Mein Sangsussie

Man kennt das von Stonhenge oder von Indiana Jones: Ein Spalt zwischen zwei Steinen, der völlig unauffällig ist, an dem aber an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Stunde ein Sonnenstrahl fällt, der magische Kraft hat. Doch wer erwartet solche Magie am Nordufer zwischen Plötzensee und Hohenzollernkanal? Hundert Mal bin ich hier gewesen. Im Winter war hier das Tennistraining für die Jungs in einer Traglufthalle, im Sommer ein Biergarten mit Hüpfburg und ganz früher war das mal meine Joggingstrecke, wenn ich viel Luft hatte. Eine Straße die man entlangläuft, ohne hinzuschauen, und zum Schauen gibt es auch wirklich wenig. Rechts vom Kanal Industriehallen, links von der Straße Sportplätze von TC Longline und Herta BSC. Was kann es Öderes geben? Aber heute werde ich von den niedrig stehenden Sonnenstrahlen, die durch zwei Bäume fallen wie ferngesteuert nach rechts gelockt, in einen schmalen Weg, den ich noch nie vorher gesehen habe. Es tut sich ein Stückchen Land auf zwischen Straße und Kanal, wo ich nur eine schroffe Uferböschung vermutet hatte. Ein kleiner Park. Der kleinste Park des Wedding. Nur 20 -30 Meter sind es zu einer Gruppe von Parkbänken, unter hohen Bäumen, die, ordentlich mit Mülleimer bedacht, eine geschützte Grünanlage bilden, so sagt es sogar das amtliche Schild. Der Ausblick ist nicht berauschend, aber historisch. Reste einer Pflasterstraße, zerbröselnde Betongeländer und ein eisernes Widerlager, das in die Uferbefestigung eingelassen ist, wecken meinen Entdeckertrieb. Hier war mal eine Brücke, vor dem Krieg wahrscheinlich. Wo ging die hin? Warum ist die nicht mehr da? Fragen, die nur in einem Kopf Platz haben, der sich um nichts anderes Gedanken machen muss. Es ist Sonntagnachmittag.
Ein geschlängelter Pfad führt weiter am Ufer entlang. Meine Hoffnung, nicht nur einen magischen Platz, sondern auch noch einen geheimen Weg bis zum Westhafen gefunden zu haben, endet bald an einer Straßenecke mit einem beschmierten Kaugummiautomaten. Er funktioniert noch und ist gut gefüllt. Für 20 Cent kullert eine dicke, grasgrüne Kugel Bubble-Gum in meine Hand, mit der man sogar wirklich Blasen machen kann. Kinderglück. Auf der anderen Straßenseite stehen ein paar Zwanzigjährige vor dem Eingang zum Strandbad Plötzensee in einer anderen Bubble. Am Strand ist Party angesagt, erfahre ich. Ob ich mit auf einen Rave kommen wolle, werde ich von einer aufgekratzten jungen Frau gefragt, die sich gerade ein rosa Papierband um das Handgelenk legen lässt. Sehr charmant. Nein, mein Platz ist ein paar hundert Meter weiter Richtung Sonnenuntergang. Über ausgetretene Holzsstufen gehe ich runter zur „Fischerpinte“.

Das alte Bootshaus wartet auf seinen Abriss, denn es steht offiziell im Naturschutzgebiet. Bisher hat sich der Schwarm Kormorane, die auf einer Boje ihre Flügel trocknen, von den Tretbooten und Ruderjollen der Pinte nicht vertreiben lassen. Und auch nicht von der Schlagermusik, die aus der Baracke quillt, als ich die Tür aufmache. Ich bin der einzige Gast. Hinten, in der dunklen Ecke des vollgerümpelten Schankraums haben sich die Besitzerfamilie und die Bedienung verschanzt. Es wird geraucht und gewürfelt. Der Becher knallt auf den Tisch, Udo Jürgens singt. Am Tresen wird mir frischer Aufbackkuchen, Glühwein und Matjes angeboten. Seltsame Kombination. Aber besser als der Kaffee hier, den kenne ich schon. Ich habe Hunger, so nehme ich von allem etwas. Die blondierte Frau stellt die Tasse mit dem Glühwein in die Mikrowelle. Als sie ihn mir auf die Terrasse bringt, ist er übergekocht und aus der Tasse blubbern noch Blasen hoch. Ich warte noch ein Weilchen und schaue den Kormoranen beim Tauchen zu. Aus der Baracke kommt jetzt Nana Mouskouri: „Guten Morgen, Sonnenschein“.

