Stadtrallye

Ist eigentlich nicht so schwer, dachte ich. Immer geradeaus, über die Ampel und dann weiter geradeaus bis zur Bibliothek. Den Weg waren wir schon ein paar Mal gegangen, auch getrennt. Und jetzt wollte ich meinen Kaffee in Ruhe austrinken und die hibbeligen Jungs wollten ihre Comics ausleihen. „Also geht schon mal vor“, sagte ich. „Ich komm mit dem Fahrrad nach.“ Ein komisches Gefühl hatte ich trotzdem, vor allem, als sie sich schon mit den ersten Schritten nach links statt nach rechts aufmachten. Egal, dachte ich, einmal auf die richtige Spur gesetzt werden sie schon weiter laufen. Es ist eine ruhige Nebenstraße und ich hätte für einen Moment meine Ruhe. Dachte ich. Aber der Kaffee schmeckte nicht mehr und so machte ich mich ein paar Minuten später hinter den jungen Wilden her. Mit dem Rad. Eigentlich hätte ich sie schon an der nächsten Kreuzung einholen müssen. Spätestens an der Ampel. Aber da waren sie nicht. Verdammt flott, die beiden, dachte ich. Dann kam ich an dem großen Wochenmarkt vorbei. Ob sie sich dort in das Getümmel gestürzt hätten, fragte ich mich. Aber eigentlich waren sie dazu zu wenig neugierig und zu ängstlich. Aber in der Bibliothek waren sie auch nicht. Auch nicht davor. Nicht in der Comics-Abteilung und nicht bei den Zeitschriften im ersten Stock, nicht bei den Romanen und nicht bei den Mangas eine Treppe höher. Auch nicht im Maker-Space, wo man sich T-Shirts bedrucken lassen kann und auch nicht auf dem Klo. Hm!

Warten im Sonnenschein vor dem schicken Neubau der Schillerbibliothek. Überall Kinder, Halbwüchsige, Trinker, bewusstlose Leute, die von Männern in gelben Westen genötigt werden, von den Bänken aufzustehen, weil das kein Schlafplatz ist. Aber meine Jungs sind nicht da. Die Bibliothekarin verleiht einem umständlichen Fusselbärtigen in Sandalen ein Lastenrad vom „Flotte Lotte e.V.“ und nein, meine Jungs habe sie nicht gesehen. Ob ich schon mal oben nachgeschaut… ? Ja, hätte ich schon. Ich lasse meine Telefonnummer da. Warum habe ich dem Großen das Handy abgenommen, bevor sie losgelaufen sind? Weil er es immer wieder schafft, die Sperre zu knacken und sein Brawl-Stars-Spiel zu zocken, oder seine Mutter damit nervt, um mehr Bildschirmzeit zu bekommen. Das wär mir jetzt egal, wenn ich dafür wüsste, wo er ist. Also die ganze Strecke noch mal zurück. Vielleicht sitzen sie ja wieder vor der Haustür. Nein, sitzen sie nicht. Auch nicht im Hof in der Hängematte und auch nicht auf dem Trepppenabsatz vor der Wohnungstür. Wo weiter suchen? Im Café, wo sie aufgebrochen sind, und wo die Rentner mich fragten, ob ich heute „Enkeltag“ hätte? Da sind sie nicht, das seh ich durch das Ladenfenster. Und fragen mag ich nicht, denn wie sieht das denn aus? Dass ich meine Jungs nicht im Griff habe? Ich frage auch nicht im Eiscafé zwei Querstraßen weiter, wo wir jedes Wochenende einkehren. Was sollen sie auch da? Sie haben ja kein Geld dabei. Oh Gott: Kein Geld, kein Handy! Hoffentlich haben sie sich wenigstens meine Adresse gemerkt. Vielleicht sind sie die Parallelstraße runter gelaufen. Da haben wir früher ja mal gewohnt, da sind sie zur Kita gegangen und da ist der Spielplatz. Aber da sind sie auch nicht. Hab ich auch nicht wirklich geglaubt. Wieder in der Bibliothek. Nein, da seien keine neuen Kinder gekommen. Wieder durch alle Stockwerke. Langsam panisch frage ich die Bibliothekarin noch mal. Was sie den angehabt hätten, fragt sie. Wie soll ich das wissen? Blaues T-Shirt, oder graues. So was in der Art. Und eine schwarze Brille bei dem Großen. Wenn ich jetzt zur Polizei ginge, würden sie direkt die Mutter anrufen, wenn ich so rumstammle. Kenn ich schon. Also noch mal die Hauptstraße zurück, bunter Flitter, heller Schein, Menschenmassen und Döner-Läden, die mich nicht mehr locken. Wo sind die Jungs? Immerhhin habe ich auf meinen ganzen Hin- und Her keinen Krankenwagen gesehen, kein Martinshorn gehört. Das ist eine Seltenheit, denn die Straße geht zur Autobahn und die Kreuzung zum Virchow-Klinikum. Also überfahren sind sie nicht. Gibt es einen organisierten Kinderhandel im Wedding? Böse Onkels, die kleine Kinder in Autos zerren? Aber warum sollten die gleich zwei wollen? Und warum meine? Aber vielleicht irrt einer schon hilflos duch die Straßenschluchten, um mir die schreckliche Nachricht zu überbringen? Wo war nochmal die Polizeidirektion? Vor der Haustür sitzen sie immer noch nicht. Wohin jetzt noch? Ich suche schon eine Stunde. Im Suchen war ich noch nie gut. Da endlich ein Anruf. Die Bibliothekarin. Ja, die Jungs seien bei Ihr. Sie habe sie angsprochen, als sie reinkamen. Es gibt noch Menschen, auf die man sich verlassen kann.

