen wollen, können Sie die bei mir bekommen. Aber wir haben auch günstigere Angebote.
Einen echte Veränderung haben auch die Wetter-Apps gebracht. Wenn die Kunden sehen, dass es am Wochenende regnet, bleiben sie zu Hause.

Gibt es denn auch noch die schweigsamen älteren Männer, die sich alleine an den Kanal stellen – das alte Angler-Klischee?

Zum Angeln muss man nich Schweigen. Das ist ein Gerücht. Aber ja, es sind meistens Männer, die angeln. Durch alle Schichten hindurch. Arbeitslose, Sportler oder Ärzte. Aber es werden auch immer mehr Frauen. Gerade in der Coronazeit sind mehr Frauen gekommen. Die meisten angeln aber mit Ihrem Partner.

Kann man in Berlin überhaupt noch angeln?

 Es wird einem schon schwer gemacht. Man muss eine Prüfung ablegen, um einen Fischereischein zu bekommen und braucht eine Angelkarte von dem Pächter des jeweiligen Gewässers. Für den Plötzensee werden seit vergangenem Jahr keine Angelkarten mehr ausgegeben. Man kann sich natürlich auch an das Ufer des Nordhafens stellen. Das mache ich auch manchmal. Aber wenn es Starkregen gibt, sterben die Fische in den Kanälen oft massenhaft, wegen der Abwässer, die in die Kanäle abfließen, wie neulich im Landwehrkanal. Dann ist der Kanal voll mit toten Fischen. Und in Brandenburg ist es im Sommer an den Seen schwer noch ein ruhiges Plätzchen zu finden, wegen der Badetouristen. Da kann man sich dann nur noch mit einem Boot weiter helfen. Angler haben eben keine gute Lobby.

Sie sind jetzt 63 Jahre alt. Wie lange werden Sie weiter machen?

Weiß nicht. Ich weiß nur: Wenn ich hier aufhöre, bin ich in einem Jahr tot. 

Und den Madenautomaten, wird es den auch weiter geben?

Ja, er klemmt nur immer öfter, weil irgendwelche Leute Plastikscheiben oder Sonstwas in den Münzschlitz stecken. Und wir füllen ihn nur noch am Wochenende. Die Maden leben ja. Und bei der großen Hitze verpuppen sie sich schneller. Dann haben sie statt Köder irgendwann ganz normale Stubenfliegen in der Schachtel. Das sind oft ganz dicke Brummer.

Die Verdammten dieser Erde

Am meisten Spaß hatten mal wieder die Alkis. Zu viert standen sie feixend an ihrem Stammplatz hinter dem Kiosk im U-Bahnhof Wedding herum, standesgemäß mit speckigen schwarzen Klamotten, von Wind und Wetter ausgeblichener Kappe und einem Sternburger Pils in der Hand. „Vielleicht solltet ihr ein bisschen Öl nehmen.“, krähte mit seiner brüchigen Stimme der ausgemergelte Wortführer der Gruppe den gehetzten Pendlern zu, die vergeblich versuchten sich noch in die proppevolle U-Bahn zu quetschen. „Dann flutschst besser.“ Einer seiner apathischen Kumpels grunzte lakonisch von seiner Wartebank: „Nur keine Aufregung. In drei Stationen steigt ihr sowieso wieder aus.“ Womit er nicht ganz falsch lag, denn die U 6 ist nicht nur völlig überfüllt, sondern fährt nach der Haltestelle Wedding nur noch fünf Stationen, bevor sie ihre Gäste am Kutschi (U-Bahn Kurt Schumacher Platz) wieder in den kalten Schneeregen ausspuckt und in die schaukelnden Busse des Schienenersatzverkehrs mit ihren dreckblinden Fenstern zwingt, wenn sie weiter nach Norden wollen.
Warum bringen mich diese Elendsgestalten mit ihren blöden Sprüchen gerade auf die Palme? Warum warum würde ich ihnen am liebsten ihr Sterni gerne quer in den Hals schieben? Weil sie unverschämt gelassen sind und weil sie Recht haben mit Ihrer Schadenfreude. Denn bin ich nicht in der großen Herde der abhängigen Beschäftigten wie ein gehetztes Kaninchen von der S-Bahn in den U-Bahnschacht gerast? Und ist mir nicht trotzdem jetzt schon die dritte Bahn vor der Nase weggefahren, weil ich nicht mehr rein komme? Ich bin einfach zu höflich. Wie eine Wand stehen die zusammengepressten schwarzen Daunenjacken vor mir in der Eingangstür wenn das Signal und das barsche „Zurückbleiben bitte“ des Zugführers ertönt. Vielleicht sollte ich genau so frech werden wie die Zottels auf der Bank. Schon seit zwei Wochen redet sich die BVG darauf heraus, dass irgendwelche Idioten auf der Linie die Kupferkabel der Bahn geklaut haben und dass deswegen weniger Züge fahren. Eigentlich sollte das schon im November wieder vorbei sein. Es kann doch nicht so lange dauern, ein neues Kabel einzubauen? Mein Handy zeigt mir auch noch eine andere Ausrede an „Personalmangel wegen plötzlicher Erkrankung“. Bei der BVG ist man bei den Ausreden für`s Zuspätkommen kreativer als jeder freche Sechstklässler.
Aber warum juckt mich das überhaupt? Warum gehöre ich überhaupt zum Heer derer, die man unter die Erde zwingt? Normalerweise würde ich mich niemals zu so etwas herablassen. Als freier Radfahrer stehe über so was. Normalerweise fürchte ich nicht Schnee noch Regen und lache über die Kolleginnen, die über ihre Qualen in den Öffentlichen berichten. Ich fahre wann und wo ich will. Ich mag einen langweiligen nine to five-Job haben, aber ich kann wenigstens frei entscheiden, wie ich zu meinem Schreibtisch und zurück komme, wo ich eine Pause mache und wo ich mich zum Bummeln und Stöbern in einem der vielen Läden an der Straße verführen lasse.