Drüber stehen

“Schönen guten Donnerstagabend. Ich weiß, es ist eng heute, aber ich muss hier ein bisschen arbeiten.“ So begrüßen einen in der Berliner U-Bahn nicht die Kontrolleure, sondern die Bettler. Und dann kommt der immer gleiche Abspann: „Ich lebe auf der Straße (bin obdachlos) und würde mich deshalb freuen, wenn der ein oder andere etwas zu essen oder eine kleine Spende für mich übrig hätte.“ Mein heutiger Mitfahrer performed den gut eingeübten Satz mit der richtigen Mischung aus klagendem Leiern und rotziger Berliner Schnoddrigkeit, die mich nach meiner Börse greifen lässt: Ich liebe es, mit Profis zusammen zu arbeiten. Doch meine Hand kommt nicht bis zu meinem Geldbeutel, denn ich sitze – ja ich sitze, mit einem Arm in der Schlinge bekommt man auch in Berlin und auch in einer durch den Lokomotivführerstreik überfüllten U-Bahn einen Platz angeboten- neben einem schweigend schnaufenden Mann, einem regungslosen Berg aus Fleisch, der rittlings auf der für ihn viel zu kleinen Sitzschale aus Hartplastik hockt und mir seinen prall gefüllten Rucksack gegen meinen vor vier Wochen zusammengeschraubten Arm drückt. Und nicht nur die Enge und der Schmerz sind erdrückend, auch sein Geruch. Es ist zum Glück nicht der abgestandene „ich bin ein Alleinstehender, schwitzender Mann, der bisher von seiner Mutter gewaschen wurde, die aber jetzt im Pflegeheim ist-Mief, und auch nicht der beißende, „ich bin hart arbeitender Handwerker, der seit drei Tagen im gleichen Polyester-Arbeitsschutzanzug von Baustelle zu Baustelle zieht-Gestank. Nein, während ich versuche meine Nase zu schließen und nur noch durch den Mund atme, arbeitet mein Unterbewusstsein ungewollt daran, mich zu erinnern, wo ich die herüber schwappende säuerliche Duftwolke schon einmal in der Nase hatte. Nach ungezählten gemeinsamen Stationen, in denen mein Nachbar sich keinen Milimeter bewegt weiß ich: Es ist etwas Organisches, aber etwas, das schon abgestorben ist. Etwas, was ich gut kenne. Weit wandern meine Gedanken zurück auf die herbstliche Wiesen meiner Jugend und unter die Planen der Fahrsillos, in denen die Bauern den Grasschnitt des Sommers verdichtet und luftdicht abgeschlossen hatten vergären lassen. Silage nannte man diese milchsauer fermentierte Pampe, deren sauerkrautartiger Duft im Winter die Kuhställe durchzog. Und während meine Erinnerung zurück kehrt zu blökendem Vieh, das von kühlen abendlichen Herbstwiesen in den Stall getrieben wird, zu Futterrüben, die in Strohmieten am Wegesrand gelagert wurden und die wir am Tag vor St. Martin ausgruben, um Laternen mit schrecklichen Fratzen daraus zu schnitzen, zu Weckmännern und Martinsfeuer, vergesse ich den eisernen Schwitzkasten, in den mein grober Nachbar mich immer noch gezwängt hat. Denn was vermag schon ein bedrückendes Äußeres gegen die Macht der Phantasie? Ein kerniger Bauernbursch ist er, da bin ich mir jetzt sicher, der auf dem Weg ist in den Stall, wo das Vieh nach ihm schreit, wenn sich mein Verstand sich auch nicht so recht zusammenreimen will, was ein Stallknecht abends um halb sechs in der U-Bahn unterm Wedding zu suchen hat? Egal, mit der nostalgischen Idee stehe ich bis zu meiner Haltestelle über den Dingen und merke auch erst beim Aufstehen, dass mir einer während meiner Traumreise eine Büchse Red Bull über die Schuhe gekippt hat. Während meine klebrigen Sohlen auf den Fliesen des U-Bahnhofs schmatzen, versuche ich mir vorzustellen, dass ich in einen Kuhfladen getreten bin, aber das hilft jetzt auch nicht mehr.

Im Dornröschenschlaf

Wenn die größte Immobilienfirma Deutschlands eine Pressemitteilung heraus gibt, in der von „Gleichheit und Gerechtigkeit“ die Rede ist, dann muss da was faul sein. Dann kann man das auch als Feierabendjournalist nicht so stehen lassen. Und da ich ja gerade genug Tagesfreizeit habe, wurde ich von der Redaktion unseres Kiezmagazins „Weddingweiser.de“ losgeschickt in die Nachbarschaft, wo die denkmalgeschützte Friedrich-Ebert-Siedlung zwischen Müllerstraße, rotem Efeu und Rehbergepark langsam verfällt. Meinen Jüngsten habe ich dabei im Schlepptau: Ich habe ihm eine Fotosafari versprochen.

Die stille Usambarastraße träumt an diesem strahlenden Spätherbsttag von besseren Tagen. Wer die schmale Straße durch den großen Toreingang von der Petersallee betritt, merkt, dass hier die Zeit langsamer vergeht als auf der Müllerstraße oder der Afrikanischen Straße, die den östlichen Teil der Friedrich-Ebert-Siedlung umschließen. Kaum Verkehr, kein Lärm von den tosenden Magistralen des Wedding, viele alte Bäume und ein leerer Kinderspielplatz. Alle Häuser sehen hier gleich aus: Grau, vier- oder fünfgeschossig und sehr in die Jahre gekommen. Manche schon von Efeu überwuchert, mehr geflickt als renoviert.