Wieder aufs Rad. Wieder die Strecke. Und endlich sehe ich sie – zwischen den Regalen, seelenruhig in ein Buch vertieft. Ich rege mich gar nicht auf. Wo sie gewesen seien, frage ich den Großen. Ach, sie wären falsch abgebogen (Ich hatte die Baustelle vergessen, die eine Umleitung in die Seitenstraße macht). Dann seien sie immer geradeaus gelaufen. Wie sich herausstellt Richtung Osten statt Richtung Süden. Als sie das gemerkt hätten, wären sie schon ganz schön weit gewesen. „Fast da wo Aaron wohnt“. Das sind etwa zwei Kilometer. Dann seien sie wieder zurück nach Hause, da sei keiner gewesen, also hätten sie im Café nachgefragt, wo die Bibliothek sei und seien losgelaufen. Aber in der Bibliothek sei ich nicht gewesen. Der Kleine sagt, er hätte von Anfang an gewusst, dass sie falsch laufen, aber er hätte seinem Bruder vertraut. Jetzt habe er Durst und wolle was zu trinken kaufen. Sie sind ganz schön stolz, dass sie das alles geschafft haben und ich bin es auch. Mit einem riesigen Stapel Comics verlassen wir die Bibliothek. Es ist ein warmer Tag, wir laufen lange, bis wir einen Getränkeladen finden. Mir wird warm – ums Herz.

Der Zaun

Eigentlich haben wir es schön. Wer hat schon in Berlin einen so großen Garten, wie ihn unser Häuserblock umschließt? Nicht so einen dämmerigen Lichtschacht wo sich Mülltonnen und Fahrräder den Platz streitig machen und ein paar mickrige Kletterpflanzen auf der Suche nach Licht nicht über den ersten Stock hochkommen. Nein, ein halbes Fußballfeld, Wiese, riesige alte Bäume, sogar einen Sandkasten für die Kinder. Doch dann wurde der halbe Block verkauft, an eine Immobiliengesellschaft, die das Brandenburger Tor im Briefkopf trägt und auf ihre hundertjährige Tradition verweist. Und dann kam der Zaun. Grün, stabil und mannshoch teilte er den Garten in der Mitte. Aber immerhin gab es noch eine Tür. Als ich einzog, war die Tür noch auf. Aber die Welten hatten sich schon getrennt. Bei uns nur deutsche Nachnamen auf dem Klingelschild auf der anderen Seite, Namen aus Tausend und einer Nacht. Auf der einen Seite sah man Frauen mit Kopftuch Wäsche aufhängen und halbwüchsige Jungs wild Fußball spielen oder apathisch abhängen. Auf unserer Seite: Leere. Ab und zu mal ein paar Nachbarn, die ihren Hund ausführten und die Gärtnerin aus dem Erdgeschoss, die sich in dem Erdstreifen unter ihrem Balkon ein üppiges Blumenparadies geschaffen hatte. Eimal flog ein Fußball über den Zaun. Dann waren sie da. Drei freche Dreikäsehoch mit lockigen schwarzen Haaren, vielleicht zehn Jahre alt, die von mir und meinen Jungs den Ball wieder haben wollten. Vielleicht, dachte ich, wären es gute Spielkameraden für meine Jungs, die damals nur halb so alt waren. Deswegen fragte ich sie nach ihrem Namen. Ich verstand sie nicht, deswegen ließ ich sie ihre Namen auf einen Zettel schreiben. Krakelige, ungelenke Buchstaben. Ein Name fing mit einem X an. Schöner Name, sagte ich. Sie prahlen mit ihren Fußballtricks. Ich ließ es auf ein Spiel ankommen. Nach fünf Minuten waren meine Jungs überrannt, nölten und wollten nicht mehr mitspielen. Als sich die drei wieder hinter ihren Zaun trollten, sagte einer: „Ich würd mir wünschen, dass mein Vater auch mal mit mit Fussball spielt.“

Ein paar Monate später war die Tür zugeschweißt. Es sei wegen dem Müll, erzählte mir die Nachbarin, die alles weiß. Die Hausverwaltungen hätten sich in die Haare gekriegt. Angeblich würde unsere Seite ihren Sperrmüll heimlich auf die andere Seite bringen, dort wo sich immer wieder ganze Zimmergarnituren neben den Mülleimern ablagerten. Blöd für uns. Denn auf der anderen Seite ist das Tor, durch das man von außen in den Garten kommt. Jetzt können die Gärtner nicht mehr mit dem Rasentraktor rein, sondern müssen einen kleinen Handrasemäher durchs Treppenhaus tragen, und statt großen Containern stehen seither kleine Mülleimer bei uns, die mehr kosten. Am Sperrmüll auf der anderen Seite hat sich nichts geändert. Vielleicht werfen ihn die unseren jetzt nachts einfach über den Zaun.

X habe ich noch ein paar mal wieder gesehen. Jedesmal leuchteten seine Augen. Stolz präsentierte er mir sein neues Fahrrad, so ein Angeberding, mit viel Chrom und vielen Speichen. Schön, sagte ich. Beim letzten Mal hat er mich nicht mehr angeschaut. Er war mit ein paar Kumpels auf der Straße. Er ist jetzt 14 oder 15. Vielleicht war es ihm peinlich, einen so alten Mann zu kennen.

Berliner Botanik

Ist eine Ärztin in meiner Leserschaft, oder wenigstens ein Botaniker? Bitte melden sie sich schnell. Es geht um Leben und Tod. Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn und im Bauch ist mir blümerant.

