Unerwarteter Besuch

Katrin kenne ich schon seit über zehn Jahren. Wir haben nie viel miteinander gesprochen, obwohl wir uns jede Woche sehen. Es musste erst Corona kommen, um das Eis zu brechen. Heute stand sie zum ersten Mal vor meiner Tür. Ich hatte mich endlich getraut sie anzurufen, ihr ein kleines Briefchen geschrieben und vor die Tür gelegt, Sie kam sofort, hatte mir was Nettes mitgebracht und lächelte mir zu. Ich winkte ihr aus dem Hausflur, sie winkte zurück. Näher konnten wir einander nicht kommen, aber wir verstanden uns ohne viele Worte. Das war nicht immer so.
Es ist ein seltsames Gefühl, plötzlich von der Welt abgeschnitten zu sein. Erst merkt man nichts, Homeoffice wie gewohnt. Aber irgendwann ist der Kühlschrank leer und man muss anfangen, sich Gedanken zu machen. Und der unangenehmste Gedanke ist: Wen kann ich um Hilfe bitten? Im Haus sind alle einigermaßen nett, aber mehr als ein paar Worte wechsele ich mit niemand. Meine Freunde leben mehr so über die Stadt verstreut. Meine Tochter braucht eine Stunde zu mir und hat ihren ersten Job, auch Homeoffice, aber so einfach kann sie auch nicht weg. Ich mache eine lange Liste und bin erstaunt, was ich alles für eine Woche brauche. Nein: Klopapier ist noch nicht mal dabei, aber ich merke: Das schafft einer ohne Auto nicht. Dann denke ich an Heiko, wir kennen uns über unsere Jungs, treffen uns öfter und der hat ein Lastenrad. Versuch macht kluch. Ich rufe ihn an und er ist so semi begeistert. Hat am Wochenende schon was anderes vor, könnte aber vielleicht am Samstag ganz früh beim Naturkostladen die Sachen abholen, die ich dort bestellen kann. Das geht. Ein bisschen peinlich ist mir das schon. Also überlege ich, wie ich ihm die Sache einfacher machen kann. Einfach weniger essen! Oder noch besser: Einfach gar nichts essen. Eine Woche lang fasten. Mache ich eigentlich ein Mal pro Jahr um Ostern, aber wegen Corona ist ja alles durcheinander. Aber nichts essen heißt nicht, dass ich nichts brauche. Eine Kiste Saft, ein bisschen Gemüse für das dünne Süppchen, dass man zwischendurch essen soll, leckeren Tee, Honig…..
Ich rufe im Laden an, und einer von den wuschelköpfigen Weltverbesserern ist dran, die sich in dem Laden die Klinke in die Hand geben. Woolheaded, woolminded lentilstirrers nannte mein englischer Freund die Sorte. Mürrisch nimmt er Namen und Bestellung auf und als ich nach dem Saft frage, muss er kurz in den Laden rufen. Sie müssen alle rufen und fragen, denn die Chefin in dem Laden ist Katrin. Und nur Kathrin weiß wie man es richtig macht, denn es ist seit 20 Jahren ihr Laden und keine weiß es so gut wie sie. Deswegen hält es auch keiner lange bei ihr aus. Denn selbst der enthusiastischste Müsli-Jünger fragt sich bald, ob er sich der guten Sache wegen diesen Drachen antun muss. Auch die Kundschaft wird gerne mit erlesenster Berliner Patzigkeit begrüßt oder am besten geschäftig ignoriert. Auch ich wurde über die vielen Jahre keines Blickes gewürdigt und mein fröhlicher Gruß blieb meist unerwidert zwischen den Holzregalen stecken.
Doch seit einem Monat hat sich was verändert. Das war, als ich mit den Flugblättern für die neue Bürgerinitiative in den Laden kam. Auf einmal strahlte das süßeste Lächeln in Katrins Gesicht. Ist es, weil ihre neue Freundin Barbara auch bei unserer Ini mitmacht? Sie erwiederte meinen Gruß sogar mit meinem Namen, den sie anscheinend seit Jahren kennt. Und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich an dem Tag nicht beschwingt aus dem Geschäft geschwebt wäre. Und kaum hörte heute Kathrin meinen Namen, als der umständliche junge Mann laut meine Adresse auf den Bestellblock notierte, riss sie ihm den Hörer aus der Hand und säuselte: „Das bringe ich dir natürlich persönlich vorbei.“ Ich glaube, Kathrin hat Frühlingsgefühle. Oder ihr Laden läuft so schlecht, dass sie für ihre verbliebenen Kunden eine Charmoffensive startet.
In den Umschlag, auf den ich Kathrins Namen geschrieben und in den ich die geforderte Summe gelegt habe, tue ich ich noch ein paar Euro extra. Fürs Bringen. Denn ich möchte sicher sein, dass unsere Beziehung eine geschäftliche bleibt.