Dabei war die Siedlung einmal der Stolz sozialer Wohnungspolitik in der Weimarer Republik. Das rund 100.000 Quadratmeter große Gelände wurde im Jahr 1928 von dem Bau- und Sparverein „Eintracht“ erworben. Vorher standen hier Hüttensiedlungen, die wegen der großen Wohnungsnot von den Bewohnern illegal errichtet wurden. Gustav Bauer, der ehemalige sozialdemokratische Reichskanzler, war einer der beiden Vorsitzenden der Eintracht und legte mit Louise Ebert, der Witwe von Friedrich Ebert, 1929 den Grundstein.

Mit dem architektonischen und städtebaulichen Konzept für die 1.400 Wohnungen wurden die beiden Architekten Paul Mebes und Paul Emmerich sowie der Stadtplaner Bruno Taut beauftragt. Taut hatte vorher unter anderem die Schillerparksiedlung im Wedding entworfen, die heute UNESCO-Weltkulturerbe ist. Auf diese Liste der fünf Berliner Weltkulturerbe-Siedlungen hat es die Friedrich-Ebert-Siedlung nicht geschafft, was vielleicht an ihrem bedauernswerten Zustand liegt. Dabei hat sie Einmaliges zu bieten. Die Wohnhäuser wurden erstmals in der Zeilenbauweise errichtet, das heißt, dass die kurzen und fensterlosen Seiten der langgestreckten Gebäude zur Straße gerichtet und die Hauseingänge durch kleine Fußwege zu erreichen sind. 
„Gleichheit und Gerechtigkeit“ sollte durch diese Bauweise symbolisiert werden, schreibt die Wohnungsgesellschaft Vonovia, der 365 Wohnungen im Viertel gehören, in einem Pressetext. Sie schreibt auch etwas von „fast bürgerlich vorstädtischem Flair“. Meint sie das ernst?

Eine niedrige dunkelbraune Tür mit abgenutztem Lack steht offen. Durch sie betrete ich ein Treppenhaus, das im Parterre mit edlen Solnhofener Muschelkalkplatten ausgelegt ist, dem Goldstandard der Vorkriegszeit. An der Kellertür wird das „Betreten mit offenem Licht“ verboten, in einem Alukasten hängt schief eine Mitteilung der Deutsche Wohnen AG. Ein Stockwerk höher liegt auf der Treppe ausgetrocknetes, schartiges Linoleum. Die Decke zum Speicher hat einen Wasserschaden, der auch auf den türkisen Wänden des Treppenhauses goldbraune Schlieren hinterlassen hat. An einer reparierten Wohnungstür hängt ein Strohkranz mit den Worten „Home“. Keine Frage: Der westliche Teil der Friedrich-Ebert-Siedlung zwischen Afrikanischer- und Müllerstraße ist auf den ersten Blick mehr ein „Lost Place“ als ein Bürgertraum, ein von seinen Eigentümern vergessener Ort. Aber wer ist eigentlich der Eigentümer?

„Wir wissen schon gar nicht mehr, wer hier alles Eigentümer war: Gagfah, Fortress, ZVBB, GSW. Und jetzt Deutsche Wohnen”, klagte ein Mitglied einer Mietergruppe, die sich vor Jahren gegen den Verfall engagiert hatte. Den Eigentümern gemeinsam sei, dass kaum einer von ihnen etwas zur Instandhaltung beigetragen habe. In vielen Hauseingängen hängt die Hausordnung der Deutschen Wohnen AG (deren Aktien zu mehr als 86 Prozent der Vonovia gehören). Die Warnschilder auf dem wieder eröffneten Kinderspielplatz tragen das Logo der Vonovia. Es ist etwas verwirrend. Am Zustand der Häuser östlich der Afrikanischen Straße lässt sich der Eigentümer auf jeden Fall nicht ablesen. „Da laufen keine größeren Arbeiten“, bestätigt ein Sprecher der Vonovia. „Und es sind weder von der Deutschen Wohnen noch von der Vonovia größere Sanierungsarbeiten geplant.“ 

Westlich der Afrikanischen Straße kommt ein weiterer Eigentümer ins Spiel: Die ambelin GmbH aus Berlin wird mir von einem Anwohner genannt. Ob sie es war, die die wenigen Häuserzeilen um das Friedrich-Ebert-Denkmal vor Jahren wieder in ihren strahlend weißen Originalzustand versetzt hat, hätte ich gerne gewusst, aber die Firma antwortet nicht auf meine Anfrage.

