Früher

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Wäre ich nur 500 Meter weiter gegangen, hätte ich es über die Grenze geschafft. Dort wo die Straße den Berg hoch geht – den Prenzlauer Berg. Dort, wo sich die Baristas hinter U-Boot großen Espressomaschinen verschanzen und wo die Luft erfüllt ist von diabolischem Zischen. Dort hätte ich einen Kaffee nach meinen Wünschen bekommen.

Aber ich musste ja unbedingt am wimmeligen, engen Ende der Invalidenstraße in diesen schäbigen, schmalen Laden, der sich zwischen den Nobel-Food-Läden und der Ackerhalle gehalten hatte. „Backen wie früher“ versprach er mir auf seinem Schild. Und rein optisch ging dieses Versprechen auch sofort in Erfüllung. Früher muss ja nicht ganz früher gewsen sein. Es reicht nach 30 Jahren ja die Zeit direkt vor dem Mauerfall. Ja, und so sah es hier auch aus. Eine abgeschabte Ladeneinrichtung aus wuchtigem Resopal, Stehtische mit zerlesenen Zeitschriften, Glasvitirine mit handgeschriebenen Schildern und ein Blick in eine Backstube, in der noch weiße Knetmaschinen für echten Brotteig stehen. Kein Firlefanz mit Ährenkränzen und dem Bild von wogenden Weizenfeldern. Ein Sperrholzregal mit vier Brotsorten, von denen eine „Scharfe Kruste“ heißt und Schluss.

Aber heißt „Backen wie früher“ auch Kaffee wie früher, also ganz früher? Ich wage es und bestelle einen Milchkaffee. Und weil ich nicht weiß, wie weit der Geist der Cafelatte–Enklave auf dem Berg schon bis hierher heruntergeschwappt ist sage ich vorsichtshalber „ohne Schaum“. So war das nämlich früher, schwärme ich der Verkäuferin vor, als Milchkaffee noch „Cafe au Lait“ hieß. Ganz Connaiseur schwadroniere ich von einem „Noir“ den man mit gleichen Teilen Milch auffüllen muss, natürlich heißer Milch…  Die Frau hinter dem Tresen schaut mich in ihrer Kittelschürze ungerührt an und raunzt: „Ohne Schaum kann die Maschine nich.“

„Also früher…“ hebe ich wieder an, komme aber nicht weit weil ich unwirsch von einem jüngeren Herrn im wieder modischen Halbmantel unterbrochen werde: „Früher gab’s mehr Lametta.“ Spricht’s und drängelt sich vor mit seiner Bestellung, natürlich Vollkornbrot, und lässt mich sprachlos. Depp! Das hieß doch ganz anders. „Früher war mehr Lametta“ polterte doch der preußische Opa bei Klimbimm. Aber was weiß so ein junger Schnösel schon von früher? Und für eine schmissige Antwort ist es eh zu spät. Dafür dauert es in meinem mit Erinnerungen überfüllten Gehirn zu lange.

Also wat wolln‘ se nu?, drängelt die Berliner Bäckereifachverkäuferin. „Einen Kakao, einen heißen, stammle ich perplex.  „Dit jibt’s nich“ kommt es direkt zurück. „Wir ham Kakao nur kalt, hier in Flaschen.“ „Hier, auf ihrer Tafel steht’s doch.“, raunze ich ich jetzt auch. Nach 25 Jahren in Berlin bin ich im Zurückbellen geübt. Aber ich habe es  mit einer einheimischen Fachfrau für Höflichkeit zu tun. „Könnse nich lesn?“, blafft die Herrscherin über eine jämmerliche Baumarkt-Kaffeemaschine. „Da steht heiße Schokolade. Also wat wolln‘ se nu?“

Na das garanitert nich: Mich noch mal anblaffen zu lassen, so wie früher. Mein Weg führt mich über den früheren Mauerstreifen zurück in den heutigen Wedding. Zu freundlichen Falaffel-Bäckern und gut gelaunten Youngstern.
Von früher vermisse ich nichts mehr.

Ach ja, wer mehr über Berliner Bäckereiromantik lesen will, dem empfehle ich den Roman „Schmetterlinge aus Marzipan“ von Daniela Böhle. Eine Frau kämpft sich durch die Backstube zum Glück. Gar nicht süßlich, sondern sehr handfest.