Frau Doktor, nach einer harten Arbeitswoche ging ich Waldbaden. Soll man jetzt ja so machen. Ich ging also nur im Park so für mich hin, nach schmackhaften Früchten stand mir der Sinn. Ich kam an einem Baum, nein eher einem Strauch vorbei, der mich mit roten Beeren lockte. Sie müssen wissen, dass ich bei den Pfadfindern war und gelernt habe, im Wald Essbares zu finden. Bucheckern, Brombeeren, Blaubeeren, kaum gesehen wandert es in meinen Mund. Sogar Sauerampfer weiß ich im Sommer zu genießen. Meine Kinder denken, ich bin ein Pferd. Aber als Pfadfinder hab ich natürlich gelernt: Iss nie etwas, was du nicht kennst. Von Pilzen lasse ich die Finger. Von Vogelbeeren auch. Aber diese roten Dinger, sehen die nicht aus wie Kirschen? Oder sehen Kirschen nicht irgendwie anders aus? So mit Zacken an den Blättern?

Und ich weiß nicht wie’s passiert ist, schon hab ich so ein Ding im Mund. Nicht schlecht, ein bisschen sauer, Kern in der Mitte. Doch eine Kirsche? Aber ist die Kirschenzeit nicht schon vorbei? Wer weiß das heutzutage noch , wo es alles zu jeder Zeit im Supermarkt gibt? Das war doch jetzt nicht schlimm, oder? Ich meine, das ist doch ein öffentlicher Park, da darf doch gar nichts Giftiges wachsen. Da passt doch einer drauf auf, schon wegen der Kinder, so von Amts wegen? So richtig glaube ich das aber nicht mehr. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass sich die Berliner Grünflächenämter in die ewigen Ferien verabschiedet haben, wenn ich so in die Botanik schaue und sehe wie alles zuwächst.

Jetzt weiß ich nicht was ich tun soll. Klatschnass bin ich, was nicht daran liegen kann dass es nach dem letzten Schauer im heißen Park dampft wie im Urwald und dass ich eine Jacke anhabe, weils ja eben noch geregnet hat. Um es kann auch nicht am Schwedenbecher liegen, den ich im Eiscafe mit extra Eierlikör bestellt habe. Ach sie wissen nicht was ein Schwedenbecher ist? Ist auch egal. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Bitte melden Sie sich schnell….

Shikedim, Shikedim

Wieder so eine Geschichte, die aufgeschrieben werden muss, die zu schade wäre, um vergessen zu werden. Gehe ich also gestern endlich mal vor die Tür, nicht so einfach um die Ecke, sondern nach Berlin-Neukölln. Das ist sozusagen das Paralleluniversum zum Wedding: Das Gleiche noch mal auf der anderen Seite der Stadt, aber mit noch mehr Dönerbuden, Handyshops und Hippster-Bars. Und es gibt den Heimathafen – eine Hinterhof-Bühne in einem prächtigen Gründerzeit-Saal, die etwas im Programm hat, was ich bei mir im Kiez vermisse: Türkischen Pop. Ernsthaft.

Als ich vor fast dreißig Jahren in Berlin ankam kriegte ich eine Kassette mit türkischen Popsongs in die Hand. Leierte ich dann von hinten nach vorn. Treibender Rhythmus, traurige Stimmen, passte zur Stadt. Tarkans „Kiss Kiss“ wurde dann später zum Hit, zumindest im „Radio Multkiulti“ vom rbb, das inzwischen eingestellt wurde, wie auch das politische Projekt gleichen Namens. De Film „Crossing the Bridge“ von Fathi Akim über die aktuelle türkische Musikszene hat mich dann nach Istanbul gebracht. Viel später kamen dann „Songs of Gastarbeiter“ und der Film „Liebe, D-Mark und Tod“, über die Musik der Gastarbeitergeneration. So, das muss man also wissen, um zu verstehen, warum ich einmal durch die Stadt gereist bin, um bei „Gasino Nights“ dabei zu sein, die mir eine Show mit deutschen und türkischen Schlagern der 90er versprachen. Vielleicht hab ich auch das, was meine Tochter FOMO nennen würde (Fear of missing out), Angst was zu verpassen, vielleicht wollte ich auch einfach mal raus und was anderes sehen. Immerhin ist es Sommer, auch wenn´s sich nicht so anfühlt.