Am besten, man blendet das ganze Hin- und Her einfach aus, so wie Herr S., ein älterer Herr, den ich an einem der wenigen Autos treffe, die hier stehen. Seit 1940 lebt er „bei der Eintracht“, obwohl sich der Verein schon Ende der 1990er Jahre auflösen musste. Im Alter von zwei Jahren ist der heute 85-Jährige mit seinen Eltern in die Siedlung gezogen und hier geblieben. 620 Euro warm zahlt er für 70 Quadratmeter und ist zufrieden. Er gehört zu der schnell wachsenden Gruppe der über 80-Jährigen, die im Afrikanischen Viertel und rund um die Rehberge nach Zählung des Bezirkes wohnen. „Voll in Ordnung“, sei es hier, bestätigt auch Herr T, ein quirliger Endzwanziger mit Nickelbrille und dezenten Tatoos am Hals. Sein zierlicher Hund zieht an seiner Leine, während er mir erzählt, dass er vor einem Jahr hier eingezogen ist und 635 Euro warm für eine renovierte Wohnung mit 58 Quadratmetern zahlt. Er ist gekommen, um zu bleiben – wie viele hier. Die Fluktuation liege bei etwa drei Prozent im Jahr, gibt die Vonovia an. 
Eine große Treue zum Quartier rund um die Rehberge bestätigen auch die Zahlen des Bezirks aus dem Jahr 2021. Aber so langsam verändert sich die Bewohnerschaft auch hier. „Ich merke das an der Zahl der Zeitungen, die wir verkaufen und an den Lottoscheinen“, erzählt mir Chan, der seit etwa zehn Jahren den markanten halbrunden Rozi-Kiosk neben dem Ebert-Denkmal betreibt. „Das werden immer weniger. Durch Corona sind viele liebe Kunden gestorben. Es kommen mehr junge, Studenten und so.“

Bleibt zu hoffen, dass der Dornröschenschlaf, in dem große Teile der Siedlung liegen, nicht zum schleichenden Verfall wird. „An den Häusern selber ist lange nichts gemacht worden“, klagt Herr J. Der 50-Jährige stammt aus Slowenien und ich treffe ihn, als er auf einer der halbrunden Metallflächen sitzt, die hier jeden Eingang zieren. Sieben Jahre wohnte er hier. „Schauen sie sich die Metallfenster an! Das sind immer noch die alten.“ Und der Garten sei verwahrlost, beschwert er sich. „Aber wenn was kaputt ist, braucht man nur anzurufen, dann kommen sie schnell“, räumt er ein, ohne sich zu erinnern, wer eigentlich sein Vermieter war. Weggezogen – ins Märkische – ist er dann auch nicht wegen der Baumängel, sondern weil es mit der Liebe aus war. Heute ist er wieder da, um seine Ex-Freundin zu besuchen, die in der alten Wohnung geblieben ist. Liebe vergeht, Miete besteht.

Gut. Gehen. Lassen.