Mensur

Muss mal wieder zum Friseur. So verstrubbelt wie ich die letzte Zeit aussehe, so mit grauem Bart und mit meiner verknautschten Jacke drückt mir sonst in der U-Bahn noch jemand einen Euro in die Hand. Außerdem will ich mir heute Abend noch was Gutes tun. Der Tag war zäh und schlecht geschlafen hab ich auch. Salon Almyria hat bis um achte auf, das schaff ich noch. Es erwartet mich der finster dreinblickende Chef und sein hochgewachsener Gehilfe, der immer ein bisschen ungelenk und dümmlich in der Gegend herumsteht oder mit dem Handy spielt. Aber anscheinend ist er aufgestiegen, denn Haare muss er nicht mehr auffegen. Das übernimmt heute ein Neuer, ein Knabe mit lockigem Haar, nach dem Thomas Mann sich verschmachtet hätte.
Keiner nimmt mich wahr, keiner grüßt mich und ich setze mich verdruckst aufs Besuchersofa. Der Chef würdigt mich keines Blickes und es ist klar warum. Vor vier Wochen habe ich seinen Laden auf den Kopf gestellt, weil ich dachte, dass ich mein Hörgerät bei ihm verloren hätte. Die Dinger kosten 1300 Euro das Stück, da darf man schon mal ein bisschen unverschämt sein und unter die Frisiertische schauen, in die Scherenhalfter und unter das Schaiselong. „Is hier nicht“, vertrieb er mich endlich „hast du draußen verloren.“ Hat er wohl recht gehabt. Jetzt hab ich ein neues, hat die Kasse auf Kulanz gemacht. Habe ich aber vorsichtshalber ausgezogen, bevor ich in den Laden kam, aber der Chef ist trotzdem sauer. Und so bleibt nur der linkische Lulatsch, der mich mit einer unsicheren Geste auf seinen Stuhl winkt. Ich bin nicht gerne bei ihm, denn er redet nicht viel und selbst die „Oben Stufe 9, Seite Stufe 6“-Standardanweisung kommt bei ihm glaube ich, nicht so ganz an. Und mit Bart wird es ja noch komplizierter. Aber er schnippelt beherzt los, bis ich ihm bedeute, dass ich den Bart deutlich kürzer haben will. „Stufe?“ fragt er mürrisch und ich zucke die Schultern. Der Chef wüsste was zu tun ist und ich bin nicht zum Reden hier. Ohne weitere Fragen nimmt er sein größtes Gerät und raspelt grob an meiner Manneszier. Dann figarot er noch ein bisschen mit dem Rasiermesser in den Ecken und weil er mit seinen Anweisungen ein bisschen lahm ist, hab ich mich zu langsam gedreht und ratsch, hat er mir einen Schmiss auf die Wange produziert. Na wunderbar! Wollt ich schon immer haben. „Wie weiland Bursch zu Heidelberg.“ Als wär nix gewesen kramt er nach dem Alaunstift und ätzt ein wenig an der blutenden Stelle herum. Na wenigstens entschuldigen hätt er sich können. Aber nix. Er schweigt. Und weil ich ihn jetzt für den letzten Deppen halte, sage ich jetzt sehr deutlich, was ich von ihm will. Die Augnbrauen noch und die Ohren. Ohhh, oh, das hätt ich besser sein lassen. Den schon hat er eine Klemme mit einem dicken Wattebausch in der Hand, den er reichlich mit Rasierwasser tränkt. Er fummelt sein Feuerzeug aus der Hosentasche und schon brennt das ganze wie ein Molotowcocktail bei der letzten Intifada. Ich erstarre, er wirbelt mit der Frisörfackel um meine Ohren, es knistert und stinkt nach verbrantem Haar, aber, oh Wunder, die Ohren sind noch dran. „Feuerwerk!“ grinst er gutmütig und übergießt alles was an Haaren an mir dran geblieben ist großzügig mit Rasierwasser.
Na, insgesamt hat er alles ganz gut hingekriegt, denk ich als er mit dem Spiegel hinter meinem Kopf herumtanzt. Trinkgeld ist drin, trotz des Kratzers. Er lächelt mich freundlich an, schiebt die Kasse zu und will mir noch was Nettes mit auf den Weg geben. „K kkalt ist es heute, nn icht?“ Oh Gott, der arme Kerl stottert. Wahrscheinlich kommt er auch auf Arabisch nicht zu Wort, bei dem grantigen Chef. Na, da tut er mir jetzt schon ein bisschen leid. Aber das hätt er doch auch vorher sagen können.