Aber jetzt ich bin geerdet worden. Von meiner Ärztin – wegen des geflickten Schlüsselbeins. Bis Ende des Jahres habe ich Fahrradverbot und das Moped musste in die Garage. Jetzt ist nicht nur die Arbeit sondern auch der Weg dahin eine Plage. Nach einem Monat habe ich schon ein paar Überlebenstechniken für das Leben Untergrund entwickelt. Immer weg von der Tür und am besten mit dem Rücken zur Wand. Keinen Blickkontakt. Dabei hilft es, sich irgendwas interessantes aufs Handy zu laden. Gerade lese ich Graham Greene „Der stille Amerikaner“, wegen der britischen Gelassenheit, die da rüber kommt – wenn dafür Platz ist und mir niemand seinen Rucksack ins Gesicht drückt. Das alles wäre unerträglich, gäbe es nicht immer eine Möglichkeit, sich ein bisschen Freiheit zu bewahren. Wer sagt denn, dass ich den ganzen Weg mit der Bahn fahren muss? Gestern bin ich einfach drei Stationen vorher ausgestiegen. Ich bin zwar nicht mehr gut zu Fuß, aber für eine halbe Stunde durch die Nebenstraßen des Wedding, unter Gaslaternen über Kopfsteinpflaster, dafür reichts immer. Natürlich vorsichtig, damit ich mir bei Eis uns Schnee nicht die Knochen breche. Vielleicht stelle ich mich beim nächsten Mal eine halbe Stunde auf ein Bier zu den Alkis und reiße ein paar blöde Sprüche: „ Immer schön die Türen freimachen! Da drin im Mittelgang ist noch ganz viel Platz, das sehe ich von hier…“