Es ist schon erstaunlich, was alles so in einen Tag hineinpasst. So ohne Plan, so von Dawn till Dusk. Bin mit der Sonne aufgewacht, das war nach neuer Uhrzeit um 7 Uhr und mit der Abenddämmerung um halb 5 wieder in die Straße eingebogen, die in meiner Adresse vorkommt. Hätte ein voller Arbeitstag sein können. Aber einziger Tagesordnungspunkt heute war: Fädenziehen. Vor zwei Wochen hat mich mein Motorrad abgeworfen. Im Stehen. Vor der Haustür. Das muss man erstmal hinkriegen. Und sich dabei das Schlüsselbein zu brechen, schafft auch nicht jeder, selbst in meinem Alter. Meine Jungs haben mit mir das Motorrad wieder aufgestellt, die Mutter meiner Kinder hat mich ins Krankenhaus gefahren. Ein Freund hat das Motorrad abgeholt und bei sich untergestellt. Auch wenn ich auf die Nase falle: Ich bin nicht allein. Das ist gut zu wissen. Und zwei Tage später lag ich unterm Messer. Alles ging flott und professionell. Vom 13. Stock des frisch renovierten Charité-Hochhauses konnte ich auf Berlin schauen, mit besten Aussichten auf den Bundestag. Meine Tochter kam mich besuchen. Alles hat sein Gutes.
Auch dass ich mit dem Arm in der Schleife mal wieder aus dem Wedding ins gediegene Westend komme, zu meiner Orthopädin, zu der ich eigentlich so schnell nicht wieder hin wollte. Aber einmal da, und mit einem Attest für die nächsten zwei Wochen entlassen, wollte ich auch nicht wieder nach Hause. Was soll ich da? Mich einstauben lassen? Es war noch nicht mal 10 Uhr. Unentschlossen bummele ich den Kaiserdamm zurück zur S-Bahn, finde eine Bäckerei, trinke erst mal einen Kaffee und vor der S-Bahn-Treppe sehe ich, das gleich nebendran ein ruhiges Viertel liegt, mit Gründerzeithäusern, Linden und Kopfsteinpflaster. Die Sonne scheint, es ist ein heller Herbsttag. Das merke ich erst jetzt. Also die S-Bahn fahren lassen und ins unbekannte Viertel eingeschwenkt. Mein Handy sagt mir, dass hier der Liezensee um die Ecke ist, ein Jugendstil-Gartendenkmal, von dem ich schon oft gehört haben, das ich aber auch nach 25 Jahren Berlin noch nicht gesehen habe. Eine Runde um den See, ein bisschen mit dem Herbstlaub rascheln. Ganz vorsichtig die Treppen runter, denn mein Knochen sagt mir, dass er nicht noch einmal einen Sturz aushält. Ehrfürchtig schweigende Kindergartenkinder werden von plappernden Erzieherinnen in elektrisch surrenden Karren über die Kieswege zum Parkspielplatz gelenkt. Ältere Pärchen in Daunenjacken begehen den gemeinsamen Lebensabend. Laubengänge leiten mich zum Ufer. Das einzig räudige hier sind die jungen Schwäne, die noch ein paar graue Streifen im schon ziemlich anmutigen Federkleid haben. Die Stadt ist doch nicht so schrecklich wie sie scheint. Ich mach Pause vom Überlebenskampf.
Eine Seegaststätte in Blickweite stärkt meine Schritte. Die Stühle sind hochgestellt, die Küche noch nicht warm, aber ich kriege ein Rührei und einen Tee. Ich mag es, wenn man für mich eine Ausnahme macht. Der Blick geht auf den Funkturm. Als ich an der anderen Uferseite weiter streife, lande ich in einer Bücherbox, in der der Nachlass eines Menschen gelandet ist, der nicht viel älter als ich gewesen sein kann. Eine fast komplette Ausgabe von Asterixheften und ein Roman von John Fante machen meine Tasche schwer. Es ist Mittag. Auf den sonnenbeschienenen Bänken am Ufer sammeln sich einsame Seelen mit Büchern in der Hand. Für eine halbe Stunde darf ich einer von ihnen sein. Dann befällt mich der Skrupel: Zwischen „es sich gut gehen lassen“ und „sich gehen lassen“ kann ich nicht gut unterscheiden. Also zurück in den Wedding. Aber auch da habe ich keine Lust auf Heimkehr. Neben dem S-Bahnhof Wedding gibt es einen alten CD-Laden, über den ich immer schon mal berichten wollte. Rein in die Höhle, die mit Heavy-Metal-Postern tapeziert ist. Ein kleiner Plausch mit Manfred, der den Laden schon seit 1981 führt. Ich verspreche, mit meinem Fotoapparat wieder zu kommen, laufe weiter, die Straße hoch, lande im Lesesaal der Schiller-Bibliothek. Tauche ab zwischen eifrigen Schülerinnen mit Kopftuch und schweigenden Lesern. Eine Stunde und zwei Comics später bin ich wieder auf der Straße. Was für einen Luxus habe ich mir gegönnt. Ich schlendere weiter, mache kleine Besorgungen bei der Post und bei der Bank, schaue was Tschibo Neues hat und lande in einem türkischen Frühstückscafé, das gerade dabei ist, seine Auslage einzuräumen. Denn Frühstück ist lange vorbei, draußen versinkt die Stadt schon in der Dämmerung, Blue Hour. Wo ist die Zeit geblieben? Früher habe ich die Melancholie dieser Übergangszeit geliebt und gefürchtet. Wer jetzt kein Heim hat, findet keines mehr. Heute habe ich eins und mache mich in der Dämmerung auf den letzten Teil meines Weges. Es ist mir warm.

Elefant im Raum

Klöster, Kirchen und Klösterkirchen. Im Burgund gibts davon so viele, dass brave katholische Bauern die grauen Gemäuer als Scheune benutzen.

Ein Frevel, den man sonst nur den gottlosen Sowjetkommunisten zugetraut hätte. Und gleichzeitig gibt es hier Städte, die aussehen als wären sie auf dem Reißbrett sozialistischer Planer entstanden. Diese Rotunde inmitten von Plattenbauten könnte doch glatt in Novosibirsk oder auf dem Berliner Alexanderplatz stehen.

Aber wenn das der Alexanderplatz ist, dann müsste ja gleich um die Ecke ein Kulturpalast, ein Дом Культуры oder gar ein Palast der Republik stehen. Et voilà:

Das Monstrum heißt ganz elegant «Espace des Arts» und hat mir meinen letzten Tag vor der Abreise aus Chalon sur Saône versüßt. Die Türen standen schon früh am Morgen offen und ich war der einzige, der unter den wachsamen Augen von zwei erstaunten Aufpasserinnen den herrlichen Ausblick aus dem Lampenladen in die umliegenden Sozialwohnungen genießen durfte. „Il est allemand.“ raunte die eine der anderen zu, als würde das mein verrücktes Herumknipsen erklären.

Und wenn der Klotz der kleine Bruder des Berliner Palastes ist, dann war da bestimmt doch auch was mit Asbest…? Richtig. Vor 5 Jahren wurde er grundsaniert. Und um ehrlich zu sein, sah er da am besten aus. Mehr Fotos von Benjamin Chelly.