Westwärts

Eigentlich wollt ich ja was ganz anderes schreiben. Aber als ich den Blog aufmache, lese ich als Erstes die epische Geschichte von Glumm über seine Fahrten per Autostopp nach Frankreich. Und die ist so gut, dass ich selber zurückrutsche in diese Zeit Ende der 70er, als ich mit Rucksack und Freund Werner durch Frankreich getrampt bin.
Werner war ein ruhiger Typ, einen Kopf kleiner als ich und der Chef unserer Amesty-Gruppe. Er lebte bei seinen Eltern, in einem Eifel-Dorf neben der A 61. Sein Vater hatte bei Eternit gerackert. Jetzt hatte er Asbestose und hustete sich zu Hause die Lunge aus dem Leib. Werner rauchte Selbstgedrehte. Er war Landvermesserlehrling, ich hatte es ein Jahr zuvor von der Realschule auf’s Gymnasium geschafft,
Wir wollten trampen und wir wollten nach Irland, wegen der Musik und so.
Mit dabei: Zwei sperrige Tragegestell-Rucksäcke, ein Fähnchen von einem Nylon-Zelt, das unter Garantie nicht einen Tropfen Regen abhalten würde und den bleischweren Schlafsack meines Vaters aus der Schlafkabine seines LKW. Mein Vater war Fernfahrer und nahm uns bis Oostende mit. Wie wir es dann bis nach Calais geschafft haben, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass wir es uns in den Kopf gesetzt hatten, genau auf den Kreidefelsen über der Stadt unser Zelt aufzubauen. Klappte aber nicht. Wir waren 17, noch nie an der See gewesen und wussten also auch nix vom Wind, der über die Klippen peift. Die Nacht brach ein, und wir hatten nix zum Schlafen. Und dann tat Werner das, was er in den kommenden Wochen immer tun würde, wenn wir nicht weiter wussten: Er drehe sich eine und rauchte. Damit strahlte er für mich so eine Ruhe aus, dass ich ganz zuversichtlich wurde. Wir haben noch in der gleichen Nacht in einem Laster den Kanal überquert.

Wenn mich vor einer Stunde jemand gefragt hätte, wie ich mich mit 17 gefühlt habe, dann hätte ich gesagt: Ich war der traurigste Mensch auf meiner Schule. Das Mädchen, das ich ich auf der ersten Fete (ja so hieß das, wie man es schreibt, nicht französisch mit Striche obendrauf) auf der neuen Schule kennen gelernt hatte, hatte einen anderen, die Bürgerkinder waren mir Realschüler in allem eine Nasenlänge voraus und nach Hause kam ich am besten, wenn meine Mutter schlief (Vatter war ja immer auf Tour) um mir nicht wieder eine Predigt wegen meiner langen Haare anzuhören.
Verdammt in alle Ewigkeit.
Ich hatte diesen Sommertripp vergessen, als wir  in England auf einer Wiese zelteten und morgens ein langhaariger Typ zu uns kam und uns zu einer Tasse Tee in sein Cottage einlud, als wir es schafften unsere riesigen Rucksäcke und unsere zwei biegsamen Leiber für 150 Meilen auf dem Rücksitz eines Minis zu verstauen, bis zum Fährhafen nach Irland (Holyhead?). Und wie wir es in Irland keine Meile voran schafften, weil Benzin gerade Mangelware oder zu teuer war und die wenigen alten Autos, die in diesem armen Land überhaupt fuhren, mit kinderreichen Familien vollgestopft waren. Auf einer nebligen Kreuzung im Nirgendwo, Werner war gerade dabei, sich wieder eine zu drehen, pickten uns zwei Deutsche mit einem großen Volvo auf und brachten uns auf’s französische Festland zurück.
Ich weiß nicht mehr, von was wir uns vorher ernährt hatten, in Frankreich auf jeden Fall führte ich eine strenge Baguette-Tomaten-Käse-Rotwein-Pflicht ein, weil ich das so typisch französisch fand. Ich drehte auf, sprach ganz passabel Französisch, weil ich auf der Realschule in meine Französischlehrerin verliebt gewesen war und beim Schüleraustausch mitgemacht hatte. Werner redete auch auf Deutsch nicht so viel und wollte auf dem schnellsten Weg nach Hause. Das Zelten hatten wir längst aufgegeben und uns auf Jugendherbergen verlegt. Irgendwo in Lothringen fanden wir in der einbrechenden Dunkelheit an einer Herbergstür statt eines Herbergsvaters einen Zettel: „Der Herbergsvater wird nicht dafür bezahlt, den ganzen Tag auf Reisende zu warten. Wer die Schlüssel für die Herberge braucht, soll bei mir vorbei kommen. Ihr findet mich im Café …“ Ich war von diesem libertären Arbeitsethos, das ich für typisch französisch hielt, begeistert. Werner war sauer, dass wir jetzt noch mal mit vollem Gepäck durch die Stadt laufen mussten. Außerdem ging es ihm auf die Nerven, dass ich jeden Menschen, den wir an den Autobahnauffahrten trafen, und der wie wir beiden eine Anti-Atomkraft-Sonne an der Jacke trug, wie einen alten Bekannten begrüßte. Für mich waren alle, die dagegen waren (Atomkraft, Aufrüstung, Berufsverbote…) meine Freunde. Werner wollte weiter.
Wir schafften es tatsächlich, bis zur letzten Autobahnraststätte an der A 61 zusammen zu bleiben. Es war Nachts und wir sprachen eine Frau mit einem schicken BMW an, die gerade tankte. Sie musterte uns beide abgerissenen Gestalten und meinte „Ich muss ja völlig verrückt sein, mitten in der Nacht, zwei Männer, aber kommt, steigt ein.“
Das letzte Stück liefen wir auf dem Seitenstreifen der Autobahn, auf dem uns die Frau absetzte, nach dem sie die ganze Fahrt nervös geschnattert hatte, denn bis zu Werners Dorf hatte sie uns dann doch nicht bringen wollen. Vielleicht rochen wir ihr zu streng. In dieser Nacht schlief ich zum ersten und letzen Mal in Werners Zimmer. Ich hörte seinen Vater husten.