Sitze ich also da, möglichst weit weg von der Bühne und der Band und alleine am Tisch, denn wenn ich etwas nicht mag, dann ist es von Entertainern zum Mitmachen animiert zu werden. Hat aber nix genützt. Nach ein paar netten Stücken von türkischen Interpreten wurde ein Saal-Quiz ausgerufen. Gehört anscheinend zu einem Gazino dazu. Filmmusik aus den 90ern erraten, die von der Band gespielt wird. Beim ersten kam ich noch mit (Pretty Woman) bei den weiteren verlor ich das Interesse und beim dritten merke ich plötzlich den grellen Saalscheinwerfer auf mich gedreht. Die Musik ist aus, der Saal verstummt und gefühlt alle Augen sind auf mich gerichtet. Hab ich die Hand gehoben? Ich hab doch gar nicht zugehört. Geblendet schmerzt mich das erwartungsvolle Schweigen aus ungezählten Mündern. Ich bin schuld dass der Abend versaut wird und ich bin verloren, ganz klar. Aber wir sind nicht im engen Prag Franz Kafkas, wir sind im quirligsten Teil von Berlin – der Stadt in der alles möglich ist. Und so wundert es mich gar nicht, dass so plötzlich, wie das Licht erschien, jetzt dieses Wesen neben mir auftaucht und „Palp Fickschn…“ flüstert. „Pulp Fiction!“, rufe ich in den Saal und ein Jubel erhebt sich. Eine bezaubernde Assistentin in glitzerndem Frack schwebt auf mich zu und überreicht mir, mit natürlich bezauberndem Lächeln eine Flasche Sekt. Ich bin der Gewinner des Abends! Das Licht geht aus und die Show geht weiter. We can be Heroes just for a day. Aber wir sind hier immer noch in Berlin-Neukölln. Hier gibt es nichts geschenkt. Das hätte ich wissen müssen. Hier gilt das Gesetz der Straße. Geben und Nehmen. Und besser Nehmen als Geben „Also ehrlich jesacht“, kommt es jetzt von rechts, „ist dit ja mein Schampus“. Das Wesen, das mir der Himmel geschickt hatte, war nicht in der Dunkelheit verschwunden, die mich jetzt wieder schützend umgibt. Und ich bin mir jetzt auch nicht mehr sicher, ob es wirklich vom Himmel kam. Ich hab im Dunkeln noch nie gut sehen können, aber ich vermute, dass es eine Frau ist, nicht besonders groß, Pferdeschwanz, die mich jetzt von der Seite anmacht. „Ick meine, ick hab mich neben sie jesetzt, weil wa heute Ahmd keen Jeld hatten, um uns was zu trinken ze koofen.“, kommt es mit Reibeisenstimme aus dem Off. „Und da dachten wir, ich jeh ihn ma een bisschen unta die Arme.“ „Und so ne Flasche Sekt wäre schon nett. Meine Freundin und ich sitzn da drübn am Tisch, wenn´s ihnen nix ausmacht.“ Einen Augenblick stutze ich: Geht das nicht eigentlich umgekehrt? Zuerst setzt sich die Animierdame an den Tisch und dann bestellt der Gast den Sekt? Aber da hat mein resoluter guter Geist schon drei Gläser besorgt, mich an den Tisch gelotst und ihre Freundin vorgestellt. Höchste Zeit die Bremse zu ziehen. „Ich trinke gar keinen Sekt.“, sag ich sauertöpfisch. “ Echt nich? Was trinken se denn? „Bier ist mir lieber“. Na wissene se wat, dann koof ick ihnen een Bier. Zu dritt is so ne Flasche eh n bisschen klein.“ Sagt’s und kommt mit einem Glas Frischgezapftem wieder. Doch ein guter Geist. Und was soll ich sagen? Es wurde noch ein richtig netter Abend. Natürlich kriege ich von den beiden beschwippsten Freundinnen mal im Duett, mal im Wechselgesang wie es nur beste Freundinnen hinbekommen, bald das ganze Leben meiner Wohltäterin erzählt, die, wie alle in Berlin, irgendwas mit Kunst, Selbsterfahrung und langen Reisen gemacht hatte. Ich weiß zwar nicht mehr genau, warum wir dann später am Tisch der Frauengruppe aus Marzahn landeten, aber ich weiß noch ganz genau, dass die türkische Trans-Frau, die als Höhepunkt der Show auftrat, das schönste Lächeln hatte und den besten Bauchtanz hinlegte, den ich je gesehen habe.

Herbei, herbei zum 1. Mai!

Ja, ja, überall regt es sich in Berlin. Aus allen Ecken bricht etwas Lebendiges hervor. Wohin man auch schaut. Ich brauche deshalb heute nicht zu einer 1. Mai-Demo gehen, um mir Menschen mit bunten Transparenten anzuschauen. Die Revolution findet auf meinem Balkon statt. Vor zwei Wochen habe ich in einem Buch ein Tütchen mit Sonnenblumensamen gefunden. Ich verstecke gerne Erinnerungsstücke als Lesezeichen in Büchern. Muss schon sechs Jahre alt sein. Ein Werbegeschenk des „Sunflower Backpacker Hostels“ am Bahnhof von Pisa. War mit dem Motorrad da. Lange her. Eigentlich zu alt für Samen. Da ist bestimmt alles tot. Aber versucht habe ich es trotzdem. Schön verteilt auf drei kleine Tontöpfe, in denen ich in den vergangenen Jahren immer mal Blumensamen mit meinen Jungs vorgezogen habe, damit sie erleben, wie neues Leben entsteht. Und was soll ich sagen? Vor meinem Fenster stehen jetzt zwei grüne Sprösslinge, schief wie der schiefe Turm von Pisa. Recordi di Italia, oder so ähnlich. Ich habe einen alten Bleistift als Stütze reingesteckt, damit sie auch „zum Lichte empor“ wachsen. So viel Revolutionsromantik muss am ersten Mai sein. Im dritten Topf tat sich lange nichts. Dann habe ich noch Ringelblumensamen vom letzten Jahr dazu gemischt. Das hat dem müden Sonnenblumenkern anscheinend einen Kick gegeben. Jetzt wächst beides in einem Topf. Das wird wahrscheinlich wieder Streit unter den Brüdern geben, denn jeder Topf ist mit bunten Glitzersteinen markiert. Und die, die nur eine Sonnenblume im Topf haben werden sich natürlich beschweren, dass ihr Bruder mehr in seinem Topf hat. Wenn es sie überhaupt noch interessiert.
Ich bin noch weit entfernt von einer grünen Revolution im Privaten, aber es bewegt sich was, das mich gleichzeitig beruhigt. Und ich hoffe, bei euch ist das auch so. Ich werd heute Abend mal meine Tochter anrufen, wie es in Neukölln war. Aber wahrscheinlich war sie nicht auf der Demo, sondern im siebten Himmel. Frühling halt.