Und um mich endgültig auf meine Heimreise einzustimmen, fand ich vor dem Bahnhof auch noch einen französischen Dönerstand mit Fleisch, das garantiert „halal“ war und aus Pfungstadt kam. Aber schmeckte natürlich nicht wie in meiner Döneria in Berlin. In Berlin ist mehr Salat.

Und warum ich das alles im 13. Stock der Berliner Charité mit Blick auf den Fernsehturm schreibe ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll…

Kafka en route

»Nimm mich mit, wohin ich will« steht auf dem Zug. Ich hoffe, dass er das irgendwann tun wird, und mich heil zurück bringt. Die ersten Tage meiner Tour wollte ich jeden Morgen zurück. Aber es ist so schön hier. Deswegen geht‘s jeden Tag weiter nach Westen, auf dem Eurovelo Radweg 6, immer am Kanal lang – dem Rhein-Rhone-Kanal. Wusste ich bisher auch nicht, dass es den gibt.

Jeden Tag so 50 Kilometer am Kanal entlang beruhigt ungemein, denn man kann sich nicht verfahren.

Und dann die schönen Schleusenwärterhäuschen. Würde ich am liebsten gleich bleiben oder sie für zu Hause einpacken.

Aber aufpassen muss man bei den Franzosenden. Also den Leuten, die hier wohnen und die einen auf Franzosen machen. So wie die Menschen aus München auf dem Oktoberfest einen auf Bayern machen. Bin gestern in so eine Gruppe geraten, die so taten, als seien sie das gallische Dorf bei Asterix beim Wildschweinessen. Ich war der Barde, denn ich konnte ja nichts sagen. Der nächste Tag war der Hammer (don’t drink and drive).

Aber Reisen hilft auch, die Welt verstehen. Das hier ist ein Foucaultsches Pendel in Besançon. Aber es pendelt gerade nicht. Heißt das, dass die Erde sich nicht mehr dreht? Ich hätte es nicht gemerkt.

Am wichtigsten: Selber wieder seine Balance finden. Und das gelingt mir hier sehr gut.

A bientôt

Kafka on the road

Vom Geben und Nehmen

Vor dem Urlaub muss ich sehr nervös gewesen sein. Kurz vor der Abfahrt hatte jemand mir an der S-Bahn den Reifen meines alten Fahrrads aufgestochen. Mit meinen Jungs habe ich das noch schnell repariert. Es war ein pädagogisches Happening mit Wasserschüssel, Flicken und Vulkanisierflüssigkeit (was für ein Wort). Jetzt ist der Reifen wieder platt. Wahrscheinlich haben wir uns nicht genug Zeit genommen, den Flicken richtig aufzudrücken. Da muss man geduldig und sorgfältig sein. Nicht meine Kardinalstugenden, und die meiner Jungs erst recht nicht. Aber ich brauche das Rad um den leeren Kühlschrank wieder zu füllen und versuche es noch mal mit Aufpumpen, scheint zu halten. Aber zur Sicherheit fahre ich mit dem guten Rad. Muss eh in die Werkstatt, um es fit zu machen für meine Radtour durch Burgund (ich habe mir eine Auszeit gegönnt). Als ich mit den Einkäufen zurück komme, ist das alte Fahrrad weg. Ich hatte vergessen es nach dem Aufpumpen wieder abzuschließen und das wird im Wedding als Einladung „zum Mitnehmen“ verstanden, wie auf den vielen Kartons mit Ramsch steht, die man hier einfach vor die Tür stellen kann – und die immer leer werden. Mein Schmerz ist heftig, immerhin habe ich viel Arbeit und Leidenschaft in die alte Mühle gesteckt, um sie wieder ans Laufen zu bekommen, aber kurz. Denn im Keller habe ich noch so ein altes DDR-Rad. Es stand an der Straße – unabgeschlossen. Und das kann man ja als Einladung verstehen, oder?

Als ich mein gutes Fahrrad von der Werkstatt abhole, gibt es auch dort eine Kiste, mit verstaubten Teilen „zum Mitnehmen“. Ich fische einen Trinkflaschenhalter aus dem Karton, den ich gut für die Tour gebrauchen kann, klemme ihn auf den Gepäckträger und fahre zur Bibliothek. Als ich mit den Reiseführern für Burgund wieder rauskomme, ist der Gepäckträger leer. Es gibt viele Trinker am Platz vor der Bücherei. Aber haben die auch Fahrräder? „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen.“, bete ich ein Mantra, das ich noch aus Kindertagen kenne und mache mich auf zu meinen Jungs. Ich habe bald Geburtstag, den will ich mit ihnen feiern. Aber vorher verteile ich selbst Geschenke: Schokolade aus Griechenland in schöner, altmodischer, blau glänzender Verpackung. Die Verkäuferin hatte mir gesagt, dass diese Schokolade für sie eine schöne Kindheitserinnerung sei, weil es sie nur zu bestimmten Festtagen gab. Bei meinen Zwillingen stößt sie auf wenig Gegenliebe, denn es ist dunkle Schokolade und nicht so süß wie man sie hier kennt. Deshalb finde ich am nächsten Morgen auf meinem Geburtstagstisch nicht nur ein selbst gemaltes abstraktes Kunstwerk, sondern auch eine angebrochene Tafel griechische Schokolade – zum Mitnehmen.