 

Before, in and after the Wedding

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Kindermund

Bin mit meinen Söhnen auf dem Weg zum Fotografen. Der Fotograf, der auch alle Babybilder von ihnen gemacht hat. So Bilder, auf denen man als Paar glücklich lächelnd auf dem kuschligen Schafsfell sitzt und das Baby in die Mitte nimmt. Der Fotograf ist klug, denn er hat seinen Laden direkt neben dem Hochzeitsgeschäft. Zuerst die Hochzeitsfotos, dann die Babybilder. Normalerweise jedenfalls. Bei uns war’s ja anders. Das fällt jetzt auch einem meiner Jungs auf: „Papa, was ist eigentlich Hochzeit?“ fragt er vor dem Schaufenster mit den Rüschenkleidern. „Hochzeit ist“, erwidere ich unwillig, „wenn Mann und Frau sich sagen, dass sie immer zusammen bleiben möchten.“ Pause. „Hast du deswegen Mama nicht geheiratet, weil du wusstest , dass ihr es nicht miteinander aushaltet?“ Die Frage kommt nicht vorwurfsvoll sondern sachlich. Er versucht sich einen Reim auf das Durcheinander der letzten Jahre zu machen. Was soll ich ihm erzählen? Von all der schönen Zeit, die ihre Mutter und ich hatten, die romantischen Liebeserklärungen, die vielen Reisen, bis…na ja bis die Kinder kamen. Nicht eins, sondern gleich zwei auf einmal. Aber das würde ja heißen, dass die Kinder schuld sind. Und das, Lektion 1 für Trennungseltern, darf man den Kindern nie und niemalsnicht sagen. Haben wir einen Kurs für gemacht. Dafür hat’s nach der Trennung noch gereicht. Außerdem stimmts nicht. Ich habe mir nie vorstellen können, so wie meine Eltern, mein Leben lang mit einer Frau zusammen zu leben. Jetzt hab ich den Salat und drei Kinder und mehr. Und manchmal klappt es so auch ganz gut – so getrennt. „Hm“, antworte ich meinem Sohn, „so ungefähr.“ Mit der Antwort ist er zufrieden, ich auch.

Unter Männern

Nach solchen nervenzehrenden pädagogischen Herausforderungen suche ich manchmal die Ruhe und Stärkung durch kräftige Speisen. Der Wedding bietet ja nicht nur Restaurants aus aller Welt, sondern auch an, versteckten Ecken, noch deutsches Deftiges. Nix wie rin also. Und im „Fabea“ wird nicht nur deutsche Küche geboten, sondern auch ein deutscher Stammtisch. Vier Männer von Vierzig bis Siebzig am Samstag früh bei Bier und Kümmerling.  Ich studiere die Speisekarte, die so deutsch ist, dass sie sogar in Fraktur gesetzt wurde (übrigens immer in der falschen, aus England stammenden gotischen Typo). Drüben geht’s um Fußball. Und so sehr ich dem Koch danke für seine sublime austro-erotische Kreation 31 „Erdäpfel küssen Eier, dazu Gewürzgurke“, entscheide ich mich doch für den Klassiker „Kassler Nackenkamm mit Sauerkraut“. Am Stammtisch sind die Männer inzwischen bei der Verurteilung eines KZ-Aufsehers angelangt („Unmöglich, so was gibt es nur in Deuschland“. „Die DDR-Grenzer, die haben wirklich geschossen, die verurteilt niemand…“) Muss ja nicht stimmen, aber sie sind ja am Stammtisch, da hat jeder Recht. Und überhaupt: Schimpfen die Männer schon längst wieder über den Berliner Senat und die Grünen mit ihren Fahrradwegen, die sich wundern werden…. und so weiter. Was mich freut ist, dass keiner schreit, keiner den Platzhirsch macht,  und dass auch mal ein „kann man ja auch mal so sehen…“ dazwischen kommt. Mein Kassler ist auch schon da, ein ganzer Teller voll, ohne besondere Feinheiten, aber solide. Ich entschuldige mich bei dem armen Schwein, das für meine Gelüste sein Leben lassen musste und gehe beruhigt nach Hause, bis ich an einer Litfaßsäule hängen bleibe:

After the Wedding

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After the Wedding?