Heimatlos

Die Trinker von der „Gemütlichen Ecke“ stehn jetzt auf der Straße. Sie sind ihrer Kneipe treu, den ganzen Winter schon. Nur eben draußen. Ihr Bier holen sie sich von Jashims Tante Emma Laden. Da gehe ich auch gerade hin mit meinem Leergut von der letzten Woche, neues Bier holen. Eigentlich könnt ich mich dazustellen, denn jetzt ist es schön warm und sonnig. Aber ich will nicht mehr auf der Straße rumtreiben wie ein räudiger Köter. Ich will heim. Zu Mittag war ich im Fleischerimbiss, da gab’s ne gute Suppe. Aber keine Teller. In einen Pappbecher haben sie die gefüllt, wie Kaffee und damit musste ich dann raus auf die Straße. Hab mir einen Verteilerkasten von der Post gesucht und mein Süppchen draufgestellt. Schauen einen die Leute schon komisch an, wenn man da so vor sich hin löffelt. Sogar im Wedding. Woanders auch. Als ich im Westend mir bei „Butter Lindner“ mal Fleischsalat und ne Schrippe gekauft hab und mich damit auf eine Vorgartenmauer gesetzt habe, um zu essen, da haben die älteren Damen ganz wohlerzogen und ein bisschen belustigt „Guten Appetit“ gewünscht. Machten aber einen Bogen um mich. Eine Frau, die sich einen Döner gekauft hatte und verschämt reinbiss, zwinkerte mir zu: „So was macht man hier eigentlich nicht, aber geht ja grade nicht anders und ist ja eigentlich auch ganz lustig.“ Nee, ist gar nicht mehr lustig. Ich will wieder von einem Teller essen und an einem Tisch sitzen. Am Mexicoplatz gibts einen lecker Fleischerimbiss, und draußen vor der Tür gibs ein altes Bierfass, das vor einer geschlossenen Kneipe steht. Denkste geschlossen. Kaum stell ich mein Gulasch drauf, kommt schon der Kneipenmensch und vertreibt mich. Bin dann um die Ecke gegangen und habs auf einen Briefkasten gestellt. Eigentlich ist essen im Freien so ne Marotte von mir. Irgendwo hinsetzen, auf Treppenstufen, auf einen Poller oder eine Bank. Essen und Leute gucken, das mag ich. Sieht man ne Menge bei. Wer sich abhetzt, wer neidisch guckt, wer einen für einen Penner hält. So was. Mein Lieblingsplatz ist vor dem türkischen Cafe bei mir um die Ecke, wo ich mir morgens um 10 einen Kaffee hole und mich an den Stehtisch stelle, den sie da für die Raucher hingesellt haben. Das ist mein Ausguck. Komm ja sonst nicht unter Leute, wenn ich Homeoffice mache. Die Leute da kenn mich schon. Ein kleiner Kaffee, Becher bring ich selber mit und einen von den harten Keksen, die die Mutter vont janze backt. Die schmecken wie die Hasch-Kekse von früher, is aber nix drin. Kommt da neulich einer mit som kleinen Hund, der hinkt und fragt, ob ich mal drauf aufpassen kann. Na, da hab ich mir doch gleich gedacht, da hol ich mal die Polizei. Denn der Hund, dem gehts nicht gut, das sah man, den hat jemand verprügelt. Und der Typ sah auch gleich so aus. So mit Basecap und Trainingsanzug und rote Badelatschen. „Sach ma“, sag ich, als der wieder mit ner Tüte Brötchen rauskommt. „Sach mal, deinem Hund gehts nicht gut. Was haste denn mit dem gemacht?