P.s: Als ich nach Hause komme, steht mein altes Fahrrad wieder vor meiner Tür, mit platten Reifen. Ich verstehe den Vorwurf sofort: Wenn man schon was vor die Tür stellt, dann solle es auch noch zu gebrauchen sein. Ein aufgepumptes Rad, aus dem langsam die Luft entweicht, ist ein Betrug am ehrlichen Finder. Ich werde es also noch mal ordentlich reparieren – und wieder vor die Tür stellen.

Happiness, more or less

In einem alten Renault mit Kassettendeck durch die Nacht gefahren – wie damals mit den Friedensfreunden durch den Hunsrück. Die richtige Musik reingeschoben und rein in die hell erleuchtete Stadt, in der du nicht allein bist, mit der du nichts zu tun hast. Denn deine Freunde sind von hier. Sie kennen dunklere Orte. Und zwei Bier und einen Ouzo und drei Würste intus, getrunken und gegessen unter Tamarindenbäumen auf steinernen Tischen. Durcheinander geredet, von allem etwas und alle hatten recht. Und Freunde der Freunde saßen ringsum und Hunde und Zikaden und eingeladen warst du und bekocht von den netten griechischen Jungs in ihrem Food-Truck und die Sterne waren über dem Meer – vom Dunst verschleiert, aber bald bestimmt wieder da und bestimmt wieder schöner als in Deutschland. Deswegen sind wir ja hier. Und keine Angst vor der Nacht und der Schlaflosigkeit. Und wir sind wieder 25 und Gott…(hier wird’s unleserlich)

Auf dem Weg ins Paradies

Natürlich gibt es das Paradies auf Erden. Und es ist gar nicht so schwer, da hin zu kommen. Man muss in Wandlitz einmal links und einmal rechts abbiegen und dann noch zwei Kilometer geradeaus. Mehr wird hier nicht verraten. Denn sonst wäre es ja kein Paradies mehr, sondern noch ein überfüllter Badesee in Brandenburg. Im Paradies gibt es alles was man braucht – und nicht mehr. Eine grüne Wiese, die nicht zu voll ist, Schatten, Fischbrötchen (Bismarck und Matjes, wir haben beide Sorten) alkoholfreies Bier und nach dem Baden einen Kaffee und eine knusprige Waffel aus einem hübsch im rosa Retro-Wirtschafswunderstil renovierten Wohnwagen der „Waffeltanten“. Die Waffeln sind besser als die nach dem 50er-Jahre Rezept meiner Mutter (Kartoffelmehl war ihr Geheimnis) und die Tanten sind kesse Berlinerinnen, haben ein kleines Tatoo irgendwo und sind netter als meine Wirtschaftswundertanten. Die sahen nämlich so aus (der im Ringelpulli bin ich):

Sie rochen nach Drei-Wetter-Taft, Trevira und zu engem Mieder und hatten garantiert schlechte Laune, oder einen Likör zu viel.

Aber im Paradies darf man ja nicht ewig bleiben, ist nun mal so. Steht schon auf der Eintrittskarte. Außerdem: was wäre denn mit dem Rest der Welt, wenn man das Paradies immer um die Ecke hätte? Wie würde sich denn das anhören, wenn die Kolleginnen fragen: „Wohin fährst du in Urlaub?“ und ich jedes Mal antworte:„Nach Brandenburg, ins Paradies!“ Ne, irgendwann muss da mal was Abenteuerlicheres her. Also gehe ich jetzt meinen Freund besuchen, der seit einem Jahr auf Kreta lebt. „Musst nicht alles glauben, was da in der Katastrophenberichterstattung kommt. So mit 40 Grad, Waldbrand und Stürmen. Ist hier alles nicht so.“ Na, da bin ich ja beruhigt und muss auch kein schlechtes Gewissen haben, dass ich direkt nach Heraklion fliege und nicht wie ursprünglich geplant mit Interrailpass (für Senioren) und Fähre (Abenteuer!) runter fahre. Zur Sicherheit vereinbaren wir, dass er mich vom Flughafen abholt – und wenn ich abstürze, dann aus dem Meer. Ich baue ganz fest darauf, das er es auch tut. Er ist ein guter Freund und auf die Küstenwache ist im Mittelmeer kein Verlass mehr. Vorher werde ich aber noch die Apotheken und Drogeriemärkte abklappern, um ihm und seiner Frau all die Sachen mitzubringen, ohne die es sich im Garten Eden dann doch nicht glücklich sein lässt und komme mit dabei vor wie Leonardo de Caprio in „The Beach“, als er auf geheime Shoppingtour gehen musste für all die Mittelstandskinder, die zum absoluten Glück an der Beach dann doch noch Schokolade und Marshmellows brauchten. Und meine Steuererklärung will ich endlich noch abgeben, vor dem Urlaub. Ich bringe sie persönlich beim Finanzamt vorbei. Das sieht bei uns so aus:

Entspannt in der Sonne liegen könnte ich also eigentlich auch hier.