Drüber stehen

“Schönen guten Donnerstagabend. Ich weiß, es ist eng heute, aber ich muss hier ein bisschen arbeiten.“ So begrüßen einen in der Berliner U-Bahn nicht die Kontrolleure, sondern die Bettler. Und dann kommt der immer gleiche Abspann: „Ich lebe auf der Straße (bin obdachlos) und würde mich deshalb freuen, wenn der ein oder andere etwas zu essen oder eine kleine Spende für mich übrig hätte.“ Mein heutiger Mitfahrer performed den gut eingeübten Satz mit der richtigen Mischung aus klagendem Leiern und rotziger Berliner Schnoddrigkeit, die mich nach meiner Börse greifen lässt: Ich liebe es, mit Profis zusammen zu arbeiten. Doch meine Hand kommt nicht bis zu meinem Geldbeutel, denn ich sitze – ja ich sitze, mit einem Arm in der Schlinge bekommt man auch in Berlin und auch in einer durch den Lokomotivführerstreik überfüllten U-Bahn einen Platz angeboten- neben einem schweigend schnaufenden Mann, einem regungslosen Berg aus Fleisch, der rittlings auf der für ihn viel zu kleinen Sitzschale aus Hartplastik hockt und mir seinen prall gefüllten Rucksack gegen meinen vor vier Wochen zusammengeschraubten Arm drückt. Und nicht nur die Enge und der Schmerz sind erdrückend, auch sein Geruch. Es ist zum Glück nicht der abgestandene „ich bin ein Alleinstehender, schwitzender Mann, der bisher von seiner Mutter gewaschen wurde, die aber jetzt im Pflegeheim ist-Mief, und auch nicht der beißende, „ich bin hart arbeitender Handwerker, der seit drei Tagen im gleichen Polyester-Arbeitsschutzanzug von Baustelle zu Baustelle zieht-Gestank. Nein, während ich versuche meine Nase zu schließen und nur noch durch den Mund atme, arbeitet mein Unterbewusstsein ungewollt daran, mich zu erinnern, wo ich die herüber schwappende säuerliche Duftwolke schon einmal in der Nase hatte. Nach ungezählten gemeinsamen Stationen, in denen mein Nachbar sich keinen Milimeter bewegt weiß ich: Es ist etwas Organisches, aber etwas, das schon abgestorben ist. Etwas, was ich gut kenne. Weit wandern meine Gedanken zurück auf die herbstliche Wiesen meiner Jugend und unter die Planen der Fahrsillos, in denen die Bauern den Grasschnitt des Sommers verdichtet und luftdicht abgeschlossen hatten vergären lassen. Silage nannte man diese milchsauer fermentierte Pampe, deren sauerkrautartiger Duft im Winter die Kuhställe durchzog. Und während meine Erinnerung zurück kehrt zu blökendem Vieh, das von kühlen abendlichen Herbstwiesen in den Stall getrieben wird, zu Futterrüben, die in Strohmieten am Wegesrand gelagert wurden und die wir am Tag vor St. Martin ausgruben, um Laternen mit schrecklichen Fratzen daraus zu schnitzen, zu Weckmännern und Martinsfeuer, vergesse ich den eisernen Schwitzkasten, in den mein grober Nachbar mich immer noch gezwängt hat. Denn was vermag schon ein bedrückendes Äußeres gegen die Macht der Phantasie? Ein kerniger Bauernbursch ist er, da bin ich mir jetzt sicher, der auf dem Weg ist in den Stall, wo das Vieh nach ihm schreit, wenn sich mein Verstand sich auch nicht so recht zusammenreimen will, was ein Stallknecht abends um halb sechs in der U-Bahn unterm Wedding zu suchen hat? Egal, mit der nostalgischen Idee stehe ich bis zu meiner Haltestelle über den Dingen und merke auch erst beim Aufstehen, dass mir einer während meiner Traumreise eine Büchse Red Bull über die Schuhe gekippt hat. Während meine klebrigen Sohlen auf den Fliesen des U-Bahnhofs schmatzen, versuche ich mir vorzustellen, dass ich in einen Kuhfladen getreten bin, aber das hilft jetzt auch nicht mehr.

Meine Jahre mit Bernd

Wir sitzen zusammen im Auto. Er hat den alten Kombi an
die Seite gefahren. Der Motor schnurrt weiter, aber es wird still, denn er hat aufgehört zu erzählen.
Er hat mich wie immer zum Bahnhof gebracht, aber ich habe noch nicht gemerkt, dass
unsere gemeinsame Fahrt vorbei ist. Ich will, dass es weitergeht. Seit Stunden
höre ich ihm zu. Und ich erwarte, dass er die letzte Geschichte zu Ende
erzählt. Aber für ihn ist Schluss. „Und was habt ihr gemacht, als dann die
Polizei kam?“, frage ich, wie ich seit Stunden immer wieder frage, um immer
neue Geschichten aus ihm herauszulocken. Ich will mehr als seine
Stammtischsprüche und die abgeschliffenen Worte, mit denen alte Männer die
Heldentaten ihres Lebens erzählen. Aber jetzt kommt nichts mehr. Es muss was
mit der Nachricht auf seinem Handy zu tun haben, auf die er jetzt gehetzt
schaut. Von seiner Frau? Vor Verwirrung vergessen wir, uns mit einem kräftigen Handschlag zu
verabschieden, wie wir es sonst tun. Ich stehe auf dem kalten Gehweg und er
dreht den Wagen auf die öde Brandenburger Landstraße. Dabei waren wir eben noch
in der Pizzeria im alten West-Berlin wo vor fast fünfzig Jahren sechs Rocker
seine Freundin (Weeste, die sah verdammt jut aus, ne echte Puppe) blöd
angemacht hatten. Und er und sein Kumpel sind, na klar, mit den Kerlen vor die
Tür, und dann gab’s Schläge, bis dreie auf der Straße lagen. Na klar, ein Kerl
wie Bernd lässt sich nicht verarschen. Und Bernd gewinnt immer.