“ Wird der rot und sacht: „Den hab ich geklaut, mit meiner Mutter zusamm.“ Wie?“, sach ich. „Ja, der gehört einem in unserm Hinterhaus und jede Nacht hat man gehört, wie der den Hund geprügelt hat. Und als der den mal wieder raus aufn Flur geschmissen hat, da ham wir uns den geschnappt. Is n ganz Lieber. Ronny nennen wir ihn. Der Tierarzt meint, das Bein wird nicht wieder.“ Ja, so kann man sich täuschen. Aber Geschichten hört man nur, wenn, man einfach mal auf der Stelle stehn bleibt, in Ruhe einen Kaffee trinkt und sich die Leute anguckt.
Aber trotzdem nervts mit Corona. Als mein Bäcker zu hatte bin ich zu Edeka und wollte mir da einen Kaffee holen. Ist da so ein Piefke und sacht mir: „Sie haben den falschen Mundschutz an.“ Denk ich hab mich verhört und der meint: Sie ham den Mundschutz falschrum auf. Passiert ja manchmal. Aber der sacht „Mit OP-Maske is nich mehr, sie brauchen FFP 2.“ Ich sach dem Jüngelchen: „Und was is das auf deiner Nase? Ist doch auch nur ne OP-Maske. Sind deine Viren besser als meine?“ Sacht der Schnösel: „Für den Verkauf gibt es eine Ausnahmeregelung.“ Und weil es für alles eine Ausnahmeregelung gibt, konnt ich ihm noch nicht mal anders kommen. Aber seine Virenschrippen konnt er behalten.
Aber wissen se was wirklich schlimm ist? Nicht, dass man nicht mehr wie ein ordentlicher Mensch behandelt wird, nicht das man nicht mehr wegefahren kann, sondern, dass se einem auch noch die Träume nehmen. Wollt ich mir nämlich mal was Gutes tun und bin morgens zum „Simit Evi“ neben dem Jobcenter. Das ist ein türkisches Frühstückscafe das wirklich so aussieht wie in der Türkei. Sesamkringel und Frühstück mit Oliven, Schafskäse und Spiegelei und natürlich sind da echte Türken drin. Wenn ich mich da rein setze und so einen kleinen Tee im Tulpenglas trinke, dann is das wirklich wie damals, als wir auf unserem lezten Urlaub vor den Kindern, irgendwo zwischen Ankara und Kayseri in einer Raststätte halt gemacht haben. Irgendwo an der Landstraße und nur Landschaft um uns rum, den Schlüssel vom Mietwagen auf den Resopaltisch gelegt und in die Sonne geguckt. Aber was machen die Berliner Türken, als sie bei Corona nix mehr zu tun haben? Die bauen um. Jetzt hängen da stylische Lampen und man kriegt zwölf verschiedene Sorten Kaffee und Pizza. Das hat hier gerade noch gefehlt.
Ich sach euch, nach Corona is auch nich alles wieder gut. Schönen Abend noch.