Was soll nach dem Wedding schon kommen?

Erstmal kommt der Wedding (schon seit Jahren).

Und dann kommt lange nix.

Lange

Und dann kommt Reinickendorf.

Ein Film über Reinickendorf?

Wie öde ist das denn?

Schönet Wochenende noch, wünsch ick Ihnen

Lasset die Kindlein

 

Ein grauer, regnerischer Tag in Berlin. Also schnapp ich mir den Fotoapparat und such mir was in meinem Kiez, was Buntes. Muss nicht lange laufen, um mein Thema zu finden. In so ziemlich jeden leerstehenden Laden ist in den letzten zwei-drei Jahren eine Kita eingezogen. Der Kindersegen muss enorm sein. Die Grundschule musste Container aufstellen. Während die Hipster-Cafes schon wieder pleite gehen, und der Montessoriladen seine Pforten für immer geschlossen hat (was da jetzt wohl reinkommt?) boomen die Hinterhofkitas.

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Und wenn die Sonne wieder scheint machen wir weiter mit den neuen Seniorenresidenzen und Pflegestationen, wo die Baby-Boomer meiner Generation so nach und nach versorgt werden….

Neues Füllwort, genau

Ich saß heute in einem Seminar mit lauter Dreißigjährigen. Und wenn die Youngster was können, dann präsentieren. Kommt also eine nach dem anderen nach vorn und stellt was vor. „Ich bin Maike.“ Pause „Genau.“ Ja, genau die Maike bist du, die jetzt vorne steht. Oder gibt es noch eine im Raum?, frag ich mich. „Und wir haben jetzt in unserer Session dieses Ergebnis zusammengetragen.“ Pause, Trommelwirbel!! „Genau.“ Aus dem Publikum kommt eine Frage zu ihrem Poster, und Maike antwortet: „Genau! Das ist nicht so, wie du es vermutest, sondern… Genau.“ Nach Maike kommt Golo, nach Golo Julia und nach Julia Robin. Und?  Genau! Alle fangen ihre Sätze mit dem kleinen Bestätigungswörtchen an, ohne irgend etwas bestätigen zu wollen. Wenn man heute nicht weiter weiß, wenn die Gedanken an der letzten WhatsApp hängen geblieben sind,  dann bestätigt man einfach ins Blaue hinein irgendetwas, um danach völlig ungeniert das Gegenteil zu sagen. Wo haben die das gelernt? Auf der Hertie School of Governance, die die Hälfte unserer jungen Eleven besucht haben? Oder bringen sie sich das selber bei? Oder beantwortet man heute sich seine Fragen einfach selber. „Liebst du mich?  Genau.“ Was ist mit dem doofen alten „ähhh“ geworden. Ist das zu sehr 80er? Zu viel Unsicherheit? Zu viel Boris und Barbara? Ist von der angeblich so präzisen deutschen Sprache nur das Wörtchen übriggeblieben, das Präzision verspricht? Wie würde man in England sagen? Exactly.