Es geht weiter

Schon oft habe ich mir auf diesem Blog Sorgen um ihn gemacht, dachte, er wäre ein Opfer der Klimakrise geworden und habe ihm sogar ein aufmunterndes Gedicht auf den Weg gegeben. Es sah wirklich schlecht für ihn aus, von draußen: die Farbe abgeblättert, die Auslage verstaubt und dann war auch noch auf einmal ein Ladenfenster leer geräumt. Aber man soll sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen lassen. Und vor allem: Man soll nicht immer das Schlimmste denken. Und überhaupt: Wenn du denkst, es geht nicht mehr… Genau. Und so ist es auch hier ganz anders als befürchtet. Weder sind böse Kapitalisten im Spiel, noch wollen Hippster die Bude übernehmen. Es geht einfach weiter mit dem alten Laden, dem Laden mit den Madenautomaten, der so was wie ein Markenzeichen des Wedding geworden ist, und der bürgerlich „Angelhaus Koss“ heißt. Der Laden, an dem ich morgens immer auf dem Weg zur Arbeit vorbei komme. Und jetzt habe ich mich sogar getraut mal rein zu gehen und für unser Kiez-Magazin zu fragen, wies denn geht, und so. Und so einiges mehr. Und dabei habe ich viel darüber erfahren, dass Angler ganz anders sind als man denkt, dass das Internet nicht alle kleinen Läden kaputt macht und ich habe seit langem mal wieder einen sehr entspannten Menschen kennen gelernt: Alexander, den Mann hinter dem Madenautomaten. Der Herr der Fliegen, sozusagen.

Wird es weitergehen mit dem Angelhaus?

Ja, es wird weitergehen. Wir mussten einen Teil des Ladens räumen, weil das Haus grundsaniert werden muss. Es steht auf einer „Torfblase“. Das Gebiet wurde früher zum Torfstechen genutzt. Zuerst dachte man, dass das Haus komplett geräumt werden muss, aber jetzt könnten wir theoretisch wieder zurück in den alten Laden. Aber wir haben uns dafür entschieden, den Teil unseres Geschäftes, den für die Wetterkleidung, zu räumen und zu renovieren. Jetzt ziehen wir langsam hier rüber. Bis wir fertig sind, wird es noch eine Weile dauern. Aber wir werden wieder unser volles Sortiment anbieten: Angelgeräte, Wetterkleidung und Pokale.

Für einen leerstehenden Laden in der begehrten Gegend gibt es wahrscheinlich viele Interessenten.

Bei uns hat jeden Tag jemand nachgefragt, ob er den Laden haben kann. Ich habe auch nichts gegen die Veränderung im Kiez. Es gibt hier einen guten Zusammenhalt und man hilft sich untereinander.

Gibt es denn noch genug Kundschaft für einen so speziellen Laden?

Wir sind einer der wenigen Angelläden in Berlin, die noch durchhalten. Viele sind schon weggestorben oder haben aufgegeben. Unsere Kunden kommen aus ganz Berlin und Brandenburg.  Der Beratung wegen. Aber auch, weil man eine Angelrute oder eine Spule in der Hand gehabt haben muss, bevor man sie kauft. Und wir sind sehr bekannt in Anglerkreisen in Ost- und Westberlin. Als die Mauer aufging, wussten die Angler aus dem Osten genau, wo sie hingehen mussten.

Wandern nicht immer mehr Kunden ins Internet ab?

Wahrscheinlich. Aber wir kriegen auch junge, neue Kunden, die sich YouTube-Videos angeschaut haben und dann genau die eine High-Tech-Rute haben wollen, die sie im Internet gesehen haben. Mit einem Stock, einer Schnur und einem Korken, wie wir damals angefangen haben, fängt heute keiner mehr an. Alle wollen Raubfische angeln und an verschiedenen Plätzen angeln. Mir ist das recht. Wenn die Youngster 300 Euro für eine Rute anlegen wollen, können Sie die bei mir bekommen. Aber wir haben auch günstigere Angebote.
Einen echte Veränderung haben auch die Wetter-Apps gebracht. Wenn die Kunden sehen, dass es am Wochenende regnet, bleiben sie zu Hause.

Gibt es denn auch noch die schweigsamen älteren Männer, die sich alleine an den Kanal stellen – das alte Angler-Klischee?

Zum Angeln muss man nich Schweigen. Das ist ein Gerücht. Aber ja, es sind meistens Männer, die angeln. Durch alle Schichten hindurch. Arbeitslose, Sportler oder Ärzte. Aber es werden auch immer mehr Frauen. Gerade in der Coronazeit sind mehr Frauen gekommen. Die meisten angeln aber mit Ihrem Partner.

Kann man in Berlin überhaupt noch angeln?

 Es wird einem schon schwer gemacht. Man muss eine Prüfung ablegen, um einen Fischereischein zu bekommen und braucht eine Angelkarte von dem Pächter des jeweiligen Gewässers. Für den Plötzensee werden seit vergangenem Jahr keine Angelkarten mehr ausgegeben. Man kann sich natürlich auch an das Ufer des Nordhafens stellen. Das mache ich auch manchmal. Aber wenn es Starkregen gibt, sterben die Fische in den Kanälen oft massenhaft, wegen der Abwässer, die in die Kanäle abfließen, wie neulich im Landwehrkanal. Dann ist der Kanal voll mit toten Fischen. Und in Brandenburg ist es im Sommer an den Seen schwer noch ein ruhiges Plätzchen zu finden, wegen der Badetouristen. Da kann man sich dann nur noch mit einem Boot weiter helfen. Angler haben eben keine gute Lobby.