Projekt „Abendsonne“

Nele meint auf WeChange, der Termin für die Demo müsse im Plenum besprochen werden. Wo das Plenum stattfindet, schreibt sie nicht. Anscheindend ist das allen klar. Lennard postet, dass er eine Datenbank für die Bilder erstellt hat, man müsse sich nur noch über die Formate einigen. Anja erinnert im thread „gestaltung“ auf „slack“, dass man sich jetzt auf diesen Messenger geeinigt hat, weil der praktischer sei als der auf WeChange. Johanna von der AG Selbstverständnis gibt mir auf dem „pad“ für den Basistext den Link, für das Papier „Visionen“, das so als erster Entwurf zeige, wo es mit der Initiative lang gehen soll. Barbara schickt mir endlich per Mail den zoom-Link für das nächste Plenum, nachdem ich zwei Mal in der Conference-Funktion von WeChange zum angesagten Plenums-Termin mit zwei Gleichaltrigen alleine war. Als ich in der AG Öffentlichkeitsarbeit vorschlage, ganz old school eine Homepage einzurichten, kommt von Anja die höfliche Antwort, dass die Social Media Kanäle wichtiger wären und schneller gingen. Und darauf wolle man sich konzentrieren. Ganz freundlich schiebt sie meinen Beitrag, den ich wieder mal in der falschen Diskussionsgruppe gepostet habe, in die richtigen „thread“.


Ich bin einer Bürgerinitiative beigetreten, einer, die es wegen Corona nur virtuell gibt. Leute, die sich sozial engagieren hieß es neulich in der Zeitung, seien gegen die Corona-Depression besser geschützt. Die Initiative will ein lange leerstehendes Gebäude im Park nebenan wieder mit Leben füllen. Da ist bei den ersten Visionen die Rede von chillen und von gutem Kaffee, von Nachhaltigkeit und der Sonne, die man auf der Haut spüren wolle. Das passt gut. Denn ich will wieder ein schönes Bier im Abendrot trinken, wie damals, als es in dem Pavilion noch eine Gaststätte mit Biergarten gab. Das Bezirksamt wollte den Schuppen einfach abreißen lassen, aber er hat Denkmalschutz. Jetzt soll eine Bürgerbeteiligung her. Alternative Konzepte sind gefragt. Vor dem Bio-Laden traf ich Barbara, eine Aktivistin, die mich direkt ansprach, ob ich nicht mitmachen wolle. Barbara arbeitet als Clownin, ist also ausreichend verrückt, um an den Erfolg der Sache zu glauben. Eine Initiative im Lockdown durchzuziehen, darin habe ich Erfahrung, sagte ich ihr. Im Frühjahr 2020 haben wir „Mein Wedding“ als Open-Air-Kunstausstellung organisiert. Aber da waren wir zu viert und kannten uns persönlich. Als ich endlich den Weg in virtuelle Plenum auf „zoom“ gefunden habe, wird mir klar, dass hier mindestens 50 Leute dabei sind. Meistens jung, deutsch, akademisch und in der digitalen Welt zu Hause. Viele kennen sich anscheinend von andern Gruppen und Aktivitäten. Die Strukturen und Abläufe sind ein wichtiges Thema. An meinem zweiten Abend höre ich einen Vortrag über „Soziokratie“. „Basisdemokratisch“ hätte man das genannt, als wir noch Flugblätter auf der Reiseschreibmaschine tippten. Heute bekommen wir per zoom eine Power Point eingeblendet. So soll das funktionieren.

Ganz einfach also -in der Theorie. In der digitalen Praxis läuft alles – wie in den schlechten analogen Zeiten – natürlich über private Kontakte quer zur Struktur. Alle sind über Whats-App oder sonstewie vernetzt, einige sitzen in allen AGs gleichzeitig und einige sind schon in Kontakt mit der Politik. Wer sich an die Regeln hält, bekommt das Wichtigste nicht mit. Dabei ist „Transparenz“ natürlich der Anspruch, der in den offiziellen Foren heftig eingefordert wird. Und viele geben sich auch ganz ehrlich Mühe, den Anspruch aufrecht zu erhalten. Ich bewundere die Disziplin und die Struktur, die hier gelebt wird. Keine endlosen Labereien, wie in den Plenen/Plena/Plenums vergangener Tage. Die Konferenzen sind gut getaktet, fast alle halten sich an das Zeitlimit. Es ist auch einfacher, einen Laberkopf aus einem zoom-meeting rauszuwerfen als einen körperlich anwesenden Welterklärer aus dem Sitzungsaal im AStA.