Zu Bernd, der natürlich nicht Bernd heißt, fahre ich mindestens einmal im
Jahr. Durch ganz Berlin bis in den Süden, irgendwo zwischen Autobahnkreuzen,
zwischen dem Berliner Ring und dem neuen Flughafen, in den schäbigen Hallen der
ehemaligen Motoren-Traktoren-Station hat er seine Werkstatt. Bernd ist mein
Schrauber. Wer, wie ich, ein vierzig Jahre altes Motorrad am Laufen halten
will, brauch jemand wie Bernd. Einen, der sich noch auskennt mit der alten
Technik italienischer V-Motoren, der einen beruhigt, wenn man mal wieder leerer
Batterie irgendwo liegengeblieben ist und der einem, wenn mitten in der
Hochsaison, eine Woche vor der geplanten großen Tour nach Italien, Öl vom
Zylinderfuß tropft, sagt, dass man sofort vorbeikommen kann. Aber Bernd ist
auch eine Diva. Er entscheidet, was für mich und meine Maschine gut ist. Wenn
ich einem neuen Drehzahlmesser will, bekomme ich gesagt: „Wer eine Guzzi fährt,
braucht keinen Drehzahlmesser, der hört auf den Motor.“ Und wenn ich verchromte
Blinker haben will, baut er schwarze dran, weil er die noch auf Lager hatte. Er
ist der Meister, ich der Eierkopf. Aber ich weiß, dass ich bei ihm in guten
Händen bin.

Aber auch ein Mann wie Bernd braucht Trost. Von Anfang an war seine Ansage:
„Wenn de hier vorbei kommst, musste ooch Zeit mitbringen zum Quatschen.“ Und
weil ich so bin wie ich bin, werden es bei uns keine „Benzin-Gespräche“ unter
Motorradfahren, sondern habtherapeutische Beziehungsgespräche. Bernd will
reden. Seit mehr als zehn Jahren klagt mir Bernd sein Leid. Zwei gescheiterte
Ehen, eine schmutzige Scheidung, bei der er sein ganzes Vermögen verlor, der
Sohn, der mit Mühe und der Unterstützung des Vaters gerade mal so die
Ausbildung als Kfz-Schlosser geschafft hat und jetzt auf Abwegen im
türkisch-arabischen Kiffer-Milieu von Kreuzberg herumlungert. „Kriegt nix
Ordentliches auf die Reihe.“, sagt Bernd und ich weiß, dass ihm das halbseidene
Herumgewurschtel seines Sohnes schwer zu schaffen macht. Aber auch meine
Geschichten kennt Bernd: Die Zwillinge und ihre Mutter waren schon in seiner
Werkstatt, als er noch die Motorradfahrer zum Saisonende zu seinen 
Feiern einlud, für die er seine Werkstatt liebevoll dekorierte. Er hat unseren Polo gekauft, als wir für die Jungs ein
größeres Auto brauchten (er läuft heute noch) und er hat meine ganze Geschichte
mit der Trennung und dem Umzug mit väterlichen Ratschlägen begleitet.