Erwachsen werden

In der leeren Küche steht auf dem abgewischten Tisch ein übriggebliebenes, rotes Halma-Männchen. Schwer vorzustellen, dass dieses Männlein und seine bunten Freunde noch vor ein paar Stunden der Grund für ein existenzielles Drama unter Brüdern waren. Tränen, Geschrei, Schläge, Türenknallen, Anschuldigungen, Betrug, Schmollen, Decke über den Kopf ziehen und theatralische Abgänge. Das Spiel, das gegeben wurde hieß „Mensch ärgere dich nicht“ und sowohl die Söhne als auch der Vater sind noch weit entfernt davon, den gut gemeinten Befehl des Spieleerfinders zu befolgen und Gelassenheit walten zu lassen. Es fochten Bruder gegen Bruder, Vater gegen die Söhne (in abwechselnder Folge), Söhne gegen den Vater. Es wurde an der falschen Stelle gelacht und mit Häme über das Mißgeschick des anderen nicht gespart. Wer die Szenen von außen betrachtet hätte, hätte meinen können, es ginge um das Verteilen des väterlichen Erbes oder ähnlich schicksalsbsestimmende Entscheidungen. Und irgendwie hätte er auch recht gehabt.
Dann war alles still. Von einem Augenblick auf den anderen verlor das Spiel seine Bedeutung. Das war, als ich auf die Uhr schaute und sagte: Zieht euch an, in 10 Minuten kommt Mama. In der üblichen Hektik wurden Sachen in Taschen gestopft, Socken gesucht, und die Medikamente nicht vergessen. Aber irgendwas fehlt immer.
Zurück in meiner nun ruhigen Wohnung stehen verlassene Spielautos in Ecken, liegen Vorlesebücher auf dem Bett und der Sonnenhut, der eben nicht zu finden war, findet sich in der Lego-Kiste, in die die Jungs auch ihre bewundernswerten Bauwerke versteckt haben. Bis zum nächsten Mal.
Ich werfe alles was ich finde ins Kinderzimmer und mache die Tür zu. So mache ich das jedesmal, wenn die Kinder weg sind. Es dauert immer eine Weile, bis ich den Anblick des leeren Zimmers ertrage. Das Halma-Männchen hatte ich übersehen. Und er macht mich traurig. Wie oft werde ich noch mit ihnen spielen, bis sie in ihren eigenen Spielen verschwinden, zu denen ich keinen Zugang mehr habe?
Im sonnenheißen Garten wartet noch das halb aufgeblasene Planschbecken von gestern darauf, wieder im Keller zu verschwinden und auch die Picknickdecke, die die Kinder seltsamerweise zwischen den Müllcontainern für das Abendessen aufgeschlagen hatten. Kurz überlege ich, ob ich das nasse Plastikbecken einfach in meinen Keller schmeiße, zu dem anderen Gerümpel aus meinem Leben und auch da einfach die Tür zu mache. Das Verweigern von Ordnung war schon immer meine Art, mit unangenehmem Druck umzugehen. Die Dinge mussten darunter leiden. Doch ich bin keine 16 mehr. So langsam habe ich den Unterschied zwischen elterlichem Ordnungswahn und vernüftigem Umgang mit empfindlichen Dingen gelernt. Vorsichtig drücke ich die Luft aus den dicken Wülsten, lasse die PVC-Haut eine Weile in der Sonne trocknen und wische dann mit einem Stück alten Betttuchs Sand und Wasser aus den Nähten. Es soll ja noch ein paar Sommer mit den Jungs aushalten.

 

In mein Jarten

Bäume haben ganz unterschiedliche Stimmen. Als ich die Linde gieße, sagt eine junge Frauenstimme „Danke“, als ich vor dem Ahorn stehe höre ich eine blecherene Handwerkerstimme mit mindestens zwei Bier sagen: „Find ick jut, find ick dit.“ Waren natürlich nicht die Bäume, die das sagten, waren die Leute die vorbei kamen als ich mit meinem Bollerwagen, zwei Gießkannen und einem Eimer Wasser von der Straßenpumpe um die Ecke holte und auf die Baumscheiben der Straßenbäume vor meiner Tür schüttete. Aber hätte auch von den Bäumen kommen könnnen, finde ich. Also wenn ich ein Straßenbaum wäre, würde es mir gefallen statt Hundekacke und leeren Bierflaschen auch mal einen kräftigen Schluck Wasser vor die Füße zu kriegen. Grade so bei der Hitze heute. Früher bin ich nach der Arbeit joggen gegangen, aber die Füße machen nicht mehr mit, deswegen habe ich jetzt  ein neues Hobby. Hab ich mir bei den Laubenpiepern in der „Dauerkolonie Togo“ abgeguckt. Die gehen abendes immer „gießen“. Erst den Rasen und dann im Vereinsheim sich einen auf die Lampe. Ich hab aber keinen Garten und will auch keinen. Nach hintenraus haben wir einen schönen großen Hof mit alten Bäumen und ein paar Beeten. Aber da gießt ja schon die Nachbarin aus dem Parterre. Also geh ich nach vorneraus. Sechs Bäume hab ich in meinem Abschnitt. Drei Mal Linde, drei Mal Ahorn. Die Ahörner sehen am mickrigsten aus. Grade das vor meinem Fenster. Das hat schon verschrumpelte Blätter abgeworfen. Das Grünflächenamt sagt: Ein Mal pro Woche acht Eimer pro Baum. Acht! Ich glaub, ich spinne. Acht mal sechs sind 48 Eimer. Eine Fuhre sind drei Eimer, also wieviel sind das? Mehr auf jeden Fall, als ich auf einen Abend schaffe. Also fünf müssen reichen, hab ja auch noch was anderes zu tun. Aber was mir an meinem neuen Hobby gut gefällt, ist dass ich mich so gut fühle dabei. Nicht nur wegen meinem Körper, denn ich am wuchtigen Pumpenschlägel stähle. Nein, ich schau mich um und seh die andern Leute, wie sie um ihre Autos rumspringen, sehe die Flugzeuge von Tegel starten und denke mir: Du bis ganz schön bekloppt. Eine von den blöden Blechkisten, einer von den blöden Ferienfliegern bringt die Bäume mehr in Stress, als du mit deinen ollen Wassereimern wieder gut machen kannst. Aber ich mache gerne sinnlose Sachen. Nein, ich komm jetzt nicht mit dem Apfelbäumchen. Ich stelle mir nur vor, ich komm nach Berlin und sehe da einen Mann Ende Fünfzig in kurzen Hosen kurz vor Sonnenuntergang mit einem mit bunten Blumen umrankten Bollerwagen (das ist noch der Schmuck vom Herrentagsausflug mit meinen Jungs) der mit Elan den Pumpenschwengel schwingt und das Wasser dann vor die Bäume kippt. „Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin… “ würd ich dann denken und würd hier bleiben wollen.