Was der Nachteil für mich ist: Auf den digitalen Plattformen haben die digital natives die Lufthoheit. Und ich spüre den digital gap. Mühsam klicke ich mich durch die Foren und das endlose Geschnatter. Es ist wie bei den Nachrichten, die ich -selten- von meiner großen Tochter kriege. Statt eines Anrufes brauchen wir fünf SMS und vier Nachfragen, bis klar ist, wann und wo wir uns das nächste Mal treffen. Es kostet mich auch viel Kraft, nach dem Plenum auch noch eine Stunde AG Sitzung online durchzuziehen. Ich schwänze immer öfter und sehne ich mich nach einer konkreten Aufgabe. Deshalb übernehme den Text für den Flyer zur Demo. Großer Fehler! Denn ersmal „reden“ wir eine Weile aneinander vorbei. Für mich ist ein Flyer ein kleines Flugblatt, das man jemand in die Hand drückt und für die Post-Techno Generation ist ein Flyer ein Zettel, den man irgendwo hin klebt, meist mit einem kurzen Solgan und einem facebook-hashtag. Als wir das sortiert haben, heißt meine Aufgabe „Faltblatt zur Selbstdarstellung der Initiative“. Ein Himmelfahrtskommando bei einer Gruppe, in der die einen von der Sonne träumen und die anderen Investoren aus dem Kietz vertreiben wollen. Aber ich nehme es als technisches Training, um mich mit dem ganzen social-media-Kram zu beschäftigen, der auch auf der Arbeit immer mehr Raum einnimmt. Immerhin schaffe ich auf WeChange ein „pad“ einzurichten und bin mächtig stolz auf mich. In einem „pad“ können viele Menschen gleichzeitig online an einem Text arbeiten. Eine tolle Erfindung. Ich mache einen Entwurf und einige aus anderen Arbeitskreisen machen Ergänzungen. Wunderbar. Der Text ist fertig. Die Grafikerinnen machen ein professionelles Layout dazu. Alles schick!
Doch dann kommt Liam und mir fällt wieder ein, warum ich irgendwann Ende der 80er diese „jeder hat die gleiche Stimme“-Foren satt hatte.  Liam ist ein(e) Kämpfer(in). So ganz klar ist das mir bei ihm oder ihr mit der Geschlechteridentität nicht. Ist aber allen wichtig. Auf jeden Fall bekomme ich heftig Schelte, als ich „Liebe Liam“ schreibe. Liam streicht den ganzen Text und die Struktur, macht daraus ein antikapitalistisches Pamphlet und erklärt patzig: Der Flyer geht so nicht raus. Ich erkläre in der AG meine Arbeit, meine Struktur und dass es wichtig ist, alle sprachlich zu erreichen. Das mache ich seit 30 Jahren. Zweiter Fehler: Sich auf Erfahrung zu berufen. Alle stellen sich hinter Liam. Jeder könne doch gute Texte schreiben. Und sicher  sei an der Überarbeitung doch das ein oder andere bedenkenswert. Ich schlafe eine Nacht schlecht.

Am nächsten Morgen weiß ich: Ich streite mich nicht mehr um ein paar Worte auf einem Stück Papier. Und ich habe nicht die Kraft, gegen virtuelle Windmühlen zu kämpfen. Etwas traurig wünsche ich meinen MittreiterInnen ein frohes Gelingen der Initiative, verabschiede mich bis zur Demo, verabschiede mich von „slack“ und beschäftige mich mit der nächsten Generation. Zusammen mit meinem Sohn entwerfe ich eine neue Struktur. Er einen Strich, ich einen Strich. Er eine Farbe, ich eine Farbe. Ich finde, das sieht doch für die Zukunft schon ganz vielversprechend aus.