Das ist lange her. Heute erzählt nur noch Bernd.
Und seit heute weiß ich Sachen über ihn, die ich lieber nicht wissen
wollte. Oder doch? Dass Bernd in seiner Jugend selber Rennfahrer mit einem
hochgezüchteten Rennboliden war, wusste ich. Aber bisher dachte ich, dass er
sich diese teure Leidenschaft mit dem Reparieren und Frisieren anderer
Sportwagen verdient hat. Dass seine Kunden Rechtsanwälte und Bordellbetreiber
aus der West-Berliner Unterwelt waren, die sich die großen Geldscheine, die ihre Frauen für
sie verdienten auf Tabletts servieren ließen, um sie dann achtlos unter das
Bett zu werfen, wusste ich auch. Aber heute erzählte er mir, dass er nicht nur
für „den dicken Hartmann“ gearbeitet hat, in dessen Puff sich
Berliner Senatoren mit Baulöwen und Immobilienhaie trafen, sondern auch als
Schläger für einen Spekulanten. Mit einem Grinsen im Gesicht erzählt er mir von
einem Angriff auf ein besetztes Haus, das die Polizei nicht räumen durfte. Ein
Schuss mit einer abgesägten Schrotflinte habe gereicht, um die Besetzer zu
vertreiben. Und als die Polizei kam, von den Besetzern gerufen, habe man sie
gemütlich begrüßt. Das Gewehr war natürlich nicht mehr zu finden. Bernd kann
keener. Vor meinem Auge entsteht eine Welt von breitschultrigen Männern mit
langen, fettigen Haaren und Schnurrbart, Kerle in Lederjacken und
Cowboystiefeln. Die 70er-Jahre „Johnny Controletti“-Unterwelt von der
Udo Lindenberg noch heute singt. Von Kurierfahrten nach England erzählt er, bei
denen er auf der Rückfahrt im Lüftungskasten seines Lieferwagens
Yorkshire-Terrierwelpen geschmuggelt habe. Ohne Papiere natürlich. Die habe ihm
ein Tierarzt auf der Rennbahn Marienfelde besorgt, für den er einen Porsche
Carrera aufgemotzt habe. Und die Hunde habe er für das Dreifache an die Mädchen
im Puff vom dicken Hartmann verkauft. Kleine, bauernschlaue Geschäfte,
schmutzige Tricks und plumpe Gewalt. Bernd gewinnt gegen den Rest der Welt. Und
kein schlechtes Gewissen. Das was er heute ablegt ist keine Lebensbeichte,
sondern klingt wie ein genüsslicher Monolog über große Taten und
Jugendsünden. Er ist stolz auf all das, was ihn heute bei seinem Sohn zur
Verzweiflung bringt.

Was fange ich an mit diesen Geschichten? Eigentlich ist es eine
Groschenheftgeschichte, ein B-Movie aus den 70ern „Wilde Kerle, heiße
Mädchen, schnelle Motoren“. Aber es ist eine halbwegs wahre Geschichte aus dem
wirklichem Leben. Ich liebe solche Geschichten und ich glaube, Bernd wäre nicht abgeneigt, wenn ich ihm anbieten würde, sie aufzuschreiben. Aber ich will sein Ego nicht noch mehr pampern. Und
ich weiß, dass Bernd mich bescheißt, so wie er alle bescheißt. Nicht nur bei
den Reparaturen, wenn er teure Spezialteile ausbaut, und gegen Standardware
tauscht, sondern auch bei den Geschichten. Ich fahre nicht mehr gerne zu Bernd,
denn das Erzählen funktioniert nur, wenn ich mich selbst völlig zurücknehme. Nach den Erzählungen fühlt er sich groß und ich mich klein. Was habe ich schon zu erzählen, wenn ich den zu Wort käme? Was passiert, wenn ich ihm sage, dass ich ihm die Räuberpistolen nicht glaube? Ich mache mich abhängig von Bernd. Das Motorrad habe ich mir mal gekauft, um mit Männern wie ihm in Kontakt zu kommen. Von Kerlen wie ihm akzeptiert zu werden. Aber in dieser Welt gibt es zu viele Kerle mit zu großer Klappe, die denken, dass sie machen können, was sie wollen. Und sie suhlen sich in meiner Bewunderung.
Aber ich mache auch mein Geschäft. Ich lasse zu, dass er sich wie
ein Kietz-König fühlt, damit er einen Deal mit dem TÜV-Ingenieur macht, und ich
meine Plakette kriege. Kleine, miese Geschäfte. Wird Zeit, dass ich das
Motorrad verkaufe. Aber nicht an Bernd.