Sie sind jetzt 63 Jahre alt. Wie lange werden Sie weiter machen?

Weiß nicht. Ich weiß nur: Wenn ich hier aufhöre, bin ich in einem Jahr tot. 

Und den Madenautomaten, wird es den auch weiter geben?

Ja, er klemmt nur immer öfter, weil irgendwelche Leute Plastikscheiben oder Sonstwas in den Münzschlitz stecken. Und wir füllen ihn nur noch am Wochenende. Die Maden leben ja. Und bei der großen Hitze verpuppen sie sich schneller. Dann haben sie statt Köder irgendwann ganz normale Stubenfliegen in der Schachtel. Das sind oft ganz dicke Brummer.

Das Wort zur Wurst

Mit meinem Sohn sitze ich in der S-Bahn. Ich hab ihn bei seiner Mutter abgeholt und wir fahren zu mir. Es hat gedauert, bis wir losgekommen sind. Erst kam keiner aus dem Bett, dann warf der Jüngste seinen Ball auf die Hecke des Nachbarn und wir mussten die Leiter holen, um ihn wieder zu finden, und dann mussten wir kurz vor dem Bahnhof umdrehen, weil ich bei dem ganzen Durcheinander mein Handy und er seine Fahrkarte vergessen hatte. Jetzt ist Sammstagmittag und wir sind fast da. Mir ist flau. Die Woche war grauenhaft, die Nacht kurz. Eigentlich gehen wir wenn die Jungs zu mir kommen immer zum Döner, damit sie mal was Ordentliches zu Essen bekommen, nach all dem gesunden Zeug bei ihrer Mutter. Aber einen Döner schaff ich heute nicht. Aber Currywurst geht immer. „Magst du ne Currywurst?“, frage ich den Zwölfjährigen. „Kenn ich nicht, Currywurst. Was is n das?“, antwortet das große Kind. Heiliger Vater! Gesternabend noch hat mir mein Sohn eine Urkunde präsentiert: Bester im Wissenswettbewerb Heureka, und jetzt das! Was lernen die denn in der Schule in Brandenburg? Dass sie Sonne um 12 Uhr im Süden steht musste ich ihm auch erklären (Er hatte schon die Kompass-App angetippt). Wenn die mal in die große Stadt kommen, sind sie völlig aufgeschmissen. „Currywurst ist das, was die Leute gegessen haben, bevor es Döner gab.“, definiere ich aus dem Stehgreif. „Willste mal probieren? Wir sind gleich in Gesundbrunnen, da gibt es die beste Currywurst vom Wedding.“ Zum Glück habe ich den kulinarisch experimentierfreudigeren meiner Söhne dabei und wir steigen unterwegs aus, irren durch den riesigen Umsteigebahnhof (heute geht nichts einfach) über den zugigen Bahnhofsvorplatz zur „Currybaude“. Doch was ist das? Die Bude hat doch immer auf, Tag und Nacht, Sonn- wie Feiertags. Aber nicht heute. An herunter gelassenen Rollos klebt der Zettel „Urlaub bis 22. Februar“. Gibt`s sowas? Urlaub für eine Currybude? In Berlin? Die treue Kundschaft wollte es wohl auch nicht glauben, und hat einen Zettel daneben geklebt:

Aber hilft ja nix. Jetzt muss ich mein Versprechen halten. Döner wär einfacher, denn richtige Curry-Buden gibt es wirklich nicht mehr so viele. Man kann natürlich auch eine Currywurst in einer Döner-Bude bekommen. Aber davon rate ich ab. Da bruzzeln die Würste nicht liebevoll auf der Platte, sondern werden ahnungslos in die Fritteuse geworfen und saugen sich mit Fett voll. Tödlich. Zum Glück hat vor einem Jahr in der Müllerstraße eine neue Bude aufgemacht. Die „Curry-Keule“ wird von den Söhnen des Kroaten betrieben, der sein jugoslawisches Restaurant ein paar hundert Meter stadtauswärts aufgegeben hat. Da ist jetzt ein Vietnamese drin. Und da wo die Curry-Keule jetzt ist, war vorher ein christlicher Buchladen. Es tut sich was im Viertel. Der Keulen-Wirt begrüßt uns herzlich in seiner kleinen warmen Stube, die gerade leer ist. „Zwei Mal Curry mit Darm und Pommes für hier.“, erwidere ich seinen Gruß. „Und ne Molle für den Großvater von dem Kleenen?“, macht der Mann sich bei mir unbeliebt. Seh ich so schlecht aus? Heute ist echt nicht mein Tag. Mein Sohn sitzt schon erwartungsfroh am Tisch und schaut hypnotisiert auf den Bildschirm, der unter der Kneipendecke hängt. Noch nicht mal den Schal hat er ausgezogen. Aus den Augenwinkeln seh ich, wie der Wurstmaxe zwei kalte Würstchen vom Bratblech nimmt und in die Fritteuse wirft. Eigentlich wäre das ein Grund zu gehen. Aber das war ja mal ein Raum, in dem das Wort Christi verkündet wurde. Und hat mir nicht einer meiner Jungs vor Weihnachten angewidert „dieses komische Buch“ geschenkt? Eine Schulbibel, die er von der Religionslehrerin geschenkt bekommen hat. Und habe ich nicht die ganzen Rauhnächte darin herumgestöbert? Und so spricht der HERR zu mir in meiner Not: „Wenn wir Bedenken haben, davon zu essen, sind wir vor Gott nicht weniger wert; und wenn wir davon essen, sind wir vor Gott nicht mehr wert.“ (1. Korinther 8, 7). Also sind wir geblieben. War gar nicht so schlecht, sagt mein Sohn. Und ich hab mein Bier dazu getrunken, mich danach erstmal eine Stunde aufs Bett gelegt und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Trostpflaster