Nicht kleckern

Hab ja die letzten Tage einige Bilder von Krokussen hier gesehen. Von wegen Frühling und so. Sehr schön, wirklich. Kann man nicht meckern. Aber ein Blümchen oder zwei, dass ich nicht lache. Kommen sie mal in meinen Hinterhof. Da zeig ich ihnen mal, wie man das richtig macht. Nicht sähen, aber dafür reichlich ernten. So machen wir das hier in Berlin. Ich sach mal so in aller Bescheidenheit: Ist doch echter Hingucker, oder?

Und bei der Nacht,

senken alle Blümelein

die Köpfchen sacht

und schlafen ein.

Schönen Abend wünsch ich ihnen noch.

Wedding Wonderländ

Ich hätte ja nicht geglaubt, dass ich das noch erleben darf. Vor drei Jahren stand ich mit meinen Jungs auf dem zugefrorenen Plötzensee und dachte: Gut, dass ich ihnen das noch mal zeigen konnte. Das wird es nie wieder geben. Klimawandel und so. Und jetzt? Ein Winterwunder! Der Himmel strahlt und das Eis lockt, Zäune zu übersteigen. Die Natur ist wohl doch noch für ein paar Überraschungen gut.
Die Menschen leider auch. Denn was ich dann sehe, als ich an den See komme, verdirbt mir die Winterlaune. Genau wie im Sommer wird der See zum Partymachen missbraucht. Musik wummert, die geschützen Uferböschungen werden rücksichtslos zertrampelt, das Eis aufgehackt, gerade an den Stellen wo Kinder unterwegs sind. Keine Rücksicht auf Niemand. Es gibt echt zu viele Bekloppte in Berlin.

White Wedding

Es ist kalt in Berlin-Wedding. Neun Grad Minus, aber wunderschön weiß. Es hat so viel geschneit, dass wir am Wochenende zwei Mal Schlitten fahren gehen konnten. Und heute nochmal! Die Schönheit des winterlichen Wedding ist schon an anderen Orten sehr poetisch beschrieben worden. Das muss ich nicht noch mal versuchen. Aber ich hoffe, es weiß von meiner werten LeserInnenschaft jemand zu würdigen, dass ich mir fast die Finger abgefroren habe, um diese Fotos mit euch zu teilen. (jammer).

Notlicht

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Also ick gloobe, die da beim Jobcenta in der Müllerstraße ham een an der Tanne. Schon seit Ewichkeiten darf da keener mehr rin. Und vor Weihnachten scheint ooch noch der Hausmeesta krank jeworden su sein. Uf jeden Fall macht da ahms keener mehr die Lichta aus. Dit Haus sieht aus wie een Weihnachtsbaum. Nu ist Weihnachten schon lange vorbei und die Bäume hat längst die Stadtreinijung jeholt. Aba die vom Jobcenta machen munta weita. Is ja ejal. Is ja nur unsa Jeld. Kann da nich mal jemand een Elektrika holn?

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Wo wers jerade vom Jeld ham. Dit sieht hier zwar so aus wie Las Vegas, aba dit is jerade dem Jobcenta jejenüba. Dit is da, wo die Jungs sonst ihre Stütze vazocken, die se sich vom Amt jeholt ham. Aber mit dem jroßen Jeld is da ooch vorbei. Allet dicht. Und damits keener merkt, hamse die Lichta in Treppenhaus anjelassen.

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Aba wenichstens Kaastad hat noch uff. Bis um achte ahms. Jeht ooch nich mehr lange, gloob ick. Aber der letzte macht dit Licht aus.

Schön Ahmnd noch!

Böller und Benzin

Es kracht und knallt. In meiner Nachbarschaft ist Zurückhaltung ein Fremdwort. Die Straße riecht nach Böllern und Benzin. Aber trotzdem muss ich raus. Einmal quer durch die Stadt mit zwei Flaschen Sekt zur zwei Personen-zwei Haushalte Sylvesterparty. Falls ich von diesem Trip nicht wiederkehren sollte, will ich euch schon jetzt zum Neuen Jahr die besten Wünsche senden und ein paar letzte bunte Bilder aus diesem verrückten Jahr. So schlecht war es gar nicht.