Heißa!

Nee, heißa wird nich. 37 Grad sind schon genug für hier in Berlin. Das Blut pulst, die Schuhe drücken. Na, mit dem Herz is ja auch nicht mehr so bei mir. Meine Kolleginnen ham schon alle die Schuhe ausgezogen und schweben wie barfüßige Göttinnen über die blaue Auslegeware. Selbst die Kollegin, die früher mal ein Kollege war überrascht heute im luftigen Sommerkleid. Na, wer’s tragen kann. Und dann die ständige Diskussion: Fensta uff oda Fensta zu? Natürlich zu! Aber sach das mal die Kollegen. Nee saren die, der Luftzuch, das erfrischt doch und so. Für dit bisschen Luftzuch lassen sie den heißen Saharawind int Haus. Verbrennt einem fast die Haut. Aba ich kann ja nich meckern.  Ich hab ja einen neuen Ventilator, und die nich. He!  Ja, so einen neuen, mit ohne Propeller. Früher hat ich so einen Kleinen runden, noch vom VEB irgendwas, wahscheinlich Typ Taigasturm. War vom Polenmarkt, aber einwandfrei. Aber da is die Haustechnik hinterher gewesen. Aufkleba druff: Bitte entsorgen. Sach ich: Wie soll ich denn denken, wennet heiß wird? Schreiben die: „Wir werden zu gegebener Zeit eine Messung durchführen.“ Affen! Sind aber tatsechlich jekommen mit so nem schwarzen Kasten, morjens halb elfe. „26 Grad“, sacht der Kollege, „reicht nich. Müssen 27 Grad sein.“ Und ich sach: „Und nu?“. „Na,“ sacht er, weil wir uns ja morjens imma nett grüßen: „Vielleicht hab ich nich richtig geguckt, waren doch 28 Grad, oder?“ Malt ne schöne Acht auf seinen Zettel und keine Woche später kommt er mit so een weißet Ding. Sieht aus wie een großet Nadelöhr, Betriebsanleitung wie ein Telefonbuch. Aber klappt! Pustet mal nach links, mal nach rechts. Reicht doch.
Un Arbeit? Bei die Hitze? Aber muss ja. Hab was geschrieben, so ohne viel Nachdenken und an die Kollegin geschickt. Schreibt sie, is jut jeworden und bedankt sich. Na, so jenau wird se wohl auch nicht geguckt ham, heute bei die Hitze. Hat ja noch nich mal een Ventilator im Büro.

Heuteahmd geh ich ins Kino. Kino International, Zombies gucken. Aber nur weil ich gelesen hab, dass das International schon seit 1963 eine Klimaanlage hat. Hoffentlich funsioniert die noch.

Schönen Tach wünsch ich Ihnen auch.

 

Kuno – Mein Freund und Helfer

Heute gibt es in meinem Blog mal was Nützliches zu lesen.

Nicht Seelenpein noch Kinderfreude, weder Hauptstadtfrust noch Altersbeschwerden. Es geht um Geld! Um Menschen, die einem helfen. Und es geht darum, dass manchmal doch alles gut wird.

Vor einigen Wochen war ich, gelinde gesagt, nicht ganz bei mir. Vielleicht war die Sonne zu hell oder die Nacht zu kurz. Auf jeden Fall passierte mir, was mir so jedes Jahr mindestens einmal passiert: Ich steckte meine EC- Karte, die jetzt Girocard heißt, in den Fahrkartenautomaten und wartete geduldig bis die BVG mit Neun-Nadeldrucker-Technik aus den 70er-Jahren fiepsend und quietschend vier Fahrkarten ausgedruckt hatte. Das ist ein altertümlicher Prozess, der mich jedes Mal so fasziniert, dass ich die Welt um mich vergesse, bis ich von der einfahrenden U-Bahn aufgeschreckt, schnell meine Karten in mein Portmonee stopfe, eine entwerte und mit letzter Hast in den letzten Wagen springe. Wieder mal Glück gehabt: Vier Karten gewonnen – und eine verloren. Denn in der Eile blieb die EC-Karte im Automaten stecken. Nichts Neues. Hatten wir schon mal, kennen wir schon. Und doch erschreckt es mich immer wieder, wenn in den leeren Schacht in meiner Brieftasche fasse, wenn ich merke, dass ich mal wieder für ein paar Minuten aus dem Raum-Zeit-Kontinuum geflogen bin. Aber es haut mich nicht mehr um.  Ich bin vorbereitet. Die Sperrnummer ist im Handy gespeichert und auch in meiner Bankfiliale bin ich gut bekannt.  Aber seit ich von einer der strengen Frauen hinter dem Schalter einmal mahnend auf meine hohe Kartenfolgenummer angesprochen wurde (es war die 20te) beantrage ich die neue Karte lieber übers Telefon. Kurze Warteschleife, nette Dame am anderen Ende. Alles paletti- sogar meine PIN darf ich behalten. Nach einer Woche liegt ein Brief meiner Bank im Briefkasten. Ich fühle mich umsorgt und wertgeschätzt. Das Leben ist schön.