Unter Leichenfledderern

Sie haben kein Blut an den Händen, aber den kalten Geruch nach Mensch, nach einsamem Mensch und totem Mensch, nach Räumen verlöschenden Lebens, die lange nicht mehr geputzt und gelüftet wurden. Alles was man bei ihnen anfasst, riecht abgestanden, nach Sterben und Vergeblichkeit. Sie sind nicht pietätlos, nicht brutal, aber gnadenlos effizient und berechnend, genau wie ihre Auftraggeber.

„Es sind die Töchter und Söhne, die uns anrufen, wenn ihre Eltern gestorben sind.“ sagt Yasim, Verkäufer in einem großen Trödelladen in Berlin-Wedding. „Wenn es keine gibt, rufen die Vermieter an.“ „Wenn wir kommen haben die Kinder die meisten persönlichen Sachen und die Erinnerungsstücke schon aussortiert. Wir nehmen nur mit, was die Kinder nicht haben wollen.“ Der Laden zeigt, einigermaßen gut sortiert, auf was die Kinder und Enkel heute gerne verzichten: Kaffeekannen, Kristallschalen, Fonduesets, HiFi-Anlagen aus der 80ern, Ölbilder mit romantischen Motiven, Rotlichtlampen, Johghurtbereiter, Schlager-Schallplatten, vergilbte Taschenbücher, elektrische Brotschneidemaschinen oder Diaprojektoren. All die Anschaffungen, mit denen man einmal seinen nach und nach steigenden Wohlstand zeigte, stapeln sich jetzt lieblos in den Regalen und warten darauf, von einer neuen Generation wieder zum Leben erweckt zu werden.

Es sei jedes Mal wieder ein schwieriger Job, wenn eine Wohnung geräumt werden muss, sagt Yasim, den ich für unser Kiez-Magazin über das Geschäftsmodell der modenenen Trödelläden befrage, die in den leeren Ladenlokalen des Wedding als Erstbesiedler und Zwischennutzer einziehen. Die Läden heißen „Entrümpelung“, „Wohnungsauflösung“ oder „Umzugsservice“. Wo immer ein Ladenlokal im Wedding leersteht (und kein Kindergarten, kein Friseur und kein Café einziehen will), kann man fast sicher sein, dass er bald voll ist mit unsortiertem Gerümpel, Umzugskartons und alten Möbeln. Diese modernen Trödler haben nichts mehr mit den schrulligen Antiquitätenhändlern und alten Büchernarren zu tun, die es im Wedding noch vor wenigen Jahren gab. Und Welten trennen sie von den Antiquitätenflohmärkten für die Touristen auf der Straße des 17. Juni oder neben dem Berliner Dom. Sie sind leidenschaftslose Resteverwerter und nur wenige versuchen noch, den Wohlstandsmüll für ihre Kundschaft ein wenig zu sortieren.

„Es muss schnell gehen und gründlich sein.“ verrät Yasim mir die Arbeitsmoral der Entrümpler. „Aber das ist ja auch eines ganzes Leben, das man da einpackt. Das muss man auch mit Respekt behandeln.“ Er sagt das pietätvoll und wirkt dabei so verbindlich und zurückhaltend wie ein Leichenbestatter. Gleichzeitig ist es ein kühl kalkuliertes Geschäft für beide Seiten: Wenn die Entrümpler Verwertbares im Nachlass finden, senkt das den Preis für die anderen Arbeiten und die Kosten der Entsorgung für die Dinge, die auf dem Müll kommen. Bevor die Sachen dann im Laden landen, kommen die professionellen Händler und Sammler zum Zug. Derzeit stark gefragt sind Erinnerungsstücke aus der Zeit des 2. Weltkriegs: Briefe, Fotos, Tagebücher. „Oft kommen auch Händler, die Sachen, die in Deutschland nicht mehr gefragt sind, in einen Container packen und nach Afrika verschiffen.“, berichtet Yasim. Röhrenfernseher, Kassettenrecorder oder Videogeräte seien dort noch beliebt, Kleidung ebenso. Auch das Internet spiele eine Rolle bei der Verwertung. Trotzdem würde der Platz im Lager nicht mehr ausreichen, der ganze Keller sei voller Bücher, obwohl Antiquariate die Literatur gleich kistenweise kauften. Und dann nennt er ein Wort, das ich auch noch in andern Läden hören werden: „Die Messies“. Menschen, die in ihrer Wohnung über 20 oder 30 Jahre Dinge ansammeln und den Überblick verlieren. Dann schweigt mein Informant, als hätte er zu viel erzählt. Ein Foto darf ich von Yasim nicht machen und auch seinen Nachnamen verrät er nicht. „Ich bin konvertiert.“, ist sein letzter Satz. Es hört sich geschäftsmäßig an. Anscheinend ist diese Info für seine Kundschaft wichtig. Von wo nach wo er religiös gewechselt ist, verrät er mir nicht.