Gute Nachbarschaft

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Also die Särjge, die wern ja jetzt vaschweißt. Dit sieht ja nich jut aus, aber die wern ja sowieso vabrannt. Bisher ham wer alle, die mit Corona jeschtorm sin vabrannt.“, lässt mich meine stämmige Nachbarin aus dem Parterre wissen. Und wenn sie schon mal dabei ist, erzählt sie von den Details. Schwierig sei das mit den Angehörigen. Da passen ja jetzt nicht mer so viele in die Kapelle zur Aussegnung. Bei den Orthodoxen sei das ein Problem. Da würden die 50 Plätze nicht reichen. Da wären 200 keine Seltenheit. Da müsse auch mal die Polizei kommen. Ich lass sie reden. Reden von 40 Meter langen Wasserschläuchen, die sie schleppen muss, von Leichen, die „angeliefert“ werden und von ihren Gelenken, die nicht mehr mitmachen. Ich bin so froh, dass sie da ist. Noch vor zwei Stunden war Sie für mich die brummige Alte, die sich beschwerte, wenn die Jungs um 10 abends immer noch in meiner Wohnung rumtoben. Da stand sie einmal vor der Tür und sagte, dass sie Früh um Fünfe raus muss. Aber wach is sie eh schon umd Dreie, das hat sie mir auch schon mal erzählt. Dabei hat es ihre Kundschaft nicht eilig. Sie ist Friedhofsgärtnerin. Und sie ist ein Engel.

Als ich einzog hat mich die alte Hausmeisterswitwe aufgeklärt: Also die da, da brauchen sie nicht denken, dass sie da mit Sachen weiter kommen, die Frauen so gefallen. Die lebt nur für ihre Katzen. Und um den Garten kümmert sie sich. Aber ihren Sohn – der hat da gewohnt wo sie jetzt wohnen – da hat sie selber die Polizei geholt, als der bis in die Nacht gefeiert hat.“ Ich war also gewarnt. Über meiner alten Wohnung gab es auch so eine Frau mit dünnen Nerven. Meine Jungs nannten sie „die Frau mit der Ente“. Den Namen hatte ihr die Großmutter der Kleinen gegeben, damit die Zwillinge keine Angst mehr vor der keifenden Furie hatten, die uns mit Anrufen und nächtlichen Besuchen malträtierte, während wir ratlos vor fieberenden und hustenden Kindern standen. Irgendwann hat sie dann die fiesen Tricks rausgeholt. Abends um sieben stand plötztlich eine Streife vor unserer Tür. „Ein Bewohner des Hauses hat uns einen Verdacht auf Gefährdung des Kindswohls gemeldet. Dürfen wir mal reinkommen?“ Da war gerade eine Stunde vorher einer der Zwilinge aus dem Hochstuhl gekippt und hatte eine dicke Beule am Kopf. Rabeneltern wir. Die Beamtin schaute sich in unserer Wohnung um: Kinder-Chaos, Ein 1 Meter mal 1 fünfzig großer Kunstdruck von Ikea überm Sofa und ein bisschen was Antikes, zusammengwürfelt aus zwei Wohnungen. Modernes Neubürgertum. Für den Wedding, wo über die Hälfte der Kinder von Sozialleistungen leben, muss das ein beruhigendes Ambiente gewesen sein. Unsere Hebamme kam immer zu uns, um sich von dem Elend, was sie sonst den ganzen Tag sah, zu erholen. „Na scheint ja alles in Ordnung zu sein.“, bescheinigte uns die Staatsmacht und verabschiedete sich. Auf die Beule hatten sie gar nicht geschaut. Die Die Frau mit der Ente hat sich danach noch mit ein paar anderen Nachbarn angelegt und musste kurz nach mir ausziehen, nachdem die lauten Nächte mit meinen Zwillingen mir selber die Nerven dünn gemacht hatten.