Wenn der Himmel grau ist und der Regen beständig nieselt, wenn die Wege, die du gehst die gleichen sind, die du schon seit Jahren läufst, dann ist es Zeit mal genauer hinzuschauen.
Ist das, was du jeden Tag mit Füßen trittst nicht ein wahres Wunderwerk? Ist das Grau, das sich auf den Straßen deines Viertels breit macht nicht ein Gemisch aus tausend Farben, ein Mosaik aus eitel Edelstein? Millionen Jahre sind die „Großsteine“, „Katzenköpfe“ oder „Kopfsteine“ vor deiner Haustüre alt. Sie waren das Blut der Erde, ihre brodelnde Glut , sind gestocktes Magma aus dem Erdinneren und jetzt steinhart und unverrückbar: blauschwarzer Basalt, rot gemusterter Prophyr, roter und grauer Granit und die Grauwacke verrät ihre Farbe selber. Ihre wilden Zeiten sind vorbei, und doch sind sie bunt und schön. Das solltest du dir zum Vorbild nehmen. Seit mehr als 100 Jahren sind sie in Berlin, liegen da, ohne sich zu beklagen. „Am Grunde der Moldau wandern die Steine…“ heißt es bei Berthold Brecht. Die Berliner Steine sind nur einmal gewandert: Vom schlesischen Steinbruch bis nach Berlin. Seither trampeln wir über sie hinweg, und sie bleiben liegen. „Das Große bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine…“ geht es bei Brecht weiter. Das stimmt. Auch die großen Steine gehen kaputt, wenn Bomben drauf fallen, oder Panzer darüber rollten, oder wenn sie rausgerissen werden, damit Räder schneller rollen können. Aber dann macht man kleine draus und setzt sie in das Pflaster der Gehwege, das typische Berliner Mosaik und wenn sie auch da auseinnander gehen, werden sie mit Beton vermischt und die gleiche Farbenvielfalt taucht in den Gehwehgplatten wieder auf. Sie sind nicht unter zu kriegen.

Was können wir also von dem Kopfsteinpflaster lernen? Das Liegenbleiben, das geduldig Sein und dass man die schönsten Sachen sehen kann, auch wenn man den Kopf hängen lässt.

Und noch etwas können uns die Steine lehren: Auch wenn nicht mehr das alte Feuer in einem kocht. Für einen Tanz auf dem Vulkan reicht es allemal (Unter Berlin gibt es tatsächlich unter all dem Dreck und Sand und Eiszeitgeröll einen erloschenen Vulkan, wer hät‘s gedacht?). Also bin ich in die U-Bahn gestiegen und tanzen gegangen. Tut auch gut gegen den Winterblues.

Ludmilla Seefried-Matejkowa „Tanz auf dem Vulkan“ Nettelbeckplatz, Berlin-Wedding Material: Grauer und roter Granit; Foto: Wikipedia CC-BY-4.0

Bitte halten Sie sich fest…

…während der Fahrt – fordert mich die Stimme im BVG-Bus nach jeder Haltestelle auf. „Please hold on tight during the ride“ säuselt die Trans-Frau, die bei den Berliner Verkehrsgesellschaft seit ein paar Jahren die Ansagen spricht, verführerisch in hauptstädtisch überperfektem Englisch hinterher. „Hold on tight to your dreams“ war ein ELO-Hit in meiner Jugend. Die Träume sind vorbei. Jetzt bin ich da, wo ich nie geträumt hätte hinzukommen. In Berlin. Hier gibt es eine Trans-Frau als Ansagerin und jede Menge Verrückte, aber auch Straßen so schlecht, Busse so alt mit einer Federung so hart, dass man von jedem Gullydeckel umgeworfen wird, über den der Bus rumpelt. Dit is Berlin. Und überhaupt: Hab ich je davon geträumt Samstagmorgen um halb acht im 125er vom Kutschi nach Frohnau zu fahren? „Nee! Nee! Nee!“, schrien Ton Steine Scherben in „Mensch Meyer“. Die sangen vom Fahrgastaufstand im „29er, kurz vor Halensee“. Da wollt ich dabei sein, oder gleich ins Georg von Rauch Haus im Bethanien. Aber den 29er gibt’s nicht mehr und im Bethanien spuken die Gespenster. Und jetzt ich, im Omnibus! Seit meinen qualvollen Zeiten als braver Fahrschüler unter lauter Rabauken auf der Rückbank des Schulbusses, betrete ich Busse nur noch, wenn ich nicht anders wegkomme. Und pünktlich sind sie in Berlin sowieso nie weil sie im Stau stecken und wenn die Fahrt in Richtung Brandenburg geht, glaube ich sowieso nicht, dass da irgendein Bus fährt. Und wenn, dann ist er gerade weg und der nächste kommt in zwei Stunden…. Heute klappt aber alles. Trotz S-Bahn-Streik. Nach zwei Stunden, geruckelt nicht gefahren, komme ich vor der Schule im Speckgürtel an, die ab Sommer die neue meiner Zwillinge sein soll. Tag der offenen Tür. Helle, neue Räume, selbstgebackene Waffeln und Zwillings-Mädchen mit Zahnspangen und weißen Kitteln, die stolz ein seziertes Schweineherz präsentieren. Kleine Französischlehrerinnen mit roter Baskenmütze, die Bilder aus Bergerac zeigen. Meine Söhne landen beim klobigen IT-Lehrer, der Flugsimulatoren mit Kampfjets präsentiert. „Sollen wir in der Schule Fertigkeiten lernen, die auch für unsere Landesverteidigung nützlich sind?“ ist ein Panel in der Aula. In der Eingangshalle kann man Golf lernen. Sind das die Perspektiven für meine Jungs? Es ist das begehrteste Gymnasium weit und breit. Deshalb fahren wir auch noch weiter nach Oranienburg. Auch hell, auch modern, keine Waffeln, dafür Pizza und wieder eine kleine Französischlehrerin, die einen Schnupperkurs anbietet. Der Biologielehrer lässt ein Schweinehirn sezieren. Meine Jungs sind orientierungslos und haben die Nase voll. Unsere Nachbarn sagen, dass sie gleich noch auf die antifaschistische Demo gehen wollen. Hui! Hätte ich gar nicht gedacht. Ich dachte, die sind in der FDP. Oranienburg ist eine Stadt mit einer KZ-Gedenkstätte, aber eben auch Brandenburg. Aber es kommen immerhin so tausend Leute auf den Zug vom Bahnhof über die Hauptstraße zum Schloss. Die Genossen der SPD lassen die Fahne mit den drei Pfeilen wehen. Ich erinnere mich an meinen linken Sozialkundelehrer: „Die Eiserne Front“, das letzte Bündnis der Demokraten, um Hitler zu verhinderten. Die SPD hat halt nichts mehr, außer ihrer Tradition. Wir kommen nicht bis zum Kundgebungsplatz vor dem Schloss, wo die roten Fahnen wehen. Einem meiner Söhne reicht’s. Seit wir losgegangen sind, quengelt er rum, dass er nach Hause will. Klar, zwei mal Zukunft an einem Tag, und dann eine Belehrung vom Vater über die dunkle Vergangenheit ist ein bisschen viel. Als wir zu ihm nach Hause kommen repariere ich noch schnell das Fahrrad, dann muss ich los. Bei den Jungs kann ich keinen Frieden mehr stiften. Der letzte Bus geht heute um kurz vor Fünf. Nächstes Wochenende fährt die S-Bahn wieder, aber dann streikt die BVG.