Vier Wochen später kommen die Kontoauszüge und irgend jemand ist vier Wochen nach dem Verlust mit meiner Karte shoppen gewesen. Zum Glück nicht im KaDeWe, sondern bei Netto. Drei mal 50 Euro. Ich vermute Schnaps. Einzug per Lastschrift.  Es muss ein Versehen sein. Ich widerspreche den Lastschriften und denke, ich habe meine Ruhe. Zwei Wochen später dann ein Brief von einer Inkassofirma. Unverschämter Ton, unverschämte Mahngebühren, unverschämte Zahlungsfrist. Hatte ich auch schon mal. Damals brauchte ich einen Rechtsanwalt, um die Zecke wieder loszuwerden.
Wie in aller Welt konnte da einer meine Karte benutzen, wo sie doch gesperrt war?

Ich rufe bei der Bank an. Wieder eine freundliche Stimme aber eine enttäuschende Antwort: Die Sperre gilt nur für Zahlungen mit der PIN. Einkäufe mit der Unterschrift sind weiter möglich. Da müssen sie zur Polizei gehen, und ein KUNO-Verfahren einleiten. Dazu brauchen Sie – aufgemerkt liebe Leserinnen und Leser:  Die Kartennummer der verlorenen Karte, die Kartenfolgenummer und das ausgebende Kreditinstitut. Das alles kriegt man auf Anfrage von der Bank.

Und so warte ich an einem dieser dunklen und kalten Maitage nach Feierabend auf einer der harten Plastikschalen im Warteraum des Polizeiabschnitts 31 in Berlin-Mitte. Die Beamtin hinter dem Sicherheitsglas hat mir gesagt, es könne dauern. Vor mir sei eine Frau mit dem gleichen Anliegen. Und so versinke ich apathisch im funzligen Halbdunkel der altersschwachen Neonröhren, in dem jeder Wartende wirkt wie ein Darsteller in Gorkis „Nachtasyl“.  Nach einer Viertelstunde kommt ein älterer Beamter mit der aufgelösten Frau in den Vorraum. Sie ist so aufgeregt, dass sie sich total verheddert, als sie ihr Fahrrad aufschließen will. Der Beamte hilft ihr, greift sogar in die ölige Kette, um das Rad wieder flott zu machen, dann kommt er zu mir, wischt sich die Finger an einem Papiertaschentuch ab und bittet mich hinein. Und ich denke wirklich: Dein Freund und Helfer! Mit der Hand füllt er einen hundert Mal kopierten Vordruck aus und fragt mich geduldig nach meinen Daten (siehe oben). Nach einer halben Stunde habe ich eine schlechte Kopie des schlechten Vordrucks in der Hand und frage mich, warum der Beamte eigentlich einen Computer auf seinem Schreibtisch hatte. Aber er versichert mir, dass ich mit dem Zettel das Inkassounternehmen in seine Schranken weisen kann. Das ist auch höchste Zeit, denn zuhause angekommen liegt schon die zweite Mahnung im Briefkasten. Ich schreibe einen kurzen Brief (nachdem ich die hasserfüllten, beleidigenden und juristisch belehrenden Passagen gestrichen habe) und stecke die Sperrungsbestätigung der Bank und die Anzeige der Polizei in den Umschlag. Zur Sicherheit alles per Einschreiben und zur Sicherheit rufe ich noch mal bei dem Inkassounternehmen an. Ich erwarte eine von Alkohol und Zynismus raue Stimme eines grobschlächtigen Mannes mit russischem Akzent, der mich verhöhnt und mir einen Besuch seiner sportlich trainierten Freunde androht. Statt dessen wieder eine freundliche Frauenstimme, die den Eingang meiner Sperranzeige bestätigt und sich für den Anruf bedankt. Danach ist Ruhe.

Nur der Polizeipräsident von Berlin schickt mir noch einen Brief. Er bittet mich, um meine Anzeige weiter verfolgen zu können, um die Angabe folgender Daten (siehe oben). Alles wird gut.