Seither sind viele Jahre vergangen. Die Sorgenkinder von damals spielen im herbstlichen Hinterhof in milden Sonnenstrahlen. Sie haben mit ihren Taschenmessern ein paar abgebroche Äste durchgesäbelt. Das reicht ihnen, um die Wiese in einen Kampfplatz für das Schwertduell zwischen Prinz John und Robin Hood zu verwandeln. Auch der kleine Bruder darf ausnahmsweise mitmachen. Ich glaube, er ist Brother Tuck. Alles ist wunderbar, wir haben sogar noch Kuchen vom Laternenfest übrig. Alles könnte so schön sein. Aber mir fehlt eine Dosis Koffein. Elende Drogensucht. „Jungs, sage ich, ich gehe mal kurz rüber ins Cafe und hole mir einen Becher Kaffee. Bin gleich wieder da.“ Wir haben das schon oft probiert. Mal 10 Minuten weg sein, zum Einkaufen. Da hatte ich das Handy dabei und den Jungs zu Hause die Telefonnummer eingespeichert. Alles gut. Und weil das so gut lief, schaue ich gar nicht, ob ich das Handy dabei habe. Wird schon gut gehen. Mein letzter Blick fällt auf meinen Sohn, der mit der groben Klinge die Rinde von einem Stock schält. Wir ja wohl nicht gerade jetzt was passieren.
Zum Cafe sind es nur zwei Minuten. Doch vor dem Cafe ist eine Schlange. Junge Menschen mit Mundschutz. Ich hatte Corona vergessen. Und es ist Sonntagnachmittag um vier. Die Kaffee und Kuchen-Tradition scheint über die Generationen hinweg eine der letzten Bastionen der Normalität in diesem Land zu sein.
Es müssen mehr als 10 Minuten gewesen sein, als ich mit dem Kaffeebecher zurück in den Garten komme. „Da bist du ja endlich!“ rufen die Zwillnge vorwurfsvoll. „Wir sind überall rumgelaufenen und haben dich gesucht.“ Und ich sehe das Blut auf dem Anorak des Kleinen und den dicken Pflasterverband um seinen Daumen. Er ist ganz still. Dafür klagen seine Brüder: „Das hat ganz stark geblutet und wir haben im Treppenhaus nach dir gerufen. Ich bin auch in das Cafe gelaufen, aber du warst nicht da. Und dann ist die Haustür zugefallen und ich habe Sturm geklingelt…“ Gefährdung des Kindswohls, kommt es mir durch den Kopf. Ich sollte ein schlechtes Gewissen haben, hab aber keins. Ich nehme den Kleinen auf den Schoß, krame nach Bonbons in meiner Hosentasche. „Frau Lehmann ist dann rausgekommen, und hat ein Pflaster drauf gemacht.“ Obs noch weh tut, frage ich den Kleinen und er schüttelt tapfer den Kopf. Dann schaue ich mir das Pflaster an. Es sieht so aus, wie ein Pflaster, das sich eine Gärnerin um die Finger macht, wenn sie sich mal wieder geschnitten hat: Dickes Hasaplast, drei Mal gewickelt. Ich danke dem Himmel für Frau Lehmann.

„Da hamse aber Glück jehabt, dass ich da war. Ich wollt zum Geburtstag von meinem Neffen. Hab dann aber überlegt, wegen Corona.“ „Und“, frag ich, „ist es tief?“ „Nee, grinst sie, „nur een Kratzer. Aber dickes Pflaster beruhigt doch, oder?  Jetzt schau ich doch ein bisschen betröppelt. „Na“, sagt sie, „das nächsemal nich wegjehn wenn die Taschenmesser draußen sind.“ Ich bedanke mich nochmal. Und dann mache ich mit den Jungs die Fotosafari durch den Hinterhof, die ich ihnen versprochen habe.
Wolln se mal kieckn, was die Kleenen so jesehn ham?