„Verwahrlosung“, nennt Trödelhändler Stephan, die Entwicklung hinter den Weddinger Wohnungstüren. Sie sei einer der Gründe, warum sich das Geschäft kaum noch lohne. Sein Laden ist seit 35 Jahren eine Institution im schnelllebigen Geschäft mit den Resten Berliner Existenzen. 1987 wurde er von Stefans Eltern gegründet. Er war immer besonders stolz auf hohe Qualität der angebotenen Fundstücke: Tassen aus Meißner Porzellan, Bestecke von WMF oder vollständige Services von Rosenthal waren in den Regalen zu finden. Dazu echte Antiquitäten und solide Möbel. „Früher haben die Kunden ganze Wohnungseinrichtungen bei uns gekauft: Bett, Tisch, Schrankwand.“ Auch ich war vor einigen Jahren bei Stephan, als ich von jetzt auf gleich eine neue Wohnungseinrichtung brauchte. Ich fand alles, was mir fehlte: Vom Handtuch über den Staubsauger bis zu den Suppentellern. Manche Sachen halten heute noch.
Doch schon vor drei Jahren musste Stephan den Laden verkleinern. „Man findet in den Wohnungen immer öfter nur noch Ramsch. Und Schrankwände will niemand mehr.“, klagt er. Die soliden Einrichtungen, die sich die Haushalte in den Wirtschaftswunderzeiten angeschafft haben, seien schon vor Jahren verkauft worden. Die Generation, die heute ihre Wohnungen verlässt, hat weniger auf Qualität geachtet, sei öfter umgezogen, oder hatte kein Geld, sich was Ordentliches zu kaufen. „Einen IKEA-Schrank kannst du nur zwei Mal aufbauen, dann kannst du ihn nicht mehr verkaufen.“ Es sei auch immer schwieriger geworden, an gute Ware zu kommen, weil die Nachkommen den Nachlass ihrer Eltern stärker aussortieren. Kleidung wird an die Kleiderkammern der Wohlfahrtsorganisationen gespendet, wertvolle Bücher, Schmuck und Bilder selbst übers Internet verkauft.

„Die Leute wollen auch die Preise für gute alte Sachen nicht mehr zahlen.“, brummt der robuste Händler mit den langen blonden Haaren, dem man ansieht, dass er lieber Schränke schleppt als um Preise zu feilschen. Er deutet auf ein hochwertiges Service aus den 60er-Jahren, das 60 Euro kosten soll. „Das ist viel mehr wert, das ist etwas Seltenes, was für Sammler. Aber hier im Wedding zahlt das keiner mehr. Die Leute haben ja auch immer weniger Geld.“ Solche Antiquitäten über das Internet zu verkaufen, habe er auch schon versucht. Aber das habe zu viel Ärger gebracht. Deshalb sei er zum alten „Anschauen, bezahlen, mitnehmen!“ zurückgekehrt. Aber so läuft das Geschäft heute nicht mehr. Deshalb ist bei Sephan jetzt Schluss. Ab Ende des Monats ist der Laden zu.

Nur zwei Querstraßen weiter sehe ich vor einem ehemaligen Installateurgeschäft Bananenkartons voller Gerümpel. Drinnen stehen ein paar alte Möbel. Ich höre russische Stimmen. „Wohnungsauflösung- Entrümpelung“ steht jetzt über dem Schaufenster. Ich gehe einfach hinein und plötzlich sehe ich etwas, von dem ich vergessen hatte, das ich es immer schon brauchte: Eine Eieruhr, die klingelt und aussieht wie eine Maus. Genau so eine, wie sie mir aus dem Umzugskarton entgegen blinzelt. Damit will ich die Computerspielzeit meiner süchtigen Söhne kontrollieren. „Was gibst du?“, fragt der Händler, der aus dem Dunkel des Hinterzimmers aufgetaucht ist. Ich lege eine 2 Euro-Münze in seine breite Hand. Wir haben heute beide ein gutes Geschäft gemacht.