„Kennen sie das Gerät schon?“, fragt der Arzt. Ja, sage ich, da habe ich schon viel Babyfernsehen mit geschaut. Und wenn man Zwillinge kriegt, dann darf man auch in Farbe sehen. Ist ein bisschen unheimlich, aber es beruhigt. „Aber Ihren Bauch hat noch keiner damit untersucht?“ hakt er nach. Ich stutze, stammle ein wenig rum: nee, ach doch irgendwann, nee das war ja das Knie… Was soll es in einem Männerbauch schon Interessantes zu sehen geben? Alles das was Mann nicht haben will: Gallensteine, Krebs oder, oder, oder. Aber eigentlich: Wozu geh ich denn zu einer Vorsorgeuntersuchung, wenn ich nicht wissen will was los ist? Nein, will ich eigentlich nicht. Ich will nur das Ok vom Arzt haben. Alles gut, wie immer. Neue TÜV-Plakette und wir sehen uns in zwei Jahren wieder. Das will ich von einem Arzt hören.
So genau wie der hat mich noch keiner untersucht. Will wohl Geld an mir verdienen. Ist halt das Elend, wenn man privat ist, dann machen sie alles mit einem, die Geräte müssen sich ja lohnen. Schon hab ich kaltes Gel auf meinem Bauch -also von Bauch würde ich jetzt gar nicht reden wollen- und verrenke mir den Kopf, um das Gesicht des Arztes im Blick zu haben. Ich kenn das schon von den Baby-Untersuchungen – wenn er genauer in das graue Gerausche auf dem Bildschirm schaut, dann wird’s ein Mädchen. Bei mir schaut er entspannt. „Die Galle ist in Ordnung.“, sagt er beiläufig. Aufatmen darf ich nicht, denn ich soll ja die Luft anhalten. Dann bleibt er eine Weile unter meinem rechten Rippenbogen hängen. Und dann sagt er was über meine Leber… Senkrecht stehe ich auf der Liege: Waaas? Ich trinke keinen Tropfen Alkohl! „Kann auch von fettem Essen kommen, sagt beruhigend, und von zu wenig Bewegung. Meiden sie tierische Fette.“
Iiiich, tierische Fette? Ich bin Halb-Veganer. Ein Müsli-Man der ersten Stunde. Ich hab einen selbstverwalteten Bio-Laden geführt, als dieser Kerl sich noch die Pickel ausgedrückt hat. Und zu wenig Bewegung: Ich fahr Fahrrad, jeden Tag, zur Arbeit, nicht mehr so schnell wie früher, aber immerhin den ganzen Winter durch. Ich bin doch kein Couch-Potato. Hab ja noch nicht mal einen Fernseher. „Ich kontrollier noch mal ihre Leberwerte. Wenn sich da nichts getan hat, müssen Sie sich keine Sorgen machen.“
Schon bin ich wieder raus aus dem Sprechzimmmer. Draußen tirilieren die Vögel und begrüßen den ersten Frühlingstag. Es kommt mir vor, als machten sie sich lustig über den gebrochenen Mann, der sich da zur U-Bahn schleppt. Es ist wie vor 15 Jahren, als ich zum ersten Mal Probleme mit den Knien hatte. „Ja, das knackt. Und das wird es von jetzt ab immer wieder tun.“ flötete mein Orthtopäde, der was auf seine Allgemeinbildung hielt, „Deshalb nennt man ja auch die alten Leutchen „alte Knacker“.
In der U-Bahn. Vor meinem inneren Auge läuft mein Leben ab. Butter, denke ich. Billige Butter. Davon kann ich nie genug bekommen. Das liegt in meinent Genen. Das war was Besonderes, wenn es bei meinen Eltern die gute Butter gab statt Margarine. Und Sahne, steife Sahne. Seit es das Eis-Cafe um die Ecke gibt, bin ich da jede Woche zwei Mal. Aber bitte mit… Und Junk-Food. Salzig und fett. So wie der Müsli-Man im Lied von BAP irgendwann Punk wird, wurde ich nach meiner Müsli-Zeit vom Paulus zum Saulus. Irgendwann wollte ich kein glücklich griender Öko mehr sein, sondern ein richtiger Kerl. Keine Pommes-Bude war mir zu fettig, keine Mitropa-Kantine zu dreckig. In England war meine Anwältin, bei der ich ein Praktikum machte entsetzt, als ich sie zu einem Laden mit Kidney Pie und Chips schleppte. „Greasy Joe“ hieß ich seitdem bei ihr. Ich bin halt ein Kind der Arbeiterklasse, sagte ich ihr stolz. Da gehöre ich hin. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich mich traute meinen eigenen Weg zu gehen.
Meine Leber hat keinen Schritt davon vergessen. Sie ist ehrlicher als ich. Ich hoffe, sie bleibt noch ein wenig bei mir. Morgen gehe ich auf ein Fasten-Retreat. Nix essen für zehn Tage. Ich hoffe, es tut ihr gut.