Was sonst noch so passiert ist

Vorgestern wars kalt, heute ist es nicht mehr so kalt. Das ist etwas, was ich mit Gewissheit sagen kann. Vorgestern war es sogar sehr kalt. Da saß ich mit meinen Jungs zum ersten Mal im Berliner Olympiastadion und wir schauten uns eine Trauerfeier an. Danach gab es ein Fußballspiel. Und der Westwind blies durch das Marathontor. Warum haben die Nazis da eine Lücke in dem schönen Oval gelassen? Wo doch in Berlin immer Westwind ist? Oder meistens. Auch im Winter. Wenn nicht gerade arktische Winde vom Nordpol kommen. Weil ihnen die Menschen schon immer egal waren. 42 000 saßen im Olympiastadion und froren -wegen den Nazis. Und noch ein paar 10 000 froren am Brandenburger Tor, auch wegen der Nazis. Die auf der Straße haben protestiert, die im Stadion haben geweint. Gestandene Männer schluchzten, weil ihr Präsi gestorben war. Einfach so, mit 43. Bernstein hieß er, aber nicht Leonhard sondern Kay. Deswegen wurde auch nicht gegeigt sondern gesungen: „Nur nach Hause gehen wir nicht“ auf die Melodie von „Sailing“. Rod Steward hätts auch nicht besser hingekriegt. Und kalt wars, sagte ich schon, zugig, aber warm ums Herz wurde es einem, nicht nur weil meine Jungs so begeistert waren, von allem, was sie sahen, sondern wegen der Leute. Leute, die man sonst nur schweigend und geduckt in der U-Bahn trifft, sangen, aufrecht. Und statt Kerzen gab es ein einsames Bengalo. Stilvoll. Lauter sympathische Leute da, sogar die Gegner aus Düsseldorf haben mitgeheult. Hätten auch alle am Brandenburger Tor stehen können, standen aber in der Ostkurve. Und dann ist das Spiel 2:2 ausgegangen. Das war fair. Fair ist ein schönes Wort. Hört man selten in letzter Zeit. Fair ist, wenn man sich streitet, und dabei weiß, dass der andere anders ist, aber auch Respekt verdient. Und wenn man sich an die Regeln hält.
Und deshalb sind auch alle ordentlich zurück gegangen aus dem Stadion in die S-Bahn. Und die S-Bahn hatte Sonderzüge, damit alle schnell weg kamen. Und keiner hat gerempelt und mein Jüngster hat auf dem Weg zur Bahn zwischen all den Bratwurstständen noch einen Schalverkäufer gesehen. Und dann wollte er unbedingt einen Schal. Keinen blau-weißen von Hertha, sondern einen rot-weißen vom FC Bayern München. Da habe ich mich kurz gefragt, von wem er das hat. Aber seine Mutter, die natürlich auch mitgekommen war, obwohl ich gesagt hatte, dass Fussball Männersache sei, und die an alles gedacht hatte, nur nicht an ein Taschntuch für ihre laufende Nase, hat ein gutes Wort für ihn eingelegt und gesagt, dass das nur so eine Phase sei. Und dann hat er hat ihn gekriegt, den Schal, hat ihn aber gleich weggesteckt, weil das wollten wir dann doch nicht riskieren, in einem Zug voller Hertha-Fans einen Bayern-Schal anziehen. Man weiß ja nie, wie die so drauf sind.