Baufällig

Sie war immer schon schäbig, die alte Fachwerk-Remise mitten in der Stadt. Und dabei hatten meine Eltern Glück, überhaupt etwas zu finden. Wer vermiete schon etwas an einen Heimatvertrieben, der seine Lehre auf dem Gutshof über der Stadt geschmissen hatte und jetzt kaum zu Hause war, weil er für 100 Mark die Woche tagein tagaus mit dem Lastwagen weg war; einen, der noch nicht mal das Geld hatte, seine Hochzeitsgäste zu bewirten, der sich statt dessen vom Tankwart das Auto geliehen hatte und mit seiner Braut gleich nach der Trauung zur Hochzeitsreise an den Bodensee losbretterte. Die 20 Schwägerinnen und Schwäger konnten nur noch hinterherschauen. Ein kleiner Rebell in einer kleinen Stadt, in der man so etwas lange nicht vergisst.
Hinter einer hohen Mauer mit brauner Tür versteckt, war der Hof für uns und die Nachbarskinder die Welt. Wir hüpften über „Himmel und Hölle“, spielten „Deutschland erklärt den Krieg an…“ und bauten Kaufmannsläden aus alten Gemüsekisten. Hier hing die Wäsche vom Waschtag auf der Leine und der schnaufende dicke Nachbar hob die schwere knarzende Klappe hoch, die die Kellertreppe freigab, die er in seiner enormen Hose mit Hosenträgern herunterächzte, um Kohlen oder Eingemachtes hochzuholen. Das Knirschen seiner stets mit Dreck verkrusteten Schuhe auf den Holzstiegen des dunklen Treppenhauses verfolgte mich in meine Träume. Es gab aber auch noch eine alte Näherin, ein katholisches Fräulein, die ein Zimmer mit Blick auf die katholische Kirche hatte. Eine Kirche in die ich nur mit Grausen ging, weil dort die blutige Statue des Hl. Sebastian stand, der von Pfeilen durchbohrt wurde und der Kreuzweg Christi. (Zum Glück hat man die Kirche mittlerweile etwas entrümpelt. Sieht jetzt hell und fast einladend aus. Aber der blutige Sebastian ist immer noch da).


Viel spannender fand ich ihre kitschige Spieluhr, die “Tulpen aus Amsterdam“ spielte und die sie aufzog, wenn wir Kinder mal wieder von meiner Mutter bei ihr untergebracht wurden. Sie wollte, dass ich einmal Pfarrer werde, achtete darauf, dass uns meine Mutter sonntags zum Gottesdienst und werktags in den Kindergarten der katholischen Nonnen schickte. Ich schaute lieber aus dem anderen Fenster, das auf die rauschende Bundesstraße hinaus ging, und bestimmte die Autos nach Marken.

Jetzt steht das Haus schon seit Jahren leer. Leer wie die ganze Innenstadt. Aus Porzellanläden wurden 1-Euro-Shops, aus Gaststätten Dönerbuden und aus dem Friseur ein Nagelstudio. Die Fabrik, für die mein Vater zum Schluss fuhr ist auch schon lange geschlossen und die Touristen, die früher von den weißen Dampfern der Köln-Düsseldorfer Schiffahrtsgesellschaft über die Fachwerkkulisse am Rhein ausgegossen wurden, kommen jetzt mit dem Auto oder per E-Bike und das kleine Motorboot, das von dort die Stadt mit der anderen Rheinseite verband ist durch eine Autofähre am Ortsende ersetzt worden. Die Einheimischen hocken in ihren Eigenheimen auf den umgebenden Bergen und fahren zur Arbeit nach Koblenz oder Bonn.

Dirty ol town. Keiner braucht dich mehr. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer: Der Bauunternehmer, der die ganzen baufälligen Fachwerkhäuser abreißt, will sich hier seinen neuen Firmensitz bauen, heißt es. Keiner weiß Genaues, auch meine Schwester nicht, die noch hier wohnt, aber keine Zeitung liest. Vielleicht bleibt die Remise ja stehen, als Zufluchtsort für neue Flüchtlinge. Und vielleicht rutschen deren Kinder genau so gerne das Geländer zur Unterführung unter der Bundesstraße herunter, wie wir es getan haben (und bei meinem Besuch wieder getan habe, obwohl ich selber ja schon etwas baufällig bin. Meinen Jüngsten konnte ich nicht dafür begeistern).